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Full text of "Geschichte Der Stadt Bologna Von 1116 1280"

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UNIVERSITY OF MICHIGAN 



HISTORISCHE STUDIEN 



Geschichte 

< . 

der 

Stadt Bologna 


von 1116 bis 1280 . 


Von 


Alfred Hessel 

HEFT LXXVI 


BERLIN 1910 


Nachdruck mit Genehmigung vom 
Matthiesen Verlag, Lübeck 


KRAUS REPRINT LTD. 
Vaduz 
1965 




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HISTORISCHE STUDIEN 


VEBÖFKBNTL1CHT 


VON 


E. EBERING 

DU PHI L. 


HEFT LXXVI 

QESCHICHTE DBB STADT DO LOG NA VON 1116 BIS 1290. 
VON ALFBBD UBSSEL. 




BERLIN 1910 


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Original fro-m 

UNIVERSÖT OF MICHIGAN 



Geschichte 


der 

Stadt Bologna 


von 1116 bis 1280 . 

Von 


Alfred Hessel 


Berlin 1910 


Nachdruck mit Genehmigung vom 
Matthiesen Verlag, Lübeck 


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KRAUS REPRINT LTD. 

Vaduz 

1965 

Original from 

UNIVERS1TY OF MICHIGAN 



Rcprinted from a eopy in the collcctions of 
The New York Public Library 


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Printed in 


the United States of America 


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Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



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Herrn Dr. Walter £enel 

zugerignct. 


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Vorbemerkung. 

Der Arbeit, von der ich jetzt nach mehrjährigen Studien 
Abschied nehme, sei nur ein kurzes Geleitwort gegeben. 

Es lag nicht in meiner Absicht, eine Lokalhistorie zu 
schreiben, die jede Einzelheit mit peinlicher Genauigkeit ver¬ 
zeichnet; ich wollte ein in sich geschlossenes Gesamtbild 
der Bologneser Stadtgeschichte entwerfen, in dem die wich¬ 
tigen Wandlungen der äußeren und inneren Verhältnisse und 
die zur allgemeinen Geschichte Italiens hinüberführenden 
Verbindungslinien möglichst deutlich hervortreten. Bei der 
Materialsammlung habe ich mir keinerlei Beschränkung auf¬ 
erlegt. Auch bin ich bemüht gewesen, überall auf die origi¬ 
nalen Zeugnisse zurückzugehen, die mangelhaften Drucke 
nach ihren handschriftlichen Vorlagen zu verbessern 1 und die 
Lücken der Ueberlieferung aus noch unveröffentlichten 
Quellen zu ergänzen. Zu diesem Zwecke besuchte ich — um 
nur die hauptsächlichsten Orte zu nennen — die Archive 
und Bibliotheken von Bologna, Imola, Faenza, Ravenna, 
Venedig, Ferrara, Modena, Reggio, Pistoja und Florenz. 

Meine Forschungen erleichterte wesentlich die liebens¬ 
würdige Aufnahme, die ich überall bei den italienischen 
Beamten fand, dazu die Hilfe, die mir das Preußische Histo¬ 
rische Institut in Rom zuteil werden ließ. Aller derer, die 
mich so bereitwillig unterstützt haben, gedenke ich heute in 
aufrichtiger Dankbarkeit. Mein besonderer Dank gebührt 
den Bologneser Herren, Archivdirektor Livi, Archivar Orioli, 


1. In allen diesen Fillen habe ich in der Anmerkung die 
handschriftliche Vorlage neben dem Druck zitiert. 


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- VIII — 

Bibliothekar Frati, Professor Gaudenzi und Freund Sorbelli. 
Ihre dem Fremden gebotene Gastfreundschaft hat es mit* 
bewirkt, daß die in Bologna verbrachte Studienzeit mir immer 
in angenehmer Erinnerung bleiben wird. 

Auch in der Heimat konnten sich meine Arbeiten viel¬ 
seitiger Förderung erfreuen. Ausdrücklich erwähnen möchte 
ich Herrn Geheimrat Holder-Egger, dessen Hilfe ich mehr¬ 
fach in Anspruch nehmen durfte, und Herrn Professor 
Breßlau, der mich durch gütige Ratschläge verpflichtete, 
mir auch, damals noch seinem Mitarbeiter bei den Mon. 
Germ, hist., einen zweimaligen Urlaub für meine Studien¬ 
reisen gewährte. Vor allem aber drängt es mich zu betonen, 
wieviel mein Buch Herrn Dr. Lenel schuldig ist. Erst in regem 
Gedankenaustausch mit ihm fand ich die Gesichtspunkte, 
nach denen das zusammengetragene Material zu ordnen war, 
und mit stets gleichem Interesse hat er die Ausarbeitung 
begleitet. 

Die beigegebene Karte ist von Herrn A. Siebert mit 
Hilfe der Carta del Regno d’Italia, Scala 1—75 000, und der 
Carta del Distretto Bolognese in Sorbellis La Signoria di 
Giov. Visconti a Bologna hergestellt. Sie sowie das aus¬ 
führliche Inhaltsverzeichnis und das Namenregister werden, 
hoffe ich, die Benutzung des Buches erleichtern. 


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Inhaltsübersicht. 


Einleitung 1. 

Geographische Lage Bolognas 1. Bodenkultur 1. Valli 2. 
Flüsse 3. Straßen 5. Nachbarstädte 5. Gebietsumfang 6. 
Ducat von Persiceta 7. Stadtbild 8. 

Geschichte der Romagna: Griechischer Exarchat von Ravenna 
10. Langobardische Eroberung 10. Eingreifen der Franken 11. 
Kaiser und Papst 11. Regnum Italimm u. Exarchat 12. Herzoge 
von Bologna 13. Uebergewicht des Kaisers 13. Vordringen des 
Papsttums unter Nikolaus I. 14. Gegensatz zwischen Rom und 
Ravenna 15. Bologneser Schisma 16. Verfall der päpstlichen 
Herrschaft 17. Vordringen der königlichen Autorität 18. Grafen 
von Bologna 19. Herrschaft der sächsischen Kaiser 19. Ihre 
Beziehungen zu den Erzbischöfen von Ravenna 21. Erzbischöfe 
Herren des Exarchats 22. Ihre Machtbeschränkung unter den 
Saliern 23. Stellung der Bologneser Grafen. 25, und Bischöfe 26. 
Erstarken des reformierten Papsttums 28. Gegenbund Hein¬ 
richs IV. und Wiberts von Ravenna 29. Machtstellung der 
Canossaner 30. Kampf der Markgrafen und Päpste gegen 
die Kaiser 32. Bologneser Schisma 34. Brief Urbans II. an 
das Volk von Bologna 35. Synode von Guastalla 37. Folgen 
des Investiturkampfes für Bologna 38. Exkurs: Bolognas 
Grafengeschlecht 39. 

I. Bnoh. Pslitfeche Beschichte von 1116—1197 ... 49. 

1. Kapitel. Entstehung des Comune. Ausbreitung 
der Bologneser Herrschaft nach Westen und 
Osten infolge des Fehlens einer starken Kaiser¬ 
gewalt 5 1. 

Das Privileg Heinrichs V. von 1116 und die Vertragsurkunde 
von 1123 51. Zerstörung der kaiserlichen Burg 52. Stadium 
der politischen Entwicklung 1116 52, dasselbe 1123 54. Wirt¬ 
schaftliche Bestrebungen 55. Anfänge des Handelsverkehrs 56. 
Gegensatz zu Ferrara 57. Vergünstigungen Heinrichs V. 57. 


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— X — 

Bemühungen von 1123 58. Gründe für des Kaisers Nachsicht 59. 
Causiücci 59. Irnerius und Mathilde von Tuseieti 60, derselbe 
«öd Heinrich V. 61. Seine Vermittelung 1116 62. 

Schwache der ReirihsgewaH nach Heinrichs V. Abzug 63. 
Bolognas Expansion nach Westen 64. Lage de» Frignamrs 64, 
«r*d Notvantolas 65. Bedrohung der Abt-ct durch Mä4$A& 06 
Vertrag Bolognas mit Nonantola und den Capitaneo 67. Ein¬ 
greifen Ismoceoz' 11. und Lothars 111.'68. ÖolcigöAs feindliche 
Haltung 68, Diplom für S. Giovanni -iß .Pe&iixto 69. Einn.-mnie 
Bolognas durch Lothar 111. 70. ffändseligk eiten -zwischen 
Bologna und Modena 71. Zerstörung des Kaslells bfonarttota 72. 
friedensschtuß von U56 Ti. Resultat 75 — Bolognas Expansion 
nach Osten 76. Feindschaft /wischen Gcimune Und Bischof, 
von trnoia 76, Lag« der Rotnagna 77.. Frenmlschalt Bolognas 
Facnta . 78. . Erste Kampfe 78. fiogrdfea Lothars ttl. 79. 
Fortgang der Kämpfe 81. Unterwerfung fötolas durch Bologna 
und Faen/a 82 . Weitere Erfolge Bolognas -83. 

2. Kaplt'r.f. •Unter werfuog Bolognas unter das 

P e i ch s r eg im cn t durch Friedrich 1. 86. 

Bedeutung Bolognas zur Zeit Friedrichs 1. 86. Friedrich U55 
in Bo logen 87. Entstehung der kaiserfreundlichen f^rtei SS* 
Podeste Ouftto da Sasso 88. Beziehungen der vier Doktoren 
«i..Quiekt' und zjü; Friedrichs 1. 89. Mafirwhmcn Barbarossas 9$. 
Reaktion m Bologna 92. Kaiserliche Erfolge 63. Reorganisation 
der Refchsgewall .^''Oie/fckjgBöef^ Ooktoc« aid dem Raki* 
Wischen Reichstag 95. •'Neuordnung in Bologna und rd/der 
Aveatlichen Röniagnn 96* iti der östlichen Romagna 98. Whsicr- 
^ .eftsögnng »ks. MathjkJtrüsdien Gutes 99. \ Bedeutung der Re¬ 
form 99; .Bpkjgrö* Erhebung infolge des Papsischlsmas 100. 
Niederwerfung der Stadt durch Friedrich 101. Bologna und 
der VnÖRrid Bund t03. Erhebung gegen Be/o 105. Neue 
Unterwerfung 105. Friedrich 1167 tu Bologna 106. Eintritt 
4er Stadt it* den j.ombafdenbund 108. 

3. Kapitel. Kampf B o I ug n as a I s Milglied des l.ons- 

hardenbündes geg*n Friedlich Ausgleich 
zwischen der städtvsche« Selbständigkeit und 
d c r R e i c h s g c w a 11 111). 

ÖesUichejr Kriegsst-liaiiplate 110. Wiotlcnifiierweriueg finobs 
unter Bologna uml Faen«i HO, Entzweiung' Bolognas uwf 
Ftferizas. 11 f. Christian von Mainz in Toscana Ü2. Friedrich 
in der Po ein-de 113. Maßregeln des Bundes 113: Christian i« 






XI 


der Romagna, Zerstörung S. Cassianos 114. Niederlage Bolo¬ 
gnas 116. Podesta Pinamonte da Vimercato 117. Wiederver¬ 
einigung Bolognas und Faenzas 118. Einnahme Imolas 119. 
Friede von Konstanz 120. Legat Berthold in der Romagna 121. 
Ordnung der Landschaft durch Heinrich VI. 122. Kaiserfreund¬ 
liche Haltung Bolognas 124. — Westlicher Kriegsschauplatz 125. 
Untätigkeit Bolognas 125. Erhebung Monteveglios 126. Dessen 
Zerstörung 128. Erfolge Modenas 128. Weiteres Vordringen 
Bolognas und Modenas 129. — Heinrich VI. und Bischof- 
Podesta Gerhard 130. Politik Bolognas in der Lombardei 131. 
Vertrag mit dem Grafen von Prato 133. Bologna und Ferrara 
133. Verträge von 1193/4 135. Gerhards Parteiherrschaft 136k 
Widerstand der alten Aristokratie 136. Sturz Gerhards 137. 
Bfindnisemeuerung zwischen Bologna und Faenza 138. Mark¬ 
wald dux Romaniolae 139. Heinrichs Privileg für Monteveglio 
139. Des Kaisers Tod 140. , Exkurs: Kritik der Quellen 
für die inneren Unruhen von 1193 und 94 141. 

II. Baok Aemsere Politik von 1197—1256 ... 149. 

1. Kapitel. Machterweiterung im Westen, Süden 
und Osten infolge des abermaligen Fehlens 
einer starken Reichsgewalt 151. 

Charakter der Epoche von 1197 bis 1226 151. Feindschaft 
zwischen Bologna und Modena 152. Podesta Guglielmo da 
Pusterla 152. Bündnis Bolognas mit Reggio 153. Schieds¬ 
spruch von 1204 154. Weitere Haltung Bolognas gegenüber 
Reggio und Modena 155.— Vordringen Pistojas 157. Bündnis 
Bolognas mit Florenz 158. Einrichtung der Podesteria della 
montagna 159. Kampf zwischen Bologna und Pistoja 160. 
FriedensschluB 161. Bolognas Erfolg 162. — Streit um Imola 
und das Mathildinische Gut 162. Rekuperationen Innocenz’ III. 
163. Vertreibung Markwalds aus der Romagna 164. Besetzung 
der Grafschaft Imola 165. Vorgehen Bolognas in der Romagna 
166. Römerzug Ottos IV. 167. Nachgeben Bolognas und 
Faenzas 168. Angriff Bischof Mainardinos auf Castello d’Imola 
169. Stellung Ottos dazu 170. Vorgehen Bolognas 170. Wir¬ 
kung des Streits zwischen Papst und Kaiser, sowie zwischen 
Este und Torelli auf Bologna 172. Streit Bolognas mit dem 
Papst um Medicina 174. Wiederbesetzung Imolas 175. Ver¬ 
hältnis Bolognas zu Faenza 175. Neue Erhebung Imolas und 
Eingreifen Friedrichs II. und Honorius’ III. 176. Friedrichs 
Römerzug und Nachgeben Bolognas und Faenzas 178. Mainar¬ 
dinos Vorgehen gegen Castello d’Imola 180. Eingreifen Hugos 


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XII 


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von Ostia 181. Zerstörung des Kastells 182. Streit zwischen 
dem Grafen der Romagna und dem kaiserlichen Legaten 182. 
Entscheidung Friedrichs 184. Bolognas Stellung in der Romagna 
185. Seine Haltung gegenüber den päpstlichen Ansprüchen auf 
das Mathildinische Gut 186. Summe seiner Erfolge 187. Bologna 
und Ferrara 187. 

2. Kapitel. Kampf Bolognas gegen Friedrich II. 189. 

Bedeutung des Kampfes 189. Erneuerung des Lombarden* 
bundes 190. Friedrich in der Romagna 191. Anschluß Modenas 
und Reggios an Crcmona 192. Reichsbann gegen den Lom- 
bardenbund 193, dessen Aufhebung 194. Friedrichs Privileg für 
Modena 194. Feindseligkeiten zwischen Bologna und Modena 
195. Kämpfe von 1228 195. Belagerung Bazzanos 197. Schlacht 
bei S. Cesark» 198. Waffenstillstand 199. Verhältnisse der 
Romagna 200. Friedrich II. in Ravenna 201. Schiedsspruch 
Gregors IX. 202. Ezzelin von Romano kaiserlich 203. Johann 
von Vicenza und der Lom bardenbund 203. Erneuerung des 
Kampfes Bolognas gegen Modena 204. Besetzung des Frignano 
205. Kämpfe in der Romagna 206. Bologna und Cervia 207. 
Gegensatz zu Venedig 208. Kämpfe des Jahres 1235 209. 
Friedrichs Angriff 210. Ferrara kaiserlich 211. Kämpfe des 
Jahres 1237 212. Kämpfe in der Romagna 213. Unruhen in 
Faenza 213. Bolognas Bund mit Papst und Venedig 215. West¬ 
angriff Friedrichs auf Bologna 215. Belagerung und Einnahme 
Ferraras 217. Ostangriff Friedrichs auf Bologna 219. Einnahme) 
Faenzas 220. Haltung Bolognas 221. Friedrichs Abzug 223. 
Kaiserliche Herrschaft in der Romagna 224. Kämpfe zwischen 
Bologna und Modena 225. Bolognas Verteidigungssystem 226. 
Innere Reorganisation 227. Schwäche seiner Nachbarn 228. 

3. Kapitel. Sieg über die Kaisermacht und Modena» 

Hegemonie in der Romagna 230. 

Friedrichs Belagerung Parmas 230. Ottaviano degli Ubaldini 
231. Charakter und Politik 232. Angriff auf die Romagna 234. 
Ihre Unterwerfung 235. Besetzung Cervias und der Imoleser 
Grafschaft 235. Vertrag mit Imola 237. Absetzung Mainardins 
237. Erfolge gegen Modena 238. Enzio allein in der Lom¬ 
bardei 239. Schlacht an der S. Ambrogiobrücke 240. Enzios 
Gefangennahme 241. Bedeutung des Sieges 242. Briefe Frie¬ 
drichs und Bolognas 243. Enzio in der Gefangenschaft 244. 
Einnahme Modenas 245. Seine Abhängigkeit von Bologna 246. 


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XIII 


Schicksal des Frignano 247. — Verhältnisse in der Romagna 
248. Unruhen daselbst 250. Reformplan Ubaldinis und Bo* 
lognas 250. Ihr Mißerfolg 251. Kämpfe in der Lombardei 252. 
lnnocenz IV. und Bologna 253. Zerwürfnis wegen der Romagna 
254. Mißerfolg Ubaldinis in der Lombardei 256. Seine Ab¬ 
berufung 257. Bolognas Zurückhaltung im Westen 257. Vor¬ 
gänge in Parma und Reggio 258. Politik Bolognas in der 
Romagna 259. Vertrag mit Ravenna 260. Angriff auf Cervia 
261. Seine Eroberung 262. Friedensstiftung in Imola 263. 
Unterwerfung Faenzas und Bagnacavallos 264. Unterwerfung 
Forlis 266. Resultat 267. Bolognas moralische Erfolge 267. 

IIL Back. Imere Geschickte 269. 

1. Kapitel. Bevölkerungsklassen und ihre Organi¬ 
sationen 271. 

§ 1. Hauptstadt 271. 

Civitas und burgi 271. Quartiere, contrate 272. Ihre mini- 
strales und saltuarii 273. Comune 274. Militärische Einteilung 
274. Allgemeine Wehrpflicht 275. Aristokratie, ihre rechtliche 
Stellung 276. Ihre wirtschaftllichen Verhältnisse 277. Ihre 
Organisation 278. Ihre Lebensgewohnheiten 279. Popolo, An¬ 
fänge der Gewerbe 279. Entstehung der societates artium 280. 
Laienbrüderschaften 280. Scola 281. Folgen der Reorganisation 
der Jahresmessen 282. Beschränkung der Zunftbildung 283. 
Lohnarbeiten 283. Kleingewerbtreibende 283. Kaufmännische 
Unternehmer 285. Textilgewerbe 285. Bologna und Florenz 
286. Organisation der societates artium 287. Ihre Beamten 288. 
Entstehung der societates armorum 289. Ihre Organisation 291. 
Ihre Aufgabe 292. Stellung der mercatores und campsores 292. 
Wechsler 293. Großkaufleute 294. Ihre Entwicklung 295. Auf¬ 
schwung 296. Niederging 297. Dessen Ursache 298. Florentiner 
mercatores 299. Stellung und Organisation der iudices 300. 
Notare 301. Ihre Stellung und Organisation 302. 

§ 2. Landschaft 303. 

Comitatus und distridus 303. Wirtschaftliche Verhältnisse der 
rustici 304. Comitatini und cives 304. Leistungen an das 
Bologneser Comune 305. Nobiles 307. Sklaven 308. Hörige 
309. Aufhebung der Unfreiheit 310. Deren Erfolg 311. Or¬ 
ganisation der Landgemeinden 311. Abhängigkeit ihrer Be¬ 
hörden von Bologna 312. Suprastantcs stratis et aquis 314. 
Fotestates montanee 315. Ihre Befugnisse 316. Verwaltung 
von Medidna und der lmoleser Grafschaft 316. 


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XIV 


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2. Kapitel. Stadtverfassung 318. 

§ 1. Entwicklungsgang 318. 

Anfänge 318. Ausgestaltung nach 1155 318. Consilium und 
contio, iudices und notarii comunis 319. Konsuln 320. Podesta 
321. Ausgestaltung nach dem Sturze Gerhards 322. Consilium 
credeutic, milites iustitie, curia 323. Podesta 325. Neuordnung 
des Gerichtswesens 325. Procuratores, inquisitores rationis, ex- 
timatorcs 327. Anfänge der popolaren Erhebung 1194 328. 
Aristokratische Reaktion 329. Popolare Erhebung von 1217—19 
329. Aeußere Einflüsse 330. Consilium generale, societates 
artium und contrate- Verbände 331. Nochmalige Reaktion 332. 
Sturz der Geschlechterherrschaft 332. Volk unter Führung der 
Kaufmannschaft 333. Consilium speciale et generale 333. Ein* 
richtung der Volksorganisation und ihr Anteil am Stadtregiment 
334. Steigerung der Macht des Popolo 335. Spaltung der 
Aristokratie 336. Reformen von 1255/6 337. Exklusion und 
Konzentration 338. Consilium populi 339. Volkscapitan 340. 
Consilium et massa populi 341. Zusammensetzung der Volks¬ 
organisation 342. Rivalität zwischen Kaufmannschaft und 
Notaren 343. 

§ 2. Ucbersicht über die Verfassung um 1250 344. 

Statuten 344. Comunc: Consilium speciale et generale 344. 
Contio 346. Podesta 346. Seine familia, iudices potestatis 348. 
Officialcs ordinarii und extraordinarii 349. Milites iustitie und 
iudices comunis 350. Gerichts- und Polizeibeamte 350. Finanz¬ 
beamte 352. Kontrollbehörden 354. Untcrbcamte 354. Composi— 
torcs statutorum 355. Volksorganisation: Mercatores und camp- 
sores 356. Beamte des Popolo 356. Ratsversammlungen 357. 
Exkurs: Zum sigillum comunis 358; zu den Maßen 358; 
zum Archiv 359. 

3. Kapitel. Wirtschaftspolitik des Comune 361. 

Beginn derselben 361. Kolonisation des Districts 361. Land¬ 
straßen 362. Brücken 363. Bau des Naviglio 364. Pohäfen 
366. Markt 367. Jahresmessen 368. Handelsverträge 369. 
Den Passierzoll betreffend 370. Die Repiresalien betreffend 
371. Fünfte Kreuzzug 373. Einführung der Tuchindustrie 374. 
Niedergang des Handels 375. Münze 376. Bolognas Wirt¬ 
schaftssystem 379. Landwirtschaft 379. Handwerk 379. Ge¬ 
treidemühlen 380. Müller und Bäcker 381. Handelsverkehr 
382. Ein- und Ausfuhr 383. Wechselwirkung zwischen politischer 
und Wirtschaftsgeschichte 384. Anhang: Finanzen des 


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XV 


Comune 385. Erträge aus den städtischen Besitzungen 385. 
Aus den Hoheitsrechten 386. Zölle und Steuern 387. Salinen 
von Cervia 389. Estimi 390. Collecte 392. Anleihen 393. 
Budget 393. 

4. Kapitel. Comune und Kirche. Religiöse Strö¬ 

mungen innerhalb der Bürgerschaft 395. 

Verhältnis des Comune zur Bischofskirche 395. Streit um die 
bischöflichen Besitzungen 396. Erfolge des Comune, Konflikt 
mit Enrico da Fratta 397. Eingreifen Friedrichs If. 398. Neuer 
Streit 399. Schiedsspruch Johanns von Vicenza 400. Geistliche 
und Gerichtsbarkeit des Comune 401. Oeistliche und städtische 
Aemter 401. Bologna und Ravenna 402. Besetzung der Bischofs¬ 
und Domhermstellen 403. Vorgehen der Päpste 404. Einfluß 
des Kardinals Ubaldini 405. — Kreuzzüge 407. Heimische 

Kulte 407. S. Petronio 408. Franziskaner 409. Dominikaner 
410. Diana degli Andalo 410. Johann von Vicenza 411. Con- 
gregatio devotorum 413. Frati gaudenti 414. 

5. Kapitel. Comune und Universität 415. 

Comune und Studentenschaft <415. Organisation der Scho¬ 
laren 415. Privileg Friedrichs I. 418. Verordnung Alexanders III. 
419. Professoreneid 420. Konflikt zwischen Comune und 
Studenten 421- Eingreifen Innocenz’ III. 421. Organisation 
der Scholaren 422. Konflikt zur Zeit Honorius’ III. 423. Fort¬ 
gang des Streites 424. Beilegung desselben 425. Wandlung 
im Verhältnis des Comune zu den Studenten 426. Veigünsti- 
gungen der vierziger Jahre 427. Solche der fünfziger Jahre 
427. Gerichtsbarkeit des Comune 428. Privilegien nach der 
Revolution 429. Verhältnis der Stadt zu den Professoren 430. 
Irnerius und die vier Doktoren 431. Odofredo 431. Sein 
Anteil an der Politik 432. Exkurs: Die vita des h. Petronius 
und das Privileg des Kaisers Theodosius 433. 

6. Kapitel. Stadtbild. Bildende Kunst und Poesie 437. 

Stadtmauer und Wachstum der Stadt 437. Cirda 439. Straßen 
und Häuser 440. Geschlechtertürme 441. Curia von S. Am- 
brogio 442. Palazzo veochio 443. Palazzo nuovo 444. Oe¬ 
samteindruck 445. Kirchen: S. Stefano 446. Bau der Kathe¬ 
drale 447. Bauhütte 448. Beschreibung des Baus 449. S. 
Domenico und S. Francesco 450. Grabdenkmäler und Kreuze 
451. Löwenportal des Domes 452. Area di S. Domenico 452. 
Miniaturmalerei 453. — Troubadours 454. Sicitianische Schule 
454. Volksdichtung 455. Ouido Guinicelli 455. 


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Soblm«. Mo|ms NMerfaag . . . 457. Grund desselben 457. 

1. Kapitel. Innere Wirren und Krieg gegen Venedig 

458. 

Bologna und die großen Mächte 458. Die Andalo 459. 
Brancaleone Senator von Rom 460. Sein Sturz 461. Bologna 
im Bann 462. Kreuzzug gegen Ezzelin 462. Unruhen in Bo¬ 
logna 463. Popolare Gesetzgebung 464. Brancaleone aber¬ 
mals Senator 465. Sein Tod 466. Nachfolger sein Oheim. 
Castellano 467. Unruhen in Bologna 467. Steigender Ein¬ 
fluß der Geremci 468. Innere Reformen 469. Bologna und 
Urban IV. 470. Eintreffen der toscanischcn Guelfen 470. Bo¬ 
logna und Modena 471. Vertreibung der Graisolfi 472. Innere 
Unruhen und Ordnungen der Frati gaudenti 473. Bologna und 
Karl von Anjou 475. Durchmarsch der Franzosen 476. Neue 
Unruhen 476. Erfolge der Geremei 477. Haltung des PopoJo 
478. — Herrschaft Bolognas über die Rontagna 479. Grafschaft 
Imola 479. Coinunc Imola 480. Faenza und Bagnacavallo 481. 
Forli 482. Ihre Getreidclieferungcn 483. 

Gründe des Krieges mit Venedig 483. Lebensmittelfrage und 
Salinen von Ccrvia 484. Bologna und Ravenna 484. Erbauung 
von Marcamö 485. Neuordnung Ccrvias 485. Maßregeln gegen 
den Lebcnsmittelmangel 486. Bolognas Schwäche 487. Venedigs 
Vertrag mit Ravenna 488. Bolognas friedliche Haltung 488. 
Ursache des Krieges 489. Bolognas Vertrag mit Ravcnnna 490. 
Seine Beziehungen zu Ferrari 491. Kampf um Primaro 492. 
Venedigs. Handelssperre und ihre Folgen 493. Friede 494. 

2. Kapitel. Revolution 496. 

Vorgehen gegen Modena 496. Innere Unruhen und Aus¬ 
nahmegesetze 497. Castellano degli Andalo und Alberto Caccia- 
nemici 499. Verhinderung des Zuges gegen Modena 499. Ab¬ 
fall Forlis 500. Machtlosigkeit des Popolo 501. Innere Kämpf« 
vom Frühjahr 1274 502. Vereinigung des Popolo mit den Geremei 
503. Auswanderung der Lambertazzi 504. Ghibellinen feind¬ 
liche Gesetze 506. Volksorganisation unter Rolandino dei Passag- 
geri 507. Kämpfe gegen die ronngnolischen Ghibellinen 508. 
Niederlage vor Faenza 509. Eingreifen Rudolfs von Habsburg 
510. Protest Gregors X. und sein Grund 511. Bolognas Kämpfe 
gegen Montefeltro 512. Abtretung der Rohiagna an Nicolaus III. 
514. Unterwerfung der Landschaft unter den Papst 515. Tätig¬ 
keit der Orsini 516. Schiedsspruch des Papstes und Rückkehr 
der Lambertazzi 517. Ihre abermalige Vertreibung 518. Spätere 
Schicksale Bolognas 519. 


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Einleitung. 


Geographisch lassen sich die italienischen Stadt¬ 
republiken in zwei Gruppen sondern, in die am Meer ge¬ 
legenen und die binnenländischen Orte. Wie tiefgehend diese 
Scheidung ist, zeigt ein Blick auf die geschichtliche Ent¬ 
wicklung von Venedig, Genua und Pisa einer-, Florenz, 
{Mailand und Bologna andererseits. Mit ihr verglichen, haben 
die .örtlichen Differenzen innerhalb der zuletzt genannten 
Gruppe nur geringe Bedeutung. Mailand darf als die Stadt 
der Tiefebene, Florenz als die des Hügellandes bezeichnet 
werden. Dem Territorium Bolognas fehlt der einheitliche 
Charakter, es zerfällt in das zum Po sich senkende Flach¬ 
land und die zum Kamm ansteigenden Gebirgsketten' des 
Apennins. Die Grenzlinie zwischen beiden Gebieten läuft 
östlich von Bologna bis nach Castel S. Pietro dicht neben 
der Via Emilia hin, westlich des Reno dagegen treten die 
Berge immer mehr von dieser Straße zurück, so daß der 
Abstand bei Bazzano acht Kilometer beträgt. 

Es wäre vermessen, ohne genaue Einzelbeobachtung 
und detailliertes Quellenstudium die Bodenkultur der 
Bologneser Lande in den Zeiten des Mittelalters schildern 
zu wollen. Doch werden einige Bemerkungen gestattet sein. 
Der der Landwirtschaft eigentümliche konservative Charakter 
ist den dortigen Gegenden ganz besonders eigen. So allein 
kann man es erklären, daß sich in dem Territorium Bolognas 
die römischen Flurgrenzen vielfach bis auf die Gegenwart 
erhalten haben 1 . Aehnlich wie heute war im dreizehnten 


1. Vgl. Nissen Landeskunde 2, 1, 257 und Schulten Die 


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Jahrhundert das Flachland und ein großer Teil des Berg¬ 
landes sorgfältig angebaut. In der Ebene wechselten Acker 
und Vigne mit Weideland, im Gebirge herrschte Rebenkultur 
und Viehzucht vor. Nur war damals der Umfang der Brache, 
besonders des Waldbestandes weit erheblicher als in unseren 
Tagen 9 . Die Kulturland schaffenden Rodungen hielten mit 
dem Anwachsen der städtischen Bevölkerung nicht Schritt, 
und nicht zuletzt dadurch entstand die Frage der Getreide¬ 
versorgung, von deren Schwierigkeit die Gegenwart keine 
Vorstellung ermöglicht. Dafür kannte das Mittelalter noch 
nicht den heutigen Holzmangel, wie seine Hausbauten und 
Befestigungsanlagen beweisen. Auch verfügten Flüsse und 
Bäche über einen größeren Wasserreichtum und boten mehr 
als in unseren Tagen Gelegenheit zum Mühlenbetrieb. Den 
größten Unterschied zwischen einst und jetzt zeigt der nörd¬ 
liche Rand der) Bologneser Tiefebene, ihn haben die Jahr¬ 
hunderte währenden Entwässerungs- und Fluß regulierungs¬ 
arbeiten völlig? verändert. Während heute der Boden längs 
des Podeltas l der Landwirtschaft nutzbar gemacht ist, 
breiteten sich hier im Mittelalter die sogenannten Valli 3 
aus, das waren Sumpfniederungen, berühmt durch ihren 
Fischreichtum und durchzogen von Kanälen, die mit Barken 
befahren werden konnten. Im dreizehnten Jahrhundert be¬ 
grenzten sie das Bologneser Flachland südlich bis etwa 
Galliera, Pegola (bei Malalbergo) und Dugliolo (zwischen 
Minerbio und Molinella) 4 . 


römische Flurteilung und ihre Reste, in Abh. der Oes. der Wissen¬ 
schaften zu Göttingen Phil,-hist. Klasse N. F. 2 , 7, 24 ff. 

Z Als Quelle für diese Angaben dienen die Fragmente der 
Estimi der Grafschaftsorte aus den Jahren 1235 und 1245, die sich 
im St.-A. Bol. befinden. Für den einst größeren Umfang der 
Wälder sprechen auch die zahlreichen Erwähnungen in den Ur¬ 
kunden. 

3. Vgl. Frizzi Ferrara 1, 5 ff. 

4. Vgl. Frati Stat. 1, 288.— Ein, wenn auch schon ver¬ 
ändertes Bild der Valli geben die Carte dell* Italia von ca. 1490 in 


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Die letzten Erörterungen berühren schon die Frage nach 
der einstigen Gestalt der Pomündung und seiner das Gebiet 
Bolognas durchströmenden Nebenflüsse, ohne deren Beant¬ 
wortung sich wichtige Momente der politischen und wirt¬ 
schaftlichen Geschichte der Stadt nicht richtig erklären lassen. 
Auch im Mittelalter begann das Podelta bei Ficarolo, der 
Eidliche Lauf ging an Bondeno vorbei und teilte sich bei 
Ferrara, indem der eine Arm in der bisherigen Richtung 
weiter floß, der andere, der Po di Primaro, nach Süden 
äbzweigte, um dann in der Nähe von Molinella in das Bett, 
das heute die Wasser des Reno füllen, einzubiegen und so 
dem Meere zuzuströmen 5 . In unseren Tagen hat die süd¬ 
liche Abzweigung zugunsten des Po grande della Maestra 
jede Bedeutung verloren, im Mittelalter dagegen war sie 
die wichtigste Straße der Binnenschiffahrt 6 , bildete also eine 
der ersten Voraussetzungen für die Handelsbedeutung 
Ferraras. Leider läßt sich der untere Lauf der Nebenflüsse 
für die uns interessierende Periode nur mit einiger Wahr¬ 
scheinlichkeit rekonstruieren. Aehnlich wie heute floß der 
Reno des dreizehnten Jahrhunderts in der Richtung von 
Padulle (nordöstlich von Sala Bolognese) auf Cento zu 7 
und nahm wahrscheinlich in der Nähe von Argile die ver¬ 
einigten Wasser der Samoggia und des Lavino auf 8 . Aber 
noch lebte damals die Erinnerung von dem mehrfachen 


der Geografia des F, Berlmgieri (reproduziert in den Notizie di 
fatto intomo al Reno etc. aHa S. öongregazione delle acque per 
Bologna, Bologna 1717, S. .18) und der Piano del territorio di 
Bologna von 1599 (in G. A. Maginis Atlas von Italien, Bologna 
1620). 

5. Vgl. die Schilderung aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts 
in der Chron. parva Ferrariensis in Mjur. SS. 8, 475 ff. und dazu 
Lombardini II grande estuario Ariatico, in Mem. dell’ Istitutd 
Lombardo 3. Ser. 11, 2, 47 ff. 

6. Vgl: auch Nissen Landeskunde 1, 190 f. 

7. Vgl. Frati Stat. 2, 393. 

8. Vgl. Fl. Blondus Italia illustrata (verfaßt um 1450; vgl. 


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Wechsel seines Bettes 9 . Von Cento abwärts hat sich das 
Bild des Flusses völlig verändert. Gegenwärtig biegt er 
nach Südosten und mündet bei Molinella in den Po di 
Primaro, einst strömte er nördlich weiter in die Valli 10 , 
indem er wahrscheinlich — für die Mitte des fünfzehnten 
Jahrhunderts wissen wir es sicher — Cento rechts liegen 
ließ, sich bei Finale mit dem Panaro vereinigte und bei 
Bondeno den Po erreichte 11 . Zur neuen Richtung des Laufes 
kommt die erhebliche Verminderung des Wasserstandes. 
Wer heute von der Brücke der Via Emilia hinab auf das 
von Steinen und Kies erfüllte Flußbett blickt, wird sich 
schwer vorstellen können, daß einst die Schiffe vom Po 
bis in die Höhe von Bologna stromaufwärts fuhren. Ge¬ 
ringere Bedeutung als der Reno hatten im Mittelalter wie 
auch jetzt die östlich von Bologna gelegenen Flüsse Savena 
und Idice. Die Savena, die gegenwärtig sogleich nach ihrem 
Austritt aus dem Gebirge zum Idice abgeleitet ist, näherte 
sich einst viel mehr der Stadt. Sie passierte die Via Emilia 
vermutlich an der Stelle, die heute den Namen Ponte Vecchio 
führt, floß südlich an Fossolo vorbei bis dicht an die Stadt¬ 
mauer, folgte dann wahrscheinlich der jetzt als Savena 
abbandonata bezeichneten Rinne, indem sie S. Donino, 


Voigt Wiederbelebung des dassischen Alterthums, 3. Aufl. 2, 507), 
Basel 1531, 351 und die oben erwähnte Karte bei Magini. 

9. Eine Urkunde von 1200 (St.-A. Bol. Dem. S. Pietro Cass. 
21/208 Nr. 6) erwähnt Ackerland in massa Taurani (ehemaliger 
Landstrich bei Argelato), im Osten begrenzt vom Renus mortuus, 
im Westen vom Renus vedus. Eine Urkunde von 1232 (St.-A. Bol. 
Dem. S. Salvatore Istrumenti 276/5158 fd. .19 Nr. 1) nennt einen 
Ort bei Argile Gorpus de Reno, im Westen begrenzt von via que 
vadit per corpus Reni veteris. 

10. Frati Stat. 2, 194. 

11. Blondus 351; Frizzi Ferrara 1, 51 ff.; Breventani Dcdu- 
zioni 129. Die Richtung des einstigen Laufes zwischen Cento und 
Finale ergeben auch die erhaltenen Ortsnamen: Corpo Reno, Renazzo, 
Reno Centese und Reno. 


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Calamosco, Cadriano und die folgenden Orte bis Minerbio 
rechts liegen ließ 12 und das Gebiet von Altedo berührte 13 , 
und ergoß sich endlich in die Valli 14 . Der Idice scheint 
nur in seinem untersten Lauf eine Ablenkung nach Osten 
erfahren zu haben, im dreizehnten Jahrhundert strömte er 
wahrscheinlich im Bette des Idice abbandonato 15 den Valli 
zu 16 und erreichte den Po di Primaro wohl schon damals 
bei Molinella 17 . 

Einen noch bedeutsameren Einfluß als die Wasserwege 
haben die großen Landstraßen auf die Entwicklung der Stadt¬ 
republik Bologna ausgeübt. Die Lage der Stadt läßt sich 
charakterisieren als der Treffpunkt der beiden Paßstraßen, 
die durch das Savena- und Renotal von Florenz und Pistoja 
herkommen und nun vereint in der Richtung auf Ferrara zu 
den Poniederungen weiterführen. Wollte Bologna seine 
Interessen nach Toscana zu ausdehnen, so mußte es sich 
mit Florenz und Pistoja auseinandersetzen, gedachte es den 
Po und damit den Zugang zum Meere zu gewinnen, so war 
ein Konflikt mit Ferrara unvermeidlich. Zu der gleichsam 


12. Das zeigt die Einteilung der Bologneser Grafschaft von 
1223 (Sav. N/r. 545 Rcgistro grosso I, fol. 450 im St.-A. Bol.). 
Vgl. auch Frati Stat. 2, 390 und 405. 

13. Ad Guazarellum (dieser Ort liegt bei Altedo; vgl. Frati 
Stat. 2, 351), Frati Stat. 2, 434. 

14. Frati Stat. 2, 194.— Anzumerken ist, daß in einer Ur¬ 
kunde von 1065 (Sav. Nr. 65 St.-A. Bol. Dem. S. Pietro Cass. 
20/207 Nr. 11) ein Tcrraigi iuxta alveum de Savena antiqua qui 
vocatur Arcovegio (heute Arcoveggio nördlich von Bologna) erwähnt 
wird. 

15. Nach der oben (Anm. 12) erwähnten Grafschaftseinteilung 
floß er östlich von Dugliolo, aber westlich von S. Martino in 
Argine. 

16. Frati Stat. 2, 194. 

17. Für die Mitte des 15. Jahrhunderts berichtet cs ßlondus 
351. In Frati Stat. 2, 391 werden Regulierungsarbeiten bei Du¬ 
gliolo, Ronche und Bocca Reni erwähnt, doch kann ich die beiden 
letzten Orte nicht identifizieren. 


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von der Natur geschaffenen Verbindung mit Nord und Süd 
trat das gewaltige Römerwerk, die Via Emilia, die Bologna 
aufs engste mit der Romagna und der lombardischen Ebene 
verknüpfte. Strebte Bologna in der Richtung dieser Straße 
vorzurücken, so bedrohte es Imola und Modena. Und 
Während gegen Toscana der Apenninenkamm eine Scheide¬ 
wand bildete, die dauernd nur der Handelsverkehr durch¬ 
brach, Ferrara durch seine fast insulare Lage im Podelta 
geschützt war 18 , standen den Angriffen der Bolognesen nach 
Osten und Westen keine natürlichen Hindernisse entgegen. 
Auch mußte ihnen ein Moment zu statten kommen. Der 
Abstand Bolognas von Imola und Modena beträgt an¬ 
nähernd doppelt so viel, als die Entfernung Imolas von 
Faenza und Modenas von Reggio. Dadurch bot sich für 
Bologna Gelegenheit, ein größeres Landgebiet zu erwerben 
und so eine den Nachbarn überlegene Macht zu gewinnen. 

In den Zeiten aber, da die Bologneser Bürgerschaft 
zuerst versuchte, sich die Selbständigkeit zu erringen, lagen 
die politischen Vorbedingungen für eine solche Erweiterung 
der Herrschaft wenig günstig. Denn während die Grenze 
zwischen den Diözesen Bologna und Modena längs des 
Muzzabaches lief, die Via Emilia also westlich von Castel- 
franco schnitt 19 , dehnte sich die Modeneser Grafschaft da¬ 
mals beträchtlich weiter nach Osten, teilweise bis zum Reno 
aus 20 , umfaßte ferner das für den Handelsverkehr wichtige 


18. Vgl. Ottonis Frising. Gcsta 181. 

19. Vgl. die S. 33 Anm. 154 und S. 37 Anni. 175 besprochenen 
Privilegien Gregors VII. und Paschals II. 

20. Das Diplom Ottos III. (M. G. DD. 2, 2 Nr. 418), das 
dem Erzbischof von Ravenna legitiina potestas et districtio bis zum 
Reno verlieh (vgl. unten S. 22), muß hier die Westgrenze der Graf¬ 
schaft Bologna angenommen haben, denn es ist nicht wahrscheinlich, 
daß ein Teil der Grafschaft einem andern Herrschaftskomplex zu- 
getcilt wurde. In einer Urkunde \on 1051 (Affö Parma 2, 323) 
wird Sala Bolognese (nahe der unteren Sainoggia) zur Grafschaft 
Modena gerechnet. 


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Galliera 31 und das Hügelland um Casalecchio de’ Conti 
(südwestlich von Castel S. Pietro) 22 . Die Erklärung für 
diese merkwürdige Tatsache ist in Ereignissen zu suchen, 
die zu dem letzten großen Kampf zwischen Langobarden 
und Griechen im achten Jahrhundert gehören. Bei seinen 
Angriffen auf den Exarchat eroberte Liutprand Ende der 
zwanziger Jahre den westlichen Grenzstrich desselben, dar¬ 
unter die Gebiete um Monteveglio und S. Giovanni in 
Persiceto 33 . Hier wurde dann der Ducat von Persiceta ein¬ 
gerichtet 24 , der in die Gaue Monteveglio und Persiceto zer¬ 
fiel, und mit ihm wahrscheinlich noch eine Enklave südlich 
von Castel S. Pietro vereinigt 25 . Vermutlich verschwand 


21. So erwähnt das Diplom Ottos I. (B.-O. 331) von %2 
einen Hof in loco Saltospano (ehemalige Bezeichnung eines Land¬ 
striches bei Galliera) in coinitatu Modonense in plebe S. Vincentii 
(östlich von Galliera) territorio BonQn. et Ferrar. Eine Urkunde 
von 1009 ? (Sav. Nr. 39) ist ausgestellt in burgo Galeria plebe 
S. Vincenti Sal(tusplano) territorio Bonon. iudicaria Motinensi (der 
Begriff iudicaria ist meiner Meinung nach umfassender, als terri- 
torio del giudice, wie Gloria im Cod. dipl. Padovano 1, CXXV 
annimmt; vgl. auch Leicht Studi sulla proprietä fondiaria nel medio 
evo 1, 11; Mayer 2, 273). Dieselben lokalen Angaben finden sich 
in Dokumenten von 1062 (St.-A. Bol. Dem. S. Francesco Cass. 
1/4133 Nr. 5), von 1067 (ebenda Nr. 7) und 1069 (St.-A. Bol. Istro- 
menti privati), während von 1071 an diese geographischen Bezeich¬ 
nungen in den Urkunden von Galliera fehlen (vgl. die Urkunden 
in der oben erwähnten Cass. von S. Francesco). 

22. Eine Urkunde von 1063 (Sav. Nr. 63 St.-A. Bol. Dem. 
S. Stefano Cass. 32/968 Nr. 30) erwähnt Land jenseits des Idice pago 
Celari (ehemalige Bezeichnung eines Landstrichs beim Monte Cerere 
westlich vom Sillaro) territ. Bonon. iudic. Montin., eine andere 
von 1085 (Tiraboschi Nonantola 2, Nr. 193) nennt Farneto (westlich 
vom Monte Cerere) als in territ. Bonon. iudic. Motin. gelegen* 

23. Lib. pontific. 1, 405, Hartmann Gesch. Italiens 2, 2, 96 
und Gaudenzi Nonantola 81 und 109. 

24. Gaudenzi Nonantola 103 ff. 

25. Das ergibt sich aus den Urkunden Sav. Nr. 5 (vgl. auch 
N. A. 3, 313 Nr. 486), 6 und 9, für die mir Professor Gaudenzi 


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das Herzogtum mit dem Eindringen der fränkischen Herr¬ 
schaft; jedenfalls gehörte sein Gebiet gegen Ende des 
neunten Jahrhunderts zur Grafschaft Modena 20 . 

Wie die von Bologna abhängige Landschaft in den 
früheren Jahrhunderten des Mittelalters die eben be¬ 
sprochenen Einbußen erlitt, so war auch der Umfang der 
Stadt selbst, verglichen mit ihrer Größe zur römischen Kaiser¬ 
zeit, erheblich zurückgegangen. Im Altertume bildete sie 
ein Rechteck, das die Via Emilia von der Porta Ravegnana 
bis zur Porta Stiera (einst nahe dem heutigen Hotel Brun) 
durchschnitt 27 . Im elften Jahrhundert wurde das ganze nord¬ 
westliche Drittel als foris civitatem Bononiam infra civitatem 


Kollationen mit Abschriften des elften und zwölften Jahrhunderts 
gütigst zur Verfügung stellte, ferner aus Tiraboschi Nonantola 2 
Nr. 108 und endlich aus einem mir gleichfalls von Gaudcnzi mit- 
geteilten Prozeß des zwölften Jahrhunderts, der die Schenkung von 
Crevalcore an Nonantola durch dux Ursus erwähnt. — Als Herzog 
finden wir zur Zeit König Aistulfs einen Ursus (ob er von Aistulf 
auch Bologna erhalten hat, vgl, Gaudenzi Nonantola 115 ff., ver¬ 
mag ich nicht zu entscheiden), dem sein Sohn Johannes folgte, der 
in den Jahren 772 und 776 (?) nachweisbar ist. Der Sohn des 
Johannes, Ursus, wurde schon als Knabe der Abtei Nonantola über¬ 
geben und machte, schon mit dem geistlichen Gewand bekleidet, 
große Schenkungen au das Kloster. — Unter den Besitzungen der 
Herzoge werden erwähnt: Peritulum (heute? S. Martino in Pcdriolo 
am rechten Ufer des SiHaro), Lignanum (heute Liano südwestlich 
von Castel S. Pietro) und massaricias quinque prope Castro Gissaro 
quod dicitur Britu (heute Castel de’ Britti). 

26. Vgl. die Gerichtssitzung des Grafen Wido von Modena 
(Tiraboschi Nonantola 2 Nr. 56. Auch hierfür durfte ich Prf. Gau- 
denzis Kollation mit Abschr. des elften Jahrhunderts einsehen) 
vom Jahre 898, die nahe Gallicra (das schließt Gaudenzi Nonantola 
125 mit Recht aus der Unterschrift des Notars: Lupus notarius, dativo 
huius plebis S. Vinccntii Saltuspani — beides Ocrtlichkeitcn nahe 
Galliera) stattfand, und der zwei scavini aus dem pagus Persicctanus 
und Leute aus Montevcglio beiwohnten. 

27. Vgl. Gozzadini in AMR. 7, 1 ff., der aber irrtümlich Porta 
Nova und Porta Stiera gleichsetzt. 


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ruptam antiquam bezeichnet 28 , ohne daß sich angeben ließe, 
wann die Zerstörung dieses Stadtteiles erfolgt ist 29 . Damals 
aber hatte Bologna seinen größten Tiefstand schon über¬ 
wunden, waj wieder in aufsteigender Entwicklung begriffen. 
Vor der Porta Ravegnana entstand ein burgus, der den 
Anfang der von dort fächerförmig auslaufenden Straßen, 
Via Castiglione, Via S. Stefano und Strada Maggiore (heute 
Via Mazzini) umfaßte 30 . So entsprach das Bild der Stadt 


28. Eine Urkunde von 1008 (Sav. Nr. 38) erwähnt als dort 
gelegen das Kloster S. Thomei (heute nahe der Via Marsala), eine 
Urkunde von 1060 (Sav. Nr. 58) das Kloster SS. Oervaxii et Pro- 
taxii (wo heute Via S. Oervasio) und die Kirche S. Sin (heute S. Gre- 
gorio), eine Urkunde von 1084 (Sav. Nlr. .75 A. dei quattro Conv 
sorzi in S. Paolo zu Bologna) die Kirche S. Prospero (in der 
Via Imperiale), eine Urkunde von 1091 (St.-A. Bol. Dem. S. Stefano 
Cass. 5/941 Nr. 2) die Kirche S. Andree (wo heute Via dell’ Indi- 
pendenza in der Höhe etwa der Via Manzoni), eine Urkunde von 
1098 (Trombelli 401 Nr. 30 St.-A. Bol. Dem. S. Salvatore Cass. 
145/2592 Nr. 2) den Ort Campolongo bei der Kirche SS. Pietro 
e Marcellino (wo heute Vicok) Olanda), eine Urkunde von 1107 
(Sav. Nr. 90 St.-A. Bol. Dem. S. Giovanni i. M. Cass. 1/1341 Nr. 29) 
den burgus S. Columbani (heute Via Parigi), eine Urkunde von 
1117 Mai 28 (St.-A. Bol. Dem S. Stefano Cass. 8/944 ohne Nummer) 
die curtifi S. Archangeli (heute Vicolo S. Arcangelo); ähnlich schon 
in einer verstümmelten Urkunde (ebenda Cass. 32/968 Nr. 47) vom 
Jahre 1068. 

29. Vielleicht geschah sie bei den Kämpfen zwischen Griechen 
und Goten unter Narses und Totila (vgl. Hartmann Gesch. Italiens 
1, 310) oder bei der Eroberung des Exarchats durch die Lango¬ 
barden (Hartmann 2, 2, 133). — Die Legende, daß Bologna von 
den Ungarn zerstört wurde, hat wohl erst der Verfasser der vita 
s. Petronii (vgl. über sie spätere Ausführungen) erfunden. Die 
ältere und zuverlässigere translatio SS. Vitalis et Agricole (zuletzt 
gedruckt im Annuario 1900/1, 142 f.) weiß nichts von der Ver¬ 
wüstung S. Stefanos durch die Ungarn, obwohl sie den Verfall 
des Heiligtums ausführlich bespricht. Hingewiesen sei aber auf 
die strata Ungarista in dem unten S. 33 Anm. 154 besprochenen Pri¬ 
vileg Gregors VII. 

30. Eine Urkunde von 1017 ? (Sav. Nr. 44 St.-A. Bol. Dem. 


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um die Wende des elften zum zwölften Jahrhundert dem 
Aufschwung, den wir zur gleichen Zeit innerhalb ihrer 
Bürgerschaft wahrnehmen werden. 


Von den Zeiten, die als der Uebergang vom Altertum 
zum Mittelalter angesehen werden, bis hinab zur Schwelle 
des zwölften Jahrhunderts führte Bologna kein eigenes 
politisches Leben. Seine Geschichte ging auf in der Ge* 
schichte der Romagna 31 . 

Als Bollwerk gegen die andringenden Langobarden 
schufen die Griechen den Exarchat von Ravenna mit Bologna 
als westlichstem Stützpunkt. Im siebenten Jahrhundert er* 
gab sich die Notwendigkeit einer Verwaltungsreorganisation, 
und bei ihrer Durchführung werden in Bologna, wie in 
der übrigen Romagna, die letzten Reste des antiken Stadt¬ 
magistrates und der Curie verschwunden sein 32 . Fast zwei¬ 
hundert Jahre behaupteten sich die Byzantiner in der Herr¬ 
schaft ; erst als die Barbaren den Charakter der die römische 
Kultur vernichtenden Eroberer verloren hatten, unterlagen 
die Griechen dem König Liutprand und seinen Nachfolgern 33 . 


S. Stefano Cass. 1/937 Nr. 1, mit Itnperante d. Enrigo anno tertio, 
temporibus d. Benedicti anno quarto) erwähnt Terrain bei Strata 
Majore und tribo ante Porta Räviniana und Strata ad Castilioni, 
eine Urkunde von 1053 Mai 1. (ebenda Cass. 35/971 ohne Nummer 
eingereiht zu 1153) den burgus foris civit. Bon., eine Urkunde von 
1071? (ebenda Cass. 2/938 Nr. 11) den burgus Castelioni, eine 
Urkunde von 1077 (ebenda Cass. 1/937 Nr. 23) den burgus mona- 
steiii S. Stefani, eine Urkunde von 1107 (ebenda Cass. 6/9^2 Nr. 31) 
den burgus Strade Maioris. 

31. Ich gebrauche, wie auch von anderen geschehen ist, „Ro¬ 
magna“ als gleichbedeutend mit „Exarchat von Ravenna“, obwohl 
die moderne Wissenschaft und auch das Mittelalter gerade Bologna 
mehrfach von der Romagna ausschlicßen; vgl. auch Comelli in AMR. 
3, 26, Iff. 

32. Hartmann Gesch. Italiens 2, 1, 134; DieW L’administration 
byzantine dans l’exarchat de Ravcnne 108. 

33. Das Jahr der Besetzung Bolognas durch Liutprand läßt sich 
nicht feststellen; vgl. Haitmann Gesch. Italiens 2, 2, 133. Ravenna 


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Die Folge war, daß die romanische Bevölkerung des 
Exarchats fast keine Durchsetzung mit germanischen 
Elementen erfuhr. So bildete er auch fernerhin in gewissem 
Sinne eine kulturelle Einheit, die bei der Erklärung seiner 
besonderen politischen Entwicklung nicht außer acht ge¬ 
lassen werden darf. 

Die Bedeutung der kurzen Langobardenherrschaft lag 
für die Romagna eigentlich nur in dem Herausdrängen des 
griechischen Einflusses. Das Eingreifen der Franken und 
die Beziehungen ihrer Könige zur römischen Kirche hingegen, 
schufen die Grundlage für die Geschichte des Exarchats 
in den folgenden Jahrhunderten 34 . Die Romagna trat jetzt 
in ein eigentümliches staatsrechtliches Verhältnis. Sie wurde 
ein Bestandteil des fränkischen Weltreiches, dem Kaiser ge¬ 
bührte die Oberhoheit 35 . Landesherr war der Papst, aber 


fiel «endgültig 751 in die Hände der Langobarden; vgl. Hartmann 
2, 2, 150; wohl schon vor dem 31. Mai, wenn in der bei Tiraboschi 
Nonantola 2 Nr. 56 erwähnten Urkunde Aistulfs die Indiktion 8 in 
4 korrigiert werden darf (Herr Prof. Bresslau hatte die Güte, mich 
darauf aufmerksam zu machen). — Für die langobardische Herr¬ 
schaft in Bologula höjben sich zwei Zeugnisse erhalten: 1. die 
Vaseninschrift im sogenannten Atrio di Pilato der Kirche S. Stefano 
(vgl. Trauzzi in AMR. 3, 18, 229 ff.; Lanzoni 104 und 298); 2. die 
in einem Diplom Karls des Großen (M. G. DK. 1 Nr. 183) ge¬ 
machte Angabe, daß König Liutprand an seinen Hofnarren die fundi 
Caldark) (ob, wie die Herausgeber in den M. G. vermuten, identisch 
mit Calderara di Reno ?), Cesaretieo und Casanovola im Bologneser 
Territorium vergab. 

34. Das Eventualversprechen (vgl. Kehl Die sogenannte Karol. 
Schenkung in der Histor. Zeitschrift 70, 429) König Pippins von 754 
(B.-M. 74), das Karl der Große 774 erneuerte (B.-M. 163), stellte 
dem Papst den Besitz des Exarchats Ravenna in Aussicht. Zu Be¬ 
ginn der achtziger Jahre erfuhr die promissio wahrscheinlich ihre 
Verwirklichung (Hartmann Gesch. Italiens 2, 2, 290 und Ficker 
Forsch. 2, 348). Die dabei ausgestellte Urkunde — sie ist heute 
verloren — bestätigte dann Ludwig der Fromme im Jahre 817 
(B.-M. 643). 

35. Hartmann Gesch. Italiens 2, 2, 332 und 351; 3, 1, 32. 


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in besonderem Umfange, denn seine Ansprüche entstammten 
nach Anschauung der Zeit nicht irdischer Quelle 36 . Und 
zugleich war der Konflikt gegeben. Die sehr unbestimmte 
Grenzlinie zwischen den Rechtssphären des Kaisers und des 
Papstes ließ späteren Zeiten in erhöhtem Maße die Mög¬ 
lichkeit, den Abmachungen eine den jeweiligen Macht¬ 
verhältnissen und politischen Zielen entsprechende Aus¬ 
legung zu geben. 

Wo sich die Gebiete von Modena und Bologna be¬ 
rühren, lief die Grenze zwischen dem der fränkischen 
Monarchie einverleibten Langobardenreich und dem päpst¬ 
lichen Territorium. So wurden 806 bei der Teilung des 
Reiches unter die Söhne Karls hierher die termini sancti 
Petri gesetzt, die die von ihr betroffenen Lande von der 
Romagna trennten 37 . Und im Jahre 844 bei dem Zuge des 
jungen Ludwig II. nach Rom gegen den unrechtmäßig zum 
Papst gewählten Sergius II. begann sein Heer von Bologna ab 
mit der Plünderung, als wäre es in Feindesland 38 . Deutlich 
trat auch der Gegensatz zwischen Regnum Italicum und 
Exarchat zutage, als Italien zur Durchführung besonderer 
Maßnahmen in größere Bezirke zerlegt wurde. So fand die 
Romagna bei dem großen Schulcapitulare von 825 keine 
Berücksichtigung 39 , ebensowenig, da 866 zu dem Heeres¬ 
aufgebot gegen die Sarazenen das ganze Königreich in zwölf 
Sprengel zerlegt wurde 40 . Unter diesen Umständen darf 
es nicht befremden, daß, während in die Lombardei und 


36. W. Sickel Die Verträge der Päpste mit den Karolingern, in 
der Deutsch. Zeitschr. für Gesch. Wiss. 11, 326. 

37. B.-M. 416 und Ficker Forsch. 2, 349 f. 

38. Lib. pontific. 2, 87 und Dümmler Ostfränk. Reich 1, 250. 

39. B.-M. 1024; vgl. Mayer 2, 74. 

40. B.-M. 1232; vgl. Hofmeister in Mitt. d. Inst. f. österr. 
Gesch. 7. Erg. Bd. 250 und auch Karte Nr. 22 in Spruner-Menke 
Handatlas für die Geschichte 3. Aufl.; anderer Meinung ist Mayer 
2, 298 Anm. 55. 


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•Tuscien die fränkische Grafschaftsverfassung allmählich' ein¬ 
drang 41 , sich von ihr in dem zum päpstlichen Territorial¬ 
staat gehörenden Bologna keine Spur findet. Aus der zweiten 
Hälfte des neunten Jahrhunderts kennen wir einen dux 
Von Bologna namens Johannes 42 , dem vermutlich sein Sohn 
Rodoald folgte 43 . Da liegt die Annahme nahe, auch vor 
jenem Johannes sei das Bologneser Gebiet von Herzogen 
verwaltet worden. Doch schwebt diese Hypothese in der Luft, 
bis nicht mit Sicherheit der Nachweis erbracht ist, daß in 
jener Epoche die Ducatsverfassung für den Exarchat typisch 
gewesen 44 . 

Solange Karl der Große regierte und auch nach seinem 
Tode, solange die Machtstellung seines Hauses unge¬ 
schwächt fortbestand, war das Uebergewicht der kaiserlichen 
Autorität in der Romagna unverkennbar. Seinen gesetz¬ 
lichen Ausdruck fand es in der Constitutio Romana Lothars I. 
Von 824 45 . Es wurden zwei missi eingesetzt, einer vom 


41. So wird z. B. 851 die Modeneser Grafschaft erwähnt; vgl. 
B.-M. 1183. 

42. Vgl. Johannis diaconi Cronaca Veneziana (ed. Monticolo 
in den Fonti per la storia d’Italia 9) 125. Vielleicht ist mit ihm 
der dux Johannes, der in dem Schreiben Papst Johanns VIII. J.-L. 
3385 erwähnt wird, identisch. 

43. In einer Urkunde vom 22. Apfril 907 (Sav. Nr. 508) zu 
Bologna heißt es bei der Grenzbeschreibung: de uno capo . . . 
de. iura quondam Rodaldi duci. Ich glaube letzteren mit dem bei 
Johannes diac. genannten Herzogssohn Rodoald identifizieren zu 
können. 

44. Einiges spricht dafür. In der Constitution Lothars I. (vgl. 
die Anm. 45) werden als die päpstlichen Beamten, die der Auf¬ 
sicht der beiden missi unterstehen, duces et iudices genannt. Der 
Unterwerfungsakt des Erzbischofs von Ravenna von 862 (vgl. S. 15 
Anm. 54) erwähnt, daß die Bischofswahlen im Exarchat durch dux, 
Klerus und populus erfolgen. 878 fordert Johann VIII. (J.-L. 3164) 
iudices et duces et populus Ravennae commorantes zur Verteidigung 
der Stadt auf. 

45. B.-M. 1021; Hartmann Gesch. Italiens 3, 1, 115 f.; auch 
Mayer 2, 75. 


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Kaiser, der andere vom Papst bestellt. Sie hatten dem Kaiser 
jährlich über die päpstlichen Gerichte Bericht zu erstatten. 
Ferner mußten beide Bevollmächtigte Klagen über die 
Landesbeamten dem Papste zur Anzeige bringen, der sie 
dann beauftragte, Abhilfe zu schaffen; erfolgte diese nicht, 
so ging die Beschwerde an den Kaiser, der sie durch 
delegierte Königsboten beilegen ließ. Und wirklich finden 
wir im Jahre 838 zu Ravenna zwei Bischöfe 46 , den einen 
als missus domni imperatoris, den andern als missus sancte 
sedis apostolice, in denen wir die 824 geschaffene Kontroll- 
behörde zu sehen haben 47 . 

Bei dem Mangel an Nachrichten über die päpstliche 
Herrschaft in Bologna wie in der übrigen Romagna ist eine 
Notiz des Ravennaten Agnellus um so wertvoller. Er er¬ 
zählt 48 von einem Erzbischof von Ravenna aus der zweiten 
Hälfte des achten Jahrhunderts, daß er wie ein Exarch 
regierte, so omnia disponebat, wie heute — das heißt um 
850 49 — die Päpste zu tun pflegen. Zu dieser Zeit war 
der karolingische Einheitsstaat schon im Verfall begriffen 
und damit die Bedeutung des Kaisertums gesunken. Da nun 
die römische Kirche in denselben Jahrzehnten einen inneren 
Aufschwung erlebte, in der Persönlichkeit Nikolaus’ I. einen 
energischen Vertreter ihrer großen Ziele fand, so steigerten 
sich auch die Ansprüche des Papsttums im Exarchat. Das 
zeigte am deutlichsten die Haltung, die dieser Papst den 
Erzbischöfen von Ravenna gegenüber einnahm. 


46. Hübner Gerichtsurkunden Nr. 724. 

47. Wenn sie auch in der Urkunde eine Tätigkeit ausüben, 
die nicht in der Constitution vorgesehen ist, so läßt doch wohl die 
Stelle: Cum revertentes nos de pariibus Rome servitio domni apostolici 
et domni imperatoris, keinen Zweifel darüber. Anderer Meinung ist 
Sickel Die Verträge der Päpste und die Karolinger, in Deutsch. 
Zeitschr. für Gesch. Wiss. 12, 31 Anm. 1. 

48. In M. G. SS. rer. Langob. 380. 

49. Wattenbach Deutschlands Geschichtsquellen 7. Aufl. 1, 343. 


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Die Erzbischöfe von Ravenna waren durch ihre Ver¬ 
gangenheit gleichsam dazu berufen, das territoriale Sonder¬ 
interesse zu vertreten. Im achten Jahrhundert hatten sie 
vergeblich versucht, selbst die Herrschaft über die Romagna 
zu erwerben 50 . Auch im neunten Jahrhundert ließ ihr Wider¬ 
stand gegen die Päpste nicht nach, bewegte sich aber, wie 
einst zur Zeit des griechischen Kaisers Constans II. 51 , mehr 
auf kirchlichem Gebiete. Sie bekämpften den römischen 
Primat; daneben freilich benutzten sie jede Gelegenheit, um 
sich auf Kosten päpstlichen Domaniallandes zu bereichern 52 . 
Zu statten kam ihnen die anfangs schwache Haltung der 
Päpste und das Wohlwollen, das ihnen zeitweilig die frän¬ 
kischen Herrscher erwiesen 53 . Erst Nikolaus I. griff ener¬ 
gisch durch. Er zwang 862 den Erzbischof Johann zur An¬ 
erkennung der Ansprüche des päpstlichen Stuhles 34 . Aber 
schon zwei Jahre später gab der Erzbischof, indem er sich 
dem feindlich gegen Rom ziehenden Ludwig II. anschloß 53 , 
zu erkennen, daß er nicht gewillt war, dem Papst den Ge¬ 
horsam zu bewahren. Was einem Nikolaus I. nicht endgültig 
gelang, vermochte auch Johann VIII. nicht durchzusetzen 56 . 
Trotz aller Beschwerden fuhren die Erzbischöfe fort, sich 
päpstliche Besitzungen anzueignen und Vorladungen nach 
Rom zur Verantwortung leisteten sie nicht Folge 57 . Was 
nützte es da dem politisch nicht unbedeutenden Papst, wenn 
er 876 zu Pavia die Güter der römischen Kirche durch 
Karl den Kahlen gegen jede Entfremdung und Vergewalti- 

50. Hartmann Oesch. Italiens 2, 2, 242 und 278 ff. 

51. Hartmann 2, 1, 250. 

5Z Vgl. Agnellus in M. G. SS. rer. Langob. 389; M. G. 
Ep. Karol. aevi 3, 588; Lib. pontific. 2, 155; auch Luther Rom 
und Ravenna 59 ff. und Hartmann 3, 1, 251 ff. 

53. Vgl. z. B. Lib. de imperat. potestate in M. G. SS. 3, 721. 

54. J.-L. 1, S. 345 und Dümmler Ostfränk. Reich. 2, 55. 

55. Lib. pontific. 2, 160 f. und Dümmler 2, 69 ff. 

56. Vgl. J.-L. 1, S. 394 und Dümmler 3, 49. 

57. J.-L. 3290 und 3352. 


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gung sichern ließ 58 , wenn Karl der Dicke 881 die päpstlichen 
Gerechtsame wahrscheinlich in gewünschter Weise be¬ 
stätigte 59 ? Und als Johann im Jahre darauf starb, sanken 
auch die hohen Herrscherziele des Papsttums mit ihm ins 
Grab. Bei diesem Kampf zwischen Rom und Ravenna um 
den kirchlichen Primat gingen die Interessen der Bischöfe 
der Romagna mit denen des Papsttums zusammen. 
Nikolaus I. schützte sie gegen die Uebergriffe des Erz¬ 
bischofs. Aber schon unter Johann VIII. und dann vollends 
unter seinen Nachfolgern war der Episcopat der Gewalt 
seines Metropoliten preisgegeben. In Bologna kam es, 
wohl infolge des Widerstandes gegen das Eingreifen des 
Erzbischofs Marinus 60 , zu einer Wahl zweier Bischöfe 61 . 
Der eine war der Bologneser Diakon Mainbertus, der sich 
schon in den Jahren 880 und 882 gegen den Willen seines 
iBischofs und des Papstes in der Umgebung des Erzbischofs 
von Ravenna aufgehalten hatte 62 . Dort weilte er auch, mit 
der bischöflichen Würde bekleidet, im Jahre 884 63 und ver¬ 
schenkte an den Bischof von Parma beträchtliche Teile des 
Bologneser Kirchenguts 64 . Der Ausgang des Bologneser 
Schismas bleibt in Dunkel gehüllt. 


58. M. O. Capitol, reg. Franc. 2, 101 und Dümmler 2, 40’ f. 
50. Dümmler 3, 180. 

60. Vgl. für sein Vorgehen in Imola die Briefe Johanns VIII. 
J. L. 3440 und 50. 

61. Der Bologneser Bischofskatalog (Lanzoni 203) berichtet: 
Severus et Manbertus fuerunt uno tempore. 

62. Vgl. die Schreiben Johanns VIII. J.-L. 3325 und 3383-86. 
Wieweit die darin dem Mainbert vorgeworfenen Vergehen von ihm 
wirklich verübt wurden, läßt sich bei dem völligen Fehlen der Nach¬ 
richten von Ravennatischer Seite nicht feststellen. 

63. Wann die Doppclwahl erfo'gte, wissen wir nicht; vermutlich 
nach dem Tode Johanns VIII. (Dezember 882), doch besteht die 
Möglichkeit, daß sie schon früher geschehen war, und daß der 
Papst in seinen Schreiben von 880 und 82 absichtlich die Wahl 
des Mainbertus ignorierte. 

64. So am 16. März 884 das Kloster S. Prospero in Panigale 


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Mit dem Ende des neunten Jahrhunderts beginnt für 
die Romagna eine Epoche des Uebergangs. Leider ist aber 
hier bisher die Forschung so wenig zu sicheren Resultaten 
gelangt, daß sich nur wenige Momente der Entwicklung mit 
einiger Wahrscheinlichkeit feststellen lassen. So viel wir 
wissen, hatten die Päpste nichts getan, um den Exarchat 
organisch mit den übrigen Teilen des Kirchenstaats zu ver¬ 
binden 65 . Die Stärke ihres Einflusses hing von der Größe ihrer 
Persönlichkeit und der Bedeutung ihrer kirchlichen Stellung 
ab. Jetzt da sie zu Werkzeugen der römischen Adelsfrak¬ 
tionen herabsanken, da man die Tiara in den Schmutz 
zerrte, war es mit ihrer tatsächlichen Herrschaft zu Ende 66 . 
Aber ihren Anspruch wahrten sich die Päpste. So forderte 
898 Johann fX. vom Kaiser Lambert Erneuerung des privi- 
legium sanctae Romanae ecclesiae und des pactum, wie es sein 
Vater Wido und die früheren Kaiser gegeben hatten 67 . Nach 
dem Ausscheiden der päpstlichen Macht war für die Erz¬ 
bischöfe von Ravenna die Bahn frei. So scheute sich Erz¬ 
bischof Romanus nicht (etwas vor 890), seinen Nachfolger 
zu designieren 68 . Dann aber erfahren wir nichts mehr von 
ihrem Tun. Es läßt sich nur vermuten, daß sie fortfuhren 


(Affö Parma 1 Nr. 27. Eine Abschr. aus dem Chartular des Parm. 
Domkapitels verdanke ich der Güte Herrn Prof. Gaudenzis). Im 
Jahre 887 (B.-M. 1762) bestätigte Karl III. dem Bischof von Parma 
nicht nur dieses Kloster, sondern auch S. Stefano, S. Ambrogio, 
S. Isaia und andere Kirchen, die Mainbertus sicherlich auch der 
Parmeser Kirche überlassen haben wird. 

65. W. Sickel Alberich II. und der Kirchenstaat in Mitt. des 
Inst für österr. Gesch. 23, 55. 

66. Noch nicht mit ihrer nominellen; so fahren die Urkunden 
fort, nach ihren Regierungsjahren zu datieren. 

67. M. G. Capitul. reg. Franc. 2, 125 und Schirrmeyer Kaiser 
Lambert Göttinger Diss. 1900, 73. 

68. J.-L. 3435. 


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ihre Position auf Kosten der römischen Kirche zu stärken. 
Aber eine wichtige Tatsache können wir, aus späteren Vor¬ 
gängen rückschließend, erkennen. Sie traten nicht die poli¬ 
tische Erbschaft des Papsttums an, die fiel den italienischen 
Königen zu 68 *. 

Man muß sich mit dem keineswegs ganz zuverlässigen 
Mittel der Urkundendatierungen behelfen, um festzustellen, 
wie diese Herrscher in der Romagna Anerkennung fanden 6 '-'. 
Mag aber sonst ihr Erfolg noch so gering gewesen sein, im 
Exarchat erhielt unter ihnen die königliche Autorität, da 
jedes Gegengewicht fehlte, eine erhebliche Stärkung. Kein 
Karolinger urkundete, soweit bekannt, zugunsten einer 
Kirche der Romagna; ferner, nur der Kaiser, nicht der 
König besaß rechtlich eine Regierungsgewalt im päpstlichen 
Gebiet. Jetzt hingegen gab König Berengar I. dem Bischof 
von Bologna ein Privileg 70 , und König Hugo nahm Leute 


68*. Darüber beabsichtigt auch Gaudenzi (vgl. Mcm. dell’ 
Accademia di Bologna, Scienze Mor. 1, I, 49) noch zu handeln. 

69. Vgl. Vesi (ich benutze der Bequemlichkeit halber diese 
Nachdrucke) Romagna 1, 137—258, auch D. Guidonis Nr. 13, D. 
Lamberti Nr. 8, Diplom Ludwigs III. im Bull. 29, 202 Nr. 5. — 
Berengar I. weilte in Bologna am 7. Dezember 898 (vgl. D. Berengari I. 
Nr. 24), dann wahrscheinlich noch zu Beginn des Jahres 916 (vgl. 
Hofmeister in Mitt. d. Inst. f. österr. Gesch. Erg. Bd. 7, 401). Da* 
tiert wird in Bologna nach ihm am 22. April 907 (Sav. Nr. 508), am 
4. September 918 (nach gütiger Mitteilung des Herrn Dr. Hirsch aus 
Urkunde des Kapitel-A. zu Piacenza Livdli Nr. 32) und am 1. De¬ 
zember 922 (Gualandi Membrane 27 St.-A. Bol. Dem. S. Stefano 
Cass. 31/968 bis Nr. 1); nach Hugo und Lothar am 4. April 942 
(Sav. Nr. 23), nach Berengar II. und Adalbert am 18. Juli 959 
(Gualandi Membrane 28 St.-A. Bol. Dem. S. Stefano Cass. 31/967 
bis Nr. 2, wohl irrtümlich mit erstem, statt zehntem Regierungsjahr 
des Königs). 

70. D. Berengarii I. Nr. 63, Schiaparelli setzt die Urkunde 
zu „etwa 905“, weil Gams zu diesem Jahre Bischof Petrus verzeichnet. 
Doch könnte sie vielleicht schon im Dezember 898 ausgestellt sein, 
als der König in Bologna weilte; vgl. J>. Nr. 24. Denn Bischof 
Petrus wurde vom Erzbischof Kailo von Ravenna geweiht, der selbst 
seine Weihe von Papst Johann IX. (Anfang 898 bis 909; vgl. 


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aus einem Ort der romagnolischen Berglande in seinen 
Schutz, der in omnibus finibus Romanie gelten sollte 71 , ln 
dieser Periode, da also die Unterschiede zwischen dem 
Exarchat und dem Regnum Italicum zu schwinden begannen, 
drang auch die Grafschaftsverfassung in Bologna ein. Am 
1. Dezember 922 72 urkundete daselbst Angelbertus comes, 
der aller Wahrscheinlichkeit nach als regierender Graf von 
Bologna anzusehen ist 73 . Bald danach kann der Günstling 
König Rudolfs II., Bonifaz, der spätere Markgraf von Spoleto, 
in den Besitz der Bologneser Grafschaft gelangt sein, und 
ein Zweig seiner Familie behauptete sich in dieser Stellung 
(durch mehr als 150 Jahre bis hinab zu den Zeiten, in denen 
das Comune dem Grafen die Gewalt entrang 74 . 

Mit Otto I. und seinen Nachfolgern traten an die Stelle 
der italienischen Schattenkönige kraftvolle und hochstrebende 
Herrscher, die römische Kirche hingegen erlebte noch keinen 
Aufschwung. Da mußte sich das Machtverhältnis weiter 
zugunsten des Kaisertums verschieben. Zwar bestätigte Otto 
dem Papste die Schenkungen der Karolinger, den Exarchat 
Ravenna mit allen Städten von Cesena bis Bologna, aber aus* 


Lib. pontific. 2, LXVI1I; J.-L. 1, S. 442 f.) vor der Synode von 
Ravenna (im Mai ? 898; vgl. Schimneyer Kaiser Lambert 71 
Anm. 1) empfing. Das eigibt sich aus der invectiva in Romam 
(ed. Dümmler in Gesta Berengarii 153; vgl. auch S. 71 und Lib, 
pontific. 2, 240 Anm. 1). Wann Petrus starb und wann sein Nach¬ 
folger Johann den Erzbischofssitz von Ravenna einnahm, ist zweifel¬ 
haft (worauf mich Herr Dr. Hirsch aufmerksam machte). 

71. Mur. Ant. 1, 271. Es handelt sich um Leute aus Bagno 
di Romagna; vgl. auch das Privileg Lothars in Zeitschr. f. Oesch. 
des Oberrheins 6, 125. 

72. Gualandi Membrane 27 St.-A. Bol. Dem. S. Stefano Cass. 
31/967 bis Nr. 1. 

73. Vgl. auch Gaudenzi Nonantola 137. Die Hypothesen Gau- 
denzis (ebendort 134 ff.) über einen Orafen Dido halte ich nicht 
für zutreffend. 

74. Vgl. den Exkurs zur Einleitung. 


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drücklich knüpfte er daran die Wahrung der Oberhoheit 
für sich und seine Nachfolger und die Einsetzung der beiden 
missi, genau wie es die Constitution von 824 angeordnet 
hatte 75 . Wohl hielt er im Jahre 967, als er mit Johann XIII. 
in Ravenna zusammentraf, sein Versprechen, gab dem Papste 
urbem et terrain Ravennatium aliaque complura multis retro 
tömporibus Romanis pontificibus ablata zurück 70 , sonst aber 
respektierte er nicht mehr, wie die karolingischen Herrscher, 
die Rechte des Landesherrn, sondern schaltete in der 
Romagna, wie im übrigen Italien. Mit Vorliebe weilte er in 
Ravenna 77 , 971 in der regia aula, die er in honorem sui 
Claris edificiis fundarc preceperat 78 . Als er 969 seinen Feld¬ 
zug nach Calabrien unternahm, leisteten ihm die Bologneser 
Domherren Heeresfolge 79 . Mehr noch als ihn erfüllten seinen 
Enkel Otto III. die Ideen vom allgewaltigen Kaisertum. 
Beredter Interpret des kaiserlichen Gedankens war Bischof 
Leo von Vercelli 80 in der Urkunde Ottos von 1001 für die 
römische Kirche. Der Kaiser wies darin energisch zurück, 
daß irgend ein Karl den Päpsten öffentliche Rechte und Be¬ 
sitzungen verliehen habe, schenkte jetzt nur aus freien 
Stücken acht Grafschaften 81 . Als im selben Jahre Silvester 11. 
in Ravenna neben dem Kaiser zu Gericht saß, war es für 
lange Zeit das letzte Mal, daß ein Papst im Exarchat Hoheits¬ 
rechte ausübte 82 . Und Heinrich 11., der noch einmal der 


75. B.-O. 311; vgl. auch Sackur im N. A. 25, 409 ff. 

76. B.-O. 443 b. 

77. Köpke-Dümmler Kaiser Otto der Große 475. 

78. B.-O. 530. 

79. B.-O. 492. Die Frage, ob der Kaiser, indem er über Güter 
von Landesverrätern in der Grafschaft Bologna verfügte (B.-O. 348), 
sich damit neue Rechte anmaßte, wage ich nicht zu entscheiden. 

80. Bloch Beiträge zur Gcsch. Leos von Vercelli im N. A. 
22, 92 ff. 

81. M. G. DD. 2, 2, Nr. 389. 

82. Ficker Forsch. 2, 315. 


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römischen Kirche das Privileg Ottos I. erneuerte 83 , war 
Ebenso weit davon entfernt, seinen Inhalt zu realisieren, wie 
das Papsttum dahingehende Forderungen zu stellen 84 . In 
der Folgezeit wurde auch eine nur formale Erneuerung der 
kaiserlichen Versprechungen für überflüssig erachtet. 

Als man nun an die Aufgabe herantrat, dem Lande eine 
neue Organisation zu geben, da machten sich zwei für die 
Zeit allgemein charakteristische Tendenzen geltend. Einmal 
der politische Grundsatz der deutschen Herrscher, sich auf 
die geistlichen Fürsten zu stützen, dann das Streben, größere 
Herrschaftskomplexe in einer Hand zu vereinigen, das in 
andern Teilen Italiens in den Markgrafenschaften zum Aus¬ 
druck kam 83 . Bei diesen Bemühungen trafen sich die Otto- 
nischen Herrscher und die Ravennatischen Erzbischöfe. 
Schon die erste sich bietende Gelegenheit hatte man in Ra¬ 
venna benutzt, um sich bei den neuen Gebietern in Gunst 
zu setzen. Bereits 952, als noch Berengar II. und Adalbert 
nominell als Herrscher im Exarchat galten 86 , erschien Erz¬ 
bischof Petrus auf dem Reichstage zu Augsburg 87 . Bei 
dem Zuge nach Rom zur Kaiserkrönung erlangte er von 
Otto I. ein Immunitätsprivileg, wie es bisher nur die Päpste 
Ravenna verliehen hatten 88 . Auch bei dem Vorgehen des 
Kaisers gegen Johann XII. weilte Petrus an seiner Seite 89 . 
Und seine Vertrauensstellung beim Herrscher trat zutage, als 
er auf der Ravennater Synode von 968 zwecks Erhebung 
Magdeburgs zum Erzbistum den Vorsitz führte 90 . Unter 


83. M. O. DD. 3, Nr. 427. 

84. Hirsch Jahrbücher des deutschen Reiches unter Henrich II. 
3, 169. 

85. Vgl. Bresslau Konrad II. 1, 439 ff. 

86. Vgl. oben S. 18 Anm. 69. 

87. B.-O. 217 a. 

88. B.-O. 309. 

89. Köpkc-Dümmler Kaiser Otto der Große 349. 

90. B.-O. 473 a. 


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Otto II.® 1 , Theophano 92 und Otto III. waren die engen 
Beziehungen Ravennas zum sächsischen Kaiserhause nur iin 
Steigen. 

Was die Erzbischöfe aus eigener Kraft nicht vermocht 
— ihre Herrschaft in der Romagna aufzurichten —, das 
konnten sie jetzt versuchen, da ihnen die deutschen Kaiser 
die Hand boten. Die Anfänge dieser Entwicklung liegen 
im Dunkel. Wir erfahren aus einer Urkunde von 978 nur 1 '*, 
daß der Bischof von Forli und sein Bruder, der Graf Lambert, 
dem Erzbischof die Hälfte der districtio — wohl gemeint 
die gerichtlichen Einkünfte - der Stadt Ravenna und Co- 
macchios und anderes überließen und sich zur Entschädigung 
verpflichteten, falls Papst oder Kaiser Einspruch erheben 
(würden. Ob das damals geschehen, wissen wir nicht. Aber 
nach etwa zwei Jahrzehnten erreichten die Erzbischöfe ihre 
Wünsche im vollsten Umfange. Gregor V. verlieh ihnen die 
Meeresküste vom Po di Volano bis nach Cervia, die Stadt 
Ravenna mit allen öffentlichen Rechten, die Grafschaften 
Comacchio und Cesena und manches andere 94 . Ihm folgte 
Otto III. Er bestätigte die päpstlichen Schenkungen und 
fügte die Grafschaften Cervia, Forlimpopoli, Forli und Imola 
hinzu, verlieh ihnen besonders alle legitima potestas et 
districtio vom adriatischen Meer bis zur Modeneser Grenze 95 
und südlich bis zum Apennin 9 *. Das Gebiet, das so in 
der Hand der Erzbischöfe vereinigt wurde, entsprach unge- 


91. Vgl. Uhlirz Jahrbücher des deutschen Reiches unter Otto II. 
145, 177 und 200; Giescbrccht 1, 509. 

92. Vgl. ihr Diplom Nr. 2 in M. G. DD. 2, 2 und Hübner 
Gerichtsurkunden Nr. 1066. 

93. Fantuzzi Mon. Raven. 4, 182, aber mit 6. Regicrungs- 
jahr Papst Benedicts. 

94. J.-L. 3873 und 3883. 

95. Nämlich bis zum Rcno; vgl. oben S. 6 Anm. 20. 

96. M. G. DD. 2, 2 Nr. 330, 341 und 418; vgl. Sauer Schrift 
des ü. Valla Rhcgicnsis über den Exarchat von Italien Göttinger 
Diss. 1905, 32ff.; 37 ff. und 63. 


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fahr dem Umfange des alten Exarchats. Nochmals also kam 
trotz der Wandlungen, die im letzten Jahrhundert vor sich 
gegangen waren, die traditionelle Zusammengehörigkeit 
jener Landschaften zum Ausdruck. 

Otto III. hatte den Ravennatischen Kirchenfürsten 
größere Gewalt gegeben, als den Absichten seiner mehr 
realpoiitisch denkenden Nachfolger, Heinrichs II., Kon- 
rads II. und Heinrichs III. entsprach. Zwar ließen diese 
Herrscher die Erzbischöfe im Besitz des größeren Teils der 
Grafschaften 97 , aber sie trugen Sorge, daß sie an ihnen stets 
gefügige Werkzeuge fanden. Wie sie auch sonst die Bischofs¬ 
sitze Italiens Männern deutscher Abstammung vorbehielten, 
so bestellten sie von 1014 ab nur Deutsche als Leiter des 
Erzbistums Ravenna 98 . Und von einem ihrer Reihe, Gebhard, 
erfahren wir, daß er sich mit einer Anzahl deutscher Ritter 
umgab 99 . Ferner erlitten die Befugnisse der Erzbischöfe 
eine erhebliche Einschränkung. Hatte Otto III. ihnen omnia 
placita et districtus et bannum in allen ihren Bistümern und 
Grafschaften verliehen 100 , so bestätigte das keiner der drei 
Kaiser. Dafür verstärkten sie die Reichsgerichtsbarkeit. Ja, 
'man hat die Vermutung ausgesprochen, daß damals für die 
Vertreter voller königlicher Machtvollkommenheit, die wan- 

97. Vgl. die Privilegien Heinrichs II. (M. O. DD. 3 Nr. 290 
bis), Konrads II. (M. O. DDj. 4 Nr. 119) und Heinrichs IV. St. 2621 
(daß sich kein Diplom Heinrichs III. erhalten hat, spricht nicht 
gegen die Annahme) und dazu die Urkunde des Königsboten Pilgrim 
von 1017 (Sav. Nr. 43), in der in der Lücke die fehlenden Graf¬ 
schaften längs der Via Emilia ohne Bedenken ergänzt werden können. 

98. So 1014 Arnold (Hirsch Heinrich II. 2, 417), 1019 Heribert 
(Abkunft ungewiß, Hirsch 3, 137), 1027 Gebhard (Brcsslau Konrad II. 
2, 181), 1044 Widger (Steindorff Heinrich III. 1, 254), 1046 Hunfrid 
(Steindorff 317 f.), 1052 Heinrich (Steindorff 2, 170). Dagegen ist 
der 1072 Erzbischof gewordene Wibtrt italienischer Abkunft (Köhncke, 
Wibert von Ravenna 1 ff.). 

99. Bresslau Konrad II. 2, 182. 

100. M. G. DD. 2, 2 Nr. 416 == 419. 


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demden Königsboten, in der Romagna ein fester Missions¬ 
sprengel geschaffen wurde 101 — eine Einrichtung, an die ein 
Jahrhundert später Friedrich I. wahrscheinlich anknüpfte. 
Auch sprechen einige Anzeichen dafür, daß ähnlich, wie in 
staufischer Zeit, die westlichen Teile des Exarchats schon 
damals eine besondere Behandlung erfuhren. So wurde 
die Grafschaft Faenza nur zeitweise in dem Besitz der Erz¬ 
bischöfe gelassen 108 , im Jahre 1047 Imola von besonderen 
kaiserlichen Beamten verwaltet 103 . Leider gibt die bisher 
wenig beachtete 104 Urkunde, die von der zuletzt erwähnten 
Maßregel berichtet, über ihre Dauer und ihren Zweck keinen 
Aufschluß 105 . 

Die von den sächsischen und fränkischen Kaisern ge¬ 
schaffene Verwaltungsorganisation der Romagna und die 


101. Ficker Forsch. 2, 127. 

10Z Soweit die lückenhafte Ueberlieferung ein Urteil gestattet, 
darf man annehmen, daß die Erzbischöfe potestas et districtio bis 
zum Reno nicht mehr bestätigt erhielten. Die Privilegien Hein¬ 
richs II. (M. G. DD. 3 Nr. 290 bis) und Heinrichs IV. St. 2621 
= 2822 enthalten Faenza nicht (der Umfang der Besitzaufzählung 
im Diplom Konrads II., M. G. DD. 4 Nr. 119 läßt sich nicht 
sicher feststellen). Diese Grafschaft findet sich nur in der Urkunde 
von 1017 (Spv. Nr. 43) und wird 1034 von Konrad II. den Erz¬ 
bischöfen besonders bestätigt (DD. 4 Nr. 208). 

103. (Fantuzzi Mon. Rjav. 6, 29 A. SassateHi zu Imola) 
im Mpi und Juni 1047 (dabei auffallend, daß noch nach Jahren 
Gregors VI. gerechnet wird) läßt der Bischof von Imola die Grenzen 
eines Klosters feststellen. Das geschieht cum oonsilio et voluntate 
d. Ramberti presbiteri et prepositi Papiensis et d. Be^olini comiti 
vasallis eiusdem Henrici imperatoris, qui tune tenebant dominacionen 
predicte civitatis Comel. Als Schreiber fungiert Lauren^io notarius 
Henrici imperatoris (das ist kein gewöhnlicher Ortsnotar; vgl. Bress- 
lau Handbuch der Urkundenlehre 1, 438 f.). 

104. Nur von Ficker Forsch. 2, 129. 

105. In den dreißiger Jahren hatte Imola einen eigenen Grafen 
(Fantuzzi Mon. Rav. 1, 270; Hübner Gerichtsurkunden Nr. 1305 
und 9). Zur Zeit Heinrichs IV. gehörte die Grafschaft Imola wieder 
den Erzbischöfen von Ravenna; vgl. die Diplome St. 2621 und 2822. 


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'dabei den Ravennatischen Erzbischöfen eingeräumte Macht¬ 
stellung übten natürlich auf die lokalen Institutionen welt¬ 
licher und kirchlicher Art ihre Wirkung aus, so auch auf 
die Entwicklung der gräflichen und der bischöflichen Gewalt 
Bolognas. Unter der Regierung Ottos III. und Heinrichs II. 
gehörte die Bologneser Grafschaft den Erzbischöfen von 
Ravenna** 16 . Damals können die Nachkommen des Mark¬ 
grafen Bonifaz, wie so manche andere Grafen der 
Romagna 107 , nur Lehnsträger des Erzbischofs gewesen sein. 
Später dann, als die Herrschaft der Erzbischöfe auf die öst¬ 
lichen Gebiete der Romagna beschränkt wurde, gelang es 
den Bologneser Grafen das Verlorene wieder zu gewinnen. 
Graf Hugo strebte sogar danach, den Comitat Faenza zu 
erwerben. Es bedurfte erst der Vermittelung Konrads II. 108 , 
(damit Hugo 1034 vor dem Erzbischof auf Faenza verzichtete 
und nur die Hälfte dieser Grafschaft als Ravennatisches 
Lehen zurückerhielt 109 . Auf Bologna hingegen erhoben die 
Erzbischöfe, soweit sich sehen läßt, nie mehr Anspruch 110 . 


106. Vgl. oben S. ,22 Ahm. 95—97. Bologna findet sich 
unter den Grafschaften, die in der Urkunde Pilgrims von 1017 (Sav. 
Nr. 43) aufgezählt werden, hingegen nicht in den Diplomen der Nach¬ 
folger Ottos III. 

107. Vgl. Ficker Forsch. 1, 252 und dazu die Urkunden der 
Grafen von Bertinoro in AMR. 3, 12, 226 ff. Nr. 1, 3 und 4 (die 
Chronologie von 1 und 3 bedarf noch der Untersuchung; vgl. auch 
Köhncke Wibert von Ravenna 30 Anm. 5) und den Vasalleneid 
des Sohnes des Imoleser Grafen von 1097 in Fantuzzi Mon. Rav. 
4, 228. 

108. Vgl. Diplom Konrads II. in M. G. DD. 4 Nr. 208. 

109. Sav. Nr. 50 Or. im Erzbisch. A. zu Ravenna Caps. 
1 Nr. 4421 mit Ausstellungsort Stomatianus; vgl. auch Bresslau Kon- 
rad II. 2, 110 und 181. 

110. Bologneser Viccgrafen finde ich nur folgende erwähnt: Bei 
der gerichtlichen Handlung der Bologneser Grafenfamilie vom 14. Ja¬ 
nuar 1056 (vgl. Exkurs S. 42 Anin. 16) den Petrus, Sohn des ver¬ 
storbenen Hugo, in einer Urkunde vom 31. Oktober 1106 zu Bologna 
(St.-A. Bol. Dem. S. Giovanni i. M. Cass. 1/1341 Nr. 28) einen 


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Der Bologneser Bischofskirche brachte die Regierungs¬ 
periode der Ottonen und ersten Salier eine innere Stärkung. 
Unter Otto I. war es Bischof Adelbert 111 , der die bedrängte 
Lage seiner Kirche 118 zu beseitigen strebte. Er veranlaßte 
lwohl die Gerichtsverhandlung, die 969 unter dem Vorsitz des 
Kaisers stattfand und die strittige Diözesangrenze zwischen 
Modena und Bologna festlegte 113 . Vier Jahre darauherlangte 
er auf einer Synode des Erzbischofs von Ravenna 11 * vom 
Bischof von Parma einen Teil der einst durch die Schuld 
des Mainbertus verloren gegangenen Besitzungen zurück 115 . 
Ob die Nachfolger Adelberts, Johann, und Frugerius 116 , 


Rambertus, in einer bei Bologna 1108 gegebenen Urkunde (St.-A. 
BoL Dem. S. Stefano Cass. 34/970 Nr. 23) einen Guido. 

111. Er ist zuerst erwähnt in der oben S. 18 Anm. 69 ange¬ 
führten Urkunde vom 18. Juli 959, möglicherweise aber schon 
in dem RaVennater Synodalakt von 955 (vgl. Fantuzzi Mon. Rav. 
3, 1 und Savioli 1, HO Anm. Q) und findet sich zuletzt in Ravenna 
am 16. Juli 983 bei einer Gerichtssitzung Ottos II.; vgl. M. G. 
DD. 2, 1 Nr. 315. 

112. So heißt es in dem sogleich zu erwähnenden Synodalakt 
von 973: Die inopia der Bologneser Kirche war so groß, daß der 
Bischof suarum ecclesiarum sarta tecta clcricorum pauperumve sumpti- 
bus necessaria suppeditare nullatenus valeret. 

113. Ueberliefert ist uns nur die Aufzeichnung von Zeugen¬ 
aussagen (B.-O. 498) hauptsächlich von Leuten aus Semelano (nörd¬ 
lich von Castel d’Ajano) und Rocca Pitigliana (westlich von Savi- 
gnano am Reno) über den Verlauf der Grenzen von Corno alle 
Scale bis hinab in die Nähe von Serravalle. Im einzelnen ver¬ 
mag ich die Angaben nur zum geringsten Teil mit modernen Oert- 
lichkeiten zu identifizieren. 

114. Sav. Nr. 32 Abschr. in der Univ. Bibi. Bol. Nr. 317 to. 
27 Nr. 8; und zwar im September; vgl. Rubcus Ravenna 252. 

115. In der Urkunde heißt es nur: quedam Io ca iuxta Bononiam 
sita iuris ecclesie Bononicnsis; aber ich trage kein Bedenken, wie 
Gaudenzi (Nonantola 196), darunter wesentlich die Schenkungen des 
Mainbertus zu verstehen. 

116. Vgl. Lanzonj 203. Johann wird zuerst auf einer Ra- 

vennatcr Synode vom 1. Mai 997 ? (Ughelli 2, 354) erwähnt 

und im Jahjx* 1017? (vgl. Exkurs S. 41 Anm. 11) ur- 


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seine Bemühungen fortsetzten, ist nicht bekannt. Mit 
Adalfred 117 kam dann ein Mitglied der Hofgeistlidikeit Kon- 
rads II. 118 auf den Bologneser Bischofssitz. Er blieb von den 
Reformbestrebungen, die damals die italienische Geistlichkeit 
erfüllten 119 , nicht unberührt 120 . 1045 beschränkte er die Zahl 
der Mitglieder des Domkapitels auf fünfzig und reservierte 
sich die Neubesetzung der Klerikerstellen, während das 
Kapitel nur das Zustimmungsrecht erhielt 121 . Neun Jahre 
später reformierte er, vermutlich unter dem Einfluß seines 
Archidiakon Lambert 122 , das Domstift und stattete es mit 
Besitz aus 123 , den Kaiser und Papst, beide vermutlich 1055, 
bestätigten 124 . Die Bologneser Kirche wurde also damals 


kundlich als verstorben bezeichnet. Den Frugerius nennt die Trans- 
latio SS. Vitalis et Agricole (zuletzt gedruckt im Annuario 1900/1 
142 f.) zu 1019, und jm selben Jahre erhielt der Bischof eine Schen¬ 
kung, wie eine Urkunde von 1048 (Erzbisch.-A. Bol. Lib. A Nr. 3) 

berichtet Er starb vermutlich an einem 11. November; vgl. den 
Necrolog im N. A. 5, 442. 

117. Er findet sich zuerst in einer Urk. vom 6. Juni 1030 

(Fantuzzi Mon. Rav. 4, 198). 

118. Bresslau Konrad II. 2, 184 f. 

119. Vgl. Dresdner Kultur- und Sittengesch. der ital. Geistlich¬ 
keit 16 ff. 

120. Vgl. Steindorff Heinrich III. 1, Kl und Tarlazzi Mon. 

Raven. 1 Nr. 10. Dagegen ist die Nachricht bei Tomba, Serie 
de’ vescovi di Bologna 2. Aufl. 56 (von ihm übernahm sie Calindri 
Pianura 1, 124 mit falscher Quellenangabe), daß der Bischof dem 
Florentiner Reformmönch Johannes Gualberti am 31. (!) Juni 1045 
den Ort Montovolo geschenkt habe, unglaubwürdig; denn einmal 
veröffentlicht Tomba noch andere augenscheinlich gefälschte Urkunden¬ 
auszüge, dann verlieh Adalfred 1054 (vgl. N. A. 31. 572) die Kirche 
S. Maria in Montovolo seinem Domkapitel, und endlich wird sonst 
niemals Montovolo unter den Besitzungen von Vallombrosa aufgeführt 
(vgl. Davidsohn Gesch. 1, 188). 

121. Vgl. N. A. 31, 568 ff. und 556 ff. 

122. Ebenda 554 f. 

123. Ebenda 571 ff. 

124. Ebenda 561 ff., 566 ff., auch 551 und passim. 


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von tüchtigen Bischöfen, die sich noch dazu der Gunst der 
deutschen Herrscher erfreuten, geleitet. Dennoch gelang es 
diesen nicht, eine erhebliche politische Position zu erringen. 
Wohl besaßen sie 125 eine stattliche Reihe von Abteien, Ge¬ 
rechtsame in Stadt und Grafschaft, wichtige Höfe und 
Kastelle, wie nahe dem oberen Renotal einen Hof bei 
Montovolo (östlich von Savignano), dann Montecavalloro und 
besonders Bombiana, im Tal der Savena Brento (oberhalb 
Pianoros) und Jola 12c (bei S. Ruffillo), ferner eine größere 
Besitzung in Panigale und den Hof Massumatico (östlich von 
Cento). Mit alle dem aber verfügten sie nicht über eine 
Macht, die sich mit der anderer Bischöfe Italiens, die zum Teil 
damals in den Besitz der gräflichen Gewalt gelangt waren, 
vergleichen ließe. Der Grund für diesen bemerkenswerten 
Unterschied läßt sich nur mit einiger Wahrscheinlichkeit an¬ 
geben. Unter der Regierung'Ottos III. und Heinrichs II. 
nahm die gebietende Stellung ihres Metropoliten den Bolo¬ 
gneser Bischöfen die Möglichkeit, nach weltlicher Herrschaft 
zu streben. Und in den folgenden Jahrzehnten scheinen die 
deutschen Herrscher Wert darauf gelegt zu haben, daß den 
Grafen Bolognas ihre Position erhalten blieb. 

Wir sind bis etwa in die Mitte des elften Jahrhunderts 
gekommen. Das Kaisertum und mit ihm und von ihm ab¬ 
hängig die Erzbischöfe von Ravenna waren zur größten 
Machtentfaltung im Exarchat gelangt; der Einfluß Roms 
schien so gut wie ausgeschaltet. Da aber brachte das Neu¬ 
erstarken des reformierten Papsttums einen Umschwung. 
Schritt um Schritt erhöhte die römische Kirche ihre Forde¬ 
rungen. Der erste Papst, der wieder das allgemein kirch¬ 
liche Interesse vertrat, Leo IX. griff zurück auf die Zeiten 

125. Vgl. das Privileg Gregors VII. J.-L. 4817 und dazu S. 33 
Aiim. 154. 

126 Die Identifizierung von Ccllula mit Jola ist nicht ganz 
sicher, jedenfalls aber lag es an der Savena und wenig südöstlich 
von Bologna; vgl. Sav. Nr. 41, 


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Nikolaus’ I., erneuerte vermutlich dem Ravennatischen Metro¬ 
politen gegenüber den Anspruch auf den päpstlichen 
Primat 127 . Aber noch lebte Heinrich III., der eine Aus¬ 
söhnung zwischen Rom und Ravenna erwirkte 128 . Was 
Leo IX. vielleicht gefordert, und noch mehr erreichte 
Alexander II. Erzbischof Heinrich starb im Bann 129 , be¬ 
sonders weil er gew agt hatte, einen römischen Kardinal ge¬ 
fangen zu nehmen 130 . Und sein Nachfolger Wibert mußte 
1073 einen Eid leisten, wie ihn bisher keiner seiner Vorgänger 
geschworen hatte 131 , „der ihn wie einen Lehensmann an den 
Papst band“ 132 . Das höchste Ziel faßte Gregor VII. ins 
Auge. Kaum hatte er die Zügel der Regierung ergriffen, so 
erhob er Herrschaftsansprüche, die seit zweihundert Jahren 
nicht laut geworden waren 133 . Er schrieb an den Grafen von 
Imola: Ihm seien Klagen zu Ohren gekommen, die er nicht 
glauben könne. Obwohl die Bew'ohner von Imola der römi¬ 
schen Kirche den Treueid geleistet, trachte der Ravennatische 
Erzbischof danach, sie zu unterjochen. Er stellte das Ein¬ 
treffen päpstlicher Gesandten in Aussicht, die Abhilfe schaffen 
würden 131 . 

Da die Erzbischöfe ihre Stellung in der Romagna den 
deutschen Herrschern verdankten, zeigten sie sich, solange 
jenseit der Alpen ein unmündiges Kind regierte, nicht fähig, 
den Päpsten energischen Widerstand entgegenzusetzen 13 ’. 


127. Näheres ist nicht bekannt; vgl. Steindorff Heinrich III. 
2, 131. 

128. hlauck Kirchengesch. 3, 614. 

129. Meyer von Kn. Heinrich IV. 1, 587 und 2, 164. 

130. J.-L. 4578. 

131. Meyer von Kn. 2, 201. 

132. Hauck 764. 

133. Ficker Forsch. 2, 315. 

134. J.-L. 4781. 

135. Vgl. Meyer von Kn. 2, 348, 416 und 423 über Erzbischof 
Wibert. 


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Der regte sich erst 136 , als 1075 Heinrich IV. in die italieni¬ 
schen Verhältnisse eingriff 137 . Und da im folgenden Jahre 
der Konflikt zwischen Papst und König zum offenen Aus¬ 
bruch kam, trat Erzbischof Wibert auf des letzteren Seite. 
Er leitete die italienischen Bischöfe, die Gregor VII. den Ge¬ 
horsam aufkündigten 136 Dieser antwortete mit Ab¬ 
setzung 139 . 1080 vereinigten sich Wibert und Heinrich 
dauernd gegen Rom, indem der Erzbischof zum kaiserlichen 
Papst erhoben wurde 140 . Nun mußten die Waffen ent¬ 
scheiden. 

Eine mächtige Bundesgenossin fand Gregor VII. an der 
Großgräfin Mathilde, der Erbin der sich in breiter Linie von 
Ober- nach Mittelitalien erstreckenden Canossanischen Haus¬ 
macht. Wie die Erzbischöfe von Ravenna, so verdankte auch 
das Haus Canossa seine Machtstellung ursprünglich den 
deutschen Herrschern. Und gleich jenen Kirchenfürsten 
hatten auch die Canossanischen Markgrafen anfangs treue 
Anhänglichkeit an den Kaiser zur Richtschnur ihrer Politik 
gemacht 141 . So war Adalbert Atto in den Besitz der Graf¬ 
schaften Reggio und Modena, dann auch von Mantua ge¬ 
langt 142 , sein Sohn Thebald hatte Brescia und Ferrara hin¬ 
zugewonnen 143 , und sein Enkel Bonifaz hatte mit der Er¬ 
werbung Tusciens 144 auch südlich des Apennin seine Macht¬ 
stellung weit ausgedehnt. Von Norden, Westen und Süden 
umklammerten so die Canossaner den Exarchat und be¬ 
sonders das Gebiet von Bologna. Dazu geboten sie als 


136. Meyer von Kn. 2, 478«., 574 f. und 643. 

137. Meyer von Kn. 2, 571 ff. 

138. Meyer von Kn. 2, 676. 

139. Meyer von Kn. 3, 107 und 167. 

140. Meyer von Kn. 3, 293«. 

141. ßresslau Konrad II. 1, 431«., 71; 2, 169, 259, 276; Stein- 
dor« Heinrich III. 1, 313. 

142. Bresslau 1, 436. 

143. ßresslau 1, 437 f. 

144. Davidsohn Gesch. 1, 157 Anni. 2. 


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Grafen von Modena, wie früher ausgeführt, über wichtige 
Teile der Bologneser Lande, ja verfügten auch über einen 
erheblichen Allodialbesitz innerhalb des Bologneser Terri- 
toriums. In der Ebene, nördlich und östlich der Stadt, ge¬ 
hörten ihnen zwei größere Enklaven um Argelato und Medi- 
cina, im Apennin beherrschten .sie eine Reihe strategisch 
wichtiger Punkte, den Zugang zur oberen Samoggia mit 
Bazzano und Monteveglio, den zum Lavino mit Zola Predosa, 
Gesso und Rigosa, dann das Renotal durch eine Kette 
Von Besitzungen von Rodiano bis Casio, zu denen man auch 
solche nahe der Limentra von Savignano bis Torri rechnen 
kann, endlich die für die Verbindung mit Florenz wichtigen 
Orte, wie Creda und Baragazza (nahe der Setta) und (öst¬ 
lich von Lojano) Barbarolo und Scanello 115 . Daß da die 
Gräfin Mathilde leicht ihren Einfluß auf Bologna geltend 
machen konnte, steht außer Zweifel. Dagegen entbehrt die 
Annahme, die Bologneser Grafschaft selbst habe zeitweise 
zu ihrem Herrschaftsgebiet gehört, der Begründung 14,! . 


145. Overmann S. 14 und 25ff.; auch Schneider in Quell, u. 
Forsch, aus Ital. Arch. 11, 50 ff. 

146. Man hat dafür folgendes angeführt: 1. Eine Quergasse 
der Via Mazzini trägt no:‘n (heute den Namen Vii Castel Tialto, 
sie hieß im 13. Jahrhundert contrata Castri Tedaldi (vgl. Sav. 1, 
125 Anm. P; die Urkunden von 1251 und 1269 St.-A. Bol. Dem. S. 
Francesco Libro 335/5078 Nr. 108 und Nr. 44; Frati Stat. 2, 622). 
Daraus schloß man, daß die Canossaner bei Bologna, ebenso wie 
bei Ferrara, eine Burg errichtet hätten. Während aber das Ferra- 
resische Castel Tedaldo in den folgenden Jahrhunderten noch viel¬ 
fach erwähnt wird, fehlt in Bologna für das Vorhandensein einer 
wirklichen Burg jede Spur. Man darf in dem Namen der Straße 
vielmehr die Erinnerung an eine Waffentat, vielleicht an die Er¬ 
oberung Ferraras von 1240 vermuten. So hieß die jetzige Via 
Nosadella im 13. Jahrhundert contrata ubi dicitur castrum Ymole 
(Memorial. Nacimpacis quondam Petrizani in St.-A. Bol. f. 65 von 
1265 und die des Jacobus de Sulianis ebenda f. 48 v von 1274), 
wohl auch zum Andenken an einen Bologneser Sieg über Imola. 
2. Gaudenzi Nonantola 174 liest aus den Privilegien Alexanders III. 


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Die Machtstellung der Canossanischen Grafen mußte 
von dem Augenblicke an für die Geschicke der Romagna ver¬ 
hängnisvoll werden, da sie zu den Gegnern des Kaisers 
übertraten. Das geschah zuerst 1047, als Bonifaz mit dem 
Usurpator des päpstlichen Stuhles, Benedict IX., Beziehungen 
anknüpfte 147 . Sein gewaltsamer Tod 148 entzog ihn der Rache 
Heinrichs 111., aber seine Gattin Beatrix, die Erbin seiner 
Macht, mußte 1055 den ganzen Groll des Kaisers fühlen 1 * :1 . 
Dabei verdankte Heinrich seine raschen Erfolge nicht zuletzt 
den Städten, die sich nördlich und südlich des Apennin 
gegen das Canossanische Regiment erhoben und vom Kaiser 
dafür mit Privilegien ausgestattet wurden 150 . Im Exarchat 
war die Entwicklung noch nicht so weit fortgeschritten; hier 
war es gerade die gebietende Stellung des Kaisertums und 
der von ihm abhängigen Gewalten, die den gelegentlichen 
Regungen innerhalb der romagnolischen Bürgerschaft 151 jede 
größere Bedeutung nahmen. Erst der Angriff, den das 
Papsttum, von der Großgräfin Mathilde unterstützt, unter¬ 
nahm, wirkte hier fördernd. Der Kampf tobte fast zwanzig 


(J.-L. 11768, in dem S. 33 Anm. 154 genannten Kodex auf p. 7, 
bei der Jahreszahl ist II in X zu korrigieren) und Urbans III. (J.-L. 
15994, auf p. 13 des Kodex) heraus, daß die Päpste die ihnen irt 
der Stadt Bologna zustehende Banngewalt von der Gräfin Mathilde 
geerbt hätten. Diese Interpretation halte ich für unrichtig, glaube 
vielmehr, daß das et vor excepto banno in der Alexander-Urkunde 
mit Recht steht, in der Urbans durch Schuld des Kopisten ausgefallen 
ist. — Vgl. auch S. 38 Anm. 176. 

147. Steindorff Heinrich III. 2, 28 und 37; Davidsohn Gesch. 
1, 185 f. 

148. Steindorff 172. 

149. Steindorff 299 ff. 

150. Steindorff 304 und 314 ff.; Davidsohn 197 ff. 

151. lieber den Aufstand in Ravenna von 1026 vgl. Bresslau- 
Konrad II. 1, 129 ff. Wieweit der Bericht des Tolosanus 607, 
daß die Ravennaten 1054 Forli zerstörten und daß dessen Bewohner 
bei den Faentinern Schutz fanden, der Wahrheit entspricht, wage 
ich nicht zu entscheiden. 


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Jahre und endigte eigentlich erst mit dem Tode Wiberts 
von Ravenna. Und zum politischen Konflikt gesellte sich die 
vom Investiturstreit hervorgerufene kirchliche Spaltung. Das 
Resultat war für Rom ungünstig, denn es konnte seine An¬ 
sprüche auf den Exarchat nicht (durchsetzen. Aber die Stellung 
der Ravennatischen Erzbischöfe wurde vernichtet, die bisher 
in der Romagna herrschenden Gewalten wurden allgemein 
geschwächt. So bot sich dem neuen Faktor, der nach 
Selbständigkeit ringenden Stadtgemeinde, Gelegenheit, her¬ 
vorzutreten. — Das ist nun im einzelnen für Bologna zu 
verfolgen. 

Wie zur Zeit Nikolaus’ I. das erstarkte Papsttum an den 
Bischöfen der Romagna Bundesgenossen gefunden hatte, 
so gehörte jetzt Bischof Lambert, der Nachfolger Adal- 
freds 152 , zu den Anhängern Alexanders II. 153 und 
Gregor VII. 15 *. Das Jahr seines Todes ist nicht über- 


152. Für die von mir (im N. A. 31, 554 f.) aufgestellte Hypo¬ 
these, Lambert sei schon Bischof gewesen, als Cadahis in Bologna 
weilte, lassen sich — was idi dort übersehen — Wahrscheinlich¬ 
keitsgründe beibringen. In einer Urkunde vom 7. Oktober 1062 
oder 1077 (Sav. Nr. 62) wird Bischof Lambert zusammen mit dem 
neuen Archidiakon Samuel erwähnt, und Samuel bekleidete (vgl. 
Sav. Nr. 61 St.-A. Bol. Dem. S. Pietro Cass. 20/207 Nr. 10) schon 
am 28. Februar des Jahres 1062 dieses Amt, also wird Lambert, sein 
mutmaßjcher Vorgänger, damals schon Bischof gewesen sein. 

153. Er datierte seine Schenkung an das Domstift vom 10. Juni 
1065 (Sav. Nr. 65. Or. im St.-A. Bol. Dem. S. Pietro Cass, 20/207 
Nr. 11) nach Regierungsjahren Alexanders II. und war bei dem Pri¬ 
vileg dieses Papstes für das Domkapitel vom 18. August 1066 (J.-L. 
4595 a; vgl. N. A. 31, 547 und passim) sicherlich nicht unbeteiligt, 

154. Er erhielt von ihm am 23. März 1074 ein Privileg, J.-L. 
4847, Abschrift aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in den 
Privilegia episcopatus Bonon., heute befindlich in den Atti di Ser, 
Rolando Castellani (Notar von 1403—1459) filza 43 Nr. 99 des 
Notar.-A. Bol. Bei diesem' Stande der Ueberlieferung können Un¬ 
korrektheiten des Textes nicht zur Verwerfung der Urkunde führen. 
Der ganze Schlußteil, von Hec omnia ab, ist kanzleigemäß; vgl. 
andere Bullen Gregors, wie J.-L. 4865 und 5015. Als Vorurkunden 


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liefert, doch erfolgte er vermutlich nach dem offenen Aus¬ 
bruch des Konfliktes zwischen Papst und König. Aehnlich 
wie im neunten Jahrhundert, kam es jetzt in Bologna zu einer 
zwiespältigen Bischofswahl 1 ® 5 . Der eine Bischof, Siegfried, 
wurde 1079 aüf der Fastensynode zusammen mit andern 
kaiserlichen Parteigängern exkommuniziert 156 . Ob er sich 
trotzdem in Bologna behaupten konnte, wissen wir nicht. 
Wahrscheinlich wirkte er noch 1084 in Rom bei der In¬ 
thronisation des zum Papst erhobenen Erzbischofs von 
Ravenna mit 157 , zw.ei Jahre später bezeichnete ihn eine Ur¬ 
kunde Wiberts als verstorben 158 . Damit war für seinen 


werden angeführt: Privilegien von Agabitus, Petagius und Gre* 
gorius Dialogus (!) — das können heute verlorene Fälschungen 
sein, die aber die Echtheit von J.-L. 4847 nicht beeinträchtigen — 
dann noch von Formosus. Letztere Urkunde, die gleichfalls ver¬ 
loren ist, hat vielleicht auf die Eingangsformeln unseres Gregoria- 
nums eingewirkt; vg(. die Worte: veniens visitare limina aposto- 
lorum und inclinati prepibus confirmamus, mit ähnlichen Wendungen 
in den Bullen J.-L. 3484 und 3499. Dann folgt, unter Wahrung 
des ius Romane ecclesie, die umfassende Besitzaufzählung. Die darin 
erwähnte Schenkung des Kaisers Jovinianus war, falls sie dem Papst 
in Urkundenform vorgelegt wurde, sicherlich eine Fälschung. Daß 
das Kloster S. Stefano schon als Gründung des h. Petronius bezeichnet 
wird, darf zu Bedenken keinen Anlaß geben, da die gleiche Legende 
schon in der Vita des h. Bononius (auctore Ratberto in Calogerä 
Racoolta d’opuscoli 21, 211), die der ersten Hälfte des 11. Jahr¬ 
hunderts angehört (vgl. Davidsohn Gesch. 1, 116 Anm. 5; Lanzoni 
252) erwähnt wird. Im ganzen darf die Urkunde Gregors wohl als 
echt angesehen werden, was natürlich einzelne Interpolationen nicht 
ausschließt 

155. Der Bischofskatalog (Lanzoni 203) berichtet: Gerardus et 
Liginfredus simul fuerunt 

156. M. O. Constitut. reg. 1 Nr. 389; Meyer v. Kn. Hein¬ 
rich IV. 3, 178. 

157. Meyer v. Kn. 3, 530 f. 

158. Die Schenkung Wiberts vom 15. Mai 1086 (J.-L. 5323 
Or. im Erzbisch. A. zu Ravenna Cass. F Nr. 2038) erfolgte zum 
Seelenheil des Bischofs Siegfried. 


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Gegner Gerhard, den Anhänger Roms, die Bahn frei. Auch 
fand er, so darf man annehmen, bei der Großgräfin Mathilde, 
die seit dem Abzüge Heinrichs aus Italien im Jahre 1084 159 
weiter im Interesse Gregors tätig war, die Bischofsstühle 
von Modena, Reggio und Pistoja besetzen half 160 , Unter¬ 
stützung. Jedenfalls konnte er am 23. November 1089 im 
bischöflichen Palast zu Bologna für ein Venetianisches 
Kloster eine Schenkungsurkunde ausstellen 161 . Bald danach 
erschien der Kaiser wieder in Italien 162 und richtete 1092 
seinen Angriff auf die Burgen der Mathilde an der Bolog¬ 
neser Grenze 163 . Aber militärische Mißerfolge zwangen ihn, 
das Land südlich des Po zu räumen, und im Frühjahr 1097 
verließ er für immer Italien 164 . Welche Wirkung diese Er¬ 
eignisse auf Bologna ausübten, ob Bischof Gerhard vor den 
Anhängern Heinrichs IV. weichen mußte, welche seine 
letzten Lebensschicksale gewesen? — auf alle diese Fragen 
muß man die Antwort schuldig bleiben. Das allgemeine 
Dunkel erhellt erst der Brief, den Urban II., von Frank¬ 
reich heimkehrend, am 19. September 1096 an Klerus und 
Volk von Bologna richtete 165 . Er dankte darin allen, die 


159. Meyer v. Kn. 3, 565 ff. 

160. Meyer v. Kn. 4, 74. 

16(1. Savioli Nr. 80 Abschr. des 13. Jahrhunderts im St.-A. 
zu Venedig Fondo S. Giorgio Maggiore, mit den Daten 1089, In- 
dictkui 12, die 8. mensis novemlbris exeunt., in palatio S. Petri. Der 
Text ist durch das ebendort befindliche Or. der Nachurkunde Bischof 
Victors vom 10. Juli 1110 gesichert. An gleicher Stelle findet 
sich noch eine verdorbene Abschrift des 12. Jahrhunderts, die den 
Text aus dem Privileg Gerhards, das Eschatokoll aus dem Victors 
entnommen hat. 

162. Meyer v. Kn. 4, 279. 

163. Meyer v. Kn. 4, 375 ff. 

164. Meyer v. Kn. 5, 1. 

165. J.-L. 5670. Nach gütiger Mitteilung Herrn Geheimrats 
Kehr enthält der Cod. Vaticanus des 12. Jahrhunderts Nr. 478 auf 
fo. 144 dieses Schreiben sowie das bald zu erwähnende J.-L. 5694 
als Nachtrag von einer vom Schreiber des Kodex abweichenden Hand. 


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stets treu zu Rom gehalten, und auch denen, die jetzt die 
Gegenpartei verlassen hatten, bat sie, dem neuen Bischof 
Bernhard, den er ihnen bestimmt, mit Liebe entgegenzu¬ 
kommen. Dann sprach er seine lebhafte Freude darüber aus, 
daß auch in Bologna die Aufforderung, das heilige Grab 
befreien zu helfen, nicht ohne Wirkung geblieben, und teilte 
die Bestimmungen mit, die zu Clermont für die Kreuzfahrer 
erlassen waren 160 . Da das Schreiben den regierenden 
Grafen ignoriert, so darf man folgern, daß er zur kaiser¬ 
lichen Partei gehörte 167 . Also ein Teil der Bologneser 
Bürgerschaft stand seinem Stadtherrn feindlich gegenüber. 
Ueber den Verlauf des Konfliktes fehlen die Nachrichten, 
aber der Ausgang läßt sich erkennen. Der von den An¬ 
hängern Heinrichs IV. erhobene Bischof war so bedeutungs¬ 
los, daß von ihm nur d[er Name überliefert ist 168 . Anders 
sein Gegner Bernhard 169 . Er, der sich der Gunst der Gräfin 
Mathilde erfreute 170 , reformierte seine Kirche im Sinne 
Roms. Und als er am 15. April 1104 starb 171 , da wurde 


166. Hagcnmeyer Die Kreuzzugsbriefe aus den Jahren 1088 
bis 1100 216. Das (fort angeführte (215) Verzeichnis von Bolo¬ 
gneser Adligen, die am Zuge teilgenommen haben sollen, ist ohne 
historischen Wert. 

167. Dafür ließe sich auch anführen, daß alle im Exkurs notierten 
Urkunden dieser Zeit nach Regierungsjahren Heinrichs IV. datiert sind. 

168. Der Bischofskatalog (Lanzoni 203) gibt an: Bemardus 
et Petrus uno tempore fuerunt. 

169. Er war wahrscheinlich Bologneser Domherr gewesen (vgl. 
die bald zu erwähnende Grabschrift) und Unterzeichnete wohl als 
solcher die oben Ajim. 161 erwähnte Urkunde Bischof Gerhards 
von 1089. 

170. Am 9. August 1098 beschenkte Mathilde, in Gegenwart 
Bernhards, das dem Bischof gehörende Hospital S. Michele nahe 
dem Reno im Gebiet von Bombiana (Overmann Reg. 52 Or. im 
Stadt-A. zu Pistoja Arch. Diplomatico Nr. 43) und am 19. Juli 1105 
machte sic beträchtliche Verleihungen zugunsten des Bologneser Dom¬ 
kapitels (Overmann Reg. 91. Or. im Kapitel-A. Bol. B. 1 Nr. 11). 

171. Vgl. den Brief Urbans II. an ihn vom 17. April 1097/8 


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ein Nachfolger namens Victor gewählt 172 , ohne daß die 
Kaiserlichen ihm einen Kandidaten entgegenstellten. Victor 
empfing dann vom Papst den Lohn für die Romtreue Haltung 
seiner Vorgänger. Auf der Synode zu Guastalla 173 ent¬ 
zog Paschal II. das Bologneser Bistum der Metropolitan¬ 
gewalt der Ravennatischen Erzbischöfe und bestimmte in 
einem Privileg vom Ö. März 1114, daß der gewählte Bischof 
von Bologna vom Papst geweiht werde 174 . — Welche 
Haltung die Bologneser Grafen seit dem Ende des elften 


(J.-L. 5694, vgl. oben Anm. 165), die Geistlichen betreffend, die von 
Wibertisten ordiniert waren, dann seine Grabschrift in S. Stefano 
(in der Kapelle S. Giovanni der Kirche S. Trinitä wohl noch aus 
dem 12. Jahrhundert, gedruckt bei Sav. 1, 163. Wlorauf die Verse: 
Hic opibus vanis pro Christo factus inanis DispUcuit regi vcl proprio 
generi, anspielen, vermag ich nicht anzugeben). 

172. Villola zu 1104. Er wird urkundlich zuerst erwähnt am 
7. Mai 1105 (Or. im St.-A. Bol. Dem. S. Gipvanni i. M. Cass, 1/1341 
Nr. 25, cit. in Sarti 1, 635 Anm. 4). 

173. M. G. Gonstitut. reg. 1 Nr. 395. 

174. J.-L. 6387, Abschr. in dem S. 33 Anm. 154 erwähnten 
Kodex p. 3 mit der Datierung 2. Non. Martii 1115 (!). Ein wesent¬ 
licher Teil des Textes ist durch die Uebereinstimmung mit der Ur¬ 
kunde J.-L. 6371 gesichert, doch ist die Besitzaufzählung vielleicht 
nicht ganz einwandsfrei. Gegcjnüber dem Privileg Gregors VII. 
und dem mit diesem genau übereinstimmenden Lucius’ II. J.-L. 
8602, das dann wieder von Alexander III. J.-L. 11643 mit einigen 
Zusätzen wiederholt wurde, verzeichnet die Paschal-Urkunde eine Reiho 
von Besitzungen nicht, bringt dafür aber mehrere neue. Von 
ihnen bestätigt derselbe Papst S. Lucia de Roffeno 1112 der Abtei 
Nonantola (J.-L. 6332). Doch kommen solche Irrtümer der päpst¬ 
lichen Kanzlei auch sonst noch vor. Dann verleiht die Paschal- 
Urkunde die masse Vulpini, Mozolarii und Nerpulini, die nach der 
Bulle Urbans III. J.-L. 15994 erst von Anastasius IV. der Bolog¬ 
neser Kirche überlassen wurden. Aber auch hier läßt sich gegen 
die Annahme der Interpolation einwenden, daß in J.-L. 15994 diese 
Namen ungeschickt in den Text der Vorurkunde, Alexander III. 
J.-L. 11768, cingeschoben sein können, daß sie also möglicherweise 
nicht zu den von Anastasius überlassenen Besitzungen gehören. 


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Jahrhunderis dem römisch gesinnten Bischof und dessen 
Beschützerin, der Gräfin Mathilde, gegenüber cinnahmcn, 
ist nicht bekannt. Allem Anschein nach aber kam es nicht 
zu ihrer Vertreibung, sondern sie behaupteten sich in ihrer 
Stellung 175 . Ab dann Heinrich V., vom Papste anerkannt, 
den Thron bestiegen hatte und auf seinem ersten Römer¬ 
zuge mit der Großgräfin nicht nur freundliche Beziehungen 
anknüpfte, sondern auch von ihr wahrscheinlich zum Erben 
eingesetzt wurde 176 , da werden sich die Gegensätze in 
Bologna ausgeglichen haben. 

So waren gegen Ende des Investiturkampfes die alten 
Zustände, abgesehen von dem Sturze der Erzbischöfe von 
Ravenna, äußerlich wiederhergestellt. Aber die Bologneser 
Bürgerschaft hatte in dem langen Streit eine innere Wand¬ 
lung durchgemacht, war gleichsam mündig geworden. Wohl 
berichten die Quellen nicht, daß sie, wie manche andere 
Stadtgemeinden, tätig in den Kampf cingegriffen, aber der 
Brief Urbans II. zeigt, daß der Papst sie als Machtfaktor 
anerkannte. Ihre politische Entwicklung wird also damals 
schon auf eine Stufe gelangt sein, von der der Schritt zur 
Selbständigkeit nicht mehr allzu groß war. Erreichen 
konnte sie dieses Ziel nur im Kampfe mit dem Grafen¬ 
geschlecht, das sie aus dem Regiment verdrängen mußte 
und das 1096 der wohl die Mehrzahl der Bürger umfassenden 
römischen Partei feindlich gegenüber getreten war. An 


175. Das zeigen die im Exkurs verzeichnetcn Dokumente. Auch 
ergibt der große Bestand an Urkiunden im Fpndo Demaniale des 
St.-A. Bol., daß für den ganzen in Betracht kommenden Zeitraum 
die Datierung; nach Rjegierungsjahrcn Heinrichs IV. in den Ur¬ 
kunden aus Bologna und seiner Umgebung als Regel anzuschcn 
ist Das berechtigt — finden sich auch) einige Dokumente von 
notorischen Gegnern des} Kaisers, die trotzdem diesem Brauche 
folgen — Au der Annahme, daß die Bologneser Regierung die 
kaiserliche Oberhoheit nie in Frage stellte. 

176. Overmann Reg. Nr. 125 a und c, Meyer v. Kn. Hein¬ 
rich V. 6, 132 f. und 179. 


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ihrem Bischof Victor hingegen konnte die Bürgerschaft 
einen Bundesgenossen finden, denn mit seinem Vorgänger 
war sie zusammengegangen. Und dazu verfügte die 
Bologneser Kirche nicht über eine Machtstellung, die den 
Bestrebungen der Bürger ein Hindernis bereitete. 


Exkurs zur Einleitung. 


Bolognas Grafengeschlecht 

(Um die Uebersicht zu erlei:htem, stelle ich die drei Stammbaume, 
die sich aus den unten aufgeführten, urkundlichen Nachrichten ergeben, 

voran.) 

I) Hubaldus 

! 

Bonifacius (Gualtrada) 

Adelbertus (Bertilla) 


Bonifacius 

2 ) 


Walfredus Adelbertus 


& " K T rd * 

Lambertus 


Ugo (Willa) Ubaldus 


Ugo (Matilda) 


Adelbertus (Matilda) Bonifacius Ubaldus 


Ubertus 


Henricus 


8 ) 


Guido 

I 

Albertus 


Milo (Berta) 


Ubertus 

I 

Ugo 


1. Kürzlich 1 ist auf die Beziehungen des ßonifaz, Sohn 
des Hubald, dem König Rudolf II. seine Schwester Walrada 
zur Gattin gab, und der dann Markgraf von Camerino und 


1. Hofmeister in Mitt. des inst. f. österr. Gesch. 7. Erg.- 
Bd. 422 ff. 


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Spoleto wurde, zu Bologna hingewiesen worden. Als Graf 
der Stadt läßt er sich nicht nachweisen, aber nach einem 
Diplom Ottos I. 2 hatte er den königlichen Hof Antongnanum 
in loco Saltospano (ehemalige Bezeichnung eines Land¬ 
striches bei Galliera) in der Parochie S. Vincenzo (östlich 
von Galliera) 3 , zu dem die Gewässer und der Uferzoll von 
Galliera und manches andere gehörten, zu Lehen. Noch 
genauere Auskunft über seine Besitzungen würde die 
Schenkungsurkunde des Bonifaz für die Abtei Nonantola 
vom Jahre 936 geben 4 , wenn sich die echten Bestandteile 
dieser unzweifelhaften Fälschung 5 nachweisen ließen. — 
Als im Jahre 973 der Erzbischof von Ravenna in dem 
Modeneser Territorium wegen einer Bologneser Angelegen¬ 
heit Gericht abhielt, befand sich unter den beiwohnenden 
weltlichen Großen Adelbertus gratia dei comes filius 
quondam Bonifaci an erster Stelle 6 . Acht Jahre später etwa 
machten Graf Adelbert und seine Gattin, die Gräfin Bertilla, 
zu Panigale dem Kloster S. Bartolomeo di Musiano (im 
unteren Savenatal) beträchtliche Zuwendungen. Die Schen¬ 
kung erfolgte zum Seelenheil ihrer Söhne, Bonifaz, Walfred 
und Adelbert, und der Eltern des Grafen, des Ubaldus 7 
dux et marchio und der Gualtrada 8 . Hier muß ein Irrtum 
des Kopisten vorliegen; nämlich Ubaldus ist in Bonifacius 
filius Ubaldi zu korrigieren, dann fällt der Widerspruch 
zwischen den Urkunden von 973 und 981 fort, und Adelbert 
ergibt sich als ein Sohn des Markgrafen Bonifaz. Für diese 

2. Nr. 249 in AL G. DD. 1. 

3. B.-O. Nr. 331 gibt eine unrichtige Ortserkläning. 

4. Tiraboschi Nonantola 2 Nr. 86. 

5. Vgl. das Vorwort zu Nr. 312 der M. G. D. K. 1. 

6. Rubeus Ravenna 252. 

7. Die falschen genealogischen Kombinationen Saviolis (1, 143) 
beruhen auf der unrichtigen Lesung Teobatdus. 

8. Sav. Nr. 34. Verstümmeltes Transs. von 1097 im St.-A. 
Bol. Dem. S. Stefano Cass. 31/967 bis Nr. 8 mit Datum: August 
981 (?). 


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Annahme spricht auch, daß Adelbert nach ribuarischem 
Rechte lebte, was man auch von einem andern Sohn des 
Markgrafen nachgewiesen hat 9 . Aber nirgends wird Adelbert 
ausdrücklich als Graf von Bologna bezeichnet, und auch 
seine weiteren Lebensschicksale bleiben völlig im Dunkeln. 
Am 28. März 1011 (?) urkundete die verwitwete Gräfin 
Bertilla im Kloster S. Bartolom eo di Musiano 10 , und am 
20. Juli 1017 (?) schenkte der noch unmündige Lambert, 
Sohn der Ermengarda und Enkel des verstorbenen Grafen 
Adelbert, dem Kloster S. Stefano bei Bologna, wo er auch 
die Urkunde ausstellte, zwei Grundstücke vor der Porta 
Ravegnana 11 . 

2. Am 25. Juni 1034 12 , auf dem Feldzuge gegen Burgund, 
verzichtete Graf Hugo von Bologna vor dem Erzbischof 
Von Ravenna auf die Grafschaft Faenza. Auf ihn lassen 
sich noch folgende Dokumente beziehen: Die Abmachung des 
Markgrafen Bonifaz von Canossa mit einem gewissen Mage- 
fredus über Orte wesentlich des Bologneser Territoriums 
Vom 27. März 1034 (?), die einen Ugo comes als beteiligt 
erwähnt 13 , und die Gerichtsurkunde vom 6. Juni 1030 bei 
Bologna, die als Vorsitzende den Königsboten Alexander 
und die beiden Brüder, die Grafen Ugo und Ubaldus, an¬ 
führt 14 . Nach dem Jahre 1034 wird Hugo wohl in den 


9. Hofmeister 422 Anm. 6. 

10. Gualandi in AMR. 3, 26, 344. 

11. Sav. Nr. 44. Transs. von 1163 im St.-A. Bol. Dem. S, Ste¬ 
fano Cass. 1/937 Nr. 1, mit 4. Jahr des Papstes Benedict, 3. Jahr 
des Kaisers Heinrich imd Indiction 15. Die Ueberschrift: anno 
domini 1017 seoundum quod in cronaca Romana inventum est, muß 
ein Zusatz des Kopisten sein. 

12. Sav. N>r. 50 Or. im Erzbisch. A. zu Ravenna Caps. 1 
Nr. 4421. — Vgl. oben S. 25. 

13. Mur. Ant. 1, 589; vgl. Bhinner Zur Rlechtsgesch. der röm. 
u. germ. Urkunde 1, 13. 

14. Sav. Nr. 45 Or. in der chronologisch geordneten Abteilung 
des Erzbisch.-A. zu Ravenna. 


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Besitz eines größeren Gebiets gelangt sein und den Titel 
eines Markgrafen angenommen haben. Denn am 2. Juli 
4041—3 (die verschiedenen Jahresangaben lassen sich nicht 
miteinander vereinigen) urkundete 15 im östlichen Bologneser 
Territorium 15 * Ugo marchip, Sohn des Gualfredus com es. 
Darf letzterer mit dem 981 genannten Walfred identifiziert 
werden, dann war der Graf und spätere Markgraf Hugo 
von Bologna ein Enkel des Grafen Adelbert, den wir für 
die zweite Hälfte des zehnten Jahrhunderts nachweisen 
konnten. Am 14. Januar 1056 verfügten die Gräfin Willa, 
Gattin des verstorbenen dux et marchio Ugo, ferner die 
Brüder — ob Söhne der Willa, wird nicht gesagt — Ugo, 
Albertus, Bonefadus und Ubaldus, die sich zur Zeit im 
Kloster S. Bartolomeo (di Musiano) aufhielten, die Frei¬ 
lassung einer Frau aus Pianoro (wenig südlich von 
Musiano) 16 . Damals war Willa wahrscheinlich schon in 
zweiter Ehe mit einem gewissen Bonandus da Capraria 
vermählt. Denn fünf Jahre später urkundeten zu Pianoro 
Söhne des jgenannten Bonandus zugunsten der Abtei S. Barto- 
lomeo. Die Schenkung erfolgte zum Seelenheil des ver¬ 
storbenen Markgrafen Hugo, ihres gleichfalls verstorbenen 
Vaters Bonandus und ihrer Mutter Willa 17 . Ueber die Nach¬ 
kommen des Markgrafen Hugo sind wir gut unterrichtet. 
Am 14. Februar 1062 belehnte der Bischof von Ferrara den 
Grafen Hugo, Sohn des verstorbenen Markgrafen Hugo, 
und sdne Gattin Mathilde mit Besitzungen in den Graf¬ 
schaften Ferrara und Qavello 18 . Dieser Hugo ist der älteste 

. .. I. 

15. Oualandi in AMR. 3, 26, 346. 

15*. In prato Scortihilo de plcbe S. Metrie pago Ceteri; vgl. 
dazu Calindri 3, 343. 

16. Mur. Ant 1, 853. 

17. Sav. Nr. 59. Or. im St.-A. Bol. Djpos. der Familie Gio- 
vanetti. 

18. Mur. Ant 5, 615; die einzelnen angeführten Ortsnamen 
kann ich nicht identifizieren. 


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der 1056 genannten Brüder 19 . Der zweite der vier Ge¬ 
schwister, Adelbertus cotnes filius quondam Ugoni 
marchio (!), verpachtete am 13. Januar 1064 zu Bologna 
eine Besitzung bei Siviraticum (heute S. Prospero bei Poggio 
Renatico) 20 , und am 29. April 1074 wiederholte derselbe 
Graf Albert und seine Gemahlin, die Gräfin Mathilde, zu 
Bologna die Schenkung seines Vaters, des Markgrafen Hugo, 
an das Domkapitel zu Bologna, nämlich sechzig tomature 
Land zu Funo (etwas nördlich von Bologna) 81 . In einer 
Urkunde, die seine Söhne, Graf Hubert und Heinrich, am 
18. Mai 1085 bei Bologna dem Kloster S. Bartolomeo aus¬ 
stellten 22 , wird Albert als verstorben bezeichnet. Ueber den 
dritten Sohn des Markgrafen Hugo, Bonifaz, sind keine 
.weiteren Nachrichten erhalten, dagegen könnte in dem comes 
Ubaldus, der am 16. Juni 1089 oder 1090 dem Kloster 
S. Stefano eine Schenkung machte, der letzte der vier Brüder 
vermutet werden 23 . Damit stocken die Nachrichten. 


19. Von seiner Tochter Beatrix besitzen wir drei Urkunden 
des Jahres 1099: eine Schenkung vom 7. Februar zu Bologna an 
S. Bartotomeo, ein Verkauf an dasselbe Kloster vom 9. September 
zu Pianoro, endlich eine Schenkung vom 24. September an da£ 
Kloster S. Cristina (Sav. Nr. 85; Petracchi Deila abbaziale basilica 
di S. Stefano Bologna 1747, 97; Mittarelli Anm. Camald. 3, Nr. 106. 
Or. im St.-A. Bol. Dem. S. Cristina Gass. 9/2870 Nr. 9). 

20. Sav. Nr. 64. Or. im St.-A. Bol. Dem. S. Francesco Cass. 
1/4133 Nr. 64. 

21. Sav. Nr. 71 Or. im St-A. Bol. Dem. S. Pietro Cass, 20/207 
Nr. 14. Zur Entzifferung der arg zerstörten Urkunde hilft die Dor J 
sualnotiz. 

22 Sav. Nr. 77. Or. im St.-A. Bbl. Dem. S. Stefano Cass. 
4/940 Nr. 15. 

23. Verstümmeltes Or. rm St.-A. Bol. Dem. S. Stefano Cass. 
33/969 Nr. 61. — Ob mit diesem Hubald der comes Ubaldus zu 
identifizieren ist, der nach Urkunden des 12 Jahrhunderts (Mittarelli 
Ann. Camald. 4 N|r. 52 und 106. Originale im St.-A. Bol. Dem. 
S. Cristina Cass. 2/2862 Nr. 1 und 3/2865 Nr. 26) dem Kloster 
S. Cristina größere Schenkungen machte, kann ich nicht entscheiden. 


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3. Einige Jahre später, am 3. August 1094, vergibt zu 
Zola Predosa einige Ländereien in der Nähe Albertus gratia 
dei comes filius quondam Ouidonis comitis de civitate 
Bononia 24 . Noch 1102 am 4. Juni unterschreibt dieser Albert 
zu Bologna eigenhändig eine Urkunde seines Sohnes, des 
comes Milo, der zusammen mit seiner Gattin Berta ge¬ 
nannten Leuten Ländereien bei S. Lorenzo in Collina (süd¬ 
lich von Zola Predosa) verpachtet 25 . Dieselben Ehegatten, 
Milo und Berta, urkunden am 12. Dezember 1106 zugunsten 
eines Klosters S. Elena 20 . Als Bruder des Milo ist wahr¬ 
scheinlich Ubertus comes filius quondam Alberti comitis 
de comitato Bonon. anzusehen, der nach römischem Rechte 
lebte und am 29. Dezember 1114 27 zu Pianoro Ländereien 
ebendaselbst verkaufte 28 . Graf Hubert wohnte dann 1116 
dem Vertrage Kaiser Heinrichs mit der Stadt Bologna bei 29 . 
Wohl noch denselben Ubertus comes filius Alberti comitis 
finden wir am 8. Oktober 1130 in einer Kirche S. Gregorii, 
wo er in Gegenwart des Presbyters Azzo von Budrio und 
iudex von Casalecchio (wohl de’ Conti, also südwestlich 
von Castel S. Pietro) Ländereien an die Kirche S. Croce 
bei Pizzocalvo (südöstlich von S. Lazzaro di Savena) ver¬ 
schenkt 30 . Letzter des Geschlechts ist Ugo comes filius 
Uberti comiti, der am 10. Juli 1139 als Zeuge bei einer 


24. Sav. Nr. 81 Or. im A. der Abtei Nonantola. 

25. Tiraboschi Nbnantola 2 Nr. 205 Or. im A. der Abtei. 

— Von den zwei genannten Grafen möchte ich, im Gegensatz zu 
Qualandi in AMR. 3, 26, 313 ff., den Grafen Albert von Panico 

und seinen Sohn Milo (vgl. über sie später) unterscheiden. 

26. Or. im St.-A. Bol. Dem. Servi di S. Maria Cass. 2/6092 
Nr. 2. 

27. So, wenn Weihnachten als Epoche für Inkarnationsjahr 

und indiction anzunehmen ist. 

28. Ricci im Ar.nuario 1886/7, 303. 

29. Vgl. S. 53. 

31). Tiraboschi Nonantola 2 Nr. 244. Or. im A. der Abtei. 


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in burg’O (von Bologna?) S. Apolenaris ausgestellten Pacht¬ 
urkunde erscheint 31 . 

Nur bei wenigen der genannten Herren ist ausdrücklich 
bemerkt, daß sie regierende Grafen von Bologna waren, 
für die Mehrzahl können wir nur die Wahrscheinlichkeit 
aussprechen, keinesfalls aber die Aufeinanderfolge im Re¬ 
giment mit Sicherheit feststellen. 

Wären wir nur auf die besprochenen Urkunden an¬ 
gewiesen, so würde das gewonnene Resultat nicht die dem 
Exkurs gegebene Ueberschrift rechtfertigen. Es bietet sich 
uns aber ein Hilfsmittel, um den Nachweis zu führen, daß 
die zwei oder drei angeführten Gruppen zu einer und der¬ 
selben Familie gehören 32 . 

ln den italienischen Emphyteusis-Urkunden der älteren 
Jahrhunderte findet sich vielfach eine Klausel, die dem 
Empfänger die Veräußerung des Gutes an kirchliche In¬ 
stitute, weltliche Große und Unfreie verbietet 33 . Im 
Bologneser Gebiet nun erhält sie eine persönliche Zuspitzung, 
die in zwei Formen auftritt: 1. Der Emphyteuta erhält 
das Gut ad habendum tenendum et possidendum et quicquid 
ihm placuerit faciendum, excepto heredibus quondam 
Bonifacii et illorum servis, oder auch: Dem Empfänger 


31. Sav. Nr. 123. Or. im St.-A. Bol. Dem. S, Giovanni i, M. 
Cass. 3/1343 Nr. 13. 

3Z Für Zusammengehörigkeit der ersten und zweiten Gruppe 
spricht schon die mehrfache Begünstigung, die beide dem Kloster 
S. Bartolome« di Mtusiano zuteil werden lassen. Gegen die Zu¬ 
gehörigkeit der dritten Gruppe darf nicht angeführt werden, daß 
sich 1114 Graf Hubert zum römischen Recht bekennt, während für 
den Stammvater des Geschlechts ribuarisches Recht festgestellt wurdti^ 
Denn für das 12. Jahrhundert ist Wechsel des persönlichen Rechtes 
keine seltene Erscheinung; vgl. Salvioli Diritto Italiano 44. 

33. Vgl. Schupfer Precarie c livelli, in der Rivista Italiana 
per Ic scienze giuridiche 40, 146; Leicht Studi sulla proprietä fon- 
diaria 1, 102; Pertile 4, 308; F. Kern Dorsualkonzept und Im- 
breviatur Berlin. Diss. 1906, 47. 


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ist erlaubt, eas dare beliebigen, excepto heredes quondam 
Bonifacii et illorum servos 34 . 2. An Stelle von quondam 
Bonifacii heißt es quondam Alberti comitis 35 . Wer 
unter dem Grafen Albert zu verstehen ist, zeigt die Ver¬ 
leihungsurkunde der Abtei Nonantola für die Herren von 
Sala vom 25. August 1071 3G . Die Empfänger verpflichten 
sich darin, das Erhaltene in nullam potestatem nec in nullum 
hominem et neque in progeniis qu(o)ndam Alberti comitibus 
Bononiensibus nec in masnata eorum emittere neque per 
scriptum neque per feodum nisi in minoribus personis usw. 
Mit dem hier genannten Albert kann nicht der gleichnamige 
Bologneser Graf des elften Jahrhunderts, der 1071 noch 
lebte, wohl aber Adelbertus, Sohn des Bonifacius, gemeint 
sein. Auf ihn und seine Nachkommen läßt sich die eine 


34. Beispiele: Sav A Nh 37. Abschr. des 11. Jahrhunderts 

im St.-A. Bol. Dem. S. Stefano Cass. 31/967 Nr. 11 wohl von 1012 
(nicht von 997, weil der darin genannte Abt Martin von S. Stefano 
sonst 1019—1046 nachweisbar ist); Sav. Nr. 58 von 1060; Trom- 
belli 401 Nr. 30. Or. im St.-A. Bol. Dem. S. Salvatore Cass. 
145/2592 Nr. 2 von 1098 (?); Ricci im Annuario 1886/7, 314 Nr. 29 
von 1117. Von den zahlreichen ungedruckten Beispielen, die ich 

mir notieren konnte, erwähne ich nur das älteste: (Or. im St.-A. 
Bol. Dem. St. Stefano Cass. 31/967 bi6 Nr. 12) UrMunde des 
Abtes Salamo von S. Stc/fano mit der Datierung: 3. Jahr Papst 
Johanns, Indiction 2, 29. Oktober, das ergibt 958 (3. Jahr Johanns 
XII., 2. griechische Indiction; 988 ist weniger wahrscheinlich, weil 
dann 4. Jahr Johanns XV. hätte gesagt sein müssen); und das jüngste: 
(Or. ebenda Gass. 35/971 phne Nummer) Urkunde zu Varignana 

(westlich von Gastcl S. Pietro) vom 4. September 1133. 

35. Beispiele: Sav. Nr. 68 schlecht erhaltenes Or. im St.-A. 

Bol. Istrumenti privati von 1069 und Ricci im Annuario 1886/7, 
285 Nr. |4 von 1076. Vpn den ungedruckten Beispielen erwähne 

ich wieder das älteste: (Or. im St.-A. Bol. Dem. S. Giovanni 

i. M. Cass. 1/1341 Nr. 22) Urk. zu .Bologna vom 3. April 1046; 

und das jüngste: (Or. im St.-A. Bol. Dem. S. Stefano 9/945 ohne 
Nummer) Urkunde bei Bologna vom Juli 1136. 

36. Tiraboschi Nonantola 2, Nr. 1S5. Or. i:n Stadt-A. von S. 

Agata. 


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Form der Klausel, die man in den Emphyteusis-Urkunden 
von 1046 bis 1136 nachweisen kann, beziehen. Dann wird 
in dem Bonifaz der anderen Urkundengruppe, die sich auf 
den größeren Zeitraum von 958 (?) bis 1133 verteilt, der 
Vater des Grafen Adelbert, der Markgraf Bonifaz, zu sehen 
sein. Also beide Formeln drücken dasselbe, nur auf ver¬ 
schiedene Weise aus. ln Bologna und seiner Umgebung 
war es in den Jahren 958 (?) bis 1136 üblich, dem Emphy- 
teuta die Pflicht aufzuerlegen, das empfangene Gut nicht 
an die Nachkommen des Markgrafen Bonifaz und seines 
Sohnes, des Grafen Adelbert, die in dem Beispiel von 1071 
als comites Bon. bezeichnet werden, oder an die von ihnen 
abhängigen Unfreien zu veräußern. Da ist der Schluß be¬ 
rechtigt, daß die drei oben gesonderten Stammbäume einer 
und derselben genealogischen Reihe angehören, daß ein 
Geschlecht von den Tagen König Rudolfs II. bis zu den 
Zeiten der beginnenden Stadtfreiheit die Bologneser Grafen¬ 
gewalt innehatte. Die mangelhafte Ueberlieferung gestattet 
nicht, das erste Auftreten der Klausel mit den Anfängen 
des Grafengeschlechts in Beziehung zu setzen. Wenn aber 
die persönliche Zuspitzung derselben ungefähr zur selben 
Zeit, da das Grafengeschlecht verschwindet, fortfällt und 
durch die allgemeine Fassung: omnibus maioribus personis 
exceptis et eorum servis, ersetzt wird 37 , so bestätigt das 
unsere Annahme 38 . 


37. Vgl. ähnlich Sav. Nr. 206. 

38. Unter diesen Umständen kann auch der Einwand, die per¬ 
sönliche Fassung (Der Klausel sei nur gedankenlos bei der Er¬ 
neuerung der Pachturkunden wiederholt worden, nicht bestehen. 


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I. Buch. 

NHUdn SacMdti m 1116—1197. 


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I. Kapitel. 


Entstehung des Comune. Ausbreitung der 
Bologneser Herrschaft nach Westen und 
Osten infolge des Fehlens einer starken 
Kaisergewalt 

Wie man sich vergeblich bemüht hat, das Gründungs* 
jahr der Bologneser Hochschule ausfindig zu machen, so 
läßt sich auch die Besitzergreifung des Stadtregiments durch 
die Bürgerschaft Bolognas nicht an ein bestimmtes Datum 
knüpfen. Vielmehr ist in beiden Fällen ein langsames Fort¬ 
schreiten von unmerklichen Anfängen zu klar zutage 
tretenden Bildungen anzunehmen. Nur bringen uns 
bei der Geschichte der Stadt einige erhalten ge¬ 
bliebene Dokumente in die günstige Lage, die sich 
vollziehende Entwicklung in zwei verschiedenen Stadien be¬ 
obachten zu können. Diese Urkunden sind: Die Aufzeich¬ 
nung über die Aussöhnung zwischen Heinrich V. und den 
rebellischen Bolognesen und das vom Kaiser der Bürgerschaft 
verliehene Privileg vom 15. Mai 1116 1 , dann der Vertrag 


1. St 3140 = Ricci im Anmario 1886/7, 310«. Nr. 26 
und 25. Ueber das Privileg vgl. N. A. ßl, 460 f. — Die Auf¬ 
zeichnung über die Aussöhnung folgt im Registro grosso unmittelbar 
auf das Diplom (1, fo. 11 im St.-A. Bol.). Ich möchte sie nicht 
als Zusatz zu dem Diplom an sehen, sondern als verstümmelte Wieder¬ 
gabe eines Vertrages zwischen Heinrich und der Bürgerschaft der 
vermutlich auch die Bedingungen des Kaisers enthalten hat Für 
die Echtheit des Dokuments sprechen die Zeugen, von denen ein 
Teil zu den Vasallen der Großgräfin Mathilde gehörte (vgl. das 
Register bei Overmann), und die sich teilweise damals in der Um¬ 
gebung Heinrichs V. nachweisen lassen (vgl. die bei St. verzeich¬ 
nten Urkunden der Zeit). 


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Bolognas mit den Bergkastellen, Rodiano, Sanguoneda und 
Cavriglio vom 10. Juni 1123*. 

Von den Ereignissen in Bologna vor dem Eintreffen 
Heinrichs V. in Govemolo, das heißt vor dem Mai des 
Jahres 1116, erfahren wir aus den Dokumenten nur die 
Zerstörung der Burg des Kaisers 2 3 . Zur Erklärung dieses 
Vorgangs ist daran zu erinnern, daß schon fast hundert 
Jahre früher die Bürger von Pavia ihr palatium dem Erd¬ 
boden gleich machten 4 5 , daß eine Reihe von anderen Städten 
seine Verlegung außerhalb der Mauern auf friedlichem Wege 
durchsetzten 6 . Die Auffassung also, die in der kaiserlichen 
Pfalz eine Zwingbuig, den Mittelpunkt des Widerstandes 
gegen alle Selbständigkeitsbestrebungen sah, war nicht nur 
in der Bologneser Bürgerschaft verbreitet 6 . Ueber das Datum 
der Zerstörung fehlen die Angaben. Wahrscheinlich erfolgte 
sie bei einer Erhebung, die der Tod der Großgräfin Mathilde 
(24. Juli 1115) mit veranlaßte, denn er brachte die Nachbar¬ 
gebiete, ja auch einen Teil des Bologneser Territoriums in 
einen ungewissen Zustand. Um nun Verzeihung für die 
begangene Tat zu erlangen, erschienen vor dem deutschen 
Herrscher als Bevollmächtigte der Bolognesen nicht Beamte 
einer schon organisierten Qemeinde, sondern eine Kom¬ 
mission von acht Männern unter der Führung der beiden 


2. Sav. Nr, 10b Reg. grosso im St.-A. Bol. 1, fc>. 12. 

3. Sie lag an dem Ahfcmg der Via Qblliera an der Stelle, 
die noch heute durch die Vfc Pprta di Castello bestimmt wird. 
Wenn man die Ausdehnung der dvitas rupta (vgl. oben S. 9 Anm, 28) 
in Betracht zieht, so ergibt sich, daß das Kastell die Nordwestecke 
der damaligen Stadt bildete. 

4. Bresslau Konrad II. 1, 67 f. 

5. Z. Bn Qremona und (Mfcntua; vgl. die Privilegien Hein¬ 
richs V. St. 3113 und 3137. 

6. Irgend welche Hypothesen aber auf Analogieschlüssen auf- 
nubauen, halte ich für bedenklich, da wir gar nicht wissen, welche 
Bevölkerungsklassen sich am Aufstand beteiligten, und welche Rolle 
dem Bischof und dem negierenden Grafen dabei zufieL 


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Rechtsgelehrten Alberto Crasso und Ugo d’Ansaldo 7 . Auch 
lag es nicht in der Absicht Heinrichs, eine Aenderung der 
bisherigen Stadtverfassung zu begünstigen, da er seinem 
Gnadenakt den Ubertus comes Bononie beiwohnen ließ, in 
seinem Privileg den Bürgern nur den königlichen Schutz 
und die Bestätigung ihrer consuetudines 8 , keine politischen 
Institutionen verlieh 9 . Und doch gibt das Diplom mehrere 
Anhaltspunkte für das Vorhandensein einer eigenen Organi¬ 
sation der Bürgerschaft. Denn es verordnete, daß der seinen 
Bestimmungen Zuwiderhandelnde die Hälfte der Strafsumme, 
wie üblich, dem Kaiser, die andere aber nicht dem regieren¬ 
den Grafen oder der geschädigten Einzelperson, sondern 
der Gesamtheit der concives, die also eine gemeinschaft¬ 
liche Kasse besitzen mußte, zu zahlen hatte 10 . Ferner darf 
taian die Ueberlassung des Weiderechts in dem wahrschein¬ 
lich königlichen Forst bei Medicina 11 als Ansatz zur Bildung 
eines gemeinsamen Vermögens ansehen 12 , da vieles dafür 


7. Beide lassen sich, wie auch ein Teil der übrigen Bolo¬ 
gnesen, mehrfach anderweitig nachweisen. Ich erwähne nur: Bei 
einem Besitzstreit vom 14. Mlai 1127 (St.-A. Bol. Dem. S. Stefano 
Cass. 34/970 Nr. 51) erscheint Albertus Crassus unter den arbitri. 
In einer Urkunde vom 3. Mai 1118 (Ricci im Amnuario 1886/7, 
315 Nr. 30) findet sich unter den Zeugen Ugo iudex de Ansaldo. 

8. Vgl. Pertile 2, 2, 119 ff. 

9. Die Vergünstigung, daß von den Bolognesen als fodrum 
oder parata nicht über hundert Veroneser Pfund gefordert werden 
dürfen (vgl. dazu Mayer 1, 316 Anm. 63), daß sie ferner, während 
sie an einer Expedition des Kaisers teilnehmen, nur für Vergehen, 
deren sie sich auif dem Zuge schuldig gemacht haben, gerichtlich 
belangt werden können, trägt zur oben behandelten Frage nichts bei. 

10. Vgl. auch Hartmann Zur Wirtschaftsgeschichte Italiens im 
frühen Mittelalter 113; Mayer 2, 442. 

11. Er reichte nördlich bfa's zu dem Vialli und westlich bis 
Cento di Budrio; vgl. Brevantani Deduzioni 54 ff. Die plebs Buida 
ist identisch mit der plebs Medicine; vgl. Urkunde von 1207 bei 
Sarti 2, 253. 

12. Vgl. auch Hartmann 105 ff. 


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spricht, daß aus dem Nutzungsrecht teilweise städtisches 
Eigentumsrecht hervorging 13 . 

Sieben Jahre später finden wir das Comune, die alle 
Klassen der cives, die Stadt und den burgus umfassende 
Gemeinde 14 , konstituiert, an seiner Spitze im Amte wech¬ 
selnde Konsuln 15 , die damals, zugleich im Namen des 
Bologneser Bischofs, mit den drei genannten Ortschaften 
ein Abkommen trafen. Die Gewalt des Grafen war dem¬ 
nach ausgeschaltet. Ueber den Verlauf dieses wichtigen 
Vorgangs sind nur Hypothesen möglich. Daß das Geschlecht 
der Grafen noch nicht erloschen war, läßt sich urkundlich 
nachweisen 16 . Daß sie mit Gewalt aus der Stadt gejagt 
.Wurden, ist nicht wahrscheinlich, denn ein solches Ereignis 
hätte wohl auch in der dürftigsten lokalen Geschichts¬ 
schreibung eine Spur hinterlassen. Das Herausdrängen wird 
langsam, Schritt um Schritt erfolgt sein, ähnlich wie man 
es in Padua hat feststellen können 17 . Den Bischof hingegen 
zeigt der Vertrag im Bunde mit der selbständig gewordenen 
Bürgerschaft. „Er verstärkte gleichsam durch sein Hinzu¬ 
treten die juristische Persönlichkeit des jungen Comune“ 18 . 
Und man darf annehmen, daß Victor dem Streben der Bürger, 


13. Darüber später. 

14. Diese Bedeutung des Wortes Comune zeigt der Vertrag 
zwischen Ravenna und Florli von 1438 (Fantuzzi Mon. Rav. 4, 
259), auch läßt sie sich durch spätere Nachrichten für Bologna, 
nachweisen. 

15. Es heißt in dem Registro grosso: pro nobis et pro nostris 
successoribus. — Ein Formular der Rationes dictandi prosaice, die 
Hugo von Bologna etwa zwischen 1120 und 30 abfaßte (hera. von 
Rockinger 1, 66) nennt auch die consules Bononiensium. 

16. Vgl. den Exkurs zur Einleitung. 

17. Vgl. Bonardi in Atti e Mem. dell’ Accademia di Padova 
N. S. 15, 39. 

18. So etwa beschreibt Volpe Studi sulle istituzioni comu- 
nali a Pisa, Pisa 1902, 11. ähnliche Vorgänge in Pisa. 


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das gräfliche Regiment zu beseitigen, seinen Beistand nicht 
versagt hat. 

Die Dokumente von 1116 und 23 geben noch weitere 
Aufschlüsse, gestatten die interessante Feststellung, daß sich 
das Trachten der Bolognesen nach politischer Freiheit mit 
Jem Streben nach wirtschaftlicher Selbständigkeit verknüpfte. 
Das Diplom Heinrichs V. enthält eine Reihe von Ver¬ 
günstigungen, die erkennen lassen, daß unter den cives zwei 
Interessengruppen vertreten waren, die der Landwirtschaft 
und die des Handels. Das schon erwähnte Weiderecht im 
wahrscheinlich königlichen Forst mochte besonders den 
kleinen Viehbesitzern zugute kommen. Die Befreiung der 
das Feld bestellenden coloni 19 von der Quartierpflicht gegen¬ 
über dtem Grafen entsprach wohl dem Wunsch der reicheren 
Grundherren. Zu ihnen gehörten — das darf man aus 
späteren Beobachtungen rückschließend annehmen — die 
ersten Familien der Stadt, so die Carbonesi, die zwei ihrer 
Mitglieder an der vor dem Kaiser erscheinenden Gesandt¬ 
schaft teilnehmen ließen, ferner die Asinelli, die nach einer 
späteren Tradition 30 in der Zeit um 1109 den gewaltigen 
Turm vor der Porta Ravegnana errichten ließen, mit dem 
sie den Eintritt der Via Emilia in die Stadt beherrschten 31 . 

Die Nachrichten über den Handelsverkehr Bolognas 


19. Oie in der Kaiserurkunde auch genannten inquilini werden 
sich nicht wesentlich von den coloni unterschieden haben; vgl. 
Sav. Nr. 63 St.-A. Bol. Dem. S. Stefano Cass. 32/968 Nr 30. 

20. Bei Villola ist diese Nachricht erst von Hand C zu 1109 
nachgetragen, doch ist sie aus älterer Bologneser Quelle in dio 
Annalen des Pietro Rav. und die Cronaca Morano (S. 12) über¬ 
nommen worden. 

21. Aeltere Nachrichten über die soziale Gliederung der Bolo¬ 
gneser Bevölkerung sind mir nicht bekannt. Anmerken möchte ich 
hier, daß in einer Urkunde von 1068 (Sav. Nr. 66 Kloster A. von 
Nonantola) eine Anzahl gekannter Leute als arammi de civitate 
Bbnonie bezeichnet werden. Sollte arammi ein Schreibfehler für 
arimanni sein? 


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beginnen nicht erst mit dem Jahre 1116, sondern reichen 
mehrere Jahrhunderte zurück. Sie sollen hier zusammen¬ 
gestellt werden, ehe auf das Kaiserprivileg eingegangen wird. 
Schon Berengar I. 22 garantierte dem Bischof Petrus die 
freie Schiffahrt auf dem Reno vom Bologneser Hafen bis 
hinab zum Po. Der Hafen lag nicht allzufern von dem 
Schnittpunkt des Reno und der Via Emilia, und in seiner 
Nähe war kurz vorher auf kirchlichem Boden ein Markt 23 
eingerichtet worden. Der Hafen mit Zoll und Ufergeld ge¬ 
hörte dem Bischof. Die Nachfolger des Petrus verloren 
wahrscheinlich diese vom Könige verliehenen Rechte, denn 
sie ließen sie sich von den Päpsten nicht bestätigen. Das 
Privileg Gregors VII. 24 spricht von drei Hafenorten, dar¬ 
unter einem an der Gajana (nahe Medicina) 25 , bei denen 
sich Zollerhebung verlohnte, ferner von dem Markt, der 
vor dem Kloster S. Stefano abgehalten wurde, erwähnt auch 
den Warenverkehr durch das nördliche Stadttor, die Porta 
S. Pietro, von und nach Ferrara, bei dem das Salz einen 
so wichtigen Platz einnahm, daß die spätere Via Galliera 
damals Strata Salaria genannt wurde 26 . Für die wachsende 
wirtschaftliche Bedeutung Bolognas, etwa seit Beginn des 
zwölften Jahrhunderts darf als Beweis angeführt werden. 


22. Vgl. S. 18 Anm. 70. 

23. Als Oertlichkeit wird silva Piscariola angegeben. Pescarola 
lag (nach Firati Statuti 2, 344) nahe der Straße, die durch Porta 
delie Lame nacht Bologna hereinführte; noch heute gibt es an 
dieser Chaussee nördlich von Bertalia eine Osteria Pescarola. Daß 
der Hafen neben dem Mprkt lag, glaube ich aus dem etwas un¬ 
klaren Text des Diploms herauslesen zu können. 

24. Vgl. oben S. 33 Anm. 154. 

25. Die Lage der beiden andern kann ich nicht angeben. 

26. So heißt sie in der Papsturkunde, dann in einer Urkunde 
vom 8. Dezember 1039 (?) (Dorsualnotiz auf dem Or. im St-A. 
Bol. Dem. Servi di S. Mferia Cass. 2/6092 Nr. 2). Ferner sagt 
Villola zu 1208: Via strate Gallerte que olim dicebant via Solaria (I); 
vgl. auch Schaube 80. 


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daß in dem Diplom Heinrichs V. für Mantua 27 in das Ver¬ 
zeichnis der für jene Stadt in Betracht kommenden Hafen¬ 
plätze, die die Vorurkunden nennen, jetzt Bologna aufge¬ 
nommen wurde. Aber diesen Aufschwung empfand der nörd¬ 
liche Nachbar, Ferrara, als lästige Rivalität. Ferrara ent¬ 
wickelte sich damals zum wichtigsten Knotenpunkt des 
Handels zwischen der Adria und dem Binnenland 28 und 
seine beiden Jahresmessen erfreuten sich wachsender Be¬ 
teiligung 29 . Die Absicht der Ferraresen ging dahin 30 , den 
Durchzug der Bologneser Kaufleute durch ihre Grafschaft 
mittels Passierzöllen zu erschweren, womöglich von be¬ 
sonderer Erlaubnis abhängig zu machen, ihnen auch den 
Warenverkauf in Ferrara durch allerlei Bestimmungen zu 
beschränken. Da ist es begreiflich, daß die Vergünstigungen, 
die Bologna von Heinrich V. erbat, sich wesentlich gegen 
Ferrara richteten. Der Kaiser bestimmte, wie es schon 
Berengar getan hatte, daß der Lauf des Reno nicht irgendwie 


27. St 3137. 

28. Schaube 69 f. 

29. Lenel Venedig 52 ff. 

30. Das entnehme itih dem angeblichen Privileg Papst Viti- 
iians für Ferrara (J.-L. 2102 a). Wann und zu welchem Zweck 
die Fälschung angefertigt wurde, bedarf noch der Untersuchung. 
Hier kann nur soviel gesagt werden: Der Druck bei Ughelli 
2, 519 geht an letzter Stelle zurück auf ein Transsumpt von 
1206. Die Erwähnung des Konsulnrcgiments und der Venetianischen 
Münze (nur einmal werden denarii Ferrarienses genannt) sprechen 
fürs 12. Jahrhundert. Von der Reihe der Papstprivilegien für Ferrara 
nennen die Paschals II. (J.-L. 6023) und Innocenz’ II. (J.-L. 7612) 
die Urkunde Vitilians noch nicht. Dagegen findet sie sich unter 
den verzeichneten Vorurkunden in der Bulle des Innocenz II. von 
1139 (J.-L. 8013), sowie in deren Bestätigungen, Cölestin II. (J.-L. 
8515) und Lucius II. (J.-L. 8520). Ist hier der Name des Vitilian 
nicht interpoliert — das vermag ich nicht zu entscheiden, erwähne 
nur, daß die Urkunde Luchts’ II. in einer Abschrift voti 1174 über¬ 
liefert ist; vgl. Nachr. der Qfcs. der Wfes. du Göttingen, Phil.-hist. 
KL 1897, 360 — so mbß die Fälschung wohl vor 1139 fallen. 


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gehemmt würde, gewährte den ungestörten Handelsverkehr 
auf allen Land- und Wasserstraßen, speziell die Schiffahrt 
den Po hinab nach Venedig und aufwärts zur Lombardei, 
befreite die Bolognesen von Zoll und anderen Abgaben, 
wobei er ausdrücklich das Oebiet von Ferrara hervorhob 31 , 
und verbot den toscanischen Händlern über Bologna hinaus 32 
nach Ferrara ,zu ziehen, ausgenommen zur Zeit der erwähnten 
Jahresmessen. Den Bemühungen Bolognas um den freien 
Schiffahrtsverkehr im Norden entsprach seine Absicht, die 
durch das Renotal nach Toscana führende Straße in seine 
Gewalt zu bekommen. Zu diesem Zwecke erwarb es mit 
dem Vertrage von 1123 die Herrschaft über die drei schon 
früher angeführten 33 Bergkastelle und gewährte dafür 
den Bewohnern das Bologneser Bürgerrecht 34 . Aber der 
Versuch, in den Gebirgstälern des Apennins festen Fuß zu 
fassen, blieb vorläufig noch ohne Erfolg. Bologna besaß 
noch nicht die Macht, die dort gebietenden Feudalherren 
dauernd zu unterwerfen. Auch Ferrara gegenüber werden 
die Bolognesen nicht in der Lage gewesen sein, die ihnen 
von Heinrich V. verliehenen Rechte durchzusetzen. Anfangs 
hören wir noch von der Fortdauer der Gegensätze 35 , dann 


31. Abgesehen von den Stromzöllen, die von den Beauftragten 
des Reichsregiments erhoben wurden; vgl. Schaube 724. 

32. So ist subter stratam (= südlich der Via Emilia) zu inter¬ 
pretieren. 

33. Cavriglio soll heute unter dem Namen Borghetto zu Cal- 
venzino gehören; vgl. Calindri 2, 12. 

34. Im Jahre 1127 sollen die Bolognesen sogar mit den Be¬ 
wohnern von Sambuca einen Geheimvertrag geschlossen haben, dessen 
Ausführung nur durch Pistojas Wachsamkeit vereitelt wurde. Diese 
wenig glaubwürdige Nachricht findet sich bei Salvi Delle historie) 
di Pistoja 1, 68 f., der als seine Quelle den Pandolfus Arfarudi 
zitiert Nach einer gütigen Mitteilung des Prof. Santoli enthalten 
dessen Manuskripte aber nichts davon. 

35. So enthält das Formularbuch des Hugo von Bologna (vgl. 
oben S. 54 Anm. 15)92 ein Schreiben der Stadt Bologna an Ferrara, 


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schweigen die Quellen bis zum Ende des Jahrhunderts; und 
auch dann noch erschien Bologna, verglichen mit Ferrara, 
als die wirtschaftlich schwächere Stadt. 

Auf wirtschaftlichem Gebiete also kam die Bologneser 
Bürgerschaft über den Wunsch nach Selbständigkeit nicht 
Wesentlich hinaus. In politischer Hinsicht dagegen erreichte 
sie ihr Ziel. Dieser rasche Erfolg wäre schwerlich möglich 
gewesen, wenn Heinrich V. 1116 nicht hätte Gnade walten 
lassen, sondern gegen die Bolognesen, wie sie es als Rebellen 
verdienten, vorgegangen wäre. Ohne Zweifel begreift sich 
des Kaisers Stellungnahme am ehesten von der allgemeinen 
Politik aus, die er auf seinem zweiten Römerzuge verfolgte. 
Es lag nicht in seiner Absicht, die während des Investitur¬ 
streits gewandelten Verhältnisse rückgängig zu machen, er 
|war weit davon entfernt, den Erzbischöfen von Ravenna 
ihre frühere Machtstellung zurückzugeben und förderte mehr¬ 
fach die Wünsche der Stadtgemeinden 36 . Auch mag er auf 
den Beistand Bolognas Wert gelegt haben, als er daran 
ging, sich in den Besitz des Canossanischen Erbes zu setzen. 
Hinzu aber kam ein Moment persönlicher Art, das ein ge¬ 
naueres Eingehen verdient, da es zugleich den Einfluß der 
Bologneser Rechtsschule auf die Entstehung des Comune 
berührt 

Schon früh verstanden es die Rechtsgelehrten Bolognas, 
ihren Wirkungskreis auf das praktische Leben auszudehnen, 
indem sie als causidjci bald den prozessierenden Parteien 
Beistand leisteten, bald den urteilenden Richtern als Berater 
zur Seite traten 37 . Und weit über die Grenzen ihrer Heimat 
hinaus trugen sie ihre Anschauungen, da es ihnen gelang, 
gleich den causidici aus anderen Teilen der Romagna, sich 


das zur Beseitigung der Gegensätze auffordert. Diese Angelegen¬ 
heit wird also damals das öffentliche Interesse beschäftigt haben. 

36. Meyer v. Kn. Heinrich V. 7, 5, 10, 14, auch 334 und 345. 

37. Ficker Forsch. 3, 95«. 


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im Hofgericht der Markgrafen von Canossa Eingang zu 
verschaffen 38 . Zu ihnen gehörte Pepo, der in den letzten 
Jahrzehnten des elften Jahrhunderts in Toscana hohes An¬ 
sehen genoß 39 . Um 1100 dann, also zu der Zeit, in der 
die Gräfin Mathilde der Kirche Bolognas ihre besondere 
Gunst erwies 40 , finden wir eine Reihe von Bologneser 
Juristen in ihren Diensten 41 . Noch lebhafter waren die Be¬ 
ziehungen der Großgräfin zu dem Haupt der Rechtsschule, 
zu Imerius 42 . Er fand nach dem Bericht einer glaubwürdigen 
Quelle an Mathilde eine eifrige Förderin seiner wissenschaft¬ 
lichen Studien 43 und wirkte wie seine Landsleute im Jahre 
1113 im markgräflichen Hofgericht 44 . Damals war von irgend 
welcher Feindschaft zwischen der Gräfin und Heinrich V. 
nicht mehr die Rede, denn schon zwei Jahre früher hatte 


38. Ficker Forsch. 3, 125 ff.; Fitting Die Anfänge der Rechts- 
Schule zu B)ok>gna ,98 f. und an anderen Stellen. 

39. Fitting in Zeitschrift für Rechtsgeschichte N. F. 23, 31 ff. 

40. Vgl. oben S. 36 Anm. 170. 

41. Vgl. Ricci im Annuario 1886/7, 293 ff. Nr. 10, 13, 14 und 
15; Ovennann Reg. Nr. 80 und 82. 

42. Nicht nur die wissenschaftliche, sondern auch die politische 
Persönlichkeit des Irnerius würde klarer zutage treten, wenn die 
von Fitting unter seinem Namen veröffentlichten Werke, die Que- 
stiones de iuris subtilitatibus und die Summa Codicis, ihm mit 
Sicherheit zugeschrieben werden könnten. Aber obwohl der be¬ 
kannte Rechtshistoriker seine These energisch verteidigt hat (Zeit¬ 
schrift für Rechtsgeschichte N. F. 17, 1 ff.) und noch heute an 
ihr festhält (ebenda 26, 334), ist sie doch bei den Fachgenossen 
auf so energischen Widerstand gestoßen (ich nenne nur Schupfer in 
den Atti dell’ Accademija dei Lincei, cl. stor.-fil. 5, 5, 3 ff. und 
Pescatore Beiträge zur Mittelalterlichen Rechtsgeschichte 4), daß 
der Historiker Bedenken tragen muß, sie als gesichertes Resultat 
zu verwerten. 

43. Chron. Urspergens. in M. O. SS. 23, 342 (vgl. Wattenbach 
Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter 2, 449). Ich halte 
es aber für bedenklich, die zeitlichen Angaben der Chronik zu 
benutzen. 

44. Ricci Nr. 17; Ovennann Reg. 130. 


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sie ihn wahrscheinlich zu ihrem Erben eingesetzt 45 . Als 
nun im Frühjahr 1116 der Kaiser in Italien erschien, um 
die Hinterlassenschaft der im Vorjahr Verstorbenen in Be¬ 
sitz zu nehmen 46 , da war es, man darf fast sagen, Pflicht 
des Imerius, sich den markgräflichen Vasallen anzuschließen, 
die den deutschen Herrscher herbeigerufen hatten und 
auch durch die Canossanischen Gebiete in großer Zahl be¬ 
gleiteten 47 . Jedenfalls fehlte es ihm nicht an Charakter¬ 
festigkeit 48 , nur weil er, der Anhänger der Großgräfin, nach 
ihrem Tode zi) Heinrich V. übertrat 

Daß der Kaiser den Bologneser Gelehrten gnädig auf¬ 
nahm, ist nicht auffallend, da auch andere Richter der 
Mathilde sofort im kaiserlichen Gericht verwendet wurden 49 . 
Wenn sich Imerius aber in kurzem eine Vertrauensstellung 
beim Herrscher errang 50 , so verdankte er sie sicherlich seinen 
persönlichen und wissenschaftlichen Qualitäten. Auch fand 
Heinrich an ihm einen energischen Vertreter der Kaiseridee, 
ähnlich wie einst sein Vater an dem Ravennatischen Rechts- 


45. Vgl. S. 38 Anm. 177. 

46. Meyer v. Kn. Heinrich V. 7, 3. 

47. Overmann S. 43 und 46. 

48. Diesen VorwUrf macht ihm Fitting in der Ausgabe der 
Questiones 43; E. Besta J-'Opera d’lrnerio 1, 66 hingegen weist 
ihn zurück. 

49. Ficker Forsch. 3, 155f. 

50. Er erscheint im Hofgericht zu Padua am 18. März 1116 
(St 3132, 'Ricci im Annuario 1886/7, 305 Nr. 20) an zweiter Stelle 
unter den * iudices, ebenso pm 22. März (St 0133, Ried Nr. 21), 
dann aber am 8. April zu Reggio (St 0134, Ried Nr. 22), am 
6. und 13. Mai zu Gjovemolo (St 3136 und 39, Ried Nr. 23 und 
28) an erster Stelle. Lieber seine Mitwirkung bei Ausstellung der 
Diplome St 3138 und 40, Rica Nr. 24 und 25, vgl. N. A. 31, 
468 ff. Das Original von St 3138 findet sich im St-A. zu Mailand 
Sezione stor.-dipl. Das Kreuz im Eschatokoll stammt wahrschein¬ 
lich von des Kaisers Hand, Imerius hat eigenhändig unterzeichnet 
Im Dezember weilte Imerius nochmals beim Kaiser zu Quaraeto 
im Gebiet von Faenza; vgl. St. 3151. 


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gelehrten Petrus Crassus 51 . So half Irnerius, als es im Jahre 
1118 galt, dem Gelasius II. einen kaiserlichen Papst entgegen¬ 
zustellen, das Volk von Rom durch .öffentliche Rede dafür 
zu gewinnen 52 . Und auch später harrte er an des Herrschers 
Seite getreulich aus 53 , obwohl der Erzbischof von Ravenna 
und auch Bischof Victor von Bologna zur päpstlichen Partei 
übertraten 54 . 

Kehren wir nun noch einmal zum Privileg Hein¬ 
richs V. für Bologna zurück. Irnerius hat das Diplom, 
neben dem Kaiser und dem Kanzler, allein unterzeichnet 


51. Gonrat Geschichte der Quellen des Römischen Rechts 1, 
606ff.; Meyer v. Kn. Jkeinrich IV. 3, 267ff. 

52. Meyer v. Kn. Heinrich V. 7, 64. 

53. Er weilte mit ihm am 21. Juni 1118 zu Bombiana nahe 

dem Renothal (St 3158, Nj. A» 31, 469), dann nahm er nochmals 

als iudex an der vom Kaiser am 1. August zu Tlreviso abgehaltenen 
Gerichtssitzung teil (Bresslau im N. A. 20, 227). Der Kaiser 
kehrte noch im Herbst nach Deutschland zurück (Meyer v. Kn. 
Heinrich V. 7, 77). 

54. Erzbischof Wjalfer von Ravenna hatte sich Rom unter¬ 

worfen und dafür am 7. August 1118 ein Privileg von Gelasius II. 
erhalten (J.-L. 6647). Aber von kaiserlicher Seite wurde ein gewisser 
Philipp zum Gegenerzbischof erhoben (vgl. die Urkunde Walters 
für Faenza, Mittarelli Access. 427), der am 4. November 1118 an 
einer Gerichtssitzung der Kaiserin Mathilde zu Castrocaro (südwest¬ 
lich von Forli) teilnahm (Ughelli 2, 364; Meyer v. Kn. Hein¬ 
rich V. 7, 77 Anm. 39). — 1116 hatte Bischof Victor von 

Bologna dem Kaiser gjegenüber eine freundliche Haltung einge¬ 
nommen, am 29. Mai in seiner Umgebung geweilt (St. 3141), viel¬ 
leicht auch das Privileg für sein Domkapitel (vgl. N. A. 31, 552) 
vermittelt; aber das eben erwähnte Diplom Heinrichs St. 3158, 
das dem S. Michele-Hospital den Bann für dessen Besitzungen und 
die Immunität verlieh, scheint gegen den Bologneser Bischof ge¬ 
richtet gewesen zu sein. Denn in einer Urkunde Victors (Sav. 
Nr. 106. 0|r. im St.-A. ztu PJstoja, Arch. Diplomatie« Nr. 66), 
datiert 1118 (Tagesangabe fehlt), zur Zeit der Regierung des Ge- 
lashis — das läßt über die Parteistellung des Bischofs keinen Zweifel 
— wurde S. Michele der Abtei Fontc Taona überlassen; vgl. auch 
oben S. 36 Anm. 170. 


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und, wie sich nachweisen läßt 55 , bei der Wahl des Notars 
mitbestimmend gewirkt. Schon diese diplomatische Fest¬ 
stellung berechtigt zur Vermutung, daß der Rechtsgelehrte 
auch an der in der Urkunde verzeichneten Handlung nicht 
unbeteiligt gewesen. Dazu kommt die auffallende Nachsicht, 
mit der der Kaiser die Bologneser Bürgerschaft behandelte, 
und das Ansehen, dessen sich Irnerius bei Heinrich er¬ 
freute. Da wird der Schluß nicht zu gewagt erscheinen, 
daß Irnerius mit Erfolg die Aufgabe des Vermittlers zwischen 
seiner Vaterstadt und dem deutschen Herrscher übernommen 
hat. Den wissenschaftlichen Verdiensten, die die Nachwelt 
ihm zuerkannt hat, .wird man dieses politische beifügen 
dürfen. 


In dem Zeitraum vom Abzüge Heinrichs V. bis zum 
ersten Eingreifen Friedrich Barbarossas fehlte in Italien eine 
dauernde Vertretung des Reichsregiments 55 . Die beiden 
Römerzüge Lothars III. blieben Episoden, die die Entwick¬ 
lung der lokalen Verhältnisse nicht in eine andere Richtung 
zu zwingen vermochten, und Konrad III. erschien nur als 
Oegenkönig südlich der Alpen 57 . So waren die Comunen 


55. N. A. 31, 470. 

56. Vgl. Ficker Forsch. 1, 234 und 2, 133. 

57. Das war im Jahre 1128. Er passierte vermutlich auf seinem 
Zuge von der Lombardei nach Tusrien (Davidsohn Gesch. 1, 405) 
die Romagna. Auf die einzige Nachricht, die wir über seine Tätig¬ 
keit daselbst besitzen, hat Scheffer-B, in seinen Forsch. 89 auf¬ 
merksam gemacht. Da ich Gelegenheit hatte, die Urkunde selbst, 
von der Scheffer-B. nur die gedruckte italienische Uebersetzung zur 
Verfügung stand, zu benutzen, möchte ich hier die in Betracht 
kommenden Stellen wiedergeben. (Libro Biscia di S. Mercuriale in 
der Bibi, del Liceo zu F<orli fo, 289 v, Prozeß vom 21. Dezember 
1186, unter den Zeugenaussagen:) Ugolinus archipresbiter dicit, quod 
a tempore fllo, quo comes Albertinus (Ueber sein Geschlecht gibt 
die Urkunde des Bonifacius, des Enkels des Albertinus, von 1158 
Aufschluß; vgl. Rubei Ravenna 323f.) amisit Meldulam ante de- 
strutionem (!) Forlivii in ^festo S. Johannis, vidit eedesiam de S. 
Petro de Grasignano teuere (!) per abbatem S. Miere ... et tune 


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sich selbst überlassen. Und da bei ihrer Politik große ge¬ 
meinsame, etwa nationale Ziele noch völlig fehlten, verfolgte 
jede Stadt ihre Sonderinteressen rücksichtslos auf Kosten 
der Nachbarn. Was nun Bologna betrifft, so mußte es den 
Versuch, im Norden oder Süden vorzudringen, wie schon 
hervorgehoben, bald aufgeben. Seine Expansionsbestrebun¬ 
gen waren zur Zeit nur längs der Via Emilia nach Westen 
und Osten möglich, wo bestehende Gegensätze Gelegenheit 
zum Eingreifen boten. 

Durch den Tod der Großgräfin von Tüsden waren die 
kleinen Capitane ihrer Hausmacht, .dann auch das Kloster 
Nonantola mit seinen Vasallen und Besitzungen der schützen¬ 
den Canossanischen Oberherrschaft 58 verlustig gegangen. 
Zu den Lehnsmannen der Mathilde hatten wahrscheinlich 
auch die Ritter des Frignano 59 gehört, des Teiles der 


terra, unde lis, erant {!) salda ett non laborabatur. et dicit 

prefatam terram exbrigatam et laboratam ex ilk> tempore, quo rex 
Goradus obsedit Montem Meiorem, qui tarnen non dum erat rex, 
sed Lotarhis tune erat clectus .... Dominus Gniazo dicit, quod 
recordatur a sexaginta annis (das ist genau ,1126), ex quo tempore 
didt Forlivium esse combustum .... et tune temporis presbiter 
Martinus Pancaldi regebat ecclesiam S. Petri in Grasigno pro Michaele 
abbate S. Merc. Wir erfahren also, daß K)onrad das Castel Monte 
Maggiore (vermutlich dap nahe dem oberen Montone gelegene) 
belagerte. Aber dieses Ereignis scheint mit dem Verlust von Mel- 
dola und der Zerstörung von. Forli in keinem Zusammenhang zu 
stehen. — Bologna gehörte vielleicht zu den Parteigängern des 
Gegenkönigs. So soll nach Savioli 1, 216 Anm. B. ein Urkunden¬ 
fragment aus den zwanziger Jahren nach seinen Regierungsjahren 
datieren. Die vpn Scheffler 88 Ajnm. 5 benutzte Urkunde von 
1130 besagt nichts für lEMogna, denn sie gehört nach Medidna. 

58. Vgl. bezüglich Nonantotas Overmann Reg. 45, 47 d und 78. 

59. Der Catal. provinc. Ital. in M. G. SS. rer. Langob. 188 
erwähnt Feranianum, das in (den zwanziger Jahren des 8. Jahr¬ 
hunderts in die Gewalt der Langobarden geriet (Lib. pontif. 1, 405, 
Gaudenzi Nonantola 81). Im 9. und 10. Jahrhundert gehörte es zur 
Grafschaft Modena (vgl. Malaguzzi-Valeri jm Appennino Modenese 
504 ff. dazu die 6. 18 Anm. 26 zitierte Urkunde und die Ge- 


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Modeneser Berglande, der sich am linken Ufer des oberen 
Panaro hinzieht. Nach dem Dahinscheiden der Qroßgräfin 
werden sie an dem Versuch der Canossanischen Vasallen teil¬ 
genommen haben 61 , sich durch Zusammenschluß unter einem 
!dux gegen die ihnen von der Ausdehnungspolitik der Städte 
drohende Gefahr zu schützen 62 . Da aber die Organisation 
keinen Bestand hatte, vereinigten sie sich mit dem Kloster 
Nonantola, um gegen die Uebergriffe Modenas Hilfe bei 
Bologna zu suchen. 

Für die Abtei Nonantola, eine langobardische Gründung, 
war die Zeit der Blüte längst dahin 63 . Seit ihrer Zerstörung 
durch die Ungarn 64 konnte sie sich nicht mehr recht er¬ 
holen, sondern geriet in den wechselnden Besitz von Erz¬ 
bischöfen und Bischöfen, die ihre Güter verschleuderten 65 . 
Die Reformversuche Ottos II. und III. 66 blieben ohne Er¬ 
folg. Als dann das Kloster endlich seine Selbständigkeit 


richtsurkunde, die Schiaparelii im Bullettino 21, 147 druckt). Das 
Gebiet wird fines oder pagus, 1016 (vgl. Tiraboschi Modena 2 Nr. 
159) Grafschaft genannt. Vgl. Overmann S. 10 ff. 

61. Vgl. Overmann S. 48 f.; Bemhardi Lothar v. S. 831 ff. 

62. Vgl. Ficker Forsch. 2, 294. 

63. Ueber ihren Reichtum jm 9. Jahrhundert vgl. Dümmler 
Ostfränk. Reich 3, 216 und Destructio monast. Farfensis in Fonti 
per la storia d'Italia 33, 31. 

64. Dümmler 3, 508 nach Catal. abb. Nonant. in M. O. SS. 
rer. Langob. 572. Den Wiederaufbau der Abtei erwähnt die Ur¬ 
kunde, Sergius' III. J.-L. 3539. 

65. Vgl. Catal. abb. Nonant. 572. — König Hugo schenkte das 
Kloster dem Erzbischof von Mailand (Arnulfi Gesta archiep. Mediol. 
tn M. G. SSj. 8, 7), 959 besaß es der Bischof von Modena (Ti¬ 
raboschi Nonantola 2 Nr. 88; vgl. auch das Privileg Ottos I. B.-O. 
330), 970 der von Parma (Tiraboschi Nr. 90), 989 der von Piacenza 
(Mur. Ant. 1, 305), nochmals der von Parma zur Zeit Heinrichs II. 
(vgl. M. G. DD. 3 Nr. 41), endlich gab es Konrad II. wieder 
an Mailand (Catal. abb, Nonant. 673 und Tiraboschi Nr. 122). 

66. Vgl. M. G. DD. 2, 1 Nr. 282 und 83; 2, 2 Nr. 237. 


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zurückerlangte, war das Abhängigkeitsverhältnis seiner 
eigenen Untertanen arg gelockert. So mußte es im Jahre 
1058 67 die Teilnahme der Bewohner des Kastells Nonantola 
an geplanten Befestigungsanlagen mit Ueberlassung eines 
Gebietes zu Gemeindeland, Verleihung weitgehender Erb¬ 
fähigkeit für die von der Abtei vergebenen Ländereien und 
anderen Vorrechten erkaufen. Zu Beginn des zwölften Jahr¬ 
hunderts gehörten dem Kloster innerhalb des Bologneser 
Territoriums 68 das wichtige Oliveto 69 mit Pradalbino im 
Samoggiatal, ebendort weiter aufwärts S. Lucia di Roffeno 
mit S. Trinitä di Savigno, in der Ebene Manzolino (bei 
Castelfranco), Taivolo und Rastellino (bei S. Agatha) und 
Secco (bei Crevalcore), endlich durch Schenkung der Gräfin 
Mathilde 70 nahe dem Lavino Zola Predosa und Rigosa. Aber 
die Hauptmasse der Nonantolaner Besitzungen war Modena 
derart vorgelagert 71 , daß für diese Stadt die Unterwerfung 
der Abtei, man könnte fast sagen, eine Lebensfrage bildete. 
Der Modeneser Bischof machte mit der Bürgerschaft ge¬ 
meinsame Sache ünd bedrohte die exemte Stellung des 
Klosters. Päpstliche Bullen 79 halfen da Nonantola nicht viel, 
und vom deutschen Herrscher war zur Zeit des Thronstreites 
nichts zu hoffen. Da nun Modena seine Angriffe fortsetzte 73 , 
nahmen populus und milites von Nonantola — dem Abt 
fiel bei Abschluß des Vertrages eine recht untergeordnete 
Rolle zu — im Dezember 1131 den Schutz an, den ihnen 


67. Mur. Ant. 3, 241. 

68. Vgl. die Urkunden Paschals II. J.-L. 6332 und 6354. 

69. Vgl. auch Tiraboschi Nonantola 2 Nr. 217. 

70. Overmann Reg. 78. 

71. Das veranschaulicht die Karte in Tiraboschi Nonantola 1. 

72. Vgl. Urkunde Alexanders II. J.-L. 4634. 

73. 1121 erlangte der Modeneser Bischof sogar von Calixt II. 
ein Privileg (J.-L. 6894), das eine Reihe von Rechten, die die* 
Päpste bisher der Abtei Nonantola bestätigt hatten, verletzte. Drei 
Jahre später aber wiederholte derselbe Papst (J.-L. 7151) die Pri¬ 
vilegien Paschals II. für das Kloster. 


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Bologna bot 74 . Wie bedrängt die Lage des Klosters gewesen, 
zeigt die Höhe der Bedingungen für die Hilfeleistung. Das 
Volk von Nonantola mußte die Bologneser Steuerlasten 
übernahmen, dazu einen jährlichen Tribut von vier Luccheser 
Denaren pro Haus zahlen, Heeresfolge leisten und die 
Konsuln Bolognas als Richter bei Streitigkeiten zwischen 
Bolognesen und Nonantolanern anerkennen. Dazu ver¬ 
pflichtete sich der Abt, dem Bologneser Bischof das Recht 
einzuräumen, im Herrschaftsgebiet des Klosters die dem 
bischöflichen Amt reservierten Handlungen vorzunehmen. 
Bologna versprach dafür nur, Schutz und militärische Hilfe 
zu gewähren und mit Modena keinen Frieden unter Aus¬ 
schluß Nonantolas einzugehen. Erheblich niedriger waren 
die Forderungen, die Bologna den milites Olivetos und der 
anderen Kastelle stellte. Der Grund dafür mag darin zu 
suchen sein, daß diese von der Abtei eigentlich abhängigen 
Ritter unter Konsuln selbständig organisiert auftraten und 
sich mit den Capitanen des Frignano 75 vereinigt hatten, um 
mit Bologna das Abkommen zu treffen. 

Die eigentlichen Ziele der Bologneser Politik lassen 
sich aus den Vertragsbedingungen keineswegs ableiten. Daß 
sie schon die feste Gestalt angenommen hatten, in der sie 
sich beim Ausgang des nunmehr beginnenden Kampfes 
zeigten, ist zweifelhaft. Das Streben Bolognas richtete sich 
vermutlich nur auf Machtausdehnung, und da es in seinem 
westlichen Nachbarn, Modena, einen Gegner seiner Ab¬ 
sichten erkannte, ging es das vorteilhafte Bündnis mit Nonan¬ 
tola und den Mathildinischen Väsallen, die sich gegen die 
Modeneser Angriffe zur Wehre setzten, ein. 

Den Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen Modena 
und Bologna verzögerte das Erscheinen Innocenz’ II. und 


74. Sav. Nr. 113 unvollständig, St.-A. Bol. Reg. grosso 1, 
fo. 12v. 

75. Schon Savioli verbessert mit Recht das unsinnige Ffer- 
rariensibus des Textes in Frenianensibus. 


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Lothars III. in den dortigen Gegenden. Im Oktober 1132 
weilte der Papst in Nonantola und erließ ein neues Verbot 
an den Bischof von Modena, die Rechte der Abtei anzu- 
tasten 76 . Dann kam der König, um in langsamem. Zuge 
durch die Mathildinischen Besitzungen seine Herrschaft 
daselbst zu befestigen 77 . Unter diesen Umständen war sein 
Eintreffen für Modena nicht weniger unwillkommen, als für 
Bologna. Das Verhalten Modenas zu Lothar kennen wir 
nicht. Bologna verschloß ihm die Tore 78 . Schon damals 
also war das Kraftgefühl seiner Bürgerschaft so gestiegen, 
daß es der kaiserlichen Autorität zu trotzen wagte. Schon 
damals waren so viel Uebergriffe in die Rechte des 
Reiches, zum Beispiel die Besetzung des zum Mathildinischen 
Gut gehörenden Rodianos 79 erfolgt, daß ein friedlicher Aus¬ 
gleich nicht mehr möglich schien. Lothar war militärisch 
viel zu schwach, um irgend etwas gegen die ungehorsame 
Stadt unternehmen zu können 80 , mußte wohl aus der Ferne 


76. J.-L. 7597-99. 

77. Vgl. Overmann S. 50 f. Am 12. Dezember weilte er zu 
Saneshim (vgl. St. 3272. Abschr. des 17. Jahrhunderts nach einem 
Transsumpt von 1455 im St.-A. Bol. Diplomi e atti sovrani Copie 
vol. 1, Abschr. desselben Transs. im Processo famigiia Marsigli — 
S. Giovanni in Persiceto von 1494 fo. e in den Scritture ccclesiastiche 
des Notars Antonio della Cesta juniore auf dem Not.-A. Bol. Savioli 
hat nach anderer Ueberlieferung ,9. Dezember). Darf man hier 
einen Fehler des Kopisten fannehmen und den Ort in Semesium 
korrigieren, so befand sich Lothar damals im Frignano zu Semese 
(nahe dem Panaro südöstlich von Pavullo). Von dort marschierte 
er nach Zola Predosa (so ist Cellula von St. 3273 zu identifizieren) 
und feierte Weihnachten in Medicina (Bemhardi Lothar v. S. 451). 

78. Otto Fris. Chron. in M. G. SS. 20, 258 sagt: Bononienses 
ac Aemilienses, die den König auf dem ersten Römerzuge despexe- 
rant. Nach dem Sprachgebrauch der Zeit gehörte Modena zur 
Emilia (vgl. M. G. Qonstit reg. 1 Nr. 395), aber es ist nicht 
sicher, ob Otto so verstanden sein wollte; vgl. Bernhardi 450 Anm. 37. 

79. VgL OVermann S. 26 und oben S. 52. 

SO Otto Fris. Chron. 257 und Bemhardi 437. 


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mitansehen, wie der Papst in Bologna aufgenommen 
wurde 81 . Aber wenigstens mit Privilegienverleihungen suchte 
er den Gegner zu schädigen. Da Bologna wahrscheinlich 
schon die Unterwerfung des einstigen Ducats von Persiceta 
anstrebte, gab er den Bewohtiem von S. Giovanni in Persiceto 
ein Diplom 82 . Trotzdem gelang es den Bolognesen nach 
Abzug des Königs diesen Ort ihrem Herrschaftsgebiet ein¬ 
zufügen 83 . Auch gegenüber Modena errangen sie Vorteile 84 . 
So mußten die Modenesen im September 1135 feierlich auf 
jede Belästigung Nonantolas verzichten und das Recht des 
Bologneser Bischofs anerkennen, in den Kirchen der Abtei 
die bischöflichen Funktionen vorzunehmen 85 . 

Ein Jahr darauf aber erschien der Kaiser wiederum 
südlich der Alpen, diesmal mit stattlicher Kriegsmacht 86 . 
Auch werden ihm die Canossanischen Vasallen Heeresfolge 
geleistet haben 87 . Die Via Emilia ostwärts ziehend 87 *, kam 


81. Innooenz weilte vom 13. bis 16. Dezember in Bologna; 
vgl. J.-L. 7603 und 4. 

82. St. 3272; vgl. oben Antn. 77. Der in dem Diplom ge¬ 
nannte Bach Gailego ist auf der Karte bei Tiraboschi Nonantola 1 
etwas westlich von S. Giovanni verzeichnet. 

83. Die in Anmerkung 85 angeführte Vertragsurkunde nennt 
S. Giov. in P unter Bolognas Parteigängern. 

84. Von militärischen Unternehmungen Bolognas berichten die 
Quellen nichts. Was Sigonius ;119 davon erwähnt, halte ich für 
Rückschlüsse aus dem gleich zu erwähnenden Vertrage. 

85. Sav. Nr. 120 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 14. Die 
Exkommunikation, die Innozenz II. über die Modeneser Konsuln 
verhängte (J.-L. 7747 von 1134 oder 35; 1136 ist nicht wahrschein¬ 
lich), mag die Stadt mit zum Nöchgeben veranlaßt haben. Das 
Schreiben des Papstes w^r an die Mpdcneser Geistlichkeit ge¬ 
richtet und ignorierte den Bischof, der also wie bisher mit dem 
Comune gemeinsame Sache machte. 

86. Otto Fris. Chron. in M. G. SS. 20, 258 und Annalista Saxo 
ebenda 6, 770. 

87. Overmann S. 53. 

87*. Bemhardi Lothar v. S. 669 ff. 


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er am 21. Januar 1137 ins Gebiet von Modena. Abermals- 
nahm die Bologneser Bürgerschaft eine feindliche Haltung 
ein. Der Grund kann nicht zweifelhaft sein. Lothar bean¬ 
spruchte wiederum, wie auf dem ersten Römerzuge, das 
Mathildinische Gut Dann mußten die Bolognesen damit 
rechnen, daß der Kaiser die ihm damals zugefügte 
Demütigung nicht vergessen habe. Ob Lothar auch — sein 
parteiliches Verhalten in der Lombardei ließe es vermuten — 
Modena zum Schaden Bolognas begünstigte, bleibt ungewiß. 
Ueber Vignola am Panaro 88 zog er gegen Bologna. Der 
erste Angriff blieb erfolglos, aber nach etwa zwei Wochen 89 
erlag die augenscheinlich noch recht schlecht befestigte Stadt, 
trotz des für die Verteidigung günstigen Winters, der regel¬ 
rechten Belagerung. Besonders wird die Erstürmung einer 
Bergfeste, vermutlich des den Eingang des Idicetais be¬ 
herrschenden Castel de' Britti, die den kaiserlichen Truppen 
gelang 90 , die Bürger entmutigt haben. Mit welchen Be¬ 
dingungen sie sich die Gnade Lothars erkauften, ist nicht 
bekannt. Wir hören nur, daß Herzog Heinrich der Stolze, 
der wohl schon zu dieser Zeit als Herr des Canossanischen 
Erbes in Aussicht genommen war 91 , als Vermittler auftrat 99 . 


88. Vgl. St 3346. 

89. Als der Kaiser Mitte Januar iin Modenesischen weilte, kann 
die Belagerung schon begonnen haben. Vor dem 2. Februar (vgl. 
Bemhardi 673 Antn. 12) war sie beendigt. — Wieviel schwieriger waren 
die Belagerungen im 13. Jahrhundert! 

90. Anji. Saxo, der diese Erstürmung ausführlich beschreibt 
(772), nennt den Namen der Burg nicht. Aber einmal passen seine 
örtlichen Angaben gut zu det Lage von Castel de’ Britti, dann 
macht Sav. 1, S. 248 Anm. B mit Recht darauf aufmerksam, daß 
in einem Prozeß von 1151 (Sav. Nr. 146 St.-A. Bbl. Dem. S. 
Giovanni i. M. Cass. 5/1345 Nr. 19) die Zeugen bei Angaben 
über Vorgänge der letzten 30 Jahre die destructio castri de Brittis 
erwähnen. 

91. Overmann S. 53. 

92. Bemhardi 672, Anm. 9, der gegen die Nachricht kein Be¬ 
denken geltend macht 


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Sicher aber scheint eins: In kurzer Zeit erholte sich die 
Stadt von den Folgen der Belagerung und Unterwerfung. 

Ende der dreißiger Jahre mögen die Kämpfe zwischen 
Bologna und Modena wieder begonnen haben". Im AugUst 
1142 trugen die Bolognesen einen Sieg über den Gegner 
davon 94 und erreichten 1144 die Unterwerfung zweier ehe¬ 
maliger Besitzungen der Gräfin Mathilde 95 . Aber in der 
Folgezeit mußte Bologna seine Streitkräfte zu Kämpfen in 
<der Romagna verwenden 96 , konnte daher seinem Schützling, 
Nonantola, keinen rechten Beistand gewähren. Die Stadt¬ 
gemeinde und der Bischof von Modena ließen diese Ge¬ 
legenheit nicht unbenutzt. Das bedrängte Kloster wandte 
sich an Eugen III. Der Papst ließ den Bischof seinen Zorn 
fühlen, entzog ihm im Juli 1148 seine Diözese, die unter 
die Nachbarn aufgeteilt wurde, auch ermahnte er die 
Bolognesen, der Abtei weitere Hilfe zu leisten 97 . Auch 
Konrad III. gingen die Nonantolaner um Schutz an. Aber 
der König vermochte nur Mahnschreiben über die Alpen 


93. 1139 griff Innocenz II. wieder zugunsten Nonantolas ein (J.-L. 
8002); vgl. auch Tolosanus 625. 

94. Cronaca Mprano (14) gibt die Niederlage fast zu. Viliola zu 
1142 spricht von dem vollständigen Sieg der Bolognesen und ver¬ 
legt ihn apud vadum Vlalarii, was vielleicht als Vado an der Setta, 
benachbart dem S. Nipcolo ilella Gugliara (vgl. Calindri 5, 186), 
gedeutet werden darf. Die Chron. di ßfol. 242 kiann mit dem 
Ausdruck appresso della valle di Reno vielleicht dasselbe meinen. 
Sigonius (123) läßt die Schlacht im Tal des Lavino stattfinden. 

95. Nämlich Savignpno ttm Reno und* Zola Predosa. Vgl. 

Overmann S. 60 f.; Sav. Nf. 132 Reg. grosso im St.-A. Bol. 1, 
fo. 15 (ohne Datum, aber direkt an Sav. Nr. 128 anschließend. Auch 
die Cronaca Miorano 15 bringt das Ereignis zum Jahr 1144); Sav. 

Nr. 128 Reg. grosso im St.-A, BöT f 1, fo. 15 und Tirabosdii No¬ 

nantola 2 Nr. 273. 

96. Vgl. S. 8Z 

97. Bemhardi Konrad III. 731 t nach Joh. v. Salisbury in 

M. O. SS, 20, 533; vgl. dazu J.-L. 9291 (Reg. grosso im St.-A. 

Bol. 1, fo. 16), 9192, 9322 und 9331. 


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zu senden und die Ankunft von Bevollmächtigten in Aus¬ 
sicht zu stellen. Irgendwie seiner Forderung Nachdruck 
zu verleihen, war er so wenig imstande, daß gerade in 
jener Zeit — es geschah im Sommer 1150 -- die Modenesen 
das Kastell Nonantola zerstörten 98 . 

Der Abschluß der Feindseligkeiten erfolgte erst in Zu¬ 
sammenhang mit den im folgenden Kapitel zu schildernden 
Begebenheiten. Dennoch werden wir an dieser Stelle das 
Resultat des Streites hervorheben dürfen. Schon auf seinem 
ersten Römerzuge ließ der neue deutsche König, Friedrich 
Barbarossa, deutlich erkennen, daß er die Wiedergewinnung 
des Mathildinischen Gutes anstrebte 99 ; auch erwies er der 
Abtei Nonantola seine besondere Gunst 100 , sodaß diese 


98. Von den vier Briefen Konrads III. (Tiraboschi Nonantola 
2 Nr. 282 = Sav. Nr. 138—141) läßt sich dzr erste nicht datieren, 
kann auch mit der Belästigung der Vfcroncser Besitzungen des 
Klosters Zusammenhängen, denn in ihm wird das Eintreffen eines 
nuntius angekündigt, bei jener Angelegenheit ein Königsböte B. 
erwähnt (Bemhardi Kjonrad III. 381 f. und Tiraboschi Nonantola 
Nr. 270). Ebenso ist das vierte Schreiben, das an die Modenesen 
gerichtet ist, zeitlich nicht festzulegcn. Der dritte Brief, der die 
Ankunft des Notars Heinrich meldet, gehört ins Frühjahr 1150 (vgl. 
Bernhardi 817 f.), während das zweite Schreiben, da cs das Eintreffen 
des Kanzlers Arnold und des Abtes .Wibeld von Korvci in Aus¬ 
sicht stellt (vg4. ,Bernhard! 845 f.), in den Herbst des gleichen 
Jahres zu setzen ist Dfa erst in diesem Brief die Zerstörung des 
Kastells Nonantola erwähnt wird, so muß sie im Sommer 1150 er¬ 
folgt sein, nicht schon im Jahre 1149, wie von den Cron. Mod. 
die Cronaca ßazzano 15 angibt Vgl. auch Miodcnas Bündnis mit 
Parma, das die Möglichkeit eines Heercszuges bis zum Reno ins 
Auge faßte (Mur. Aut. 4, 54 Reg. Privil. im Stadt-A. zu Modena 
fo 95). 

99. Vgl. unten S. 92. 

100. Vgl. seine Urkunde für Nonantola (Scheffer-B. im N. A. 
20, 198 und Simonsfeld Friedrich I. 1, 310). Von der Besitzbestäti¬ 
gung ist nur der Anfang erhalten, doch darf man annehmen, daß 
die Aufzählung der des Diploms Ottos IV. B.-F. Nr. 404 nahe 
gestanden hat. 


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jetzt wenig Neigung mehr für die Bologneser Schutzherr¬ 
schaft zeigte 101 . Das wird die Gegner, Bologna und Modena, 
zur Einsicht gebracht haben, daß die ihnen beiden drohende 
Gefahr größer war als die bestehenden Differenzen. So 
kam es im September 1156 zum Friedensschluß 102 . Modena 
ließ den Bolognesen freie Hand gegenüber Nonantola, falls 
dieses sich weigern sollte, den pflichtmäßigen Tribut 103 und 
Heeresfolge zu leisten 104 , versprach dann, sich fernerhin 
nicht mehr in die Verhältnisse östlich der Modeneser 
Diözesangrenze einzumischen. Dieser Verzicht bedeutete 
Vorrücken des Bologneser Machtbereichs bis zum Muzza- 
bach 105 , also Wiedergewinnung der in früheren Jahr¬ 
hunderten zur Grafschaft Modena gekommenen Teile seines 
Territoriums. 

Die weitgehenden Zugeständnisse der Modenesen sind 
nur dann verständlich, wenn man in Rechnung zieht, daß 
sie mit ihnen die Wiederherstellung ihres Bistums er¬ 
reichten 106 , ferner annimmt, daß Bologna sich zu ent- 


101. Das ergibt der gleich zu erwähnende Vertrag zwischen 
Bologna und Modena. 

10Z Sav. Ni^ 160 Reg. grosso im St.-A. Bol. 1, fo. 17v. 

103. Gemeint sind die vier Luccheser Denare pro Haus, die 
auch im .Vertrage Bolognas fcnit Zola Rredosa (vgl. oben S. 71 
Anm. 95) erwähnt werden. 

104. Bolognas jetzt feindliche Haltung gegen Nonantola zeigt 
vielleicht auch das Dokument vom 21. August 1156 (Sav. Nr. 158 
Reg. nuovo im St.-A. Hol. fo. 175), worin Bologna den Be¬ 
wohnern von Oliveto, also Untertanen der Abtei, verspricht, sie 
wie Bologneser Böiger zu schützen, als Lohn vermutlich für ihre 
Unterwerfung unter Bologna. 

105. Vgl. oben S. 6. 

106. Vgl. Joh. v. Salisbury in M. G. SS. 20, 533. — 1155 
wird noch der päpstliche Verweser erwähnt (Tiraboschi Modena 3 
Nr. 405 und Sav. Nr. 155); 1157 ist der Bischof u’ieder eingesetzt 
(vgl. Tiraboschi 3 N|r. 417). DSe Modenesen versprachen dem 
Papst eidlich, Nonantola nicht mehr zu bedrängen; vgl. die Ur¬ 
kunde Alexanders III. J.-L. 12758. 


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sprechenden Verpflichtungen bereit fand. Letztere sind nicht 
erhalten, müssen sich aber auf das Modeneser Bergland 
bezogen haben. Der Krieg zwischen Bologna und Modena 
wird nicht zuletzt dazu beigetragen haben, daß unter den 
Capitanen des Mathildinischen Gutes Spaltungen eintraten 107 . 
So befehdeten sich im Frignano die Corvuli und die Guallan- 
delli 108 . Im Vertrage von 1131 hatte sich Bologna ver¬ 
pflichtet, eine Reihe von Rittern des Frignano gegen Modena 
zu schützen, dann auch mehreren von ihnen das Bürger¬ 
recht verliehen 109 . Jetzt bei dem Friedensschluß von 1156 
verzichtete es darauf — so darf man annehmen —, den 
Modenesen bei ihrem Vordringen nach Süden Schwierig¬ 
keiten in den Weg zu legen. So gelang diesen im selben 
Jahr die Unterwerfung der Corvuli und anderer Berg- 
capitane 110 . Aber auch Bologna blieb nicht untätig, sondern 
bemühte sich, seine Herrschaft in den gewonnenen Gebieten 


107. Ueber die so entstandenen Consorzien vgl. Malaguzzi- 
Valeri im Appennino Modenese 527 f. 

108. Vgl. die Urkunde Tiraboschi Modena 3 Nr. 417. 

109. So bekennen sich von den Corvuli (vgl. Tiraboschi Mo¬ 
lde na 3 Nr. 408) mehrere als cives Bo non re, darunter ein Rainal- 
dmus. Rainakiinus und andere Capitane des Frignano sind auch 
bei dem Vertrag Bolognas mit Monteveglio (Sav. Nr. 161) zugegen. 

110. Nämlich der zum Gebiet von Reggio gehörenden Ritter 
Von Baiso (Tiraboschi 3 Nr. 407, 8 und 11 Reg. Privil. im Stadt-A. 
zu Modena f. 29, 39 und 38 v). Gegen meine Hypothese spricht 
nicht, daß die Abmachungen Modenas mit den Bergcapitanen in 
der Hauptsache schon im März geschlossen wurden, während der 
Friede mit Bologna erst im September zustande kam. Denn dem 
Friedensschluß können Waffenstillstand und Verhandlungen schon 
Vorausgegangen sein. Und der Umstand, daß Mtodena in den 25 
Jahren des Kampfes derartige Verträge mit den Rittern nicht er¬ 
reicht zu haben scheint, sondern erst 1156, als Bologna sich zum 
Frieden geneigt zeigte, spricht für den Zusammenhang. Auch ist 
zu erwägen, daß Modena, hätte es schon vor den Verhandlungen 
mit Bologna diese Erfolge in den Berglanden errungen, wohl nicht 
in so harte Friedensbedingungen gewilligt haben wunde. 


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zu befestigen 111 . Von den dabei ergriffenen Maßnahmen 
verdient das Abkommen vom Mai 1157 hervorgehoben zu 
werden, das Monteveglio, die einst so starke Feste der 
Canossaner 112 , Bolognas Oberhoheit unterstellte 113 . 

Die Errungenschaften, die der Friedensvertrag den 
beiden Städten brachte, waren für den Augenblick ziemlich' 
gleichwertig. Das Protektorat Bolognas über die Abtei 
Nonantola blieb ein recht unsicherer Besitz, und sein Gebiets¬ 
zuwachs vom Reno bis zur Muzza wurde reichlich auf¬ 
gewogen durch die Besetzung des Frignano und der übrigen 
Berglande, die den Modenesen gelang und ihnen die Pa߬ 
straßen nach Toscana sicherte. Für die Zukunft aber ergab 
sich schon aus der 1156 geschaffenen Lage die Ueberlegen- 
heit der Bolognesen über die Nachbarstadt. Denn indem 
das Comune Modena seinen Anspruch auf die östlichen 
Teile seiner ehemaligen Grafschaft aufgab, raubte es sich 
die Möglichkeit der notwendigen Erweiterung seines Ge¬ 
bietes in dieser Richtung. Bologna hingegen schob seine 
Herrschaft über das ebene Land weit nach Westen vor 
und errang damit zugleich eine Position, von der aus die 


111. Vgl. den Gehorsamseid der Bewohner von Canetolo (wohl 
einst nahe Bazzano; vgl. Tiraboschi DizRmario 1, 120) vom 4. Sep¬ 
tember 1157 (Sav. 163 Reg. grosso jm St-A. Bol. 1, fo. 21). 

1.12. Overmann S. 01. 

113. Sav. 161* Reg. grosso im St-A. Bol. 1, fo. 18. Beim 
Abschluß des Vertrages wtaren die Grafen von Amola zugegen, 
die wohl schon damals die Bologneser Oberhoheit hatten aner¬ 
kennen müssen. Als Sitz des Geschlechts könnte Amola bei S. 
Agata in Betracht kommen, aber ich entscheide mich für das im 
Gebirge links vom Lavino gelegene Amola, 1. weil in einem Prozeß 
Von 1197 (Sav. 314 Or. im St.-A. Bol. Dem. S. Pietro Cass. 21/208 
Nr. 3) von der Grafenfamilie Anspruch auf ein Casula erhoben wird, 
das sich gut mit dem nordwestlich von Amola gelegenen S. Martino 
in Casola identifizieren läßt; 2. weil Leute von Zola Predosa 1168 
Land zu Lehen von den Grafen haben; vgl. Tiraboschi Nonantola 2 
Nr. 321. 


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Unterwerfung der eigenen südlichen Berglande früher oder 
später erfolgen konnte. 

Wie es im Westen der Konflikt Modenas mit den 
Mathildinischen Vasallen und dem Kloster Nonantola war, 
der den Bolognesen Gelegenheit zur Einmischung verschaffte, 
so im Osten die Feindschaft zwischen Comune und Bischof 
von Imola. Die für Imola verhängnisvolle Situation wurde 
[wesentlich dadurch veranlaßt, daß sein Bischof nicht in der 
Stadt selbst, sondern in dem wenig westlich gelegenen 
Kastell S. Cassiano 114 residierte. Auch verfügte er zwar 
nicht über die gräfliche Gewalt, doch über eine Macht¬ 
stellung, die ihn zum Gegner der emporstrebenden Bürger¬ 
schaft machen mußte. So beanspruchte er 115 den Zoll und 
andere öffentliche Einkünfte in Imola, den wichtigen Hafen 
Conselice, das Castello d’Imola, das vielleicht einst die 
Byzantiner südlich von der Stadt erbaut hatten 116 , die Burg 
Tossignano und weitere Ortschaften in den Tälern des 
Santemo und Senio und in der Ebene. Die ihm feindlich' 
gesinnten Bürger hatten einen auffallend raschen Aufschwung 
genommen, besonders einen regen Handelsverkehr ent¬ 
wickelt. Im Jahre 1099 erlangten ihre Kaufleute erhebliche 


114. Nach gütiger Mitteilung des Bibliothekars Galli lag das 
Kastell südlich der Via Emjlia nahe der Stelle, wo sich heute die 
kleine Kirche Croce ooperta befindet 

115. Vgl. die Bulle Honorius’ II. für den Bischof von Imola 
(J.-L. 7390). 

116. Wiederum verdanke ich Herrn Galli die Nachricht, daß 
diese Feste auf einer beträchtlichen Anhöhe südlich vom Santemo, 
heute Monte Castcllaccio genannt, errichtet worden und mit der 
Stadt durch eine Steinbrücke verbunden wjar, von der noch heute 
am linken Fhißufer Trümmer vorhanden sind. Vgl. auch die An¬ 
gabe in dem Dokulmfent vpn 1213 (Sav. Nr. 414): iuxta flumen 
Santemi inter Ymolam et Oastrum Ymole, und die örtliche Be¬ 
schreibung, die Tolosanus 632 gibt. (Jeher die Erbauung der 
Bluig durch die Griechen vgl. Oatal. provinc. Ital. in M. G. SS. 
rer. Langob. 188 und F|artmajnn Gesch. Italiens 2, 1, 130. 


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Zollermäßigungen in Venedig 117 und schon am 5. Juni 1084 
zwangen sie ihrem Bischof Morandus das Recht ab, den 
Hafen Conselice gegen eine geringe Abgabe benutzen zu 
können, ferner die Ueberlassung der Gerechtsame, die ihm 
in der Stadt zustanden, ja sogar das Versprechen, seine 
Residenz nach Imola zu verlegen 118 . Wie weit es dann 
den Imolesen gelang, die Abmachungen wirklich durch¬ 
zusetzen, entzieht sich unserer Kenntnis 119 . 

Indem nun Bologna seine Aufmerksamkeit auf den öst¬ 
lichen Nachbarn richtete, kam es auch mit den Vorgängen 
der übrigen Romagna in Berührung. Dort war keine Rede 
mehr von der alten Herrschaft der Ravennatischen Kirchen¬ 
fürsten, obwohl Erzbischof Walter für die endgültige Unter¬ 
werfung unter Rom die Bistümer seiner Kirchenprovinz und 
auch den ducatus oder exarchatus Ravenne von den Päpsten 
wieder bestätigt'erhalten hatte 120 . Vielmehr bekämpften sich 
die einzelnen Stadtgemeinden untereinander und bedrängten 
zugleich die feudalen Gewalten ihrer Landschaft. Am 
energischsten griff Faenza um sich. Während es an dem 
toscanischen Grafen Guido Guerra, dem Adoptivsohn der 
Mathilde von Canossa 121 , dem wichtige Punkte des Faen- 
tiner Berglandes bis hinab nach Modigliana gehörten 122 , 
bis zu dessen Tode (1124) 123 Beistand fand 124 , richtete es 


117. Lenel in Vierteljahrsschrift f. Social- und Wirtschafts- 

gesch. 1908, 228. 

118. Manzoni 72 Or. im Stadt-A. zu Intola Mazzo 1 Nr. 3. 

119. Im Jahre 1108 urkundete der Bischof zu S. Cassiano; 
vgL Manzoni 77. 

120. Vgl. die Urkunden Gelasius’ II. J.-L. 6647; Calixts II. 

J.-L. 6889; Honorius’ II. J.-L. 7233 und Innocenz’ II. J.-L. 7604. 

121. Vgl. Overmann Reg. 56 a und passim. 

fl 22. VgL das Privileg Friedrichs I. (Ficker Forsch. 4 Nr. 

138) und dazu die Kjarte bei Santini Studi sull’ antica costituzione 
del comune di Firenze. 

123. Davidsohn Gesch. 1, 395 f. 

124. Tolosanus 616 f. 


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seine Angriffe auf die kleinen Herren der nördlichen Ebene, 
besonders die Grafen von Cunio 125 , die am Senio in der 
Nähe des heutigen Lugo saßen. Ziel der Faentiner Politik 
war Machterweiterung, verbunden mit dem Streben, eine 
freie Verkehrsstraße zur Pomündung zu gewinnen 136 . 
Daraus ergab sich sein Gegensatz zu Ravenna, dem damals 
wohl noch bedeutendsten Hafenplatz der Landschaft, das 
sich als Beschützer der von Faenza bedrohten Feudalherren 
gerierte 137 . Den Zwiespalt zwischen Bischof und Comune 
von Imola für ihre Expansionspolitik auszunutzen, werden 
die Faentiner nicht weniger gewühscht haben, als die 
Bolognesen. Und da sich ihre Interessensphären sonst nicht 
berührten, ihre militärischen Kräfte wohl ziemlich gleich¬ 
wertig waren, so zogen sie es vor, sich zum Angriff auf 
das zwischen ihnen gelegene Imola zusammenzuschließen, 
statt in Gegensatz zueinander die Durchführung ihrer Pläne 
zu versuchen. So kam zwischen Bologna und Faenza das 
Bündnis zustande, das, wenn auch zeitweise Störungen ein¬ 
traten, die wesentlichste Grundlage .der Bologneser Politik 
nach Osten zu bildete. 

Die Anfänge der Beziehungen zwischen den beiden 
Städten, die sich gegen Imola richteten, liegen im Dunkel. 
In den zwanziger Jahren des zwölften Jahrhunderts finden 
wir Bologna als Bundesgenosse an den Kämpfen Faenzas 
teilnehmen 138 , die Imolesen hingegen auf Seiten Ravennas 139 . 
So blieb es bis 1130 ,3 °. Im folgenden Jahr ergab sich aus 


125. Tolosamis 617 f. 

126. Vgl. Tolosamis £23. 

127. Tolosamis 617 ff. Faenza war zeitweise mit dem Mark¬ 
grafen Konrad von Tuscien verbündet; vgl. Scheffer-B. Forsch. 68 
Nr. 11. 

128. Tolosanus 617 f. 

129. Tolosanus 618. 

,130. In dessen Frühjahr noch Feindseligkeiten zwischen Bo¬ 
logna und Ravenna stattfanden; vgl. die Urkunde vom 13. April 
1130 bei Sarti 2, 248. 


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unbekannten Gründen eine geänderte Gruppierung der 
streitenden Comunen. Die Bolognesen und Ravennaten 
vereinigten sich zur Eroberung Imolas und zum Schutz des 
lmoleser Bischofs. Das Comune Imola aber erhielt von den 
Faentinern, gegen Anerkennung ihrer Oberhoheit, erfolg¬ 
reiche Unterstützung, zerstörte 1132 sogar die bischöfliche 
Residenz S. Cassiano 131 . Zur selben Zeit nahmen Bologna 
und Faenza Lothar III. gegenüber eine verschiedene Haltung 
ein. Während ersteres zu den Gegnern des Kaisers ge¬ 
hörte 13 *, erkannte letzteres seine Herrschaft an 133 . Erst auf 
seinem zweiten Römerzuge konnte Lothar in die Verhält¬ 
nisse der Romagna persönlich eingreifen 134 . Im Februar 1137 
rückte er nach der Niederwerfung Bolognas, ohne auf Wider¬ 
stand zu stoßen, in die Romagna ein. Indem er nicht Imola, 


131. Tolosanus 619 f. 1131 versprachen die Nonantolaner (vgl, 
oben S. 67 Anm. 74) den Bolognesen Heeresfolge bis zur Cosina, 
Id. h. durchs ganze Foentiner Gebiet, In den folgenden Jahren 
hielt sich Bologna, zur Zeit stark im Wjesten engagiert, von den 
Kämpfen der Romagna (vgl. Tolosanus 620 f.) fern. 

13Z Im Fondo Demaniale des St.-A. Bol. fand ich nur fol¬ 
gende Urkunden dieser Zeit, die nach Regierungsjahren Lothars 
datieren: Urkunde zu Calcara (an der Samoggia) vom 3. Januar 
1133 (S. Stefano Cass. 35/970 ohne Nummer), Urkunde zu Vari- 
gnana (westlich von Castel S. Pietro im Gebürge) von 1134 (ebenda), 
Urkunde zu S. Bartolomeo di Musiano (das Kloster unterhielt damals 
vermutlich noch Beziehungen zu den ehemaligen Grafen von Bologna) 
fcom 3. November (?) 1135 (ebenda) und Transsumpt einer Ur¬ 
kunde angefertigt zu Zena (nahe dem oberen Idicetal) im Jahre 
1136 (S. Stefano Cass. 4/940 Nr. 4). Die genannten Orte standen 
damals wahrscheinlich noch außerhalb des Machtbereiches des Comune 
Bologna. 

133. Die in Mittarelli Access. 424 f. angeführten Urkunden da¬ 
tieren seit 1134 nach Regierungsjahren Lothars. 

134. Bemhardi Lothar v. S. 462 sagt ungenau: „Lothar verweilte 
(Anfang 1133) drei Monate lang in der Romagna/' Wir kennen 
den Aufenthalt des Königs in dieser Zeit nicht Ich halte es für 
wahrscheinlicher, daß er sich in den Canossanischen Besitzungen 
aufhielt 


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sondern S. Cassiano zum Quartier wählte 135 , gab er seine 
Parteinahme für den Imoleser Bischof gegen das Comunc 
zu erkennen. Dort empfing er auch den Ravennatischen 
Herzog Petrus, der 1136 seine Mitbürger gegen Faenza 
geführt hatte 13 “. Als dann Lothar selbst nach Ravenna kam, 
bereiteten ihm Erzbischof, Geistliche und Laien einen feier¬ 
lichen Empfang. Nach längerem Aufenthalt trat er von dort 
seinen Marsch nach dem Süden längs der adriatischen Küste 
an 137 . Die Stellung der Faentiner, der augenblicklichen Be¬ 
schützer der Stadt Imola, zu dem Kaiser ist nicht klar. 
Bisher hatten sie allem Anscheine nach zu Lothar gehalten. 
Auch jetzt zeigten sie ihre kaisertreue Gesinnung, als sie 
die westlich von ihrer Stadt gelegene Feste Pergola, deren 
Bewohner vorbeiziehende deutsche Truppen angefallen 
hatten, zerstören halfen 138 . Da ist es auch nicht ausge¬ 
schlossen, daß Lothar sie irgendwie veranlaßte, ihre Hand 
von Imola fortzuziehem Und die sich daraus ergebende 
Lage mag die Zwischenstufe für die Wiedervereinigung 
Bolognas und Faenzas gebildet haben, die noch im selben 
Jahre erfolgte und sich gegen Imola und Ravenna richtete 139 . 
Doch zurückzuweisen ist die Annahme 110 , daß der Kaiser 
selbst die Faentiner und Bolognesen zusammengeführt und 
die Grafschaft Imola unter ihrer Herrschaft geteilt hätte. 
Vielmehr waren die lokalen Verhältnisse stärker als die 


135. Bemhardi Lothar v. S. 673; Davidsohn Forsch. 1, 93. 

136. Bernhardi identifiziert wohl mit Recht den von Tolosanus 
(621) genannten Herzog Petrus mit dem dux Ravenne, den Anna- 
lista Saxo in M. O. SS, 6, 772 anfiihrt. 

137. Bernhardi 674 f. und 679. 

138. Tolosanus 622. 

139. So möchte ich die von Tolosanus 622 etwas entstellt 
gegebenen Tatsachen verstehen. 

140. Sie vertritt Bernhardi 672. Er irrt, wenn er vermutet, 
daß Tonduzzi (Fjaenza 183) für seine Darstellung eine verlorene 
Quelle benutzt habe. Vielmehr kombinierte Tonduzzi nur die voq 
Tolosanus (622) gemachten Angaben. 


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Reichsgewalt, mögen sie sich auch dem Einfluß Lothars, 
solange er mit erheblicher Truppenmacht anwesend war, 
nicht haben entziehen können. 

Bei den nach des Kaisers Abzug 141 wieder ausbrechen¬ 
den Kämpfen schlossen sich die Parteien folgendermaßen 
zusammen: Ravenna, das sich in dieser Zeit noch stark 
genug fühlte, um einen Krieg mit Venedig führen zu 
können 142 , übernahm den Schutz der Stadt Imola, der Grafen 
von Cunio und der andern Feudalgewalten 143 und schloß 
einen Vertrag mit Forli, dessen militärische Abmachungen 
sich wesentlich auf die Verteidigung der Burg Castiglione 
nahe dem Montone bezogen 144 . An der Spitze des Gegen¬ 
bundes stand Faenza. Wie ihm in den zwanziger Jahren 
Graf Guido Guerra Hilfe geleistet hatte, so trat ihm jetzt 
dessen gleichnamiger Sohn 145 zur Seite 146 und erhielt dafür 
von den Faentinem Zuzug bei seinen Kämpfen gegen 
Florenz 147 . Bologna hingegen gewährte nur geringe Unter¬ 
stützung 148 . Es gehörte augenscheinlich zu den Grundsätzen 
seiner Politik, sich in die Fehden der Nachbarn nur soweit 
hineinziehen zu lassen, als den eigenen Interessen entsprach. 
Und nicht zuletzt wird es diesem besonnenen Vorgehen 
seine Erfolge zu verdanken haben. Die Streitigkeiten der 


141. Als Lothar bei seiner Heimkehr nochmals Bologna pas¬ 
sierte (Bemhardi 772 und 783), wird er weder Neigung noch Kraft 
gehabt haben, sich in die Verhältnisse der Romagna einzumischen. 

142. Lenel Vorherrschaft 27 f. 

143. Totosanus 623 f. 

144. Fantuzzi Mon. Rav. 4, 259. 

145. Davidsohn Gesch. 1, 437. 

146. Tolosamis 627 und auch 634. 

147. Tolosanus 630 und Diavidsohn Forsch. 1, 98. 

148. 1144 bei dlor Belagerung der Burg Castiglione nahm 
der Führer der Bolognesen Rodolfo de’ Geremei (er ist urkundlich 
1155 nachweisbar; vgl. St.-A. Bol. Dem. S. Agncse Cass. 1/5592 
Nr. 6) nach der Darstellung des Tolosanus 627 eine Haltung ein, die 
an Verrat grenzte. 


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Romagna wurden noch verwickelter, als 1142 in Cesena eine 
innere Revolution ausbrach, bei der eine Partei von Ravenna, 
die andere von Faenza unterstützt wurde 149 . Im Jahre 1147 
kam ein Friedensschluß zustande, der Faenza einen teilweisen 
Erfolg brachte 160 . 

Jetzt benutzten die Faentiner und Bolognesen die frei 
gewordenen Streitkräfte zur Abrechnung mit Imola, das 
ihnen bisher getrotzt und abermals S. Cassiano und auch 
das dem Bischof gleichfalls gehörende Castello d’Imola zer¬ 
stört hatte 161 . Ravenna schloß noch Ende 1147 ein Bündnis 
mit den Imolesen 162 , scheint ihnen dann aber keine 
militärische Hilfe gewährt zu haben. Auf der gegnerischen 
Seite fochten die Grafen von Bagnacavallo und andere Imola 


149. Totosanus 625 und Ann. Caesen. in Mur. SS. 14, 1090. 

150. Tolosanus 629 ff. 

151. Tolosanus 631; vgl. auch 623 und 627. — Für die bis¬ 
herige Unabhängigkeit der Imoleser Stadtgemeinde sprechen auch 
folgende Urkunden: (Sav. Nr. 124 Stadt-A. Imola Mazzo 1 Nr. 12, 
die Lücken ergänzt aus Libro rosso ebenda fo. 56) am 5. August 

1140 erwerben die Konsuln von Imola in .Gegenwart des Grafen 
von Cunio (in presentia Ardiieptseopi Cuiriensis comitis heißt die 
Stelle) den Wald bei Bagnara di Romagna von den Filgirardi und Ge¬ 
nossen, die als Gegner Faenzas von Tolosanus 624 angeführt werden. 
Am 1. Juli des folgenden Jahres (Sav. Nr. 126 Stadt-A. Imola Mazzo 1 
Nr. 14) übergeben die Herren von Trentola (nordöstlich von Imola) 
den Imolesen ihr Kastell und verpflichten sich zur Heeresfolge, ohne 
daß dabei der Oberherrschaft Bolognas und Faenzas gedacht wird. 
Anmerken möchte ich hier, daß in einem Dokument vom 3. April 

1141 (Bibi. Classense zu Ravenna, Pergamene estranee Caps. 25 
fase. 1 Nr. 14) eine Reihe Imoleser Konsuln erwähnt werden. 
— Die Nachricht Villolas zu 1144, daß Bologna die Imolesen be¬ 
siegte und die Befestigungen ihrer Stadt zerstörte, ist von Hand A 
versehentlich aus einer Quelle, die 1154 und 1144 verwechselt, 
nachgetragen. Tolosanus berichtet nichts von einem Angriff auf 
Imola im Jahre 1144. 

152. Sav. Nr. 134. Verstümmeltes Or. im Erzbisch.-A. zu Ra¬ 
venna Caps. J Nr. 4400. Decimo in der Datierung kann ich nicht 
lesen, dagegen Novemb. 


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benachbarte, kleine Herren 153 . Dazu ergriff Eugen III. für 
den Imoleser Bischof Partei, bestätigte ihm 1151 ausdrücklich 
S. Cassiano 154 und forderte die Bolognesen zu seinem Schutze 
auf 155 . Also auch hier, wie bei den Kämpfen um Nonantola, 
trafen sich die Pläne Roms mit den Zielen der Bologneser 
Politik. Doch bewirkten dieses Zusammengehen wohl mehr 
die allgemeinen Umstände, als eine papstfreundliche Ge¬ 
sinnung, die etwa von den Tagen des Investiturstreites her 
den größeren Teil von Bolognas Bürgerschaft beherrscht 
hätte. Im Jahre 1153 erfolgte die Einnahme Imolas. Die 
Besiegten mußten die Bewohner von S. Cassiano und 
Castello d’Imola in ihre Wohnsitze zurückkehren lassen, 
ihre Unterwerfung unter Bologna und Faenza jährlich durch 
Uebersendung zweier Pallien bezeugen, ihre Stadtbefesti¬ 
gungen schleifen, endlich Heeresfolge und andere Leistungen 
auf sich nehmen 156 . Ungefähr um dieselbe Zeit wird es 
den Bolognesen gelungen sein, das nahe der unteren 
Quadema gelegene, als Hafenplatz nicht unbedeutende 
Cavagli in Abhängigkeit zu bringen 157 . Vielleicht erreichten 


153. Vgl. Tolosanus 632 und die gleich zu erwähnenden Frie¬ 
densurkunden. 

154. J.-L 9484. 

155. J.-L. 9455 Rfeg. gpiosso im St.-A. Bol. 1, fo. 15 v. 

156. Tolosamis 633 berichtet die Unterwerfung zu Ende 1151, 
Villola und Pietro Rav. zu 1154. Entscheidend sind die Urkunden. 
Die erste (Sav. Nr. 148 Reg. grosso im St.-A. Bol. 1, fo. 16 v) 
enthält einen Vertrag zwischen Bologna und Imola vom 30. März 1153 
(Sav. hat fälschlich 23. März) zu C^tsola .Ganina (nördlich von 
Imola). Dem zweiten Vertrag (Sav. Nr. 149 Reg. grosso im St.-A. 
Bol. 1, fo. 17) vom 18. Juli desselben Jahres scheint eine noch¬ 
malige Erhebung Imolas voraufgegangen zu sein. Im Jahre darauf 
entschied der Bologneser Podesta (Sav. Nr. 150 Stadt-A. Imola Mazzo 
1 Nr. 17) einen Rechtsstreit der Stadt Imola mit Privaten wegen 
Hafenabgaben. Dabei war der Imoleser Podesta Johannes de Ram- 
bertino zugegen, den Sav. >1, 298 und 301 ohne ,Orund zum Bo¬ 
logneser Geschlecht der Geremei rechnet. 

157. Der Unterwerfungsakt (Sav. Nr. 117 Reg. grosso im St.-A. 


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sie sogar die Besitznahme 1 *'* 8 der wichtigen Mathildinischen 
Enklave Medicina 159 , die Anfang der vierziger Jahre zu 


Bol. 1, fb. 14 v) trägt nur das Dutum.-: 14. Januar. Im Gegen¬ 
satz zu Ficker Forsch. 2, 182 Anm. 5 nehme ich an, daß Sav. 
das Dokument willkürlich Thi 1135 gesetzt hat, weil es in seiner 
Vorlage auf Sav. Nr. \20 folgt. Seinem Stil nach gehört es zu den 
älteren Verträgen Bolognas. Da cs den Podesta als Haupt des 
Bologneser Comunc nennt, wird es in den Zeitraum von 1151—1155 
(vgl. S. 88 Anm. .6) fallen. Der in der Urkunde geschilderte Vor¬ 
gang paßt am besten in den Zusammenhang der Unternehmung 
gegen Imola. — Auf modernen Karten finde ich Cavagli nicht ver¬ 
zeichnet, wohl aber auf der (oben S. 2 Anm. 4 erwähnten) von 
1599 als Torre dei Cavalli. Aus der Chron. parva Ferrar. (in Mur. 
SS. 8, 476) erfahren wir folgendes: Gegenüber von Argenta zweigte 
vom Po di Primaro ein Wasseriauf ab, der sich dann in zwei Kanäle 
teilte; während der östliche von ihnen nach Gonselice führte, ging 
der westliche ad vicum Gavali (die Chronik hat irrtümlich Canali) 
qui portus est, quo itur Bbnoniam (nämlich auf der Straße, die 
über S. Martino in Argine, Vedrana und Budrio nach Fiesso -lief; 
vgl. Frati Statuti 2, 609). Vgl. auch St.-A. Bol. Lib. rer. divers. 
DirittL dei Com. zi^m 8. Januar 1249. Wie die oben besprochene 
Urkunde die Oberherrschaft des Ravennatischen Erzbischofs über 
Cavagli betont, so zeigt noch ein Akt vom 1. Oktober 1252 (Rubeu9 
Ravenna 412) die Abhängigkeit des Ortes vom Erzbischof; vgl. 
auch Sarti 2, 57. 

158. Aus Friedrichs I. Privileg für Medicina (vgl. unten S. 92) 
ergibt sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit, daß die Bologneser} 
vor 1155 dessen Befestigungen niedcrlegten. 

159. Sie umfaßte — vgl. die Grenzbeschreibung in Sav. Nr. 

154 und auch die N|otiz in F'rati Stat. 3, 146 über die spätere 

Podesterie Medicina — ein Gebiet bis etwa Gavagli im Norden, 

Trefolchi im Süden, Buda im Osten und Villa Fontana im Westen. 

Im Jahre 855 kam die mpssa Medicina in den Besitz der Erz¬ 
bischöfe von Ravenna (vgl. Mittarelli Ann. Camald. 1 Nr. 4). Um 
die Mitte des 11. Jahrhunderts gehörte sie vermutlich den Päpsten. 
Ich schließe das daraus, daß der tabellio de Medicina Gaidulphus, 
von dem sich UMtfujndein aus den Jahren 1071, 80, 85 und 90 

(im St.-A. Bol. Dem. S. Stefano Cass. 32/968 Nr. 62, 3/939 Nr. 17, 
33/969 Nr. 42 und 61) erhalten haben, stets von sich bemerkt: me 
Victor gratia dei papa ordinavit. An sich wäre es möglich, daß es 
sich hier um eine Njotarsemennung handelt, wie sie die Päpste 


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Imola in Beziehung getreten war 160 . Damit fanden die 
Kämpfe im Osten einen für Bologna günstigen Abschluß. 
Es konnte sich auch hier eines erheblichen Machtzuwachses 
rühmen. 

Wir haben die Ereignisse im Osten und Westen ge¬ 
sondert betrachten dürfen, denn, mochten sie sich auch 
mehrfach durchkreuzen und gegenseitig bedingen 161 , in der 
Hauptsache handelte es sich um zwei getrennte Kriegsschau¬ 
plätze. Noch fehlten die großen Städtebündnisse, die erst 
als Reaktion auf das Vorgehen der wiedererstarkten Kaiser¬ 
macht entstanden. 


auch sonst außerhalb der von ihnen abhängigen Gebiete Vornahmen 
(vgl. Bresslau Handbuch der Urkundenlehre 1, 469), doch kann 
Victor II. dabei auch als Landesherr gehandelt haben. Vgl. auch 
Gaudenzi Stat. 2, 457 Zeile 667. Dps befestigte Kastell Medicina 
wird 1070 (St.-A. Bol. Dem. Cass. S. Stefano 32/963 Nr. 58) und 
1088 (Ricci im An.nuario 1886/7, 292 Nr. 8) erwähnt. Wann Me- 
dicina in den Besitz dar Großgräfin Mathilde gelangte, ist nicht 
bekannt. Nach ihrem Tode, im Jahre 1130 (vgl. St.-A. Bol. Dem. 
S. Pietro Cass. 20/207 Nr. ,19) gehörte es kirchlich, nicht aber 
politisch zu Bologna. Der Träger der öffentlichen Gewalt wird 
als princeps oder potestas bezeichn‘t, worunter vermutlich der damalige 
Führer der Canossanischen Vasallen, der Graf Albert von Verona 
(vgl. Overmann 48) zu verstehen ist. 

160. Bei dem S. 82 Anm. 151 erwähnten Vertrage Imolas mit 
Trentola werden unteqf de^ Anwesenden Konsuln von Medicina 
(die Stelle muß lauten: et consuhim Mediane Petri Baldi, Petri 
Operti) genannt. 

161. Vgl. auch oben Anm. 131 und Anm. 93. 


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II. Kapitel. 


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Unterwerfung Bolognas unter das Reichs- 
regiment durch Friedrich I. 1 

Im Zeitalter Friedrich Barbarossas verbindet sich die 
Geschichte Bolognas weit enger, als in den vorangehenden 
Jahrzehnten, mit den Geschicken von Gesamtitalien. An 
Stelle der lokalen Fehden und Verträge tritt der Kampf, 
den das junge Comune gegen den mächtigen Staufer zu 
führen wagte. Aber auch die Darstellung dieser Periode hat 
keine Geschehnisse von solcher historischen Bedeutung auf¬ 
zuweisen, wie die Eroberung Mailands oder die Schlacht 
bei Legnano. Denn so große Erfolge die Bologneser Stadt¬ 
gemeinde auch schon davongetragen hatte, noch gehörte 
sie nicht zu den Comunen, die für die Reichspolitik einen 
besonders in Rechnung zu ziehenden Faktor bildeten. Da¬ 
für läßt sich bei Bologna deutlicher vielleicht als anderswo 
beobachten, wie die zur Selbständigkeit gelangte italienische 
Bürgerschaft sich zwar vor der weit überlegenen Kaiser¬ 
macht beugen mußte, die ihr innewohnende Lebenskraft 
aber nicht einbüßte, wie sie jede sich bietende Gelegenheit 
zur Auflehnung benutzte, bis die Städte, zu einem Bunde 
vereint, dem Kaiser mit Erfolg entgegentreten konnten. 


1. Ueber die in diesem und in dem folgenden Kapitel ge¬ 
schilderten Vorgänge hat zuletzt Bosdari (Bologna nella prima lega 
Lombarda in AMR. 3, 15, 12ff. und 16, 143ff.) gehandelt, gibt 
aber eine von der meinen in wichtigen Punkten abweichende Dar¬ 
stellung. 


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Es war in den Pfingsttagen des Jahres 1155, als 
Barbarossa am Renohafen westlich von Bologna lagerte- 
und die Vertreter der Stadtgemeinde und der Universität 
freundlich empfing. Die hübsche poetische Schilderung 3 , 
die wir von diesem Vorgang besitzen, bleibt uns seine 
Motivierung schuldig, zeigt aber, daß zu dieser Zeit die 
kaiserfeindlichen Oeschlechter nicht mehr das Heft in Händen 
hatten, sondern das städtische Regiment an andere Teile 
der Bürgerschaft hatten abtreten müssen. Es hatte sich eine 
innere Wandlung vollzogen, die durch die äußeren Erfolge 
in den Kriegen gegen Modena mit veranlaßt war. — Die 
in den neu erworbenen Landstrichen ansässigen Feudal¬ 
herren nämlich wanderten teilweise nach Bologna ein 4 und 


Z Vgl. Spnonsfeld Friedrichs I. 1, 309—316, dazu N. A. 
31, 209. Mit Insula Reni bezeichnete man einen Landstrich am 
rechten Renoufer nördlich der Via Emilia nahe Bertalia (vgl. Sav. 
1, 28 Anm. E und dazu St.-A. BjoL Pem. S. Salvatore Cass. 
145/2592 Nr. 19 von 1146, das von einem Stück Land in Insulai 
Reni que manet prope ponte [wohl Reni] spricht), also beim Reno* 
hafen; vgl. S. 56 Anm. 23. 

3. In den Gesta di Federico Vers 456 ff. 

4. Ein Beispiel soll diesen Vorgang veranschaulichen: Die 
nobiles viri von Sata Bolognese leisteten der Mathilde von Tos¬ 
cana gegen Heinrich IV. treue Dienste (vgl. Overmann Reg. 129 
St-A. zu Modena Pergamene di Stafc>), und ein Mitglied des Ge¬ 
schlechts namens Azo weilte mehrfach in der Umgebung der Gräfin 
(vgl. Overmann Reg. 107, 117 und 122). Sein Sohn (als solchen 
bezeichnet ihn die gleich zu erwähnende Urkunde von 1168) Albert 
wird 1130 urkundlich unter den Capitanen der Grafschaft Modena 
angeführt (Sarti .2, 248), gehörte um die Mitte des Jahrhunderts 
zu den ersten Vasallen der Abtei Nonantola (vgl. Sav. Nr. 139 und 
dazu oben S. 72 Anm. 98; auch Tiraboschi Nonantola 2 Nr. 273. 
— Urkundlich finde ich ihn noch erwähnt am 22. Februar 1154 
und am 26. Juni 1160; vgl. St-A. Bol. Dem. S. Stefano Cass. 
35/971 ohne Nummer und unten S. 100 Anm. 59. — Schon im elften 
Jahrhundert lassen sich Beziehungen des Albricus von Sala, seines 
Sohnes Tegrinus und seines Enkels Albertus zu Nonantola nach- 
weisen; vgl. die Urkunden bei Tiraboschi 2 Nr. 108, 143 und 


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vereinigten sich vermutlich mit den Elementen der Bürger¬ 
schaft, die sich in Opposition zu den alteingesessenen, 
herrschenden Familien befanden. Wie sich ihre Reihen bis 
zum Jahre 1150 verstärkten, zeigt die Verfassungsänderung, 
die damals durchgesetzt wurde. An Stelle der Wahl ein¬ 
heimischer Konsuln 5 erfolgte die Erhebung Guido da Sassos 
zum Podesta für 1151, und man beließ ihn fünf Jahre in 
seinem Amt 6 . Er war der Sohn des Rainerio da Sasso, 
eines Mathildinischen Vasallen 7 , der seit 1103 zum Gefolge 


185). Dann aber muß er das Bologneser Bürgerrecht erworben haben, 
denn 1164 treffen wir ihn und seinen Sohn Azo als Mitglieder des 
Bblogneser oonsilium (Sav. Nr. 181 und 82 Reg. grosso im St.-A. 
Bol. 1, fo. 28 v und 29). In Zusammenhang mit seiner Ueber- 
siedeiung nach Bologna mag es auch gestanden haben, daß er 
1168 mit Zustimmung seiner Söhne Azo und Guilclmus die Hälfte 
seiner Besitzungen in Sala für 238 Luccheser Pfund verkaufte (St.-A. 
Bol. Dem. S. Francesco 2/4134 Nr. 13). Bald danach wird er ge¬ 
storben sein, denn 1179 urkundeten als domini de Sala die Brüder 
Azo und Guilielmus, ohne den Vater zu erwähnen (vgl. Trombelli 
Nr. 50 St.-A. Bol. .Dem. S. Salvatore Gass. 56 2593 Nr. 1). ln 
der Folgezeit zählten die Herren von Sala zu den wichtigeren Fa¬ 
milien der Stadt. 

5. Konsularregiment für die Jahre 1131, 41 und 44 ergeben 
die Urkunden Sav. Nr. 113 und 128, ferner die Inventio S. Pe- 
tronii in Lanzoni 243. Sigonfus 123 nennt zu 1142 den Konsul 
Antonius Taurellus. 

6. Er findet sich erwähnt am 3. März 1151 (J.-L. 9455 Reg. 

grosso im St.-A. Bol. 1, fo. 15 v), dann pm 20. Mai .(Sav. Nr. 

146 fälschlich mit 23. Mai, St.-A. Bol. Dem. S. Giovanni i. M. 
Gass. 5/1345 Nr. 19) und am ( 11. August (Sav. Nr. 147 ebenda 
Nr. 4), nicht im Jahre 1152 (doch kennen wir auch keine Konsuln 

dieses Jahres), dann wieder am 30. März und 18. Juli 1153 (Sav. 

Nr. 148 und 49; vgl. oben S. 83 Anm. 156), dann am 24. März 
1154 (Sav. Nr. 150; vgl. oben S. S3 Anm. 156), und am 9. April des¬ 
selben Jahres (St.-A. F|:>l. Dem. S. Stefano Gass. 13/949 ohne 
Nummer, Akt inhaltlich zu dem Prozeß S^arti 2, 21 gehörend), 

endlich noch zu Pfingsten 1155 (Gnesta di Federico Vers 460). 

7. Sav. 1, 292 hält ihn für einen Facntiner. Wirklich ver¬ 
zeichnet Tonduz/i Facn/.a 212 einen Vidone dal Sasso unter den Faen- 


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der Großgräfin gehörte 8 , nach ihrem Tode eine führende 
Stellung unter den Canossanischen Capitanen einnahm 9 und 
wie diese zu Lothar III. hielt 10 . Daß er oder sein Sohn 
die Bologneser Cittadinanza erwarben, läßt sich nicht er¬ 
weisen, bleibt abef recht möglich. Jedenfalls waren die Be¬ 
ziehungen Guidos zu den jüngst eingewanderten Ge¬ 
schlechtern zu nahe, als daß in ihm ein über den streitenden 
Adelsfraktionen stehender Podesta im späteren Sinne ge¬ 
sehen werden könnte. Vielmehr muß er als Führer der 
Gruppe von Familien — wie weit sie eine geschlossene Partei 
bildete, mag dahingestellt bleiben —, zu der der zuge¬ 
wanderte Landadel gehörte, an die Spitze der Stadt¬ 
verwaltung gelangt sein. 

Die königsfreundliche Haltung des vom Podesta ver¬ 
tretenen städtischen Regiments erklärt sich schon aus den 
noch engen Beziehungen, die Guido und viele seiner An¬ 
hänger mit der feudalen Hierarchie verknüpften. Dazu kam 
der eigentümliche Bund, den Guido mit den vier Doktoren 
der Bologneser Rechtsschule, Bulgarus, Martinus Gosia, 
Jacobus und Hugo 11 , eingegangen war. Im Jahre 1151 


tiner Konsuln von 1177. Daß dieser aber mit dem Bologneser Po¬ 
desta identisch ist, dafür fehlt ein Anhaltspunkt, zumal die Namens¬ 
form Sasso mehrfach vorkommt 

8. Overmann Reg. 81 und spatere. 

9. Vgl. Bernhardi Lothar v. S. 831 f. 

.10. Vgl. Mur. Ant. 6, 233. 

11. Es sollen hier die mir bekannten Lebensdaten der vier 
Glossatoren, soweit sie nicht in der folgenden Darstellung Erwäh¬ 
nung finden, zusammengestellt werden: Bulgarus leitet am 8. Juli 
1151 (Ficker Forsch. 4 Nr. 119) in seiner seola (vgl. über diese 
ebenda Nachträge S. 602 und Firati Statuti 2, 388) einen Prozeß, 
erscheint als Zeuge in einer Urkunde vom 1. Oktober 1154 zu 
S. Maria in Duno (St-A. E)ol. Dem. S. Giovanni i. M. Cass. 
5/1345 Nr. 33) und (entscheidet am 8. Oktober 1159 einen Streit 
zwischen den Kanonikern von S. VSttore und Privatleuten (Sav. 
Nr. 172 ebenda 6/1346 Nr. 18). Sein Tod fällt auf den 1. Januar 
(vgl. Necrologium Renanum bei Trombelli 329, in> Ms. lat. 10148 der 


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nämlich finden wir Hugo und Jacobus, 1154 alle vier in 
der Umgebung des Podesta, so oft er zu Gericht saß 12 . Sie 
werden ungefähr die Stellung eingenommen haben, die später 
den iudices potestatis zukam. Auch möchte man es als 
wahrscheinlich bezeichnen, daß sie ihren Einfluß nicht auf 
juristischen Beirat beschränkten, sondern Guido und seine 
Partei in der reichsfreundlichen Gesinnung bestärkten. Denn 
für die Rechtsgelehrten war treue Hingabe an den Kaiser 
seit den Tagen des Irnerius Schultradition geworden. So 
hatte auch in den dreißiger Jahren, während das Comune 
Bologna stets zu den Gegnern Lothars III. gehörte, der 


Pariser National-Bibl. stammt die Eintragung von einer Hand des 
13. Jahrhunderts) vielleicht des Jahres 1166 (bei Villola eist von 
Hand C nachgetragen; vgl. auch Griffoni Prefazione XLIII). — Den 
Martinus Gosia erwähnt ein Formular von 1157 (Savigny 4, 134 Anm. 
g), sein Haus eine Urkunde vom 13. April 1158 (St.-A. Bol. Dem. 
S. Stefano Gass. 11/947 ohne Nummer), lieber ihn und seinen 
Sohn Guilielmus vgl. auch Buoncompagnis Belagerung von Ancona 
im Biillettino 15, 192 und das Gedicht bei Gaudenzi im Annuario 
1900/1, 158 ff. — Hugo de Porta Ravennate, Sohn des Albericus 
Lombardus, findet sich in der oben angeführten Urkunde von 1151, 
dann am 18. Juli 1159 (St.-A. Bol. Dem. S. Stefano Cass. 11/947 
ohne Nummer), ferner am 20. Juni (Dem. S. Giovanni i. M. Cass. 
6/1346 Nr. 54) und am 28. November 1163 (Dem. S. Stefano Cass. 
11/947 ohne Nummer), endlich am 26. September 1166 (Dem. S. 
Giovanni i. M. Cass. 7/1347 Nr. 29); am 30. April 1162 ist er 
assessor der Konsuln von Siena bei einem Prozeß (Schneider Regest. 
Volaterran. hera. vom Istituto storioo Prussiano, Nr. 191) und stirbt 
vor dem 26. September 1171 (vgl. Sarti 1, 52 Anm. 1). — Jacobus 
de Porta Ravennate, Sohn des lldebrandus Ugonis Boni, urkundet 
am 22. Februar 1153 (St.-A. Bol. Dem. S. Agnese Cass. 1/5592 
Nr. 5), dann 1157 (Sarti 1, 52 Anm. 3), erscheint vermutlich als 
Jacobus prudentissimus unter den advocati bei einem Prozeß des 
Bischofs Johann vo|n Bologna (Sav. Nr. 197 St.-A. zu Mailand 
Fondo di Religiosi Pergamene Nr. 1) vom 7. August 1169 und 
stirbt am 11. Oktober J178 (vgl. Necnol. Renan, bei Trombelli 
349, im MS. eingetragen von gleichzeitiger Hand). 

12. Vgl. die in Anm. 6 angeführten Urkunden. 


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Bologneser Rechtsgelehrte Walfredus 13 im Hofgericht ge¬ 
sessen 14 und den Kaiser auf seinem Feldzuge nach Süd¬ 
italien begleitet 15 . Sie brauchten also die Beziehungen zu 
Idem deutschen Herrscher nur zu erneuern. Und was konnte 
Bern hochstrebenden Friedrich I. willkommener sein, als die 
von den Glossatoren vertretenen Anschauungen? Für sie 
[waren die römischen Gesetzbücher, die die unumschränkte 
Gewalt des Kaisertums lehrten, die wissenschaftliche 
„Bibel“, und in dem deutschen Herrscher sahen sie die 
rechtmäßigen Nachfolger der antiken Imperatoren 16 . So ist 
es begreiflich, daß Barbarossa während seines Aufenthaltes 
am Reno mit den Rechtsgelehrten in lebhaften Verkehr 
trat 17 

Dabei aber versäumte Friedrich nicht, die Maßnahmen 


13. Er findet sich zuerst (vgl. auch Sarti 1, 34) als iurisperitus 
am 15. Januar 1128 (St-A. Bol. Dem. S. Giovanni j. M. Cass. 
2/1342 Nr. 8), als doktor legum am 24. April 1132 (ebenda Nr. 23), 
zuletzt am 2, April 1146 (ebenda Qass. 4/1344 Nr. 10). Er starb 
an einem 17. September (vgl. Sarti) vor dem 27. Januar 1151 
(die Urkunde von diesem Datum, ebenda Cass. 5/1345 Nr. 1, 
erwähnt ihn als verstorben). Ueber seinen Sohn lldebrandus vgl. 
Frati im A'rch. stör. Ital. 5, 37, 137 f. 

14. Ficker Forsch. 3, 157. 

15. Bernhardi Lothar v. S. 727 und 753. — Im Jahre 1157 
nennt sich Hildebrand (Sav. Nr. 161 Reg. grosso im St.-A. Bol. 
1, fo. 18) filhis Gualfredi dei gratia iudicis imperatoris Lotarii. 

16. Ueber die Anschauungen der Glossatoren vgl. Fitting Die 
Anfänge der Rechtsschule zu Bologna 1 24 ff.; Landsberg Die Glosse 
des Accursius 42 f.; Schupfer in Mem. dell’ Accademia dei Lincei 
CL Stor.-Fil. 4, 6, 228; Gierke Das deutsche Genossenschaftsrecht 
3, 199. 

17. Mit den Beziehungen Friedrichs I. zu den Glossatoren 
läßt Krammer (Der Reichsgedanke des staufischen Kaiserhauses 38 
Und 78) eine Wandlung in der Auffassung des Kaisertums be¬ 
ginnen, deren Folgen weit über die Regierungszeit Barbarossas hinaus¬ 
reichen. Vgl. aber Hampe Deutsche Kaisergeschichte in der Zeit 
der Salier und Staufer 131 und Bloch in den Göttingischen gelehrten 
Anzeigen 1909, 365, 


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zu treffen, die ihm zur Wiederaufrichtung der Kaisermacht 
im Bologneser Gebiet notwendig erschienen. Wie euch sonst 
auf seinem ersten Römerzuge bewegte er sich noch in den 
von seinen Vorgängern gewiesenen Bahnen 18 , richtete sein 
Augenmerk hauptsächlich auf die Zurückerlangung der 
occupierten Teile des Mathildinischen Erbes 19 . Er gestattete 
den Bewohnern von Medicina den Wiederaufbau ihres 
Kastells und verbot den Nachbarn — gemeint war natür¬ 
lich Bologna —, sie irgendwie zu belästigen 20 , ließ also 
keinen Zweifel darüber, daß er bei passender Gelegenheit 
mit den Bolognesen auch wegen der andern Usurpationen 
Canossanischen Gutes abrechnen werde. Dagegen griff er 
in die Imoleser Frage nicht ein. Daß er in der Abhängig¬ 
keit der Stadt von Bologna und Faenza noch keine Ver¬ 
letzung des Reichsinteresses erblickte, ist möglich. Auch 
wird ihn zu dieser Zurückhaltung die Einsicht veranlaßt 
haben, daß er sich sonst die in Bologna herrschende Partei, 
die gerade vor zwei Jahren Imola zur Unterwerfung ge¬ 
bracht hatte, zu Gegnern machen würde. Daher begnügte 
er sich damit, eine Versöhnung von Comune und Bischof 
von Imola zu veranlassen, bei der aber die Oberherrschaft 
der Bolognesen und Faentiner ausdrücklich betont wurde 21 . 

Das Vorgehen Friedrichs, so maßvoll es gewesen, rief 
eine Reaktion hervor, die das Selbstgefühl der Bologneser 
Bürgerschaft deutlich erkennen läßt. Zu lange war sie vor 
einem starken Reichsregiment bewahrt geblieben, als daß 
idas Auftreten des jungen Herrschers bei ihr einen tieferen 


18. Ficker Forsch. 2, 181. 

19. Overmann S. 63. 

20. Simonsfeld Friedrich I. 1, 309. 

21. Comune und Bischof von Imola schlossen am 11. Mai 
1155 in Gegenwart des Conradus nuncius regis einen Vertrag (Man- 
zoni 96 Or. im Kapit.-A. zu Imola ffyzzo (2 Nr. 131). Betont 
wurde: salva tarnen reverencia iuramenti quo (Imolenses) tene- 
bantur Bon. et Fav. 


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Eindruck als einst der Durchmarsch Lothars UI. hätte hinten- 
lassen können. Bologna benutzte die Abwesenheit Friedrichs 
aus Italien, um seine Position im Gebiete von Imola durch 
Unterwerfung Mordanos (am Santemo) 22 zu befestigen, dann 
vor allem, um, wie schon früher ausgeführt wurde 23 , mit 
dem alten Gegner, Modena, Frieden zu schließen, die 
strittigen Gebiete aufzuteilen, eine weitere Enklave des 
Mathildinischen Gutes, Monteveglio, zu besetzen und sich 
so gleichsam zum Kampfe gegen die Reichsgewalt vorzu¬ 
bereiten. Dieser äußeren Politik entsprach ein Umschwung 
der Machtverhältnisse im Innern. Der Podesta Guido da 
Sasso und seine Berater, die vier Glossatoren, wurden be¬ 
seitigt, und in den Jahren 1156 und 57 das Stadtregiment 
wieder Konsuln übertragen 24 . Das kann als sicheres Zeichen 
dafür gelten, daß die Friedrich freundlich gesinnte Partei 
gestürzt wurde, und daß die Gegner der Kaisergewalt, die 
Geschlechter, die vor fünf Jahren die Herrschaft verloren 
hatten, ihren alten Platz wieder einnahmen. 

Das Uebergewicht der reichsfeindlichen Familien war 
nur von kurzer Dauer. Als im Frühjahr 1158 die Boten 
des Kaisers, dann der Herrscher selbst wieder in Italien 
erschienen, wurden sie von den Anhängern Friedrichs aber¬ 
mals verdrängt oder wenigstens — sicheres läßt sich nicht 
feststellen — soweit geschwächt, daß sie die Stadt nicht 
zum Widerstand gegen die Reichsgewalt fortreißen konnten. 
So zeigten sich die Bolognesen nicht weniger gefügig, als 
die Modenesen und die Gemeinden der Romagna. Dem 
Kanzler Reinald von Dassel versprachen sie Zurückerstattung 


22. Sav. Nr. 162 Reg. grosso im St.-A. Bol. 1, fo. 21 v. 

23. Vgl. oben S. 72 f. 

24. Vgl. Sav. 158, 161—164 (in 162 und 163 ist die Initiale 
T immer in J zu korrigieren) im St.-A. Bol. Reg. nuovo fo. 175; Reg. 
grosso 1, ** 18, 21 v und 21; Dem. ß. Giovanni i. M. Cass. 
5 1345 Nr. 54. 


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der Regalien 25 , sandten dem Kaiser Truppen, als er zur 
Belagerung von Mailand schritt 86 , und zeigten sich nach 
dem Fall der Stadt bereit, den Gesandten Friedrichs den 
Treueid zu schwören, Geiseln zu stellen und Geldzahlungen 
zu leisten 87 . 

Mit der Niederwerfung der mächtigsten Comunen hatte 
Friedrich erst halbe Arbeit getan. Wollte er verhindern, 
daß nach seinem Abzüge die alten Zustände wiederkehrten, 
dann mußte er eine Reorganisation der Reichsgewalt in 
Oberitalien durchführen. Die Notwendigkeit eines solchen 
Schrittes kann ihm schon auf dem ersten Römerzuge klar 
geworden sein, und die Gespräche mit den Bologneser 
Juristen mögen seine Ideen nicht unbeeinflußt gelassen 
haben. Doch wird der Austausch politischer Gedanken 
zwischen dem Herrscher und den vier Glossatoren über 
theoretische Erörterungen schwerlich hinausgegangen sein 88 . 
Erst nach Friedrichs Rückkehr nach Deutschland, als der 
Kanzler Reinald von Dassel einen stets wachsenden Einfluß 
auf die kaiserliche Politik auszuüben begann 89 , gelangte wohl 
der Plan zur Reife, eine durchgreifende Umgestaltung der 
Verhältnisse Italiens vorzunehmen. An Stelle der von der 
städtischen Entwicklung zersetzten Feudalordnung sollte 
ein Neubau aufgeführt werden, für den die Regalien, die 
„unveräußerlichen Rechte der Krone“, die Grundlage bil¬ 
deten 30 . Mit diesem fertigen Programm kam Reinald noch 
vor Friedrich im Frühjahr 1158 über die Alpen und forderte. 


25. Vgl. unten An.m. 31. 

26. Vincent. Prägen, in M. G. SS. 17, 673; Gesta in Lom- 
bardia 30. 

27. Giesebrecht 5, 172 nach Vincent. Prägen. 675. 

28. Vgl. auch Hauck Kirchengeschichte 4, 198 f. 

29. Vgl. auch Hampe in der Histor. Zeitschrift 93, 414 f. 
und Deutsche Kaisergeschichte in der Zeit der Salier und Staufer 
126 und 145. 

30. Ficker Forsch. 1, 234 f. und 2, 275. 


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von Stadt zu Stadt ziehend, den eidlichen Verzicht auf die 
occupierten Regalien* 1 . Erst während der Belagerung von 
Mailand finden wir die Bologneser Doktoren in des Kaisers 
Umgebung* 2 . Sie begleiteten ihn dann zum Roncalischen 
Reichstage**. Dort wurden in den ersten drei Tagen von 
Friedrich in geheimen Sitzungen, an denen nur Bischöfe und 
einige weltliche Fürsten teilnahmen, die Prinzipien der ge¬ 
planten Reform durchgesprochen; die Rechtsgelehrten zog 
man nicht hinzu. Der vierte Tag ging mit offiziellen Reden 
in öffentlicher Versammlung hin, an den folgenden saß der 
Kaiser, unterstützt von den Bologneser und anderen Rechts¬ 
kundigen, zu Gericht* 4 . Endlich am 23. November richtete 
der Herrscher an die vier Doktoren die Forderung, Zahl 
und Umfang der Regalien festzustellen. Sie erbaten Hinzu¬ 
ziehung der anwesenden lombardischen iudices. So ver¬ 
einigten sich achtundzwanzig Richter, aus vierzehn Comunen 
der Lombardei je zwei, unter dem Vorsitz der Bolognesen. 
Das Resultat ihrer Verhandlungen war eine Definition, die 
in Form eines Rechtsspruchs gegeben und, nachdem sie 
schriftlich aufgezeichnet, feierlich verkündigt wurde 35 . Also 


31. Knipping Regesten der Erzbischöfe von Köln 2, 112; Simons¬ 
feld Friedrich I. 1, 620 und 23, M. O. Gonstit. 1 Nr. 171. 

32 Vincent. Prägens, in M. G. SS. 17, 673. Damals können 
sie bei der wenn auch unbestimmten Definition der Regalien, die 
der Unterwerfungsakt Mailands (M. G. Gonstit. 1, Nr. 174 § 9) 
enthält, mitgewirkt haben. 

33. Vgl. Hampe Kaisergeschichte 130 Anm. 1. 

34. Rahewini Gesta 188 ff. 

35. Otto Morena in M. G. SS. 18, 697 f. Vgl. dazu Romoaldi 
Annales in M. G. SS. 19, 447, der bei seinem Bericht über die 
Friedensverhandlungen von 1177 erzählt, daß Erzbischof Christian 
von den Städten forderte, zur Ausführung zu bringen sententiam a 
iudicibus Bononie apud Roncaliam contra vos pronunciatam. — 
Daß die vier Doktoren bei den dem Spruch voraufgehenden Be¬ 
ratungen die Steuerpflicht Italiens auf Grund einer Institutionen- 
stelle betont haben, wie der Jurist Placentinus (De Tourtoulon 
Placentin, sa vie, ses oeuvres 82) behauptete, halte ich bei der 


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(wahrscheinlich nicht auf die Aufstellung des Programms, 
das die Restitution der Regalien als Grundlage enthielt, 
haben die vier Glossatoren einen Einfluß ausgeübt, sondern 
nur die später notwendig gewordene Definition im ein¬ 
zelnen gegeben, und auch dies nur mit Zuhilfenahme der 
lombardischen Juristen. 

Als nun der Kaiser und seine Ratgeber sich daran mach¬ 
ten, ihren Reformplan zu verwirklichen, verfuhren sie in 
der Romagna mit der Westhälfte in anderer Weise als mit 
der Osthälfte. Sie knüpften dabei an Zustände des vor¬ 
aufgehenden Jahrhunderts an 36 , mochten auch eingesehen 
haben, daß Bologna und Faenza eine besondere Behand¬ 
lung verlangten. Ihr Ziel war, Imola von der Herrschaft 
der beiden mächtigeren Nachbarn zu befreien und alle drei 
Städte dem Reichsregiment unterzuordnen 37 . Letzteres wurde 
durch Einsetzung von kaiserlichen Podestas in den drei 
Gemeinden für das Jahr 1159 erreicht 38 . Wenn Friedrich 


Voreingenommenheit des Zeugen für zweifelhaft. — Die Definition 
ist zuletzt gedruckt in M. G. Gonstit. reg. 1 Nr. 175; vgl. auch 
Lehmann Das Uongob. Lehnrecht 182. Ueber den Einfluß des 
römischen Rechts auf die Definition gehen die Meinungen ausein¬ 
ander; vgl. Savigny 4, 474; Ficker Forsch. 3, 401 f.; Blondel in 
Mllanges Paul Fahre 248ff.; Hampc Kaisergeschichte 131 f.; auch 
Suhle Barbarossas Constitutio de regalibus 6 und Pomtow Ueber 
den Einfluß der altrömischen Vorstellungen vom Staat auf die PoIi(jk 
Kaiser Friedrichs 51. 

36. Vgl. oben S. 24 f. 

37. Vgl. auch Ficker Forsch. 2, 215. 

38. In Faenza war es ein Ubaldus, in Imola Peregrinus de 
Bulgaris. Beide sind (Si,monsfeld 1906, 413) am 9. März 1159 
urkundlich nachweisbar. Peregrinus darf als Einheimischer ange¬ 
sehen werden (vgl. die Bulgari in Sav. Nr. 126) und wird noch er¬ 
wähnt ihi dem unten Annr. 44 besprochenen Privileg für Imola; 
vgl. auch Simonsfeld 1907, 550. — Ubaldus ist vermutlich identisch 
mit dem Ubaldus Senjorelli, der 1155 in Faenza das Podestaamt 
bekleidete (vgl. Mittarelli Acces. 438), und unter dessen Führung 
die Facntiner dem Kaiser mehrfach militärischen Zuzug leisteten 


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für Bologna den Guido da Canossa 39 , einen Mathildinischen 
Capitan 40 , bestimmte, so tat er es wohl aus Rücksicht auf 
die kaiserfreundlichen Elemente der Stadt. Ohne jede Rück¬ 
sicht aber verfuhr er bei der zweiten Maßregel, der Be¬ 
seitigung der Oberherrschaft Bolognas und Faenzas über 
fmola. Der Kaiser rechnete, so scheint es, nicht mit 
der Möglichkeit eines Widerstandes der Faentiner 41 . Hin¬ 
gegen erfüllte ihn offenbar die Besorgnis, daß Bologna nicht 
gutwillig die Erfolge seiner jahrelangen Kämpfe aufgeben 
Svürde. Darum legte er seit Anfang Februar 1159 Truppen 
ins Bologneser Gebiet 42 und erachtete es, trotzdem die Ver¬ 
hältnisse in der Lombardei seine Anwesenheit dringend er¬ 
forderten, für notwendig, mehrfach persönlich hinzukom¬ 
men 43 . Erst Ende Juni verkündete er die entscheidenden 
1 - 

(Tblosanus 556). Er stammte wohl aus Ravenna (vgl. Fantuzzi 
Mon. Rav. 4, 257 zu 1136, Rubeus Ravenna 314 zu 1141 und 322 
zu 1157; doch gab es auch einen Faentiner dieses Namens; vgl. Azzurini 
Chronica 33 f. Anm. 1; Tionduzzi 176). — Allgemein vgl. Ficker 
Forsch. 1, 235 f. und 2, 183 f. 

39. Vgl. St. 3845 = Fontes rerum Austriac. 31, 106 Nr. 108. 

40. Overmann S. 67 Anm. 1. 

41. Faenza hatte auch seinen besten Bundesgenossen, den 
Grafen Guido Guerra, verloren; vgl. Davidsohn Oesch. 1, 455 und 64. 

4Z Rahewini Gesta 218. 

43. Das Itinerar Friedrichs im Jahre 1159 ist noch nicht sicher 
festgestellt. Hier sei nur soviel bemerkt: Nach Giesebrecht 5, 191 
erfolgte des Kaisers erster von Rahewin 218 verzeichnter Besuch 
in Bologna etwa Mitte März. Dann feierte er am 12. April Ostern 
in Modena (Giesebrecht 192, Rahewin 218 und Vincent. Prägens, 
in M. G. SS. 17, 676), kam dann ins Bologneser Gebiet (Giesebrecht 
192, Rahewin 218), verkündete am 16. April zu Bologna den Bann- 
Spruch gegen Mailand (Gesta in Lombardia 36, Rahewin 219) und 
urkundete noch am folgenden Tage innerhalb der Bologneser Diö¬ 
zese zu Castiglione (Scheffer-Bt frn N. A. 24, 175). Um den 
20. April weilte Friedrich in Lodi (Otto Morena in M. G. SS. 18, 609, 
Gesta in Lombardia 36), kam dann nochmals nach Bologna (Giese¬ 
brecht 193, Otto MJorena 609) und begab sich Anfang Mai nach 


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Beschlüsse 44 . Er löste Stadt und Grafschaft Imola aus der 
Unterordnung unter die Bolognesen und Faentiner; nicht 
aber erfüllte er den Wunsch der Imolesen, die Residenz 
ihres Bischofs von S. Cassiano nach Imota zu verlegen 45 , 
sondern gestattete nur, daß' sich jeder, der es wolle, un¬ 
gehindert bei ihnen ansiedeln dürfe, also auch die Be¬ 
wohner von S. Cassiano und Castello d’Imola. 

Zu Anfang des Jahres 1160 unternahm der Kaiser die 
Reorganisation der östlichen Romagna. Hier glaubte er, 
die Verhältnisse des elften Jahrhunderts wiederherstellen 
zu können. So restituierte er dem Erzbischof von Ravenna 
die verlorenen Grafschaften 46 . Auch griff er möglicherweise 
auf die Vergangenheit zurück, wenn er mit der Verwaltung 
der dem Reiche vorbehaltenen Hoheitsrechte einen kaiser¬ 
lichen missus beauftragte, der in Ravenna seinen ständigen 
Sitz hatte 47 . Endlich folgte er noch dem Beispiel der Salier, 


der Roncalischen Ebene (Rahewin 223 und Urkunde vom 6. Mai 
bei Scheffer-B. in Mitt„ des Inst, für österr. Qesch. 9, 209). 

44. St. 3858. Transsumpt von 1313 im Vaticanischen A. Arm. 
36 to. 26 Nr. 2, mit dem richtigeren Kaiserjahr 4. Die übrigen 
Fehler, die auch in Mieser Abschrift vorhanden sind, wird man 
der Ueberlieferung zur Last legen dürfen. Das Vorhandensein der 
Urkunde ist durch ihre Erwähnung in dem S. 115 Anm. 22 be¬ 
sprochenen Diplom gesichert. Auch' zeigt St. 3858 formelle An¬ 
klänge an St. 3859 (vgl. Simonsfcld 1906, 392) vom 30. Juni. Darum 
glaube ich auch, an dem Datum 25. Juni festhalten zu dürfen. An¬ 
fang Juni weilte Friedrich zu Lodi (Giesebrecht 194, Otto Morena 
610, auch Scheffer-B. in Mitt. des Inst, für österr. Gesch. Erg. Bd. 4 
96 f.), dann nochmals in den letzten Tagen des Monats (Giesebrecht 
195; Rahewin 225; Chron. Ursperg. in M. G. SS. 23, 349; dazu St. 
3859). Er kann also in der Zwischenzeit Imtola aufgesucht haben. 
Sollte sich aber noch die Unmöglichkeit einer solchen Reise heraus- 
stellen, so wäre nicht einheitliche Datierung anzunehmen. 

45. So hatte er ihn und seinen Bischofssitz durch einen Legaten 
im Frühjahr in Schutz nehmen lassen; vgl. Simonsfeld 1906, 413 
(vgl. auch 1907, 541). 

46. St. 38% (vgl. auch Simonsfeld 1906, 401). 

47. Ficker Forsch. 2, 128. 


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(Wenn er das Ravennatische Erzbistum ihm ergebenen Män¬ 
nern anvertraute 48 . 

Weniger deutlich sind die Schritte erkennbar, die der 
Kaiser zur Wiedererlangung und Ordnung des Mathildini- 
schen Gutes unternahm, soweit sie Modena und Bologna 
berühren. Wir wissen nur, daß auch sie iiis Jahr 1159 
fallen 49 . 1167 befand sich an der Spitze der Modeneser 
Regierung neben den städtischen Konsuln Gerardo Ran¬ 
gone als imperatorie maiestatis per Mutine episcopatum et 
comitatum legatus 50 . Und man hat mit Recht angenom¬ 
men 51 , daß Gerardo hauptsächlich mit der Verwaltung der 
Canossanischen Besitzungen innerhalb des Modeneser Terri¬ 
toriums beauftragt gewesen sein wird. — Zur Befestigung 
der Reichsgewalt in Modena und der Romagna trugen auch, 
darauf sei zum Schluß hingewiesen, die Hofvikare, die 
neuen, vom Kaiser delegierten Richter, bei, deren Tätigkeit 
sich hier wie dort mehrfach nachweisen läßt 52 . 

Wie jede politische Schöpfung, so muß auch Friedrichs 
Reformwerk nach seinem Erfolge beurteilt werden. Und 
da ist zu sagen,, daß der Kaiser und seine Ratgeber ,zu 
radikal verfahren waren, auf die comunale Entwicklung 
seit Beginn des Jahrhunderts zu wenig Rücksicht genommen 
hatten. Sie führten keine befriedeten Zustände, sondern nur 
durch Gewalt erzwungenen Gehorsam herbei. Daher beugte 
sich die Bologneser Bürgerschaft zwar vor der gewaltigen 
Machtstellung des Kaisers nach dem Roncalischen Reichs¬ 
tage und ließ alle Demütigungen über sich ergehen, ohne 


48. Ficker 2, 265; Giesebrecht 5, 53 und 217 f.; Simonsfeld 
Friedrich I. 1, 318. 

49. Overmann S. 63; Rahewini Oesta 198. 

50. Mur. Ant 1, 477. 

51. Overmann S. 66. 

52. Ficker Forsch. 1, 329 Anm. 1, 330 Anm. 7, 331 Anm. 12, 333 
Affin. 9 und 10 (doch wohl zum 2. November 1165 gehörend; vgl. 
auch Tonini Rimini 2, 583 f.). 


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offenen Widerstand zu leisten. Als ihr aber von außen 
Beistand geboten wurde, versuchte sie die Erhebung. 

Züerst war es das Papstschisma, das den kaiserfeind¬ 
lichen Elementen Bolognas Verstärkung brachte. Der eine 
der Prätendenten für den römischen Stuhl, Alexander III., 
der selbst eine Zeitlang an der Bologneser Hochschule ge¬ 
lehrt hatte 53 , richtete eines seiner ersten Rechtfertigungs¬ 
schreiben an Bischof, Domkapitel und Professoren von 
Bologna 54 . Der Appell hatte Erfolg. Bischof Gerhard, bisher 
ein treuer Anhänger Friedrichs 55 , ging ins curiale Lager 
über und mit ihm die dem Reichsregiment oppositionell 
gesinnten Geschlechter, denen der Bischof wohl auch durch 
verwandtschaftliche Beziehungen nahestand 50 . Der Kaiser 
nahm den angebotenen Kampf auf und ließ im Juni 1161 57 
Gerhard auf der Synode zu Lodi exkommunizieren. Die 
Antwort waren — so darf man annehmen — blutige Un¬ 
ruhen noch im selben Monat Juni 58 und Auflehnung der 
Stadt gegen die Kaisergewalt 59 . Friedrich hatte im Augen- 


53. Reuter Geschichte Alexanders III. 1, 24. 

54. J.-L. 10587. 

55. So hatte er eine Urkunde von 1158 (Sav. 165 Libro dalle 
Asse im Kapit. A. zu Bologna fo. 14) nach der Belagerung Mailands 
datieren lassen und am Roncalischen Reichstag teilgenommen (Ra- 
hewini Gesta 187). 

56. Villola nennt ihn zu 1165 (Gerardus) Crassus. Er war der 
Sohn des Alberto Crasso, der 1116 vor Heinrich V. erschienen 
War (vgl. die Urkunden von 1132 und 33, St.-A. Bol. Dem. S. 
Giovanni i. M. Cass. 2/1342 Nr. 23 und 28). 

57. Otto Morena in M. G. SS. 18, 632. 

58. Cron. di Bol. 242f. Im Villola findet sich der Satz: De 
mense Juni — in rumorem poppuli von Hand B zu 1151 nachgetragen. 
Aber einmal sind deren Zusätze mehrfach chronologisch unrichtig, 
dann hat das Jahr 1161 sachlich die größere Wahrscheinlichkeit. 

59. Acerh. Morena 639 zu 1162: Bononia, que nondum imperiali 
iugo plenarie fuerat subdita. — Die Häupter des Bologneser Stadt¬ 
regiments in den Jahren 1161 und 1162 sind nicht überliefert. Daß 


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blick wichtigere Dinge zu erledigen, als Bologna zu züchtigen. 
Erst nach der Zerstörung Mailands und der Niederwerfung 
der Lombardei wandte er sich nach der Romagna. Am 
24. Juni 1162 stand er im Modenesischen 60 , zwei |Tage 
darauf zu Savignano am Panaro 61 . Dann näherte er sich 
Bologna. Als er mit seinen beträchtlichen Streitkräften beide 
Renoufer besetzt hatte, sank den Bürgern der Mut. Sie 
unterwarfen sich der Gnade des Kaisers und versprachen 
Kontributionen, Zerstörung von Mauern und Gräben und 
Annahme eines kaiserlichen Podesta 62 . Auch traf Friedrich 
vermutlich Maßregeln gegen Gerhard 63 und forderte An¬ 
erkennung des von ihm eingesetzten Bischofs namens 
Samuel 64 . Zum Podesta bestimmte er diesmal einen Bolo- 


aber Guido da Canossa damals noch sein Amt weiter führte, halte 
ich nicht für wahrscheinlich. Am 26. Juni 1160 (Tacoli, Memorie 
di Reggio 1, 570) wird er urkundlich in castrum Sisaclum (wo?) 
erwähnt, ohne daß er dabei Podesta genannt wird (unter den Zeugen 
befanden sich Albertus de Sala und Lambertinus Bononiensis). Ebenso 
fehlt der Podestatitel in einem Dokumdnt vom 23. Juni 1161 (Sav. 
Nr. 174 St.-A. Bol. Dem. S. Giovanni i. M. Cass. 6/1346 Nr. 33) 
zu Gesso (gemeint wahrscheinlich das Kastell im Gebiet von Reggio; 
vgl. Overmann S. 72), in dem er bei einer Schenkung seiner Frau 
an die Kanoniker von S. Vittore als anwesend angeführt wird. 

60. St. 3954. 

61. M. G. Constit. reg. 1 Nr. 213. 

62. Acerbus Morena in M. G. SS. 18, 639, die Bblogneser 
Chronik im N, A. 31, 209; Chron. Loli. 121 irrtümlich zu 1183; 
vgl. auch die zahlreichen Zeugen in den Urkunden M. G. Constit. 
reg. 1 Nr. 213 und 9t. 3956. — Daß die Bolognesen keinen Wider¬ 
stand leisteten, ergibt sich auch' aus Pillius Selectae quaestiones 
iuris, Köln 1570, 45 quaestft 71, falls diese sich auf die Ereignisse 
von 1162 wirklich bezieht 

63. Ich nehme es an, weil der sehr ähnliche Unterwerfungsakt 
von Piacenza (M. G. Constit. reg. 1 Nr. 206 § 5) Bestimmungen 
gegen den Bischof enthält 

64. Der Bischofskatalog (Lanzoni 203) berichtet: Gerardus et 
Samuel uno tempore fuerunt Sav. 1, 343 Anm. H. identifiziert ihn 
mit dem Domherrn SamUel, der sich 1155 urkundlich nach weisen 


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gnesen, den Juristen Bezo, der 1159 und 61 als kaiser¬ 
licher Hofrichter tätig gewesen war 65 . Da sich Beziehungen 
der vier Doktoren zu ihm nachweisen lassen 66 , so hat die 
Annahme Berechtigung, daß diese bei seiner Wahl ratend 
mitgewirkt haben. Ueberhaupt versäumte Friedrich keine 
Gelegenheit, die Beziehungen zu den Rechtsgelehrten zu 
erneuern. So zog er sie hinzu, als er 1159 in Bologna 
der Bannspruch gegen Mailand erließ 67 und verkehrte noch 
1167 auf dem Marsche nach Rom mit ihnen 68 . Aber sie 
hatten aufgehört, in Bologna eine politische Rolle zu spielen. 

Die erste Hälfte des Juli hindurch weilte der Kaiser 
vermutlich in der niedergeworfenen Stadt 69 , begab sich von 
hier nach Imola und Faenza, wo alle seine Forderungen 
erfüllt wurden 70 , und kehrte dann nach der Lombardei zu¬ 
rück 71 . — Die strafende Behandlung, die Bologna erfuhr, 
mochte von kaiserlicher Seite als verdient angesehen werden. 


lassen soll, vielleicht auch schon 1149; vgl. St.-A. Bol. Dem. S. 
Pietro Cass. 20/207 Nr. 22. 

65. Vgl. Ficker Forsch. 3, 160, St. 3845 und 52 (= Fontes 
rer. Austriac. 31, 106 f. Nr. 108 und 109), Tiraboschi Nonantola, 
2 Nr. 312. 

66. Vgl. Savigny 4, 179 Anm. b, Tamassia in AMR. 3, 12, 358 
Anm. 1; dazu die Urkunde vom 18. Juli 1159 zu Bologna (St.-A. 
Bol. Dem. S. Stefano Cass. 11/947 ohne Nummer), die ihn bei einer 
Pachtung des Hugo de Porta Rav. als anwesend anführt. 

67. Rahewini Gesta 219. 

68. Vincent. Prägen, in M. G. SS. 17, 683. 

69. Vgl. die Urkunden St. 3957, 3956 (=Bosdari in AMR. 
3, 15, 68; vgl. auch Simonsfeld 1905, 714) vom 14. Juli. Den 
Zug in die Römagna wird er vermutlich dann erst unternommen 
haben. Auch Papst Victor IV. befand sich wohl mit dem Kaiser 
zusammen in Bologna; vgl. J.-L. 14468. 

70. Acerbus Morena 639. Den Imoleser Bischof Rudolf verjagte 
Friedrich und stellte ihm einen Gegenbischof Bfetoldus gegenüber. 
Rudolf mußte sich drei Jahre lang in Castel del Rio am Santerno 
aufhalten. Das entnehme ich den Zeugenaussagen eines Prozesses 
von 1197 (Kapit.-A. zu Imola Miazzo 3 Nr. 179). 

71. Vgl. St. 3959. 


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die von ihr Betroffenen aber mußten sie um so schmerzlicher 
Empfinden, als Friedrich jetzt das Prinzip der Gleichstellung 
aller Stadtgemeinden aufgegeben hatte, die treuen aus¬ 
zeichnete und die ungetreuen herabdrückte 78 . So verlieh er, 
bevor er gegen Bologna zog, den Ravennaten umfassende 
Vergünstigungen, besonders eigene Konsuln wähl 73 . 

Bezo blieb den Rest des Jahres 1162 und auch die 
beiden folgenden im Amt. In den Urkunden führt er ein¬ 
mal den Titel legatus imperatoris, die Chroniken bezeichnen 
ihn als imperatoris nuntiUs oder locumtenens oder vicarius 74 . 
Er vereinigte also wahrscheinlich, wie manche seiner Kollegen 
in andern Städten, die Befugnisse eines kaiserlichen Podesta 
mit denen eines Reichsboten 75 . Sein Regiment schien ruhig 
verlaufen zu sollen 76 . Da traten wieder äußere Ereignisse 
ein, die ihre Wirkung auf die Bologneser Verhältnisse aus¬ 
übten. Im April des Jahres 1164 erhoben sich die Städte 
der Mark Verona, von Venedig unterstützt, gegen Friedrich 77 . 


72. Ficker Forsch. 2, 187. 

73. M. O. Constit. reg. 1 Nr. 213. 

74. Vgl. die Urkunde vom ,22. August 1162 (Sav. Nr. 176 
St-A. Bol. Dem. S. Giovanni i. M. Cass. 6/1346 Nr. 43), in der 
einer der Konsuln von 1157 (ob zwangsweise ?) an einen Beauf¬ 
tragten des Kaisers Grundstücke verkauft, ferner die Urkunde vom 
15. Dezember 1162 (Sav. Nr. 167 St.-A. Bol. Dem. S. Stefano 
Cass. 12/948 ohne Nummer) und das Transsumpt vom 10. April 
1163 (Sav. Nr. 44 St.-A. Bol. Dem. ß. Stefano 1/937 Nr. 1). In' 
allen drei Stücken wird Beao als erster unter den Zeugen auf¬ 
geführt. Ueber die Chroniken vgl. unten S. 105 Anm. 83. 

75. Ficker Forsch. 2, 190. 

76. Um die Wende von |1163 zu 1164 muß Friedrich von 
Piacenza herkommend (vgl Godagnelhis 6) Bologna passiert haben, 
hielt sich dann während der beiden ersten Monate des Jahres in 
der Romagrta auf (vgl. St. 4003, 4004 und Scheffer-B. im N. A. 
24, 168, St. 4006 und 4007, auch Tolosanus 637 irrtümlich zu 1165), 
ohne daß er irgend welche bemerkenswerte Aenderungen der be¬ 
stehenden Verhältnisse getroffen zu haben scheint. 

77. Kretschmayr Geschichte von Venedig 1, 250; Cipolla Com- 
pendio della storia di Verona 105 f 


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Die benachbarten Comunen, die dem Kaiser beim Feldzug 
gegen die Rebellen Unterstützung gewährten, wurden von 
ihm mit Privilegien belohnt 78 . Zu ihnen scheint auch Bologna 
gehört zu haben und nicht ohne Vergünstigung ausgegangen 
zu sein. Im Juni desselben Jahres nämlich finden sich als 
Vertreter der Bologneser Bürgerschaft wieder Konsuln 79 . 
Diese Tatsache berechtigt nicht zu dem Schluß, daß der 
kaiserliche Podesta beseitigt war, denn eine Reihe von 
Städten regierten in jener Zeit neben dem Statthalter des 
Kaisers von der Gemeinde gewählte Beamte 80 , wohl aber 
zu der Vermutung, daß die harten, 1162 den Bolognesen 
auferlegten Bedingungen eine erhebliche Milderung erfahren 
hatten. 

Schwerlich aber befriedigte das Gewährte die leitenden 
Kreise der Stadt, vielmehr werden sie es als Zeichen für 
Friedrichs Schwäche aufgefaßt haben. Als daher der Zug 


78. Vgl. St. 4015 und 4016 für Ferrara und Mantua. 

79. Sie waren zugegen bei der Unterwerfung zweier östlich 
von Panico gelegenen Bergkastelle, Battedizzo und Badolo (Sav. 
Nr. 181 und 182 Reg. grosso im St.-A. Bol. 1, fo. 28 v und 29 
mit dem falschen Inkarnationsjahr 1174). Die Stelle: Die Bewohner 
der Kastelle verzichten auf allen Ersatz für die Unbillen, die 
ihnen proptcr impcratorem zugefügt worden, läßt die Haltung Bo¬ 
lognas vielleicht noch zweifelhaft; hingegen zeigt die Bestimmung: 
Sie müssen ihre Burgen ausliefem, falls Bologna es fordere pro 
imperatoris servitio, daß die Bolognesen in Friedrichs Auftrag han¬ 
delten, zumal in dem bald zu erwähnenden Vertrage mit Gesso, 
der mit Sav. 182 und 183 vielfach übereinstimmt, diese Worte fort¬ 
gelassen sind. 

80. Vgl. Ficker Forsch. 2 , 191. — Daß Bischof Gerhard des 
Kaisers Gnade gesucht und gefunden habe, möchte ich nicht an- 
nchmen, obwohl sich dafür geltend machen ließe, daß wir von 
seinem Gegenbischof Samuel nichts als den Namen kennen, daß 
ferner Gerhard am 15. Juni 1164 zu S. Vittore weilte (vgl. Savioli 
Nr. 18!) St.-A. Bol. Dem. S. Giovanni i. M. Cass. 7/1347 Nr. 13), 
das doch 1162 von Friedrich ein Privileg erhalten hatte (St. 3956). 


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gegen den Veroneser Bund erfolglos blieb 81 und der Kaiser 
dann Anfang Oktober Italien verließ, müssen sie sich ent¬ 
schlossen haben, nochmals den Aufstand zu versuchen. 
Bezo weilte im August in des Kaisers Umgebung 88 , im Herbst 
mag er nach Bologna zurückgekehrt sein. Da entstanden 
Unruhen, die von Iden Anhängern Alexanders III. angestiftet 
wurden, und bei denen der kaiserliche Podesta außerhalb 
der Stadt von einem Handwerker erschlagen wurde. Dieses 
von den Chroniken 83 berichtete Ereignis läßt sich mit 
folgender urkundlicher Nachricht in Zusammenhang bringen: 
Am 14. Dezember des Jahres erkannte das Kastell Gesso 
(nahe dem Lavino) die Herrschaft Bolognas an 84 . Da der 
Ort zum Mathildinischen Erbe gehörte 85 , wollte Bezo ver¬ 
mutlich das Vorgehen der Bologneser verhindern und fand 
dabei den Tod. 

Dem Auflehnungsversuch kann nur ein kurzer Erfolg 
beschert gewesen sein. Denn der Mann, der Bezo getötet 
hatte, wurde hart bestraft, und 1165 stand wieder Guido 
da Canossa an der Spitze des Regiments 86 , der schon 1159 


81. Giesebrecht 5, 405 und Cipolla im Nuovo Ardi. Veneto 
10, 418. 

82. Vgl. St. 4025 und Simonsfeld 1906, 396; am 30. August 
war er mit Christian von Mainz im Gebiet von Parma (Affö Parma 
2, 232). 

83. Villola meldet zu 1164: Mortuus fuit Boc^o a Bononien- 
sibus, vicarius dicti inperatoris, qui prefuit civitati Bon. et destrui 
fecit (eam, setzte Hand C auf ausradierten Worten von A hinzu; 
C hat auch an den Worten civitati Bon. korrigiert). Später fügte 
Hand A noch hinzu: qui vicarius mortuus fuit ab uno zoppo qui 
erat sartore. <— Chron. Lioll. 121 setzt das Ereignis irrtümlich zu 
,1175, Chron. Morano 16, die hier eine Bol. Quelle benutzt, richtig 
zu 1164. Erstere Chronik nennt ihn nuntius imperatoris, letztere 
locumtenens in Lombardia (!) pro Fedcrico imperatore. 

84. Sav. Nr. 184 Reg. grosso im St.-A. Bol. 1, fo. 22. 

85. Overmann S. 69. 

86. Villola zu 1165. Urkundlich erscheint er am 28. und 
29. Mai mit dem unbestimmten Titel rector Bon. (Sav. Nr. 185 


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als kaiserlicher Podesta gewaltet hatte und der auch dies¬ 
mal wahrscheinlich nicht frei gewählt wurde 87 . In der Folge¬ 
zeit bewahrte Bologna, trotz Friedrichs Abwesenheit aus 
Italien, der Reichsgewalt Gehorsam. Das zeigte sich 1166 
beim Vertrage mit Modena 88 . Während dabei die Ab¬ 
machungen von 1156, soweit sie den Handelsverkehr und 
den gegenseitigen Schutz von Person und Eigen betrafen, 
erweitert wurden, ließ man die Bestimmungen politischer 
Art ganz beiseite und betonte ausdrücklich die kaisertreue 
Gesinnung 88 . Ende desselben Jahres erschien Friedrich 
wieder südlich der Alpen, um'gegen Alexander III. nach 
Rom zu ziehen. Am 1. Februar 1167 weilte er in Reggio 80 , 
den 10. am linken Renoufer zu Borgo Panigale 81 . Von 
dort hegab er sich erst nach Ferrara 88 , ehe er in Bologna 83 


Reg. grosso im St.-A. Bot. 1, fo. 22 v. Es handelt sich um einen 
Vertrag Bolognas mit der südlich von Medicina gelegenen Gemeinde 
Trefolchi). 

87. Anderer Meinung ist Ficker Forsch. 2, 192 Anm. 3. 

88. Sav. Nr. 187 Reg. Privil. im Stadt-A. zu Modena fo. 131; 
abgeschlossen am 20. Juli zu Rastiliohim (ehemaliger Ort zwischen 
Crespellano und Piumazzo nahe der Samoggia). 

89. Das ergibt sich weniger aus der Klausel salva fidelitate 
imperatoris, die sich auch in dem 1 Vertrage von 1156 findet, als 
aus der Bestimmung, daß von dem gegenseitigen Schutz neben 
den latrones und falsatores auch die inimici imperatoris auszunehmen 
sind. 

90. St. 4081. 

91. St 4082. 

92. Dort gab er in der zweiten Hälfte des Februar für dass 
Bologneser Kloster S. Stefano' ein Schutzprivileg (Scheffer-B. im 
N. A. 24, 145. Or. im St.-A. BoL Dem. S. Stefano Cass. 15/951 
ohne Nummer). 

93. Ich folge dem Lib. pontif. 2, 414, der den Kaiser cum 
omni pace nach Bologna gehen läßt dem Vincent. Prägen, in 
M. G, SS. 17, 683 und dem Anonymus Laudensis in M. O. SS. 
18, 645, der ausdrücklich betont, daß die Bplognesen libenter den 
Befehlen Friedrichs nachgekomhven seien, auch hinzufügt, daß 
die Geiseln nach Parma gebracht wurden (Parma gab dieselben 


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einen mehrtägigen Aufenthalt nahm. Die Stadt hätte ihm 
in letzter Zeit keine Veranlassung gegeben, strafend gegen 
sie vorzugehen, immerhin war sein Mißtrauen berechtigt 
und die Sicherung eines für den Rückmarsch so wichtigen 
Punktes notwendig. So begreift es sich, daß der Kaiser 
von den Bürgern eine Anzahl Geiseln — die Quellen¬ 
angaben schwanken zwischen dreißig und hundert — 
forderte. Von Bologna zog Friedrich über Imola ins 
Faentiner Gebiet 94 , verblieb noch längere Zeit in der 
Romagna und erhob überall, wie er es auch in Bologna 
getan, beträchtliche Geldsummen von den Stadtgemeinden. 
Erst Anfang Mai marschierte er nach Ancona 95 . 


bald den Bolognesen zurück; vgl. M. O. Gonstit. 1 Nr. 302 § 4). 
Die Nachricht in den Gesta in Lombardia 60, daß Friedrich das 
Bologneser Land verwüstete, muß meiner Meinung nach auf einem 
Irrtum beruhen. Auch hier wird von der Stellung der Geiseln 
berichtet, dann von der Zahlung von 6000 Luccheser Pfund. Diese 
Summe mag ja recht hoch gewesen sein, kann aber neben anderen 
Abgaben eine Strafe für den Tod des Bezo enthalten haben. Der 
Notiz in Rahewlni Appendix 278 zu 1168 vermag ich keine Be¬ 
deutung beizulegen. 

94. Anfang März (vgl. St.- 4083 und Reg. archiep. Maguni 2, 
21) urkundete er zu S. Rrocolo (heute Pieve del Ponte am Schnitt¬ 
punkt der Vja Emili^a und des Senio). Die Erzählung des Tok>- 
sanus 639 halte ich für w'enig glaubwürdig. Wahrscheinlicher ist 
die Nachricht (ebenda 637), daß im Februar als kaiserliche Beauf¬ 
tragte der Bischof von Lüttich und der Abt Von Stabk) (ihre An¬ 
wesenheit bei Friedrichs Zug ist auch anderweitig bezeugt; vgl. 
Qiesebrecht 6, 463) von den Faentiner Geistlichen und Laien den 
Treueid forderten. Nur ist unsicher, ob der Bischof von Faenäai 
den Eid leistete oder verweigerte (vgl. Azzurini Chron. 34 Anm.). 

95. Anonymus Laudens, in M. G. SS. 18, 645 f. Aus der An¬ 
gabe: Et ibi alb Imolensibus, quia eos destruere minabatur, et a 
Faventinis et ab illis de Forlivio atque Forlipopolo multas pecunias 
exegit, möchte ich nicht schließen, daß Imola eine kaiserfeindliche 
Haltung einnahm. Friedrich wird wohl nicht nur die Imolesen, 
sondern alle bedroht haben, die die geforderten Leistungen ver¬ 
weigerten. Und eine gegen den Kaiser gerichtete Bewegung in 


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Drei Monate später wurde durch die Katastrophe vor 
Rom des Kaisers Heer vernichtet. Schon vorher hatte sich 
unter den lombardischen Comunen ein Bund gebildet, nun 
ergriff Alexander III. für ihn Partei 97 . Was Wunder, daß 
auch die Bürgerschaft Bolognas nicht ruhig blieb. Als die 
Feindschaft zwischen Rom und Friedrich ausgebrochen war, 
hatte sie sich zum ersten Male erhoben, dann wieder, als 
der Veroneser Bund erfolgreichen Widerstand geleistet hatte. 
Jetzt, da Papst und Comunen sich die Hände reichten, 
die kaiserliche Machtstellung zusammengebrochen war, griff 
Bologna zum dritten Male zu den Waffen. Bedeutsam aber 
war es, daß die Stadt — vor dem 1. Dezember 1167 muß 
es geschehen sein 98 — dem Lombardenbunde beitrat und 
damit seine Interessen und Bestrebungen denen einer großen 
Gemeinschaft ein- und unterordnete. Ja, man kann dieses 
Ereignis als den Abschluß einer nicht nur auf das Gebiet 
Bolognas beschränkten Entwicklung bezeichnen. Hatten zu 
Beginn des Jahrhunderts noch Unterschiede zwischen der 
Romagna und den benachbarten Teilen der Poebene be¬ 
standen, so waren diese letzten Reste mit dem Empor¬ 
kommen der Comunen verschwunden. Seit dann Friedrich I. 


Imota scheint bei Erwägung der vorangehenden und folgenden 
Ereignisse so gut wie ausgeschlossen. — GieSebrecht 5, 534. 

97. Giesebrecht 5, 586 ff. 

98. Vignati Lega 143 ff. und 170, Sav. Nr. 188 Reg. grosso 
im St.-A. Bol. 1, fo. 23 v. Daß Bologna damals schon zum Bunde 
gehörte, ist sicher, wenn auch sein Name in manchen Ueber- 
lieferungen des Aktes fehlt; denn wie sollte das Dokument sonst ins 
Bologneser Stadtbuch aufgenommen worden sein? Hingegen, glaube 
ich, darf Modena noch nicht zu den Bundesmitglicdem gerechnet 
werden. Das Mut. im Reg. grosso muß ein Schreibfehler für Mant. 
sein, wie gegen Ende an entsprechender Stelle im Rektoreneid steht 
So war Bologna auch auf dem Tage zu Lodi am 3. Mai 1168 (Vig¬ 
nati 177, Sav. Nr. 191 Reg, grosso im St.-A. Bol. 1, fo. 24 v) 
vertreten, Modena aber nicht. 


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südlich der Alpen erschienen war, sahen die Städte dies¬ 
seits und jenseits von Po und Panaro ihre schwer errungene 
Freiheit in gleicher Weise bedroht, und immer mehr griff 
die Erkenntnis Platz, daß der gemeinsamen Gefahr nur mit 
vereinter Kraft zu begegnen sei. So kam der Bund zu¬ 
stande, der Städte der Romagna mit denen des näheren 
und ferneren Oberitaliens zusammenführte und der der An¬ 
fang einer nationalen Erhebung gegen die Fremdherrschaft 
hätte werden können. 


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III. Kapitel. 

Kampf Bolognas als Mitglied des Lombarden- 
bundes gegen Friedrich I. Ausgleich zwischen 
der städtischen Selbständigkeit und der 
Reichsgewalt. 

In den nächsten Jahren nach ihrem Eintritt in den 
lombardischen Städtebund drohte den Bolognesen von 
kaiserlicher Seite keine Gefahr 1 . So konnten sie ihr selb¬ 
ständiges Regiment wiederherstellen 2 und die Oberherrschaft 
über Imola zurückgewinnen. Schon am 16. Juni 1168 beugte 
sich die Stadt wieder vor Bologna und Faenza und ver¬ 
zichtete auf alle Belästigungen der Bewohner von S. Cassiano 
und Castello d’Imola 3 . Die beiden Sieger erneuerten die 
(Waffenbrüderschaft, und Faenza trat dem Lombardenbunde 
bei 4 . Auch in der östlichen Romagna zeigte die Reorgani¬ 
sation der Reichsgewalt keinen Bestand. Der Ravennatische 
Erzbischof machte nicht einmal den Versuch, die ihm vom 
Kaiser geschaffene Position zu behaupten. Wiederum 
nahmen die östlichen Städtgemeinden, unter der Führung 


1. Im Frühjahr 1168 verließ Friedrich Italien. 

2. Vgl. unten S. 117 Anm. 34. 

3. Sav. Nr. 192 Reg. grosso im St.-A. Bol. 1, fol. 26. Vgl. 
Ficker Forsch. 2, 215. 

4. Sav. Nr. 193 Reg. grosso im St.-A. Bol. 1, fo. 25. Die 
Zugehörigkeit Faenzas zum Lombardenbund entnehme ich der Klausel 
salva societate Longobardie am Schluß seines Eides. 


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Ravennas und Forlis den Kampf gegen Faenza auf 5 . Aber 
bald trat eine Wendung ein. Wie schon einmal vor fast 
vier Jahrzehnten verfeindeten sich die alten Bundesgenossen, 
Bologna und Faenza. Faenza handelte dabei wahrschein¬ 
lich unter dem Einfluß des jüngeren Guido Guerra, zu dem 
es die engen Beziehungen, die es mit dessen Vorfahren 
unterhalten, wieder angeknüpft hatte 6 . Der Graf war zur 
Zeit ein Führer der Anhänger des Kaisers in Toscana 7 und 
wird die Faehtiner zu seiner Partei herübergezogen haben. 
Die Bolognesen mochte die Hoffnung erfüllen, jetzt, da sie 
durch den Lombardenbund im Rücken gedeckt waren, in 
der Romagna selbständig Vorgehen zu können und die 
Herrschaft über Imola nicht mehr mit den Faentinern teilen 
zu brauchen. Die Verstimmung zwischen beiden Städten 
begann wohl schon 1169 8 . Im folgenden Sommer vermutlich 
erklärte sich Bologna, gegen Zahlung von fünftausend 
Luceheser Pfund, bereit, mit Ravenna gegen Faenza ge¬ 
meinsame Sache zu machen 9 . 1171 erfolgten dann zwei 


5. Totosarrus 640, 642 f., 644-649. 

6. Im September 1167 waren Faenza und Ouido Guerra III. 
mit einander noch verfeindet (Tdosanus 634 und Davidsohn Oesch. 
1, 504); aber im Mai des folgenden Jahres erneuerten sie die 
Freundschaft (Tolosanus 640). 

7. Davidsohn Gesch. 1, 517 und 522. 

8. Am 16. März 1169 weilte der kaiserliche Papst Calixt III. 
in Faenza; vgl. J.-L. 14496. Und bei den Kämpfen Faenzas gegen 
den östlichen Städtebund in den Jahren 1169—1171 (vgl. Tolosanus 
642 ff.) scheint Bologna den Faentinern keine Unterstützung mehr 
gewährt zu haben. 

9. Im Erzbisch.-A. zu Ravenna pips. S Lit. R Nr. 5 findet 
sich ein seiner Schrift nach aus dem 12. Jahrh. stammendes Pergament¬ 
blatt, enthaltend eine Aufzeichnung von Bündnisbedingungen, die 
die Bolognesen und Ravennaten einander stellen. Aller Wahrschein¬ 
lichkeit nach handelt es sich um einen Vertragsentwurf, der nur 
in diese Zeit gehören kann (auch die Erwähnung der Luceheser Münze 
spricht dafür) und wohl im Sommer aufgestellt wurde, da er Be¬ 
stimmungen für den kommenden 1. September enthält. Man ver- 


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Angriffe auf die Stadt 10 , und wenn es auch im selben Jahre 
zum Frieden kam 11 , so blieb doch die Spannung zwischen 
Faenza und Bologna bestehen. Daher waren auf dem 
lombardischen Bundestag, der am 10. Oktober 1173 zu 
Modena stattfand 18 , von den Städten der Romagna neben 
Bologna zwar Rimini, nicht aber Faenza vertreten 13 . Diese 
Situation sollte für die Bolognesen verhängnisvoll werden, 
als die Reichsgewalt den Feldzug gegen den Lombardenbund 
unternahm. 

Schon seit Ende 1171 weilte Erzbischof Christian von 
Mainz in Italien und schaffte sich in wenn auch wenig 
glücklichen Kämpfen 14 eine Angriffsbasis in Toscana. Im 


pflichtet sich zu gemeinsamem Vorgehen in den Grafschaften Imola 
und Faenza: Et debeant facere duas obsftliones in anno in comitatu 
Imoknsi et Favencie infra quinque dies, postquam Bononienses 
requisierint Ravennates, respektive postquam Bononienses requisiti 
hierint a Ravennatibus. Bologna übernimmt, guerram, quam Ra¬ 
vennates abent cum. Faventinis, facere suam propriam guerram, 
das gleiche tut Ravenna, si in aliquo tempore guerra inciperet 
inter Faventinos et Bononienses. Der von Tolosanus (650) er» 
hobene Vorwurf, die Bolognesen hätten sich von Ravenna bestechen 
lassen, ist nicht glanz unberechtigt, da nach dem Vertragsentwurf 
die Ravennaten 5000 Luccheser Pfund zu zahlen haben. — Ob der 
neue Erzbischof Gerhard bei dem Vertrage mitgewirkt hat, ist nicht 
bekannt; er scheint von Anfang an zu Alexander III. gehalten zu 
haben; vgl. Rubeus Ravenna 335. 

10. Tolosanus 650 ff. Die Bologneser Ueberlieferung verteilt 
die beiden Angriffe auf die Jahre 1169 und 1170 (Villola, Petrus 
Rav. = Ann. Caesenates in Mur. SS. 14, 1090 f.; vgl. auch N. A. 
31, 210). Ich gebe mit Güterbock (im N. A. 24, 741) den chro¬ 
nologischen Angaben des Tolosanus den Vorzug, lasse aber die 
Frage offen, auf welcher Seite Forli gestanden hat. 

11. Den Bau einer Kirche zur Erinnerung an den Friedens¬ 
schluß erzählt Tonduzzi 209. 

12. Vignati 242 Reg. grosso jm St.-A. Bol. 1, f. 27. 

13. Tolosanus (653) berichtet zu 1173, daß die Lombarden 
Faenza zum Beitritt zum Bunde bewegen wollten. 

14. Davidsohn Gesch. 1, 520—538. 


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September 1174 überschritt der Kaiser die Alpen und wählte 
sich die obere Poebene als Ausgangspunkt für seine mili¬ 
tärischen Operationen 10 . Man wollte die geschlossene Masse 
der verbündeten Städte durch einen doppelten Angriff be¬ 
drohen. Den Bolognesen fiel also die wichtige Aufgabe 
zu, die Ostflanke der Lombarden zu decken. Der Zeitpunkt, 
an dem Christian seine Aggressivbewegung gegen sie be¬ 
gann, ist nicht genauer überliefert 16 . Schon vorher sahen 
sich die Comunen Mantua, Parma, Reggio, Modena und 
Bologna veranlaßt, gegen die Umtriebe des kaiserfreund¬ 
lichen Bischofs Garsidonius von Mantua ein Sonder¬ 
abkommen zu schließen, das auf möglichste Kriegsbereit¬ 
schaft abzielte, auch Anhänger Friedrichs im eigenen Gebiet 
bedrohte 17 . Diese. Verabredungen wurden gegenstandslos, 
als bald darauf der Gesamtbund Maßregeln gegen Friedrich 
zum Schutze Alessandrias traf und bestimmte, wie einem 
Angriff Christians auf der Linie Parma—Bologna zu be¬ 
gegnen sei. Die Führung fiel hier den Rektoren von 
Cremona, Bologna, Mantua und Parma zu; bis zum 
kommenden 3. März (1175) sollten die zunächst gelegenen 


15. Oiesebrecht 5, 749 ff. 

16. Wir wissen nur, daß er sich im Mai 1174 im Florentiner 
Gebiet befand; vgl. Pasqui Documenti per la storia di Arezzo 1 
Nr. 381. 

17. Vignati Lega 221 Reg. grosso im St.-A. Bol. 1, fo. 32 v. 
Ueber die zeitliche Einreihung und Bedeutung des Sonderbundes 
vgl die-grundlegende Arbeit von Gäterbock Montebello 63 ff. Doch 
kann ich der Angabe des Sigonius (155), Anhänger Friedrichs seien 
im Jahre 1174 in Bologna verurteilt worden, keine Bedeutung bei¬ 
legen, halte seine Notiz vielmehr für eine Kombination auf Grund 
des Dokuments Sav. Nr. 222 (vgl. über dieses unten S. 127 Anm. 83). 
Sigonius begeht dabei den Fehler, dem auch Güterbock verfällt, con- 
sules qui inantea fuerint mit gewesene Konsuln zu übersetzen, 
während darunter doch gerade zukünftige zu verstehen sind: 
— Aluf den Abschluß des Sonderbündnisses bezieht sich vielleicht 
die Nachricht in der Bologneser Chronik (N. A. 31, 210 f.) zu 1174: 
Facta est 90detas Lombardorum in Bononia. 


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Städte Fußvolk und Reiter, die ferneren nur Kavallerie 
stellen 18 . 

Aber rascher als man erwartet hätte, rückte Christian 
in die Romagna ein. Nun rächte sich die Trennung Bolognas 
von den Faentinem, und sein Bund mit Ravenna zeigte 
keinen Bestand 19 . Schon am 7. Februar konnte Christian 
vor S. Cassiano, die Residenz des Imoleser Bischofs, ziehen, 
und alle Städte der Landschaft von Rimini bis Imola folgten 
seinen Fahnen. Die Bolognesen fanden noch Zeit, einige 
hundert Ritter nach S. Cassiano zu senden. Als dann von 
den verbündeten Lombarden Truppenkontingente einge¬ 
troffen waren, marschierten sie zum Entsatz heran. Doch 
Waren sie nur imstande, die Besatzung und die Bewohner 
aus dem Kastell herauszuführen. Am 25. Februar wurde 
die Feste niedergebrannt 90 . Und nun ging Christian noch 
einen Schritt weiter als sein kaiserlicher Herr im Jahre 1159, 
indem er die für ihn günstige Situation, daß der Bischof 
von Imola ein Anhänger Alexanders III. war, konsequent 
ausnutzte. In einer Urkunde vom 17. März bestimmte er 
die ewige Zerstörung von S. Cassiano und die Ueber- 
siedelung seiner Bewohner, also auch des Bischofs, nach 


18. Sav. Nr. 217 Reg. grosso im St.-A. Bol. 1, fo. 28; vgl. 
Güterbock Montebelk) 79. Vielleicht muß man den Bundestag etwas 
vor den Februar 1175 ansetzen, denn damals stand Christian (vgl. 
unten) schon in der Romagna, während die Verabredungen zu zeigen 
scheinen, daß man noch ungewiß war, wo der Erzbischof auf der 
Linie Bologna—Parma den Vorstoß machen würde. Dagegen ließe 
Sich aber anführen, daß man Bolognas bedrohte Stellung berück¬ 
sichtigte, indem man von ihm zur Verteidigung Alessandrias weniger 
Truppen verlangte, als von den andern Bundesmitgliedem. 

19. Vgl. die in Amn« 9 und 10 genannten Quellen. In den Annales 
Stadenses (M. O. SS. 16, 347) findet sich zu 1173 (die Chronologie 
ist hier, wie auch sonst in dieser Quelle mehrfach, verdorben) die 
Nachricht, daß der Erzbischof Ravennam subiugavit. 

20. Tolosamis 655, Villola zu 1175 (ihm wesentlich gleich¬ 
lautend Petras Rav.), Regesta ardiiep. Magunt. 2, 38 Nr. 122. 


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Imola 21 . Das Privileg seines Legaten bestätigte Friedrich 
am 22. Januar 1177 32 und schon damals plante man ernst¬ 
lich die Erbauung einer Kathedrale in Imola 33 . Damit schien 
der lange Streit zwischen Bischof und Comune von Imola 
zugunsten des letzteren entschieden und den Bolognesen 
ihr wichtiger militärischer Stützpunkt und die Möglichkeit, 
ihre Einmischungspolitik fortzusetzen, genommen zu seih. 

In den nächsten Wochen nach der Zerstörung von 
S. Cassiano suchten Christians Truppen die östlichen Teile 
der Bologneser Grafschaft mit Streifzügen heim 34 , bis der 
Vertrag von Montebello zwischen Friedrich und dem Bunde 
(16. April 1175) den Feindseligkeiten ein vorläufiges Ende 
bereitete 35 , und Christian sich zum Kaiser nach der Lom- 


21. Regesta archiep. Magunt. Nr. 123 Or. im A. Sassatelli zu 
Imola mit dem Inkarnationsjahr 1174. — Durch Zeugenaussagen 
eines Prozesses von 1197 (Kapit-A. zu Irrtola Mazzo 3 Nr. 197), 
erfahre»! wir, daß Bischof Heinrich vo|n Imola seine Residenz S. 
Cassiano verlassen mußte, sich aber nicht nach Imola begab, sondern 
in Bagnara di Romagna aufhielt. Alts den Zeugenaussagen eines 
Prozesses von 1217 (ebenda Mjizzo 6 Nr. 109) ergibt sich, daß 
die Domherren zum Teil nach Imola übersiedelten, ferner daß die 
Imoieseu die Kirchenglocken von S. Cassiano den Deutschen ab¬ 
kauften und die Metallstücke dann nach Ravenna zum Verkauf 
brachten. 

22. St. 4188; Simonsfeld 1906, 397. 

23. So erfolgte am 27. Februar 1177 eine Schenkung an die 
Kirche S. Cassiano für den Fall, daß sie in Imola erbaut würde 
(KapiL-A. zu Imola Mazzo 4 Nr. 24). —t Wie der bischöfliche 
Besitz zerrüttet war, zeigt Moroni 111 (ebenda Nr. 29). 

24. Nach Villola rückten sie bis Caselle und Pizzocalvo, also 
etwa bis an den Idice vor, wichen dann vor den Bolognesen bis 
zur Quaderna zurück, wo ihre Gegner in einen Hinterhalt gerieten; 
Drei Wochen später unternahm Christian, der das Mathildinische 
Medicina zum Stützpunkt gewählt hatte, einen Plünderungszug, dem 
Vcdrana (nordsötlich von Budrio), Ozzano (westlich von Castel S. 
Pietro), Pizzocalvo und Castel de’ ßritti zum Opfer fielen. 

25. Güterbock Montabello 1. 


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bardei begab 26 . Als dort im Oktober der Krieg von neuem 
ausbrach 27 , wird auch der Erzbischof in der Romagna die 
Führung wieder übernommen haben. Es kam bei Gastet 
de’ Britti, östlich vom Idice zu einem Treffen, bei dem die 
Bolognesen völlig geschlagen, wahrscheinlich bis zur eigenen 
Stadtmauer verfolgt wurden 28 . Jedenfalls versuchten sie im 
folgenden Jahre nicht noch einmal das Glück der Waffen 21 ’. 


26. Güterbock 118. In der Romagna vertrat ihn ein Legat; 
vgl. Ficker Forsch. 2, 213. 

27. Güterbock 39. 

28. Villola berichtet nach Schilderung der Kämpfe des Früh¬ 
jahrs: Eo anno Bononienses fuerunt sconfiti a dicto chancellario a 
letere (!) manc Ydicis ad Castro Britonum prope stratam (= Via 
Emilia). Mit Güterbock (84 ff.) nehme ich an, daß diese Schlacht 
von den früheren Kämpfen zu trennen ist und, da der Erzbischof 
zu Anfang des folgenden Jahres nach Süditalien zog (vgl. Regesta 
archiep. Magunt. Nr. 132), gegen Ende 1175 stattfand. Nur auf 
dieses Ereignis kann wohl auch der Bericht zu beziehen sein, den 
die Ann. Stadenscs (M. G. SS. 16, 347) zum Jahre 1172 bringen. 
Aus der phantastischen Schilderung glaube ich entnehmen zu dürfen, 
daß Christian bis an die Stadtmauern Bolognas vordrang. Die Lage 
des mit Marmpr geschmückten Heiligtums, das ein Bischof von 
Aquileja erbaut haben soll, vermag ich nicht anzugeben. Von der 
Schwere der Niederlage zeugt auch die Notiz bei Rr^noaldi Annales 
in M. O*. SS. 19, 444 zu den Friedensverhandlungen von 1177. 
— Wie weit der Erzbischof gegen Ferrara erfolgreich war, läßt sich 
nicht genau feststellen. Die Stadt unterstützte 1175 Bologna (Vil¬ 
lola) und auch die Lombarden (Gesta in Lombordia 63), stand 
1175 und 1177 urkundlich auf Seiten des Bundes (M. G. üonstit. 
ceg. 1 Nr. 242 und 259). Romoald 446 sagt: Ferrarienses, quos in 
bcllo Christianus offenderat, und die Ann. Stadenses 347 berichten 
zu 1173 (?), daß der Erzbischof Ferrariam subiugavit. 

29. Auf dem Rectorentage des Lombazdenbundcs zu Piacenza 
im Januar 1176 (Vignati Lega 276 Reg. grosso im St.-A. Bol. 1, 
fo. 30 v und 31 v) wurde keine Maßregel für den östlichen Kriegs¬ 
schauplatz getroffen. Von einer Teilnahme Bolognas an der Schlacht 
bei Legnano ist nichts bekannt (Tolosanus 655 druckt fälschlich Bono- 
niensibus für Veroncnsibus; vgl. 1. Ausg. 64). Mailand sandte den 
Bolognesen die Siegesnachricht (Raduifus de Diceto in M. G. SS. 
27, 268 und Gicsebrecht 6, 530). 


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Beim Abschluß der kriegerischen Ereignisse hielten zum 
Kaiser: Rimini, Cesena, Forlimpopoli, Forli, Ravenna, Faenza 
und Imola, zu Bologna: nur Dozza, eine kleine Besitzung 
des Imoleser Bischofs, und die heimatlosen Bewohner von 
S. Cassiano 30 . Bologna hatte also seinen Einfluß auf die 
Romagna so gut wie eingebüßt 31 . Für diesen Verlust bot 
die Erhöhung seines moralischen Ansehens, das ihm die 
führende Stellung auf der einen Flanke des Bundes ein- 
bringen mochte 32 , keinen entsprechenden Ersatz. Und noch 
nicht genug mit diesen äußeren Mißerfolgen. Die 
militärischen Unternehmungen hatten die finanzielle Kraft 
des Comune überschritten. Man mußte 1176 durchgreifende 
Maßnahmen treffen, um die durch den Krieg verursachten 
Uebelstände zu beseitigen 33 . 

Für das folgende Jahr erwuchs dem Stadtregiment die 
doppelte Aufgabe, aus der unglücklichen Lage möglichst 
rasch herauszukommen und bei den Friedensverhandlungen 
des Lombardenbundes mit Friedrich gut vertreten zu sein. 
Die Konsularverfassung, die seit der Befreiung vom kaiser¬ 
lichen Joch wieder eingeführt war 34 , hatte sich in den Zeiten 


30. Vgl. M. G. Constit. reg. 1 Nr. 259. 

31. Vgl. auch Ficker Forsch. 2, 212 f. und 216. 

32. Vgl. Güterbock Montebello 81 Anm. 1. 

33. ln einem Akt vom 5. Dezember 1176 (Sav. Nr. 229 Reg. 
grosso im St.-A. Bol. 1, fo. 34 v) wird erwähnt, daß die Konsuln 
städtische Mühlen pro hominibus S. Cassiani (also wohl zugunsten 
der landesflüchtigen Leute von S. Cassiano) et de Montebellio (vgl. 
darüber S. 126 Anm. 82) verpfändet hatten. Jetzt revidierte man den 
Immobiliarbesitz des Comune, nahm occupiertc Teile zurück und löste 
verpfändete aus (vgl. Sav. Nr. 226, 30 und 31, Reg. grosso 1, 
fo. 33 v und 35; vgl. auch Sav. Nr. 232 ebenda fo. 39 v, wo 
Schulden des Comune erwähht werden). 

34. Von 1168, 73, 74, 75 und 76 kennen wir die Namen der 
Konsufn, von 1170 und 1172 haben wir die Nachricht, daß Kon¬ 
sularregiment vorhanden war. Für 1169 und 1171 fehlt jede Notiz 
über die städtische Regierung. 


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der Gefahr nicht recht bewährt. Daher versuchte man es 
jetzt, nach dem Vorgang anderer Städte, mit der Berufung 
eines fremden Podesta. Als geeignete Persönlichkeit fand 
sich der Mailänder Pinamonte da Vimercato, der in seiner 
wiedererstandenen Vaterstadt einmal das Konsulat bekleidet 
hatte 35 . Er beschwor zu Venedig als Beauftragter Bolognas 
den sechsjährigen Waffenstillstand 36 und muß sein Amt zur 
vollen Zufriedenheit der Bolognesen verwaltet haben, denn 
sie beließen ihn noch ein zweites Jahr in dieser Stellung 37 . 
Seine Herkunft schließt die Vermutung aus, daß seine Wahl 
einen Parteiwechsel im Stadtregiment bedeutete. Weder 
wurden die Friedrich feindlichen Familien, die seit 1168 
Bologna mit Konsuln regiert hatten, damals verdrängt, noch 
trat Pinamonte, wie einst Guido da Sasso, an die Spitze 
der kaiserfreundlichen Elemente. Auch kehrte man seit 1179 
wieder zum Konsularregiment zurück 38 , ohne daß ein Um¬ 
schwung der Machtverhältnisse im Innern eingetreten wäre. 
Und in der äußeren Politik folgte man den vom Podesta 
eingeschlagenen Bahnen. 

Man wird dem Pinamonte das Verdienst zusprechen 
dürfen, die Wiederannäherung zwischen Bologna und Faenza 
herbeigeführt zu haben. Diese Schwenkung der Bologneser 
Politik begreift sich nach den schlimmen Erfahrungen der 
letzten Jahre. Auch die Faentiner werden erkannt haben, 


35. Giulini 6, 395. Riboldi veröffentlicht im Arch. stör. Lom- 
bardo 3, 18, 143 eine Urkunde von ihm aus dem Jahre 1147. Die 
Arbeit desselben Verfassers Pinamonte da Vimercato, Vimercate 1901 
war mir nicht zugänglich. — Am 25. Januar 1177 (Sav. 234 Reg. 
grosso im St.-A. Bol. 1, fo. 38) ist er zuerst nachweisbar. 

36. M. G. Gonstit. reg. 1 Nr. 266. Am 7. Mai weilte er 
als rector Bolognas auf dem Lombardtntag in Ferrara; vgl. Thci- 
ner 1 Nr. 29. 

37. Vgl. Sav. Nr. 249 und 255 Reg. grosso im St.-A. Bol. 
1, fo. 40v und 44 vom 5, März und 31. Dezember 1178. 

38. Wir kennen die Konsuln der Jahre 1179, 80 und 81. Für 
1182 besitzen wir keine Nachricht über das Stadtregiment. 


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wie wenig sie als Bundesgenossen des Kaisers zu gewinnen 
hattei), und so erneuerten sie im März 1178 die alten Ver¬ 
träge mit Bologna 39 . Damit verschoben sich die Macht¬ 
verhältnisse der Romagna sehr zuungunsten der Reichs¬ 
gewalt. Ohne Rücksicht auf den kürzlich beschworenen 
Waffenstillstand 40 , schritten die beiden Verbündeten zur 
Wiederunterwerfung Imolas; und Christian, der 1179 zu¬ 
sammen mit Guido Guerra noch einmal nach Norden vor¬ 
stieß, vermochte nicht, sie von ihrem Unternehmen abzu¬ 
ziehen 41 . Die allen Schutzes entblößte Stadt verteidigte sich 
noch eine geraume Weile 49 . Erst als sich alle wichtigeren 
Nachbarn mit den Gegnern vereinigt hatten 43 , gab sie am 
31. Juli 1181 den Widerstand auf 44 . Wieder mußte sie die 


39. Sav. Nr. 250 und 51 Reg. grosso im St.-A. Boi. I, Io. 40v 
und 41. Die Faentiner traten auch wieder dem Lombardenbunde 
bei; vgl. Tolosanus.653. — Ungewiß bleibt, ob das noch im selben 
Jahre eintretende Zerwürfnis zwischen Facnza und Guido Guerra 
als Mitursache oder als Folge des Parteiwechsels anzusehen ist; 
vgl. Tonduzzi 213 wegen des dem Grafen gehörenden Baccagnano; 
ferner Tolosanus 656, der nach meiner Meinung die von seiner 
Vorlage überlieferten Tatsachen in falschen Zusammenhang setzt; 
endlich Davidsohn Gesch. 1, 552 über die Beziehungen Guidos zu 
Florenz. 

40. Vgl. Ficker Forsch. 2, 216. Vielleicht hatte der griechi¬ 
sche Kaiser Manuel seine Hand im Spiel; vgl. Giesebrecht 5, 885. 

41. Tolosanus 657 f. (Das richtige Jahr steht in der älteren 
Ausgabe 90); vgl. auch Villola zu 1177. Bald darauf geriet der 
Erzbischof bei Camerino in Gefangenschaft (Regcsta archiep. Ma- 
guntin. Nr. 184; Davidsohn Gesch. 1, 561 ff. und Torelli in Mis- 
cellanea di storia Ital. 3, 13, 325. Es ist nichts davon überliefert, 
daß Bologna oder Faenza an der Verschönerung beteiligt war). 

42. Vgl. Tolosanus 658. Die Grafen von Castel delP Arbore 

(einst etwa gelegen, wo heute das Castel S. Pietro), die sich am 
2. 'Juni 1178 (Sav. Nr. 252 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 41 v) 

Bologna unterworfen hatten, versprachen im März 1180 (Sav. Nr. 

262 Reg. grosso 1, fo. 45) energische Kriegshilfe gegen Imoia. 

43. Sav. Nr. 264—68 Reg. grosso 1, fo. 47 ff. 

44. Sav. Nr. 269 Reg. grosso 1, fo. -49; Tolosanus 659. 


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Oberherrschaft Bolognas und Faenzas anerkennen und den 
Wiederaufbau von S. Cassiano, wohin dann der Imoleser 
Bischof zurückkehrte 45 , zulassen 46 . Für den Augenblick also 
hatte die Erneuerung des Bündnisses mit Faenza es den 
Bolognesen ermöglicht, die früheren Mißerfolge so ziemlich 
wieder auszugleichen. Nun aber galt es, bei den Friedens¬ 
verhandlungen zwischen dem Lombardenbund und Friedrich 
für die militärischen Errungenschaften die kaiserliche An¬ 
erkennung zu erlangen. 

Sollten die Unterhandlungen zu Piacenza und Konstanz 
zu einem dauernden Frieden zwischen der Reichsgewalt und 
den Lombarden führen, dann mußte Friedrich den Städten 
daß Maß von Freiheit gewähren, das für sie Lebensbedingung 
geworden, die Position anerkennen, die sie vor seinen 
Regierungsantritt errungen und gegen seine Angriffe ver¬ 
teidigt hatten. Daher erhielt Bologna, wie die andern Mit¬ 
glieder des Bundes, den Besitz der Regalien und die eigene 
Wahl des Stadtregiments von ihm bestätigt 47 . Dagegen ent¬ 
sprach es nicht den Absichten des Kaisers, die anfänglichen 
Erfolge Christians von Mainz preiszugeben und den Bruch 
des Waffenstillstandes durch Bologna und Faenza gutzu¬ 
heißen. Und als Herr der Lage in Deutschland und als 
Freund des Papstes war er es, der die Friedensbedingungen 
diktierte. Mochten die Bundesstädte auch die Anerkennung 
des Status quo in der Romagna unter ihre Forderungen 
aufgenommen haben, sie sahen sich während der Verhand¬ 
lungen genötigt, Schritt um Schritt zurückzuweichen und 


45. Das ergibt sich aus dem oben S. 115 Anm. 21 erwähnten 
Prozeß von 1197. Auch die Urkunden des Imol. Kapit.-A. datieren 
in den nächsten Jahren in Castro S. Cassiani in canonica. 

46. Auch mit Guido Guerra schloß Faenza im selben Jahre 
einen vorteilhaften Vertrag; vgl. Tolosanus 659. 

47. M. O. Gönstit. 1 Nr. 293; Ficker Forsch. 1, 238 und 2, 

193 f. 


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schließlich diesen Punkt ganz fallen zu lassen 46 . Da hatten 
die Bolognesen und Faentiner keine andere Wahl, sie mußten 
das empfindliche Opfer bringen und auf das soeben unter¬ 
worfene Imola verzichten. 

Dabei blieb der Kaiser aber nicht stehen und gab den 
Imolesen nicht die einst bestätigte Selbständigkeit zurück. 
Denn gerade die jüngsten Ereignisse ließen ihn befürchten, 
daß Bologna und Faenza bei der ersten sich bietenden 
Gelegenheit über den schwachen Nachbarn wieder herfallen 
(würden. Um dort dauernden Frieden zu schaffen und eine 
Verletzung der kaiserlichen Hoheitsrechte zu verhindern, 
mußte eine ständige Vertretung der Reichsgewalt geschaffen 
werden. 1185 betraute Friedrich den Legaten Berthold von 
Hohkönigsburg mit dieser Aufgabe 49 , der sie aber nicht 
zum Abschluß brachte. Zwischen ihm und Faenza kam es 
zu einer blutigen Fehde 50 , zu der nicht die Haltung der Stadt 
die Veranlassung gegeben haben kann 51 . Vielmehr war es 


48. Die Bundesrectoren forderten zu Piacenza Zurückgehen auf 
den Zustand von 1153 (M. O. Constitut. 1 Nr. 288 § 28). Doch 
schon in der Conventio pacis praeviae (Nr. 289) wurden zwar Imola 
und S. Gassiano auf Seiten der Bundesstädte angeführt, aber die 
Forderung der Rectoren wurde übergangen (vgl. § 31). Die De- 
claratio internuntiorum (Nr. 290) dann betonte, daß Imola und 
Faenza den von den Bundesstädten dem Kaiser zu leistenden Eid 
mitschwören sollten, wenn es ihnen beliebe. So sehr Faenza dazu 
bereit war, so wenig hatte Imola Neigung dazu. Die Friedensakte 
von Konstanz (Nr. 293 § 36 f.) nannten Imola und S. Cassiano 
nicht mehr unter den Mitgliedern des Bundes. 

49. Daß die elsässische Burg unter dem Cunigisberc zu ver¬ 
stehen ist, hatte Herr Prof. Wiegand die Güte mir mitzuteilen. — 
Vgl. über den Legaten Ficker Forsch. 2, 143 f. 

50. Vgl. Tolosanus 665 ff. (der vielleicht eine gut unterrichtete 
Quelle> benutzte, aber in der vorliegenden Fassung wenig glaub¬ 
würdig erscheint), ferner Ann. Caes. in Mur. SIS. 14, 1091 und Mi- 
ltoli 450. 

51. Denn sie hatte den Frieden von Konstanz beschworen (M. 
G. Constitut. 1 Nr. 293 § 40) und (eben erst dem Kaiser Zuzug 
nach der Lombardei geleistet (Codagnelhis 12). 


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Berthofd, der sich in den Kampf einmischte, den Faenza 
zur Zeit mit den feudalen Elementen seines Gebietes aus¬ 
zufechten hatte 58 . Vermutlich wollte er einen Teil der von 
den Faentinern bedrohten Herren, als zu Imola gehörig, 
unter den Schutz des Reiches stellen 53 . Im Herbst muß 
vor dem Kaiser die Beilegung des Konfliktes erfolgt sein 54 , 
und es ist anzunehmen, daß die Stadt die Forderung des 
Legaten erfüllte 55 . 

Ein Jahr später erschien der junge König Heinrich VI. 
in der Romagna 56 , um die definitive Ordnung der Ver¬ 
hältnisse durchzuführen. Er veranlaßte 57 die Grafen von 
Bagnacavallo, Cunio und Donigaglia, die 1185 der Legat 
gegen Faenza geschützt hätte, ferner die Orafen von Arbore, 
die sich erst vor kurzem Bologna unterworfen hatten 58 , 
Imoreser Bürger zu werden und entzog sie wohl jeder 
anderen Oberherrschaft 59 . Auch ließ er durch den Erzbischof 


52. Vgl. Tolosanus 664 f. 

53. Vgl. unten Anm. 59. 

54. Tolosanus 670 nennt als Zeitpunkt des Friedensschlusses 
den September 1185, als Ort Lodi. So gut die zeitliche Angabe 
paßt (Berthold befand sich damals in der Umgebung des Kaisers; 
vgl. St. 4432 und 4433), so ^schlecht paßt die örtliche (der Kaiser 
weilte damals in Foligno und Coccorano; vgl. Giesebrecht 6, 112). 
— An der Vermählungsfeier Heinrichs VI. nahm eine Faentiner Ab¬ 
ordnung teil (Tolosanus 671). 

55. Vgl. unten Anm. 59. 

56. Vgl. St. 4591 ff. Im Sommer 1187 kam er nochmals in 
die Romagna; vgl. St. 4617, 4618, 4619 (Or. im St.-A. Bol. Dem. 
S. Salvatore Cass. 2/2449 Nr. 10), 4620 (mit dem Zeugen Burcardus, 
wahrscheinlich dem gewesenen .Podesta von Imola; vgl. S. 123 
Anm. 64). 

57. St. 4591. 

58. Vgl. oben S. 119 Anm. 42. 

59. Vgl. Ficker Forsch. 2, 219. Die Grafen von Bagnacavallo 
hatten früher in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Faenza gestanden 
(Tolosanus 665), die Herren von Cunio hatten Faenzas Oberhoheit 
anerkannt (vgl. oben S. 82 Anm. 150); ähnliches darf man von den 
Grafen von Donigaglia vermuten. 


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von Ravenna Ansprüche, die der Bischof von Imola auf 
die gleichnamige Grafschaft erhob, zugunsten des Reiches 
zurückweisen 60 . Dann vollendete er, was der Legat Berthold 
nicht gewagt 61 , aber Christian von Mainz schon versucht 
hatte. Der Imoleser Bischof mußte für immer seine Residenz 
von S. Cassiano nach Imola verlegen 62 . Völlig neu endlich' 
und, so darf man vermuten, den eigensten Ideen Heinrichs 
entsprechend, war eine weitere Maßnahme 63 . Berthold hatte 
nur in Imola einen Podesta 64 eingesetzt, der wohl mit den 
gleichen Befugnissen ausgestattet war, wie die einst nach' 
dem Roncalischen Reichstag den Städten Vorgesetzten Be¬ 
amten. Jetzt wurde das ganze Gebiet zwischen Podelta 
und Apennin zu einem Verwaltungskörper vereinigt 65 . Ob' 
Bologna dazu gehörte, läßt sich nicht sicher nachweisen 66 , 


60. Manzoni 116 Bischöf.-A. zu Imola Lib. B fo. 11. Da als 
Vertreter des Reichsregiments der Legat Berthold anwesend war, 
und sich dieser am 25. Oktober zu Cesena (St. 4594 f.) bei Hein¬ 
rich VI. befand, so kann das Tagesdatum kaum richtig sein. Hierher 
werden auch die Schiedssprüche zwischen dem Bischof und den 
Grafen von Bagnacavallo und Cunio usw. gehören, die im Privileg 
Ottos IV. B.-F. 370 bestätigt werden. 

61. Berthold bestätigte dem Bischof zu Imola am 13. Oktober 
1185 den Besitz von S. Cassiano (Manzoni 114 Verstümmeltes Or. 
im Stadt-A. Imola Mazzo 1 Nr. 33). 

62. So wurde in dem eben erwähnten Schiedsspruch des Ra- 
vennater Erzbischofs S. Cassiano unter den bischöflichen Besitzungen 
nicht mehr aufgeführt. Vgl. dann Manzoni 123 Kapit.-A. Imola 
Mazzo 4 Nr. 93, Sav. Nr. 289 Stadt-A. Imola Mazzo 1 Nr. 36. Im 
Februar 1188 urkundete der Bischof nochmals in Castro S. Cassiani 
(Kapit.-A. zu Imola Mazzo 4 Nr. 96), aber am 2. April desselben 
Jahres Imole in canonica S. Cassiani (ebenda Nr. 97). 

63. Ficker Forsch. 2, 259 f. 

64. Vgl. Ficker Forsch. 2, 219. In St. 4591 finden sich 
neben ihm Imoleser Konsuln. Ferner gab es in Imola einen nuntius 
imperatoris. 

65. Ficker Forsch. 2, 220 f. 

66. Vgl. Ficker Forsch. 3, 439 und dazu Statuto di Ravenna 
ed. Zoli e Bemicoli 54. 


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ist auch sachlich ohne Belang; denn nach dem Konstanzer 
Frieden nahm es, gleich wie Faenza, eine eximierte Stellung 
ein. Die übrigen Städte der Romagna aber genossen diese 
Vergünstigung nicht, sondern waren — nur das 1162 von 
Friedrich privilegierte Ravenna machte in verschiedener Hin¬ 
sicht eine Ausnahme — von dem Vertreter des Reichs¬ 
regiments abhängig 67 . An die Spitze der Romagna trat ein 
Beamter, der die Befugnisse eines Reichsboten für das ganze 
Gebiet mit den Obliegenheiten eines kaiserlichen Grafen 
von Imola vereinigte 68 . Nur muß schon damals das Comune 
Imola aus der direkten Abhängigkeit von diesem Beamten 
gelöst und mit einem kleinen Gebiet von der übrigen kaiser¬ 
lichen Grafschaft Imola getrennt worden sein 69 . Daß sich 
die zuletzt erwähnte Maßregel unserer näheren Kenntnis 
entzieht, ist um so bedauerlicher, als sie die Grundlage 
für die ganze folgende Entwicklung bildete. 

Seit dem Konstanzer Frieden hatte Bologna auf jeden 
'Widerstand gegen die Reichsgewalt verzichtet. Es legte den 
Neuordnungen Heinrichs VI. nicht das geringste Hindernis 
in den Weg, ja leistete 1185 dem Legaten Berthold gegen 
Faenza, seinen bisherigen Verbündeten, Kriegshilfe 70 . Man 
darf diese Nachgiebigkeit nicht als Schwäche auslegen. Die 
Stadt war in ihren Entschließungen von der Politik des 
Lombardenbundes abhängig 71 , und jene zielte damals auf 


67. Ficker Forsch. .2, 218. Bezüglich der Abtrennung des 
Herzogtums Ravenna als besonderen Verwaltungssprengel vgl. Ficker 
Forsch. 2, 221 und Davidsohn Gesch. 1, 592 (von Fantuzzi Mon. 
Rav. 2, 423 Nr. 12 befindet sich das Or. im Erzbisch.-A. zu Ravenna 
Caps. 1. Nr. 4162). 

68. Vgl. Sav. Nr. 285 Stadt-A. Imola Mazzo 1 Nr. 35. 

69. Vgl. unten S. 236 Anm. 26. 

70. Tolosanüs sagt 670 am Ende der Schilderung von .den 
Kämpfen zwischen Faenza und dem Legaten: Et in istis Omnibus 
praeliis Bononienses CC capti sunt, offenbar doch durch die Faentiner. 

71. 1185 auf dem Bundestag zu Piacenza (Sav. Nr. 279, Mur. 
Ant. 4, 319, St.-A. Eol. Reg. g.osso 1, fo. 54 mit die lune 11. kal. 


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engen Anschluß an Friedrich zum Vorteile Mailands und 
zum Schaden Cremonas 72 . So unterstützten die Bolognesen 
im Mai 1185 den Kaiser beim Wiederaufbau Cremas mit 
Truppen 73 , nahmen an den Festlichkeiten zur Vermählung 
Heinrichs VI. mit Konstanze teil 74 und sandten Friedrich 
auch einige Ritter, als er im Frühjahr 1186 gegen Cremona 
zog 75 . Noch ein weiterer Grund läßt sich für Bolognas 
Haltung angeben. Es muß bei den Verhandlungen von 1183 
von dem Kaiser, der die Rechte des Reiches in der Romagna 
so energisch verteidigte, den Verzicht auf alle Ansprüche 
an der Bolognesisch-Modeneser Grenze erlangt haben. Das 
führt uns zu den Ereignissen auf dem westlichen Kriegs¬ 
schauplatz, die hier kurz nachzuholen sind. 

Das Vorgehen Bolognas in den Modena benachbarten 
Gebieten während des ganzen Zeitabschnittes seit 1167 ist 
nur verständlich unter Berücksichtigung der gleichzeitigen 
Begebnisse im Osten. In den Jahren nach der Katastrophe 
Friedrichs I. vor Rom brauchten die Bolognesen ihre Streit¬ 
kräfte in der Romagna, darum blieben sie im Westen fast 
untätig und ließen den Modenesen innerhalb der 1156 fest¬ 
gelegten Grenzen völlig freie Hand, ja gaben sogar, wenn 
auch noch nicht durch Vertrag 76 , so doch tatsächlich ihr 


Januar.) beschwor Bologna den Frieden mit dem Kaiser. Es über¬ 
nahm auch (.Totosanus 664) einen Teil der Friedrich von den 
Lombarden zu zahlenden Geldsumme (M. G. Gonstitut. 1 Nr. 290 
§ 3 und 295). 

72. Vgl. Giesebrecht 6, 105 ff. 

73 Codagnelhis 12, N. A. 31, 211. 

74. Tolosanus 671. 

75. Codagnelhis 14. Im St.-A. Venedig Fondo S. Giorgio 
Maggiore Processo Nr. 511 findet sich eine Urkunde mit folgender 
Datierung: 1186 Juni 2, et hoc anno et eo mense erat Fredericud 
imperator cum suo exercitu cum Mediolanensibus et Lonbardis et 
Bononiensibus in territorio Cremone supra Cremone, et Herico (!) 
suo filio cum suo exercitu per Tuscia cum domina regina uxore sua. 

76. Vgl. unten S. 127 Anm. 86. 


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Protektorat über das jetzt wieder des kaiserlichen Schutzes 
entbehrende Nonantola auP 7 . Die Modeneser Bürgerschaft 
hingegen richtete, unterstützt von ihrem Bischof, ihr ganzes 
Trachten auf die Unterwerfung der Feudalherrn, die Fried¬ 
rich wieder selbständig gemacht hatte 78 , und auf Ausdehnung 
ihres Gebietes .auf Kosten Nonantolas 79 . Und es gelang ihr, 
im Süden vorzudringen, besonders 80 seit sie wie Reggio 
Mitglied des Lombardenbundes — das geschah vor dem 
20. Februar 1173 81 — geworden war. 

In der Zeit, da Christian von Mainz den Angriff auf 
Bologna durch die Romagna unternahm, regten sich auch 
an der Westgrenze die stadtfeindlichen Elemente. Vermut¬ 
lich waren es die Capitane in den Vorbergen des Apennins, 
die sich erhoben und die Mathildinische Feste Monteveglio, 
die schon einmal 1157 Bolognas Oberherrschaft hatte an¬ 
erkennen müssen, zum Mittelpunkt ihres Widerstandes 
machten 82 . Und die Bolognesen waren damals nicht in der 


77. Nur die im Bologneser Territorium wohnenden Hinter¬ 
sassen des Klosters suchten sie ihrer Herrschaft • unterzuordnen (vgl. 
den Brief Alexanders III. J.-L. 12646 St.-A. Bol. Diplomi e Atti 
sovrani Copie 1), ohne wohl aber sonderliche Erfolge zu erringen 
(so blieb Crevalcorc unabhängig; vgl. Tiraboschi Nonantola 2 Nr. 
352, auch 355). 

78. Vgl. Overmann S. 67; Tiraboschi Modena 3 Nr. 433 und 
439 Nr. 442 (Eingreifen eines Cremonescr Konsuls im Aufträge 
von neunzehn Städten des Lombardenbundes); dann Overmann S. 68, 
Tacoli Memoire di Reggio 1, 301, auch Milioli 449, Sav. Nr. 201 
Stadt-A. Modena Reg. Priv. fo. 26; Tiraboschi Nr. 455—457, Nr. 454 
Reg. Priv. fo. 27. 

79. Vgl. J.-L. 11412, Tiraboschi Nonantola 2 Nr. 324, J.-L. 
11942, 11777, 12128, 12542 und 12758. 

80. Vgl. Tiraboschi Modena 3 Nr. 470, Mur. Ant. 2, 99, Sav. 
Nr. 213 Reg. Priv. im Stadt-A. Modena fo. 37. 

81. Vignati Lega 237 f.; vgl. auch oben S. 113. 

82. In Sav. Nr. 229 (vgl. oben S. 117 Anm. 33) werden Ver¬ 
pfändungen erwähnt, die Bologna pro hominibus de Montebellio 
vorgenommen hatte. Ich vermute, daß damit Schenkungen zugunsten 


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Lage, eine größere militärische Aktion gegen sie zu be¬ 
ginnen 83 ; so rechnete Monteveglio beim Waffenstillstand von 
1177 zur kaiserlichen Partei 84 . Erst seit dem Podestariat 
des Pinamonte, als sich die Lage im Osten günstiger ge¬ 
staltete, trat Bologna im Westen aus seiner passiven Haltung 
heraus. Wie in der Romagna zeigte es sich auch hier nicht 
geneigt, die zu Venedig eingegangenen Verpflichtungen zu 
erfüllen 85 . 1179 versprach ihm Modena Beistand bei der 
Wiederherstellung von S. Cassiano und besonders bei dem 
Angriff, den es jetzt endlich gegen Monteveglio unternahm. 
Dafür verpflichtete sich Bologna, seine Verbündeten bei 
deren Vorgehen gegen die Abtei Nonantola nicht zu stören 88 . 


von Rittern Monteveglios, die zu den Bolognesen übergegangen 
waren, gemeint sind (vgl. Sav. Nr. 234 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, 
fo. 38). 

83. Im Januar 1175 siedelten sie in dem Montev. benachbarten 
Oliveto neue zuverlässige Leute an (Sigonius 153 St.-A. Bol. Reg. 
nuovo fo. 175 v, Sav. Nr. 218 Reg. grosso 1, fo. 30); dann kon¬ 
fiszierten sie einigen Heircn, die wohl meist dem Frignano ent¬ 
stammten, als Feinde der Stadt, ihren Besitz innerhalb des Bolo¬ 
gneser Gebietes (Sav. Nr. 222 Reg. grosso 1, fo. 30 v. Von den 
in dem Akt genannten lassen sich die Aigoni, Rivellus, Barufaldus, 
Parisius und Bartholomeus als zum Frignano gehörig nachweisen; 
vgl. Mur. Aot. ,4, 637, Sav. Nr. 291, Tiraboschi Modena 3 Nr. 572 
und 4 Nr. 670. Vermutlich lag ein Teil der Güter im Gebiet von 
Crespellano, so finden sich Alidoxius, Ottolinus und Salomon 1188 
als Bewohner dieses Ortes; vgl. Sav. Nr. 291). Im selben Jahre 
eroberten die Bolognesen nahe dem Renotal Montesevero und 
Vizzano (südwestlich und nordöstlich von Sasso); vgl. Villola und 
Pietro Rav. zu 1175, Chron. Loli. 121 irrtümlich zu 1177. 

84. M. G. Constit. 1 Nr. 259. 

85. So erneuerte es auch das Sonderbündnis von 1174 mit Mo¬ 
dena, Reggio und Parma, nur Mantua fehlte diesmal (Vignati Lega 
321 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 38 v, dazu Güterbock Montebello 
66 f.). Es kann wohl nicht von langer Dauer gewesen sein, da 
seiner bei dem gleich zu erwähnenden Vertrag zwischen Bologna 
und Modena nicht gedacht wird. 

86. Sav. Nr. 258 Reg. grosso 1, fo. 45 v ohne Datum. Der 


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Am 15. Juni 1179 konnten die Bolognesen Monteveglio ein¬ 
nehmen und zerstören 87 . Ein Protest Alexanders III. 88 , der 
zu Venedig die Verletzer des Waffenstillstandes mit kirch¬ 
lichen Strafen bedroht hatte 89 , verhallte wirkungslos. Bologna 
griff noch weiter in den Berglanden um sich 90 . Auch die 
Modenesen hatten Erfolge zu verzeichnen 91 . Ueberhaupt war 
für sie die Situation seit 1167 recht günstig gewesen. 
Bologna trat ihren Expansionsbestrebungen nicht in den 
Weg und sorgte dafür, daß sie von den Angriffen der 
Reichsgewalt verschont blieben. Die Stadt erlebte auch einen 
wirtschaftlichen Aufschwung. Ihre consules mercatorum 
finden wir an einem Vertrage mit Lucca teilnehmen 92 . 
Frignanesische Capitane mußten sich eidlich für die Sicher- 


Eid der Modenesen wird aber von den Valvassoren von Ciano (süd¬ 
westlich von Mbnteveglio) am 12. Juni tl79 beschworen (Sav. 
Nr. 259 Reg. grosso 1, fo. 44). 

87. Villola zu 1179, Chron. Loli. 121. 

88. J.-L. 13678; vgl. Giesebrecht 6, 557. 

89. M. G. Gonstitut. 1 Nr. 269. 

90. Es unterwarf die Herren von Vigo (nahe der Limentra) 
(Sav. Nr. 261 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 44), die zur Va¬ 
sallenschaft des Grafen von Prato gehörten (vgl. Overmann S. 70). 
Etwas früher scheinen die mehr nördlich im Renotal ansässigen 
Grafen von Panico (über Lage ihrer Bjuig vgl. Guaiandi in 
AMR. 3, 26, 285, dessen genealogische Annahmen ich aber nicht 
teilen kann. Im Jahre 1068 machte, Sav, Nr. 67 St.-A. Bol. Dem. 
S. Stefano Cass. 32/968 Nr. 50 mit Indiction 9, Graf Albert njit 
seinem Sohn Milo eine Schenkung. Vermutlich darf der 1116, 
Sav. Nr. 100, genannte Comes Smilo mit Alberts Sohne identifiziert 
werden. Weitere Mitglieder des Grafengeschlechts werden erwähnt 
in St. 3151, Sav. Nr. 131, Rubeus Ravenna 322, Petracchi Deila 
abbaziale basilica di S. Stefano 99.) Bolognas Oberhoheit anerkannt 
zu haben (so ist in Sav. Nr. 252 von 1178 Graf Rainer unter 
den aufgeführten Bolognesen genannt). 

91. Vgl. Tiraboschi Modena 3 Nr. 488, Mur. Ant. 4, 657 
und 43; 2, 497. 

92. Mur. Ant. 2, 887. 


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heit der Straße nach Pistoja verbürgen 93 . Und mit Ferrara 
wurde ein vorteilhaftes Handelsabkommen geschlossen 94 . 

Wenn nun in der Konstanzer Friedensurkunde Monte- 
veglio mit keinem Worte erwähnt wird 95 , so kann das als 
sicherer Beweis dafür gelten, daß die Reichsgewalt darauf 
verzichtete, Bologna zur Verantwortung zu ziehen. Auch 
weiterhin ließ sie, obwohl, sie sonst die Wiedererlangung 
verlorener Teile des Mathildinischen Gutes nachdrücklich 
betrieb 96 , hier den Bolognesen und Modenesen freie 
Hand. So konnten die beiden verbündeten 97 Städte die 
schon vor dem Frieden eingeschlagenen Bahnen weiter ver¬ 
folgen. Modena benutzte Streitigkeiten unter den Capitanen 
des Frignano, um seine Herrschaft in den Berglanden zu 
befestigen 98 , und Bologna besetzte 1188 zwei nordöstlich 
von Monteveglio gelegene Ortschaften 99 . Aber mit diesen 


93. Vgl. den Schwur zu Serrazzone (im südlichen Frignano) 
vom November 1178 (?), Tiraboschi Nr. 492. 

94. Mur. Ant. 2, 33; vgl. Schaube 727. 

95. Die allgemeinen Ansprüche Friedrichs auf das Mathildinische 
Out wurden nur indirekt berührt; vgl. Overmann S. 71. 

96. Overmann S. .72 f. und 87 f.; M. O. Constitut. 1, Nr. 302 
und 303; vgl. Friedrichs I. Reise 1185 über die Ganossanischen 
Orte Carpineti und Gastellarano nach Mpdena und Bologna (St 
4411 ff., Cödagnelhis 12, N. A. 31, 211), den Aufenthalt Hein¬ 
richs VI. zu Medicina am 8. Oktober 1186 (St. 4590 Or. im St.-A. 
Bol. Istrumenti privati mit actum in loco Medisine)';'*‘auch Overmann 
S. 81 und 76. 

97. Vgl. den Passus über Bologna in Modenas Verträgen mit 
Reggio und Parma vom Sommer 1188 (Mur. Ant. 4, 347 ff. und 
353 ff., Tiraboschi Modena 3 Nr. 567). 

98. Vgl. Mur. Ant. 4, 637, Tiraboschi M)odena 3 Nr. 572 
und 573, Muri Ant 4, 637, Tiraboschi Nonantola 2 Nr. 371. 

99. Pragatto und Crespellano, letzteres traten die consules Fri- 
gnanensium ab; vgl. Sav. Nr. 290 und .291 Reg. grosso im St.-A. 
Bol. 1, fo. 54 v und 55. — Im selben Jahre (Sav. Nr. 292 Reg. 
grosso 1, fo. 56 v) überließen die Herren von S. Marco (nördlich' 
von Bazzano ansässig) ihre Burg den Bolognesen. 


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Erfolgen hatten die Bolognesen die Grenze des Möglichen 
so ziemlich erreicht. Wollten sie hier weitere Fortschritte 
machen, dann war ein Konflikt mit Modena unvermeidlich. 
Ein solches Wagnis konnte sie, da die Reichsgewalt wohl 
nicht neutral geblieben wäre, um alle bisherigen Errungen¬ 
schaften bringen. Noch aussichtsloser war zur Zeit ein 
Angriff auf die kaiserliche Position in der Romagna. So 
stellte der Friedensschluß von Konstanz und seine Aus¬ 
führung zwischen dem Kaiser und dem Bologneser Comune 
eine Art Gleichgewicht der Kräfte her, wie er auch den 
Ausgleich zwischen Reichsregiment und Stadtfreiheit ge¬ 
bracht hatte. Eine neue Spannung sollte erst entstehen, als 
Friedrichs Nachfolger, Heinrich VI., es unternahm, die kaiser¬ 
liche Macht noch weiter auszudehnen. 

Seit dem Frieden von 1183 hatte ein bemerkbarer 
äußerer Einfluß auf die inneren Bologneser Verhältnisse 
gefehlt. Allem Anschein nach war es hier nur zwischen den 
Geschlechtern zu geringfügigen Reibungen gekommen, die 
in der wechselnden Form der Verfassung, bald Podesta —, 
bald Konsulnregierung, ihren Ausdruck fanden 100 . Das 
änderte sich mit dem Jahre 1191. Damals im Februar nahm 
Heinrich VI., der nach Rom zur Kaiserkrönung zog, in 


100. Von inneren Unruhen berichtet Villoia nur zu 1186. — 1183 
war Podesta Antoninus de Andito aus Piacenza (M. O. Constit 1 
Nr. 291 und 293), 1184 Ottolinus de Mandeik) aus Mailand (Villoia 
zu diesem Jahr, Griffoni 6, Oron. di Bol. 245), 1188 Guilüelmus 
dell’ Osa (Sav. Nr. 293 und 294) aus Mailand (vgl. Qiulini Milano 
9, 449), endlich 1191 Angelus von Mantua (Chnon. Loli. 12?; in 
St. 4674 heißt er Agnellus, ebenso als Konsul von Mantua in Theiner 
1 Nr. 29). In den Jahren 1187, ,1189 und 1190 regierten Konsuln 
die Stadt 1185 und 1186 finden sich einheimische Podestas: Zu¬ 
erst Prendiparte (Sav. Nr. 279, N. A. 3l£ .211), der schon vorher 
mehrfach das Konsulnamt bekleidet hatte, dann Hildebrandus (Sav. 
Nr. 284 Reg. grosso im St.-A. Bol. 1, fo. 54), Sohn des Rechts- 
gelehrten Walfredus (vgl. oben S. 91 Anm. 15, Frati im Arch. stör. 
Ital. 5, 37, 136 f.). 


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Bologna einige Zeit Quartier 101 und gab der Stadtgemeinde 
ein Münzprivileg 102 . Er muß die Tage seines Aufenthaltes 
nicht unbenutzt gelassen, besonders den Bologneser Bischof 
Gerhard in seine Umgebung gezogen haben 103 . Dieser ent¬ 
stammte dem Bologneser Geschlecht der Gisla, war gegen 
zwanzig Jahre Mitglied des Domkapitels und bekleidete den 
bischöflichen Stuhl seit 1187 104 . Sein hohes kirchliches Amt, 
seine Familienbeziehungen und dazu die Gunst Heinrichs 
verschafften ihm eine auch politisch einflußreiche Stellung. 
Für das Jahr 1192 wurde er zum Bologneser Podesta ge¬ 
wählt und für das folgende Jahr bestätigt 105 . 

Bei dem Fehlen zusammenhängender Nachrichten über 
diese inneren Vorgänge muß man versuchen, aus der in 
den Jahren 1191 bis 93 verfolgten äußeren Politik den 
Charakter von Gerhards Regiment abzuleiten. — Bisher hatte 
Bologna der lombardischen Städtegruppe nahe gestanden. 


101. St. 4673—4681. Villola zu 1191 berichtet irrtümlich, Hein¬ 
rich sei auf dem Rückmarsch aus dem Süden nach Bologna gekommen. 
Die Notiz des Tolosanus 676, daß damals des Königs Heer fünf 
Wochen in der Grafschaft Imoia lagerte, läßt sich mit dem urkund¬ 
lichen Itinerar nicht recht in Einklang bringen. In jenen Tagen wird 
es auch gewesen sein, daß Heinrich mit den Rechtsgelehrten Azo 
und Lothar (vgl. Savigny 4, 180 ff.) verkehrte. Doch spielten diese 
beiden nicht wie die vier Glossatoren eine politische Rolle. 

1012. St. 4674, Malaguzzi in Rivista Ital. di Numismatica 11, 
381 Reg. nuovo im St.-A. BoL fo. 14 v mit 2. Idus Februarii. 

103. Gerhard ist Zeuge in den Diplomen St. 4673—4676. 

104. Zuerst ist er 1170 als Domherr nachweisbar (St.-A. 
Bol. Dem. S. Pietro Cass. 20/207 Nr. 16); als Bische# erscheint er 
zuerst in der Urkunde Urbans III. vom 2. Juli 1187 (J.-L. 15994 
Abschr. in dem S, 33 Anm. 154 angeführten Kodex fo. 13), wird aber 
schon mit dem ohne Namen angeführten Bischof gemeint sein, 
an den die päpstliche Bulle vom 25. Mai (J.-L, 15980. Abschr. 
ebenda fo. 12) adressiert ist, denn sein Vorgänger Johann starb am 
13. Januar, des Jahres (Necrologium S. Victoris in Sarti 2, 288 und 
Villola zu 1187). 

105. Vgl. den Exkurs. 


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die sich um Mailand scharte und in Cremona und dessen 
Verbündeten ihre Gegner sah. Noch im Spätsommer 1188 
hatte es mit Modena und Reggio an dem Bundestage zu 
Piacenza teilgenommen 106 . Dann aber trennten sich die drei 
genannten Comunen von der Mailänder Partei. Bei den 
Kämpfen des Jahres 1191 zwischen Brescia, das Mailand 
unterstützte, und Bergamo, dem Cremona Beistand leistete 107 , 
finden wir sie auf seiten der letzteren 108 . Und erschien 
Bologna auch später nicht mehr als Bundesgenosse 
Cremonas, so bewahrte es doch gegenüber Mailand zurück¬ 
haltende Neutralität 109 . Ob die Bolognesen bei diesem 
Parteiwechsel vorwiegend eigene Ziele — Befreiung von 
den lästig gewordenen Pflichten des Lombardenbundes — 
verfolgten oder mehr unter dem Einfluß ihrer westlichen 
Nachbarn handelten, läßt sich nicht erkennen. Auch besteht 
die Möglichkeit, daß Heinrich VI. seine Hand im Spiele 
hatte. Denn [war es auch sein Grundsatz, sich über die 
in der Lombardei streitenden Parteien zu stellen 110 , so suchte 
er doch mit verschlagener Politik die Gegensätze zu mehren 
und so die Macht der Städte zu schwächen. 

Im Jahre 1192, da Bischof Gerhard das Podestaamt 
bekleidete, wandte Bologna mehr als je zuvor den süd¬ 
lichen Teilen des Bologneser Apennins seine Aufmerksam¬ 
keit zu. Vielleicht verfolgte der Bischof die Interessen seiner 


106. Sav. Nr. 293 und 294 =Cipolla im Nuovo Arch. Veneto 
N. S. 11, 1, 161 ff. 

107. Töche Heinrich VI. 203 ff. 

108. Ann. Brixien. in M. G. SS. 18, 815. Bolognas Podesta 
in diesem Jahre war Angelus von Mantua (vgl. oben S. 136 Anm. 100), 
auch Cremona hatte einen Mantuaner zum Podesta; vgl. Töche 204, 

109. Schon im Winter 1191 und auch im folgenden Jahre 
fehlen Bologna usw. bei den Verträgen Cremonas und seiner Ver¬ 
bündeten (vgl. Töche 614 Nr. 17, M. G. Constitut. 1 Nr. 345—J47). 
Bei den Kämpfen in der Lombardei von 1193 (Töche 328) wird 
Bologna nichjt erwähnt. 

110. Bloch Forsch, zur Politik Kaiser Heinrichs VI. 11 ff. 


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Kirche, wenn er auf Ausdehnung der städtischen Herrschaft 
über diese Teile seiner Diözese hinwirkte. Gelegenheit zum 
Eingreifen gab der Graf von Prato, der sich durch die 
Städte Florenz und Pistoja bedroht sah 111 und daher mit 
Bologna, das ihm 1179 noch Vigo entrissen hatte 112 , am 
7. Februar ein Schutzbündnis schloß 113 . Der Graf gestattete 
den Bolognesen von seinen Besitzungen innerhalb der 
Bologneser Kirchenprovinz — sie lagen längs der Pistojeser 
Grenze und waren ihm großenteils aus der Mathildinischen 
Erbschaft zugefallen 114 — die boateria zu erheben, ver¬ 
sprach ihnen ferner Sicherheit und Befreiung vom Passier¬ 
zoll in seinen Gebieten 115 . Diese letzte Bestimmung des 
Vertrages öffnete dem Bologneser Kaufmann die Pässe nach 
Toscana, entsprach also den handelspolitischen Wünschen 
der Bürgerschaft, die im vergangenen Jahre Heinrich VI. 
mit seinem Münzprivileg, wenn auch nicht angeregt, so doch 
gefördert hatte. Noch deutlicher zeigte die Steigerung der 
imerkantilen Interessen die Auseinandersetzung mit Ferrara, 
die die Bologneser Regierung im zweiten Podestajahr 
Gerhards versuchte. 

Jahrzehnte lang war Bologna jedem Streit mit Ferrara 
aus dem Wege gegangen und hatte an keiner Fehde der 
Nachbarn gegen die Stadt teilgenommen 116 . Als es sich 


111. Davidsohn Gesch. 1, 593. 

112. Vgl. oben S. 128 Anm. 90. 

113. Sav. Nr. 299 Reg. grosso im St.-A. Bol. 1, fo. 114 irrtüm¬ 
lich mit Inkarnationsjahr 1191. 

114. Overmann S. 62; vgl. das Privileg Friedrichs I. von 1164 
(St. 4025, Simonsfeld 1906, 396). 

115. Am 1. Juli 1192 kaufte der Graf von Guido di Baziheri 
ein Haus mit Grundstück in Bologna in Guayta Marchexana (die 
spätere Via Foscherari) für 300 Pisaner Pfund (Urk. im St.-A. zu 
Siena Arch. generale. Herr Direktor Lisini hatte die Güte, mir 
einen Auszug zu senden) — vermutlich nicht freiwillig, sondern auf 
Verlangen Bolognas, das so ein Pfandobjekt in die Hand bekam. 

116. Sic erfolgten vielfach in der Absicht, die Herrschaft Fer- 


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etwa 1170 mit den Ravennaten verbündete 117 , versprach es 
ihnen keine militärische Hilfe gegen ihren Gegner Ferrara 118 , 
sondern nur wohlwollende Neutralität 119 . Auch in den 
inneren Parteihader des nördlichen Nachbarcomune hatten 
sich die Bolognesen nicht eingemischt, obwohl die dort 
führenden Familien, die Torelli und Marcheselli 130 , in Stadt 
und Grafschaft Bologna über Grundbesitz verfügten 131 . 


raras über das Podelta zu beseitigen. 1177 erreichten die Rectoren 
des Lombardenbundes von Ferrara Gewährung der freien Poschiff- 
fahrt (Theiner 1, Nr. 29. Die Deputazfone di Stioria Patria zu 
Bologna besitzt eine Abschrift Gozzadinis aus dem St.-A. zu Ve¬ 
nedig Ducali cd atti dipl. 6 A 3, des Inhalts: Ferrara den 8. Juni 
1177. Die Konsuln von Ferrara schwören aperirc aquam Padi libero 
omnibus hominibus nec ullo tempore eam claudere; am folgenden 
Tage ministralis Ferrarie in comuni contione, populo parabolam dante, 
cundem fecit iuramentum). 

117. Vgl. oben S. 111 Anm. 9. 

118. Vgl. Schaube 726 f.; Ricobaldus in Mur. SS. 9, 124 zu 
1170; Tolosanus 640 hingegen schon zum Oktober 1168. 

119. Beide Kontrahenten verpflichten sich: De facto Ferarie 
it adicimus, quod si volueritis nos adiuvare, nobis placet, si autem 
vohimus, ut sitis districti per suprascriptum sacramentum non nocere 
nobis (dahinter folgen Punkte). — Dem entsprach etwa auch die 
Haltung Ferraras gegenüber Faenza; vgl. Tolosanus 640 und 652. 

120. Vgl. Chnon. parva Ferrar. in Mur. SS. 8, 481; über 
die Torelli vgl. Ughelli 5, 793; Frizzi Ferrara 2, 220 und 240, Chron. 
Estens. in Mur. SS. 15, 2. Aufl. 5; St. 4222, M. G. Constitut 1 
Nr. 274 und St. 4677; über Guilelmus de Marcheselia vgl. Tolosanus 
652, Buoncompagnis Belagerung von Ancona im Bullettino 15, 176 ff., 
Mur. Ant. 2, 33 und Frizzi 2, 279. 

121. Vgl. das Inventar der Güter des Marchesella bei Frizzi 
2, 214. Ob wir in Azzolinus und Albrigittus, Söhne des verstorbenen 
Marchiscllus und EnkeV dep AzZ» de Mprchisellis, die 1176 zu 
Bologna Besitzungen an Nonantola verkauften (Tiraboschi Nonantola 
2 Nr. 343 Or. im Kloster-A.), Verwandte des Ferraresischen Ge¬ 
schlechts sehen dürfen, ist mir zweifelhaft. — Das Haus, das To- 
rellus in Bologna besaß (an der Stelle des späteren Stadtpalastes, 
erwähnt 1195 in Sav. Nr. 308 St.-A. Bbl. Dem. S. Stefano Cass. 
16/952 ohne Nummer), verkauften 1200 seine Söhne Petrus und 


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erstere sogar mit dem gleichnamigen Bologneser Geschlecht 
verwandt gewesen sein müssen 12 *. Zu dieser Zurückhaltung 
zwangen die Bolognesen einmal ihre Unternehmungen in 
der Romagna und dem Westen, dann ihre wirtschaftliche 
Abhängigkeit von Ferrara 123 . Auch bei dem jetzt aus¬ 
brechenden Konflikt zeigten sie sich als der schwächere 
Gegner. 

Seine Ursache ist in Zollstreitigkeiten zu suchen; wahr¬ 
scheinlich erhob Bologna auch wieder seine alte Forderung 
des freien Durchgangsverkehrs durch Ferraresisches Gebiet. 
Zu kriegerischen Zusammenstößen kam es nicht, sondern 
nur zu unbedeutenden Feindseligkeiten 124 , denen der Ver¬ 
trag vom 10. März 1193 ein Ende bereitete 125 . Bologna 
mußte den Versuch, von den Ferraresen höheren Zoll als 
bisher zu erheben, wozu es entweder vor oder während des 
Streites geschritten war, aufgeben, konnte auch nicht ent¬ 
fernt die Vorrechte durchsetzen, die ihm schon Heinrich V. 
verliehen hatte. Für seine Waren, die auf dem Wege nach 


Salinguerra und sein Enkel Albertinus an das Bologneser Comune 
(Sav. Nr. 334—336 Reg. nuovo im St.-A. Bol. fo. 90 v ff.). 

122. Dem Bologneser Geschlecht gehörten an: Petrus Tau- 
relhis, der sich um die Wende des 12. zum 13. Jahrhundert, und 
sein Sohn Salinguerra, der sich in den ersten Jahrzehnten des 
13. Jahrhunderts urkundlich nachweisen läßt. Der Nachprüfung be¬ 
darf noch, ob diese mit den Mitgliedern der Familie Macagnani, 
Petras Taurellus und Salinguerra Petri Taurelli, identisch sind. Jeden¬ 
falls macht die Uebereinstimmung der Namen verwandtschaftliche 
Beziehungen zu den Ferraresischen Torelli sehr wahrscheinlich. 

123. Das zeigt nichts deutlicher als die Tatsache, daß die 
Bolognesen ihre Münze der Ferraresischen gleichwertig prägten; 
vgL darüber später. 

124. Vgl. den gleich zu erwähnenden Vertrag. 

125. Mur. Ant 2, 891 und 4, 447 Reg. grosso im St.-A. Bol. I, 
fo. 59; Goncordie inter Venetos et Ferrarienses im Vaticanischen A. 
Arm. 46 to. 62, fo. 18 v. Die Abschriften aus diesem Kodex ver¬ 
danke ich der gütigen Vermittlung des Preußischen Historischen 
Instituts zu Rom; vgl aber Lenel in Histor. Zeitschr. 103, 635. 


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Venedig, der Lombardei und den Ländern nördlich der Alpen 
oder bei der Rückkehr Ferrara passierten, wurden Abgaben- 
sätze aufgestelit, die am folgenden 11. Februar noch ge¬ 
nauere Spezifizierung erfuhren 126 . Ferner garantierten sich 
Bologna und Ferrara gegenseitig, einander nicht an dem 
Besuch fremder Märkte zu hindern. Ob diese Abmachung 
nur den bisherigen Zustand bestätigte, oder ob sie den 
ßolognesen einen Vorteil brachte, wissen wir nicht. Jeden¬ 
falls mußten sie in eine empfindliche Einschränkung willigen. 
Ferrara untersagte ihnen den Salzhandel durch die Ferra- 
resischen Gewässer, gestattete den Fischhandel nur nach 
der Lombardei. 

Aus den geschilderten Vorgängen in der Lombardei, 
den Verträgen mit dem Grafen von Prato und Ferrara er¬ 
gibt sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit folgendes: Um 
Bischof Gerhard scharte sich eine Partei, in. der die am 
Handel interessierten Schichten der Bevölkerung stärker als 
unter den früher regierenden Geschlechtern vertreten waren. 
Sie erfreute sich der Gunst Heinrichs VI. und dank der 
kaiserlichen Machtstellung muß es ihr gelungen sein, das 
städtische Regiment an sich zu reißen. Wäre ihr eine längere 
Herrschaft beschießen gewesen, so würde sie vermutlich 
eine politische Schwenkung — Aufgeben der Aggressive 
im Osten und Westen und Vordringen im Süden und Norden 
— veranlaßt haben. Da ihr aber nach kaum dreijähriger 
Regierung das Heft aus den Händen gewunden wurde, blieb 
die Ausführung ihres Programms der Zukunft überlassen. 

Schon 1193 regte sich der Widerstand der aus dem 
Regiment verdrängten Familien 127 . Sie erhoben gegen Ger¬ 
hard und Giacomo d’Alberto d’Orso, der eine Vertrauens- 

126. Mur. Ant. 2, 894 Reg. grosso 1, fo. 69 v; Concordic 
fo. 24. — Es sei darauf hingewiesen, daß Modena mit Ferrara 
wenig später einen weit vorteilhafteren Vertrag schloß; vgl. 
Schaube 728. 

127. Für das Folgende vgl. den Exkurs. 


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Stellung bei ihm eingenommen haben muß, den wirkungs¬ 
vollen Vorwurf, sie brächten der Stadtfreiheit Gefahr; auch 
werden sie nicht verfehlt haben, auf die Abhängigkeit des 
Bischofs und seiner Anhänger vom Kaiser hinzuweisen. So 
glückte es ihnen, nach dem Abschluß des Vertrages mit 
Ferrara, der wahrscheinlich die Erwartungen der Bürger¬ 
schaft nicht befriedigte, eine Erhebung zu veranlassen, die 
zu Konsulmwahlen am 13. April und zur Vertreibung des 
Giacomo führte. Aber noch einmal gelangte Gerhard in 
den Besitz der Gewalt und behielt sein Amt bis zum Jahres¬ 
schluß. Auch in dem Konsulnkollegium von 1194 hatten 
augenscheinlich seine Parteigänger noch die Oberhand. 
Diese zogen, um ihre Position zu verstärken, Organisationen 
des Volkes, die bisher noch keine politische Rolle gespielt 
hatten, hinzu, erlagen aber trotzdem den blutigen Tumulten, 
die am 1. Juli begannen. Ihre Gegner erreichten noch vor 
Mitte November die Berufung eines Podesta aus Pistoja 128 . 
Noch einmal kam es zu Unruhen, bei denen der Pistojese 
aus dem Amte gejagt wurde und schwere Mißhandlungen 
erlitt 129 , dann müssen sich die Verhältnisse beruhigt haben, 

128. Namens Guitoncinus (Chron. Loli. 122, Villola zu 1195; 
vielleicht ist er identisch mit dem gleichnamigen Pistojeser Podesta 
von 1188; vgl. Storie Pistorcsi in Mur. SS. 11, 2. Auflage, Prefa- 
zione XV Anm. 5). Eine Urkunde vom 13. November 1194 (St.-A. 
Bol. Atti di monasteri etc. Abt. S. Cecilia della Croara) erwähnt 
ihn schon im Regiment. Er wohnte (vgl. Sav. Nr. 305) im Hause 
des Albertus de Rusticanis, eines der Konsuln von UQß. In dem 
Revisionsbericht über den Massar des Guitoncinus (vgl. unten S. 146 
Anm. 22) wird hervorgehoben, daß Albert einige dem Comune ge¬ 
bührende Naturallieferungen erhalten habe. 

129. Villola zu 1195, Chron. Loli. 122. Die Söhne des Gui¬ 
toncinus beanspruchten Entschädigung; vgl. Liber censuum Nr. 44. 
Sein Nachfolger Guido de Vimercato (Chron. Loli. 122, Villola zu 
1195) aus Mailand (Giuilini Mjlano 7, 8 und 84) ist zuerst am 
17. November 1195 nachweisbar (Sav. Nr. 508 St.-A. Bol. Dem. 
S. Stefano Cass. 16/952 ohne Nummer). Auch Guidos Nachfolger, 
der Parmesf (vgl. Ann. Parmcns. in M. G. SS. 18, 665 zu 1203) 


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auch zwischen Comune und Bischof ein Friede geschlossen 
worden sein 130 . 

Die wieder zur Herrschaft gelangten Oeschlechter 
lenkten die äußere Politik zu den von ihnen früher ver¬ 
folgten Bahnen zurück. Sie gaben die neutrale Haltung 
in der Lombardei auf und schlossen sich abermals Mailand 
an 131 . Der von ihnen aus Pistoja berufene Podesta wird 
•wenig Neigung gezeigt haben, dem Grafen von Prato gegen 
seine Vaterstadt beizustehen. Auch verzichtete die Bolo¬ 
gneser Regierung auf eine Fortsetzung des Streites mit 
Ferrara 132 , dafür richtete sie ihre Blicke wieder auf die 
Romagna. Dort hatten die Faentiner erfolgreich mit Guido 
Guerra, den Heinrich VI. unterstützte, gestritten 133 . Diesen 
Kämpfen waren die Bolognesen gänzlich fern geblieben, 
jetzt aber erneuerten sie im Dezember 1194 ihr Bündnis 
mit Faenza 134 , das sich auch diesmal, wenngleich in ganz 
abgeschwächter und versteckter Form, gegen Imola, also 
gegen die Reichsgewalt richtete. 

Heinrich war nicht in der Lage, sich in die inneren 
Wirren der Bolognesen offen einzumischen, wohl aber konnte 


Matheus de Oorigio (Cfiron. JLoll. 123 und Villola zu 1197) er¬ 
scheint schon am 19. November 1196 im Amte (Sav. Nr. 313 Reg. 
grosso im St.-A. Bol. 1, fo. 65). Er regierte noch am 21. Juni 1197, 
am 14. August aber nahm Ubertus Vicecomes seinen Platz ein 
(vgl. Sav. Nr. 314 St.-A. Bol. Dem. S. Pietro Cass. 21/208 Nr. 3; 
vgl. auch Chron. Loli. 123, Villola zu 1199), der aus Piacenza 
stammte; vgl. Codagnellus 23. 

130. Am 18. September 1197 war er bei einem städtischen Akt 
anwesend (Sav. Nr. 317 Reg. nuovo im St.-A. Bol. f. 180). 

131. Am 31. Juli 1195 und am 4. November 1196 wohnte 
Bologna den Tagungen des Lombardenbundes bei (Mur. Ant. 4, 
486 und Verci Storia degli Ecelini 3 Nr. 62). Der Bologneser 
Pkodesta von 1196 war ein Mailänder. 

132. Vgl. auch Sav. Nr. 313 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 65, 

133. Vgl. Tolosanus pT5 ff., dazu St. 4700, Theiner 1, Nr. 34 
und Azzurrini Chronica Introduzionc LX. 

13|4. Sav. Nr. 305 Reg. grosso im St.-A. Bol. 1, fo. 60 v. 


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er ihren Absichten auf Imola mit wirksamen Maßregeln 
begegnen. Die Antwort auf den Vertrag vom Dezember 
1194 war die Ernennung keines geringeren als Markwalds 
von Auweiler zum dux Ravennae et Romaniolae, die vor 
dem 20. Mai 1195 erfolgte 195 . Aeußerlich blieben die 
korrekten Beziehungen in diesem Jahre noch bestehen. Auf 
seinem Marsche von Süditalien nach dem Norden passierte 
der Kaiser im Mai die Romagna, wurde von Faenza fest¬ 
lich empfangen und nicht anders vermutlich von Bologna 136 . 
Aber am 9. September 1196 gestattete Heinrich den 
Capitanen von Monteveglio, ihre von den Bolognesen zer¬ 
störte Feste wieder aufzubauen und gab ihnen alle Rechte 
und Besitzungen zurück, die sie einst, für Friedrich kämpfend, 
verloren hatten 137 . Damit wandte sich der Kaiser von der 
seit dem Konstanzer Frieden vertretenen Politik, die eine 
der wichtigsten Voraussetzungen für Bolognas reichsfreund¬ 
liche Haltung gebildet hatte, ab. Schwerlich hing das Vor¬ 
gehen des Herrschers mit dem ihn damals beschäftigenden 
Plan, das Mathildinische Gut dem Papst zurückzugeben 138 , 
zusammen. Auch wird ihn die Rückkehr der Bolognesen 
zur Mailänder Partei nicht dazu veranlaßt haben 139 . So 
bleibt als Grund auch hier nur die Besorgnis, sie möchten 


135. Vgl. Ficker Forsch. 2, 222 f. (die Angaben in Mayr Mark¬ 
wald von Anweiler 61 sind fehlerhaft) und M, O. Cbnstitut. 1 
Nr. 378. 

136. A m 19. Mai weilte er zu Cesena (Scheffer-B. im N. A. 27, 
102 f.), am 20. zu F*aenza (St. 4934, Tolosanus 678), am 23. zu Mo¬ 
dena (St. 4936 und Scheffer-B. 103), am 24. zu Reggio (St. 4937 
und 4938). Er wird also Bologna passiert haben. 

137. St. 5030 Abschr. des 16. Jahrh. im Liber Fantini im 
St.-A. zu Bologna, ferner moderne Abschr. in der Univ. Bibi. Bol. 
MS. 52 Busta 3 Nr. 4; vgl. auch Scheffer-B. Forsch. 257 f. 

138. Vgl. Overmann 89. 

139. Denn Heinrich scheint auch damals an der Politik, sich 
Ober die beiden streitenden Gegner, Maifand und Cremona, zu stellen, 
festgehalten zu haben (Ficker Forsch. 2, 286 Anm. 7). 


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im Bunde mit Faenza auf die neuen Ordnungen der Romagna 
einen Angriff unternehmen. Heinrich beabsichtigte die 
Bologneser Streitkräfte im Westen festzuhalten, indem er 
Monteveglio zur Erhebung anstachelte 140 . Und man darf 
annehmen, daß sich der Gegensatz zwischen Bologna und 
dem Kaiser noch weiter zugespitzt hätte 141 , wenn nicht die 
Stadt durch den Tod des Herrschers im Herbst 1197 von 
jeder Gefahr befreit worden wäre. 

tlier muß die Darstellung innehaiten. Denn mit dem 
Jahre 1197 endete die erste Phase des Widerstreites zwischen 
der Kaisergewalt und dem Bologneser Comune. Wieder, wie 
in den Jahrzehnten vor Barbarossas Regierungsantritt, kamen 


140. Da der Kaiser das Privileg auf seinem Marsch von der 
JLombardei über Toscana nach seinem Königreich gab, so scheint 
er noch nicht die Absicht gehabt zu haben, es, wenn nötig, mit 
Waffengewalt zu vertreten, er versprach den Capitanen nur eind 
jährliche Unterstützung von 200 lib. imper. — Gegen Modena, 
das damals wieder Nonantola bedrängte (vgl. das Schreiben Cöle¬ 
stins III. von 1196, J.-L. 17443), ging Heinrich, soweit bekannt, 
nicht vor (vgl. nur St. 5097). Im August 1197 und in den folgenden 
Monaten (Tiraboschi M^bdeua 4 Nr. 620; vgl. Malaguzzi - Valeri 
im Appennino Modenese 538) veranstaltete Modena eine umfassende 
Vereidigung in den Gebirgsorten, so im Frignano und in den Per¬ 
tinenzen der Abtei Frassinoro. Ob es sich dabei wesentlich um 
Neuerwerbungen handelte, w'ie Overmann S. 94 anzunehmen scheint, 
oder ob Modena nur die inzwischen zu einer gewissen Selbständigkeit 
gelangten Untertanen der Bergcapitane (vgl. Malaguzzi 531 ff.) meht* 
als früher zur Leistung des Gehorsamseides heranzog, wäre noch 
zu untersuchen. 

141. Vgl. auch das Testament Heinrichs VI. (M. G. Constitut 
1, Nr. 379), das dem Phpst das Mathildinische Gut überließ, die 
beiden Bologneser Enklaven, Medicina und Argelato, aber vorläufig 
ausnahm und dem Markwaki von Anweiler zuerteilte, offenbar um 
dessen Position gegen Bologna zu verstärken. Diese Bestimmungen 
verdienen bei der jüngst wieder eröffneten Diskussion über die Echt¬ 
heit des Testaments (vgl. Hampe Deutsche Kaisergeschichte 186 
Anm. 1) doch wohl eine eingehendere Würdigung, als sie durch Ger- 
Iich Das Testament Heinrichs VI. 66 erfahren. 


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Zeiten, in denen die Bürgerschaft, von den deutschen 
Herrschern nicht nachhaltig gehemmt, ihre Kräfte im Innern 
und nach außen entfaltete. So konnte Bologna, als Fried¬ 
rich II. den von seinem Großvater geführten Kampf gegen 
die Lombarden erneuerte, in die Reihe der Hauptverteidiger 
der italienischen Stadtfreiheit eintreten. Und wie sich das 
Machtverhältnis verschoben hatte, so war diesmal auch der 
Ausgang des Kampfes ein anderer. Im zwölften Jahrhundert 
schloß er mit einem Waffenstillstand, bei dem der Kaiser 
sich eher als das Comune den Sieg zuschreiben konnte. Im 
dreizehnten Jahrhundert endete er mit einer Niederlage der 
Reichsgewalt. Bologna errang als ihr Erbe die Hegemonie 
über d*e Romagna. 


Exkurs zum III. Kapitel. 

Kritik der Quellen für die inneren Unruhen 

von 1193 und 94. 

Alle Quellen berichten übereinstimmend, daß Bischof 
Gerhard das Podestaamt zwei Jahre lang, nämlich 1192 
und 93 bekleidete (Chron. Loli. 122; Villola zu 1192: Epi- 
scopus Gerardus Gisle fuit potestas Bon. in duobus annis, 
qui primo anno Bononiam resit in magna pace et in bono 
statu, in secundo non, et ab (statt ob) oc expulsus fuit de 
regimine; Petrus Rav. zu 1192: Episcopus Gherardus factus 
est potestas Bononie per duos annos, in primo bene reg. 
in secundo male; ferner die Urkunden vom 6. Februar 1192 1 
und 10. März U93 2 ). Von dem Aufstand gegen sein Re¬ 
giment erzählt Villola: 1193 Ydus aprilis fuerunt ellecti 


1. Sav. Nr. 299; vgl. oben S. 133. 

2. Vgl. oben S. 133 Anm. 25. 


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consules, quia plures de maioribus civitatis Bon. contra 
voluntatem ipsius episcopi fuerunt potestatis (Vill. schreibt 
irrtümlich: potestates), nomina quorum sunt hec: Tornas, 
Albertus de Rustiganis, Ouillielmus de Malavolta, Auxeletus, 
Scogazapresbiter, Petrus Milanzoli con multis aliis. Eo anno 
fuit magnum belum inter ditos consules et dictum episcopum 
et sequenti die inter ipsos consules et Jacobum Vrsii, tue 
capta fuit dumus et turis ipsius Jacobi et postea destrute 
fuerunt per ditos consules (Hand C setzt dann auf aus¬ 
radierter Schrift von A hinzu: et ipse Jacobus fuit expulsus). 
Von Jacobus Alberti de Urso, wie er genauer heißt, wissen 
wir aus Urkunden: Sein Vater Albertus machte 1166 sein 
Testament 3 , er selbst war 1185 Zeuge in einer Urkunde 
des Bischofs Johann 4 , 1189 bekleidete er das Konsulnamt 5 , 
1191 war er bei einer Schenkung des Bischofs Gerhard 
zugegen und führte dabei den Titel magister 6 . Vielleicht darf 
man ihn auch in dem Jacobus vermuten, der bei dem Ver¬ 
trage zwischen Bologna und Ferrara vom 10. Marz 1193 
unter den Anwesenden genannt wird 7 . Von seinen späteren 
Lebensdaten soll hier nur erwähnt werden, daß er der 
Familie der Carbonesi nahestand 8 . In der Chronik des 
Petrus Rav. findet sich über die Vorgänge von 1193 folgender 
Bericht: (fälschlich zu 1192) Facti sunt 9 consules Bononie 
ad regimen dicte civitatis, quorum nomina sunt hec: d. Bu- 
valellus, Hugutio de Ocilettis, Maius de Carbonexiis, 
Muxottus de Gozadinis, Petrus Morosus de Gallutiis, 
Georgius de Asinellis. Factum est prelium inter dictos 
consules et episcopum dictum et Albertum de Ursi, quia 


3. St-A. Bol. Depositum Orsi, jMiscellanca 1 Nr. 1. 

4. Oaudenzi Documenti di Cento Nr. 6, Abschr. im Stadt-A. 
zu Cento. 

5. Sarti 2, 25. 

6. Trombelli Nr. 16. 

7. Vgl. oben S. 135 Anm. 125. 

8. Vgl. die Urkunde (Sav. Nr. 310) von 1196, 


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voluit transferre libertatis regimen. Eius domus combusta 
est ipso expulso. Guilelmus de Malavoltis Surixanum castel¬ 
luni comunis Bononie combussit. Wie so oft benutzte Petrus 
hier eine Bologneser Quelle, die der Vorlage des Villola 
nahesteht. Aber die von ihm angeführten Konsuln müssen 
durch ein Versehen an diese Stelle gekommen sein. Denn 
einmal wird unter den Konsuln Maius de Carbonexiis ge¬ 
nannt, dessen Familie, wie wir eben feststellten, mit Jacobus 
de Urso, also auch mit Bischof Gerhard befreundet war, 
dann bringt Villola dieselbe Konsulnreihe zu 1191 (d. Buva- 
leli, Huspenelli, Ugucio a Vxeliti, Maius de Carbonens. cum 
pluribus aliis fati fuerunt consules civitatis Bonnonie). Aber 
auch zu diesem Jahre kann sie nicht gehören, denn damals 
regierte ein Podesta die Stadt 9 . Am besten paßt sie zu 
1187. Zu diesem Jahre nämlich fehlen bei Villola Nachrichten 
über das Stadtregiment. Bei dem in solchen Angaben meist 
zuverlässigen Chron. Loli, aber heißt es (122): 1187 erant 
consules civitatis Bononie d. Guido Lambertini, d. Buva- 
lellus, d. Guizardus et socii; auch erwähnt Sigonius (168) 
zu diesem Jahre: consulibus inde Buallello Buallellio, Ugu- 
tione Occellettio et Maso Carbonesio. — Ueber den Zu¬ 
sammenhang der Zerstörung des castellum Surixanum sind 
nur Vermutungen möglich. Das genannte Surisano lag bei 
Galliera und darf nicht mit S. Martino in Soverzano bei 
S. Giovanni in Triario verwechselt werden 10 . Obwohl 
Savioli 11 diesen Fehler begeht, kann er doch mit der An¬ 
gabe recht haben, daß Giacomo d'Orso sich nach Surixanum 
geflüchtet hatte, und daß darum der Ort von Guilielmus 
de Malavolta, einem der augenblicklich regierenden Kon¬ 
suln, zerstört wurde. Denn es lassen sich Beziehungen des 


9. Vgl. S. 130 Anm. 100. 

10. Breventani Deduzioni 303 und die Einteilung des Bolo¬ 
gneser Comitats von 1223 (Sav. Nr. 545). 

11. 2, 194 Anm. L. 


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Vaters Alberto d’Orso zu dem Surisano benachbarten 
Galliera nachweisen 12 . 

Für die Tatsache, daß Bischof Gerhard am 19. Juli 
1193 wieder im Besitze des Stadtregimentes war, führt 
Savioli 13 eine heute verlorene Urkunde an. Daß er sich 
bis gegen Schluß des Jahres behauptete, ergibt ein Dokument 
vom 10. Dezember 1193 14 . In ihm überläßt ein gewisser 
Raynonus dem Kloster S. Bartolomeo in Musiano Be¬ 
sitzungen gegen Verpflichtungen, die der Abt übernehmen 
muß, darunter, ut ipse d. abbas (de) presenti eum liberaret 
de manibus et potestate d. Gerardi episcopi et nunc 
potestatis Bononie et eius consulum, quibus pro quodam 
suo facto fit alligatus, si po(sset?), seu 20 solidos imperiales 
vice talis liberationis ipsi adtribueret. Wenn hier neben dem 
regierenden Podesta Konsuln genannt werden, so darf uns 
das nicht befremden. Denn auch in dem Vertrage des 
Podesta Gerhard mit Ferrara von 1193 finden wir Ramisinus 
et Guezus consules Bon. unter den Anwesenden. 

Als Konsuln des Jahres 1194 nennt das Chron. Loli. 
(122) Egidius de Pretone et socii. In der Zollvertragsurkunde 
vom 11. Februar 1194 15 sind zugegen, neben dem Bologneser 
Konsul Guidottus de Urso (er ist kein Verwandter des 
Giacomo d’Orso) und dem Massar Victorius, Albertus 
Gerardi de Gisla als arbiter, ein Verwandter des Bischofs, 
der 1192 auch miles iustitie gewesen war 16 , ferner Ramisinus 
Rodulfi Rainerii, den man wohl mit dem eben erwähnten 


12. In dem oben zitierten Testament von 1166 vermachte er 
der Kirche S. Blasius von Galliera 100 sol. und bei dem Vertrag 
zwischen der Familie Lambertini und der' Gemeinde Galliera war 
er zugegen (Sarti 2, 165). 

13. 2, 193 Anm. H. 

14. Sav. Nr. 301 St.-A. Bol. Dem. S. Stefano 16/952 ohne 
Nummer. 

15. Vgl. oben S. 136 Anm. 126. 

16. Sav. Nr. 299. 


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Konsul Ramesinus von 1193 identifizieren darf. Die Anhänger 
Gerhards waren also zur Zeit noch keineswegs vom Stadt¬ 
regiment ausgeschlossen 17 . Außerdem sind noch zugegen 
Chalanchinus consul mercatorum (er war Bolognese, denn 
er gehörte 1216 zum Bologneser consilium 18 ) und Guido 
de Terafogolis rector societatum (die Lesart societatum ist 
durch die doppelte handschriftliche Ueberlieferung gesichert; 
die Vermutung Gaudenzis 19 , man habe in Guido einen Be¬ 
amten des Lombardenbundes zu sehen, ist schon darum 
abzuweisen, weil die Bolognesen damals dem Städtebund 
nicht freundlich gegenüberstanden). 

Ueber den zweiten Ansturm der Gegner Gerhards be¬ 
richtet Villola: 1194 Primo die Julii factum (?) fuit magnum 
prelium Bononie et in -ipso prelio Petrus Schanabizi manum 

destram amixit et alü multi fuerunt mortui in domo et 

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in curia s. Ambrosü (das war der damalige Stadtpalast). 
Ob die Einzelheiten, die die Cron. di Bol. (246 f.) hier und 
zu dem Kampfe des Vorjahres über Villola hinaus hat, zu¬ 
verlässig sind, läßt sich schwer entscheiden; zur Erkenntnis 
der wesentlichen Entwicklungslinien tragen sie nichts bei. 
Dann fährt Villola fort: Eo tempore erat Joxep consule. 
Et eo anno elligerunt potestatem d. Guilielmum de Loxa. 
Letztere Nachricht muß falsch sein. Der Mailänder Gu- 
glielmo dell’Osa, um den es sich hier handelt, war 1188 
Bologneser Podesta gewesen 20 ; 1194 aber kann er das Amt 
nicht nochmals bekleidet haben, dehn er ist in diesem Jahre 


17. Dagegen spricht nicht, daß bei Abschluß des Vertrages 
Ubertus de Armanno zugegen wbr, dessen Söhne 1196 (Sav. Nr. 
310) als Gegner der Qarbonesi bezeichnet werden, also vielleicht 
auch Feinde der Orsi und Gisla waren. 

18. Vgl. Sav. Nr. 436. 

19. Im Bultetino 8, 12. 

20. Vgl. oben S. 130 Anm. 100. Villola nennt ihn an dieser 
Stelle unrichtig Guilielmus de Canossa. 


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als Podesta von Verona urkundlich nachweisbar* 1 . Auch 
mit dem weiteren Zusatz des Villola: Et suo (d. h. des 
Podesta) temporfe mortuus fuit Nasus de Gloria qui fuit 
malus homo, läßt sich nichts anfangen. Im übrigen darf 
der Bericht des Aufruhrs als zuverlässig gelten, denn er 
findet eine Art von urkundlicher Bestätigung: 1196 wurden 
vom Stadtregiment cognitores rationum mit der Prüfung 
der Amtstätigkeit der letzten städtischen Massare beauf¬ 
tragt 2 *. Ihr erster Bericht handelt von den Massaren Vic- 
torius und Lambertus unter den Konsuln Rambertus und 
Genossen. Da nun der Massar Victorius im Februar 1194 
beim Vertrage zwischen Bologna und Ferrara anwesend 
War, so muß der ebendort genannte Guidottus de Urso 
als Kollege des Rambertus angesehen werden. Ihnen sind 
dann noch der im Chron. Loli, angeführte Egidius de Pretone 
und der bei Villola erwähnte Joxep zuzugesellen. Es er¬ 
geben sich also als Konsuln des Jahres 1194: Rambertus, 
Guidottus de Urso, Egidius de Pretone, Joxep et sodi. 
Die Prüfungskommission stellte nun fest, daß die Massare 
Victorius und Lambertus von 1194 folgende zu beanstandende 
Ausgaben machten: Der Scholar Enricus, qui portavit 
apellationem coram domino episcopo, erhielt 33 soL im¬ 
periales, ferner Ribaklus, qui ivit Romam, 20 sol. imp. (über 
die hier angeführten Vorfälle wissen wir sonst nichts, ver¬ 
mutlich aber stehen sie mit den Unruhen vom 1. Juli in 
Zusammenhang). Dann wurden noch 20 sol. imp. veraus¬ 
gabt pro quodam scolari mortuo in preüo (wohl das vom 
1. Juli). Dann zahlten die Massare den consules, iudices 
und sich selbst Geldbeträge aus pro ferratura equorum, 
das heißt — darf man annehmen — als Ersatz für die! 
Beschädigung, den der Hufbeschlag ihrer Pferde im Straßen¬ 
krawall erlitten hatte. Ferner gaben die Massare dem 


21. Cipolla in Monumenti di storia Veneta, 3. Serie, Crooache 
3, 389. 

22. Sav. Nr. 309 Reg. grosso im St-A. Bol. 1, fo. 63. 


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Guidoctus de Urso 40 sol. imp, pro mendo cuiusdam sui 
equi, dem Egidius Pritonis 20 sol. imp. pro uno endegario (?) 
perdito und 40 sol. imp. pro mendo unius panzerie sibi a 
Rainerio Fregnani ablate, dem Oseph 4 lib. imp. pro mendo 
cuiusdam sui equi, ferner noch 16 lib. imp. pro trabibus 
et gradidis. Also augenscheinlich hatten die Konsuln bei dem 
rumor an ihren Häusern, Pferden und Waffen Schaden ge¬ 
litten. Ueber die Männer, die 1193 gegen des Bischofs 
Willen zu Konsuln erhoben waren, die dann wohl auch im 
Juli 1194 die Unruhen angestiftet hatten, macht der Prüfungs¬ 
bericht folgenjc^e Angaben: Petrus de Milanzolo entschädigt 
mit 40 sol. imp. für den Verlust eines Pferdes, Scogoca- 
presbiter mit 26 lib. bon. pro dispendio domus sue und 
Auxellettus mit 6 lib. imp. pro mendo domus sue. 
Das wird am einfachsten so zu erklären sein: Die Unruhen 
endeten mit einem FriedensschluB, bei dem die Verluste 
beider Parteien, nicht nur die der Anhänger Gerhards, aus 
der Stadtkasse ersetzt wurden. 

Von einem Eingreifen Heinrichs VI. in den Streit zu¬ 
gunsten des Bischofs erfahren wir nichts. Das dem Gerhard 
am 20. Juli 1194 verliehene Privileg 83 enthält nur die Ge¬ 
währung von Vorrechten im Prozeß, wie sie auch sonst 
damals verliehen wurden 84 , steht also mit dem besprochenen 
Kampf in keinem direkten Zusammenhang. 


23. St 4878 in dem S. 33 Anm. 154 erwähnten Kodex p. 28. 

24. Zum Beispiel St 4939 für Modena. 


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II. Buch. 

Aeuscrt Pilitik m 1197 bis 1256. 


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I. Kapitel. 


Machterweiterung im Westen, Süden und 
Osten infolge des abermaligen Fehlens 
einer starken Reichsgewalt. 

Bis zum Jahre 1197 wurde Bologna nicht nur von der 
Kaisermacht auf allen Seiten eingeengt, auch der Lombarden- 
bund legte der Stadt vielerlei Verpflichtungen auf. Nach 
dem Tode Heinrichs VI. trat eine zwiefache Reaktion ein: 
Bologna suchte überall da vorzudringen, wo die bisher be¬ 
stehenden Schranken gefallen waren, zog sich aber zugleich 
auf die eigene Interessensphäre zurück und hielt sich mit 
Fleiß von allem fern, was außerhalb davon lag. Diese Politik 
dauerte bis zum Jahre 1226, bis der erste Angriff Fried¬ 
richs II. auf die Comunen die Erneuerung ihres Bundes 
zur Folge hatte. Noch ein weiteres Moment unterscheidet 
die vorangegangene Periode von der zu schildernden. Da¬ 
mals stand der Kampf im Osten so sehr im Vordergrund, 
daß wir die Ereignisse im Westen gleichsam im Anhang 
betrachten konnten. Für den neuen Zeitabschnitt ist die 
gleichzeitige Durchführung mehrerer großer Aufgaben, die 
Auseinandersetzung mit Modena, der Krieg gegen Pistoja, 
die Kämpfe in der Romagna und der Streit um das Mathil- 
dinische Gut, charakteristisch. 

Vierzig Jahre hindurch hatten Bologna und Modena in 
Freundschaft gelebt und gemeinsam den Kampf gegen den 
Kaiser und die von ihm gestützten feudalen Elemente ge¬ 
führt. Jetzt drohte von Deutschland keine Gefahr mehr, 


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und <iir /vvi'fhcii beiden r '.••mumm gvk-gerjet« Lande waren 
smvcit aufgetetit, diitl sieh ihre Gebiete fast aut ganzer 
Imtt berührten, D;* n- mm ihre E Ypansitmspnithk nicht 

eipsuSiren, war ein Zu%a»nii?v».-?t«;*ß unvermeidlich. Afllaft 

. 

'nun ^fr'.n gjfjetTi%7g,v' (Tfecd^ürfir. jilier deten Ztigehöfiigfeeit" 
\ftrr )15h *U^n'schvihJ»cH ZwejfcMieß. 

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ein -3pderer Tfi\ jjf de» frei Grevatcores tfatS <H«i 

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St’i)üti ijh |itiVAte i ^ JfT da die -AAtkfvWiiHetl ihtT PfisÖthti 

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Roec : j C>>/»»;ds’ »k tbk ßiJt'rtiftg/ia dvgeji MLKk'flJt Hitd .da? 
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Gegensätze ferner gelegener Comunen verwickelt zu werden. 
Unter Pusterlas Führung unternahmen sie den kühnen Schritt 
und schlossen ein Bündnis mit Reggio, dem westlichen 
{Nachbarn und Feinde Modenas 8 . Schon 1199, 1201 und 1202 
bekleideten Bolognesen in Reggio das Podestaamt 9 . In 
diesen Jahren beteiligte sich Bologna noch nicht an den 
Kämpfen der Reggianer mit den Modenesen 10 , jetzt schloß 
es auf zehn Jahre Waffenbrüderschaft wider den zwischen 
ihnen gelegenen Gegner 11 . Pusterla ging weiter mit Um¬ 
sicht zu Werke, erlangte von den Ferraresen das Versprechen 
strikter Neutralität 12 und beseitigte so die Gefahr eines 
Flankenangriffes, der bei den zur Zeit recht nahen Be¬ 
ziehungen Ferraras zu Modena 13 zu befürchten gewesen 
Iwäre. Endlich wandte er sich an Cremona und Parma 14 
mit der Bitte um militärische Unterstützung. Ersteres aber 
gab eine ablehnende Antwort, letzteres leugnete sogar nicht, 


8. Auch der Streit dieser beiden Comunen drehte sich wesent¬ 
lich um die zwj&chen ihnen gelegenen Teile des Mathildinischen 
Gutes; vgl. Overmann 96. 

9. Milioli 453 ff. (Bluvalellus ist auch Bolognese). 

10. Nur Sigonius (182) berichtet zu 1201 Bolognas Eintreten für 
Reggio; doch in diesem Jahre war ein Modenese Podesta von. 
Bologna (vgl. oben Anm. 5). Ueber die Kämpfe Reggios mit Mo¬ 
dena vgl. 1. Malaguzzi-Valeri Frammenti storici 75 ff., Milioli 454 f., 
Chron. Mod. 23 f., Ann. Caesen. in Mur. SS. 14, 1092, Pietro Rav. 
zu 1200, Amn. Mantuan. in M. G. SS. 19, 20, ferner B.-F. 12230, 
12238, 12248 und 12250, Tacoli Memorie Istoriche di Reggio 1, 347. 

11. B.-F. 12268 und 12269 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 116 
und 117, das zweite auch St.-A. Reggio Libro grosso fo. 49. 

12. B.-F. 12266 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 107 v Concordie 
inter Ven. et Ferr. (vgl. oben S. 135 Anm. 125) fo. 22 v. 

13. Vgl. B.-F. 12169 (dazu Schaube 728 f., Ficker Forsch. 
2, 289), 12177, Chron. Mod. 23 zu 1200 und oben Anm. 10 über 
Modenas Kämpfe. 

14. Diese beiden Städte hatten vorher vergeblich versucht, 
zwischen Bologna und Modena zu vermitteln (Sav. Nr. 346 Stadt-A. 
Modena Reg. Priv. fo. 128). 


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daß es Modena beizustehen verpflichtet sei 15 . Vermutlich 
sah man aus diesem Grunde von offenen Feindseligkeiten 
ab 16 , errichtete nur an der Muzza (zwischen Castelfranco 
und Bazzano) das Castrum S. Columbani 17 . Der Podesta 
von 1204, der Piacentiner Uberto Visconte, dann fand 
Modena bereit, seinen Schiedsspruch anzunehmen 18 . Aber 
das Urteil, das er am 9. Mai fällte 19 , war mehr als 


15. Sav. Nr. 347 und 348 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 118 ff. 

16. Chron. Mod. 24 berichten, daß der Podesta von Modena 
das Stadtgebiet gut schützte, auch mit Nonantola Verabredungen traf. 

17. Das spätere Piumazzo (Villola zu 1203. Im St.-A. Bol. 
Reg. grosso 1, fo. 133 v ff. finden sich Dokumente über Terrain¬ 
ankäufe Bolognas dazu). 

18. B.-F. 12278 und Sav. Nr. 357 St-A. Bol. Reg. grosso 1, 
fo. 129 f. 

19. B.-F. 12282 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 131 und Stadt-A. 
Modena Reg. Priv. fo. 128. In der Ebene bestimmte der Visconte 
als Grenze die Muzza (wie sie auf der Karte in Tiraboschi Nonan¬ 
tola 1. ßd. an Gpevaloore westlich vorbeiläuft); er Heß den Mo¬ 
de nesen wohl nur Coccinum. — Unter den dem Spruch zugrunde ge¬ 
legten Urkunden wird sich das angebliche Placitum des Lango¬ 
bardenkönigs Rjatcbis befunden haben, in dem, wie in B.-F. 12282, 
die Muzza bis zum Luddus. als Grenze angenommen ist. Dias 
Dokument (gedruckt am Schluß von Sav. 3, 2) findet sich im Reg. 
grosso 1, fo. 57 v, ohne mit den vorangehenden und folgenden 
Stücken in Zusammenhang zu stehen. Ueber die Fälschung handelt 
Gaudenzi Nonantola 144 ff. und in Mem. delP accademia di Bologna 
Classe Mor. >1, 1, 55 und vertritt die These, daß sie zusammen 
mit einer Reihe anderer Spurien in Nonantola unter der Regierung 
Ottos I. angefertigt sei. Aber in M. G. D. K. 1, 469 f. wird die 
Herstellung der Gruppe ins zwölfte Jahrhundert gesetzt. Ohne die 
Frage entscheiden zu^ wollen, möchte ich für letztere Annahme 
anführen, daß die Beziehungen zwischen Nonantola und Bologna 
nie mehr so enge waren, wie in den Jahrzehnten vor 1156, daß 
daher am ehesten damals im Kloster im Interesse Bolognas gefälscht 
sein kann. — Am 18. Mni und den folgenden Tagen (Sav. Nr. 
359 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 132v) ließ Bologna Konsuln 
einsetzen zu Learre jUnd S. M^rtimis de Sicco (beide einst nahe 
Crevalcore), zu S. Maria de Portu (wohl wo heute Ouazzalocca nord- 


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parteiisch. Die strittigen Orte im Oebirge sprach' er Bologna 
alle zu, von den in der Ebene gelegenen ließ er Modena 
nur einen. Offenbar nutzte er die augenblickliche Lage 
Modenas zum Vorteile Bolognas aus.* Bischof und Comune 
von Modena nämlich, die im verflossenen Jahrhundert stets 
zusammengehalten hatten, waren in einen heftigen Konflikt 
geraten 20 . Dazu befand sich das Frignano, wohl von 
Bologna angestachelt, im Aufstand und wurde erst 1205, 
als der Ferrarese Salinguerra in Modena das Podestaamt 
führte, zum Gehorsam zurückgebracht 21 . 

In der Folgezeit erneuerte Reggio sein Bündnis mit 
Bologna in den vereinbarten Zeitabständen 22 und brachte 
ihm mehrmals die geforderte Kriegshilfe 23 . Die Feindschaft 
Modenas gegen Bologna dauerte noch eine Weile an 24 . 
Die Modenesen befestigten 1210 Spilamberto am Panaro 


westlich von Cento), zu Folium (einst zwischen Camposanto und 
Oevalcore), zu S. Andreas jn Comilliano (einst nordöstlich von 
Savignano), zu Mandria (bei Savignano), zu Parvillianum und Serla 
(einst bei S. Apollinare östlich vfon Cpstello di Serravalle), zu 
Golzamun (einst nahe Monte veglio), zu Montealungno (einst bei 
S. Apollinare), zu Gassolanum (wo?). Auch wurde der Besitz von 
S. Apollinare betont. 

20. B.-F. 5885. 

21. Chron. M|od. 24 f., Gronaca Albinelli in Tiraboschi Mo¬ 
dena 3, 114 f., Tiraboschi Modena 4 Nr. 669 und 670. 

22. 9o 1209 (Sav. Nr. 388 St.-A. Reggio Libro grosso fo. 
50 v), 1214 (Sav. Nr. 419 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 205; Mala- 
guzzi-Valeri Frammenti storici 1, 95 Nr. 11; Sav. Nr. 420 = Mala- 
guzzi 99 Nr. 12; Sav. Nr. 425 St.-A. Reggio Libro grosso fo. 51), 
1219 (B.-F. 12554 St.-A. Reggio Libro grosso 52 v mit 2 exeunte 
Jan.; Malaguzzi 1, 116 Kr. 15), 1224 (Sav. Nr. 546 St.-A. Reggio 
Libro grosso fo. 54 v. Es ist der Antrag Rcggios auf Erneuerung 
des Bündnisses; die Antwort Bolognas ist nicht überliefert). 

23. So 1212 gegen Pistoja^ (vgl. unten S. 161), 1216 gegen 
Rimini (Milioli 459). 

24. So gehörten Bologna und Modena noch 1208 zwei feind¬ 
lichen Stidtebünden an (Milioli 456, Tolosanus 688, Chron. Mod. 26, 
Villola zu 1208, Pietro Rav. zu 1207). 


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gegenüber dem Castrum S. Columbani 25 . Bei einer aber¬ 
maligen Rebellion des Frignano im Jahre 1213 gewährte, 
wenn auch nicht das Comune Bologna, so doch ein Teil 
seiner Bürgerschaft den Bergcapitanen Unterstützung 26 . 
Aber allmählich bahnten sich wieder bessere Beziehungen 
an. Modena war nicht in der Lage, aus eigener Kraft eine 
neue Grenzregulierung zu erzwingen 27 . Und die Bolognesen 
begnügten sich mit dem Erreichten, mischten sich in keinen 
der Kämpfe der westlichen Comunen und hielten sich von 
allen Parteiungen der Lombardei fern. Zur Annäherung 
mag auch beigetragen haben, daß Modena in den Jahren 
1212 und 13 mit Salinguerra von Ferrara um Ponte Duce 


25. Chron. Mod. 27; vgl. die Urkunden Innocenz’ III. Potthast 
4729 und 4928. 

26. Den Aufstand veranlaßte wohl ein Privileg Otto’s IV. 
für die Herrn von Montecuccolo (erwähnt in Tiraboschi Modena 4 
Nr. 775; vgl. unten S,. 197 Anm. ,12). Vgl. Chron. Mod. 28, 
Cronaca Albinclli in Tiraboschi Modena 3, 115 (Die Vorlage dieser 
Chronik, Chron. Fregnani auctore mag. Nicolao de Via Nora, weicht, 
nach gütiger Mitteilung des Prof. Tlomaso Cassini, am Ende so 
Uavon ab: guerram et turbam eis innovarunt viriliter, cum auxilio 
Bononiensium), auch Liber censuum Nr. 34. 

27. Im Mai 1220 veranstaltete Bologna eine Prüfung der Grenz¬ 
zeichen (Sav. Nr. 486 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 378 v; vgl. 
Tiraboschi Modena 4 Nr. 731). — Modena ließ 1208 die Grenzen 
bei Ciano (östlich von Guiglia) (St.-A. Modena Prise. Peregrini 
Collect. 1, fo. 275 v), 1220 bei Bazzano (Modena Stadt-A. Reg. 
antiq. fo. 284) prüfen. 1222 ließ es (Prise. Peregini Collect. 1, fo. 
263 v ff., Tiraboschi Modelha 4 Nr. 742) den Verlauf seiner ge¬ 
samten Diözesangrenze, die nach Bologna zu mit der Landesgrenze 
zusammenfiel, feststellen. Im einzelnen die dort angegebene Linie 
mit den modernen Oertlichkeiten z!u identifizieren, bin ich nicht 
in der Lage. Daß aber Modena die Bolognesischen Ansprüche nicht 
wesentlich verletzt haben kann, ergibt ein Vergleich mit der vöri 
Friedrich II. 1226 angenommenen Linie. Damals gab der Kaiser 
die den Bolognesen 1204 zugesprochenen Orte an Modena zurück, 
und gerade an den Stellen, wo diese Ortschaften liegen, weicht die 
Linie des Jahres 1222 von der des Jahres 1226 ab. 


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(nahe der Mündung des Panaro) kämpfte 88 , und auch 
Bologna diesen damals zu seinen Gegnern zählte 89 . Noch 
1213 vereinbarten beide Städte einen Represalienvertrag 30 , 
für 1217 und 19 berief Modena Podestas aus Bologna 31 , 
und 1215 regierte am Reno der Modenese Guglielmo 
Rangone 39 . Infolgedessen aber verlor Bolognas Bündnis mit 
Reggio immer mehr an wirklicher Bedeutung, zumal jetzt 
auch Reggio mit Modena in Freundschaft lebte 33 . So be¬ 
reitete sich langsam eine Situation vor, die es Friedrich II. 
ermöglichte, im Jahre 1226 Modena und Reggio zum 
Kampfe gegen Bologna unter seiner Führung zu vereinigen. 

Im Westen, gegen Modena, hatten die Bolognesen schon 
1156 ihre Absicht, Ausdehnung der Herrschaft bis an die 
Diözesangrenze, im wesentlichen erreicht, und der Spruch 
des Visconte wird ihnen nicht als ein Ueberschreiten dieses 
Zieles erschienen sein. Im Süden, in den Berglanden aber 
fehlte noch alles zur Verwirklichung des gleichen Wunsches. 
Denn die Unternehmungen während des Stadtregiments des 
Bischofs Gerhard waren in ihren Anfängen stecken geblieben. 
Aber Eile war hier um so nötiger, als das toscanische 
Nachbarcomune Pistoja sich auf dem besten Wege befand. 


28. Vgl. B.-F. 12428; Chron. Mod. 27 f.; B.-F. 12443; Ann. 
Parm. in M. O. SS. 18, 666; B.-F. 12447—49; Tiraboschi Modena 4 
Nr. 692. 

29. Parma, das zu den Bundesgenossen Modenas gehörte, hatte 
1213 einen Podesta aus Bologna (Ann. Parm. 666), und im selben 
Jahre leitete ein Parmese das Bologneser Stadtregiment. Im übrigen 
vgl. unten S. 173 f. 

30. Sav. Nr. 416 Stadt-A. Modena Reg. Priv. fo. 187. 

31. Chron. Mod. 29 f.; vgl. auch B.-F. 6450. 

32. Er starb im Amt (ViHola zu 1215); vgl. auch oben S. 152 
Anm. 5. 

33. 1206 erneuerte Modena noch sein Bündnis mit Mantua gegen 
Reggio (Stadt-A. Modena Reg. Priv. fo. 120 und 121 v). Seit 1213 
hielt Reggio immer zu Modena (vgl. Codagnellus 45 und 51; Milioli 
459; B.-F. 12531 a££Milioli 46l),\|nur“fnicht im Jahre 1220 (Milioli 
502, Chron. Mod. 30 f.; Winkelmann Friedrich II. 1, 87). 


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den Bolognesen zuvorzukommen und die Apenninenpässe 
in seine Gewalt zu bringen. Seit geraumer Zeit bedrängte 
es den Grafen von Prato und occupierte schon 1177 das 
zur Bologneser Kirchenprovinz gehörende Bargi 34 (nahe der 
Limentra), setzte auch seine Unternehmungen fort, ohne 
vor einer Verletzung der Rechte des Bologneser Bischöfe 
zurückzuschrecken. Erst im Jahre 1200 kam auf Veran¬ 
lassung des Papstes ein Ausgleich zwischen dem Bischof 
und Pistoja zustande 36 . 

Auch hier war es das Verdienst des Pusterl a, des 
Podesta von 1203, den Bolognesen den Weg zum Angriff 
gewiesen zu haben. In diesem Jahr starb Graf Albert von 
Prato, und um die zu seiner Hinterlassenschaft gehörende 
Burg Capraja brach zwischen Florenz und Pistoja eine heftige 
Fehde aus 36 . Und wie Pusteria gegen Modena das Bündnis 
Bolognas mit Reggio zustande brachte, so sorgte er hier 
für eine Annäherung an Florenz. Am 13. September wurde 
ein Represalienvertrag geschlossen 37 , dem im August des 
nächsten Jahres ein zehnjähriges Bündnis gegen Pistoja 
folgte 38 . In dem Vertrage sprach Bologna die Absicht aus, 
bis an die Diözesangrenze vorzudringen, sogar Sambuca 
im oberen Renotal zu besetzen 39 . Aber die Pistoiesen be- 


34. Liber censuum Nr. 3 und 4. 

35. Liber censuum Nr. 7 und 8. Absatz d möchte ich anders 
verstehen, nämlich: et de bis, nämlich Quartierlasten [predia ecde- 
siastica] non teneantur Pistorfiensibus) de Montecavalloro et a Monte- 
cavalloro versus Bononiam. 

36. Davidsohn Gesch. 1, 644 f. 

37. B.-F. 12275 Sav. Nr. 353 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 122 v. 

38. B.-F. 12286 Reg. grosso 1, fo. 163, ebenda fo. 162 v, der 
noch ungedruckte Eid der Bolognesen, geschworen auch zu Ron- 
castaldo (südlich von Lojano). 

39. Mit dem Anspruch auf Sambuca griffen die Bolognesen 
wahrscheinlich über die Grenze ihrer Diözese hinaus. Jedenfalls 
war die curtis Pavana mit dem Kastell Sambuca Besitz des Pistojeser 
Bischofs (vgl. das Privileg Innocenz’ II. J.-L. 7639; Santoli II di- 


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haupteten sich in Badi und Stagno 40 (beides östlich von 
Sambuca), die Bolognesen konnten sich nur im Juli 1205 
die Herrschaft über Sucdda (heute Capanne südlich von 
Poiretta) sichern 41 . Und während der Graf Guido Guerra, 
von Florenz 48 , ja auch von Faenza 43 unterstützt, mit Pistoja 
bis zu einem vorteilhaften Friedensschiuß 44 kämpfte, erfahren 
wir nichts weiter von militärischen Unternehmungen 
Bolognas. Man könnte den Eindruck gewinnen, daß der 
von Pusterla geweckte Kriegseifer rasch wieder erlahmte. 
Aber diese Untätigkeit Bolognas vor und nach dem Abschluß 
des Bündnisses mit Florenz erklärt sich leicht bei näherem 
Zusehen. Die Stadt war damals nicht imstande, einen 
energischen Stoß gegen die Pistojeser Stellung zu führen, 
denn ihr fehlte noch die Angriffsbasis, die gesicherte Herr¬ 
schaft über die südlichen Teile der Bologneser Berglande. 
Erst während und offenbar im Zusammenhang mit dem 
Pistojeser Kriege 46 , organisierte man die Podesteria delia 
montagna 46 , deren Leiter mit besonderen Befugnissen aus¬ 
gestattet wurde, um die schwer angreifbaren Bergkastelle 
zur Anerkennung der Bologneser Oberhoheit zu zwingen 17 . 
Und erst langsam wird das Unternehmen zu Ende geführt 
worden sein. 

Im Frühjahr 1208 gestatteten sich Bologna und Florenz 


stretto Pistojese, Sep. Abd. aus d:m Bull. stör. Pistoj. 5, 5; Schneider 
in Quellen und Forschungen aus Ital. Archiven 11, 256). 

40. Liber censuum Nr. 12—14. 

41. Sav. Nr. 367 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 168. 

42. Vgl. Davidsohn Gesch. 1, 646 und hier und zum folgenden 
auch Barbi Un episodio deHe contesc tra Bologna e Pistoja 1899. 

43. Tolosanus 686. 

44. Liber censuum Nr. 18 f. 

45. Vgl. Palmieri in AMR. 16, 288. 

46. Zum ersten Male erwähnt bei dem Vertrage von 1205 
(vgl. oben Anm. 41). 

47. Vgl Palmieri 297. 


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gegenseitig, mit Pistoja Frieden zu schließen 48 ; doch geschah 
es nicht, sondern die Waffen ruhten nur unter dem Ein¬ 
druck von Ottos IV. Römerzug. 1211 dann, als des Kaisers 
Machtstellung durch den Konflikt mit Rom geschwächt war, 
schritt Bologna, wieder geführt von dem Mailänder Pusterla 
und jetzt gestützt auf die Podesteria della montagna, zum 
Angriff. Es galt, die schon erwähnten Punkte Sambuca, 
Badi und Stagno, ferner die rechts und links von der 
Limentra gelegenen Orte Trebbio, Torri, Fossato, Bargi, 
Moscacchia 49 und Monticellum 50 in Besitz zu nehmen. Im 
Juli versicherte sich Bologna der Ergebenheit einiger Herrn 
aus der Gegend von Stagno und Bargi 51 , aber bald darauf 52 
brachten die Pistojesen die ersteren zum Abfall und nahmen 
die Bologneser Besatzungen von Granaglione (südlich von 
Porretta) und Succidä gefangen 53 . Da entschloß sich Bologna 
zu größeren Rüstungen und ging die westlichen Nachbarn 
um Hilfe an. Von Modena und Parma traf abschlägige 
Antwort ein, nur Reggio versprach Zuzug 54 . Florenz sandte 
keine Truppen, wird sich aber wohlwollender Neutralität 


48. Sav. Nr. 377 und 378 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 177. Im 
selben Jahre leistete Bologna den Florentinern noch Zuzug gegen 
Siena (vgl. Davidsohn Gesell. 1, 653). 

49. Nach gütiger Mitteilung von Prof. Santoli gelegen zwischen 
Badi und Taviano. 

50. Dessen Lage kann ich nicht identifizieren. Die genannten 
Orte gehörten zur Diözese Bologna, genauer zu den Pieven Succida 
und Guzzano (vgl. die Beschreibung der Bologneser Diözese von 
1366 in Melloni Atti e Mcmorie degli uomini illustri in Santitä 2, 
350 ff.). 

51. Sav. Nr. 3% St.-A. Bol. Regt grosso 1, fo. 187 v. 

52. Itn August 1211 begannen (nach Liber ccnsuum Nr. 44) die 
Feindseligkeiten. Die Bemerkungen bei Davidsohn Forsch. 4, 7 
sind irrig. 

53. Villola zu J211; Pietro Rav. zu 1210; Chron. Loli. 124; 
vgl. Liber censuum Nr. 21 — 23 und die in Anm. 54 genannten 
Akten. 

54. Sav. Nr. 397-400 St.-A. Bol. Reg grosso 1, fo. 190 ff. 


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befleißigt haben 55 . Der Kampf entspann sich am Sambuca, 
dessen Gemeinde zu Pistoja hielt 56 , während ein Teil seiner 
Bewohner nach dem Bologneser Comitat auswanderte 57 . 
Im August 1212 unternahmen die Bolognesen, von Reggio, 
Faenza und auch der toscanischen Stadtgemeinde Prato 
unterstützt, einen Feldzug gegen Sambuca 58 . Bald aber 
einigten sie sich mit ihren Gegnern, den Schiedsspruch des 
Erzbischofs von Pisa anzurufen 59 , der am 11. September 
Waffenstillstand und Gefangenenauslieferung anordnete 60 . 
Doch wenn es auch nicht mehr zu offenen Feindseligkeiten 
gekommen zu sein scheint, so vergingen noch Jahre bis zum 
Friedensschluß 61 . 1215 fällten von den Parteien gewählte 
Schiedsrichter einen für Bologna so ungünstigen Spruch 62 , 
ddß dieses ihn wohl nicht anerkannte 63 . Erst vier Jahre 
später brachte der Kardinal Hugo von Ostia eine Ent¬ 
scheidung 64 . Er sprach dem Pistojeser Bischof Sambuca, 
dem Pistojeser Comune Fossato, Trebbio, Torri und Monti- 
cellum zu, alle andern zur Bologneser Diözese gehörenden 


55. Vgl. Davidsohn Gesell. 2, 1, 24 und Forsch. 4, 7. 

56. Liber censuum |Nr. 24. 

57. Sav. Nr. 404 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 194 v. 

58. Milioli 458; Tplosanus 692; Chron. Loli. 124; Villola zu 
1212; Davidsohn Forsch. 4, 7. 

59. Liber censuum Nr. 25 und 26. 

60. Liber censuum Nr. 27—30. 

61. Vgl Über censuum Nr. 31 und 32, 34—41. Ueber den 
gleichzeitigen Streit zwischen Bischof und Comune von Pistoja vgl. 
Santoli II distretto Pistojese im Bullet stör. Pistoj. 5. 

62. Vgl. Liber censuum Nr. 44. 

63. So fehlt er im Reg. grosso des Bol. St.-A., während er 
im Liber censuum' aufgenommen wurde. 

64. Vgl. Liber censuum Nr. 61—91, auch 97—103; Chart. Bon. 
Nr. 51. Im Juni leisteten den Eid über dreitausend Pistojesen (St.-A. 
Bol. Reg. grosso 1, fo. 241 v und 243 v ff.). Bei seinem Urteils- 
spruch (im Reg. grosso des St.-A. Bol. 1, fo. 304) berührte der 
Kardinal die Frage des Mathildinischen Gutes nicht, betonte nur 
salvo iure ecclesie Romane et imperii. 


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Gebiete, also Stagno, Bargi, Badi und Moscacchia ließ er der 
Renostadt. Nur wegen Sambuca dauerten die Streitigkeiten 
noch eine Weile fort 65 , sonst hielten die beiden Comunen an 
dem Spruch von 1219 fest® 6 . 

So gelangte Bologna mehr, wie man annehmen darf, 
durch geschickte diplomatische Verhandlungen, als durch 
Waffenerfolge in der Hauptsache zum Ziel und gebot nun¬ 
mehr bis zum Apenninenkamm. Weiter vorzudringen wagte 
es jetzt und auch später nicht, wohl weniger durch Pistojas 
energischen Widerstand entmutigt, als in der richtigen Er¬ 
kenntnis, daß es die durch das Gebirge getrennten toscani- 
schen Lande seiner Herrschaft doch nicht organisch an- 
gliedem konnte 67 . Dazu mag hier, wie es auch im Westen der 
Fall gewesen zu sein scheint, die Scheu mitgewirkt haben,.mit 
ebenbürtigen Comunen in Konflikt zu geraten. Eine Macht¬ 
erweiterung über seine Diözesangrenze hinaus erstrebte 
Bologna nur im Osten, wo ihm, Faenza ausgenommen, nur 
wesentlich schwächere Stadtgemeinden gegenüberstanden. 

Aber gerade diese Schwäche der romagnolischen Städte 
hatte Heinrich VI. 68 veranlaßt, seine Hand auf die Graf¬ 


te. Vgl. Liber censuum Nr. 91; Sav. Nr. 478 St.-A. Bol. 
Reg. grosso 1, fo. 313; Sav. Nr. 479 Reg. grosso 1, fo. 316; Sav. 
Nr. 384 Reg. grosso .1, fo. 334; Sav. Nr. 502 Reg. grosso 1, fo, 
355; ejbenda fo. 358: Dokument vom Anfang Dezember 1220: Ge¬ 
nannte Leute von Sambuca erhalten von Bologna über 1000 lib. 
Bon., wofür sie Häuser und Grundstücke in Stadt und District Bol. 
kaufen müssen, was dann im folgenden Frühjahr geschah (ebenda 
fo. 381 ff.); vgl. auch Frati Stat. 2, 76 ff. und eine Notiz in einem 
Memoriale von 1240 im St.-A. Bol. Tesoreria; vgl. endlich Sav. 
Nr. 544. Reg. grosso 1, fo. 447 v und dazu Davidsohn in Hist 
Vierteljahrsschrift 3, 6 ff. 

66. Vgl. Frati Stat. 1, 67 und Statutum potestatis Pistorii 
ed. Zdekauer 241; vgl. auch Liber censuum Nr. 290 = Sav. Nr. 697. 

67. Vgl. auch Barbi Un episodio delle contese tra Bologna e 
Pistoja 14. 

68. Oenauer ihn und Friedrich I. in seinem letzten Regierungs¬ 
abschnitt. 


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schaft Imola zu legen, während seine Vorgänger nur das 
Mathildinische Erbe als Reichsgut gegen Bologna bean¬ 
sprucht hatten. Und Otto IV. und Friedrich II. bemühten 
sich, seinem Beispiele zu folgen, so bald sie in der Lage 
waren, die Herrschaft in Oberitalien wieder aufzurichten. 
Neu aber war es, daß ihnen jetzt als konkurrierende Macht das 
Papsttum zur Seite trat, das sein Anrecht auf den Exarchat 
und das Canossanische Gut wieder hervorholte. Infolge¬ 
dessen geriet Bologna hier, während seine Kämpfe mit 
Modena und Pistoja eigentlich ohne Einwirkung der großen 
Gewalten verliefen, in direkten Konflikt mit dem Kaisertum 
und der römischen Kurie. Entsprechend der Entwicklung der 
allgemeinen Geschichte Italiens gliederte sich der Streit in 
vier Perioden: die kaiserlose Zeit, der Römerzug Ottos IV., 
das abermalige Fehlen der Reichsgewalt und das erste Auf¬ 
treten Friedrichs II. 

Als mit dem Tode Heinrichs VI. die Kaisermacht zu- 
sammengesunken war, und der Thronstreit auf Jahre hinaus 
einen Einfluß von Deutschland her unmöglich machte, trat 
Innocenz III. mit seinem Plan hervor, in Italien einen päpst¬ 
lichen Territorialstaat zu schaffen und dehnte seine Rekupe- 
rationen bis über die Romagna und die nördlichen 
Teile des Mathildinischen Gutes aus. Mochte er aber in 
anderen Gebieten der apenninischen Halbinsel Erfolge er¬ 
zielen, hier mißlangen seine Versuche vollständig. Zwar die 
jetzt des kaiserlichen Schutzes entbehrenden Capitane 
von Monteveglio erkannten Roms Ansprüche auf die Mathil¬ 
dinischen Lande an, indem sie sich unter den Papst, als ihren 
Oberherrn, stellten 69 . Aber Innocenz war nicht in der Lage, 
den erhofften Beistand zu gewähren, und so mußten die Ritter 
sich am 18. Juli 1198 wieder Bologna unterwerfen 70 . Auch 


69. B.-F. 12146; vgl. Overmann 97. 

70. Chart. Bon. Nr. 3—5. Im folgenden Jahre wurde den 
Montevegliesen auferlegt, für 1500 üb. Bon. Häuser und Grund- 


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die beiden in der Ebene gelegenen Canossanischen Enklaven, 
Argelato und Medicina, besetzten die Bolognesen, ohne auf 
die römischen Ansprüche Rücksicht zu nehmen 71 . Ebenso¬ 
wenig vermochte Innocenz seinen Forderungen in der Ro- 
magna Nachdruck zu verleihen 72 . Und die Städte zeigten 
keine Neigung, freiwillig das kaiserliche Joch mit dem päpst¬ 
lichen zu vertauschen. Einen Augenblick schien es fast, als 
würde ein Bund der Comunen unter Bolognas und Faenzas 
Führung zustande kommen. Doch' dauerte dieser Zusammen¬ 
schluß nur, bis Markwald von Anweiler aus «seinem letzten 
Stützpunkt in der Romagna, Cesena, verdrängt war 73 . Kaum 


stücke im Bologneser .Gebiet zu kaufen (Sav. Nr. 326 St.-A. Bol. 
Reg. grosso 1, fo. 73 v), was dann auch geschah (Reg. grosso 1, 
besonders fo. 71 v, 185, 215 v; vgl. auch Frati Stat. 2, 34 und 
82). Bologna erlangte' r damit, wie ’in'[ähnlichen [Fällen, ein Pfand 
für die Treue der neuen Untertanen. 

71. Die Chroniken erwähnen das Ereignis nicht, Sigonius (180) 
setzt es ins Jahr 1199. Aber schon am 1. M*ii 1198 (St.-A. Bol. 
Dem. S. Salvatore Gass. 66/2513 Nr. 2) datieren die Konsuln des 
Comune Argelato nach der Regierung des Bol. Podesta. In einer 
Urkunde vom 3. Dezember 1197 (Mittarelli Ann. Camald. 4 Nr. 132 
St.-A. Bol. Dem. S. Cristina Qass. 3/2865 Nr. 22) wird noch die 
sententia des Lupicinus sacri paiatii iudex et potestas Medicine, 
wohl eines kaiserlichen Beamten, erwähnt. 

72. Er stieß hier auch auf den Widerstand des Erzbischofs 
von Ravenna; vgl. Winkelmann Philipp von Schwaben 114f.; Ficker 
Forsch. 2, 382; B.-F. 5629. 

73. Zu dem Bündnis der Städte vgl. B.-F. 12143; Tolosanus 788 
Note 89* (Die Anleihe Rhvennas in .Bologna, vgl. Sav. Nr. 320 
Erzbisch. A. Rßvenna Caps. F Nr. 1957, erfolgte wohl auch für 
die Unternehmung gegen Markwald). Zu den Kämpfen um Cesena 
vgl. Ann. Caesen. in Mlur. SS. 14, 1091 f.; Gotifr. Viterb. in M. G, 
SS. 22, 338; Tolosanus 679 f.; Pietro Rav. zu 1198 (vgl. Bonoli 
Storia di Forli 1, 163 und Güterbock jm N. A. 24, 741. Seine 
Nachricht stammt wohl aus derselben Bologneser Quelle, aus der 
auch Milioti; 452 schöpfte; meine Annahme im N. A. 31, 212 
Anm. 1 ist falsch); Cron. di Bol. 247 (deren Angaben aber wenig 
glaubhaft erscheinen); dazu B.-F. 5656; Sav. Nr. 321 und auch' 


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war diese Gefahr beseitigt, so traten die alten Gegensätze 
abermals zutage. 

Die Grundlage der Bologneser Politik in der Romagna 
bildete weiter sein Bündnis mit Faenza 74 , und wieder rich¬ 
teten die beiden Städte ihren gemeinsamen Angriff auf die 
zwischen ihnen gelegenen Gebiete; aber ein wesentlicher 
Unterschied gegen früher ergab sich daraus, daß, wie wir 
Schon hervorhoben, die Imoleser Grafschaft von dem Stadt¬ 
kreis Imola getrennt und als Reichsgut eingezogen war. Jetzt 
brachten die beiden Nachbarn die herrenlose Grafschaft in 
ihre Abhängigkeit 75 . Das geschah so ohne jeden Widerstand, 
daß die Quellen von dem Ereignis gar keine Notiz nehmen, 
nur zu 1198 berichten, daß die Bolognesen einige Bergkastelle 
nahe der Bolognesisch-Imoleser Grenze bezwangen 76 . Auch 
legten sie im Gebiete der Grafen von Arbore, die sich als 
wenig zuverlässige Bundesgenossen gezeigt hatten, die Feste 
Castel S. Pietro an 77 , die den Uebergang der Via Emilia 


Sav. Nr. 392 Erzbisch.-A. Ravenna Caps. P Nr. 8410 (ohne Datum, 
aber wahrscheinlich hierher gehörig; der darin genannte Ravennater 
Erzbischof ist rijcht Ub., sondern Wi., also der 1190—1201 re¬ 
gierende Wilhelm). 

74. Sav. 361 ifid 362 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 164 f. 
(als Podesta von Faenza ist Guido de Pirovale aus Mailand ge¬ 
nannt); vgl. auch die Erwähnung des Faentiner Bündnisses in Sav. 
Nr. 345 und B.-F. 12324 = Colombo Docum. di Vercelli in Bibi, 
stör. Subalpina 8 Nr. 67. 

75. Das eigeben die späteren Ereignisse. 

76. Nämlich Croara (westlich von Casal Fiumanese), Sassatello 
(westlich von Tossignano) und Monte Qatone (bei Dozza); vgl. 
Villola und Pietro Rav. (cf. Ann. Caes. in Mur. SS. 14, 1092) zu 
1198 (die zeitlichen Angaben der Cron. di Bol. 247 f. zu 1198 und 
1200 scheinen mir nicht glaubwürdig); dazu Sav. Nr. 322 St.-A. 
Bol. Reg. grosso 1, fo. 65 v (über die hier anbefohlenen Käufe 
von Häusern und Gmndstücken im ßol. Gebiet vgi. Reg. gros» 
fo. 69, 115 v und 167 v). 

77. Vgi. Sav. Nr. 328 Reg; grosso 1, fo. 76 v und die In¬ 
schrift bei Sav. 2, S. 242. Am 2. Dezember 1203 (Reg. grosso 


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über den Sillaro deckte und zugleich die Paßstraße längs des 
Flusses ^beherrschte. 

Wie im vergangenen Jahrhundert stand die Koalition 
der östlichen Städte Faenza feindlich gegenüber, nur hielt 
jetzt Cesena meist zu den Faentinem 78 . Im Jahre 1201 er¬ 
gab sich die Forliveser Sperrfeste Castiglione gegen das 
Versprechen der Faentiner, Leben und Eigen zu schonen. 
Dann aber brannten diese die Burg nieder. Das erklärte der 
'Bologneser Podesta, der den Faentinem Truppen zugeführt 
hatte, für Vertragsbruch 79 . Die Verstimmung zwischen 
Bologna und Faenza nahm so zu, daß ersteres mit der Gegen¬ 
partei in Bündnisverhandlungen trat 80 . Zwar verliefen diese 
wohl resultatlos 81 , aber die Bolognesen hielten sich von den 
weiteren Kämpfen fern 82 . Also noch weniger als früher 
erwiesen sie sich als hilfsbereite Bundesgenossen, sondern 
erstrebten immer mehr die Stellung eines Schiedsrichters 
über den streitenden Parteien. Auch im Sommer 1205 ver¬ 
mittelte der Bologneser Podesta Visconte einen Frieden 


1, fo. 127) wird die circla Cfistri S. Petri erwähnt. Was von den 
heute noch erhaltenen Befestigungen auf diese erste Anlage zurück¬ 
geht, möchte ich nicht entscheiden. Eine rohe Zeichnung auf dem 
ersten Blatt der Estimi von 1345 (in\ St.-A. Bol.) des Kastelld 
zeigt einen zentralen Wjachtturm, umgeben von einer Steinmauer 
mit vier kleineren Ecktürmen. Im übrigen vgl. Frati Storia di Castel 
S. Pietro dell’ Emilia, Bologna 1904. 

78. Die Feindseligkeiten begannen schon 1199; vgl. Tolo- 
sanus 680. 

79. Tiolosamis 680 ff.; vgl. zu den Kämpfen auch Ann. Ca es. 
in Mur. SS. 14, 1092; Villola zu 1201; Buoncompagni in Bullettino 
15, 192; Pietro Rav. (vgl. Bonoli Storia di Forli 1, 169) zu 1200. 

80. Das glaube ich dem verstümmelten Akt (Rubeus Ravenna 
352, daraus wohl Univ. Bibi. Bol. Ms. 317 to. 36 Nr. 34) entnehmen 
zu können. 

81. Sonst wäre der Faentiner Podesta von 1202 schwerlich 
ein Bolognese gewesen; vgl. Tolosanus 682. 

82. Vgl. Tolosanus 682; Ann. Caes. 1093; Villola zu 1202. 


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zwischen Cesena und Rimini 83 . Wenn auch bei der Wahl 
des Richter^ die Persönlichkeit des Visconte mitgewirkt 
haben (wird, so zeigte sie doch zugleich das steigende Ansehen 
Bolognas. Nun aber führte im Jahre 1209 Otto IV. eine 
Reaktion herbei. 

Der Römerzug des Welfen muß wie der Lothars III., 
mögen sie auch im einzelnen wenig Aehnlichkeit miteinander 
aufweisen, als eine Episode angesehen werden. Anfangs 
beugte sich alles der kaiserlichen Uebermacht. Diese bestand 
(weniger in der numerischen Stärke der Truppen Ottos, als 
in der moralischen Unterstützung, die das augenblicklich 
unter seinem Szepter geeinigte Deutschland und die Gunst 
des Papstes ihm gewährte. Auch gab es viele Elemente in 
Italien, die |die /Wiederherstellungeiner starken Zentralgewalt, 
die. Innocenz III. nicht zu schaffen vermocht hatte, herbei¬ 
sehnten 84 ; besonders waren es die größeren und kleineren 
Feudalherren, die sich in ihrer Existenz durch die Comunen 
bedroht sahen 85 . Aber von dem Augenblick an, da der Kaiser 
sich mit Rom verfeindete, sank sein Ansehen und Einfluß, 
und die Städte verfolgten wieder immer rücksichtsloser ihre 
eigenen Ziele. 

Voranzog dem König als sein Legat der Patriarch von 
Aquileja, der überall auf die Zustände unter Heinrich VI. 
zurückgriff 86 , ohne sich dabei um die Wünsche des Papstes 
zu kümmern 87 . Als er Ende Mai nach Bologna kam, erlangte 
er alles occupierte Reichsgut, die Grafschaft Imola, wie auch 


83. Tonini Rimini 3, 383—390; über die vorangegangenen Feind¬ 
seligkeiten vgl. Tok>sami8 685; Ann. Caesen. 1093. Zur Sühne 
des Todes des Maio de’ Carbonesi Podesta von Rimini im Jahre 
1205 vgl. Sav. Nr. 370—372 St-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 169 ff. 
und Tonini Rimini 3, 394 ff. 

84. Vgl. Ficker Forsch. 2, 408 ff. 

85. Tolosanus 690. 

86. Vgl. Ficker 2, 405 und 153. 

87. Overmann 100. 


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Argelato und Medicina zurück 88 . Den gleichen Erfolg er¬ 
zielte er dann in Faenza 89 , und wieder wurde ein kaiserlicher 
Graf der Romagna eingesetzt 90 . So blieb für Otto IV., der 
im Herbst desselben Jahres auf dem Weg*e nach Rom das 
Bologneser Gebiet passierte, nichts weiter zu tun übrig 91 . 
Bologna war nicht mehr das junge, trotzige Comune, das 
einst Lothar III. die Tore schloß. Sein Stadtregiment hatte 
aus langen Erfahrungen gelernt, wie dem deutschen Herr¬ 
scher zu begegnen sei, und lehnte sich nur dann gegen die 
Reichsgewalt auf, wenn es Aussicht auf Erfolg hatte. 

Nun aber suchten die Imolesen die für sie günstige 
Situation auszunutzen und richteten ähnlich, wie sie im ver¬ 
gangenen Jahrhundert die Zerstörung von S. Cassiano er¬ 
strebt hatten, jetzt ihre Angriffe auf das benachbarte Castello 
d’ Imola 92 , das zur kaiserlichen Grafschaft gehörte und im 
letzten Jahrzehnt als Stützpunkt der Bolognesisch-Faentiner 
Herrschaft gedient hatte. Und merkwürdig, während einst 
der Imoleser Bischof als der erbittertste Gegner des Comune 
auftrat, brachte er ihm jetzt die kräftigste Unterstützung. 
Man darf diesen Umschwung als die Tat des augenblick¬ 
lichen Trägers der bischöflichen Würde, Mainardinos aus 
Idem Ferraresischen Geschlecht der Aldigieri 93 , ansehen. Sein 


88. B.-F. 12340 = Sarti 2, 29; B.-F. 12341 Stadt-A. Imola 
Libro grosso fo. 16. 

89. B.-F. 12342 Stadt-A. Imola Mazzo 1, Nr. 41; vgl. Tolo- 
sanus 689. 

90. B.-F. 12343. 

91. Winkelmann Otto IV. von Braunschweig 188f.; B.-F. 298aff. 
Im Gegensatz zu meiner Annahme im N. A. 31, 213, glaube ich 
jetzt, Salvaterra mit dem Ort an der Secchia identifizieren zu müssen 
(Milioli wird die aus der Bol. Quelle übernommene Notiz über die 
Lagerung am Reno mit einer Reggianer Lokalnachricht ungeschickt 
Verbunden haben; anders versucht Salimbene 26 seine Vorlage zu 
interpretieren). 

92. Ueber dessen Lage vgl- oben S. 76 Anm. 116. 

93. Vgl. Tiraboschi Nonantola 2, Nr. 410 und Frizzi 3, 77. 


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enges Verhältnis zum Kaisertum, besonders zu Friedrich 11., 
dessen Lebensbeschreibung er auch verfaßt hat, ist durch die 
jüngere Forschung aufgehellt worden 94 . Aber die Bedeutung 
seiner Persönlichkeit kann erst dann ganz erfaßt werden, 
wenn man in ihm den Verteidiger Imolas gegen Bologna 
erkannt hat. Er hatte in der Umgebung des Patriarchen und 
Ottos geweilt 95 , jetzt bekleidete er das Podestaamt in Imola 96 . 
Und da der Graf der Romagna nicht nur seine Einwilligung 
gab, sondern sogar Unterstützung gewährte, erfolgten noch 
1209 mehrere Angriffe auf Castello d' Imola 97 . Zu Anfang 
des folgenden Jahres versprachen die Castellanen nach Imola 
überzusiedeln, falls der Kaiser seine Zustimmung dazu er¬ 
teilte 98 . Von einem Einspruch Bolognas oder Faenzas ver¬ 
lautet nichts. Es hing also von Ottos Entscheidung ab, ob 
die Zerstörung geschah. Nach seiner Kaiserkrönung (4. Ok¬ 
tober 1209) befleißigte sich der Herrscher einer energischen 
Restaurationspolitik, so bestätigte er dem Grafen von Prato 
gerade die Orte, die Bologna im Kampfe mit Pistoja zu ge¬ 
winnen trachtete 99 . In der Hauptsache blieb er aber weiter 
dem seit seinem Einmarsch in Italien befolgten Grundsatz 


Am 8. April 1198 urkundet er (Kapit.-A. Imola Mazzo 4 Nr. 181) 
als d. pape subdiaconus et Ferrarie prepositus, ist als Bischof zuerst 
am 16. August 1207 erwähnt; vgl. Mittarelli Access. 465. 

94. Scheffer-B. Forsch. 275ff.; Güterbock im N. A. 30, 37ff. 

95. Vgl. B.-F. 12341 und 42, 315 und 320. 

96. Vgl. die folgenden Urkunden. Sein Nachfolger im Podesta¬ 
amt, Guilfredus de Pusterla (Stadt-A. Jmola Libro grosso fo. 15) 
ist am 11. August 1210 nachweisbar. 

97. Vgl. B.-F. 12355 Kapit-A. Imola Mazzo 5 Nr. 59 und 
12356. 

98. B.-F. 12360. Eide ähnlicher Art folgten am 16. und 19. 
Januar (Kapit.-A. Imola Mazzo 5 Nr. 65). 

99. B.-F. 320; vgl. Overmann 104 und Davidsohn Gesch. 2, 1, 
8. Das Privileg der Kaisers für das |Gomune Pistoja (B.-F. 350, 
Liber censuum ’Nr. 20; Davidsohn 2, 11) enthält keine Spitze gegen 
Bologna. 


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treu, sich nicht in die lokalen Gegensätze hineinziehen 
zu lassen 100 . Auch mußte die Zerstöning des Kastells den 
Bolognesen nicht als Förderung der Reichsinteressen, 
sondern als Begünstigung;des Comune Imola erscheinen. Der 
Kaiser weilte im Frühjahr 1210 längere Zeit in der Ro- 
magna 101 und betonte bei mehreren Gelegenheiten die kaiser¬ 
lichen Rechte in den Imoleser Landen, aber die Frage des 
Kastells berührte er nicht 100 . Und man darf annehmen, daß 
er es dem Mainardin nicht auslieferte, da er am 29. Juni 
Bologna durch ein wertvolles Diplom auszeichnete 10 *, im 
darauf folgenden September für das Imoleser Comune ur¬ 
kundete, ohne des Kastells dabei zu gedenken 104 . 

Im Herbst 1210 änderte sich die allgemeine Lage durch 
den Ausbruch des Konfliktes zwischen Papst und Kaiser. 
In Bologna und Faenza führten 1211 zwei Vertraute Ottos 
das Stadtregiment, dort der schon oft genannte Pusterla, hier 
sein Landsmann, Alberto da Mandello 106 . Aber wie Pusterla 
es jetzt 'wagte, (gegen ,Pistoja wieder zu den' Waffen zu, greifen, 
so hielt er auch den Augenblick für gekommen, um gegen 


100. Ficker Forech. 2, 407; Winkelmann Otto IV. 214, 227 ff. 

101. Vgl. B.-F. 352aff.; auch Scheffer-B. im N. A. 27, 116. 

102. Vgl. B.-F. 370 Stadt-A. Imola Mazzo 1 Nr. 43 (Transs. 
v. 1217); B.-F. 376. 

103. B.-F. 409 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 183 v mit Datum 
apud Vercellen. 3. Kal. Julii, also mit nicht einheitlicher Datierung. 
Die Handlung erfolgte Anfang Juni zu Vercelli, wohin der Bolo¬ 
gneser Podesta Uberto iVpsOonte den Kaiser begleitete (vgl. B.-F. 
378, M. G. Constitut. 2, Nr. 37), die Vollziehung wohl zu Modena 
(vgl. B.-F. 426) oder zu Bologna (nach Viliola weilte Otto dort 
am 4. Juli. Ist aber diese Angabe richtig, dann kann .er am 3. Juli 
nicht in Fomovo gewesen sein; vgl. B.-F. 427; Constitut 2 Nr. 38). 

104. B.-F. 439. Wegen des neuen Grafen der Romagna vgl 
Ficker Forech. 2, 413; B.-F. 12383 imd 84. 

105. Vgl. B.-F. 12406 und 490; B.-F. 468 und Winkelmann 
287. Faenza stellte dem Kaiser Truppen zum Zuge gegen Sidlien 
(Tofosanus 691; Sicard. in M. G. SS. 31, 180). 


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Imola endlich vorzugehen. Nur erachtete man es in Bologna 
für nötig, sein Unternehmen mit der Erklärung zu entschuldi¬ 
gen, daß es die Rechte des Reiches zu verteidigen gelte, 
die Imola durch Bedrohung des dem Kaiser gehörenden 
Castello d’ Imola verletzt habe. Am 22. November 106 ver¬ 
pflichteten sich die Bewohner der Feste, die im Namen Ottos 
militärisch besetzt wurde, nicht nach Imola überzusiedeln. 
Dagegen suchte das Comune Imola wahrscheinlich bei 
Ravenna und Forli Hilfe 107 . Als dann zu Anfang 1212 der 
gebannte Kaiser auf dem Rückmarsch nach Deutschland in 
Bologna eintraf, bereitete ihm die Bürgerschaft einen freund¬ 
lichen Empfang 108 . Dennoch versprach er am 24. Januar dem 
Comune Imola, die kaiserliche Grafschaft nie ganz oder ge¬ 
teilt den beiden Nachbarn zu überlassen 109 , versagte dem¬ 
nach dem vorjährigen Angriff der Bolognesen seine Billigung. 
Dazu entschloß er sich, weil Bologna ihm keine zuverlässige 
Bundesgenossenschaft mehr bieten konnte; denn seine 
Bürgerschaft war durch die Vorgänge, die sich damals in 
Ferrara abspielten, in zwei Parteien zerrissen. 

In Ferrara kämpften seit Jahren die Torelli mit den 
Markgrafen von Este, den Erben der Marcheselli 110 , um die 
Stadtherrschaft 111 Der Kaiser verhielt sich beiden streiten- 


106. B.-F. 12406 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 192. 

107. Der Güte dies Prof. Messen verdanke ich eine Notiz 
aus dem Vaticanischen A. über Istrumenti di ooncordia tra Imolesi, 
Forlivesi e Ravennati 1211. 

108. Vgl. B.-F. 457aff.; Villola zu 1212. 

109. B.-F. 460 Or. Stadt-A. Imola M|azzo 1 Nr. 47; vgl. auch 
die Formulare in Boncompagnus cd. Rockinger 1, 136. Des Kaisers 
unfreundliche Gesinnung gegen Faenza zeigt auch B.-F. 459. 

110. Vgl. Frizzi 3, 3 und 9; Muratori Antich. Estens. 1, 354 f.; 
Chron. parv. Feir. in Mur. SS. 8, 481; Ricobaldus in Mur. SS. 9, 124; 
Salimbene 165. 

111. Vgl. Salzer 31 f.; Stieve Ezzelino von Romano 11; Winkel- 
tnann Philipp von Schwaben 339; über die Kämpfe von 1208 Coda- 
gnellus 35; B.-F. 12313bf., 12318ff.; Tolosanus 688; Chron. Mod. 
26; au 1209 Winkelmann Otto JV. 183 und Milioli 457. 


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den Familien gegenüber anfänglich neutral 112 , setzte einen 
Podesta in Ferrara ein 113 und erreichte Ende März 1210 
einen Friedensschluß 114 . Aber im gleichen Monat des folgen¬ 
den Jahres vertrieb Markgraf Azo, als Anhänger des Papstes, 
den kaiserlichen Podesta samt Salinguerra di Torello 115 . Bei 
allen früheren inneren Zwistigkeiten Ferraras hatte die 
Bologneser Regierung es verstanden, ihre Stadt von jeder 
Anteilnahme fern zu halten. Jetzt aber, da sich der Streit 
zwischen Este und Torelli mit dem Gegensatz zwischen 
Kaiser und Papst verknüpfte, gelang es nicht mehr. Die 
Bologneser Bürgerschaft spaltete sich in zwei Parteien 11 *. 
Und man glaubte, trotz strenger Maßregeln, so wenig vor 
Blutvergießen geschützt zu sein, daß einem päpstlichen 
Legaten, der in der Este Interesse wirkte 117 , nach Modena 
die Botschaft entgegengesandt wurde, er möge vorläufig nicht 
nach Bologna kommen, um keine Unruhen hervorzurufen 118 . 
Da zur Zeit Pusterlä, der Anhänger Ottos, das Regiment 
führte, hatte die kaiserliche Partei noch das Uebergewicht. 
So rückten die Bolognesen zusammen mit Reggio, Modena 
Und Ravenna für Salinguerra gegen Ferrara ins Feld 119 . Am 
7. Juni 1211 aber stellte Innocenz III., der schon vorher die 
Bundesgenossen des Torelli mit dem Banne hatte bedrohen 
lassen, den Bolognesen eine noch viel empfindlichere Strafe, 
die Verlegung ihrer Universität, in Aussicht 120 . Infolgedessen 
gewannen die Anhänger des Papstes an Boden, so daß für 
das Jahr 1212 zwei Podestas, für jede Partei einer, aus 


112. Vgl. Ficker Forsch. 2, 407. 

113. Winkelmann 221; vgl. B.-F. 12350. 

114. B.-F. 361a. 

115. B.-F. 12389 b. 

116. Vgl. das Gesetz Frati Stat. 2, 197. 

117. Winkelmann 265. 

118. B.-F. 12393 = Sarti 2, 30. 

119. Villola zu 1211; Chron. Mod. 27. 

120. B.-F. 6107. 


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Florenz berufen wurden 121 . So erklärt sich das Mißtrauen 
des heimziehenden Kaisers, der jetzt seinen Einfluß nur durch 
energische Parteinahme behaupten zu können glaubte. Er 
tat den Este in die Reichsacht 122 und übertrug wohl damals 
dem Salinguerra die Verwaltung des Mathildinischen Erbes 
und der Grafschaft Romagna 123 . Dann eilte er über die 
Alpen. 

Wie nach dem Tode Heinrichs VI., so hörte mit dem 
Abzug Ottos aus Italien für einige Jahre jeder Einfluß von 
Seiten der Reichsgewalt auf. Nun aber erneuerte Inno- 
cenz III. den Versuch, der ihm 1198 so völlig mißglückt 
war Die Veranlassung dazu gab wahrscheinlich die goldene 
Bulle von Eger 124 , in der der junge Friedrich II. und auch die 
deutschen Fürsten den Verzicht des Reiches auf das Mathildi- 
nische Gut und den Exarchat von Ravenna aussprachen. Da 
der Papst auch jetzt nicht in der Lage war, seine Wünsche 
mit eigener Kraft zur Geltung zu bringen, so bediente er sich 
des Salinguerra, der nach dem frühen Tode des Aldrovandino 
d’ Este 125 1215 Alleinherrscher in Ferrara geworden war 120 . 
Er belehnte ihn mit Teilen des Mathildinischen Gutes, wie 
Argelato und Medicina im Bolognesischen, und wahrschein¬ 
lich auch mit Rechten in der Romaglna 127 . Dadurch geriet 


121. Villola zu 1212; Chiron. Loli. 121 und die Urkunden 
des Jahres; vgl. Davidsohn Oesch. 2, 1, 24 und Forsch. 4, 7. 

122. Codagnellus 39. 

123. Vgl. Ficker 2, 413 nach dem Formular Nr. 42 (S. 65) des 
Rainerius de Perusio; Güterbock im N. A. 30, 54 f. und auch B.-F. 
6172. Overmann (102) vermutet als Jahr 1210. 

124. M. G. Constitut. 2 Nr. 46—51; Overmann 104 f. Di«J 
Ausführungen Fickers (Forsch. 2, 448 ff.) über die begrenzte Be¬ 
deutung des Exarchats von Ravenna scheinen mir nicht überzeugend. 

125. Winkelmann 410; Necrolog. Carceren. in Mittarelli Ann. 
Camald. 7, 381. 

126. Salzer 34. 

127. Die Btelehnungsurkunde ist nicht erhalten, sondern nur 
der Lchnseid des Salinguerra. Dieser verpflichtete sich zur Ver- 


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Bologna in einen Konflikt mit Rom, der sich noch verschärfte, 
da der Papst die augenblicklichen Gegner des Comune, den 
Bologneser Bischof und die Studentenschaft, unterstützte. 
Anfangs scheint Bologna nachgegeben zu haben, vielleicht 
hatte es auch noch gar nicht Medicina und Argelato nach dem 
Abzug Ottos IV. wieder besetzt 128 . Erst, als auf Innocenz 
der schwächere Honorius III. gefolgt war, leistete es Wider¬ 
stand. Der neue Papst bestätigte dem Salinguerra im April 
1217 Medicina und Argelato 129 . Als Antwort occupierten 
die Bolognesen das zwischen Medicina und Castel Guelfo 
gelegene Medesano 130 und errichteten in der Nähe das Castel 
S. Polo 131 . Da aber ließ Honorius über die Stadt den Bann 
verhängen 132 . Erst 1219 gelang es dem Legaten Hugo von 
Ostia die Bolognesen zur Herausgabe der Canossanischen 
Besitzungen zu bewegen 133 , wobei er aber wahrscheinlich 
die Bedingung erfüllen mußte, daß sie nicht dem Salinguerra 
überlassen wurden, sondern einen päpstlichen Beamten zum 
Verwalter erhielten. 

Während sich Bologna hier nachgiebig zeigte, kannte es 


teidigung der regalia b. Petri nicht bloß in den Mathildinischen Be¬ 
sitzungen, sondern — und das berechtigt zu meiner obigen Annahme 
— auch in toto podere quondam Cavalcacomitis (d. i. Bertinoro) 
ac univero Ymole comitatu (B.-P. 12487 — Cencii Liber censuum 
ed. Fabre I, 341). 

128. Salinguerra muß eine Zeitlang Medicina verwaltet haben 
(vgl. das Schreiben in Rcgistres de Gregoire IX. cd. Auvray Nr. 2676); 
beachte auch die Waffenbrüderschaft Bolognas mit Ferrara 1216 
(B.-F. 12499). 

129. B.-F. 6228. 

130. Sav. Nr. 450 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo..229. 

131. Villola zu 1218. Urkunden über Ankauf und Verteilung 
von Grundstücken daselbst im Reg. grosso 1, fo. 296 v ff. und 317 ff. a 
vgl. auch Frati Stat. 1, 473 und 2, 347. 

132. B.-F,. 6300 i«id 12537; Overmann 106; Clausen Papst 
Honorius III. 30. 

133. B.-F. 12581. Auch Friedrich II. erkannte die päpstliche 
Herrschaft daselbst an (B.-F. 1049). 


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in der Romagna keine Rücksicht, weder für Salinguerra 
noch für den Papst. Schon im Frühjahr 1213 mußte das 
Comune Imola darein willigen, daß die Bolognesen und 
Faentiner Castello d’ Imola — im Namen des Reiches, wie 
es hieß — wieder besetzten 134 , und das gleiche geschah 
auch mit den übrigen Teilen der kaiserlichen Grafschaft 136 . 
Unter diesen Umständen mag es Honorius III. wohl für 
zwecklos gehalten haben, dem Torelli die ihm von Innocenz 
wahrscheinlich verliehenen Rechte im Exarchat zu bestätigen. 
Mit Faenza erneuerten die Bolognesen 1214 die Waffen¬ 
brüderschaft 136 , leisteten ihm auch, als es abermals mit dem 
Ostbund der romagnolischen Städte in Streit geriet 137 , 
1218 militärischen Beistand, erzwangen aber, eigentlich gegen 
Faenzas Willen, einen Waffenstillstand 138 . Ihre Beziehungen 
zu den Faentinem waren nicht mehr die zweier gleich¬ 
berechtigter, weil- gleichstarker Bundesgenossen. Denn 
während Bologna seit Heinrichs VI. Tode einen erheblichen 
Machtzuwachs erlebte, gelangte Faenza weder zu einem 
endgültigen Siege über die östlichen Comunen noch zu einer 
dauernden Niederwerfung der benachbarten Feudalherrn 139 . 


134. B.-F. 12437, 39 i*id 40 = Sav. Nr. 414 St.-A. Bol. 
Reg. grosso 1, fo. 197 v. 

135. Das ergeben die späteren Ereignisse. 

136. Sav. Nr. 361 Reg. grosso 1, fo. 164 Schluß und Sav. 
Nr. 421 Reg. grosso 1, fo. 207. 

137. Tolosanus 694 f., 698 f. 

138. Tolosanus 700 f., Sav. Nr. 431, 2, 5 und 6 und Sav. 2, 377 
Anm. E. St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 229 ff. 

|139. Nach Heinrichs VI. Tode hatte es die Grafen von Bagna- 
cavallo wieder unterworfen (Tolosanus 686) und das diesem benach¬ 
barte Gebiet um Lugo, das dem Ravennater Erzbischof gehörte, 
besetzt (vgl. Mittarelli Access. 463 f.; Tarlazzi 2 Nr. 13 und 14; 
Regestorum Innoc. III. lib. 10 Nr. 116; Winkelmann Philipp von 
Schwaben 1, 546 Nr. 3), war dazu in den südlichen Berglanden sogar 
über die Florentiner Grenze hinaus vorgedrungen (Tolosanus 688; 
vgl. Davidsohn Gesch. 1, 647 und B.-F. 12342). Aber zur Zeit 


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Diese Verschiebung des Kräfteverhältnisses trat immer deut¬ 
licher zutage. 1216 erneuerte sich der Streit Cesenas mit 
Rimini, und Bologna, von Faeiiza und anderen Städten 
unterstützt 140 , setzte einen für Cesena günstigen Frieden 
durch 141 . Von diesem Zeitpunkt an bezeichnen die Cesena- 
tischen Annalen für einige Jahre die Bolognesen als domini, 
die Faentiner nur als amici 142 . So entwickelte sich Bologna 
zur Vormacht in der Romagna gegen das Kaisertum, das jetzt 
mit Friedrich II. einen neuen Aufschwung erleben sollte. 

Bis zum Jahre 1219 hatte sich die Herrschaft des 
Staufers in Deutschland befestigt, und damit war auch sein 
Ansehen in Italien gestiegen 143 . Das veranlpßte wieder die 
Imolesen, die sich bisher in ihr Los gefügt hatten, sich gegen 
die verbündeten Nachbarn aufzulehnen. Sie sandten eine 
Abordnung nach Deutschland, die im Februar vom König 
eine Bestätigung der letzten Zusicherungen Ottos IV. er¬ 
langte 144 . Dann wagten sie einen Streit mit Faenza. Als 
dieses aber im Verein mit Bologna eine drohende Antwort 
erteilte, gingen sie am 24. März den Papst, als ihren Schutz¬ 
herrn, um Hilfe an 145 . Bald trafen auch die ersten Vertreter 
der neuen Reichsgewalt, der Bischof von Turin und der 
Markgraf von Montferrat in Bologna ein und verlangten 


von Ottos Römerzug machte sich Bagnacavallo wieder selbständig 
und die Bergcapitane lehnten sich gegen Faenza wieder auf (Toto¬ 
sanus 600 f.), und beide wurden erst 1216 abermals niedergezwungen 
(Totosanus 605 f.; wegen Donigaglia vgl. Tonduzzi 241; wegen Lugo 
Totosanus 701). 

1,40. Ann. Caes. in Mur. SS. 14, 1093; Totosanus 606; Milioti 
459; Viltola zu 1216; Pietro Rav. zu 1215. 

141. Tonini 3, 417; B.-F. 12499 St.-A. Bbl. Reg. grosso 1, 
fo. 216; Sav. Nr. 442 Reg. grosso 1, fo. 220 . 

142. Ann. Caes. 1093 f. (nach Cron. di Bol. 252) hätte Cesena 
den Bolognesen 1216 einen Gehorsamseid geleistet. 

143. Winkelmann Friedrich II. 1, 81 ff. 

144. B.-F. 990 Or. Kapit.-A. Imola Mazzo 5 Nr. 138. 

145. B.-F. 12563. 


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Rückgabe der Imoleser Grafschaft und Nichtbestätigung des 
Comune Imola. Der Bologneser Podesta antwortete auf die 
erste Forderung, daß er die Berechtigung der Boten, sie zu 
stellen, nicht anerkennen könne, daß die Bolognesen die 
Grafschaft verwalten würden, bis sie dieselbe dem König 
persönlich übergeben könnten. In der zweiten Angelegen¬ 
heit wies er die Gesandten an Faenza 146 . Sie verhängten 
über Bologna eine Bannstrafe, die aber ohne Wirkung 
blieb 147 . Die Bolognesen und Faentiner unternahmen Ende 
Mai einen Angriff auf Imola 148 und erzwangen das Ver¬ 
sprechen, Faenzas Forderungen zu erfüllen und ihm Geiseln 
r.u stellen 149 . Doch dann unterließen die Imolesen die Aus¬ 
führung 150 , weil nun auch Honorius III. eingriff 151 . Und 
Bologna, das damals mit dem päpstlichen Legaten Hugo 
von'Ostia 159 einmal wegen der Frage des Mathildinischen 
Gutes, dann auch wegen des Friedensschlusses mit Pistoja 


146. B.-F. 12570 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 241 v. 

147. B.-F. 12571 Reg. grosso 1, fb. 242. Die Ausführungen 
Dtavidsohns (Forsch. 4, 57) über die Haltung Bolognas gehen wohl 
etwas zu weit. Ueberhaupt weiß ich nicht, ob man noch im drei¬ 
zehnten Jahrhundert von der Datierungsgewohnheit einzelner Notare 
auf die Haltung des ganzen Comune sichere Schlüsse machen kann. 

148. Tolosanus 707; Villola zu 1219, Ann. Caes. in Mur. SS. 
14, 1094. 

149. B.-F. 12576 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 242 vf. 

150. Tolosanus 708. 

151. Im Index von 1239 des Libro rosso im Stadt-A. Imola 
sind folgende heute verlorene Urkunden verzeichnet: Exemphim 
instnimenti excomunicationis late contra Bononienses per d. Ro. Ferrar. 
episcopum d. pape videlicet delegatum, Bonacursus not. (vgl. auch 
B.-F. 12537); Exemphim instrumenti precepti facti Bon. potestati et 
comuni per dictum Ro. super facto obsidum Ymol., Bonacursus not; 
item instrumentum exemplatum super precepto facto per dictum Ro. 
domino Guizardo et quibusdam aliis, pt ex parte sua preciperent 
Bon., ne offenderent Ymolenses, not. mag. Petrus. 

152. Vgl. Winkelmann 76ff.; Levi in ASR. 12, 244f.; B.-F. 12572 
und 81. 


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in Verhandlungen stand, scheint sich hier nachgiebig gezeigt 
zu haben 16 *, nicht so Faenza 164 . Der Papst wird wohl die 
Herrschaft der beiden Städte über die Imoleser Grafschaft 
unberührt gelassen, nicht, wie sein Vorgänger, eigene Rechts¬ 
ansprüche erhoben haben. Dennoch gehört sein Eingreifen 
mit dem Vorgehen der Kurie in den Jahren 1198 und 1215 
zusammen. Es läßt erkennen, daß Rom sein Anrecht auf 
den Exarchat nicht vergaß, wenn es dasselbe auch in den 
folgenden Jahrzehnten gegenüber Friedrich II. nicht mehr 
geltend machte. 

Bei seinem Römerzuge folgte Friedrich II. dem Vor¬ 
bilde Ottos IV., und das Ziel seiner Politik blieb noch 
immer die Wiederherstellung der von Heinrich VI. ge¬ 
schaffenen Ordnungen. Schon vor dem 25. Januar 1220 
jwurde Hugo von Parma zum Grafen der Romagna ernannt, 
der aber mit seiner Forderung, ihm die kaiserliche Graf¬ 
schaft Imola auszuliefem, nicht durchdrang 166 . Doch als 
das Eintreffen des Königs immer näher rückte, und der 
neue Reichslegat, Bischof Konrad von Metz 166 , überall Ge¬ 
horsam fand 157 , da beugte sich auch Bologna vor ihm. 
Gegen Befreiung von der Bannstrafe und Verzicht auf alle 
Entschädigung restituierte es im Spätsommer Grafschaft und 
Kastell 168 . Faenza aber wies des Legaten Ansinnen zurück 
und wurde von Konrad, wohl auf Drängen des wieder 
hervortreteiiden Bischofs Mainandino, mit dem Reichsbann 


153. Das, glaube ich, den beiden Akten, Sav. Nr. 472 und 76 
St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 299 v und 305 v, entnehmen zu dürfen. 

154. Anfang 1220 befanden sich die Imoleser Geiseln noch in 
Faenzas Gewalt; vgl. B.-F. 12601. 

155. B.-F. 12601. 

156. M. G. Constitut 2 Nr. 71. 

157. Winkelmann 90 f. 

15& B.-F. 12617, 26 und 27 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 347, 
348 f.; vgl. auch 12628 a. 


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belegt 150 . Als dann der König Stadt und Gebiet von 
Bologna durchzog 160 , herrschte zwischen ihm und dem 
Comune das beste Einvernehmen 161 , zumal er sich nicht 
Zeit ließ, in die lokalen Verhältnisse tiefer einzugreifen 168 . 
Die Haltung Bolognas zwang auch Faenza zum Nach¬ 
geben 163 , es mußte Friedrichs Gnade mit Zahlung von 
1500 Mark Silber erkaufen 164 . Die Gründe für das Zurück- 
weichen der Bolognesen brauchen nicht weiter ausgeführt 
zu werden. Es genügt, an die ähnliche Situation von 1209 
zu erinnern. 

In den nächsten Jahren, während Friedrich im fernen 
Süden von den Angelegenheiten seines Königreiches vollauf 
in Anspruch genommen war, ging der Streit um Castello 
d’ Imöla weiter. Das Imoleser Comune wünschte seine Ver¬ 
nichtung ebenso dringend, wie den Bolognesen und Faen- 
tinem an seiner Erhaltung gelegen war. Im Verlauf des 
Konflikts trat die damalige Schwäche der Reichsgewalt so 
recht zutage. Auf der einen Seite mußte Imolas Führer, 
Mainardin, in Friedrich und dessen Vertretern seine natür¬ 
lichen Bundesgenossen sehen, dennoch scheute er sich nicht, 
die Zerstörung des dem Kaiser gehörenden Kastells anzu¬ 
streben. Auf der anderen Seite konnten Bologna und Faenza, 
wie zur Zeit Ottos IV., ihr eigentliches Ziel unausgesprochen 
lassen und sich als Beschützer der Reichsrechte aufspielen, 
ja sie fanden kaiserliche Beamte, die ihr Vorgehen billigten. 


159. B.-F. 12629 und 30; vgl. auch 1161, 12632. Tolosanus 
(709) übergeht den Konflikt Faenzas mit dem Legaten. 

160. B.-F. 1175 ff. 

161. Nach einer von Odofred erzählten Anekdote (in AMR. 
12, 353 Anm. 3) soll der Bologneser Podesta den Orafschaftsbewoh- 
nein verboten haben, sich über Uebergriffe der königlichen Truppen 
zu beschweren; vgl. auch Friedrichs Privileg für den Bologn. Po¬ 
desta dieses Jahres. B.-F. 1178. 

162. Winkelmann 101. 

163. Winkelmann 103 f. 

164. B.-F. 1184 a.' Ueber Friedrichs Eingreifen in den Streit 
Faenzas mit Forli vgl. B.-F. 1192 a und b und Winkelmann 104. 


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Die Aggressive übernahm wieder Bolognas Gegner. 
Wohl im Einverständnis mit dem Legaten Konrad von Metz 165 
schloß Mainardin mit einem Teil der Bewohner von Castello 
d’ Imola einen Geheimvertrag 166 . Die Bolognesen ant¬ 
worteten mit einer Plünderung der Besitzungen des Imoleser 
Bischofs 167 und legten im Juni 1221 den Castellanen die 
eidliche Verpflichtung auf, für die Unversehrtheit der Feste 
Sorge zu tragen 168 . Und der kaiserliche Graf der Romagna, 
Hugo von Parma, scheint diesmal ihre Partei ergriffen zu 
haben 169 . Aber er wurde in den ersten Tagen des Juni 
in Ravenna getötet 170 und sein Nachfolger, Gottfried von 


165. Mainardino weilte damals beim Legaten (vgl. B.-F. 12668) 
zu Bologna. — Konrad griff damals auch in den Streit zwischen 
Bischof und Comune von Bologna zugunsten des ersteren ein (vgl. 
N. A. 31, 471), gab ferner dem Grafen von Panico (im Renotal —vgl. 
oben S. 128 Anm. 90. Die Grafen hatten in den letzten Jahrzehnten 
gute Beziehungen zu Bologna unterhalten; vgl. ihre Anwesenheit 
bei folgenden städtischen Akten: Sav. Nr. 291, 299, 367, 409, 
Tonini 3, 388, Liber ccnsuum Nr. 33) ein Privileg, das, wäre es 
zur Ausführung gelangt, Bolognas noch junge Herrschaft in den 
Berglanden arg gefährdet hätte (B.-F. 12668 Transs. von 1485 im 
Museo Civioo zu Padua Istrumenti dei conti di Panico 1 Nr. 2). 

166. B.-F. 12669. 

167. Vgl. das Schreiben Honorius’ III., Sav. Nr. 516 Kapit.-A. 
Imola Mazzo 5 Nr. 145. 

168. B.-F. 12712 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 391. 

169. Das glaube ich einem Dokument vom 24. April 1221 
entnehmen zu können, wonach Imoleser Bürger dem Grafen Pfänder 
gaben occasione et factis civium von Imola de Castro Ymole (Stadt-A. 
Imola Mazzo 1 Nr. 60). 

170. Am 31. Mai wird er noch (vgl. Urkundenregest im Index 
von 1239 zum Lib. rosso im Stadt-A. Imola) als Oraf der Romagna 
und Podesta von Ravenna angeführt (B.-F. 12713 trägt zur Frage 
nichts bei, da es nicht am, sondern vor dem 11. Juni abgeschlossen 
wurde). Oleich darauf muß er getötet worden sein, denn schon 
am 13. Juni (B.-F. 1342 und 3) bestimmte der Kaiser einen Nach¬ 
folger. Bei Villola zu 1221 heißt es: mortuus fuit Ugolinum (!) 


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Biandrate, kam wahrscheinlich 1221 noch nicht nach der 
Romagna 171 . So fehlte hier, wie auch im übrigen Oberitalien, 
eine Zeitlang jede Reichsvertretung. Sie ersetzte gewisser¬ 
maßen der wieder nördlich des Apennin erscheinende päpst¬ 
liche Legat, Hugo von Ostia, der auch über kaiserliche 
Vollmachten verfügte und überall sich bemühte, die lokalen 
Streitigkeiten beizulegen 172 . Wenn er in gleicher Weise auch 
in der Romagna vorging, so braucht es dabei nicht in seiner 
Absicht gelegen zu haben, die Ansprüche der Kurie auf den 
Exarchat wieder zur Geltung zu bringen. Der Kardinal 
weilte den ganzen Monat August in Bologna 173 , einmal weil 
er bei der Hauptaufgabe seiner Legation, der Sammlung 
der Kreuzzugsgelder, die Hilfe der Bologneser mercatores 
stark in Anspruch nahm, dann weil die Beisetzung des 
heiligen Dominikus, der ihm sehr nahe gestanden, seine 
Anwesenheit erforderte 174 , endlich weil er auch in die 
Imoleser Frage einzugreifen gedachte. In Imola hatte 
Mainardin wieder das Podestaamt übernommen 175 und am 
10. Juli mit einem Teil der Castellanen die Abmachungen 
wegen Uebersiedelung nach Imola erneut 176 . Faenza, das, 
trotz des Legaten Verbot, dagegen einschritt, verfiel dem 
Bann und zahlte im Spätsommer eine erhebliche Straf¬ 
summe 177 . Es ist nicht ersichtlich, ob die Faentiner, wie 


comes Romandiole pro imperatore a Ravenatibus (vgl. auch Spie. 
Rav. hist, in Mur. SS. 1, 2, 578. Der Annahme Winkelmanns 
173, daß der Ermordung des Grafen seine Amtsentsetzung vor¬ 
anging, kann ich nicht beistimmen); vgl. auch B.-F. 1364 und 12823. 

171. Winkelmann 173. 

172. Winkelmann 167 ff. 

173. Vgl. B.-F. 12739 ff., auch Trombelli 59. 

174. Ueber beides vgl. spätere Ausführungen. 

175. Als solcher erwähnt in der oben Anm. 170 angeführten 
Urkunde vom 31. Mai. 

176. Sav. Nr. 519 Erzbisch.-A. Ravenna Caps. H Nr. 3301, 
Sav. Nr. 520. 

177. Vgl. B.-F. 12748, 59, 60, 63. 


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im Vorjahr, zu tollkühn vorgingen, oder ob sie von Bologna 
im Stich gelassen wurden. Jedenfalls berührte der Kardinal 
mit keinem Wort die Frage des Schicksals des Kastells 
und vermied jede Verletzung der Bologneser Interessen, 
aller Wahrscheinlichkeit nach, um nicht der Unterstützung 
der Kaufleute der Stadt verlustig zu gehen 178 . 

Die Zurückhaltung der Bolognesen muß Mainardin ge¬ 
reizt haben, einen Schritt weiter zu tun. Am 3. Januar 1222 
erfolgte die Zerstörung von Castelio d' Imola 179 . Nun griff 
auch Bologna wieder zu den Waffen und es gelang ihm, 
den neuen Orafen der Romagna ganz auf seine Seite zu 
ziehen. Eigentlich war es eine Komödie, wenn Gottfried 
am 15. Januar den Bolognesen und Faentinern im Namen 
des Kaisers die Exekution gegen Imola anbefahl, und der 
Podesta von Bologna den Grafen vergeblich um Aufschub 
des Bannspruches ersuchte 180 . Ende Januar dann unter¬ 
nahmen die beiden Städte einen Zug ins Imoleser Gebiet 181 . 
Jetzt griff Friedrich selbst ein und tat alles, was ihm beim 
Fehlen jeder Truppenmacht in Oberitalien möglich war. Er 
nahm Imola, das auch nach seiner Auffassung mit der Zer¬ 
störung des Kastells einen Gewaltakt begangen hatte, wieder 
zu Gnaden an 183 und beauftragte mit der Angelegenheit 
den Erzbischof Albrecht von Magdeburg. Diesem hatte er 
die Legation nur für die Lombardei, Mark Treviso und 
Romagna übertragen, da er, nicht zuletzt wohl wegen der 
geschilderten Vorgänge, eine Teilung der Verwaltung von 


178. Der von Levi in ASR. 12, 280 f. angeführte Grund scheint 
mir von geringerer Bedeutung zu sein. 

179. Tolosanus 711 und die Inschrift bei Manzonius 168. 

180. B.-F. 12818 und 19, Sav. Nr. 525, St.-A. Bol. Reg. grosso 
1, fo. 423, 425, 426 (ebendort fo. 427 die Bannverkündigung vom 
23. Januar verzeichnet). 

181. Villola zu 1222. 

182. B.-F. 1396 Kopie des 13. Jahrhunderts im Erzbisch.-A. 
Ravenna CaDS. F Nr. 2121 


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Reichsitalien für notwendig erachtete 18 '*. Der Erzbischof 
stellte sich auf Imolas Seite. Aber Bologna und Faenza 
zeigten .keine Neigung, die bisher für sie so vorteilhafte 
Situation aufzugeben, zumal der kaiserliche Graf weiter zu 
ihnen hielt. Im Mai unternahmen sie einen längeren 
Plünderungszug, dem besonders wieder die Besitzungen 
Mainardins zum Opfer fielen 184 . Die Boten, die Albrecht 
ihnen sandte, wurden mit mehr oder weniger Schroffheit 
abgewiesen. Da verhängte der Legat über Bologna, als den 
Anstifter, die Strafe von 5000, über Faenza, als seinen 
Helfershelfer, eine solche von 3000 Mark Silber, und Fried¬ 
rich II. bestätigte den Spruch 185 . Aber auch das verfehlte 
seine Wirkung. Nun begab sich der Erzbischof nach 
Ravenna 186 und bemühte sich, nicht nur die Städte der öst¬ 
lichen Romagna, sondern wohl auch Modena und Cremona 
zum Kampfe gegen Bologna aufzubieten 187 . Aber auch dieser 
Versuch, der seinem kaiserlichen Herrn einige Jahre später 
teilweise glückte, mißlang dem Legaten 188 , während seit Ende 
Juli die Bolognesen und Faentiner Imola belagerten 189 . An¬ 
fang September mußte dieses sich unter den üblichen Be¬ 
dingungen unterwerfen; Castello d’Imola sollte wieder¬ 
hergestellt werden 190 . All* das geschah im Namen des 
Kaisers. Der Graf der Romagna gab seine Zustimmung 191 


183. Winkelmann 182 f ; B.-F. 12828. 

184. Tolosanus 712; Vülola zu 1222. 

185. B.-F. 1396. 

186. Vgl. B.-F. 12834. 

187. Vgl. Rubeus Ravenna 370, auch B.-F. 12841. 

188. Vgl. B.-F. 12840 und 41, Sav. Nr. 529 St.-A. Bol. Reg. 
grosso 1, fo. 431 v f. 

189. Tolosanus 712 f.; Villola zu 1222. 

190. B.-F. 12845 Reg. grosso 1, fo. 432 v, Sav. Nr. 531 Reg. 
grosso 1, fo. 433, Sav. Nr. 532 Reg. grosso 1, fo. 434 v, B.-F. 12847 
= Sav. Nr. 533 Reg. grosso 1, fo. 436, Sav. Nr. 534 Reg. grosso 1, 
fo. 439, B.-F. 12848 = Sav. Nr. 535 Reg. grosso 1, fo. 436v; B.-F. 
12849 Reg. grosso 1, fo. 439. 

J91. B.-F. 12846. 


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und ließ sogar sein Zerwürfnis mit Imola durch einen Spruch 
der Podestas von Bologna und Faenza beilegen 195 . 

Jetzt hatte Friedrich zwischen seinem Legaten, der Imola 
beschützte, und seinem Grafen, der zu Bologna und Faenza 
hielt, zu entscheiden. Oie Bolognesen und Faenti'ner suchten 
etwas einzulenken. Sie sandten Boten an den Kaiser zur 
Rechtfertigung 193 , entließen die Imoleser Geiseln, unter dem 
Vorbehalt der Zurückberufung, und erteilten Imola, dem sie 
nach dem Wortlaut des Friedensschlusses den Podesta zu 
bestimmen hatten, die Erlaubnis, für die nächsten zwei Jahre 
sein Stadtoberhaupt frei zu wählen 194 . Die Entscheidung 
Friedrichs wird im Februar 1223 erfolgt sein, als der Legat 
Albrecht und Bischof Mainardin an seinem Hofe in Capua 
weilten 195 . Er enthob Gottfried von Biandrate seiner Stellung 
und übertrug die Romagna dem Erzbischof von Magdeburg 
auf Lebenszeit 196 , der sich dann bald durch den Vizegrafen 
Johann von Worms vertreten ließ 197 . Weiteres über Fried¬ 
richs Spruch berichten die Quellen nicht. Noch im selben 
Jahre kam Albrecht nach Forli und Imola 198 , im Oktober 
sogar nach Bologna 199 , und schon im August hatten die 


192. B.-F. 12851 Reg. grosso 1, fo. 440. 

193. B.-F. 12855 = Sav. Nr. 539 Reg. grosso 1, fo. 443; vgl. 
auch Sav. Nr. 538 Reg. grosso 1, fo. 443 v mit 3 exeunte Novembr. 

194. Sav. 540 und 41 Reg. grosso 1, fo. 444 und 42, letzteres 
mit 10 exeunte Nov. — Dafür verzichtete Imola am 29. Dezember 
auf allen Schadenersatzanspruch (Sav. Nr. 542 Reg. grosso 1, fo. 440). 

195. Vgl. B.-F. 1438 und 40. 

1%. B.-F. 1473 und 12861 a; vgl. dazu M. G. Constitut. 2 
Nr. 97. 

197. Vgl. B.-F. 12872 Erzbisch.-A. Ravenna Caps. B Nr. 505, 
auch B.-F. 12874; Ficker Forsch. 2, 488 und 3, 453, Formulare des 
Guido Faba in 11 Propugnatore N. S. 3, 1, 314 und 5, 2, 64. 

198. B.-F. 12866 und 75. 

199. B.-F. 12878 Erzbisch.-A. Ravenna Caps. E Nr. 1410 mit 
der widerspruchsvollen Datierung 1223 Ind. 12, Donnerstag, den 
20. Oktober. 


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Faentiner ihm zu einem Zuge gegen einige Bergkastelle 
südlich von Rocca S. Casciano Truppen gesandt 800 . Daraus 
folgt, daß zwischen der Reichsgewalt und Bologna und 
Faenza ein Friede geschlossen war, bei dem sich vermutlich 
beide Teile nachgiebig zeigten. Die späteren Ereignisse er¬ 
geben, daß Castello d’Imola zerstört blieb, daß dafür aber 
auch die Befestigungen der Stadt Imota, die im Vorjahre 
niedergelegt waren, nicht wiederhergestellt wurden. 1224 
weilte der Erzbischof noch mehrfach in der östlichen 
Romagna, kehrte dann vor Jahresschluß nach Deutschland 
zurück 801 . Im November, also wohl nach Abzug des Legaten, 
erzwangen Bologna und Faenza von den Imolesen die Ent¬ 
lassung der Bewohner von Castello d’ Imola 808 , aber zum 
Wiederaufbau der Feste kam es dennoch nicht. Insofern ist 
die Behauptung berechtigt, daß Mainardin sein hartnäckig 
verfolgtes Ziel erreichte. Aber auch Bologna brauchte mit 
dem Ausgang des Streites nicht unzufrieden sein. Sein Ein¬ 
fluß in der Romagna wird bei der Haltung, zu der die Reichs¬ 
gewalt verurteilt war, ohne Zweifel eine erhebliche Steige¬ 
rung erfahren haben. Dazu läßt sich wiederum feststellen, 
was wir schon vorher zu beobachten Gelegenheit fanden. 
Das Verhältnis Bolognas zu den Faentinern verschob sich 
weiter zu seinen Gunsten. Die Faentiner erschienen immer 
mehr in Abhängigkeit von der Bologneser Politik und büßten 
jedes selbständige Vorgehen mit einem Mißerfolg. 

Bei dem geschilderten Konflikt zwischen Bologna und 
Friedrich II. ist noch ein Moment zu beachten. Es handelte 
sich nur um die Imoleser Frage, nicht mehr um den Besitz 
von Teilen des Mathildinischen Gutes. Denn auf das 
Canossanische Erbe hatte der Kaiser nachdrücklich ver¬ 
zichtet 803 . Die Klagen, die Honorius III. gegen den Legaten 


200. Tofosanus 713 f. irrtümlich zu 1222. 

201. B.-F. 12881, 85, 94; Winkclmann 253. 

202. Tolosanus 716. 

203. Overmann Ulf., M. O. Constitut. 2 Nr. 81. 


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Konrad von Metz erhob, waren unberechtigt. Der Bischof 
verweigerte nicht die Herausgabe des Outes, sondern scheute 
sich nur, es von den Comunen, die es größtenteils besetzt 
hatten, zurückzufordem 204 . Der Papst war nicht in der Lage, 
es selbst zu verwalten 205 . So belehnte er einen Modeneser 
Vasall, den Azo von Frignano, mit einer Reihe zur Bologneser 
Diözese gehörenden Orte meist westlich vom mittleren Reno- 
tal, ferner den Grafen von Prato mit alledem, was schon 
dessen Vater aus der Mathildinischen Erbschaft besessen 
hatte 206 , also Orte, von denen Bologna einige seit langem 
occupiert hatte, und deren Mehrzahl durch den Schiedsspruch 
des päpstlichen Legaten 1219 den Bolognesen und Pistojesen 
zuerkannt war 207 . Pistoja dachte nicht daran, seine Er* 
Werbungen preiszugeben 208 . Auch Bologna, das auf Argelato 
und Medicina verzichtet hatte 209 , blieb hier hartnäckig, ging 
sogar sofort mit feindlichen Maßregeln gegen den Grafen 
von Prato vor 210 . Und das Eintreten des Papstes für den 
Orafen blieb ohne Erfolg 211 . 


204. Overmann 109 ff. 

205. Overmann 112 f. 

206. M. G. Epist. pontif. Roman, saec. XIII. 1, Nr. 150 und 51, 

207. Vgl. oben S. 161 Anm. 64. 

208. Vgl. Liber censuum Nr. 144 und 166, dazu Overmann 
115 und Davidsohn Oesch. 2, 1, 84. 

209. Vgl. Sav. Nr. 543 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 446 v. 

Die Orafschaftseinteihing von 1223 (Sav. Nr. 545) nennt Medidna 

nicht, meint mit dem aufgeführten Argelato offenbar das zu Bologna 
gehörende Drittel davon. 

210. Der Graf hatte am 1. Januar 1220 (Sav. Nr. 506 Reg. 

grosso 1, fo. 329) seine Güter in Pianoro und Umgebung u. a. ver¬ 

kauft. Noch im selben Jahr verhängte der Bolog. Podesta die Kon¬ 
fiskation über diese Oüter (vgl. Reg. grosso 1, fo. 409 ff., 416, 329 f.), 
wobei auch das vom Vater des Grafen gekaufte Haus (vgl. oben 
S. 132 Anm. 115) beschlagnahmt wurde. 

211. Vgl. Pressuti Regesta Honorii III. 2 Nr. 3964 und B.-F. 
6627 = Sarti 2, 34. Die Grafschaftseinteilung von 1223 (Sav. Nr. 
545) nennt die wichtigsten der strittigen Orte. 


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Zum Schluß mögen die Errungenschaften Bolognas in 
dem Zeitraum von 1197 bis 1225 zusammengefaßt werden. 
Im Osten, in der Romagna, bestand nominell zwar die von 
Heinrich VI. organisierte Reichsregierung noch fort, aber 
die wirkliche Macht war bei Bologna, neben dem Faenza 
eine untergeordnete Stellung einnahm. Im Süden beherrschte 
Bologna jetzt das Bergland und die Handelsstraßen bis 
zum Apenninenkamm, im Westen hatte ihm der für Modena 
demütigende Schiedsspruch eine vorteilhafte Grenzregulie¬ 
rung gebracht. Nur im Norden gegen Ferrara kam es nicht 
vorwärts. Die Bolognesen benutzten weder den Krieg, den 
der nördliche Nachbar um 1200 gegen Mantua und Ravenna 
führte 212 , noch den inneren Streit zwischen den Häusern 
Torelli und Este 213 , um sich politische Vorteile zu erringen 
oder eine Revision des Handelsvertrages von 1193 herbei¬ 
zuführen 214 . Sie bemühten sich vielmehr eifrig, jeden Kon¬ 
flikt auf dem Wege des Schiedsgerichts beizulegen 215 . 
Während des Römerzuges Ottos IV. wurden sie selbst 
durch den Ferraresischen Parteihader arg in Mitleidenschaft 
gezogen. Aber in der Folgezeit hatten sie wohl Salinguerra 
Torello, doch nie die Stadt Ferrara zum Gegner. Auch 
Anfang der zwanziger Jahre, da der herangewachsene Azzo 
Novello d’ Este mit mehrfachen Angriffen versuchte, dem 
Salinguerra die Herrschaft streitig zu machen 216 , scheint 


212. Vgl. Ann. Mantuan. in M. O. SS. 19, 20; B.-F. 121,81; 
Cliron. Mod. 23; Hampe im N. A. 22, 247 f.; Fantuzzi 5, 460; Ann. 
Caes. in Mur. SS. 14, 1092; ViHola zu 1200; B.-F. 12212, auch Schaube 
705 f. 

213. Daß Bologna 1207 an den Kämpfen in Verona teilnahm, 
ist ein Irrtum; vgl. Hampe im N. A. 22, 249 Anm. 3. 

214. Vgl. B.-F. 12266 Reg. grosso 1, fo. 107 v und Concordie 
inter Ven. et Ferr. (vgl. oben S. 135 Anm. 125) fo. 22 v. 

215. Vgl. Sav. Nr. 375 = Mur. Ant. 4, 421 und 455 Reg. 
grosso 1, fo. 174 v und Conc. inter Ven. et Ferr. fo. 20 v. 

216. Vgl. Ann. Mantuan. in M. Q. SS. 19, 21, Chron. parv. 
Ferr. in Mur. SS. 8, 482; Frizzi 3, 93 f., Chiron. Esten, in Mur. 


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Bologna zufrieden gewesen zu sein, neutral bleiben zu 
dürfen 217 . Der Hauptgrund für diese Zurückhaltung ist uns 
schon bekannt. Solange sich die Ferraresen in ihrer den 
Pohandel beherrschenden Stellung behaupteten, waren 
Bologna die Hände gebunden. 


SS. 15, 2. Aufl., 11; Hampe in N. A. 22, 250 ff., Arch. Veneto 9, 
90, Nuovo Arch. Veneto 6, 158; Cipolla im Bullettino 29, 56; Ricobaldus 
in Mur. SS. 9, 127; Ann. Caes. in Mur. SS. 14, 1094; Rolandinus 
in M. O. SS. 19, 48 f.; Liber regiminum Paduae in Mon. Venet. 
Miscetl. Ser. 2, 6, 77 f.; Ann. S. Just, in M. O. SS. 19, 152, dazu 
Lenel Studien zur Qesch. Paduas 42; Vflk>la zu 1222; B.-F. 12883 
und 84; Salzer 34 Antn. 37; Stieve Ezzelino von Romano 15. 

217. Nach Sav. 3, 13 erlitten 1222 einige Bolognesen Schädi¬ 
gungen in Ferrara. 


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II. Kapitel. 


Kampf Bolognas gegen Friedrich II. 

Der Entscheidungskampf Friedrichs II. mit dem Lom- 
bardenbund, der zum Siege der comunalen Freiheit über 
das Kaisertum führte, ist ein welthistorisches Ereignis. In¬ 
dem der Plan des Autokraten Friedrich, Gesamtitalien unter 
seinem Scepter zu vereinigen, mißlang, und die lokalen Ge¬ 
walten das Feld behaupteten, wurden die politischen Grund¬ 
lagen geschaffen, die für die Kulturepoche der Renaissance 
die Voraussetzung bildeten. Bei einer solchen Betrachtungs¬ 
weise gewinnen auch die nächsten Jahrzehnte der Bologneser 
Geschichte eine allgemeinere Bedeutung. Denn wenn die 
Stadt auch nicht allein, sondern nur als Glied des Lombarden- 
bundes der Reichsgewalt entgegentrat, so hatte sie doch, 
dank ihrer nunmehr gewonnenen Machtstellung, an der 
Niederlage Friedrichs einen erheblichen Anteil. 

Lange genug hatte sich Friedrich jedes ernsteren Ein¬ 
griffs in die Verhältnisse Oberitaliens enthalten müssen. Erst 
fünf Jahre nach der Kaiserkrönung erachtete er seine Stellung 
für genügend gefestigt, um die Wiederaufrichtung der dahin¬ 
gesunkenen kaiserlichen Autorität in der Poebene versuchen 
zu können. Da aber seine Streitkräfte der Truppenmacht 
der Comunen nicht entfernt gewachsen waren, vermochte 
er nicht mehr, wie seine Vorgänger, sich über die beiden, 
von Mailand und Cremona geführten Parteien zu stellen, 
sondern trat von vornherein als Bundesgenosse der Cre- 


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monesen auf 1 2 . Infolgedessen war an einen friedlichen Aus¬ 
gleich mit der zu Mailand haltenden Städtegruppe nicht 
zu denken. Die Antwort auf die Berufung des Reichstages 
für Ostern 1226* war die Erneuerung des Lombardenbundes. 
Im Frühjahr 1226 schlossen sich Mailand, Bologna, Brescia, 
Mantua, Padua, Vicenza, Treviso 3 , Faenza 4 5 , Vercelli und 
Alessandria, endlich Lodi, Piacenza und Verona zusammen 3 . 
Schwerlich haben die Leiter der Bologneser Politik ge¬ 
schwankt, ob sie auf die Seite Mailands oder Cremonas 
treten sollten. War Bologna in den letzten Jahrzehnten den 
Oegensätzen der Lombardei auch ferngeblieben, so hatte 
doch seine Freundschaft zu Mailand nur in den neunziger 
Jahren des verflossenen Jahrhunderts eine kurze Störung 
erfahren 6 . Dazu hatte es nach den jüngsten Vorgängen 
in der Romagna weniger als irgend eine andere Stadt auf 
Friedrichs Wohlwollen zu rechnen. Es ließe sich nichts an¬ 
führen, was die Bolognesen, die treuesten Anhänger der 
ersten Liga, hätte veranlassen können, bei den Gegnern 
der zweiten ihren Platz zu suchen. Aber ihre Position inner¬ 
halb des neu erstandenen Bundes hatte sich geändert. 
Bologna war nicht mehr eines der vielen Bundesmitglieder, 
die sich um das führende Mailand scharten, sondern ihm 
wurde neben der lombardischen Kapitale die zweite Stelle 
eingeräumt 7 . 

In den ersten Sitzungen des Bundes 8 kam noch keine 


1. Winkehnann Friedrich II. 1, 267, 269f.; Codagnellus 74; 
B.-F. 1581. 

2. B.-F. 1580. 

3. B.-F. 12926 a; Güterbock im N. A. 23, 215. 

A Tolosanus 719. 

5. B.-F. 12929. Die Einwendungen Güterbocks (N. A. 23, 
216) gegen B.-F. 12930 scheinen mir nicht begründet zu sein. 

6. Vgl. auch die große Zahl der aus Mailand nach Bologna be¬ 
rufenen Podestas. 

7. Vgl. auch Codagnellus 75. 

8. Vgl. auch ß.-F. 12931 f. Man vereinigte sich nur zur 


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offene Feindschaft gegen Friedrich zum Ausdruck, aber all¬ 
gemein rüstete man sich zu einer drohenden Defensivstellung, 
Bologna im besonderen schützte sich durch neue Stadt¬ 
befestigungen 9 . So befand sich der Kaiser in einer üblen 
Lage. Nicht in Cremona, wie beabsichtigt, sondern in 
Ravenna, wo er Anfang April eingetroffen war 10 , mußte 
er Ostern feiern 11 . Zu ihm eilten alle Feinde Bolognas und 
Faenzas in der Romagna 12 . Natürlich blieb die Imoleser 
Frage nicht unberührt. Friedrich erneute dem Bischof 
Mainardin, der sich seit dem März in seiner Umgebung 
aufhielt 13 , seine Privilegien und betonte dabei die Rechte 
des Reiches auf die Imoleser Grafschaft 14 . Und beim 
Passieren der Stadt Imola veranlaßte er das Comune, mit 
der Wiederherstellung der Stadtbefestigungen zu beginnen 15 . 
Mehr aber als Privilegien und auffordernde Worte vermochte 
er nicht zu geben. Und gerade beim Durchzug durch die 
Romagna trat seine Schwäche klar zutage. Nicht als ob 
Bologna und Faenza den Herrscher offen angegriffen hätten, 
aber sie zwangen ihn, sich abseits von der Via Emilia mit 
aller Vorsicht an ihnen vorbei zu bewegen, und die Teile 
der kaiserlichen Truppen, die die Städte berühren mußten, 
sahen sich kränkenden Belästigungen ausgesetzt 16 . Es war 


Wahrung der den Comunen bei dem Konstanzer Frieden eingeräumten 
Rechte. 

9. Chron. di Bol. 255; GodagneMus 76. 

10. B.-F. 1598 a; Winkelmann 283. 

11. Rycc. de S. German, in Mon. stör, di soc. Napolet. 1, 126. 

12. Tolosanus 717 f. 

13. Scheffer-B. Forsch. 277. 

14. B.-F. 1653 Bischof-A. Imola Libro B fo. 15. 

15. Rycc. de S. German. 126. 

16. Friedrich zog an Faenza vorbei, weilte am 9. Mai in 
Imola, machte dann einen Rasttag in Mediana, verhandelte von 
dort aus mit den Bolognesen, brach am 13. vor Abschluß der Ver¬ 
handlungen auf und gelangte, durch Unwetter von seinem Heere 


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eine tiefe Demütigung, die ein Friedrich II. nicht vergessen 
konnte 17 . 

Für den Kaiser günstiger lagen die Dinge im Westen 
Bolognas, so gelang es ihm hier, einen erheblichen diplo- 
Imatischen Erfolg zu erzielen. — Modena hatte für die 1204 
erlittene Niederlage noch keine Genugtuung erhalten. Die 
offizielle Freundschaft, in der es mit dem östlichen Nachbar 
lebte — noch der Bologneser Podesta von 1226 stammte 
aus Modena 18 — war nur eine Folge seiner Schwäche. 
Auch unterhielt es schon zu Parma und Cremona gute Be¬ 
ziehungen. Und die inneren Unruhen der letzten Jahre 19 
berechtigen zu der Vermutung, daß ein Teil der Bevölkerung 
mit der bisherigen Stadtpolitik unzufrieden war und eine 
schärfere Betonung des Gegensatzes zu Bologna forderte. 
Auch in Reggio lassen sich innere Bewegungen kon¬ 
statieren 20 , bei denen der Bischof Nicolaus, ein treuer An¬ 
hänger Friedrichs 21 , einen gewissen Einfluß ausgeübt haben 
mag, und die dann vielleicht zum Uebertritt des Comune 
zu den kaiserfreundlichen Städten geführt haben. Dazu be- 


getrennt, am Abend nach dem burgus von S. Giovanni in Persiceio, 
während seine Truppen nach Bologna zogen und dort auch Nacht¬ 
quartier erhielten. Ihr Abmarsch aber am nächsten Morgen nahm 
infolge von Streitigkeiten einen fluchtähnlichen Charakter an. Am 
15. traf der Kaiser in Modena ein. Die Truppen seiner Freunde, 
Cremona, Parma usw., denen Bologna den Durchzug durch die 
Romagna verwehrt hatte, kamen dem Kaiser wahrscheinlich bis 
S. Giovanni entgegen. Vgl. Codagnelhis 77 ff. Cron. Reinhardsbr. 
in M. G. SS. ßO, 1, 604; Rycc. de S. German. 126;; Tolosanus 
718; Ann. Plac. 469, Cron. di Bol. 255; Griffoni 8, Cron. Mod. 34; 
B.-F. 1605 aff. 

17. Bezüglich Faenzas vgl. B.-F. 3152. 

18. Villola zu 1226. 

19. Chnon. Mod. 32 ff. Podesta von Modena war 1225 ein 
Cremonesc, 1226 ein Parmese. 

20. Milioli 505. 

21. Vgl. z. B. B.-F. 1518 und 19, 3288 und Mflioli 515. 


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gingen die Bolognesen den schweren Fehler, nichts zur Be¬ 
lebung des Bündnisses, dessen Erneuerung Reggio noch 
1224 beantragte 22 , zu tun und der sich anbahnenden Freund¬ 
schaft mit seinen Nachbarn nicht entgegenzutreten. Schon 
an den Emeuerungsverhandlungen des Lombardenbundes 
beteiligten sich weder Reggio noch Modena. Jetzt, unter 
dem Einfluß Friedrichs, trennten sich beide völlig von 
Bologna und schlossen sich der Cremoneser Städtegruppe 
an 23 , die damit zu einem ansehnlichen Gegner des Bundes 
wurde. 

Die neue Situation veranlaßte die Mitglieder der Liga 24 , 
als sie sich Ende Mai in Mantua zusammenfanden, zu 
energischerem Vorgehen. Ihre Beschlüsse zeigten eine er¬ 
heblich schärfere Tonart gegen Friedrich als vor einem 
Monat, und forderten besonders schroffe Abschließung gegen 
die Parteigänger Cremonas 25 . Auch trafen sie eine militä¬ 
rische Aufstellung, die eine Vereinigung des bei seinen 
Bundesgenossen wellenden Kaisers mit dem von Deutsch¬ 
land heranziehenden König Heinrich hinderte 26 . Die be¬ 
gonnenen Verhandlungen verliefen resultatlos, da der Bund 
unannehmbare Forderungen stellte, und Friedrich, auf den 
den Comunen feindlichen Episkopat gestützt, sich nicht nach¬ 
giebig zeigte, auch Cremona und dessen Freunde weiter 
begünstigte 87 . Am 11. Juli verhängte er über die Liga den 

22. Vgl. oben S. 155 Anm. 22. 

23. Vgl. die oben S. 191 Anm. 16 angeführten Quellen. 

24. Der sich jetzt auch Bergamo angeschlossen hatte; vgl. 
Ann. Bergom. in M. G. SS. 31, 332. 

25. B.-F. 12935, 12940; Güterbock im N. A. 23, 216. Die 
Beschlüsse wurden in die Bologneser Statuten aufgenommen (Frati 
2, 48). 

26. Codagnellus 79ff.; B.-F. 4006b. Faenza sandte am 27. Mai 
seinen Podesta mit 50 milites (Tolosanus 720), Bologna 250 milites 
und 50 balesterii (Villola zu 1226). 

27. Winkelmann 295 ff. und vorher, B.-F. 1620 a, M. G. Con- 
stitut. 2 Nr. 105; B.-F. 1638 b, 1645 a; Codagnellus 81 f. 


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Reichsbann, sprach ihre Mitglieder aller Privilegien ledig 
und traf Bologna besonders empfindlich durch Aufhebung 
der Universität 28 . Der Ausgleich dann, der im Frühjahr 1227 
den Päpsten, Honorius III. und seinem Nachfolger 
Gregor IX., zwischen dem Kaiser und den Lombarden ge¬ 
lang, und bei dem Friedrich alle gegen den Bund aus¬ 
gesprochenen Strafen zurücknehmen mußte 29 , brachte keinen 
Frieden, sondern nur einen Waffenstillstand. Und wie 
Friedrich dafür Sorge trug, daß der Gegensatz zwischen 
Mailand und Cremona in voller Schärfe fortbestand, so 
entfachte er auch zwischen Bologna und Modena dauernde 
Feindschaft. Er erklärte- die 1204 den Modenesen aufge¬ 
zwungene Grenzbestimmung für ungültig und sprach ihnen 
alle damals entzogenen Orte wieder zu, auch Rocca Cometa, 
das 1197 den ersten Anlaß zum Wiederausbruch des Zwistes 
zwischen Bologna und Modena gebildet hatte 30 . Zugleich 
hob er die innere Kraft der Modeneser Stadtgemeinde, in¬ 
dem er den Streit mit ihrem Bischof zu ihren Gunsten 
entschied, so daß ihre Herrschaft über die ganze Graf¬ 
schaft durch nichts mehr gehemmt wurde 31 . 

Schon im Herbst 1227, als Friedrich dem päpstlichen 
Banne verfallen war, werden die Feindseligkeiten zwischen 
Bologna und Modena begonnen haben 32 . Wie bei seinem 


28. B.-F. 1667 a und 1668; Winkelmann 297 f., M. G. Con- 
stitut 2 Nr. 107. Ueber die Universität vgl. auch später. 

29. Vgl. B.-F. 1674, 12957; Codagnellus 83; dann M. G. 
Constitut. 2, Nr. 109—114; B.-F. 6668, 73, 82-84. 

30. B.-F. 1631 Stadt-A. Modena Reg. Priv. fc>. 69 v. 

31. Vgl. Friedrichs Privileg B.-F. 1630 und als Folge davon 
den Vertrag zwischen Bischof und Cotnune B.-F. 12980 = Tiraboschi 
Modena 4 Nr. 773. 

32. Sie dauerten dann fort, nachdem die Friedensverhandlungen 
des Oktober zu keinem Ziele geführt hatten (Sav. Nr. 563 f. = Tira¬ 
boschi Modena 4 Nr. 769 f. Stadt-A. Modena Reg. Priv. fo. 164. 
Der Bologneser Podesta bricht die Verhandlungen mit dem Wort: 
Eamus, ab). 


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ersten Streite mit Modena knüpfte Bologna mit den Capi- 
tanen des Frignano Verbindungen an und veranlaßte die 
Auflehnung der einen Ritterpartei, der Montecuccoli, gegen 
die Modeneser Oberhoheit 33 . Beide Städte begannen zu¬ 
gleich ihre Grenzen durch Anlage von Sperrfesten zu 
sichern. Die Modenesen errichteten an der Via Emilia 
östlich des Panaro das Castel Leone 34 . Ihm gegenüber er¬ 
bauten die Bolognesen Castelfranco, das im Westen die 
gleiche Aufgabe erfüllen sollte, die seit Beginn des Jahr¬ 
hunderts dem Castel S. Pietro im Osten oblag 35 . 

Im Herbst des folgenden Jahres unternahm Bologna 
eine groffe militärische Aktion 36 . Romagna, Mark Ancona 
und Toscana, ja die ganze Lombardenliga stellten Truppen¬ 
kontingente, und Mailand unterstützte sein Vorgehen durch 


33. Chronik des Frignano (vgl. über sie oben S. 156 Anm. 26) 
zu 1227; Chron. Mod. 34. 

34. Tiraboschi 4 Nr. 771; Chron. Mod. 34. 

35. Chron. Mod. 34; Villola zu 1227; Chron. Loli. 125. Auch 
ein Prozeßfragment von 1256 zwischen Co mime Bol. und Hospital 
S. Ambrogio (St.-A. Bol. Podesta Sentenze) ergibt Beginn der Kastell¬ 
anlagen im Jahre 1227. Nach erhaltener Inschrift (Sav. 3, 63) fällt 
die Erbauung ms Jahr 122S. Vom Juni 1228 haben sich Aufzeichnungen 
über die Anlage des Grabens und Verteilung der Grundstücke erhalten 
(St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 500 v ff.). Im Jahre 1231 wurden 
die Befestigungen auf allen vier Seiten erweitert (Sav. Nr. 586 Reg. 
grosso 1, fo. 445 v), und dazu erfolgten 1232 Steinlieferungen (vgl. 
St.-A. Bol. Podesta Libri dei processi in pergam). Aus den er¬ 
haltenen Nachrichten ist ersichtlich und wird durch den heutigen 
Zustand bestätigt, daß, während Castel S. Pietro südlich der Via 
Emilia mit der Schmalseite ihr zugewandt liegt, Castelfranco von 
der Straße in seiner Längsrichtung durchschnitten wird. Wie Castel¬ 
franco auch als Proviantdepot benutzt wurde, zeigt ein Bericht von 
1244 (AMR. 3, 24, 36 und 17). Vgl. auch noch Frati Stat. 2, 92; 
1, 492; 2, 259. 

36. Codagnefhis 88f. (vgl. auch die Noten); Tolosanus 722f.; 
Chron. Mod. 35; Milioli 506; Ann. Cremon. in M. O. SS. 31, 
15; Ann. Parm. 667; Ann. Caes. in Mur. SS. 14, 1094; Salimbene 37 
vgl. Davidsohn Gesch. 2, 1, 157. 


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einen ziemlich gleichzeitigen Angriff auf das Cremoneser 
Gebiet. Nichts spricht deutlicher für die bedeutende Stel¬ 
lung, die die Bolognesen im Bunde einnahmen. Dazu waren 
sie der Gunst Gregors IX. sicher, da der Papst im Sommer 
1228 eine Art Bündnis mit den Lombarden eingegangen war 37 . 
Auf der anderen Seite standen nur die drei Comunen, 
Modena, Parma und Cremona — Reggio scheint sich vor¬ 
läufig neutral verhalten zu haben 38 —, und der Kaiser 
konnte ihnen keinen Beistand gewähren. Dennoch brachte 
der Kampf Bologna keine Erfolge. Der Grund wird natür¬ 
lich zuerst in der Ueberlegenheit der Modeneser Kriegs¬ 
leitung zu suchen sein 39 . Daneben aber lassen sich noch 
folgende Momente geltend machen: Während die drei an¬ 
gegriffenen Städte ihre Streitkräfte leicht zusammenfügen 
konnten, sich auch dem Kriegsschauplatz relativ nahe be¬ 
fanden, sah sich Bologna auf den Zuzug einer großen Zahl 
kleiner Truppenkörper angewiesen, die bei ihrem unregel¬ 
mäßigen Einrücken und Abziehen eine planmäßige Führung 
sehr erschwerten und sich einem einheitlichen Kommando 
nicht fügen wollten. Und dazu fehlte dem Grundstock, 
dem Bologneser Heere, infolge innerer Wirren, diejenige 
moralische Geschlossenheit, die das militärische Unter¬ 
nehmen erforderte. 

Bologna begann am 4. Oktober 1228 die Belagerung 
des vorgeschobensten Punktes der Modeneser Grenzverteidi- 


37. Winkelmann 2, 28 f. 

138. Nur die Ann. Veron. in M. G. SS. 19, 7 (vgl. Hampe in 
N. A. 22, 254) berichten irrtümlich Reggios Anteilnahme an den 
Kämpfen. So enthalten auch die Beschlüsse des Lombardenbundes 
vom Ende des Jahres 1228 (vgl. Güterbock im N. A. 22, 218 ff., 
221 ff.) nichts Feindseliges gegen Reggio. Vielleicht neigte noch 
ein Teil der Reggianer Bevölkerung Bologna zu. 

39. So ausführlich die Quellen auch sind, sie gestatten doch 
kaum, eine ins Einzelne gehende Kritik an der Bologneser Heer- 
führung zu üben. 


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gung, des wichtigen Bazzano an der Samoggia. Aber dem 
heranziehenden feindlichen Heere gelang es, den Einge¬ 
schlossenen Verstärkung zu bringen, dann die von den 
Bolognesen 1203 angelegte Feste Piumazzo (oder S. Colom- 
bano) niederzubrennen, ja einen kühnen Kavallerievorstoß 
auf der Via Emilia bis zum Reno zu machen. Beim Rück¬ 
marsch fand man den Weg an der Samoggia gesperrt, schlug 
sich aber siegreich nach Spilamberto durch. Nun setzten 
die Bolognesen, verstärkt durch Zuzug aus der Mark Verona 
und Ferrara, die Belagerung fort. Doch ein Sturm mißlang. 
Und am 13. November mußten die Truppen abziehen, da 
in Bologna selbst Unruhen ausbrachen. Die militärischen 
Mißerfolge hatten die aristokratische Stadtherrschaft er¬ 
schüttert. Der Befehlshaber von Piumazzo wurde des Ver¬ 
rats beschuldigt und am 22. November bei einem Tumult 
. des Popolo vor dem Stadtpalast erschlagen; aus dem gleichen 
Grunde verfielen die nahe Piumazzo ansässigen Herren von 
S. Marco dem Bann und ihre Güter der Konfiskation 40 . 
Daran schlossen sich innere Bewegungen, die anfangs 
tumultuarische Formen annahmen und dem Bologneser Volk 
steigenden Anteil am Regiment verschafften. Auch nach 
außen blieb der unglückliche Feldzug 41 nicht ohne Folgen. 
Im Januar 1229 erklärten die Montecuccoli des Frignano 
ihre Neutralität 42 und im folgenden April schlossen die 


40. CantineUi 1, Griffoni 9; vgl. auch Vitlola zu 1228 und 
Toiosanus 722. Aufzeichnungen über die den Herrn von S. Marco 
konfiszierten Besitzungen aus dem Jahre 1232 finden sich unter 
den Estimi-Fragmenten des St.-A. Bol. 

41. Nach Chron. Mod. 36 machten die Bolognesen am 20. De» 
zember nochmals einen Vorstoß ins Modenesische, hatten aber bei 
Castelvetro (nordwestlich von Vignola) ein ungünstiges Gefecht zu 
bestehen. 

42. Tiraboschi Modena 4 Nr. 775 St.-A. Modena Fondo Monte¬ 
cuccoli A. Nr. 1. Obwohl moderne Abschrift mit stilistischer, viel¬ 
leicht auch die Namen berührender Ueberarbeitung, inhaltlich nicht 
anzuzweifeln. 


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Florentiner mit Modena und seinen Bundesgenossen einen 
F riedensvertrag 48 . 

Ende Juni erneuerten sich die Feindseligkeiten, wurden 
aber durch einen kurzen Waffenstillstand unterbrochen 44 . 
Man darf annehmen, daß die Nachricht von des Kaisers 
Rückkehr aus dem Orient 45 diese abwartende Haltung ver- 
anlaßte. Als Bologna den Kampf wieder aufnahm 46 , ge¬ 
währten wie im Vorjahre der Lombardenbund und die 
Romagna beträchtliche Unterstützung. Mitte August schritt 
man zur Einschließung der am rechten Ufer des Panaro 
gelegenen Feste S. Cesario. Die Truppen Cremonas, Parmas 
und Modenas konnten nicht hindern, daß am 4. September 
die Erstürmung des Kastells erfolgte. Am nächsten Nach¬ 
mittag aber griffen sie den sich schon zum Abzug rüstenden 
Gegner an. Ein hitziger Kampf entspann sich bis Mitter¬ 
nacht, und gegen -Morgen artete der Abmarsch der Bolo¬ 
gnesen in Flucht aus. Nicht nur Lager und Bagage wurden 
im Stich gelassen, sondern beinahe geriet auch der Farinen- 
wagen in die Hände der Feinde. Es war eine empfindliche 
Niederlage, die sogar bei der außeritalienischen Annalistik 
Beachtung fand. 

Am 5. September 1229 hatte eine wirkliche Schlacht statt¬ 
gefunden, nicht bloß ein Reitergefecht wie im Oktober des 
Vorjahres. Dennoch würde ihr ungünstiger Ausgang bei 


43. Astegiano Cod. dipl. Cremon. 1 Nr. 463; Ann. Parin. 667; 
vgl. Davidsohn Oesdi. 2, 1, 157. 

44. Tokjsaims 725; Anna. Caesen. in Mur. SS. 14, 1094. 

45. Die Gregor IX. den Lombarden am 26. Juni mitteilte 
(B.-F. 6775). 

46. Godagneüus 93ff.; Winkelmann Acta imperii inedita 1 Nr. 
017; Chron. triumfontiian in M. G. SS. 23, 925; Ann. Dunstapl. 
in M. G. SS. 27, 508; Tolosanus 725; Miiioli 508; Chron. Mod. 
36f.; Ann. Parm. 668; Salimbene 36f. und 60; Ann. Crem, in M. 
G. SS. 3jj, 15; Ann. Caesen. in Mur. SS. 14, 1094; vgl. auch 
Cantinelli 2. 


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der Art der damaligen Kriegsführung allein keinen erheb¬ 
lichen Einfluß auf die Politik Bolognas und des Bundes 
ausgeübt haben. Nun aber erfolgte Friedrichs fast mühe¬ 
lose Wiedergewinnung seines Königreichs und die Aus- 
einandertreibung des Schlüsselheeres. Da beauftragte 
Gregor IX., der die militärische Unterstützung der Lom¬ 
barden dringend benötigte 48 , am 13. Oktober den Bischof 
von Reggio, zwischen Bologna und Modena wenigstens einen 
langfristigen Waffenstillstand herzustellen 49 . Und als dann 
im November zwischen Kaiser und Papst die Friedens- 
Verhandlungen begannen, wurde auch zwischen Bologna und 
Modena eine achtjährige treuga auf Orund des Status quo 
abgeschlossen 50 . Diese Ruhepause suchten die Bolognesen 
nach Kräften auszunutzen. Sie erweiterten Castelfranco 51 , 
legten im Norden bei Crevalcore eine neue Befestigung 
an 52 und wandten der Sicherung der südwestlichen 
Berglande ihre besondere Aufmerksamkeit zu. In den Ge¬ 
bieten links vom Reno erbauten sie zwei Festen, Castel 
Leone (oberhalb Bombianas) und Belvedere (wohl in der 
Nähe des heutigen Lizzano in Belvedere) 53 . Und sicherlich 


48. B.-F. 6790. 

49. B.-F. 6791; Potthast 8453. Die Einwirkung der süd- 
itaiischen Ereignisse auf den Abschluß des Waffenstillstandes er¬ 
wähnen Ann. Dunstapl. (vgl. Anm. 46). 

50. Es geschah durch den Bischof von Reggio als Beauftragten 
des Papstes; vgl. Sav. Nr. 573—575; B.-F. 13044; Sav. Nr. 578; 
Stadt-A. Modena Reg. Priv. fo. 154 ff., 159 v, 162 v. 

51. Vgl. oben S. 195 Anm. 35. 1230 wurde auch im oberen 
Samoggiathal Castel Io di Samoggia angelegt (vgl. den Akt über 
den dortigen Kirchenbau, Sav. Nr. 580 St-A. Bol. Reg. grosso 1, 
fo. 500 v). 

52. lieber Terrainankäufe dazu von 1231 vgl. St.-A. Bei sg. 
rtuovo fo. 2C9ff., über die wohl erfolglosen Klagen des Abtes von 
Nonantola vgl. Tiraboschi Nonantola 2 Nr. 44EI und 444. 

53. Vgl. Chart. Blon. Nr. 41, Sav. Nr. 581 Reg. grosso 1, 
fo. 453 v. Nach Frati Stat. 2, 63 wurden in Castel Leone angesiedelt 
Bewohner von Rocca Pitigliana und Gaggio Montano, in Belvedere 


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im Anschluß daran zerlegten sie die Podesteria della mon- 
tagna in zwei Teile und wiesen dem Podesta des Bezirks 
westlich des Reno die neuen Kastelle als Amtssitz zu 54 . 

Zusammenfassend darf man behaupten, daß sich die 
von Friedrich 1226 befolgte Politik im Westen Bolognas 
bewährt hatte. Hier fand die Stadt einen Gegner, der sich 
allen Angriffen gewachsen zeigte. Hingegen mißlang der 
Versuch, die kleinen Comunen der Romagna gegen Bologna 
und Faenza zu schützen, völlig. Die Aufforderung des Kaisers 
von Anfang Januar 1227 55 , den mit der Wiederherstellung 
der Imoleser Stadtbefestigung Beauftragten zu helfen, wird 
schwerlich Erfolg gehabt haben. Die kaiserliche Grafschaft 
Imola wurde allem Anschein nach wieder von Bologna und 
Faenza besetzt 56 . In den Jahren 1228 und 29 leistete nicht 
nur Imola, sondern die ganze Romagna den Bolognesen 
gegen Modena Kriegshilfe 57 . Allein unter der hohen Geist¬ 
lichkeit konnte der Kaiser damals auf Anhänger zählen 58 . 
Erst im Mai 1230, also nach dem ungünstigen Ausgang 
der Bologneser Kämpfe, gelang es zwei kaiserlichen Boten, 
den ersten Widerstand zu organisieren. Auf ihre Ver¬ 
anlassung gingen Ravenna, Forli und Rimini zur Wahrung 


solche von Vidiciatico, Orecchia, Gabba und Sasso. Calindri 2, 200 
Schildert die Lage von Castel Leone. Ueber die Wächter der 
beiden Festen vgl. Frati Stat. 3, 123. 

54. Darüber näheres später. 

55. B.-F. 1691. Wer der Graf der Romagna war, der zu 
Anfang des Jahres 1228 Mezzooolle (südwestlich von Imola) eroberte 
(Villola zu 1228; Pietro Rav. zu 1228 = Alm. Caes. in Mur. SS. 
14, 1.095 zu 1238 nennen den Ort irrtümlich Manzoiinum), weiß 
ich nicht. 

56. Das wird man wohl aus dem Vertrag zwischen Bol. und 
Faenza, Sav. Nr. 566 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 448 v, heraus¬ 
lesen dürfen. 

57. Vgl. oben S. 195 Anm. 36 und S. 198 Anm. 46. 

58. Vgl. Brief Gregor IX.; B.-F. 6747. Dazu gehörte wohl 
in erster Reihe Mainaidin von Imola. 


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der eigenen und des Reiches Rechte einen Bund ein, dem 
sich bald Bertinoro anschloß 59 . — So war die Lage der 
Dinge, als Friedrich, nach Aussöhnung mit dem Papst, im 
Sommer 1231 einen neuen Reichstag nach Ravenna ansagte 60 . 

Wiederum kam der Kaiser ohne Heeresmacht, hatte 
auch seinen Streit mit den Lombarden abermals dem Papst 
zur Entscheidung übertragen 61 . Aber der Bund war keines¬ 
wegs friedlich gesinnt und bemühte sich, seine militärische 
Ueberlegenheit noch mehr als im Jahre 1226 auszunutzen. 
Ende Oktober auf einer Tagung in Bologna wurde be¬ 
schlossen, bei Bologna und Faenza Truppen zusammen¬ 
zuziehen 62 , um jedes Vorrücken des Kaisers nach Westen 
zu verhindern. So weilte Friedrich völlig machtlos in der 
alten Kaiserstadt Ravenna 63 . Keine Maßregel erfolgte zu¬ 
gunsten Imolas, nur im äußersten Osten übte Albrecht von 
Magdeburg als Graf der Romagna einigen Einfluß aus 64 . 
Auch Cremona, Parma, Reggio 65 und Modena wagten bei 
der kampfbereiten Haltung des Bundes nicht, zu den Waffen 
zu greifen, sandten nur ihre Podestas zum Kaiser, die sich 
dann auf seine Veranlassung noch enger gegen die Lom- 


59. B.-F. 13053 und 57. — Das Verhältnis des jetzt vor¬ 

übergehend als Graf der Romagna bezeichneten Konrad von Hohen¬ 
lohe (vgl. Weller Hohenl. Urkundenbuch 1, Nr. 78 f.) zum Erzbischof 
von Magdeburg ist nicht klar (vgl. Ficker Forsch. 2, 488 f.), aber 
Graf Konrad hat wohl nichts zu tun mit dem einen der beiden 
kaiserlichen Boten, Konrad von Fallirone, wie Weller Geschichte 
des Hauses Hohenlohe 1, 35 annimmt. — In Riavenna regierte 
bezeichnehderweise 1230 ein Crcmoncse als Podesta. 

60. B.-F. 1882, M. G. Constitut. 2 Nr. 155. 

61. Winkelmann Friedrich II. 2, 319; B.-F. 6871 ff. 

62. Godagnellus 109; Tolosanus 726 f.; Winkelmann 323 f. 

63. B.-F. 1910 a; Winkelmann 322. 

64. Vgl. B.-F. 13079 a, 80, 85 a. 

65. Dieses war 1232 und 1233 auch kaiserlich gesinnt; vgl. 

Thomas Papiensis in M. G. SS. 22, 512 (vgl. Davidsohn Forsch. 4, 

359 ff.) und M. G. Constitut. 2 Nr. 178. 


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barden zusammenschlossen 66 . Im Februar und März 1232 
begannen Verhandlungen zwischen Friedrich und der Liga; 
doch scheiterten sie, nicht zuletzt infolge der Parteilichkeit 
der mit der Vermittlung beauftragten Kardinale 67 . Erst im 
folgenden Sommer gelang es Gregor IX. selbst, den Bund 
wie den Kaiser zur Annahme seines vorgeschlagenen Aus¬ 
gleichs zu bewegen 66 . Doch hatten die Lombarden dem 
Papst zu verstehen gegeben, daß sie die Beseitigung der 
kaiserlichen Hoheitsrechte anstrebten 69 ; und auch nach er¬ 
folgtem Schiedsspruch dachten sie nicht daran, ihre feind¬ 
liche Haltung aufzugeben. Und was Friedrich betraf, so 
gelangte er immer mehr zur Ueberzeugung, daß er sich 
nicht länger mit der Wiederherstellung der 1183 geschaffenen 
Zustände begnügen dürfe, sondern nur von der Vernichtung 
des Bundes einen Erfolg erhoffen konnte. So verschärfte 
sich der Gegensatz zwischen Kaiser und Lombarden immer 
mehr. Der Ausgleich des Papstes, zumal er die Kernfragen 
des Streites gar nicht berührte, sondern eigentlich nur den 
Spruch von 1227 wiederholte 70 , übte keine Wirkung aus 71 . 

Mit den Waffen etwas auszurichten, war der Kaiser 
auch bei seinem zweiten Erscheinen nördlich des Apennin 
nicht in der Lage gewesen; doch hatte er wiederum einen 
(diplomatischen Erfolg zu verzeichnen. Wie er 1226 die von 


66. B.-F. 1931a; Winkelmann 335 f.; Corii Mediolanensis Hi- 
storia, Mailand 1503, zu 1230. 

67. CodagneRus 110f., M. O. Constitut 2 Nr. 165, dazu B.-F. 
13086a, 1946a, 13088a; Wmkelmann 340ff. 

68. M. O. Constitut. 2 Nr. 177, 181 und 182; Winkelmann 466ff. 

69. Constitut. 2 Nr. 176; vgl. auch Nr. 178. 

70. Wmkelmann 457ff.; vgl. auch M. O. Constitut 2 Nr. 180 
und B.-F. 6987—88. 

71. Anmerken möchte ich hier, daß die Annahme Winkelmanns 
(420), 1232 sei Bologna zur kaiserlichen Partei übeigetreten, irrig 
ist. In den Ann. Crem. (M. G. SS. 31, 16) heißt es an der in 
Betracht kommenden Stelle Veronenshim, nicht Bononiensium, und 
der Fodesta Cretnonas für 1233 war kein Bolognese. 


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Cremona geführte Städtegruppe für sich' gewonnen hatte, so 
zog er diesmal den Ezzelin von Romano auf seine Seite 
und beherrschte nunmehr Verona und die Etschstraße 78 . 
Natürlich richteten sich die nächsten Bemühungen des Bundes 
auf die Zurückerlangung Veronas. Man wollte sich dazu 
des Dominikaners Johann von Vicenza, des Hauptvertreters 
der 1233 die Lombardei durchzittemden „Hallelujah“- Be¬ 
wegung, bedienen 79 , und Bologna nahm daran um so leb¬ 
hafteren Anteil 74 , weil der Mönch soeben den stärksten 
Einfluß auf die innerpolitischen und religiösen Bewegungen 
der Stadt ausgeübt hatte. Als aber Johann nach einiger 
Zeit in Abhängigkeit von Ezzelin geriet und seine Bedeutung 
immer mehr einbüßte, wandten sich die Lombarden 79 und 
auch Bologna 76 von ihm ab. Ihr Plan, die verlorene Position 
in der Mark wiederzugewinnen, war gescheitert. Fernerhin 
konnte der Bund nicht mehr, wie im Jahre 1226, dem Kaiser 
die Verbindung mit Deutschland abschneiden. 

Seit 1229 hatten sich die Bologneser Streitkräfte ziemlich 


72. Wtnkelmiann 068ff; Stieve Ezzefino von Romano 21. 

73. Winkelmann 452, 55, 61 ff., der aber (464) irrtümlich den 
Bruch des Waffenslillstandes zwischen Bologna und Modena zu 
1233 zu setzen scheint.. 

74. Schon vorher hatte sich Bologna, wie die übrigen Bundes¬ 
mitglieder, an einem Zuge Mantuas gegen Verona beteiligt; vgl. 
Winkelmann 461; Stieve 22; Hampe im N. A. 22, 257. 

75. Winkelmann 474. 

76. Johann hatte den ihn begleitenden Truppen Bolognas die 
Feste Ostig’ia anvertraut, jetzt weigerten sich diese, die Burg auf seine 
Aufforderung auszuliefern (Ann. Veron. in M. O. SS. 19, 9, Oer. 
Miaurisius in Mur. SS. 8, 39). Dann werden sie es aber doch 
haben tun müssen. Jedenfalls wurde der Bologneser Podesta be¬ 
auftragt (vgl. Frati Stat. 2, 75), von Verona das für Ostigiia ver¬ 
ausgabte Geld zurückzuverlangen. Auch stellte Bologna denen, die 
in Verona Verluste erlitten hatten, Represalienurkundcn aus (Bol. 
St.-A. Dem. S. Francesco Cass. 4/4136 Nr. 28 und 34). Dabei 
werden auch die capetanei militum et peditum qui 1233 ivenint contra 
Veronam erwähnt. 


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untätig verhalten, nur an den Unternehmungen der Liga teil¬ 
genommen. Inzwischen war die popolare Bewegung zu 
einem gewissen Abschluß gelangt, und so konnte die Reno- 
stadt sich 1234 wieder mit größerer Energie eigenen mili¬ 
tärischen Aufgaben zuwenden. 

Ohne Rücksicht auf den vor fünf Jahren geschworenen 
Waffenstillstand erneuerten die Bolognesen die Feindselig¬ 
keiten gegen Modena. Wiederum durften sie dabei auf 
den Beistand des Bundes rechnen. In d£r Zeit, da das 
Zerwürfnis zwischen Friedrich II. und seinem Sohn, dem 
deutschen König Heinrich, schroffere Formen annahm 77 , 
verabredeten sie mit Mailand einen gemeinsamen Angriff, 
ähnlich wie 1228, auf die zwischen ihnen gelegenen kaiser- 
freundlichen Städte 78 . Anfang Juli zog Mailand mit 
mehreren Bundeskontingenten verwüstend ins Gebiet Cremo- 
nas, bis dessen Truppen, unterstützt von Pavia, Parma, 
Modena und auch von Reggio, ihm entgegentraten. Es 
kam zu einem Gefecht, das mit einem Waffenstillstand 
endete 79 . Zur selben Zeit fiel Bologna den Modenesen in 
den Rücken und brannte S. Cesario abermals nieder 80 . Der 
Kaiser war bei der drohenden Empörung seines Sohnes 
nicht in der Lage, einzugreifen; auch der Papst unterließ 
es, über Bologna die von Modena wegen Bruch des 
Waffenstillstandes geforderte Strafe zu verhängen 81 , da er 


77. Vgl. B.-F. 7028, 2047 c und 2048. Zu Verabredungen 
Heinrichs mit den Lombarden wird es damals noch nicht gekommen 
sein, denn der König dachte wohl noch nicht an offene Empörung; 
vgl. M. O. Constitut. 2 Nr. 322. 

78. Tolosanus 728. 

79. Ann. Mediol. in M. O. SS. 18, 392; Ann. Parm. 18, 668; 
A!nn. Cremon. 31, 16; Ann. Bergom. 31, 333; Miliöli 510 = Sa- 
limbene 88, Chron. Mod. 38. 

80. B.-F. 13169 Stadt-A. Modena Reg. Priv. fo. 161 v. 

81. Gregor beauftragte nur (B.-F. 7042 Reg. Priv. fo. 154 v) 
den Bischof von Reggio, für Aufrechterhaltung des von ihm 1229 
erreichten Waffenstillstandes zu sorgen. 


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damals beabsichtigte, die Lombarden zur Annahme seines 
endgültigen Ausgleiches zu veranlassen 82 . Aber der Bund 
knüpfte im November mit König Heinrich Verbindungen 
an, die am 17. Dezember zu einem zehnjährigen Bündnis 
führten 83 . Wahrscheinlich benutzte Bologna diese Situation 
bei seinem nochmaligen Vorgehen gegen Modena. Und 
diesmal gelang ihm die Gewinnung der Capitane des 
Frignano. 

Bolognas Beziehungen zu dem Frignano waren so alt, 
wie seine Feindschaft gegen Modena. Erst als es 1156 
darauf verzichtete, die Capitane zu unterstützen, erreichten 
die Modenesen ihre Unterwerfung. Doch kamen sie nicht zu 
einer gesicherten Herrschaft, sondern mußten alle Augen¬ 
blicke Streitigkeiten unter den Rittern beilegen und Aufstände 
unterdrücken. Seit dann mit dem Jahre 1197 sich der Kon¬ 
flikt zwischen den beiden Comunen erneuerte, hatte Bologna 
mehrfach bei den Unruhen des Frigano seine Hand jm 
Spiel, trat noch zuletzt 1227 mit der einen Partei, den 
Montecuccoli, in Verbindung. Jetzt, am 12. November 1234, 
schloß es mit diesen und auch mit deren Gegnern, jden 
Gualandelli, einen Vertrag 84 . Es ließ den Rittern ihre 
politische Selbständigkeit, forderte aber Heeresfolge, Ueber- 
lassung der wichtigsten Burgen, Anschluß an das Bologneser 
Zollgebiet und beschränkte Zivil- und Strafgerichtsbarkeit 
über die Capitane und die übrigen Bewohner. Dazu wurde 
den letzteren jährlich eine Kopfsteuer von achtzehn Denaren 
und eine boateria von ,drei solidi auferlegt. Die Capitane 
erlangten einen gewissen Anteil am Bologneser Stadtregi- 


82. Vgl. M. O. Constitut. 2 Nr. 184 und B.-F. 7048. 

83. M. O. Constitut. 2 Nr. 323, 7, 8. Nach Tolosanus 732 
soll sich Faenza diesen Abmachungen nicht angeschlossen haben. 

84. Sav. Nr. 603, Tiraboschi Modena 5 Nr. 801 St.-A. Bol. 
Reg. nuovo fo. 44. Vil|lola zu 1234 und ebenso spätere Bol. 
Chroniken berichten irrtümlich, daß die Bolognesen das Frignano 
von Modena gekauft hätten. 


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ment: nämlich acht Sitze im consilium spcciale und die 
Stelle eines miles iustitie 85 . — Mit diesem Vertrage ver¬ 
schob sich ,das Kräfteverhältnis -der zwei Nachbarstädte weiter 
Zuungunsten Modenas. Während Bologna seine Herrschaft 
in den eigenen Berglanden durch die Podesterie della mon- 
tagna immer mehr befestigte, bereitete es den Modenesen 
einen erheblichen Besitzverlust und raubte ihnen die strate¬ 
gisch und kommerziell wichtige Verbindung mit Pistoja. 

Die zweite Aktion Bolognas richtete sich gegen die 
östliche Romagna. Dort war bald nach dem Tode Albrechts 
von Magdeburg 86 Konrad von Hohenlohe in den Besitz des 
kaiserlichen Grafenamtes gelangt, beauftragte aber Johann 
von Worms mit seiner Vertretung 87 . 1234 fühlten sich die 
Parteigänger Friedrichs II. stark genug, zu den Waffen zu 
greifen. So standen im Sommer Ravenna, Forti und Rimini 
mit Forlimpopoli und Bertinoro den von Bologna unter¬ 
stützten Faentinem und Cesenaten gegenüber 88 . Nur Imola 
verhielt sich völlig ruhig, sicherlich nicht freiwillig 89 , sondern 
im Bewußtsein seiner Machtlosigkeit. Bei den sich ent- 


85. Frati Stat. 3, 64, 26 und 29. — In den nächsten Monaten 
erfolgten dann die Eidesleistungen der Capitane (St.-A. Bol. Reg. 
nuovo fo. 48 ff.). Wohl in Zusammenhang mit dem Vertrage kam 
es im November zu Feindseligkeiten zwischen Bologna und Modena 
(Totosanus 731). Im folgenden Jahre (Chron. Mod. 39; die Chronik 
des Frignano [vgl. über sie oben S. 156 Anm. 26] setzt das Ereignis 
ins Jahr 1234) gelang den Modenesen die Zerstörung des Kastells 
Mpnzone (westlich von Pavidlo) und die Wiederunterwerfung des 
Raynerius de Frignano (TSraboschi Modena 5 Nr. 802; Frati 
Stat. 2, 76 f.). 

86. Winkelmann Friedrich II. 2, 421. Ueber seinen nächsten 
Nachfolger Camelevari von Pavia vgl. B.-F. 13151; Tolosanus 728; 
Ficker Forsch. 2, 489. 

87. Ficker Forsch. 2, 490; Weller Hohenl. Urkundenbuch 1 
Nr. 136; Weller Gesch. des Hauses Hohenlohe 1, 76. 

88. Tolosanus 729 ff. 

89. Ein Prozeß vom 3. November 1234 (Stadt-A. Imola Mazzo 1 
Nr. 78) erwähnt hodia et malivolentiam et inimicitias, que fueru.it 
et adhuc sunt inter homines Bononie et comune Ymole. 


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spinnenden Kämpfen geschah es, daß Bologna zum ersten 
Male seine Machtansprüche bis nach Cervia ausdehnte, an 
dessen Salzproduktion es schon lange lebhaft interessiert 
war 90 . Dem südlich von Ravenna nahe dem Meere ge¬ 
legenen Cervia gereichte sein Salinenreichtum 91 zum Ver¬ 
hängnis. Nach einem urkundlichen Bericht 93 , der wahr¬ 
scheinlich dem Zustande des ausgehenden zwölften Jahr¬ 
hunderts entspricht, verkehrten in Cervias Hafen Schiffe 
der Küstenorte von Orado bis hinab zum Tronto, dem süd¬ 
lichen Grenzfluß der Mark Ancona, ja auch des Königreichs 
bis nach Messina hin. Daher begreift sich auch das Inter¬ 
esse der Grafen der Romagna, die Anspruch auf einen Teil 
der Cervieser Zölle erhoben 93 . Da nun aber die Stadt¬ 
gemeinde Cervia zu klein war, um sich die Selbständigkeit 
zu erringen, geriet sie in die wechselnde Abhängigkeit der 
näheren und ferneren Nachbarn. Das ganze zwölfte Jahr¬ 
hundert hindurch unterstand sie der Oberhoheit der Erz- 


90. Nach einem sagenhaften Bericht (CobeUi in Mon. istor. 
della Romagna Ser. 3, 30) soll Bologna schon 1160, um die Forli- 
veser Zölle zu vermeiden, eine Forli umgehende Straße für den 
Salzhandel mit Cervia gebaut haben. Im Sommer 1195 verbot der 
den Bolognesen feindlich gesinnte Markwtald von Anweiler den 
Salztransport zu Lande westlich über Imola hinaus (Fantuzzi Mon. 
Rav. 4, 294). 1225 finden wir den Bolognesen Ticimannus als 
Podesta des gegen den Ravennater Erzbischof aufsässigen Comune 
Cervia (Erzbisch.-A. Ravenna Caps. I Nr. 4143). 

91. Vgl. Schaube 673ff.; auch Benevenuti de Imola Comen- 
tum Dantis ed. Lacaita 2, 306; Theiner 2 Nr. 525 S. 513. 

92. Es ist ein Gutachten vom 11. Oktober 1235 (St.-A. Bol. 
Liber rer. divers. Diritti del Conrune), das eine von der Stadtgemeinde 
Cervia eingesetzte Kommission über die Rechte des Cervieser Bischofs 
abgibt. Sie erklärt eingangs, daß sie die dem Bischof von altersher 
zitstehenden iura und rationes feststellen wolle, benutzt als Grund¬ 
lage wahrscheinlich die Urkunde Urbans III. J.-L. 16004 und gibt 
auch die zu entrichtenden Zölle und Ufergelder noch in Luccheser 
Münze an. 

93. So Markwald von Anweiler (Fantuzzi 4, 294). 


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bischöfe von Ravenna 9 *, die im letzten Jahrzehnt an das 
Comune Ravenna politische und kommerzielle Rechte in 
Cervia abtraten 9 '’. Die neuen Herren strebten danach, die 
ganze Salzausfuhr in ihre Hand zu bekommen 90 , stießen aber 
auf lebhaften Widerstand bei dem Bischof und der Stadt¬ 
gemeinde von Cervia 97 . Im Oktober 1234 gelang es der 
Cervieser Bürgerschaft, unter der Führung ihres Bischofs, das 
Joch Ravennas ab/uschütteln, und dabei erhielt Bologna, das 
den Aufstand mit Faenza und Cesena unterstützte, Anteil 
an den Erträgen der Salinen 98 . Wohl nicht zuletzt infolge 
dieses Verlustes flüchtete Ravenna unter den Schutz Vene¬ 
digs 99 . Bei den Vertragsbedingungen, die die Venetianer 
Ravenna auferlegten, stellten sie auch die Forderung, daß 
Ravenna den Bolognesen und Faentinern direkt keine 


94. Fantuzzi 4, 239 ; 2, 423 Nr. 10 und 12. 

95. Es geschah durch einen nicht erhaltenen Vertrag (vgl. Fan¬ 
tuzzi 4, 329 und 5, 310) des Erzbischofs Wilhelm (1190—1201). 
Die Wirkung des Abkommens zeigt wohl schon der Vertrag der 
Städte Ravenna und Rimini von 1194 (Fantuzzi 5, 296). Die Er¬ 
oberung Cervias durch die Forlivesen* 1198 (Pietro Rav. zu 1198 
und Rav. Chron. in Fantuzzi 5, 463) und durch Cesena 1201 (Ann. 
Caes. in Mur. SS. 14, 1092) scheinen nur vorübergehenden Erfolg 
gehabt zu haben. Dabei blieb Cervia immer unter der Oberhoheit 
der Erzbischöfe (Fantuzzi 2, 424 Nr. 14 und 15; 4, 323; B.-F. 
12384; Fantuzzi 5, 310; Tarlazzi 2 Nr. 22). 

96. Vgl. Fantuzzi 4, 294; B.-F. 12343 und Fantuzzi 4, 324; 
B.-F. 12212 und Schaube 705 f.; Theiner 1 Nr. 168. 

97. Vgl. B.-F. 12366. 1220 begann ein langwieriger Prozeß 
zwischen dem Comune Cervia und dem Ravennater Erzbischof (ich 
nenne nur das erste dazu gehörige Dokument: Fantuzzi 4, 335), 
der 1229 zugunsten Ravennas entschieden wurde-(Tarlazzi 1 Nr. 78). 
Ferner geriet der Bischof von Cervia mit dem Comune Ravenna 
in Streit (Rubeus Ravenna 3S6; Theiner 1 Nr. 168). 

98. Tolosanus 731 (vgl. auch 1. Aufl. 185), Spie. Rav. hist, 
in Mur. S«S. 1, 2, 578; Ann. Caes. in Mur. SS. 14, 1095. 

99. Pasolini f'oeumenti fra Venezia e Ravenna 1, Minotto 
Ada e tabulario Vcneto 4, 1, 57 und dazu Schaube 675, dessen Inhalts¬ 
angabe nicht ganz frei von Irrtümcrn zu sein scheint. 


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Lebensmittel mehr lieferte, ließen also die Städte der Ro- 
magna zum ersten Male den Druck ihrer neuen Handels¬ 
politik fühlen 100 . Aber der Putsch auf Cervia und der 
Zusammenstoß Bolognas mit der Lagunenstadt verdienen nur 
deshalb solche Beachtung, weil sie die Richtung zeigen, 
in der sich die weit ausgreifende Politik der Bolognesen 
in späteren Jahrzehnten bewegen sollte. Für den Augen¬ 
blick waren sie nur von geringerer Bedeutung. 

Die erfolgreichen Angriffe Bolognas im Westen und 
Osten riefen eine Reaktion hervor, die sich bei dem Sommer¬ 
feldzug des Jahres 1235 zeigte. Anfang Juni schlossen die 
Faentiner und Bolognesen Forli ein, wo auch der kaiser¬ 
liche Vizegraf Johann von Worms weilte. Aber schon am 
6. mußten sie die Belagerung aufgeben und sich nach Westen 
wenden, da Modena und Cremona einen Angriff auf die 
Bologneser Feste Crevalcore begonnen, zugleich vielleicht 
von Finale am Panaro aus eine Plünderungsfahrt durch die 
Valli unternommen hatten, bei der Galliera geschädigt, 
Pegola und Poggio Renatico niedergebrannt wurden 101 . Die 


100. Vgl. Lenel 47 und in Historische Zeitschr. 103, 636. 

101. Die Feindseligkeiten hatte Faenza schon im Januar be¬ 
gonnen. Im Mai machten Modena und Verbündete von Bazzano her 
einen Einfall ins Bolognesische, durchstachen die Uferdämme des 
PanarO, um Castelfranco durch Ueberschwemmung zu zerstören, 
wichen dann aber vor den Truppen Bolognas und Faenzas zurück, 
zitmal auch Mailand und Brescia ihnen in den Rücken fielen. So 
konnten die Gegner plündernd südlich an Modena vorbei bis zur 
Secchia vorstoßen. Im Spätsommer und Herbst kämpften Faenza 
und Cesena noch mit den kaiserfreundlichen Städten der Romagna; 
vgl. Tolosanus 732ff.; Chron. Mod. 39; Cron. di Bol. 258; Coda- 
gnellus 116; Ann. Cremon. in M. O. SS. 31, 16; Milioli 510 und 
Salimbene 92; Ann. Parm. 668; Pietro Rav. zu 1234 (vgl. Bonoli 
Storia di Forti 1, 193), der von einem Sieg der Forlivesen über 
Bologna und Faenza spricht; Villola zu 1235; Ann. Caes. in Mur. 
SS. 14, 1095; dazu B.-F. 7067, 7125 Erzbisch.-A. Ravenna Caps. 
L Nr. 5302; Bol. St.-A. Estimi. Extimationum deminutiones et 
amissiones de Rognatico etc. 


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kaiserfreundlichen Städtegruppen hatten also von dem Geg¬ 
ner gelernt, waren zueinander in Fühlung getreten und 
hatten einen Kriegsplan vereinbart. Ja, bei den erneuten 
Friedensverhandlungen vor Gregor IX. 108 zu Viterbo traten 
Modena, Cremona, Parma' und Pavia mit Rimini und Forii 
als geschlossene Partei auf. So bereiteten sie wirkungsvoll 
den Angriff vor, den Friedrich II. endlich mit ausreichender 
Truppenmacht gegen den Lombardenbund beginnen konnte. 

Die schroffe kaiserfeindliche Haltung der Lombarden, 
die den ihnen wohlgesinnten 103 Papst zwang, an Friedrichs 
Seite auszuharren, mag verschiedenerlei Ursachen gehabt 
haben. Sicherlich aber bestärkte sie in ihrem Vorgehen die 
Hoffnung, an König Heinrich einen kräftigen Bundesgenossen 
zu finden. Doch mußten sie eine bittere Enttäuschung er¬ 
leben. Als Friedrich im Frühjahr 1235 nördlich der Alpen 
erschien, unterdrückte er die Rebellion seines Sohnes eigent¬ 
lich ohne Schwertstreich. Die Boten des Bundes, die zu 
Verhandlungen mit Heinrich nach Deutschland gegangen 
waren, gerieten iil die Gewalt des Vaters 104 . Gab es für 
den Kaiser ein besseres Mittel als die Gefangenen, um die 
Berechtigung seines Kriegszuges gegen die lombardischen 
Rebellen zu erweisen und die Zustimmung der deutschen 
Fürsten dazu zu erlangen 105 ? Denn nun war der verhängnis¬ 
volle Augenblick gekommen, da er, wie er selbst verkündete, 
nach Herstellung )ies Friedens in allen Seinen übrigen Landen, 
die im Herzen seines Reiches gelegene Poebene zum Oe- 
horsam zu bringen gedachte 106 . 


102. B.-F. 13202 b, 7121 Stadt-A. Modena Reg. Priv. fo. 162. 

103. Er suchte bis zum letzten Moment einen friedlichen Aus¬ 
gleich zwischen Kaiser und Lombaidenbund herbeizuführen; vgl. 
B.-F. 7129, 7134 und 35, 7146. 

104. Tolosanus 732; Ann. Plac. 470; vgl. B.-F. 2160. 

105. Winkelmann Oesch. Friedrichs II. 2 (Reval 1805), 5. 

106. M. O. Constitut 2 Nr. 200. 


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Am 16. August 1236 traf Friedrich in Verona ein 107 . 
Dem ihm entgegentretenden Bundesheere, zu dem auch 
Bologna und Faenza Ritter stellten 108 , gelang es in diesem 
Jahre eine offene Feldschlacht zu vermeiden 109 . Aber der 
Kaiser gewann Bergamo 110 , erstürmte Vicenza 111 und zog, 
bevor er Ende November Italien wieder verließ 118 , 
Salinguerra, den Herrn Ferraras, auf seine Seite 113 . Damit 
gestaltete sich Bolognas Lage erheblich gefährlicher. Bisher 
hatte es nur im Westen und Osten Gegner zu bekämpfen 
gehabt, denn Salinguerra hatte nach einigem anfänglichen 
Schwanken 114 zum Lombardenbunde gehalten 115 und mit 
seinem südlichen Nachbarn in Freundschaft gelebt 110 . Jetzt 
schloß sich der Bologna feindliche Städtering im Norden und 
erhielt noch Verstärkung durch die ganze Mark Verona, die 
in den ersten Monaten des Jahres 1237, soweit es noch nicht 
vorher geschehen war, ins kaiserliche Lager überging 117 . 


107. B.-F. 2190 a.. 

108. Ana. Parm. 669; Ann. Plac. 474; Totosanus 742. 

109. Delbrück Geschichte der Kriegskunst 3, 360. 

110. B.-F. 2197 d. Daß der Kaiser schon damals Bologna anzu¬ 
greifen plante, war wohl nur ein Gerücht (Rolandin. in M. O, 
SS. 19, 60). 

111. B.-F. 2204 c. 

112. B.-F. 2204 h. 

113. B.-F. 2204d; Milioli 511; Vißola zu 1236. 

114. Im Sommer 1226 gehörte Ferrara noch nicht zum Lom- 
hardenbund (Winkelmann Friedrich II. ,1, 285 Antn. 1), Anfang 
1227 stand es auf Seiten des Bundes (B.-F. 12960; vgl. auch M. O. 
Gonstitut. 2 Nr. 110 und 12 und Winkelmann 1, 315 Anm. 2). 
Aber noch im selben Jahre schloß es mit Modena und Ravenna, 
also mit kaiserfreundlichen Städten, Verträge (B.-F. 12964 und 66). 

115. Vgl. B.-F. 13072, M. O. Gonstitut. 2 Nr. 167 und 177; 
B.-F. 13193 und 94. 

116. So leistete Ferrara 1228 den Bolognesen militärische Hilfe 
(vgl. oben S. 197) und hatte 1228 und 1234 Podestas von Bo¬ 
logna (Stadt-A. Imola Libro Rosso fo. 25 v; B.-F. 13168). 

117. B.-F. 13222 c und e. 


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Anfang September 1237 kam der Kaiser nach Italien 
zurück 118 . Diesmal erzwang er bei Cortenuova eine Feld¬ 
schlacht, die ihm einen vollständigen Sieg einbrachte 119 . Die 
Bolognesen scheinen an ihr nicht teilgenommen zu haben 120 , 
wohl aber benutzten sie die Gelegenheit, da die Truppen 
Modenas und seiner Verbündeten zu Friedrich gezogen 
waren, zu einem Einfall in das Gebiet des westlichen Nach¬ 
barn 121 , und Ende November oder Anfang Dezember ge¬ 
lang ihnen die Zerstörung des Castel Leone, der 1227 von 
Modena an der Via Emilia errichteten Feste 122 . Der Erfolg 
des Kaisers brachte keine Entscheidung, zumal sich die daran 
anschließenden Verhandlungen mit Mailand zerschlugen 12 \ 
Nachdem aber Friedrich in den Wintermonaten des folgenden 
Jahres seine Herrschaft in Piemont befestigt hatte, standen 
ihm nur noch Alessandria, Piacenza, Mailand, Brescia, 
Bologna und Faenza gegenüber 124 . So durfte er hoffen, jetzt 
zur suprema depressio rebellium schreiten zu können 125 . Im 
Juli begann er die Einschließung Brescias, aber am 9. Ok¬ 
tober mußte er die Belagerung aufgeben 120 . 

Zu den nächsten Folgen des Mißgeschicks vor Brescia 
gehörten der Verzicht Friedrichs auf den für dieses Jahr ge¬ 
planten Zug gegen Bologna 127 , gegen den sich die Stadt ge- 


118. B.-F. 2280 a. 

119. B.-F. 2289 ef. 

120. Vgl. Hadank Die Schlacht bei Cortenuova 26 und 29 f. 

121. Salimbene 94 f. 

122. Villola zu 1237; Cantinelli 3; Chron. Mod. 40 (viel¬ 
leicht gehören hierher einige Nachrichten, die ßazzano zu 1235 be¬ 
richtet); Milioli 512. 

123. B.-F. 2297d; Delbrück Geschichte der Kriegskunst 3, 363. 

124. Winkelmann Friedrich II. 2 (Reval 1865), 87. 

125. M. G. Constitut. 2, Nr. 206. 

126. B.-F. 2369 a bis 2397 b. 

127. So wurden im Juni und Juli Truppen dazu in Toscana 
aufgeboten; vgl. Davidsohn Ciesch. 2, 1, 241 und Forsch. 4, 97. 


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rüstet und besonders .ihre Befestigungen verstärkt hatte 1 - 8 , 
dann das Scheitern des Anschlages auf Faenza. Die Kämpfe 
der Romagna waren bisher ohne wesentliches Resultat weiter 
gegangen. Im Frühjahr 1236 hatte Faenza, weniger, wie 
es scheint, von Bologna, als von Cesena unterstützt, erfolg¬ 
reich gegen die von Johann von Worms geführten Städte 
gekämpft, sodaß Forli und Forlimpopoli Frieden schließen 
mußten. Doch schon im Herbst, als Friedrich italienischen 
Boden betreten hatte, focht Forli wieder auf Seiten der Geg¬ 
ner Faenzas 123 . Dazu ging im folgenden Jahre Cesena zur 
kaiserlichen Partei über 130 . Im Sommer 1237 unternahmen 
die Bolognesen und Faentiner eine Belagerung Ravennas 
und durften auf Erfolg rechnen, weil ein Teil der Bürger¬ 
schaft mit ihnen konspirierte. Da aber kam Graf Simon von 
Theate mit kaiserlichen Truppen den Belagerten zu Hilfe, 
und als dann im August noch die von Süden zu Friedrich 
ziehenden Sarazenen heranrückten, mußte die Einschließung 
aufgegeben werden 131 . Simon von Theate konnte als Podesta 
von Ravenna und Vikar der Romagna Thomas von Materä 
einsetzen 132 . 1238 geschah es ohne Zweifel unter dem Ein¬ 
fluß Friedrichs oder seiner Anhänger und im Zusammenhang 
mit dem beabsichtigten Angriff auf Bologna, daß in Faenza 
Unruhen ausbrachen. Anfang Juli wurden die guelfischen 
Manfredi verjagt, kehrten aber einen Monat später zurück 


128. Viilola zu 1238; Winkelmann Acta imperii ined. 1 Nr. 660, 
Epistole Guidonis in II Propugnatore N. S. 6, 1, 373. Im September des 
Jahres fielen dann die Bolognesen ins Modenesische ein und nahmen 
Ciano (östlich von Guiglia); vgl. Oron. di Bol. 260; Villola zu 
1238, auch Winkclmann Acta imp. ined. 1 Nr. 650. 

129. Tolosanus 737 ff. (vgl. auch Aufl. 1, 191); Ann. Caes. 
in Mur. SS. 14, 1095 f. 

130. Claramontii Caesen. hist. Libri 16, 178. 

131. Sav. 3, 130 wohl aus ungedruckten Quellen; Rubeus 396f.; 
Rolandin in M. G. SS. 19, 66; Ryc. de S. Germ, in Mon. stör, 
di soc. Napol. 1, 149; dazu B.-F. 2280c und 13236a. 

132. B.-F. 13235, 13241; Ficker Forsch. 2, 490. 


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und nahmen die Führer der Gegenpartei, der Accarisi, ge¬ 
fangen. Als dann den Guelfen bald neue Gefahr drohte 133 , 
griff Bologna ein und besetzte Faenza mit Truppenmacht 134 . 
Und Ende März des folgenden Jahres schlug es einen Angriff, 
den der Graf Aginulf aus dem Hause der Guidi mit den 
Faentiner Grafschaftsleuten und Kontingenten der kaiser¬ 
treuen Romagnolen unternahm, ab 135 . Doch diese letzten 
Erfolge konnten an dem unheilvollen Resultat der geschilder¬ 
ten Vorgänge nichts ändern. Bisher war Faenza, hatte es 
auch schon seit längerer Zeit immer mehr an Bedeutung 
gegenüber Bologna eingebüßt, der treueste und stärkste 
Bundesgenosse der Bolognesen, jetzt sank es zu einer von 
ihnen abhängigen Stadt herab, die selbst militärischen 
Schutzes bedurfte. Von nun an lag die Aufgabe, den 
Kampf gegen die Kaisermacht in der Romagna zu führen, 
ganz allein Bologna ob. 

Auch die allgemeine Lage brachte die Renostadt jetzt 
in die vorderste Reihe der Gegner Friedrichs. Der Abzug des 
Kaisers von Brescia ermutigte den Papst, der von vornherein 


133. Paolo dei Traversari, ein Ravennatischer Parteiführer, näm¬ 
lich, der bisher die Manfredi unterstützt hatte, schwenkte jetzt zum 
Kaiser ab und lieferte ihm die gefangenen Accarisi aus. 

134. Ann. Caes. in Mur. SS. 14, 1096; Cantinelli 3; Ann. 
Plac. 479; Chron. Loli. 126 = Villola zu 1238 = Chron. Mod. 
41; dazu Winkelmann Acta imp. ined. 1 Nr. 647, 49, 50, 56; B.-F. 
2394 und 2413; Davidsohn Gesch. 2, 1, 253. 

135. Ann. Caes. 1096; Chron. di Bol. 260; Pietro Rav. zu 
1239 (vgl. Cobelli in Mon. istor. della Romagna 3. Ser. 32); Villola 
zu 1238 und 39; dazu das Gefangenenverzeichnis von 1239 (St.-A. 
Bol. Procuratori Sovrastanti delle prigioni), das gegen 300 größten¬ 
teils aus den Faentiner Berglanden, nur ganz wenige aus dem Imo- 
leser Gebiet stammende anführt. Den Grafen Aginulf scheint Bo¬ 
logna auf Bitten des Papstes freigegeben zu haben. Gregor er¬ 
mahnte die Bolognesen auch, Faenza nicht zu sehr mit Kosten 
zu belasten (B.-F. 7233 und 34). Zum Faentiner Podesta wurde 
Fabro dei Lambertazzi bestimmt (vgl. Sav. Nr. 619). Vgl. auch 
Davidsohn Gesch. 2, 1, 253. 


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mit seinen Sympathien auf Seiten der Lombarden gestanden 
und Friedrichs Siegeslauf mit wachsender Besorgnis begleitet 
hatte, aus seiner Reserve herauszutreten. Ende November 
1238 knüpfte er mit den beiden Seemächten, Genua und 
Venedig, Verbindungen an 136 , und im März des folgenden 
Jahres ergriff er offen die Partei des Bundes, indem er die 
Exkommunikation gegen den Kaiser erneute 137 , und die 
Kräfte der Liga mit denen der Seestädte gegen Friedrich zu 
vereinigen suchte 138 . So kam Bologna als Vormacht der 
Romagna in ein Bundesverhältnis zu Venedig. Ihr erstes 
Opfer war Ravenna, das für den Kaiser eine wichtige Ver¬ 
bindung seiner südlichen und nördlichen Machtstellung bil¬ 
dete. Mit Hilfe der Venetianer und Bolognesen brachte der 
Kardinal Sinibald am 22. Juni 1239 den Paolo dei Traversari, 
den Führer der einen Ravennatischen Partei, zum Abfall; 
die Gegenpartei mußte nach Bertinoro flüchten, und die von 
Friedrich in Ravenna aufgestapelten Vorräte gerieten in die 
Hände der Päpstlichen 139 . Und da auch Rimini dem Kaiser 
untreu wurde 140 , konnte er nur noch auf wenige Anhänger in 
der Romagna zählen. 

Das veranlaßte ihn, jetzt den im vergangenen Jahr ver¬ 
säumten Angriff auf Bologna zu unternehmen. Natürlich 
dachte er dabei, nach den vor Brescia gemachten Erfahrun¬ 
gen, nicht an Eroberung der Stadt, er wollte nur ihr Land 
durch Verwüstung möglichst schädigen 141 und zugleich ihre 


136. B.-F. 7216. 

137. B.-F. 7225 a, 7226 a. 

138. B.-F. 7244 a, 7266, 7281, 13284, 93, 98 a; 7248-50. 

139. Spie. Rav. hist, in Mur. SS. 1, 2, 578; Ann. Caes. in 
Mur. 14, 1W7; Ann. Piac. 481; Ryc. de S. German, in Mon. stör, 
di soc. Napol. 1, 151; Ann. S. PantaÜ. in M. G. SS. 22, 531; Canti- 
nelli 3; Salimbene 166; dazu M. G. Constitut. 2 Nr. 224; B.-F. 
2449 b und 13289 a. 

140. Vgl. Gregors Schreiben B.-F. 7252 und 53. 

141. Vgl. auch die allgemeinen Betrachtungen oei B.-F. 2481 a 
und Delbrück Gesch. der Kriegskunst 3, 263 f. 


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Streitkräfte von der Romagna abziehen. Mit deutschen 
Rittern, Truppen aus Modena, Reggio und Parma, auch 
aus Tuscien und Apulien stand er am 28. Juni vor der Feste 
Piumazzo, die die Bolognesen seit ihrer Zerstörung im Jahre 
1228 wieder in Stand gesetzt hatten; im Juli wurde sie nieder¬ 
gebrannt und ihre Besatzung geriet in Gefangenschaft. Das 
gleiche Schicksal erfuhr am 14. August das kürzlich erst 
neubefestigte Crevalcore. Beiden Kastellen konnte Bologna 
keinen Ersatz bringen, doch ließ es die Modenesen den ihm 
zugefügten Verlust entgelten, indem es um dieselbe Zeit das 
Gebiet jener heimsuchte, ja sogar die Vorstädte von Modena 
teilweise in Asche legte 142 . Als sich Friedrich im Herbste 
dann gegen Mailand wandte 113 , kam Bologna, wie es schon 
mehrfach getan hatte, seinen lombardischen Verbündeten zu 
Hilfe, indem es Vignola am Panaro angriff, mußte aber am 
2. Oktober den von Modena, Parma und auch von Ferrara 
heranziehenden Truppen ein ungünstiges Treffen liefern 111 . 
Gegen Ende des Jahres marschierte Friedrich über Toscana 
nach dem Süden. Schon geraume Zeit vorher hatte er, um 
seine gefährdete Position im Osten zu retten, entsprechend 
der neuen Reichsregimentsordnung die kaiserliche Grafschaft 
der Romagna in ein Generalvikariat verwandelt und dessen 


142. Während der Belagerung von Piumazzo brannten die Bo¬ 
lognesen Castrum Malgrati (schwerlich Magrcta nahe der Secchia) 
nieder, nahmen ferner am 12. August zusammen mit den Capitanen 
des Frignano den Ort Montetortore (nordwestlich von Vcrgato) ein; 
Vgl. Cron. di Bol. 260 f.; Cantinelli 3 f.; Villola zu 1234; Chron. 
Loli. 127; Chron. Mod. 41 (und Bazzano 43 irrtümlich zu 1242); 
Milioli 513; Ann. Parm. 669; Ann. Plac. 481; Rycc. de S. German, 
in Mon. stör, di soc. Napol. 1, 151; dazu B.-F. 2459, 62—64. 

143. B.-F. 2481 a bis 2526 a. 

144. Cron. di Bol. 261; Villola zu 1239; Cantinelli 4; Chron. 
Mod. 41; Salimbene 165; Ann. Parm. 669; Ann. Plac. 482; Rycc. 
de S. German. In Mon. stör, di soc. Napol. 1, 151; Cron. di Lucca 
in N. A. 34, 1S6. Die Niederlage veranlaßte eine Gesetzgebung 
bezüglich der milites comitatus (Frati Stat. 1, 471 und 76). 


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Leitung seinem Sohne Enzio übertragen 145 . Der wurde zwar 
am 25. Juli zum Generallegaten für Italien ernannt, behielt 
aber vermutlich die besondere Aufgabe in der Romagna 
daneben bei 146 . So sollte er gegen Bolognas Stellung im 
Osten Vorgehen und Ravenna zurückgewinnen 147 . Doch 
scheint sich dieser Auftrag vorläufig als unausführbar er¬ 
wiesen zu haben. Der Kaisersohn zog weiter südlich nach 
der Mark Ancona und brachte sie um die Wende von 1239 
auf 1240 im wesentlichen zur Unterwerfung 148 . 

In der nächsten Zeit verschob sich der Hauptkriegs¬ 
schauplatz aus der Lombardei noch mehr nach dem Osten. 
{Bologna und seine neuen Bundesgenossen wiederholten den 
Angriff auf des Kaisers Anhänger mit erhöhter Kraft und 
nötigten so auch Friedrich zu einem energischen Gegenstoß. 
Die Aggressive der Päpstlichen richtete sich gegen Ferrara. 
Dort hatte sich Salinguerra seit 1225 in der Herrschaft be¬ 
haupten können 149 . Nachdem er aber 1236, man darf wohl 
sagen, den Fehler begangen, zur kaiserlichen Partei über¬ 
zutreten, schlossen sich seine politischen Feinde und die 
wirtschaftlichen Rivalen Ferraras zusammen. Gregor IX. 
'wollte die ihm gebührende, von Friedrich entrissene Ober¬ 
hoheit über die Stadt wiedergewinnen 150 . Venedig ergriff 

145. M. O. Constitut. 2 Nr. 216. Sein Vorgänger war Walter 
von Manupello, der noch am 4. Mai 1239 dieses Amt bekleidete 
(dieses Datum trägt B.-F. 13274 in St.-A. Modena Serie Pergamene 
di Stato); vgl. auch B.-F. 2394. Der Kaiser hatte ihn wahrscheinlich 
für 1239 zum Podesta von Imola bestimmt (B.-F. 2412), vielleicht 
als in Faenza die Sache der Kaiserlichen günstig stand. Daß er 
dann aber das Stadtregiment wirklich übernommen hat, ist nicht 
bekannt. 

146. B.-F. 13292, M. G. Constitut. 2 Nr. 217. 

147. B.-F. 2451 und 52, 2463. 

148. Blasius 54 und 58ff.; B.-F. 2468a und 13295, M. G. 
Constitut. 2 Nr. 218—21. 

149. Salzer 34 f. 

150. Vgl. z. B. Salimbene 165. 


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mit Freuden die Gelegenheit, um gegen Ferraras Handels- 
Stellung einen vernichtenden Schlag zu führen 151 . Zu ihnen 
gesellten sich die Gegner Salinguerras innerhalb der Ferra- 
reser Bürgerschaft, geführt von ihrem Bischof und dem Mark¬ 
grafen Azzo Novello 152 , und die eifersüchtigen Nachbarn, 
wie Mantua 153 . Was endlich Bologna betraf, so hätte es 
sich sicherlich dem Unternehmen angeschlossen, auch wenn 
es nicht als Mitglied der Lombardenliga zur Kriegshilfe ver¬ 
pflichtet gewesen (wäre. Denn es sah nun die Möglichkeit, die 
militärische Gefahr im Norden zu beseitigen und sich — 
und das war die Hauptsache — von der kommerziellen Ab¬ 
hängigkeit zu befreien, unter der es bisher hatte leiden 
müssen. Am 20. Dezember 1239 tagte zu Bologna der 
LombardenL".!nd, in Anwesenheit Azzo Estes und s.iner 
Parteigänger und der Gesandten Venedigs, um die nötigen 
Verabredungen zu treffen 154 . Und für das Jahr 1240 über¬ 
nahm der Venetianer Rainerio Zeno das Bologneser Podesta- 
amt. Anfang Februar begann der päpstliche Legat Gregor 
von Montelongo mit den Truppenkontingenten der Liga, der 
Doge mit der Flotte Venedigs, der Podesta Zeno mit dem 
Heere Bolognas und die Anhänger des Este die Ein¬ 
schließung. Dem Salinguerra stellten sich nur einige deutsche 
Ritter und Mannschaften der kaisertreuen Städte, die noch 
dazu nicht ganz zuverlässig waren, zur Verfügung. Dennoch 
iog sich die Belagerung hin, und auch am 2. Juni würde die 
Einnahme noch nicht erfolgt sein, wenn nicht Salinguerras 
Gegner in- und außerhalb. Ferraras eine Verschwörung an- 


151. Vgl. Lenel 62ff.; auch Schaube 704; Soranzo La guerra 
fra Venezia e la S. Sede 31 ff. 

152. Er war 1239 vom Kaiser abgefallen (B.-F. 13288 b). 

153. Es war vor Ende 1239 zum Bunde übergetreten (B.-F. 
13311 a). 

154. B.-F. 13310. Was in dem Aktenstück nicht selbst gesagt 
ist, läßt sich leicht zwischen den Zeilen lesen. 


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gezettelt hätten. Auch kann kein Zweifel darüber bestehen, 
daß Salinguerra, gegen die Uebergabebedingungen, ge¬ 
fangen nach Venedig geführt wurde. Letzteres erntete den 
Hauptvorteil, es erzwang einen Vertrag, der Ferraras den 
Pohandel beherrschenden Position ein Ende bereitete. Auch 
scheint es für zwei Jahre die Verwaltung der Stadt über- 
hommen zu*haben; dann gelangte Markgraf Azzo zur Herr¬ 
schaft und seine Gegner wanderten aus 165 . Den erheb¬ 
lichen Erfolg (Bolognas zeigen seine Abmachungen vom 2. Juli 
1240 156 . Danach mußte Ferrara, das noch im Vorjahre bei 
Vignola gegen die Bolognesen gefochten hatte, sich für die 
Lombarden erklären und Bolognas Feinde, Modena und 
Parma, mit dem Banne belegen. Dann mußte es den Bolo¬ 
gnesen gewähren, was diese seit den Tagen Heinrichs V. 
gefordert hatten, den zollfreien Durchgang mit allen Waren, 
ausgenommen Salz, durch Ferraresisches Gebiet. So er¬ 
langte Bologna endlich die ungestörte Verbindung den Po 
aufwärts mit der Lombardei und stromabwärts mit Venedig; 
oder mit andern Worten, die seiner politischen und wirt¬ 
schaftlichen Kraft entsprechende Stellung an der Hauptver¬ 
kehrsader der oberitalienischen Ebene. 

Die Bolognesen und ihre Verbündeten hatten zu der 
Belagerung Ferraras die Abwesenheit Friedrichs aus den 
Landen nördlich des Apennin benutzt; aber schon zwei 
Monate nach der Einnahme der Stadt näherte sich der Kaiser, 


155. B.-F. 13316 a, 13331 c und e, 3118 a, dazu Chron. Loli. 127; 
Villola zu 1240; Cantinelli 4; Danduli in Mur. SS. 12, 351; Canale 
im Arch. stör. Ital. 8, 370ff.; vgl. auch die Bemerkung Friedrichs 
in B.-F. 3129 und Salzer 39; Stieve Ezzelino von Romano 46 f. Aus 
einem Memorial.-fragm. von 1240 (St.-A. Bol. Tesoreria) erfahren 
wir, daß Philippus de Zaneili die Bologneser Fahne in die Stadt 
trug, besitzen ferner (St.-A. Bol. Podesta Libri delle milizie a 
piedi) Teile eines Verzeichnisses von Bol. Bürgern, die an der Be¬ 
lagerung teilnahmen. 

156. B.-F. 13335 St.-A. Bol. Reg. nuovo fo. 132 v. 


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längs der adriatischen Küste ziehend, der Romagna, um seine 
Streitkräfte gegen Bologna zu führen. Die geringe Wirkung 
seines Vorgehens von Westen her im Jahre 1239 mag ihn 
mitveranlaßt haben, diesmal den Angriff von Osten her zu 
versuchen. Er war zurzeit Herr von Mittelitalien, gebot über 
Toscana und die Mark Ancona, die Straßen nach der Ro¬ 
magna standen ihm also offen. Und in der Romagna selbst 
konnte er auf einen großen Anhang in den östlichen 
Comunen, dazu auch auf den Beistand der Faentiner Accarisi 
rechnen. So versprach der Feldzug ebenso erfolgreich zu 
werden, wie einst der Angriff Erzbischof Christians von 
Mainz. Bologna hatte daran gedacht, die Besatzung Ra¬ 
vennas zu verstärken 157 ; da aber Paolo dei Traversari am 
10. August starb, konnte der Kaiser ohne große Mühe am 22. 
die Stadt einnehmen 158 . Und alsbald werden sich alle reichs¬ 
treuen Elemente des Landes seinen Fahnen angeschlossen 
haben. So glaubte er sein Ziel, die Demütigung Bolognas, 
in kurzem erreichen zu können 159 . Am 24. oder 26. August 
wandte er sich gegen Faenza 160 . Mit ihm kamen Truppen 
aus Deutschland, der Mark Treviso, Tuscien und Apulien, 
von Lodi, Vercelli und Novara, dann die Streitkräfte der 
ganzen Romagna, auch Imolas, das also das Bologneser Joch 
bei Friedrichs Annäherung abzuschütteln vermocht hatte. 
Faenzas Verteidigung leitete sein Podesta, der Venetianer 
Michele Morosini 1H1 , und Qraf Guido Guerra 162 , seine Be- 


157. Vgl. B.-F, 7317. Nach einem Memorial.-fragm. von 1240 
(St.-A. Bol. Tesorcria) zahlten einige milites das Geld, das sie 
causa eundi Ravcnnam erhalten hatten, zurück, wohl weil sie ihre 
Aufgabe nicht erfüllen konnten. 

158. B.-F. 13344a, 3133b und c, 3134; Salimbenc 166. 

159. B.-F. 3134. 

160. B.-F. 3135 a; vgl. auch Davidsohn Gesch. 2, 1, 269; B.-F. 
13365; auch Schneider in Quell, u. Forsch, aus ital. Archiven 11, 317. 

161. Danduli in Mur. SS. 12, 352. 

162. Vgl. Davidsohn Gesch. 2, 1, 267 f. 


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Satzung verstärkten tausend Fußtruppen aus Bologna und 
Venedig. Bald wurden die burgi Faenzas von den Belagerern 
medergebrannt, und noch am 25. September rechnete Fried¬ 
rich auf rasche Eroberung 163 . Da aber der Widerstand der 
Eingeschlossenen durch Bettelmönche angefacht wurde 164 , 
ergab sich im Oktober die Notwendigkeit, befestigte Winter¬ 
quartiere zu beziehen 165 . Bis ins folgende Frühjahr hinein 
hielt sich die Stadt. Erst als der Lebensmittelmangel uner¬ 
träglich wurde, sich auch, ähnlich wie bei der Belagerung 
Ferraras, Verrat zu regen begann 166 , erfolgte am 14. April 
die Uebergabe 167 . 

Der Lombardenbund beabsichtigte wahrscheinlich den 
Entsatz Faenzas 168 , aber zur Ausführung des Planes kam es 
nicht. Einen solchen Versuch abzuwehren, mag der Kaiser¬ 
sohn Enzio beauftragt gewesen sein 169 . Auch werden Mo¬ 
dena und seine Verbündeten, die an der Einschließung selbst 
nicht teilnahmen, durch militärische Manöver Bolognas Streit¬ 
kräfte festgehalten haben. Schon im März 1240, also noch 


163. B.-F. 3143. 

164. B.-F. 3165. 

165. B.-F. 3151a, 3152; Oüterbock im N. A. 30, 61 f. 

166. Die Nachricht der Ann. Caesen. in Mur. SS. 14, 1097 
wird durch das Privileg bestätigt, das der Graf von Cunio vom 
Kaiser erhielt (B.-F. 3200). 

167. B.-F. 3196 b, dazu Math. Paris, in M. G. SS. 28, 205; 

Cantinelli 4; Chron. Loli. 127; vgl. auch B.-F. 3197 und 98. 

168. Cod. lat. Monacen. 23497 Arrengae des Guido Faba 

(vgl. Gaudenzi im Bullet. 14, 146) fo. 83 bringen einen Antrag 

der Faentiner in einer Sitzung des Lombardenbundes, ihrer Stadt 
zu helfen. Antwort erteilte ein Legat (wohl Gregor von Montelongo, 
der damals mehrfach in Bologna weilte; vgl. B.-F. 13351 und 57), 
bis kommenden März (1241) würden dreitausend Mann des Bundes 
mit dem Bologneser Heer zum Entsatz heranrücken. 

169. Blasius 64 f. Aus dem gleich zu erwähnenden Zeugen¬ 
verhör ergibt sich, daß Imola militärisch besetzt war. Der Um¬ 
stand, daß Medicina nicht unter Bologneser Herrschaft stand, muß 
irgendwie die Einnahme Faenzas mitverschuldet haben; vgl. Frati 
Stat. 1, 511 = 2, 113. 


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während der Belagerung Ferraras, war es den Modenesen 
geglückt, eine Partei der Capitane des Frignano, die Gualan- 
delli, zurückzugewinnen und in den Berglanden wieder vor¬ 
zudringen 170 . Für die Folgezeit fließen die Nachrichten 
äußerst spärlich. Zum Jahre 1241 wird nur eine mißlungene 
Ueberrumpelung Bazzanos durch die Bolognesen berichtet 171 . 
Bald nach der Kapitulation Faenzas erfolgte eine Einigung 
Bolognas mit seinen westlichen Gegnern über Gefangenen¬ 
auswechselung 172 . Daraus könnte man auf eine augenblick¬ 
liche Erschöpfung seiner militärischen Kraft schließen. Auch 
sprechen einige Anzeichen dafür, daß es in der Bürgerschaft 
nicht an kaiserfreundlichen Elementen fehlte 173 . Doch beide 
Annahmen lassen sich nicht zur Wahrscheinlichkeit erheben. 
Auf jeden Fall aber war es ein Glück für Bologna, daß der 
von Friedrich geplante Angriff auf die Stadt unterblieb. Nach 
Faenzas Eroberung war der Kaiser nach Imola gerückt 171 , 


170. Tiraboschi Modena 5 Nr. 814; Chron. Mod. 42. 

171. Chron. Mod. 42. 

172. Ann. Parm. 660. Im St.-A. Bo!. Podesta Libri delle milizie 
a piedi befinden sich Akten über den Gefangenenaustausch mit Parma, 
wozu Mitte Mai eine Kommission eingesetzt wurde; vgl. auch die 
Formulare bei Guidonis Epistole in II Propugnatore N. S. 6, 1, 389 f. 

173. Dafür ließe sich zweierlei anführen: Aus erhaltenen Proze߬ 
akten (B.-F. 13400 a Bol. St.-A. Miscel. 3 Nr. 4; vgl. auch Sav. 
3, 174 Anm. D) ergibt sich, daß fcur Fastenzeit 1241 (an sich wäre 
auch 1242 möglich, ist aber nicht wahrscheinlich) ein Kleriker An- 
selmus (daß sein Vater Magister Bene, wie Davidsohn Gesch. 2, 
1, 276 für wahrscheinlich hält, mit dem bekannten Professor der 
Grammatik identisch ist, scheint mir bei der Häufigkeit des Namens 
wenig sicher) Briefe an fnzio und den kaiserlichen Befehlshaber 
m Imola Vitalis richtete, die offenbar hochverräterische Anschläge 
gegen Bologna enthidten. Dann ging das Gerücht (Salimbene 384), 
daß Ottaviano degli Ubaldini, damals schon procurator der Bolo¬ 
gneser Kirche, proditor Faventiae gewesen sei (die Bemerkung David¬ 
sohns Gesch. 2, 1, 269 zu dieser Stelle des Salimbene scheint mir 
nicht überzeugend). 

174. B.-F. 3202 a. 


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um einen Plünderungszug ins Bolognesische zu unternehmen, 
hatte auch Enzio wohl beauftragt, dazu Truppen in Toscana 
zu sammeln 17 *. Da erreichte ihn die Kunde von dem Seesieg 
der Seinen über die Genuesische Flotte und die Gefangen¬ 
nahme der nach Rom zum Konzil ziehenden Geistlichkeit, 
und bei der so veränderten Lage erklärte er es für seine 
dringendere Aufgabe, eine Heerfahrt in den Kirchenstaat an¬ 
zutreten. Am 18. Mai war er wieder in Faenza und Anfang 
Juni marschierte er nach dem Süden ab 176 . — Wir haben 
keinen Grund den eigenen Worten des Kaisers zu mißtrauen, 
dürfen sie aber dahin auslegen, daß nach seiner berechtigten 
Aiinahme die Demütigung Bolognas noch weit mehr Zeit 
und Kraftanstrengung erfordert hätte, als die Niederwerfung 
Faenzas, und daß ihm der mögliche Erfolg neben den Vor¬ 
teilen, die er aus der augenblicklichen Lage der Kurie zu 
ziehen hoffte, gering erschien. Denn daß gerade von Bologna 
der letzte Schlag gegen seine Herrschaft in Oberitalien er¬ 
folgen sollte, ließ sich damals noch nicht erkennen. 

Jetzt trat für die Bolognesen eine Art Waffenstillstand 
ein. Nach des Kaisers Abzug blieb Enzio das Jahr 1241 
hindurch mit Heeresmacht in der Romagna 177 , und damals 
wurde das Land dem autokratisch-zentralisierten Regierungs¬ 
system eingegliedert, mit dem Friedrich ganz Italien zu um- 


175. Blasius 65 f.; Davidsohn Gesch. 2, 1, 270 f. 

176. Vgl. B.-F. 3205, 3206, 3208 a. Daß Friedrich in dem» 
Brief an den König von England den geplanten Zug gegen Ronf 
verschweigt, beweist nicht, daß der Plan damals noch nicht gefaßt 
war; vgl. B.-F. 3216. — In den Prophetieen des Magister Scotus 
(N. A. 30, 362 Vers. 37 f.) wird angegeben, daß der Kaiser Bologna 
mit Plünderung heimsuchen, gegen Zahlung einer großen Geld¬ 
summe aber davon abstehen werde. Holder-Egger (373) bezieht 
dies auf die Ereignisse des Jahres 1239. Es könnte aber wohl 
auch zu den Ereignissen vom Mai 1241 passen. Doch möchte ich 
nicht annehmen, daß ein solches Loskaufen wirklich erfolgt ist. 

177. B.-F. 13371a, 13382e, 13384; Davidsohn Forsch. 2 Nr. 
342, 44, 97, 99. 


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spannen gedachte 178 . Die Städte erhielten kaiserliche Burgen 
und Besatzungen 179 , auch wurden Geiseln von ihnen ge¬ 
nommen 180 ; die kleinen Feudalherren empfingen nach Mög¬ 
lichkeit ihre Selbständigkeit zurück 181 . An die Spitze der 
Regierung trat der Generalvikar Thomas von Matera 182 , unter 
ihm fungierten die kaiserlichen Podestas 183 . Die Bewohner, 
auch die kirchlichen Institute, hatten Abgaben, wie die 
collecta, den Reichsbeamten zu entrichten 184 , und Verbote 
hemmten ihren Handelsverkehr mit den Feinden des 
Kaisers 183 . In Imola geschah keine Aenderung. Das Comune 
behielt seine Selbständigkeit, während die Grafschaft weiter 
vom Reiche verwaltet wurde 186 . Die.so geschaffene Ver¬ 
waltungsorganisation scheint zu dem gewünschten Erfolg 


178. Ficker Forsch. 2, 492 ff. 

179. Vgl. wegen Ravenna Spie. Rav. hist, in Mur. SS. 1, 2, 
578, wegen Faenza Rycc. de S. German, in Mon. stör, di soc. Napol. 
1, 153; Ann. S. Pantal. SS. 22, 534 und B.-F. 13382 e, wegen Cesena 
Ann. Cacsen. in Mur. SS. 14, 1098, wegen Imola Villola und 
Griffoni 16 zu 1263, wegen Cervia Cantinelli 21 zu 1275. 

180. Vgl. B.-F. 13382e; Davidsohn Forsch. 2 Nr. 426. 

181. Vgl. B.-F. 3200 und 3393. 

182. Ficker Forsch. 2, 510; B.-F. 3343. 1243 war er zugleich 
Podesta von Ravenna; vgl. Fantuzzi Mon. Rav. 6, 250. — Ueber 
Murin us de Ebuk> vgl. Schneider in .Quell, u. Forsch, aus ital. 
Archiven 11, 309 ff. 

183. In Imola waren kaiserliche Podestas: 1242 Gualterus de 
Aquavia (Stadt-A. Imola Libro rosso fo. 85), 1243 Henricus Testa 
von Arezzo (Kapitel.-A. Imola Mazzo 6 Nr. 154); vgl. auch B.-F. 
3401, 3661. 

184. 1244 zahlten die Imolescr Domherrn zu einer collecta 
(Kapit.-A. Imola Mazzo 6 Nr. 160); vgl. auch B.-F. 3659, 3660. 

185. Vgl. B.-F. 3660. 

186. Vgl. Friedrichs Privileg (B.-F. 3408 Or. im Kapit.-A. Imola 
Mazzo 6 Nr. 152 mit Indict. 2). — Die Angabe des Pietro Rav. 
zu 1241, daß der Kaiser den Forlivesen die Herrschaft über Faenza 
gegeben habe, verdient keinen Glauben (vgl. auch Cantinelli Pre- 
fazionc IX, danach wären ja 1242 dieselben Forlivesen wie 1274 
Podestas von Faenza gewesen). 


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geführt zu haben. Sechs Jahre lang wagte Bologna nicht, 
einen Angriff gegen die Machtstellung Friedrichs in der 
Romagna zu führen, und nur den Verlust Cervias und seiner 
Salinen, die 1243 die Venetianer besetzten 187 , hatte der Herr¬ 
scher zu beklagen. Zugleich aber übte sie eine Wirkung 
aus, die erst später hervortrat. Sie raubte den einzelnen 
Stadtgemeinden ihre innere Kraft. Als daher das kaiserliche 
Regiment beseitigt war, zeigten sich die Comunen außer¬ 
stande, ihre alte Selbständigkeit wiederherzustellen. Es 
fragte sich nur, wer der Erbe des Kaisers in der Herrschaft 
sein sollte. 

Im Westen Bolognas gebot Enzio über die treuesten 
Anhänger Friedrichs, Modena, Reggio, Parma und Cremona, 
die sich jetzt aber auch kaiserliche Podestas gefallen lassen 
mußten 188 . Er überließ den Modenesen den kleinen Grenz¬ 
krieg gegen Bologna 189 , der nur von Zeit zu Zeit durch Ge¬ 
fangenenauswechselung unterbrochen wurde 190 . Er selbst 
machte Cremona zum Mittelpunkt seiner fortgesetzten Ver¬ 
wüstungszüge gegen Mailand und besonders gegen Pia- 
cenza 191 . 1245 dann, als die Friedensverhandlungen mit dem 


187. Pietro Rav. zu 1243; vgl. Güterbock im N. A. 24, 738. 
— In Zusammenhang mit diesem Ereignis steht es wohl, daß Inno- 
cenz IV. 1245 dem Bischof von Cervia seine Besitzungen und Rechte 
bestätigte (Potthast 11527). 

188. Ficker Forsch. 2, 532 und 34; vgl. auch N. A. 31, 721. 

189. Vgl. Chron. Mod. 43 zu 1242. Ein Brief des Bol. Podeste 
an den Podesta von Mailand (St.*A. Bol. Podesta Libri dei processi 
in pergam. Defensiones militum vom April 1243, letztes fo.) vom 
Frühjahr 1243 (es wird darin die soeben erfolgte Freilassung des 
Kardinals von Palestrina erwähnt; vgl. B.-F. 3362b und 63) be¬ 
richtet von seinem Plünderungszug gegen S. Cesario, Savignario, 
Bazzano, ferner Panzano und Nonantola. Die defensiones illorum 
qui non fuerunt in cavalcata (St.-A. Bol. Capitano del popolo Atti) 
ergeben zu 1246 einen Zug gegen Spilamberto, bei dem wieder 
S. Cesario, Savignano und Bazzano heimgesucht wurden. 

190. Vgl. Villola zu 1244 und 46, aber Ann. Parm. 670. 

191. Blasius 76 ff. 


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neuen Papst, Innocenz IV., zu keinem Resultat geführt 
hatten 192 , und dieser nach Lyon zum Konzil gegangen war, 
erschien auch Friedrich wieder in der Poebene 193 . 

So waren die Bolognesen, ähnlich wie nach dem Kon* 
Stanzer Frieden, von der Kaisergewalt umschlossen und 
,mußten alle Kräfte anspannen, um nicht noch weitere Ein¬ 
bußen zu erleiden. Schon für das Jahr 1241 hatten sie den 
Mailänder Ottone da Mandello, einen der erfahrensten Be- 
rufspodestas 194 , an die Spitze des Stadtregiments gestellt, 
der auch wohl noch die drei ersten Monate des folgenden 
Jahres, nun wahrscheinlich mit dem Titel defensor civitatis 
iin Amte blieb 195 . Er .begann mit der Ausbildung eines Ver¬ 
teidigungssystems. Im Osten, Süden und Westen wurden 
für die Grenzorte militärische Befehlshaber ünd Wachen be¬ 
stimmt 196 , dazu der Ausgang des Bologneser Naviglio durch 
Anlage des Torre dell’ Uccellino geschützt 197 . Dann be- 


•192. Wie sie hauptsächlich an der Lombardenfrage scheiterten 
(vgl. Weber Der Kampf zwischen Innocenz IV. und Friedrich II. 
51 ff.), so war «ich Bologna daran beteiligt (vgl. B.-F. 7436 und 
13513). 

193. B.-F. 3475 a. 

194. Rolandin. in M. O. SS. 19, 59. 

195. Defensor heißt er bei Cantinefli 4. Im St.-A. Bol. Ufficio 
di compilazione degli statuti Comissioni notarili finden sich Prü¬ 
fungen aus dem Jahre 1288 (mit Nachtragungen bis 1296) von Ueber- 
tragungen der rogationes eines verstorbenen etc. Notars an einen 
andern. Die Notizen sind in so großer Zahl vorhanden, daß ihre 
Angaben über die z. Z. regierenden Podestas eine vorzügliche Be¬ 
amtenliste geben. Danach war der Podesta von 1242, Uberto Vi- 
sconte, im Januar, Februar und März noch nicht im Amt. Dazu 
paßt, daß das gleich zu erwähnende Dokument über die Grenzorte 
bis zum 16. März 1242 Mandello als Podesta erwähnt. Nach Savioli 
(3, 173 Anm. B) wird Ottone in einer Urkunde vom 12. Februar 
1242 defensor genannt. 

196. St.-A. Bol. Procuratori enthält die Eide solcher Befehls¬ 
haber vom Ende 1241 und Anfang 1242. 

197. Villola zu >1242; vgl. Sav. 3, 174 Anm. E. 


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nutzte man wahrscheinlich die Vakanz des päpstlichen 
Stuhles, um zur Sicherung der Ebene die beiden Mathildi- 
nischen Enklaven, Medicina und Argelato, die bisher unter 
päpstlicher Herrschaft gestanden hatten 198 , endgültig zu be¬ 
setzen 199 . 1244 wurden Wurfmaschinen unter die Grenz¬ 
kastelle verteilt, die nach Modena zu von Sestola im Fri- 
gnano und Rocca Corneta in dichter Reihe bis nördlich nach 
Crevalcore liefen, während an der Ostgrenze, wohl wegen 
der geringeren jGefahr, nur Castel S. Pietro und Castel S. Polo 
bedacht wurden 200 . 1246 endlich, als sich Florenz dem Kaiser 
unterwarf 201 , glaubte Bologna die südlichen Teile seiner 
Bergiande stärker bedroht, und erbaute hoch oben an der 
Florentiner Paßstraße (nahe dem heutigen Monghidoro) die 
Feste Scaricalasino 202 . Und wie vorher bei der Anlage von 
Castel Leone, so wurde auch jetzt eine besondere Podesteria 
della montagna zwischen Savena und Sillaro eingerichtet 
und das neue Kastell zum Regierungssitz erhoben 203 . 

Nicht weniger aber als die Sicherung der Grenzen, war 
eine Festigung der inneren Verhältnisse erforderlich. Die 
Adelsfehden nahmen, unter dem Einfluß der kaiserlichen 
Machtstellung, immer mehr den Charakter von Parteikämpfen 


198. In einer Urkunde vom 5. Dezember 1239 (A. der Lam- 
bertini in Foggio Renatico Lib. 4 Nr. 32) wird Jacobus Bon. canonü- 
cus Medkine et duarum partium Argelate apostolica dignatione rector 
erwähnt; vgl. auch Auvray, Registres de Gregoire IX. Nr. 1029 
und 2676. 

199. Frati Stat. 2, 111 und 113; 1, 511. — Friedrich II. 
veriteh 1245 beide Orte dem Sohn des Salinguerra (B.-F. 3476). 

200. St.-A. Bol. Liber iuramentorum fo. 223 und 29; vgl. wegen 
Savigno (nahe der Samoggia) Frati Stat. 2, 410, wegen Crevalcore 
Und Phiraazzo 2, 396 und 519; 1, 496 und 504. 

201. Davidsohn Gesch. 2, 1, 313 ff. und 320. 

202. Vgl. Calindri 3, 259 f.; Villola zu 1M6; Frati Stat. 3, 
335 und 364. Nach dem Liber funtant. quart. Porte Raven, im 
St.-A. Bol. Estimi wurden dort angesiedelt Bewohner von Frassinco, 
Vergiano und Stiolo. 

203. Näheres darüber später. 


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an. Und besonders waren es die kaiserfreundlichen Lamber- 
tazzi, die Jahr um Jahr Unfrieden stifteten. Aber der Popolo 
wurde von dieser Spaltung der Magnaten nicht wesentlich 
berührt, sondern bemühte sich, das Stadtregiment, an dem 
er seit 1228 Anteil erlangt hatte, noch mehr in seine Gewalt 
zu bekommen und den Adel zur Ruhe zu zwingen. So be¬ 
wahrte sich Bologna die innere Geschlossenheit des Staats¬ 
wesens, die es seinen Nachbarn überlegen machte. Denn die 
Herrschaft Friedrichs in der Romagna war eine Partei¬ 
herrschaft, überall wurden die Guelfen verjagt und ihre Güter 
konfisziert 204 . Auch in den westlichen Comunen verstärkte 
der Druck des Reichsregiments die innere Spaltung. Nur 
durch seine persönliche Anwesenheit konnte Friedrich 1245 
die Revolution in Parma unterdrücken 205 . In Reggio ließ 
sich ihr Ausbruch nicht mehr verhindern, sondern die guel- 
fischen Roberti wanderten aus und flüchteten großenteils 
nach Bologna 206 . Im Herbst 1246 mußte Enzio aus Modena 
Geiseln mitnehmen, um die dortige päpstliche Partei, die 
Aigoni, im Gehorsam zu erhalten 207 . Und dazu kam noch 
ein zweites: In den Nachbargemeinden war durch die 
Parteikämpfe das Interesse der Bevölkerung am politischen 
Leben abgestumpft 208 . Bei den Bolognesen war eine Ab- 


204. Vgl. den Brie! König Heinrichs Raspe B.-F. 4878. Wegen 
der verjagten Manfredi, der Faentiner Guelfen, vgl. die Urkunde 
Innocenz’ IV., B.-F. 7410 und Frati Stat. 2, 88. 

205. B.-F. 3501 e. 

206. Milioli 517; Chron. Mod. 45; Chron. Loli. 128; vgl. 
B.-F. 7679. — Nach Bologna kamen im selben Jahr auch Flücht¬ 
linge aus Brescia (Villola zu 1245, der aber irrtümlich von Ver¬ 
treibung einer Brescianer Partei spricht. Noch entstellter scheint 
die Bologneser Qudlennotiz in Chron. Mod. 45 f. übergegangen 
zu sein. Brescia gehörte z. Z. dauernd zum Bunde, nur machte im 
August die ghibellinische Außenpartei erfolgreiche Angriffe auf das 
Oebiet von Brescia; vgl. B.-F. 13550a). 

207. Ann. Plac. 493; Mod. Chron. 47 f. 

208. Ficker 2, 552. 


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nähme des Comunalpatriotismus noch nicht zu bemerken, 
sondern das zur Gewalt gelangte Volk spannte alle Kräfte 
an zum Kampf gegen den Kaiser 209 . Und nun traf cs sich, 
daß gerade in dem Augenblick, da Friedrichs Herrschaft eine 
neue arge Erschütterung erlitt, die Bologneser Politik einen 
bedeutenden Führer fand. 


209. Vgl. auch die Einleitung zu dein Gesetz Frat. Stat. 1, 
352 Nr. 9. 


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III. Kapitel. 

Sieg über die Kaisermacht und Modena. 

Hegemonie in der Romagna. 

Seitdem Friedrich II. 1226 Modena und Reggio von 
Bologna getrennt und den westlichen Nachbarn zugeführt 
hatte, bildete dieser kaiserfreundliche Städtebund die Grund¬ 
lage seiner Machtstellung in der Poebene und verhinderte, 
daß dem Herrscher, wie seinem Großvater, die geschlossene 
Masse der oberitalienischen Städte entgegentrat. Aber schon 
die guelfische Bewegung der letzten Jahre hatte die Bürger¬ 
schaft der-reichstreuen Städte innerlich gespalten, und nun 
brach durch den Abfall Parmas am 16. Juni 1247 1 2 die 
Koalition völlig auseinander. Da begreift es sich, daß Fried¬ 
rich alle Kräfte anspannte, um das abtrünnige Comune zu¬ 
rückzugewinnen 8 . Während der Belagerung erteilte er 
seinem Sohn Enzio den Auftrag, dem Entsatzheere, das der 
päpstliche Legat 3 , der Kardinal Ottaviano degli Ubaldini, 
von Norden heranführte 4 5 * , entgegenzutreten. Ende Oktober 
gelang es den Päpstlichen, den Belagerten die nötigen 
Lebensmittel zuzuführen, (aber Mitte Dezember verzichtete der 
Legat auf weiteren Angriff und entließ sein Heer 3 . Auch 

1. B.-F. 3632a, 13615 a. 

2. B.-F. 3634 a. 

3. B.-F. 7745, 13603 a. 

4. B.-F. 13625. 

5. B.-F. 13626a, 13630 b, 13634 a. Ob dem Kardinal aus 

seinem Abzug ein Vorwurf zu machen ist, braucht hier nicht er- 


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die Bolognesen hatten zu dem Unternehmen des Kardinals 
ein Truppenkontingent gestellt 0 und so zum ersten Mal Ge¬ 
legenheit gefunden, unter dem Ubaldini zu kämpfen. Jetzt 
eilte der Legat über Mantua' zum Reno, um an der Spitze 
Bolognas den Kampf gegen die Reichsgewalt aufzunehmen. 

Ottaviano aus dem Florentiner Feudalgeschlecht der 
Ubaldini war den Bolognesen kein Fremder, denn in ihrer 
Stadt hatte er seine geistliche und politische Laufbahn be¬ 
gonnen. Er trat ins Bologneser Domkapitel ein, rückte, da 
Gregor IX. ihn begünstigte und zu seinem Kapellan ernannte, 
bald zum Archidiakon auf 8 und wurde 1240, noch ehe er das 
vorgeschriebene Alter erreicht hatte, zum Nachfolger Bischof 
Heinrichs gewählt 8 . Damals stand Friedrich vor Faenza 
und bedrohte auch Bologna. Und weil der neue Bischof 
einem reichsfreundlichen Geschlecht entstammte, ging das 
Gerede — wie weit es begründet war, wird sich schwerlich 
ausmachen lassen —, daß er verräterischen Umtrieben nicht 
ganz ferngestanden habe 10 . Einige Jahre später wußte er 
das Vertrauen der Bologneser Bürgerschaft zu erwerben. 
Unter seiner Mitwirkung wurde der Streit zwischen der ghi- 


örtert zu werden. Doch scheint mir Maubach (Die Kardinale und 
ihre Politik 34 f.) dem Gerede der Pa miesen, der Kardinal werde 
sic verraten (Salimbcnc 384), zu große Bedeutung beizumessen. Jeden¬ 
falls begann sein energisches Vorgehen gegen den Kaiser schon 
vor Friedrichs Niederlage vor Parma. Ob die in den beiden For¬ 
mularen, Levi in ASR. 14, 270 Nr. 3 und 272 Nr. 4, enthaltenen 
Angaben richtig sind und zeitlich hierher gehören, möchte ich nicht 
entscheiden. 

6. Cron. di Bol. 264; Chron. Mod. (Cronaca Bazzano) 48; 
Milioli 518; Ann. Plac. 495. 

7. B.-F. 13635. 

8. Urkundlich wird er zuerst am 18. Juni 1232 als Domherr, 
am 7. Mai 1236 als Archidiakon erwähnt (Kan.-A. Bol. Libro 
dalle Asse. f. 39 und 32 v). 

9. Villola zu 1240; B.-F. 7299. 

10. Vgl. oben S. 222 Anm. 173. 


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bellinischen und guelfischen Adelsfraktion beigelegt 11 . Kurz 
darauf, im Mai 1244, erhob ihn Innocenz IV. zum Kardinal¬ 
diakon von S. Maria in Via lata 18 . 

Die Zeitgenossen wie die moderne Forschung 13 rechnen 
Ottaviano zu den glänzendsten Gestalten des Dugento, und 
die folgenden Blätter werden zeigen, daß ihm in der 
Bologneser Geschichte ein Ehrenplatz gebührt, daß sich die 
Stadt unter seiner Führung zu einer Territorialmacht empor¬ 
hob. Da aber bis heute eine erschöpfende Darstellung seiner 
eigenartigen Persönlichkeit fehlt, darf hier nur mit allem 
Vorbehalt versucht werden, die ihn bei seinem Eingreifen 
in die Geschicke Bolognas leitenden Gedanken aufzudecken. 
Als einen seiner markantesten Charakterzüge hat man seinen 
Egoismus hervorgehoben, der ihn die Interessen seiner 
Familie und damit der toscanischen Ghibellinen verfolgen 
hieß, auch wenn er dabei die Pflichten, die ihm als hohem 
Würdenträger der Kirche oblagen, verletzte. So wird bei 
seinem Entschluß, Bologna als Mittelpunkt seiner Legation 
zu wählen, die Erkenntnis mitgewirkt haben, daß ihm die 
Freundschaft dieser Stadt nur Vorteil bringen konnte. Denn 
ein Zweig seines Geschlechtes gehörte zur Bologneser 
Bürgerschaft 14 , das Gros seiner Besitzungen grenzte an 
Bolognas Gebiet, ja einige von ihnen unterstanden der Ober- 


11. Frati Stat. 2, 109 == 1, 510; B.-F. 13305. 

12. Sarti 2, 269; B.-F. 7474 a. 

13. Ich erwähne Salimbene 384 ff., Benevenuti de Imola Co- 
mentum Dantis ed. Lacaita 1, 356 f., die Schreiben der Florentiner 
bei Levi in ASR. 14, 289 Nr. 19 und 294 Nr. 22; dazu Maubach 
Die Kardinälc und ihre Politik 21 f. und passim; Davidsohn Oesch. 
2, 1, 327 ff. und passim. 

14. Ein Ugolinus Ubaldini war 1216 und 20 Mitglied des 
Bologneser Consiliums, dessen Sohn Guido gehörte 1229 ebenfalls 
zum städtischen Rat, bekleidete auch einmal das Amt des iudex 
comunis (Santini Doc. del comune di Firenze Nr. 64; Siv. Nr. 490; 
Nr. 575; Ujrk. von 1230 St.-A. BoL Dem. S. Francesco Cass. 4/4136 
Nr. 16). 


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hoheit des Comime 15 . Aber neben diesen Motiven persön¬ 
licher Art müssen auch politische Erwägungen seine Schritte 
zum Reno (gelenkt haben. Der Ubaldini stand den Mitgliedern 
der römischen Kurie fern, die ein glühender Haß gegen 
Friedrich und seine Anhänger, beherrschte; bei dem Gegen¬ 
satz seiner Herkunft und seiner religiösen Skepsis zu seinem 
geistlichen Amt, scheint er eine mehr neutrale Haltung 
gegenüber den Ghibellinen und Guelfen eingenommen zu 
haben. Wir möchten ihn einen Realpolitiker nennen. Er 
wird des Kaisers Sache damals schon verloren gegeben, 
sich aber auch nichts von der Aufrichtung einer päpstlichen 
Parteiherrschaft versprochen haben. Von allen östlichen 
Stadtgemeinden des oberitalienischen Festlandes nun hatte 
sich allein Bologna machtvoll gegen das Reichsregiment be¬ 
hauptet, und nur mit seinen Waffen konnte dort ein Angriff 
auf die kaiserliche Herrschaft geführt werden. Daher ließ 
sich von einer Neuordnung der Verhältnisse nur dann eine 
gewisse Dauer erwarten, wenn sie sich auf Bologna stützte. 
Und weil die innere Kraft dieser Stadt auf dem siegreichen 
Popolo beruhte, der die beiden streitenden Adelsfraktionen 
zur Ruhe zwang, so übernahm der Kardinal ihr Programm 
und bemühte sich, überall den Frieden zwischen der 
ghibellinischen und guelfischen Partei herzustellen und auch 
in andern Comunen die demokratische Verfassung nach dem 
Bologneser Muster zu organisieren. Natürlich folgte die 
Bologneser Bürgerschaft bereitwilligst der Führung des 
Kardinals, denn ihr eröffnete sich jetzt die Aussicht, die schon 


15. Im Jahre 1255 gewährte Bologna, auf des Kardinals Bitte, 
den Bewohnern der ihm gehörenden Orte Pietramala und Cavrenna 
(beide nahe der Florentiner Grenze gelegene Orte werden 1223 
zur Bologneser Grafschaft gerechnet; vgl. Sav. Nr. 545), ihre Lei¬ 
stungen auf Zahlung der boateria und Kriegsdienst zu beschränken 
(St.-A. Bol. Dem. S. Francesco Cass. 336/5078 Nr. 237 und Estimi 
Lib. fumant. quart. Porte Rav. Notiz zu Pietramala und Cavrenna* 
vgl. Delizie degli Eruditi Toscani 10, 216). 


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lange erstrebte Herrschaft über die Romagna zu erringen 
und den alten Gegner, Modena, niederzuzwingen. 

Wohl um die Wende von 1247 auf 48 verabredeten 
Ottaviano und die Bolognesen einen Anschlag auf Florenz 
mit den Guelfen dieser Stadt. Aber der Plan mißlang, da 
der Kaisersohn Friedrich von Antiochien Florenz besetzte, 
worauf die Guelfen die Stadt verließen 16 , zum Teil nach' 
Bologna flüchteten 17 und dort blieben, bis ihnen 1251 die 
Rückkehr in die Heimat gestattet wurde 18 . Das Uebergreifen 
Bolognas nach Toscana blieb eine Episode 19 , bald nahm 
die Romagna seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Hier 
im Osten konnte sich die Reichsgewalt nicht auf die Comunen 
der Landschaft stützen, denn deren innere Kraft hatten die 
langen Kämpfe veigangener Zeiten erschöpft und das zuletzt 
von Friedrich aufgerichtete Regiment gebrochen, sondern nur 
auf die allgemeine Machtstellung des Kaisers. Es wurde 
schon hervorgehoben, wie der Abfall Parmas diese aufs 
empfindlichste traf. Zu Beginn des Jahres 1248 brachte 
die Niederlage der kaiserlichen Truppen bei Victoria eine 
neue moralische Einbuße 20 . Nichts zeigt das deutlicher, als 
der Uebergang des Generalvikars der Romagna, Thomas von 
Matera, ins päpstliche Lager 21 . 


16. Davidsohn Gesch. 2, 1, 329—33. 

17. Davidsohn Gesch. 2, 1, 361 Anm. 3; Frati Stat. 2, 149 (von 
Davidsohn Gesch. 2, 1, 550 irrtümlich auf spätere Zeit bezogen). 

18. Davidsohn Gesch. 2, 1, 384. 

19. In diesen Zusammenhang gehört der Vertrag vom 16. Fe¬ 
bruar 1248 (B.-F. 13647 3t.-A. Bol .Reg. nuovo f. 140), mit dem 
der Graf Napoleone von Mangona sich mit seinen Besitzungen 
unter den Schutz Bolognas begab; vgl. auch Davidsohn Gesch. 2, 
1, 320. Die Grafen blieben im Besitz von Piano de! Voglio, Ca- 
stiglione de’ Gatti (heute Pepoli), Baragazza und BruscoU; vgl. 
Griffoni 20 = Cron. di Bol. 284 zu 1272. 

20. B.-F. 3666 a, 3698 a. 

21. Vgl. die gleich zu nennenden Quellen. Ueber die Be¬ 
ziehungen der Romagna zu Graf Richard von Teate vgl. Güter- 
bock im N. A. 30, 67; B.-F. 3651 und 13634c 


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Ohne von Friedrich oder Enzio 88 einen Angriff im 
Rücken befürchten zu müssen, konnte Kardinal Ottaviano 
mit fünfhundert Bologneser Reitern und dem Fußvolk zweier 
Quartiere Mitte Mai vor Imola ziehen. Während dort die In¬ 
fanterie zurückblieb, rückte Ubaldini, Faenza umgehend, nach 
dem Osten und gewann ohne Mühe — überall unterstützten 
ihn anscheinend die guelfischen Außenparteien — erst Forli, 
dann Cesena, Rimini und Forlimpopoli. Als er dann zum 
Heere zurückgekommen war, öffnete ihm Imola die Tore. 
Am 8. Juni kehrten die Ravennatischen Fuorusciti, geführt 
von ihrem Erzbischof, in ihre Vaterstadt zurück. Nur die 
Unterwerfung Faenzas um die Mitte des Monats erforderte 
eine regelrechte Belagerung. Und Ende Juni, als sich die 
Grafen von Castrocaro und die Gemeinde Bertinoro den 
Päpstlichen angeschlossen hatten, geboten der Kardinal und 
Bologna über die ganze Romagna 83 . 

Der Landschaft eine Neuorganisation zu geben, dazu 
fehlte dem Legat die Muße. So begnügte er sich, überall 
Bolognesen als Podestas einzusetzen. Aber Bologna zögerte 
keinen Augenblick, sich die ihm aus dem glücklichen Feld¬ 
zuge erwachsenen Vorteile zu sichern 24 . Schon am 12. August 
verpflichtete sich die Gemeinde Cervia, das gesamte während 
der nächsten zehn Jahre in den Salinen produzierte Salz 
zu festgesetzten Preisen dem Comune Bologna zu liefern 25 . 


22. Der Kaiser wurde durch Kämpfe in der Lombardei fest- 
gehalten (vgl. B.-F. (3703 aff.). Ueber Enzio vgl. Blasius 126; 
B.-F. 3698 b, 13663 a, 13665, 13669 b. 

23. Ann. Caesen. in Mur. SS. 14, 1101; Cron. di Bol. 264; 
Ann. Plac. 497; Chron. LoJI. 129; Cantinelli 6; Villola zu 1248; 
Spicil. Rav. hist, in Mur. SS. 1, 2, 578; dazu B.-F. 13669 Reg. 
grosso im St.-A. Bol. 1, fo. 2 und Libro rosso im Stadt-A. Imola 
fo. 76; B.-F. 13671; Tonini 3, 93. 

24. Vgl. auch den Volksbeschluß (in (laudenzi Stat. 2, 527 
Nr. .62) vor Dezember 1248. 

25. Auch durfte Bologna zur Bewachung des Salzes fünfund- 


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Dann besetzten die Bolognesen noch 1248 die kaiserliche 
Grafschaft Imola, deren Bewohner den eigenen comitatini 
völlig gleichgestellt wurden, und deren Verwaltung man nach 
dem Muster der Podesterie della montagna ausgestaltete. 
Das neu erworbene Gebiet zerfiel jetzt in zwei Bezirke, 
nördlich und südlich der Via Emilia, mit den Hauptorten 
Lugo und Tossignano 26 . Zu Lugo gehörte die Ebene 
zwischen Santerno und Senio, dazu nahe dem Sillaro die 
Ortschaften S. Giacomo di Bagnarola, Trentola und Sesto 
Imolese und endlich der wichtige Hafen Conselice, zu 
Tossignano die Berglande zwischen Santerno und Senio und 
westlich eine Reihe von Kastellen, wie Dozza 27 . So blieb 
dem Imoleser Comune nur der nächste Umkreis der Stadt 
und der westliche Teil des Tieflandes zwischen Santerno 
und Sillaro. Erst wer diese Occupation der Grafschaft in 


zwanzig Mann in Oervia halten. Reg. nuovo im St.-A. Bol. fo. 
117 und Lib. rer. divers. Diritti del Comune ebenda. 

26. Vgl. Frati Stat. 3, 240 = 3, 218 wie die vorangehenden 
Bestimmungen augenscheinlich von 1248; 1, 505 wo das Jahr 1248 
als Anfang der Bologneser Herrschaft ziemlich deutlich hervorgehoben 
wird; 3, 63 und 33 ff.; 1, 216. Am 18. März 1250 findet sich 
(Kapit.-A. Imola Mazzo 6 Nr. 197) zu Tossiglnano ein iudex pro 
com. Bon. in comitatu Ymole supra stratam. Alles Nähere über die 
Verwaltungsorganisation muß für später Vorbehalten bleiben. Hier 
aber sei auf folgendes hingewiesen: Die Besetzung der kaiserlichen. 
Grafschaft erfolgte, ohne daß sic in dem damals mit dem Comune 
Imola abgeschlossenen Vertrage erwähnt wird. Daraus folgt, daß 
das Comune Imola kein Anrecht auf die kaiserliche Grafschaft hatte, 
von ihr schon vorher getrennt war. Dia mm Friedrich II. die Ein¬ 
richtung der kaiserlichen Grafschaft von Otto IV., dieser von Hein¬ 
rich VI. übernahm, ohne daß eine Aenderung, auch nicht bei Ein¬ 
führung des Generalvikariats, überliefert .wäre, so wird diese Tren¬ 
nung auf das Jahr 1186 zurückgehen. Erst durch diese Annahme 
werden auch die im 1. Kap. des 2. Buches besprochenen Streitig¬ 
keiten zwischen Bologna und Imola recht verständlich. 

27. Vgl. Quatemi fumantium comitatus Imote von 1256 als 
Zusatz zum Lib. fum. quart. Porte Sterii von 1249 im St.-A. Bol, 
Estimi. 


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Betracht zieht, kann das Uebereinkommen richtig beurteilen, 
das Bologna am 6. September 1248 mit dem Comune Imola 
traf 28 . Imola behielt seine politische Selbständigkeit. Dem 
äußeren Schein nach handelte es sich um einen Akt zwischen 
völlig gleichberechtigten Kontrahenten, in Wirklichkeit aber 
besiegelte er die Abhängigkeit der kleineren Stadtgemeinde 
von dem übermächtigen, sie rings umklammernden Nachbar. 
Und dazu mußten die Imolesen noch ein Opfer bringen, das 
im Vertrage unerwähnt blieb. Sie wurden gezwungen, in 
die Absetzung Bischof Mainardins zu willigen, dessen Stelle 
der Prior des Bologneser Collegiatstifts S. Maria di Reno 
einnahm 29 . Es waren schon mehr als zwei Jahrzehnte ver¬ 
gangen, seit Mainardin den Widerstand Imolas gegen 
Bologna und Faenza geleitet hatte. Später war er nicht 
mehr politisch hervorgetreten, auch nicht, als 1241 die kaiser¬ 
liche Herrschaft in der Romagna hergestellt war. Aber dem 


28. B.-F. 13684 Sl.-A. Bol. Lib. rer. divers. Oiritti del Comune. 

29. Vgl. Scheffer-B. Forsch. 278 f. Am 30. März 1248 urkundete 
Mainardin noch als Bischof von Imola, sein Nachfolger Thomas 
am 21. Juni 1250 (Kapit.-A. Imola Mazzo 6 Nr. 173 und 205). 
Letzterer muß aber sein neues Amt schon vor dem 1. Juni 1249 
angetreten haben, weil an diesem Tage Guezo zum Prior von S, 
Maria di Reno gewählt wurde (vgl. Trombelli 289, 350 und Doc. 
Nr. 42). In einem Prozeß zu Forlimpopoli wurde wahrscheinlich 
am 23. Februar 1249 (Kapit.-A. Imola Mazzo 6 Nr. 191 ohne Datum, 
aber geschrieben vom gleichen Notar, wie das zugehörige Doku¬ 
ment Nr. 188 mit angegebenem Datum) von einem Beauftragten der 
Imoleser Kirche ausgesagt, daß die Imolesen an der Belagerung 
Faenzas teilnahmen (also im Juni 1248), daß 60 militcs von Imola 
mit dem Kardinal Ottaviano nach der Lombardei gingen (gemeint 
der Zug nach Parma Ende 1248; vgl. unten S. 239 Anm. 38), daß 
endlich die Imoleser Domherren jedermann zum Gottesdienst zu¬ 
ließen vom Tage der Befreiung Imolas vom kirchlichen Bann an 
(das geschah nach Dok. Nr. 188 im Juni 1248 durch Bischof Jakob 
von Bologna) usque dum magister Ubaldus (wohl identisch mit dem 
in Registri delF Ott. Ubaldini 161 Anm. 1 erwähnten) interdixit 
eis officium, quia non ekgerunt episcopum. 


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Kaiser stand er weiter persönlich nahe 30 und nun, im Exil, 
wird er die Lebensbeschreibung des Herrschers vollendet 
haben. 

Nachdem so die Romagna der Kirche gewonnen war, 
führte der Legat die Bologneser Streitkräfte gegen Modena. 
Auf diesem Kriegsschauplatz hatte Bologna schon im Vor¬ 
jahr erhebliche Erfolge zu verzeichnen gehabt. Eine wesent¬ 
liche Verstärkung brachten ihm die Modeneser Quelfen, 
die Aigoni, die unter dem Eindruck der Vorgänge in Parma 
aus der Stadt gejagt wurden 31 und bei dem Nachbar Hilfe 
suchten und fanden. Wie im Jahre 1228 richtete sich der 
erste Angriff gegen Bazzano. Während aber damals die 
Monate dauernde Einschließung zu keinem Ziele führte, 
gelang diesmal nach noch nicht dreiwöchentlicher Belagerung 
die Einnahme. Den Bewohnern wurde freier Abzug gewährt, 
aber das Kastell niedergebrannt 32 . Noch einige andere 
Festen fielen in die Hände der Bolognesen, darunter 
Savignano nahe dem Panaro, das der Modeneser Außen¬ 
partei als Stützpunkt überlassen wurde 33 . Enzio war von 
Parma aus Modena zu Hilfe gezogen 31 , traf aber erst ein, 
als Bazzano schon erobert war. Und da er gegen die 
Stellung des Gegners nichts ausrichten konnte, kehrte er 


30. Vgl. B.-F. 3651. 

31. Am 22. April entflohen die Aigoni, die Enzio als Geiseln 
mit sich genommen hatte. Mit ihrer Rückkehr nach Modena werden 
dort die Unruhen begonnen haben; vgl. Chron. Mod. 47 und 49; 
Pietro Rav. irrtümlich zu 1245; Villola zu 1247; Chron. Loli. 128; 
dazu den Vertrag Bolognas mit Modena, der (Sav. Nr. 660 S. 254) 
die innere Spaltung jn Modena von dem Augenblick datiert, quo 
milites de parte Aygonum recesserunt a d. rege, und B.-F. 13615 b. 

32. Chron. Mod. 48 f.; Villola zu 1247; Chron. Loli. 128; 
Cron. di Bol. 263; Cantinefli 5; dazu Frati Stat. 1, 500, 442 ; 2, 426. 
Bazzano blieb lange Zeit zerstört; vgl. Ann. de Romana zu 1296 in 
Att. c Mem. Modenesi 5, 3, 120. 

33. Cron. di Bol. 263; Chron. Mod. 48; Verträge der Aigoni, 
unter Bolognesen als Podestas, mit Bologna (B.-F. 13627 und 13641 
St.-A. Bol. Lib. rer. divers. Diritti del Comune). 

34. Vgl. B.-F. 13616 a. 


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230 


sofort zu seinem kaiserlichen Vater zurück 35 . Im Jahre 1248 
eroberten die Bolognesen noch vor dem Feldzuge in die 
Romagna Panzano (nordwestlich von Castelfranco) 36 . Als 
sie aus dem Osten siegreich zurückgekehrt waren, 
marschierten sie unter der Führung des Kardinals und von 
den Aigoni unterstützt, gegen das Kastell Nonantola. Am 
1. Oktober wurde es genommen und wieder den Modeneser 
Guelfen anvertraut. Nachdem dann noch S. Cesario nieder* 
gebrannt war 37 , befanden sich die wichtigsten Grenzfesten 
in Bolognas Hand, und der Weg nach Modena stand offen. — 
Noch vor Jahresschluß zog der Kardinal mit Rittern aus 
Bologna und der Romagna nach Parma und kämpfte nicht 
ohne Erfolg gegen die von Enzio geführten Reggianer und 
Modenesen 38 . Der Papst konnte mit seinem Legaten zu¬ 
frieden sein. 

Trotz der Einbußen, die die Reichsgewalt 1248 in Ober¬ 
italien erlitten hatte, erachtete Friedrich im folgenden Jahre 
seine Rückkehr ins Königreich für notwendig, begab sich 
schon im März nach Toscana 39 und ließ Enzio als Ober¬ 
befehlshaber zurück. Dieser wählte zum Standquartiere 


35. Vgl. B.-F. 13617 a bis c. 

36. Cron. di Bol. 264; Chron. Mod. Bazzano 50; Cantinclli 6; 
Chron. Loli. 129; Villola zu 1248. 

37. Chron. Mod. 49 f.; Villoh zu 1248; Cantinclli 6; Chron. 
Loli. 129; dazu B.-F. 13687; Sav. Nr. 649 = Tiraboschi Modena 
5 Nr. 834; Sav. Nr. 630 alle drei Stücke St.-A. Bol. Lib. rer. divers. 
Diritti del Comune. Die Zerstörung von S. Cesario erfolgte auch 
ln Gegenwart des Kardinals; vgl. B.-F. 8602 St.-A. Bol. Reg. nuovo 
fo. 17. 

38. B.-F. 13692 b und dazu Milioli 520 und Chron. Mod. 
Bazzano 50 f. Im November (vgl. B.-F. 13689) weilte Ottaviano 
in Faenza, wohl um die romagnolischen Reiter anzuwerben, mit 
denen dann am 1. Dezember die Höhe des Soldes verabredet wurde, 
dessen Auszahlung am 22. Februar 1249 erfolgte (vgl. B.-F. 13692 
und 13700 St.-A. Bol. Podcsta Libri dcllc milizic a piedi). Vgl. 
auch oben S. 23/ Anm. 29. 

39. B.-F. 3768 a, 13702 a. 


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Cremona, von wo aus er im Mai einen Plünderungszug 
ins Parmesische unternahm 40 . Zur selben Zeit vereinigten 
sich die beiden Legaten Ubaldini und Gregor von Montelongo 
mit Boten des Lombardenbundes in Parma 41 . Zu den dort 
getroffenen Verabredungen gehörte wahrscheinlich eine 
Expedition, die Mantua, Ferrara, Venedig und Bologna zum 
Schutze der Außenpartei von Reggio unternehmen sollte 42 . 
Aber früher wohl, als man beabsichtigt hatte, erfolgte der 
Zusammenstoß mit den kaiserlichen Truppen, der über das 
Schicksal Enzios entschied. 

Ende Mai lagerte Bolognas Heer, verstärkt durch die 
Modeneser Aigoni und romagnolische • Reiter, an der Via 
Emilia bei Castelfranco 43 . Es rüstete sich zum Uebergang 
auf das linke Ufer des Panaro. Vor ihm lag die Via Emilia, 
die schnurgerade, fast ohne die geringste Bodenerhebung 
nach Modena zu läuft. Die Holzbrücke von S. Ambrogio, 
die die Straße über den Panaro führte 44 , hatten die 
Modenesen vermutlich zerstört, und daher sandte man die 
Bewohner von Oliveto an das westliche Flußufer, um das 
nötige Holz zur Ausbesserung der Brücke herbeizuschaffen. 
Die Bologneser Kavallerie befand sich nicht im Lager, 
sondern war, entweder zur Rekognoszierung oder zur Pferde- 


40. B.-F. 13706, 11 a. 

41. B.-F. 13711b. 

42. Vgl. B.-F. 13713 und 14. 

43. Die Quellen zur Schlacht sind Chron. Loli. 129; Ann. Plac. 
498; Ann. Janucns. in M. G. SS. 18, 227; Viliola zu 1249; Canti- 
nelli 6; Chron. Mod, 51; Ann. Crcmon. in M. G. SS. 31, 18; 
Math. Paris, in M. G. SS. 28, 309 und 427; zur Kritik der Ueber- 
lieferung vgl. Blasius 130 Anm. 1. 

44. Die Via Emilia macht heut.* kurz vor dem Panaro einen 
Bogen nach Norden und überschreitet ihn mit der 1790 angelegten 
Steinbrücke (Tiraboschi Dizionario 2, 213) von S. Ambrogio. Man 
darf annehmen, daß die- alte Holzbrücke des dreizehnten Jahr¬ 
hunderts im eigentlichen Zuge der Via Einilia etwas weiter süd¬ 
lich über den Fluß führte. 


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musterung nordwärts geritten. König Enzio, der nach 
Cremona von den Absichten der Bolognesen Kunde erhalten 
haben wird, entschloß sich, den Gegner mit einem An¬ 
griff zu überraschen. Von deutschen Rittern, Truppen aus 
Cremona, Reggio, der Außenparteien Ferraras 45 und Parmas 
begleitet, traf er beim Modeneser Aufgebot ein. Dann eilte 
er mit so viel Mannschaften, als ihm folgen konnten, auf der 
Via Emilia zum Panaro. Am 26. Mai nachmittags 16 stieß 
er auf die Olivetaner, die von dem noch am andern Ufer 
befindlichen Bologneser Heere Beistand forderten. So rasch 
als möglich kam das Fußvolk über die Panarobrücke 
den Bedrängten zu Hilfe. Gleichzeitig ging auch Meldung 
an die nördlich weilende Kavallerie, die den Fluß durch 
eine Furt 47 passierte, dann am westlichen Ufer der Via 
Emilia zustrebte und so dem in den Kampf verwickelten 
Feinde in die Flanke kam. Die nun folgende Entscheidung 
läßt sich in ihrem Verlauf nicht ganz klar erkennen. Ver¬ 
mutlich nahm Enzio, ähnlich wie bei den Kämpfen um 
Oorgonzola im November 1245 48 , allzu tollkühn am Hand¬ 
gemenge teil. So gelang es den Bolognesen Lambertino 
dei Lambertini, Michele degli Orsi und Lambertolo But- 
trigari, den König gefangen zu nehmen 49 . Dies Ereignis 
wird dann die Seinen ins Wanken gebracht haben, und 


45. Vgl. den Vertrag Bolognas mit Modena Sav. Nr. 660 
5. 257. 

46. Der Tag ist auch urkundlich belegt; vgl. z. B, Frati Stat, 
1, 53, 401 und 454; Frati Enzo 118 Nr. 7. 

47. Unsere Hauptquelle spricht von guadum de Ceresa. Nach 
gütiger Mitteilung des Prof. Tom. Cassini soll sie bei dem Ort 
Nafvicello gelegen sein, also pn dem Plwkt, wo die Straße von 
Modena nach Nonantola den Panaro passiert. Die dort befindliche 
Brücke hatten die Bolognesen 1237 zerstört; vgl. Chron. Mod. 40. 

48. B.-F. 13557 a; vgl. auch seine Charakteristik bei Salim- 
bene 329. 

49. Vgl. Sav. 3 S. 231 Anm. D, das Dokument heute St.-A. 
Bol. Procuratori Sicurtä von 1249. 


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auf der Via Emilia flohen sie über Fossalta und S. Lazzaro 
nach Modena zurück. Die Bolognesen verfolgten sie bis 
zu den Modeneser Stadtbefestigungen 50 und viele Hunderte 
der Gegner gerieten noch in ihre Gewalt 51 . 

Der Sieg war also nicht das Resultat eines klug an¬ 
gelegten Planes, sondern die Folge der leichtsinnigen feind¬ 
lichen Führung, ein glücklicher Zufall, den die Bolognesen 
mit Energie und Bravour auszunutzen wußten 5 *. Nach dem 
Ausspruch Salimbenes 53 soll mit der Gefangennahme Enzios 
für den Kaiser die fetzte Hoffnung auf Sieg geschwunden sein. 


50. Das Dokument, Frati Enzo 87 Nr. 1, beweist wohl nicht, 
dafi Enz» bei der S. Ambrogiobrücke gefangen wurde. Das sonst 
so ausführliche Chron. Lofl. gibt auf die JF^rage, ob Einzio vor 
dem Beginn der Flucht oder erst während derselben kurz vor 
Modena gefangen wurde, keine Antwort. Nach Villola erfolgte die 
Gefangennahme erst bei S. Lazzaro, und dieser Ansicht tritt Sorbelli 
(Arch. stör. ItaL % ß4, 466) bei. Aber die Ann. Januens., die 
gut unterrichtet waren (vgl. Salimbene 329), setzen die Gefangen¬ 
nahme des Königs ausdrücklich als erklärenden Grund der Flucht 
voran. 

51. Die Ann. Plac. und Cremon. sprechen übereinstimmend 
von 200 Cremonesen. Nach Frati Enzo 88 Nr. 2 (das aber nicht 
vollständig zu sein braucht) wären es gegen 570 Gefangene ge¬ 
wesen. Im Jahre 1250, also nach Freigabe der Modenesen und 
anderer, befanden sich noch über 280 in den Bologneser Gefäng¬ 
nissen (vgl. Frati 90 Nr. 3), darunter über 69 Deutsche; vgl. Niese 
in Quell, u. Forsch, aus Ital. Arch. 8, 221 ff. 

52. Nur Matth. Paris, stellt die Schlacht so dar, als wenn Enzio 
in einen vorbereiteten Hinterhalt geraten wäre. Sicherlich standen 
ihm detaillierte Nachrichten zur Verfügung (So berichtet er, daß 
die Gefangenen, um mildere Behandlung zu erwirken, den Bolo¬ 
gnesen 18000 libr. imp. gezahlt hätten, und nach dem Akt, den 
Frati 88 Nr. 2 nur unvollständig abdruckt, wurde den Gefangenen 
eine Abgabe von -18000 lib. bon. auferlegt). Dennoch fällt seine 
Angabe gegenüber den übereinstimmenden lokalen Quellen, die 
schwerlich den Ruhm eines strategischen Sieges verschwiegen hätten, 
nicht ins Gewicht. 

53. 344. 


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243 


Mit Recht ist dieses Urteil als zu weitgehend bezeichnet 
worden 54 . Denn bald ersetzte Markgraf Hubert Pallavicini den 
gefangenen König, unid die kaiserliche Machtstellung wurde 
durch die Niederlage nicht vernichtet. Aber das Ansehen 
und das Selbstgefühl der Bolognesen steigerte sie gewaltig. 
Das zeigte ihre Antwort auf das Schreiben Friedrichs, das 
die Freilassung Enzios und aller anderen Gefangenen 
forderte. Der Kaiser beabsichtigte wahrscheinlich, sie über 
die wirkliche Lage 55 zu täuschen, indem er sie eingangs 
mit philosophischen Betrachtungen an den Wechsel des 
Glücks erinnerte, um daran den strikten Befehl zu knüpfen, 
dessen Verweigerung ihr sicheres Verderben sein würde. 
Der schroff ablehnende Brief, der als die Antwort Bolognas 
überliefert ist, benützt noch ausgiebiger als das kaiserliche 
Schreiben die Sprache der Bibel und schließt mit einem 
klassischen Zitat Ob diese Antwort wirklich an den Kaiser 
abgesandt* wurde, oder ob wir in ihr nur eine gleichzeitige 
Stilübung des jungen Meisters der Notariatskunst Rolandino 
dei Passaggeri zu sehen haben, bleibt noch zu entscheiden 56 . 


54. B.-F. 3775 a. 

55. Vgl. seinen Brief an Modena B.-F. 3778. 

56. B.-F. 3777 und 13721; Frati Enzo 114 Nr. 4 und 116 
Nr. 5; Corp. Chron. Bon. in Mur. /SS. 2. Au ft 18, 1, 6 und 9. 
B.-F. lassen die Briefe an erster Stelle unbeanstandet, an zweiter 
Stelle ziehen sie ihre Echtheit in Zweifel. Friedrichs Schreiben 
stammt aus der Briefsammhing, die unter dem Namen des Petrus a 
Vinea geht.(daher hat es direkt oder indirekt auch Villola). Seine 
Authenticität wird sich also erst bei einer kritischen Ausgabe dieser 
Sammlung entscheiden lassen. Triftige Gründe dagegen wüßte ich 
nicht anzuführen. Dafür spricht einmal die sorgfältige Anwendung 
des cursus velox, dann die Notiz aus der veriorenen Kaiserbiographie 
des Mainardino von Imola (N. A. 30, 71 und 79), daß Friedrich 
damals an die Anhänger Trostschreiben, an die Gegner Drohbriefe 
gesandt habe. Bei der Antwort Bolognas ist die älteste hand¬ 
schriftliche Ueberiieferung; noch nicht festgestellt. Rol. dei Pass, 
kann den Brief wohl 1249 verfaßt haben, denn schon um 1255 schrieb 
er sein Hauptwerk, die Summa artis notariae (vgl. auch St.-A. Bol. 
Ufficio degli statuti Commissioni notarüi zu 1249; Dem. S. Stefano 


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Jedenfalls darf das Schreiben als ein lautsprechendes 
Zeugnis für die damalige Stimmung der Bologneser Be¬ 
völkerung gelten, die sicherlich in ihrer Weigerung, den ge¬ 
fangenen König auszuliefem, nicht wankend geworden 
wäre, auch wenn sich Friedrich wirklich mit Truppenmacht 
vor ihren Mauern gezeigt hätte. 

Aber dazu ist es nicht gekommen, kein Schwert hat 
sich mehr zur Rettung Enzios erhoben. Noch 23 Jahre 
lebte er im Gewahrsam, bis ihn der Tod befreite. In Sage 
und Dichtung 57 ist sein tragisches Geschick ausgemalt und 
dabei gegen Bologna der Vorwurf erhoben worden, daß es 
den Kaisersohn grausam behandelt hätte. Da kann nicht 
nachdrücklich genug betont werden, daß sich aus den 
Akten das Gegenteil erweisen läßt, daß der König in 
strenger 58 , aber völlig würdiger Haft gehalten wurde. Als 
Aufenthalt wies man ihm einen Saal in Palazzo nuovo an, 
zu seinen Mitgefangenen gehörten Boso da Dovara, Marino 
d’ Eboli, Antolino dall’ Andito und der deutsche Graf 
Konrad 59 . Die beiden ersten entließ man schon 1251 co , bald 
weilte auch der Andito nicht mehr in Enzios Umgebung 01 , 
und 1263 wurde er, auf Stadtbeschluß, von der lästig ge¬ 
wordenen Gesellschaft des Deutschen Konrad befreit 02 . Ihm 
standen' 55 eine Anzahl Diener, darunter zwei Köche zur Ver- 


Cass. 37,073 zu ^1250 März 13). Der Pentameter stammt aus 
Ovids Remedia ainoris v. 422 (worauf Herr Dr. Klotz die Güte 
hatte, mich hinzuweisen) und wurde auch 1228 von dem Pistojeser 
Podesta in einem Drohbrief an Florenz benutzt; vgl. Hartwig Quell, 
u. Forsch, z. Gesch. d. Stadt Florenz 1, 25. 

57. Vgl. Frati Enzo 9 ff. 

58. Frati 119 Nr. 8, 122 Nr. 11, 122 Nr. 13, 123 Nr. 14. 

59. Frati 90 Nr. 3. 

60. Vgl. unten S. 254 Anm. 110. 

61. Zuletzt dort am 18. Januar 1252 erwähnt (Dokument, dessen 
Anfang bei Frati 119 Nr. 8 gedruckt ist). 

62. Frati 124 Nr. 15. 

t)3. Frati 122 Nr. II, 123 Nr. 14 und sein gleich zu er-. 


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fügung, er durfte seine geschäftlichen Angelegenheiten er¬ 
ledigen und mit seinen Freunden korrespondieren' 11 . Aber 
im letzten Jahrzehnt verarmte er völlig und mußte ganz 
von der Stadt unterhalten werden 65 . Als er im Jahre 1272, 
wahrscheinlich am 22. März starb, veranstaltete man auf 
öffentliche Kosten ein prunkvolles Leichenbegängnis und ließ 
ihn in S. Domenico beisetzen 66 . 

Nach der Niederlage an der S. Ambrogiobrücke war 
die Unterwerfung Modenas nur eine Frage der Zeit. Mitte 
September begann die Einschließung der Stadt, und jiach 
einmonatlicher Belagerung erfolgte die Kapitulation 67 . Ob 


wähnendes Testament. Am 11. Dezember 1268 (St.-A. Bol. Me¬ 
morial. Jacobini Fabri fo. 118) schloß Johannes quondam Petri qui 
fuit de Sardinia et moratur Bononic cum familia d. regis Henrici 
einen Ehekontrakt; vgl. auch Cipolla in Mitt. des Inst. f. österr. 
Gesch. 4, 463. 

64. Aus Cremoneser Notariatsakten (Astegiano Cod. dipl. Cre- 
mon. 1, Nr. 704—6, 9—11, 16, 34, 36, 93 und 823) der Jahre 1258 
bis 1264 ergibt sich, daß mehrere Bolognesen als Gefangene Enzios 
in Cremona gehalten wurden. Ucber sie und ihre Geiseln korrei 
spondiert der König (erwähnt wird sein Löwensicgel) mit seinem 
alten Waffengenossen und Mitgefangenen Boso da Dovara, verlängert 
ihnen einmal die Frist der Rückkehr ins Gefängnis pro melioramento 
negotiorum. Sie mußten ihm öffenbar dafür Geld zahlen. Vgl. 
auch B.-F. 13752; Werner in N. A. 33, 536. 

65. Frati 124 Nr. 15 und sein Testament. Anfangs mußte er 
seine Wächter selbst bezahlen, später nicht mehr; vgl. Frati 119 
Nr. 8, 122 Nr. 11, 123 Nr. 14. 

66. Milioli 540; Cantinelli 11; Villola zu 1272; Griffoni 20; 
Ann. Plac. 556, letztere mit dem Datum 22. März. Sein Testament 
machte er am 6. März, ein Kodizill am 7., ein zweites am 19. März 
(B.-F. 14576; Frati 125 Nr. 15, 131 Nr. 16. Für die Datierung ent¬ 
scheidend sind die Originalvcrmerke über Testament und Kodizille, 
im St.-A. Bol. Memorial. Ugutionis de Bambaglolis fo. 46 und 
49 v). Danach sind die andern von den Chroniken gemachten An¬ 
gaben über den Todestag ausgeschlossen. 

67. Chron. Loli. 130; Villola zu 1249; Cantinelli 6; Milioli 
520. Das Hineinschleudern eines Esels in die Stadt zur Verspottung 
der Belagerten kam auch sonst vor; vgl. Davidsohn Gesch. 2, 1, 


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Kardinal Ottaviano diesmal an den kriegerischen Ereignissen 
teilgenommen hat, läßt sich nicht feststellen 68 . Im November 
aber begannen unter seiner Leitung die Friedensverhand¬ 
lungen, die am 15. Dezember ihren Abschluß fanden 69 . 
Modena erhielt seine Gefangenen zurück und erlitt keine 
Gebietsverluste. Das kaiserliche Privileg von 1226 zwar blieb 
unberücksichtigt, doch restituierte man ihm die Ortschaften 
östlich des Panaro, soweit sie ihm im Schiedsspruch von 1204 
zuerkannt waren 70 . Nur durfte es die im Kriege zerstörten 
Grenzkastelle rechts des Flusses nicht wieder aufbauen und 
sollte, auf Verlangen des Kardinals und Bolognas, die noch 
vorhandenen niederlegen. In ihrer Politik wurde die Stadt 
von dem Ubaldini und Bologna abhängig. Sie mußte, falls 
Gefahr von kaiserlicher Seite drohte, Geiseln nach Bologna 
senden, auch Truppen des Nachbarn als ständige Besatzung 
in ihre Mauern aufnehmen 71 . Und dazu kam das Programm 
des Kardinals zur Ausführung. Er und Bologna erwirkten den 


207. Vor dem 5. Aaqgust fand noch ein Gefecht bei Solara am 
Panaro (westlich von Camposanto) statt; vgl. Frati Stat. 3, 223. 

68. Am 29. Mai weilte er zu Parma, am 14. Juni und 16. August 
in Bologna (B.-F. 13716, St.-A. Bol. Dem. S. Maria Maggiore Cass. 
57/57 fo. 34, Levi in ASR. 14, 273 Nr. 5). Im August beteiligten 
sich die Bolognesen an einem Heereszug des Legaten Gregor von 
Montelongo, um Parm6 zu verproviantieren; vgl. B.-F. 13729a. 

69. Am 11. November (Tiraboschi Modena 5 Nr. 835 Stadt-A. 
Modena Reg. antiq. fo. 137) ernannten die Aigoni Bevollmächtigte, 
am 9. Dezember (ebenda fo. 136) die Stadt Miodena. — B.-F. 13740 
St.-A. Bol. Lib. rer. divers. Diritti del Comune. 

70. Vgl. Frati Stat. 1, 110. Im Jahre 1253 erstreckten sich 
die Modeneser Estimi auch auf Ravarino, Nonantola, Gaggio, Panzano, 
S. Gesario und Bazzano (Provisioni Ordini etc. di Modena, Modena 
1546, fo. 70 v). Am 4. März 1250 begutachteten zwei Bologneser 
Juristen, daß Montese zu Miodena gehöre, gerade auf Grund des 
Vertrages von 1249 (Stadt-A. Modena Reg. antiq. fo. 171). 

71. St.-A. Biol. Tesoreria Prcccpta massario de solutionibus 
faciendis von 1254 erwähJnen zum 26. März: 96 pedites qui sunt 
in custodia Mutine pro com. Bon. 


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Frieden zwischen den beiden Modeneser Parteien. Die 
Aigoiu und der Modeneser Bischof kehrten in die Heimat 
zurück 72 und wurden in alle Rechte wieder eingesetzt. Für 
die Zukunft sollten sich die ghibellinische und die guelfische 
Fraktion je einen besonderen oder einen gemeinsamen 
Podesta aus Bologna erbitten. Würde es nochmals zur Ver¬ 
treibung einer Partei kommen, dann hatte Bologna für ihre 
Rückführung zu sorgen. Das Mitwirkungsrecht des Ubaldini 
an dem Friedenswerk beschränkte der Vertrag auf die Zeit 
seiner Anwesenheit in Bologna, legte demnach faktisch das 
Schicksal der Modenesen in Bolognas Hand. So standen 
während des ganzen nächsten Decenniums an der Spitze 
des Modeneser Stadtregiments zwei jährlich aus Bologna 
berufene Podestas™, neben diesen aber finden wir, wie am 
Reno, zwölf Anzianen als Häupter des organisierten Volkes 74 . 
Wurde die Einführung des* Anzianenamts auch nicht in dem 
Friedensakt gefordert, so erfolgte sie doch sicherlich auf 
Veranlassung des Kardinals und Bolognas. 

Einen Punkt ließ der Vertrag vom 15. Dezember noch 
unerledigt, die Zukunft der Frignanesischen Berglande. 
Anfangs willigten die Bolognesen ein, in dieser Streitfrage 
Parma als Schiedsrichter anzurufen 75 , versuchten aber von 


72. Das geschah in den letzten Dezembertagen; vgl. Chron, 
Mod. 51 L 

73. Chron. Mod. 51 ff. 1256 regierte nur ein Bolognese als 
Podesta. 1254 wpren die beide« Podestas uneinig und dankten ab. 
Dann bestimmten ihnen die Bologneser Anzianen, nach Beschluß 
des Modeneser Rats, zwei Nachfolger (Chron. Mod. 55 f., Sav. Nr. 
691 Stadt-A. Modena Reg. Priv. fo. 177 v). 

74. Vgl. Chron. Mod. 53 ff., Sav. Nr. 691 von 1254; Tira- 
boschi Modena 5, 892 von 1259. Schon vor 1250 nahmen Vertreter 
der Volksorganisationen am Modeneser Stadtregiment teil; aber An¬ 
zianen finde ich noch nicht erwähnt. Genauere Feststellungen muß 
ich der Lokalforschung überlassen. 

75. Am 20. Dezember 1249 (Sav. Nr. 661 St.-A. Bol. Reg. 
nuovo fo. 41 und Stadt-A. Modena Reg. Priv. fo. 133). 


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vornherein, es zu einem für sie günstigen Urteil zu ver¬ 
pflichten. Dann mögen sie eingesehen haben, daß sie, bei 
dem Fehlen jedes rechtlichen Anspruchs, ihr Interesse am 
besten wahrten, wenn sie das Zustandekommen des Spruches 
hintertrieben. Seit 1254 aber 76 drängte Modena zur Ent¬ 
scheidung. Die Bolognesen konnten jetzt um so weniger 
auf ein günstiges Urteil rechnen, weil der derzeitige Podesta 
oder besser Stadtherr von Parma, Ohiberto di Gente, ihnen 
wenig freundlich gesinnt war 77 . Man versuchte allerlei Aus¬ 
flüchte, drohte den Modenesen mit der Forderung, alle ihre 
noch rechts des Panaro befindlichen Burgen zu schleifen 78 , 
konnte aber nicht verhindern, daß am 20. August 1255 der 
Schiedsspruch gefällt wurde 79 , der das Frignano mit allen 
Gerechtsamen Modena zusprach und von Bologna .seine 
Herausgabe binnen Monatsfrist forderte. Doch scheint 
Bologna das Urteil nicht anerkannt zu haben. Jedenfalls 
behielt es die Capitane unter seiner Herrschaft 80 , und 
Modena war nicht in der Lage, sich sein Recht zu ertrotzen. 

Noch vor dem Hinscheiden Friedrich II. war der 
hundertjährige Kampf zwischen Bologna und den Staufen 
zugunsten des Comune entschieden. Während aber im 
Westen nach dem Kriegsjahr 1249 nur noch wenig zu tun 
übrig blieb, sollte im Osten noch geraume Zeit vergehen, 
bis die Bolognesen ihr Ziel, die Oberherrschaft über die 


76. Das ergibt sich aus dem Liber consiliorum parvorum von 
1254 (Bol. St.-A. Anziani etc. Prov. et Rif.) Verhandlungen von 
Ende November und Anfang Dezember. 

77. Vgl. unten S. 259 Anm. 134. 

78. Sav. Nr. 693 und 95 Stadt-A. Modena Reg. antiq. fo. 140 
und St.-A. Bol. Reg. nuovo fo. 51 v. Dazu Stadt-A. Modena Reg. 
antiq. fo. 13Sv bis 143v und St.-A. Bol. Reg. nuovo fo. 51 ff. 

79. Sav. Nr. 696 — Tiraboschi Alodena 5 Nr. 871 Stadt-A. 
Modena Reg. antiq. fo. 133 v. 

80. So wird in den Stadtstatuten (Frati 1, 65 f. und 2, 93) der 
Vertrag von 1234 zwischen Bologna und dem Frignano als noch zu 
Recht bestehend angeführt. 


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Romagna, erreichten. Dort hatte die Beseitigung des kaiser¬ 
lichen Regiments vorläufig nur allgemeine Anarchie zur 
Folge. Die Stadtgemeinden waren nicht mehr fähig, sich 
selbst zu regieren, überall standen sich Guelfen und 
Ghibellinen gegenüber. Zwar bestimmte der neue deutsche 
König, Wilhelm von Holland, schon im Sommer 1248 zum 
Vertreter des Reiches in der Romagna den Rainald von 
Suppino, der sich dann bezeichnenderweise nicht General¬ 
vikar nannte, sondern den alten Grafentitel führte 81 . Doch 
auf eine selbständige Wirksamkeit durfte er nicht rechnen. 
Er mußte mit Bologna Freundschaft halten, das gar nicht 
daran dachte, ihm die Grafschaft Imola zu restituieren. Nur 
von Bologna und Kardinal Ottaviano ließ sich die Her¬ 
stellung geordneter Zustände erhoffen. Aber in der ersten 
Hälfte des Jahres 1249, während der Kämpfe mit Enzio, 
kam es nur zu wenig erfolgreichen Versuchen in Imola 82 
und Faenza 83 . Auch zeigten sich jetzt Bologna feindliche 
Strömungen. Man dachte daran, ohne sein Zutun Frieden 
zu schaffen 84 . Und als die Bolognesen, an Ravenna die 
Forderung stellten, ihnen Anteil an den dortigen Hafen¬ 
zöllen einzuräumen und ihnen den ungestörten Transport 


81. M. O. OcHistit. 2 Nr. 356; B.-F. 13716 und 13732; Ficker 
Forsch. 2, 447; Hintze Das Königtum Wilhelms von Holland 210. 

82. Weil sich dort die beiden Parteien nicht über den zu 
wählenden Podesta einigen konnten, bestimmte Bologna am 31. De¬ 
zember 1248 Bevollmächtigte, die vorläufig einen Capitan einsetzen 
sollten (Bol. St.-A. Anziani Prov. et Riform. Fragm. von 1248), 
nahm am folgenden Tage den Vertretern beider Parteien den Eid 
ab, daß sie den Frieden bewahren würden (St.-A. Bol. Lib. rer. divers. 
Diritti del Comune). 

83. Nach Sav. 3, S. 219, kam es im März 1249 in Faenza zu 
Utaruhen. Der Bologneser Podesta griff ein und confinierte Mit¬ 
glieder beider Parteien nach Bologna, von wo sie aber im Sommer 
heimlich entwichen; vgl. Sav. Nr. 658 Libri dei Pro:essi in pergam. 
zu 1249 im St.-A. Bol. Podesta. 

84. Vgl. die Friedenstätigkeit des Petrus von Verona bei B.-F. 
13695. 


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des Cervieser Salzes durch die Ravennatischen Gewässer zu 
gestatten, erhielten sie auf beides eine ablehnende Antwort 85 . 
Im Herbst des Jahres, als Bologna seine Streitkräfte vor 
den Mauern Modenas vereinigt hatte, brachen in den Städten 
der Romagna Unruhen aus. Ihr Verlajuf im einzelnen ist 
nicht ganz deutlich. In Imola 86 , Faenza 87 und Bagna- 
cavallo 88 , wahrscheinlich auch schon damals in Cesena und 
Rimini 89 kam es zur Vertreibung der Ghibellinen durch die 
Guelfen. In Ravenna dagegen gelang es dem Grafen Ruggero 
von Bagnacavallo 90 im Bunde mit den Anhängern Friedrichs 
die Päpstlichen zu verdrängen und nach Absetzung des aus 
Bologna stammenden Podestas, Alberto dei Caccianemici, 
das Stadtregiment an sich zu reißen 91 . Damit verlor Bologna 
nicht nur jeden Einfluß auf Ravenna und büßte wahrschein¬ 
lich sein Anrecht auf die Salzproduktion Cervias ein, ja 
auch die übrigen Städte, obwohl hier das kirchenfreundliche 
Element die Herrschaft Errang, lehnten sich gegen den 
Kardinal und Bologna auf, die in der Romagna, wie in 
Modena, die Herstellung des allgemeinen Friedens an¬ 
strebten. 

Gleich nach der Kapitulation Modenas, am 22. Oktober 
1249 92 erließen Ubaldini und Bologna eine Reihe bemerkens- 


85. Sav. Nr. 652/3 Erzbisch.-A. Ravenna Caps. Q Nr. 9315; 
vgl. auch B.-F. 3769 c. 

86. Vgl. unten Anm. 94; Salimbene 379. 

87. Villola Zusatz von Hand C, Griffoni 12. Die Libri banni- 
torum von 1249 (St.-A. Bol. Podesta Lib. dei processi in pergam.) 
enthalten die Bologneser Wachen, die bei den Unruhen ihre Pflicht 
versäumten. 

88. Vgl. unten S. 260 Anm. 139. 

89. Vgl. B.-F. 8438. 

90. Vgl. auch seine Charakteristik bei Salimbene 370. 

91. Ann. Caesen. in Mur. SS. 14, 1101; Ann. Plac. 499 und 
die S. 251 Anm. 93 erwähnte Bannurkunde. Ueber Alb. Cacci. als 
Podesta vgl. Fantuzzi 3, 84 und Tarlazzi 2 Nr. 45. 

92. Frati Stat. 3, 286—99; vgl. auch Levi in ASR. 14, 239. 


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werter Gesetze für die Romagfna. In allen Stadtgemeinden 
sollte die Außenpartei zurückgerufen und ihr alles Ge¬ 
nommene zurückgegeben werden. In Zukunft sollte kein 
|Comune oder Feudalherr gegen andere, als gegen rebellische 
Untertanen mit Waffengewalt Vorgehen, weder fremde Ge¬ 
biete besetzen noch fremde Untertanen aufnehmen. Jedes 
Sonderabkommen unter den Gemeinden wurde unter¬ 
sagt. Die Ausführung dieser Bestimmungen hatte der 
Kardinal und Bologna und, wenn ersterer abwesend w r ar, 
Bologna allein zu überwachen und nötigenfalls mit militä¬ 
rischen Maßregeln zu erzwingen. Man rechnete auf fried¬ 
liche Durchführung des Programms. Als sich aber Ottaviano 
und der Bologneser Podesta am 1. November nach Ravenna 
begaben, wurden sie mit ihrer Forderung, Rückkehr des 
Alberto de’ Caccianemici und der guelfischen Außenpartei, 
abgewiesen. Nun verhängte Bologna, gleichsam als Ver¬ 
treter der Rechte des Reiches und Schützer der Kirche, 
den Bann der Provinz Romagna über die Ravennaten 93 . 
Doch auch das verfehlte seine Wirkung. Auch die andern 
Städte scheinen keine Neigung gezeigt zu haben, den von 
dem Kardinal und Bologna getroffenen Bestimmungen nach¬ 
zukommen. Nur die guelfischen Brizzi von lmola, gegen 
die am 24. Dezember gleichfalls der Bann ausgesprochen 
wurde, ließen zu Beginn des folgenden Jahres die ver¬ 
triebenen Mendoli zurückkehren 94 . 

Nun hätten Jder Kardinal und die Renostadt ihre Drohung 
wahrmachen und die Oktobergesetze mit Gewalt durch¬ 
führen sollen. Doch dazu kam es nicht, sondern man stand 
vorläufig von dem geplanten Friedenswerk in den östlichen 
Gebieten ab. Augenscheinlich fühlten sich die Bolognesen 


93. Weil sie gegen Wilhelm von Holland und die Kirche ge- 
frevelt (B.-F. 13738, 13743 Arch. Comunale Antico in der Bibi. 
Classens. zu Ravenna NV. 31 rosso). 

94. Und wurden darum vom Banne gelöst (B.-F. 13750 Stadt-A. 
lmola Libro rosso fo. 71). 


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nach den Kämpfen mit Modena zu sehr erschöpft, um so¬ 
fort militärisch einschreiten zu können. Und im folgenden 
Jahre 1250 durfte Ubaldini die Bologneser Streitkräfte nicht 
gegen die Romagna führen, weil die Vorgänge in der 
Lombardei ihre Anwesenheit auf dem westlichen Kriegs¬ 
schauplatz dringend nötig machten. 

Dort scharten sich jetzt die Anhänger Friedrichs um 
die Fahne Hubert Pallavicinis 95 , der von Cremona aus vor¬ 
drang, Piacenza zu sich herüberzuziehen strebte 96 und 
Parma bedrängte. Das Schwierigste für die Päpstlichen war 
die Verproviantierung Parmas. So unternahmen die Bolo¬ 
gnesen, auf Veranlassung Ottavianos 97 , im Juni zusammen 
mit Truppen aus Modena, Ferrara, Romagna und Toscana 
einen Heereszug bis Cavriago (westlich von Reggio) und 
übergaben dort den Parmeseri dreitausend Wagen Getreide. 
Auf dem Marsch plünderten sie das Gebiet von Reggio, 
wo sich ja noch immer die kaiserliche Partei behauptete 98 . 
Am 18. August erlitt Parma durch Pallavicini eine schwere 
Niederlage 99 und wäre verloren gewesen, wenn nicht der 
Kardinal mit Bolognesen und andern Streitkräften herbei¬ 
geeilt wäre 100 . Die Lage gestaltete sich für die Päpstlichen 
sehr ernst 101 , und Friedrich II. war zuversichtlicher Stim¬ 
mung 102 . Es gingen Gerüchte von Friedensanträgen Bolo¬ 
gnas beim Herrscher 103 , ja von Verhandlungen wegen Aus- 


95. Vgl. über ihn Salzer 48 ff. 

96. Vgl. B.-F. 13763 a, 75 a. 

97. Frati Stat. 3, 211. 

98. Milioli 521; AlnJi. Parm. 675; Chron. Mod. 52; Villola 
zu 1250; Chron. L«oII. 130; Quitinelli 6. 

99. B.-F. 3822 b und 13771a. 

100. Ann. Plac. 502. 

101. Vgl. den Brief des Papstes B.-F. 8239. 

102. Vgl. seine Briefe B.-F. 3823 und 26. 

'103. Soviel wird wohl an den Nachrichten des Matth. Paris, in 
M. G. SS. 28, 312 und 16 richtig sein. 


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lieferung Enzios 104 . Doch des Kaisers Tod am 13. Dezember 
1250 105 machte seinen letzten Hoffnungen ein Ende 100 . 

Alsbald lockerten sich die Bande, die bisher die Mächte 
Italiens für und gegen das Kaisertum zusammengehalten 
hatten, und ihre Sonderinteressen kamen wieder mehr zu 
Wort. Das machte sich auch bei den Beziehungen Bolognas 
zum Papste geltend. — Im Frühjahr 1251 konnte Innocenz IV. 
als Sieger nach Italien zurückkehren. Er brach von Lyon 
auf und zog über Genua, wo er längere Zeit Quartier 
nahm, nach Mailand 107 . Damals im Sommer beteiligte sich 
Bologna, wohl auf des Papstes Wunsch, an den Kämpfen 


104. Matth. Paris. 321. Er sollte ausgetauscht werden gegen 
einen Sohn des Markgrafen Bonifaz von Montferrat. Dieser hatte 
sich 1248 dem Kaiser unterworfen (B.-F. 3724 b, 3744, 13668 a; vgl, 
auch 13704), aber schon vor dein 13. Dezember 1250 scheint er 
wieder auf päpstlicher Seite gestanden zu haben; vgl. Hellmann 
Die Grafen von Savoyen und das Reich 182. 

105. B.-F. 3835 a und 13796. 

106. Bolognesen beteiligten sich vermutlich in diesem Jahre 
auch an den Kämpfen der Mark Ancona. (St.-A. Bol. Libri dei 
processi in pergam. Lib. bannit. von 1250) am 9. November wird 
Fano in den Bann getan, weil es seinen Podesta, den Bolognesen 
Aimericus qd. Arpinelli verjagte; ferner jam 24. die (von Sav. 3, 
S. 238 und 42 aufgezählten — doch muß es statt Assisi Recanati 
heißen) Städte der M/irk Ancona, weil Petrus de Medicina iudex 
generalis des Kardinals Petrus Capocius von Eganus mariscalcus et 
tune dominus marchie constitutus a Federico, der mit Truppen heran¬ 
gerückt war, im Kastell von Civitanova gefangen und beraubt wurde, 
weil Eganus ferner die Feste Castelfidardo, wo Petrus das Podesta- 
amt bekleidete, zerstörte, ihn, uind andere Bk>!ognesen über sechs 
Monate gefangen hielt, ferner noch den Bolognesen Galvanus Acca- 
rixii, den Podesta von Civitanova, verjagte. Dazu gehört (nicht zu 
1248) das Schreiben Friedrichs B.-F. 3701 (wie es sich mit B.-F. 3809 
verhält, muß ich unentschieden lassen; vgl. auch B.-F. 13768). Eine 
sichere zeitliche Einreihung der Ereignisse vermag ich nicht zu 
geben, vermute Anfang 1250 (wegen Brief des Kaisers B.-F. 3812); 
vgl. auch F. Tenkhoff Der Kampf der Hohenstaufen um die Mark 
Ancona 56 f. 

107. B.-F. 8375aff. 


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der Mailänder mit Lodi 108 . Anfang Oktober erreichte 
Innocenz Ferrara und traf am 8. in Bologna ein. Ueber 
zwei Wochen blieb er daselbst, um dann durch die Romagna 
seinen Weg nach Perugia zu nehmen 109 . Die Bolognesen 
bereiteten ihm einen glänzenden Empfang. Der Papst voll¬ 
zog die feierliche Weihe des Hochaltars von S. Francesco 
und des Umbaues von S. Domenico. Auf seinen Wunsch 
entließ das Gomune die beiden Gefangenen Boso da Dovara 
und Marino d’ Eboli 110 . Aber noch vor seiner Abreise trat 
ein Zerwürfnis ein. Schon von Lyon aus hatte Innocenz 
Argelato und Medicina zurückgefordert 111 , war dann in 
Genua für die Rechte Modenas, das ihn um Unterstützung 
angegangen hatte, auf das Frignano eingetreten 113 . Jetzt 
erfuhr Bologna, als es die Ueberiassung der beiden Mathil- 
dinischen Enklaven, die es vor neun Jahren besetzt hatte 
und nicht herauszugeben gewillt war, erbat, eine schroffe 
Abweisung 113 . 

Aber den wirklichen Grund des • Gegensatzes bildeten 
nicht die zwei weniger bedeutenden Ortschaften, sondern 
die Frage der Romagna. Wenn wir auch keine direkte 
Aeußerung des Papstes besitzen, dürfen wir doch annehmen, 
daß er das von Kardinal Ubaldini aufgestellte Programm, 
das schließlich die Romagna zu einer Bologneser Provinz 
machen mußte, damals mißbilligte. Denn, obwohl er dem 
Ottaviano am 10. November das Legatenamt für die Lom- 


108. B.-F. 13836; Villola zu 1251. 

109. B.-F. 8422dff.; Villola zu 1251; Cantinelli 6; Nicolaus 
de Carbio in ASR. 21, 106 f. 

110. Villola zu 1251. Im Gefangenenverzeichnis (Frati Enzo 
90 Nr. 3) ist deren beider Entlassung vermerkt. 

111. B.-F. 8306. 

112. B.-F. 8393 Stadt-A. Modena Reg. Priv. fo. 211 

113. Salimbene 447. Anmerken möchte ich hier, daß Bologna 
die beiden Orte 1249 ihrer exemten Stellung entkleidet und ihre 
Bewohner den comitatini völlig gleichgestellt hatte; vgl. Frati Stat. 
1,498 ff. 


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bardei und für die Romagna erneuerte 114 , erteilte er wenig 
später dem Erzbischof von Ravenna den besonderen Auf¬ 
trag, den Frieden im Sinne der Kirche in seiner Diözese 
herzustellen und, falls gütliche Mahnung nicht helfen würde, 
Gewalt anzuwenden, aber nicht zur Versöhnung der Par¬ 
teien, sondern zur Unterdrückung der Ghibellinen 115 . Die 
Sondermission des Erzbischofs beeinträchtigte rechtlich die 
Befugnisse Ottavianos nicht 116 , aber faktisch setzte sie an 
Stelle der Versöhnungspolitik zum Vorteile Bolognas, eine 
scharfe Parteipolitik im Interesse Roms. Und dem ent¬ 
sprechend ging wohl an Venedig die Bitte des Papstes, 
den Erzbischof zu unterstützen 117 , nicht aber an Bologna. 
Auch die Forderungen der Stadt an Cervia blieben unbe¬ 
rücksichtigt. Schon 1249 hatte Wilhelm von Holland dem 
Neffen des Papstes, Thomas von Fogliano, die dem Reiche 
in Cervia zustehenden Rechtstitel übertragen 118 , jetzt ge¬ 
lang es diesem wirklich, Ort und Kastell zu besetzen 119 . 
Aber der Gegensatz zwischen Papst und Bologna konnte 
nicht von Dauer sein. Denn Innocenz brachte den dortigen 
Verhältnissen nicht entfernt das gleiche Interesse entgegen, 
das ihn für die Zukunft Süditaliens erfüllte; sonst würde 
er wohl nicht für die Rechte Wilhelms von Holland auf 
die Romagna eingetreten sein 120 , sondern die von seinem 
großen, gleichnamigen Vorgänger zuletzt erhobenen An¬ 
sprüche Roms auf den Exarchat von Ravenna wieder 
geltend gemacht haben. Auch besaß er nicht die Macht, 
besonders nicht gegen den Willen Bolognas, mit eigenen 

114. B.-F. 8423. 

115. B.-F. 8436 und 38, 13850. Der Erzbischof wirkte schon 
im Februar 1251 in der Romagna (B.-F. 13789). 

116. Ficker in Mitt. des Instit. für österr. Gesch. 4, 387 f. 

117. B.-F. 8437. 

118. Was der Papst dann bestätigte (B.-F. 4987, 8206). 

119. Ami. Caesen. in Mur. SS. 14, 1102; B.-F. 13864. 

120. Ficker Forsch. 2, 447. 


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Mitteln in der Romagna etwas aus/urichten. So näherten 
sich Papst und Comune bald wieder, indem ersterer die 
Prätensionen der Stadt stillschweigend anerkannte. Aber 
für den Augenblick bestärkte der begreifliche Unwille 
Bologna in seinem Mißtrauen, das es seit dem Tode Fried¬ 
richs den Unternehmungen des Kardinals Ottaviano in der 
Lombardei entgegenbrachte. 

Im Jahre 125rl verwandte Ubaldini seine ganze Kraft 
auf die Verteidigung Parmas gegen Pallavicini 121 , dessen 
Macht und Ansehen beständig wuchs, und der auch mit 
dem in sein Königreich ziehenden Konrad IV. in enge 
Verbindung trat 122 . Nachdem ihm dann sein Legatenamt 
vom Papst verlängert war, bemühte er sich zu Anfang des 
folgenden Jahres die Kräfte des Lombardenbundes zum 
Kampf gegen Pallavicini und Ezzelin von Romano zu ver¬ 
einigen. Jetzt aber war es nicht zuletzt Bologna, das die 
zu Brescia am 8. März getroffenen militärischen Verab¬ 
redungen durch allerlei Vorbehalte störte 121 , so daß schlie߬ 
lich nichts von dem Plane zur Ausführung gelangte. Desto 
wirksamer zeigte sich der Oegenbund, den der Generalvikar 
Pallavicini und Cremona mit Ezzelin und der Mark Verona, 
im Namen König Konrads, eingingen 124 . Parma wurde 
immer heftiger bedrängt, und die Piacentiner Außenpartei 
in der Feste Rivergaro (an der Trebbia) eng eingeschlossen. 
Am 25. Oktober mußten die Belagerten kapitulieren 125 . Wie¬ 
weit Kardinal Ottaviano, der mit 1500 Rittern aus Bologna 
und der Romagna in der Nähe stand, die Einnahme ver¬ 
schuldete — er wurde bald darauf von dem erzürnten Papst 


121. B.-F. 8363, 137Q8a, 138071., 13824. 

122. Zeller König Konrad IV. in Italien 33 ff. 

123. B.-F. 13870 St.-A. Bol. Liber iuramentorum 247; B.-F. 
13772 ist offenbar die Instruktion der nach Brescia gesandten Bo¬ 
lognesen. 

124. B.-F. 13871; Stievc Ezzelino von Romano 65. 

125. Ann. Plac. 306; B.-F. 13880, 13903a, 13904. 


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abberufen —, ist hier nicht zu erörtern 126 . Jedenfalls folgten 
die Bolognesen nicht mehr mit demselben Eifer, wie früher, 
seiner Leitung 127 und trugen durch ihr Verhalten dazu bei, 
daß die mit so viel Erfolg begonnene Legatentätigkeit des 
Ubaldini einen so unglücklichen Ausgang nahm. 

Als Ottaviano 1252 den Kriegsschauplatz verlassen 
hatte, verstärkte sich die Reaktion, die schon im Vorjahr 
begonnen hatte. Der Kardinal hatte wohl gewünscht, daß 
Bologna seinen Einfluß, wie in der Romagna bis zur Adria, 
so in der Lombardei bis nach Piacenza ausdehne. Aber 
die militärischen Leistungen im Dienste des Legaten hatten 
dem Comune eine Schuldenlast aufgebürdet, die es jetzt 
mit wenig legalen Mitteln zu tilgen sich genötigt sah 128 . 
Es hatte sich erwiesen, daß die Stadt einer solchen gleich¬ 
zeitigen Machterweiterüng im Osten und Westen nicht ge¬ 
wachsen war, daß sie daher eine der beiden Einflußsphären 
aufgeben mußte. Für welche sie sich zu entscheiden hatte, 


126. Maubach Die Kardinale und ihre Politik 47 meint, daß 
sein Verhalten an Verrat grenzte (vgl. ebenda 48 ff. und Davidsohit 
Qesch. 2, 1, 406 f. wegen des Kardinals Eingreifen in die tos- 
canischen Wirren), et\yas anders urteilt Levi in ASRi 14, 247. Zu 
einem abschließenden UrteH wäre wphl erst eine genaue Prüfung 
der Verhältnisse der Lombardei im allgemeinen und Mailands im 
besonderen erforderlich. 

127. Das wird man aus der Briefsammlung des Kardinals (B.-F. 
13880—13003) herauslesen dürfen, wenn sie auch tendenziös zu seiner 
Rechtfertigung zusammengestellt ist. 

128. Es entzog den Podestas der Ortschaften des Bologneser 
und Imoieser Comitats für das Jahr ,1253 ihre Besoldung, die in 
Getreidelieferung zu erfolgen pflegte, und befriedigte damit seine 
Gläubiger (Frati Stat. 3, 49 = 62 = .144). M@n überließ so (3, 
243 ff.) einigen Gläubigern direkt 9000 corb. frum., andern zahlte man» 
4000 lib. bon. zurück; vgl, auch Registro dell’ Ott. Ubald. Nr. 33. 
Noch 1254 beschloß man im consilium parvum populi (St.-A. Bol. 
Anziani etc. Riformazioni), daß die officia comunis und die länd¬ 
lichen Podestastellen an die Meistbietenden vergeben werden sollten. 
Doch scheint der Beschluß nicht ausgeführt worden zu sein. 


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darüber konnte bei der Bologneser Regierung keinen Augen¬ 
blick ein Zweifel bestehen. Nach der Romagna wiesen die 
politischen Traditionen, die älter waren als die Stadtfreiheit, 
dort winkte ein begrenzter, aber sicherer Erfolg, während 
man in der Lombardei in noch nicht abzusehende Kämpfe 
hineingezogen .werden konnte 129 , endlich brachte ein Vor¬ 
dringen nach Osten den Zugang zum Meere. So verzichteten 
die Bolognesen jetzt auf jede Machtausdehnung über die 
Modeneser Westgrenze hinaus und schenkten nicht einmal 
mehr den Vorgängen in Reggio die nötige Beachtung. 

Dort hatten die Roberti, die guelfische Außenpartei, 
1251 die Bolognesen um Schutz angegangen 130 . Und im 
folgenden Sommer war unter Bolognas Mitwirkung ein 
Vertrag zwischen Außen- und Innenpartei zustande ge¬ 
kommen, auch wurden, wie in Modena, zwölf Anzianen 
an die Spitze des Reggianer Popolo gestellt 131 . Aber nun 
verzögerte sich die Aussöhnung, weil der bisher von Bologna 
geübte Druck aufhörte. Dagegen steigerte sich der Ein¬ 
fluß Pallavidnis, der seit Anfang 1253 Oeneralvikar Kon- 
rads IV. für die ganze Lombardei geworden war 132 . In¬ 
folgedessen konnten die Parmeser Guelfen ihre Stadt nicht 
länger behaupten 133 und schlossen, im Einverständnis mit 


129. Auch die schlimmen Erfahrungen, die Bologna vor etwa 
zwei Jahren in der Mark Ancona gemacht hatte (vgl. oben S. 253 
Anm. 106), werden es zu größerer Vorsicht veranlaßt haben. 

130. Sav. 3 S. 264 Anm. F. 

131. Milioli 523; B.-F. 13879. Den hier ausgesprochenen Wunsch, 
gefangene Reggianer zu entlassen, erfüllte Bologna; vgl. Frati Enzo> 
Nr. 3 S. 108. 

132. M. Q. Qpnstitut. 2 Nr. 343; Salzer 49; B.-F. 13924, 
41, 46 f. 

133. Die beiden Schreiben B.-F. 13911/2 sind entweder frei 
erfundene Formulare, oder Bologna machte den Parmesen leere Ver¬ 
sprechungen. — Eis ist nicht nötig anzunehmen, daß Bologna bei 
seiner ablehnenden Haltung durch seinen Bürger Brancaleone degli 
Andalo, damals schon Senator Roms, einen Freund Pallavidnis (vgl. 


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Pallavicini, mit den Parmeser Fuorusciti Frieden. An die 
Spitze ihres Stadtregiments trat Ghiberto di Gente, der den 
Anhängern König Konrads näher stand, als denen des 
Papstes und in Parma die Signorie begründete 134 . Diese 
Vorgänge wirkten auf Reggio zurück. Auch hier vollendete 
Ghiberto im Oktober das Friedens werk und dehnte dann 
auch über Reggio seine Herrschaft aus 135 . Zwar wurde 
diese nach zwei Jahren wieder beseitigt, aber zum Podesta 
von Reggio ein Mitglied der ghibellinischen Sessi erhoben 136 . 
AIP dem gegenüber verhielt sich Bologna völlig ruhig und 
erledigte Zwistigkeiten mit Reggio auf dem Wege des 
Schiedsgerichtes 137 . 

An der Westgrenze legten sich die Bolognesen strikte 
Neutralität auf, einen politischen Konflikt mit Ferrara oder 
einer Stadt Toscanas brauchten sie damals nicht zu be¬ 
fürchten, so waren alle Kräfte für den Osten verfügbar. 
Dennoch befleißigten sie sich jetzt, im Gegensatz zu dem 
stürmischen Vorwärtsdringen unter der Führung des Kar¬ 
dinals Ottaviano, einer mehr abwartenden Politik. Denn 


darüber später) beeinftuBt wurde. Die im Text angeführten Oründe 
erscheinen mir als ausreichende Erklärung; und in der Romagna 
ging Bologna zur Zeit mit den Päpstlichen Hand in Hland. 

134. Salzer 50 f.; B.-F. 13919; Statuta com. Parmae von 1255 
ed. Ronchini 209 ff. Uebec Ghibertos ghibeHinische Neigungen vgl. 
Ahn. Plac. 506; Ann. Parm. 676 f.; Chron. Mod. 54; Salimbene 
448. Der Papst ließ sich anfangs täuschen; vgl. sein Schreiben B.-F. 
8601. 

135. Milioü 523; Chron. Mod. 54; Salimbene 451. 

136. Milioli 524. 

137. Salimbene 41. Das Quatern. preceptorum massario von 
1255 (in St.-A. Bpi. Tlesoreria) enthält Eintragungen zum November 
und Dezember wegen der Bologneser Schiedsrichter in der Ange¬ 
legenheit mit Reggio. Bei den Verhandlungen wegen des Frignano 
(Sav. Nr. 695 in der Ueberlieferung des Reg. Priv. fo. 244 v im 
Stadt-A. Modena) betemen die Bologneser Bevollmächtigten, daß 
timebant de Regin is cum quibus erant in repressaliis. 


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sie werden eingesehen haben, daß ihnen die Herrschaft 
über die Romagna von niemand mehr streitig gemacht 
werden konnte, und es daher für klüger erachtet haben, 
statt den romagnolischen Gemeinden ihr Regiment auf¬ 
zudrängen, sich zurückzuhalten, bis in den dortigen Bürger¬ 
schaften selbst der Wunsch laut wurde, Bologna möge 
ihnen den langvermißten Frieden bringen 138 . 

In der Romagna wirkte seit 1251 Erzbischof Philipp von 
Ravenna als Beauftragter des Papstes. Zu Anfang 1253 
kam, von dem Erzbischof vermittelt, eine Aussöhnung 
zwischen dem Comune Bagnacavallo, unter dem guelfischen 
Grafen Azzo, und der Außenpartei, unter dem ghibelli- 
nischen Grafen Ruggero, dem damaligen Stadtherrn 
von Ravenna, zustande 139 . Doch sollte sie nicht von 
Dauer sein 140 . Auch in Ravenna erwirkte Philipp den 
Frieden 141 . Am 5. März kehrten die Guelfen in die Stadt 
zurück 142 , und an Stelle des Grafen Ruggero übernahm der 
Erzbischof für dieses Jahr das Stadtregiment 143 . Augen¬ 
scheinlich folgte Philipp weniger den ihm 1251 vom Papst 
gegebenen Instruktionen, näherte sich vielmehr dem 
Programm, das Kardinal Ottaviano und Bologna einst auf- 

138. Schon 1251 hatte die Ravennater Außenpartei bei den 
oben S. 255 Anm. 115 erwähnten Verhandlungen gefordert, statt, wie 
vorgeschlagen war, den Markgrafen von Este, Bologna um Beistand 
anzugehen (Sav. Nr. 668 Erzbisch.-A. Rhvenna Caps. H. Nr. 3042; 
vgl. auch Bemicoli 18). 

139. Tarlazzi 1 Nr. 151-3, 5, 8, 61. 

140. Schon im Juli 1253 schlossen die Guelfen von Bagna- 
cavalk) ein Bündnis mit den Manfredi von Faenza gegen gemeinsame 
Feinde (Bibi. Classen. Ravenna Arch. S. Marie in Portu Nr. 1500 
Nr. 4). 

141. B.-F. 13906/7; Tarlazzi 1 Nr. 154; Fantuzzi 3, 307 Nr. 6. 
Der Schiedsspruch des Erzbischofs in dem Statuto di Ravenna cd. 
Zoli e Bemicoli 176. 

142. Spie. Rav. Hist, in Mur. SS. 1, 2, 578. 

143. Statuto di Ravenna 174; Tarlazzi 1 Nr. 162; vgl. auch 
den gleich zu erwähnenden Vertrag mit Bologna. 


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gestellt hatten. Das allein zeigt schon den steigenden Ein¬ 
fluß Bolognas. Aber damit noch nicht genug. Als der 
Friede in Ravenna hergestellt war, erhielt der 1249 aus 
dem Podestaamt verjagte Bolognese Alberto dei Cacciane- 
mici reichliche Entschädigung 144 . Und am 11. Juli 1253 145 
erlangten die Bolognesen, was ihnen vor vier Jahren von 
Ravenna abgeschlagen war, die Hälfte der Erträge aus den 
Ravennater Salzzöllen. Auch die Uebereinkunft der beiden 
Comunen, die Bewohner der anderen Stadt hinsichtlich der 
Zölle und anderer Auflagen wie die eigenen Bürger zu 
behandeln, brachte Bologna den größeren Vorteil. Wenn 
letzteres endlich die Garantie des Friedens zwischen den 
beiden Ravennater Parteien übernahm, die nötige Kriegs¬ 
hilfe, im besonderen Truppensendungen, Unterstützung bei 
Hafenbefestigungen und deren Verteidigung versprach, so 
grenzte das Schutzverhältnis, in das sich Ravenna zu 
Bologna begab, eng an Abhängigkeit. 

Zugleich verabredete man gemeinsames Vorgehen gegen 
Cervia, wo dann die Ravennaten in ihre alten Rechten wieder 
eingesetzt werden sollten. Cervia müssen die Venetianer, 
die den Ort schon einmal 1243 besetzt hatten 146 , dem 
Thomas von Fogliano kürzlich abgenommen haben 147 . Ihm, 
dem Neffen des Papstes, dem nach dem Tode Rainalds von 
Suppino von König Wilhelm auch die Grafschaft Romagna 


144. Tarlazzi 1 Nr. 162; Fantuzzi 3, 422 Nr. 27; Sav. Nr. 
688/9 St.-A. Bol. LQ>. rer. divers. Diritti dd Comune; vgl. auch 
Frati Stat. 3, 241 ff. 

145. B.-F. 13921 St.-A. Bol. Lib. rer. divers. Diritti del Comune 
und Erzbisch.-A. Ravenna Caps. P Nr. 8591. 

146. Wie lange diese Occupation dauerte, wissen wir nicht. 

147. 1252 wird noch ein Anhänger des Papstes als Podesta 
von Cervia genannt; vgl. B.-F. 8456. Am 30. -Jiuli 1253 (Fantuzzi 
4, 362) beauftragte Venedig einen Boten, einen Schiedsspruch des 
Erzbischofs von Ravenna, bezüglich der dem Thom. von Fogf. vom 
Reich in Cervia übertragenen Rechte, abzulehnen. 


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übertragen war 148 , kaufte Bologna sein Anrecht auf das 
verlorene Kastell von Cervia ab 149 , rüstete sich also zu feind¬ 
lichen Maßregeln gegen Venedig. Auch schon die ganze 
in Ravenna durchgeführte Friedensaktion scheint sich nicht 
zuletzt gegen die Lagunenstadt gerichtet zu haben. Denn 
man darf annehmen, daß die Venetianer den Ruggerö von 
Bagnacavallo als Stadtherrn des ghibellinischen Ravenna 
unterstützt haben 150 . Wie im Jahre 1234 geriet Bologna 
bei seinem Vordringen in der Romagna in Konflikt mit der 
Herrin der Adria 151 . 

In dem Vertrage mit Ravenna wurde der Angriff auf 
Cervia schon für 1253 in Aussicht genommen, aber erst 
im folgenden Herbst gelangte er zur Ausführung.. Anfang 
September begannen die Vorbereitungen. Viertausend Graf¬ 
schaftsleute wurden zu den Belagerungsarbeiten ausge¬ 
hoben; die ebenen Teile des Comitats stellten die Fuhr¬ 
werke, die Berglande die Maultiere. Zuzug leisteten 
Ravenna, Cesena, Imola und das Frignano. In den ersten 
Oktobertagen begann die Belagerung. Das Bologneser Heer, 


148. M. O. Gonstitut. 2 Nr. 361; vgl. auch B.-F. 13960. 

149. Vertrag erwähnt in St.-A. Bol. Anziani Consigii minori 
etc. Liber ootisil. parvor. von 1254, zum 1. Januar 1255. 

150. Vgl. Pasolini Documenti riguardanti Venezia e Ravenna 
Nr. 2 S. 9 und dazu Nr. 4 § 25 S. 24; auch Salimbeno 481 f., 
der aber den Vertrag von 1261 mit den Abmachungen von 1251 ver¬ 
wechselt zu haben scheint. Denn, soviel wir sonst wissen, gebot 
Ruggero nicht mehr über Ravenna, als die Venetianer 1258 Mar- 
camö errichteten und 1261 den zweiten Vertrag mit Ravenna schlossen. 
Vgl. auch später. 

151. Für das Jahr 1253 hatte Bologna den Pietro Grillo aus 
Genua zum Podesta berufen. Nach Analogie späterer Vorgänge 
könnte man daraus eine antivenetianische Tendenz der Eologneser 
Politik schon für dad Jahr 1252, also (etwa, als Venedig Cervia 
besetzte, ableiten. Aber damals herrschte noch Frieden zwischen 
Genua und Venedig. Uebrigens starb Pietro schon nach drei Mo¬ 
naten (Chron. Loli. 131. Nach Frati Stat. 3, 243 war er noch am 
11. März im Amt). 


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bei dem der Podesta und die Anzianen weilten, schlug zwei 
getrennte Lager auf und sperrte auch den Cervieser Hafen. 
Gegen Ende des Monats erfolgte der Sturm auf das Kastell 
von Cervia, und am 1. November erzwang man die Ueber> 
gäbe. Wahrscheinlich mußte Cervia bedingungslosen Ge¬ 
horsam schwören; doch wurde es nicht den Ravennaten, 
wie diesen im Vorjahr versprochen war, zurückgegeben. 
Bologna beanspruchte wieder den Ertrag der Salinen, ge¬ 
stattete aber vorläufig, gegen eine Abgabe, den freien Ver¬ 
kauf des Salzes. Die Venetianer, die an der Stadtverteidigung 
teilgenommen hatten, erhielten freien Abzug, nur konnte 
Cervia so viele von ihnen zurückbehalten, als ihnen zur 
Auslösung ihrer eigenen in Venedig befindlichen Geiseln 
nötig erschien 152 . Merkwürdigerweise verlautet nichts da¬ 
von, daß die Lagunenstadt selbst gegen das Bologneser 
Unternehmen militärische Maßnahmen getroffen hätte 153 . 

Damit verfügte Bologna über die Salinen von Cervia und 
den Hafen von Ravenna. Auch, in den übrigen Städten der 
Romagna drang sein Einfluß langsam vor 154 . Denn der Un¬ 
friede erreichte allmählich einen solchen Grad, daß die 
Bürgerschaften sich entschlossen, die innere Ruhe mit der 
Oberherrschaft Bolognas zu erkaufen. Noch im Sommer 1254 
boten die Verhältnisse in Imola Gelegenheit zum Eingreifen. 


152. Gantinelli 7; Villola zu 1254; Chron. Loli. 131, dazu 
St.-A. Bol. Anz^ani Consigii minori Lib. consil. panror. von 1254 
(der Friedensvertrag selbst ist nicht erhalten) und Notizen über Ge¬ 
sandtschaften ebenda Tesoreria Precepta massario de sohitionibus 
faciendis von .1254 (darin auch eine Anleihe von 600 lib. Rav. 
für die Belagerung und die Belohnung des Zacharias Rodolfi de 
Gräidano als Träger des vexilhim canocii erwähnt). 

153. Was Sav. 3, S. 286 über die Venetianer berichtet, scheint 
eine unberechtigte Kombination auf Grund des Aktenstückes (St.-A. 
Bol. Tesoreria Quatern. preceptorum massario von 1255 Eintragungen 
zum 12. und 13. August) zu sein. 

154. Villola sagt schon zu 1254: Eo anno omnes de Roman- 
diola fecemnt mandata Bonon. sine contraditione. 


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Dort verjagten wieder di,e guelfischen Brizzi die ghibelli- 
nischen Mendoli. Aber das Volk erhob sich und ging die 
Bolognesen um Hitfe an. Diese führten die Mendoli zurück, 
unterstellten Imola für dieses Jahr dem Bologneser Podesta 
und bestimmten einen ihrer Bürger, den Bertoldo de’ 
Balugani, zum Volkscapitan, der dann im folgenden Jahr das 
Podestaamt übernahm und im April den Friedensschluß 
zwischen den beiden Parteien zustande brachte 155 . Auch 
in Imola wurde jetzt die demokratische Verfassung unter 
einem Volkscapitan und Anzianen organisiert 156 und zur 
Sicherung der Stadt eine Bologneser Besatzung hinein¬ 
gelegt 157 . 

Wohl Ende 1255 geschah es, daß Graf Ruggero von 
Bagnacavallo an der Spitze der Ghibellinen die Guelfen mit 
dem Grafen Azzo aus der Stadt jagte. Die Bewegung griff 
nach Faenza über, und auch hier bemächtigten sich jetzt die 
ghibellinischen Accarisi im Kampf mit den Manfredi der 
Herrschaft 158 . Am 6. Januar 1256 beschloß Bologna, wenn 
nötig, mit Gewalt vorzugehen 159 . Die beiden Parteien 
Bagnacavallos unterwarfen sich sofort 160 . In Faenza dauerte 
der Konflikt etwas länger 161 . Aber zu Anfang April riefen 


155. Cantinelli 7; Rotulus von 1254 im Stadt-A. Imola; ebenda 
Mazzo 2 Nr. 24 und Nr. 9 ff. 

156. Näheres darüber später. 

157. Frati Stat. 2, 532, St.-A. Bol. Anziani Consigli minori 
etc. Lib. consil. parv. von 1254 zum 3. Dezember. 

158. Das alles ergeben die im folgenden angeführten Akten¬ 
stücke. Bei den Unruhen in Bagnacavallo wurde wohl auch der 
Podesta, ein Faentiner, verjagt; vgl. Balduzzi in AME. N. S. 4, 
1, 45. 

159. B.-F. 13984 St.-A. Bol. Reg. nuovo fo. 90. 

160. St.-A. Bol. Reg. nuovo fo. 107; vgl. auch Sav. Nr. 702 
= Graziani S. Pietro de Sylvis di Bagnacavallo 95 und Sav. Nr. 704 
St.-A. Bol. Reg. nuovo fo. 107 v. 

161. Am 28. Februar traf ein Brief von dort in Bologna ein, 
der die Stadt vor dem Untergang zu schützen bat (Sarti 2, 47, 


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die Faentiner, wie es auch Bagnacavallo tat, den Bologneser 
Volkscapitan Bonaccorso da Soresina als Schiedsrichter 
an 162 . Bonaccorso begab sich nach Faenza, ließ die Stadt¬ 
gräben ausfüllen 163 , entfernte den Faentiner Podesta 164 und 
übernahm selbst für kurze Zeit das Stadtregiment 165 . Dann 
bestimmte er zum Podesta seinen Verwandten, den Corrado 
da Soresina, der am 24. Mai 1256 auf dem Bologneser 
Fahnenwagen den Bolognesen Treue gelobte 166 . Erst im 


B.-F. 13993). Die Absender waren Nicholaus Bazallieri, der derzeitige 
Podesta von Imola (vgl. Stadt-A. Imola Mazzo 2 Nr. 31 und ebenda 
Libro rosso fo. 69), Guiliielinus Gosius, der Podesta der in Faenza 
jetzt herrschenden. Accajrisi, und der Faentiner capitaneus populi 
Rainerrus de Liazariis, alles drei Bolognesen. Aber im März er¬ 
folgten neue Kämpfe. Diesmal kamen die Manfredi ans Ruder und 
vertrieben die Accarisi. Endlich, Anfang April, erfolgte unter Mit¬ 
wirkung des Markgrafen Este eine Einigung; vgl. die folgende An¬ 
merkung. 

162. Vgl. B.-F. 13999 Sav. Nr. 705 St.-A. Bol. Reg. nuovo 
fo. 90 (vgl. auch fo. 91). Am 6. April (Reg. nuovo fo. 91 v Chart. 
Bon. Nr. 60) Rogerius (Guerra) comes Tuscie, Podesta von Faenza, 
kompromittiert auf den Bol. cap. pop. betreffs des Streites der 
Manfredi, der Innenpartei, mit den Accarisi, der AuBenpartei, und 
deren gewesenem Podesta Guil. Gosius; vgl. ferner Sav. Nr. 706 
Reg. nuovo fo. 93, 90 v Chart. Bon. Nr. 61, Reg. nuovo fo. 92 v, 
B.-F. 14001 Reg. nuovo fo. 95 v, Sav. ‘Nr. 707 Reg. nuovo fo. 96 v, 
auch fo. 97 f. — Wegen Bagnacavallo vgl. Balduzzi im AME. N. S. 
4, 1, 42 Reg. nuovo fo. 108 und 11 (vgl. auch ebenda fo. 113 f.) 
und Bibi. Classens. Ravenna Arch. S. Marie in Portu Nr. 1500 
Nr. 18. 

163. Villola zu 1255. 

164. Vgl. Tonduzzi 297 zu 1262. — Im Mai erhielt der ge¬ 
wesene Podesta der Accarisi, Guil. Gos., Entschädigung (Sav. Nr. 
708/9 St.-A. Bol. Reg. nuovo fo. ,100 v und 101). 

165. (Stadt-A. Faenza) Fragment der Libri bannitorum sub exa- 
mine U. (iudicis) Bonac. de Sur. cap. pop. Bonon. et nunc, pote- 
statis et rectoris civitatis Fav. enthält Eintragungen von Ende April 
bis Ende Mai, dann vom 10. Juni bis 20. Oktober solche tempore 
potestarie Coradi de Surisina pot. Fav. 

166. Sarti 2, 48. 


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nächsten Jahre fällte Bonaccorso, der inzwischen Podesta 
von Bologna geworden war, die aufgetragenen Schieds¬ 
sprüche, am 17. Februar für Faenza 167 . Die beiden Frak¬ 
tionen mußten Frieden schließen, und das Comune sich in die 
Abhängigkeit Bolognas begeben. Die Bolognesen bestimm¬ 
ten ihm jährlich den Podesta oder auf Wunsch einen 
capitaneus populi. Faenza blieb eine offene Stadt, ver¬ 
pflichtete sich zur Heeresfolge, wurde dem Bologneser Zoll¬ 
gebiet angegliedert und nahm die Münze Bolognas an. Der 
Spruch für Bagnacavallo vom 6. März war im wesentlichen 
gleichlautend 168 . 

Unter dem Eindruck dieser Ereignisse beugte sich 
schließlich auch Forli, wo 1252 die Guelfen verjagt worden 
waren 169 , den Bolognesen. Am selben Tage, wie Corrado 
da Soresina, schwor der Podesta von Forli, der zur Zeit das 
gleiche Amt auch in dem kleinen Forli benachbarten Forlim- 
popoli bekleidete, auf dem Carroccio Bologna Gehorsam 170 . 
Und am 10. September 1256 erließ man für die Stadt die 
nötigen Bestimmungen 171 . Auch hier wurde, wie in Faenza, 


167. B.-F. 14028; Sarti 2, 51. 

168. Graziani S. Pietro in Sylvis di Bagnacavallo 90 und Balduzzi 
in AME. N. Sc 4, 1, 43, St.-A. Bol. Reg. nuovo fo. 115 v und Bibi. 
Classens. Ravenna Arch. S. Marie in Portu Nr. 1500 Nr. 1. Nur 
wird das Stadthaupt von Bagnac. nicht vom Comune Bon., sondern 
vom populus Bon. bestimmt, nach Beschluß vom 3. Februar 1256 
(Reg. nuovo fo. 107); Und zwpr jm Consilium populi, ad brevia, 
12 electores, Majorität entscheidet. 

169. Pietro Rav. zu 1252; Cobelli in Mon. istor. della Romagna 
Ser. 3, 35. Aus dem oben S. 263 Anm. 152 erwähnten Lib. consil. 
ergibt sich aber, daß 1254 in FOrii Rizzardo da Villa das Podestaamt 
bekleidete, der jm folgenden Jahre das Bologneser Stadtregiment 
leitete. Damals werden die Ghibellinen wohl nicht mehr die Herr¬ 
schaft in Forli gehabt haben. 

170. Sav. Nr. 711 St.-A. Bol. Reg. nuovo fo. 124 (vgl. auch 
fo. 123 und 124 v). 

171. Sav. Nr. 713 Reg. nuovo fo. 125. Daß die Bestimmungen 


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das Friedensprogramm durchgeführt und von Bologna 
garantiert. Die politische und wirtschaftliche Abhängigkeit 
Forlis war nicht ganz so groß, wie bei dem näher zu Bologna 
gelegenen Faenza. Aber auch Forli hatte militärische Hilfe 
zu leisten und durfte ohne Einwilligung der Renostadt keinen 
Krieg beginnen. Es behielt zwar die eigene Podestawahl, 
mußte aber sein Stadthaupt immer aus Bologna berufen. 
Auch Forli führte die Münze der Bolognesen ein und ge¬ 
währte ihnen volle Handelsfreiheit in seinem Gebiet. 

Wie man eine reife Frucht pflückt, so errang Bologna 
die Hegemonie fast über die ganze Romagna. Hatten sich 
ihm auch allerlei Hindernisse in den Weg gestellt, so konnten 
sie doch nicht die notwendige Entwicklung aufhalten. Als 
Sieger über die Kaisermacht gebührte ihm die Nachfolge 
der Reichsgewalt in dieser Landschaft. 

Neben diesen äußeren Erfolgen brachte der siegreiche 
Kampf mit Friedrich 11. dem Bologneser Popolo zugleich eine 
erhebliche Steigerung seines moralischen Ansehens. Nicht 
nur soweit der politische Einfluß der Stadt reichte, schuf 
man Verfassungen nach Bologneser Muster um, auch 
IComunen außerhalb der Machtsphäre Bolognas, wie 
Florenz 172 , führten jetzt das Anzianenamt ein. Ja, das Volk 
von Rom glaubte den Widerstand des ihm feindlichen Adels 
am sichersten brechen zu können, wenn es einen Bolognesen 
auf dem Kapitol zum Senator einsetzte 173 . Aber indem die 
demokratische Regierung Bolognas der ewigen Stadt den 
Brancaleone degli Andalo sandte, und dann, als der Senator 
nicht bloß mit dem römischen Adel, sondern auch mit der 
päpstlichen Kurie in heftigen Konflikt geriet, für ihren ge- 


zugkich auch für Forlimpopoli galten, wird nicht gesagt. Doch 
ist das sachlich ohne größere Bedeutung. 

172. Davidsohn Oesch. 2, 1, 370. 

173. Alles nähere darüber vgl. später. 


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fährdeten Mitbürger eintrat, führte sie eine bedenkliche Neue¬ 
rung in ihre Politik ein. Zum ersten Male engagierte sie 
sich für eines der mächtigsten Magnatengeschlechter mehr, 
als im eigenen Interesse lag, und verließ die bewährten 
Bahnen, denen sie ihre Größe verdankte. Es begann nun 
ein innerer Zersetzungsprozeß, bis schließlich der Partei¬ 
hader die Stadt um ihre Machtstellung, ja um die Unab¬ 
hängigkeit brachte, bis Bologna mjt der Romagna unter die 
Herrschaft des Papsttums kam. 


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III. Budi. 

liiere Eesekiekte. 


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I. Kapitel. 

Bevölkerungsklassen und ihre Organisationen. 

Das erste Kapitel bildet in gewissem Sinne die Analyse 
für die im nächsten zu gebende Synthese. Es macht sich 
zur Aufgabe, die Bevölkerung des Bologneser Herrschafts¬ 
gebietes 1 in ihre einzelnen Elemente zu zerlegen, deren freund¬ 
liches und feindliches Zusammenwirken bei der Entwicklung 
der Stadtverfassung im zweiten Abschnitt geschildert werden 
soll. 


§ 1 . 

Hauptstadt. 

Sie umfaßte die eigentliche civitas und die burgi 2 . In 

1. Nach den Summierungen des Estimi-Kodex von 1249, den 
Libri collectarum von 11267 in Podesta Disco dell’ Orso und in 
Ufficio del giudice al disco dell’ Orso (alles im St.-A. Bol.) gab 
es in der Bologneser Grafschaft 16—17000 Feuerstellen, also zählte 
sie gegen 70 000 Einwohner (vgl. Salvkmi in AMR. 3, 8, 46). 1371 
betrug die Zahl der fumantes in der Grafschaft gegen 11 000, in der 
Hauptstadt 8000 (Theiner 2 Nr. 526 S. 517 und 22). Nimmt man 
nun an, daß die seit dem Ende des 13. Jahrhunderts eingetretenen 
Kriege und Wirren Stadt und Grafschaft ziemlich gleichmäßig mitge¬ 
nommen haben, die Einwohnerzahl hier wie dort ziemlich gleichmäßig 
zurückgegangen ist, so ergibt sich als Zahl der Feuerstellen der 
Hauptstadt in der Mitte des 13. Jahrhunderts 11—12000, was einer 
Bevölkerungsstärke von noch nicht 50 000 Seelen entsprechen würde. 
Ist diese Annahme richtig, dann kam Bologna dem damaligen Florenz 
an Einwohnern mindestens gleich; vgi. Davidsohn Oesch. 2, 2, 171. 

2. Vgl. z. B. Frati Stat. 1, 95 f. 


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mancher Beziehung 3 gehörte zu ihr auch die guardia civitatis, 
d. h. der nächste Umkreis bis zu einer Entfernung von wahr* 
scheinlich drei Miglien 4 . Wie so viele Städte Italiens 5 , war 
Bologna in vier Quartiere, die wieder in eine Reihe von 
Vicinanzen oder contrate, die sich genau an die Kirchspiele 
(capeile) anschlossen 6 , eingeteilt. Die Quartiere bildeten seit 
den Anfängen des Comune 7 die Grundlage für die Ver¬ 
waltung, für die Gliederung der Beamtenschaft 8 und die 
militärische Organisation. Die Bewohner der contrate waren 
zu Körperschaften zusammengefaßt, die unter sich Anlage 
und Erhaltung von Straßen, Brunnen, Kanalisation usw. be¬ 
schlossen und gemeinsam die daraus erwachsenden Kosten 
trugen 9 . An ihrer Spitze standen die von den vidni ad 


3. So bei den Kompetenzgrenzen der yscarii (vgl. über sie 
S. 352) und der saltuarii (vgl. unten Anm. 17). 

4. Vgl. Frati Stat. 1, 293; 1, 286; 1, 468; 1, 108. Die guardia 
wird in den Akten häufig erwähnt, zuerst 1232 in St.-A. Bol. Ufficio 
della abbondanza e della grazia. 

5. Mayer 2, 578ff.; Davidsohn Gesch. 1, 326ff. 

6. Vgl. Frati Stat. 2, 38 ff. und zwei Fragmente der das 
sequimentum potestatis Beschwörenden von 1253 in St.-A. Bol. Podesta 
Libri extraordinariorum und Capitano del popolo Vigintiquinqucne. 

7. Vgl. Sav. Nr. (113 St-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 12v; 
Liber censuum Nr. 63—78k Aus den |beiden Beschreibungen der 
Stadtbefestigungen von 1245 und 94 (St.-A. Bol. Reg. nuovo fo. 332 v 
und 339 v; Reg. grosso 2, fo. 134 und 148 v), dazu aus Frati Stat. 
2, 39, endlich aus dem Stadtparochieenverzeichnis (in Libri dei Con- 
finati von 1275 im St-A. Bol.) ergibt sich, daß die vier Quartierd 
an der Piazza Vittorio Emianuele zusammenstießen und sich von 
da zur circla in Form unregelmäßiger Dreiecke erstreckten; und 
zwar war Si. Pietro von zwei Schenkeln in der Richtung. der Via 
Galliera und der Via S. Vitale begrenzt, reichte Porta Ravegnana 
südlich bis zu einer Linie zwischen Via S. Stefano und Via Casti- 
glione, trennte Via S. Isaia etwa S. Procolo von Porta Stiera. — 
Quartier S. Pietro hieß auch öfter S. Cßssiano, Porta Stiera zerfiel 
gelegentlich in Porta Stiera und Porta Nova. 

8. Vgl. z. B. Frati Stat. 3, 58; 3, 113. 

9. Frati 2, 358; 2, 377; 2, 430 ; 2, 397: 2, 622; 2, 361. 


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brevia 10 gewählten ministrales contratarum 11 . Sie waren 
keine officiales comunis und nicht zum allgemeinen Amts¬ 
eid verpflichtet 12 . Aber die Stadtregierung übte die Auf¬ 
sicht und Strafgewalt über sie aus 13 upd übertrug ihnen 
auch die militärische Einteilung ihrer Bezirke 14 und einige 
polizeiliche Funktionen 15 . Die einzelnen Nachbarschaften 
besaßen ferner saltuarii civitatis 16 , die von ihren ministrales 
eingesetzt wurden. Sie wachten über das Privateigentum 
und hatten allen angerichteten Schaden den städtischen 
domini maleficiorum zu melden 17 . 


10. Dieser Wahlmodus, der in Bologna in den meisten Fällen 
zur Anwendung kam, aber keineswegs als eine Eigentümlichkeit der 
Renostadt angesehen weiden kann (vgl. Pertiie 2, 1, 146), war ein 
indirekter. Eis wurdefi soviel Zettel (brevia) hergestellt, als aktiv 
Wahlberechtigte vorhanden waren. Die Mehrzahl der brevia blieb 
unbeschrieben, nur eine bestimmte Anzahl erhielt Vermerke, wie: 
elector für das Amt X. Dann hatten beim Wahlakt alle Wähler aus 
einem Behälter, der alle brevia enthielt, je einen Zettel zu ent¬ 
nehmen. Wen ein beschriebenes breve traf, war damit elector für 
das darauf verzeichnete Ami Er hatte, falls nur ein elector vor¬ 
gesehen war, allein den ihm Ai dem Amt geeignet erscheinenden zu 
ernennen. Waren mehrere electores vorhanden, so hatten sich diese 
nach einem bestimmten Majoritätsverhältnis zu entscheiden. 

11. Vgl. Frat. Stat. 3, 126; auch 2, 364. Ueber ihre Funk¬ 
tionen vergl. 2, 362: 1, 184; 1,191; 2, 359; 2, 374; 3,126; 2,193. Die 
ministrales einzelner contrate werden vielfach genannt. 

12. Frati 3, 127. 

13. Vgl. Frati 3, 54; 1, 201. 

14. Frati 2 , 84; 1, 102; St-A. Bol. Capitano del popok» Viginti- 
quinquene zu 1273; vgl. auch Frati 3, 127. 

15. Frati 3, 561; 3, 388. In St-A. Bol Podesta Accusationes 
finden sich deminciationes der min. über in ihren capelle geschehene 
Verbrechen zu 1257; ebenda Sentenze Bestrafungen von min. wegen 
unterlassener Anzeige zu 1256. 

96. Allgemein vgl. über sie Pertiie; Mayer 2, 569f.; Palmieri 
in AMR. 3, 22, 381 ff. 

17. Sie verteilten sich über die civitas, die burgi und die 
guardia; vgl. Frati Stat 2, 274; 3, 129; 3, 138; 3, 131; 3, 138; 3, 136; 
1, S86; 1, 291. 


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Die Bewohner der Hauptstadt wurden, soweit sie nicht 
von der Teilnahme am politischen Leben ausgeschlossen 
.Waren, als dves bezeichnet. Aus ihnen setzte sich die 
große Schwurgenossenschaft des Comune zusammen. Das 
von ihnen jährlich zu feistende sacramentum sequimenti 
potestatis enthielt die Summe ihrer Pflichten gegenüber dem 
Comune 18 . Die erste und höchste Pflicht des civis war die 
Verteidigung der Vaterstadt und bildete die Voraussetzung 
für seine politischen Rechte 19 . Kriegsdienst leisten mußten 
alle vom achtzehnten bis siebzigsten Jahre 90 . Die Greise 
erhielten Befreiungsurkunden, durften aber kein Amt mehr 
bekleiden 91 . Die Art der Bewaffnung hing von der Höhe 
des Vermögens ab. Wer über 200 lib. Bon. sein Eigen 
nannte, hatte als Schwerbewaffneter, wer weniger besaß, 
mit leichteren Waffen ins Feld zu rücken. Welche Ver¬ 
mögensstufe zum Dienst in der Kavallerie verpflichtete, 
wissen wir nicht. Ueber alle Reiter- und Fußtruppen ließ 
der Podesta genaue Listen führen. Wer dann im Kriegs¬ 
fälle fehlen wollte, mußte einen geeigneten Stellvertreter 
besorgen oder triftige Entschuldigungsgründe Vorbringen 99 . 
Innerhalb der einzelnen contrata wurden die milites zu 
Zehnschaften, die pedites zu Fünfundzwanzigschaften zu¬ 
sammengefaßt und jede dieser kleinen Abteilungen einem 
Capitan unterstellt 93 . Als größere taktische Verbände dienten 


18. Vgl. Frati 1, 90ff.; 1, 57; Chart. Nr. 18; St.-A. Bol. Reg. 
grosso 1, fo. 330 v zu 1220. 

19. Frati 3, 47; 1, 318. 

20. Frati 2 , 83; 3, 541; allgemein vgl. Pertile 2, 1, 389. 

21. Frati 2, 83; 2, 278; Rol. Pässagerius 2, fo. 118v. 

82. Frati Statp, 21; 2, 86; 1, 490; 2, 138; 2,100; 3,63; 8,27a — 
Beispiele für bezahlte Ersatzmänner in St-A. Bol. Memorial. Jeremie 
Angeielli fo. .49 v; Petrizoli Gexi fo. 8v; Barthofomei Sutri fo. 
8v ZU 1270 und 74. — Untersuchung derer, die an einer cavalcata 
nicht teilnahmen, von 1246, ferner eine Entschuldigung von 1251 in 
St-A. Bol. Qapifeno dei popolo Atti; Strafverhängungen wegen 
Nichtteilnahme im St-A. Bot Liber iuiamentonun fo. 220 und 22. 

23. Frati 2; 83; 1, 493 ; 3, 219 = 3, 274. - Fragmente solcher 


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die vier Quartiere und wurden geführt von je einem gonfa- 
lonerius für die Kavallerie und einem für die Infanterie, denen 
immer consiliarii und distringitores zur Seite standen 84 . 
Die acht gonfalonerii wurden, wie die andern offidales 
comunis, gewählt, ebenso die presidentes carocio 25 . Der 
Fahnenwagen 86 , der damals wohl keinem italienischen 
Bürgerheere fehlte, bildete auch in Bologna den Mittelpunkt 
der Schlachtordnung und wurde von über fünfzehnhundert 
Mann Elitefußtruppen bewacht. Im Felde marschierten der 
Infanterie zwei Reiterabteilungen voraus, zwei folgten ihr 87 . 
Der Kriegszug war entweder eine cavatcata oder ein exer- 
dtus. Welch' genauer Unterschied zwischen beiden Arten 
bestand, läßt sich für Bologna nicht feststellen, jedenfalls 
nahmen auch pedites an der cavalcata teil 88 . 

Vom einzelnen Bürger Eintritt mit Leib und Leben für 
die Gesamtheit zu fordern, darin sehen wir ein allgemeines 
Charakteristikum der italienischen Comunen. Ganz be¬ 
sonders gilt das für die aufstrebende Renostadt So scheii|t 
in der Regel auch keine Besoldung 89 , sondern nur Befriedi¬ 
gung bestimmter Schadenersatzansprüche erfolgt zu sein 90 . 
Für die zweite Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts fehlt es 


Verzeichnisse von 1247 und 1273 in St.-A. Bol. CapHano del popolo 
Vigintiquinqucne und Pbdesta Libri delle milizie. — Nach 1274 
wurden aus diesen Listen die zu confinierenden ausgezogen (SL-A. 
Bol. Libri dei confinati). 

24. Frati 3, 94; 2, 52; Sav. Nr. 469 St.-A. Bol. Reg. grosso 
1, fo. 242 v; Sav. Nr. 660 Lib. re rum div. Diritti del Com.; Podesta 
Libri delle milizie. 

25. Frati 3, 116. 

26. Seine erste Erwähnung im N. A. 31, 210. 

27. Frati 3, 120 f. 

28. Vgl. Frati 3, 121; 3, 213; Onudenzi Stat 1, 238 Nr. 8; 
315 Nr. 27. Bezüglich' Florenz vgl. Davidsohn Qesch. 2, 1, 414. 

29. Eine Ausnahme bildete der Wachtdienst in den Kastellen; 
vgl. Frati 3, 311; St.-A. Bol. Ufficiali e Stipcndiati zu 1249. 

30. Vgl. Frati 2, 19 f.; Sav. Nr 309 St.-A. Bol. Reg. grosso 
1, fo. 63; auch Pertile 2, 1, 395. 


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nicht an Anzeichen für das Sinken des kriegerischen Geistes 31 . 
Aber bis zur Revolution beruhte die militärische Stärke der 
Bolognesen auf der allgemeinen Wehrpflicht. Erst nach 
1274 mehren sich die Beispiele von Söldneranwerbung 32 . 

Die cives zerfielen in eine aristokratische Oberschicht 
und den Popolo. Wir glauben das Wesen der Aristokratie 
am besten erkennen zu können, wenn wir erst ihre recht¬ 
liche, dann ihre faktische Stellung betrachten. 

Für die ganze Zeit bis zum Sturze der Geschlechterherr¬ 
schaft im Jahre 1228 ist das Quellenmaterial sehr dürftig. 
Mit der gelegentlichen Unterscheidung von maiores und 
minores 33 läßt sich nicht viel anfangen. Deutlicher ist die 
Trennung von milites und pedites, die sich gleichfalls findet 34 . 
Wie auch anderswo 35 , werden in Bologna unter milites 
schon damals nicht Leute adliger Abstammung zu verstehen 
sein, sondern solche die Kriegsdienste zu Pferde leisteten, 
wenn sich letzteres auch erst für 1223 belegen läßt 30 . Aber 
darin unterscheidet sich die Renostadt von andern 
Comunen 37 , daß man hier eine eigene Organisation der 
milites unter Konsuln nicht nach weisen kann. In der Periode 
der uns erhaltenen Stadtstatuten liegen die Dinge völlig klar. 
Damals bezeichnete der Begriff miles kein aristokratisches 
Vorrecht, hatte vielmehr die uns schon bekannte militär- 


31. Dafür scheint mir z. B. zu sprechen, daß die in Frati 
1, 318 f.; 2, 83 f. angeführten Strafen sich nur in dem Kodex von 
1250 finden. 

32. Beispiel von 1274 in St.-A. Bol. Memorial. Petrizoli Gexi 
fo. 12 v. 

33. Sav. Nr. 181, 2 und 4 , 252 Reg. grosso 1, fo. 28 v, 29, 
22, 41 v. 

34. Sav. Nr. 161 Reg. grosso 1, fo. 18; Sav. Nr. 368 = Tonini 
3, 390 Nr. 9; Liber censuum Nr. 38. 

35. Vgl. Davidsohn Gesch. 1, 686; ders. in Zeitschr. f. Gesch. 
Wissenschaft. N. F. Monatsblätter 2, 34; auch Mayer 1, 8. 

36. Sav. Nr. 543 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 446 v. 

37. Vgl. Pertile 3, 136. 


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technische Bedeutung 38 . Daraus folgt, daß das Bologneser 
Comune keinen privilegierten Stadtadel kannte, daß es in 
ihm nur gleichberechtigte cives gab. Eine Aenderung trat 
erst ein, als seit der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts das 
popolare Stadtregiment mit immer schärferen Maßregeln 
gegen die Geschlechter vorging. Jetzt kam der Ausdruck 
Magnaten in Uebung, der alle die umfaßte, die von den 
höheren Ständen nicht zur Organisation des Volkes gehörten, 
und die später in den Ordinamenti sacrati als Bürger zweiten 
Grades behandelt wurden 39 . 

Die rechtliche Scheidung der Bürgerschaft in eine 
Aristokratie und ein darunterstehendes Volk fehlte also in 
Bologna. Tatsächlich aber gab es während des zwölften und 
dreizehnten Jahrhunderts eine Bevölkerungsklasse, die sich 
aus der Masse der Popolaren abhob, wenn sich die Ab¬ 
grenzungslinie auch nicht scharf ziehen läßt. Folgende 
Punkte seien zu ihrer Charakteristik angeführt: Sie sonderte 
sich von dem Gros der Stadtbevölkerung durch ihre wirt¬ 
schaftlichen Verhältnisse. Es waren im wesentlichen Gro߬ 
grundbesitzer, die selbst meist in der Hauptstadt wohnten 
und ihre Ländereien teils durch Unfreie bebauen ließen — 
bis das Comune die Sklaverei verbot —, teils in ver¬ 
schiedenen Formen verpachteten oder zu Lehen gaben. 
Ihr Besitz bildete in der Regel kein geschlossenes Gut, 
sondern zerfiel in kleine Abteilungen verschiedenster Art, 
in verstreut gelegene Aecker, Weiden und Vignen. Dazu 
kamen Paläste, Häuser und Terrains in Bologna und jn 
den ländlichen Ortschaften 40 . Als zweites Moment nennen 


3a Dem entsprechend finden sich auch Popolaren in den Reihen 
der milites; vgl. St.-A. Bol. Anziani Riformazioni Examinationes von 
1271 und Libri dei Confiuati von 1275. 

39. Es wurde auch mehrfach ungenau der Begriff miles für 
Magnaten gebraucht; vgl. Gaudcnzi Stat. 2, 506; Frati Stat. 3, 400. 

40. Als Belege seien angeführt: Die Urkunde eines Lambertazzi 
von 1268 in St.-A. Bol. Istrumenti privat!; die Urkunde eines Galluzzi 


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wir die Art ihrer Organisation. Die Grundlage ihrer Gliede¬ 
rung bildete die Verwandtschaft. Die Angehörigen der ein¬ 
zelnen Geschlechter schlossen sich eng zusammen. Eine 
Reihe von Familien bildeten größere Verbände, besonders 
in der Form der Turmgenossenschaft, die sich am Reno 
etwas später als in Florenz und Padua 41 nachweisen läßt 42 . 
Durch Eidschwur vereinigte man sich zum Bau oder zur 
Erhaltung eines Turmes, ordnete sich Rectoren unter und 
legte sich gemeinsame Verpflichtungen gegenüber Freunden 
und Feinden auf. Eine andere Gruppierung ergaben die 
feudalen Ordnungen, die auch im dreizehnten Jahrhundert 
noch fortbestanden. So können wir für die Lambertini 
nachweisen, daß Guizardini, Manfredi, Papazzoni, Buvalelli 
und Tantidenari ihre Vasallen waren und von ihnen gegen 
Treueid Ländereien, dann auch Häuser und Türme in der 
Hauptstadt zu Lehen erhielten 43 . Und was wir zufällig für 
eine Familie festzustellen vermögen, dürfen wir ohne Be- 
dfenken verallgemeinern 44 . Das Comune ging gegen die 
Verbrüderungen in der Art der Turmgenossenschaften mit 
scharfen Gesetzen vor, deren Wirkung wohl recht zweifel- 


von 1274 in Memor. Ouilielmi de Canutis fo. 74 v; die Nachrichten 
über den Besitz der Lambertini in ihrem Archiv zu Poggio Renatico 
(über ihren Streit mit den Erzbischöfen von Ravenna vgl. Tarlazzi 
2, 23 Nr. 16; Sav. Nr. 549 Erzbisch.-A. zu Rjavenna Caps. E Nr. 
1536; auch O Nr. 2966); vgl. auch die Testamente des Albertus 
de Urso von 1166 in St.-A. BoL Deposita Orsi Miscell. Cart. 1 
Nr. 1 und des Scannabiccus von 1168 in Dem. S. Cristina Cass. 
17/2878 Nr. 3. — Vgl. auch Gozzadini Torri gentilizie di Bologna. 

41. Vgl. Davidsohn Gesch. 1, 553 ff. und Gloria Cod. dipl. 
Padovano 2, 128 Nr. 158. 

42. Vgl. Gozzadini 523ff. Nr. 1--3; auch Santini im Arch. 
stör. Italiano 4, 20. 54 f. 

43. Urkunden im Arch. der Lambertini zu Poggio Renatico von 
1227, 28, 37, 51; vgfl. auch Gozzadini 342 und 489; Ouidicini 3, 224. 

44. Vgl. auch Rafnerius de Perusio 57 Nr. 4 und Rol. Passa- 
gcrius 1, fo. 34; dazu St.-A. Bol. Memorial. Jacobini Pacis fo. 156 
zu 1*278. 


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haft blieb 45 . Die feudalen Ordnungen aber erkannte es als 
zu "Recht bestehend an 46 und versuchte nur, durch Be¬ 
stimmungen zu verhindern, daß sie den Einzelnen von seinen 
Pflichten gegenüber dem Staate abhielten 47 . Ein drittes 
Kennzeichen der Aristokratie waren ihre ritterlichen Lebens¬ 
gewohnheiten, besonders ihre unausrottbare Fehdelust. 
Besser als die Einzelnachrichten der Chroniken zeigen die 
Verbote der Stadtstatuten gegen das Tragen von Angriffs¬ 
waffen 48 und das Schießen von den Palästen und Türmen 
aus 49 , dazu die dem Podesta zur Erzwingung des Friedens 
eingeräumten Befugnisse 50 , welch* bedenklichen Umfang 
die ständigen Raufereien annahmen. 

Diese vornehmen Familien bildeten nur eine kleine 
Minorität der städtischen Bevölkerung. Ein wesentlich 
größeres Kontingent stellten die Popolaren. Wohl verfügten 
auch viele von ihnen über Haus- und Landbesitz, aber ihre 
wirtschaftliche Existenz beruhte auf dem kaufmännischen Ge¬ 
werbe und dem Handwerk. 

Schon in der Zeit, da noch die Geschlechter die Herr¬ 
schaft in Händen -hatten, war die gewerbliche Differenzie¬ 
rung weit fortgeschritten. Da gab es die Großkaufleute 
und Wechsler, die Schmiede und die einzelnen Zweige der 
Eisenbranche, die Schneider, Kürschner und Schuhmacher, 
die Sattler und Pergamenter, die Zimmerleute und Maurer, 
die Fleischer, Bäcker und Müller, endlich die Krämer. 
Ganz fehlten das Töpfergewerbe, ferner, wenn sich auch 
gegen Ende der Periode Färber, Tuchhändler und Lein¬ 
weber nach weisen lassen, die Textilindustrie 51 . Ein be- 


45. 

Frati 

Stat. 2, 200 f. 




46. 

Vgl. 

Frati 2, 195 ff. 




47. 

Vgl. 

Frati 2, 199; 1, 

97; 1 

1, 103. 


48. 

Vgl. 

Frati 1, 96; 1, 

268; 

1. 273 f.; 

1, 276. 

49. 

Vgl. 

Frati 1, 281; auch 1 

, 102. 


50. 

Vgl. 

Frati 1, 279; 1, 

267; 

1, 318. 


51. 

Unsere Quelle sind 

di* 

Urkunden 

in St,-A. Bol. Dem., 


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achtenswerter Teil der Handwerker stammte nicht aus 
Bologna. Sie kamen nicht nur aus Ober- und Mittelitalien, 
sondern auch von den Ländern nördlich der Alpen, aus 
Deutschland und England 52 . Diesen Zuzug aus der Fremde 
verdankte Bologna wohl seiner Hochschule. Die große 
Studentenschar versprach günstige Arbeitsgelegenheit. Und 
manch einer der Scholaren wird Gewerbetreibende aus der 
Heimat mit an den Reno geführt haben. 

Auf die Frage, wann die Gewerbe zuerst eine Organi¬ 
sation annahmen, die als Zunft (societas artis) bezeichnet 
werden kann, läßt sich heute so wenig für Italien im all¬ 
gemeinen, als für Bologna im besonderen eine völlig be¬ 
friedigende Antwort geben. Man hat die Zünfte auf die 
Laienbrüderschaften zurückführen wollen 53 . Solche frater- 
nitates, die in der Mehrzahl wohl aus Handwerkern be¬ 
standen, gab es in Bologna in großer Zahl 54 . Sie besaßen 
die auch den societates artium eigentümlichen Beamten, dir 
ministrales und massarii. Ferner dürfen wir für sie an, 
nehmen, was wir 1160 für eine Imoleser Brüderschaft nach- 
weisen können 55 , daß sie gemeinsamen Gottesdienst pflegten, 
dem verstorbenen Genossen das Begräbnis besorgten, arme 
und kranke socii unterstützten, daß ihren Beamten Diszi- 


ferner das große Verzeichnis von Bolognesen, die 1219 den Vertrag 
mit Pistoja beschworen (Lib. censuum Nr. 62ff.); vgl. auch J.-L. 
Nr. 12940 Kanonik.-A. Bol. Libro dalle Asse fo. 5v. 

52. Vgl. die später zu erwähnenden Zunftmatrikeln; ferner die 
societates der Lombördi, Ttoschi und della Stella; endlich unten 
Anm. 54 und 56. 

53. Vgl. Kretschmayr Gesch. von Venedig 1, 187. 

54. So die scola s. Sisti (Gaudenzi im Bull. 8, 14 Anm. 3), 
die societates s. Jacobi und s. B-lasii zu 1196 (Ujiiv. Bibi. Bol. Ms. 
52 Busta 3 N,r. 2), die Brüderschaft von s. Maria maior zu 1206 
oder 1207 (St.-A. Bpi. Dem., dass. S. Giacomo 1/1607), endlich die 
fraternitas quorundam hominum de ultramontc beim Heiligtum 
Camaldoli (vgl. darüber später) zu 1211 (St.-A. Florenz Fond Camal- 
doli), dabei unter den Zeugen Oorradus Teutonicus. 

55. Kanonik.-A. Imola Mazzo 3 Nr. 36. 


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plinargewalt über die Mitglieder eingeräumt war — alles 
Züge, die sich bei den Zünften wiederfinden. Aber die 
einzelne fratemitas setzte sich aus den Angehörigen ver¬ 
schiedenster Gewerbe zusammen, sie sah ihr Ziel in der 
Erfüllung religiöser und caritativer Aufgaben. Die Zünfte 
hingegen bildeten wirtschaftliche Zweckverbände, und die 
Scheidung nach Berufsarten war ihr Charakteristikum. 
Auch fehlt in Bologna jedes Beispiel dafür, daß sich eine 
Laienbrüderschaft in eine societas artis umgewandelt hätte. 
Wohl aber haben wir eine Reihe von Nachrichten vom 
Weiterbestehen der fraternitates zu einer Zeit, als die Zünfte 
schon ihre volle Ausbildung erfahren hatten 56 . Eine andere, 
neuerdings wieder mit Nachdruck vertretene These will für 
das Gebiet des Exarchats von Ravenna einen Zusammen¬ 
hang der mittelalterlichen Zünfte mit altrömischen Organi¬ 
sationen annehmen 57 . In Bologna lassen sich eine Genossen¬ 
schaft der Schuhmacher und eine der Fleischer mit einiger 
Sicherheit schon um die Mitte des zwölften Jahrhunderts 
nachweisen 58 . Aber damit ist weder für noch gegen die 
erwähnte These etwas bewiesen. 


56. So existierte z. B. die scoli s. Marie nvaioris noch 1274 
(St.-A. Bol. Memorial. Symlonis de Corvaria fo. 55 v), die Brüder¬ 
schaft von Camaldoli noch 1247 (Mittarelli Ann. Camald. 4, 373 St.-A. 
Florenz Fond Camaldoli). Sie und die societas s. Thome de Conturbia 
wird 1230 testamentarisch bedacht von Guilielmus Anglicus cultelerius 
(St-A. Dem. S.^ Francesco ’ Cass. 336/5078 Nr. 239). K Angemerkt se ] 
hier, daß sich in der Matrikel der Schmiede von 1267 im St.-A, 
Bol. Rogerius Anglicus und Robertus de Alamania finden. 

57. Vgl. Hartmann Zur Wirtschaftsgesch. Italiens 16ff.; Mayei 
2, 584 f.; auch Schaube 46 Annt. 7, 88 Anm. 5. 

58. Urkunde von 1144 (St.-A. Bol. Dem. S. Giovanni i. M. 

Cass. 3/1343 Nr. 43) erwähnt ein Grundstück neben terra scole cal- 
zolarii; Urkunde von 1169 (S. Stefano 35/971 arg verstümmelt) erw. 
(casa)mentum subtus ecdesiam olariorum et becariorum; 

confines (.) et calzolariorum et becariorum. — Die Bemerkung' 

Odofreds (in AMR. 3, 12, 366 Anm. 7) ermöglicht keine' genaueren 
zeitlichen Feststellungen, auch nicht die Azos (Denifle 1, 170 Anm. 
425). 


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282 


Es bleibt also nur die Wahrscheinlichkeit, daß schon 
beträchtliche Zeit vor den ersten politischen Regungen des 
Popolo gewerbliche Zweckverbände in Bologna bestanden. 
Aus ihrer Zahl erhoben sich — wir werden darauf gleich 
ausführlich zurückkommen — in den letzten Jahrzehnten 
des zwölften Jahrhunderts die societates der beiden wirt¬ 
schaftlich fortgeschrittensten Gewerbe, der mercatores und 
campsores, und erhielten auch bald Anteil am Stadtregiment 
Die übrigen Zünfte fristeten, soweit sie vorhanden waren, 
noch lange ein unscheinbares Dasein. Erst 1219 finden wir 
sie bei einem Staatsakt vertreten 59 . Nun fällt in das gleiche 
Jahr, wie noch zu zeigen sein wird, die Verlegung und 
Neuordnung der Bologneser Jahresmessen. Und das Bolo¬ 
gneser Comune war sofort bereit, Teile des neuen terrenum 
mercati den homines arcium zu überlassen. Von 1221 haben 
wir ein Beispiel, wie die societas der Grobtuchhändler solche 
Stände gegen eine feste Pachtsumme erwarb 60 . Dasselbe 
wird ungefähr um die gleiche Zeit wohl von seiten aller an 
den Jahresmessen interessierten Gewerben geschehen sein 61 . 
So sind wir zu der Vermutung berechtigt, daß zwischen 
dem ersten politischen Hervortreten der niederen Zünfte 
und der Umgestaltung der Jahresmessen ein innerer Zu¬ 
sammenhang besteht. Erst das Erwerben eines gemeinsamen 
Standes und das geschlossene Auftreten auf dem neuen 
Markt mag für manche der societates artium den Anlaß ge¬ 
geben haben zu der straffen, sorgfältig durchgebildeten 
Organisation, die ihnen eine Anteilnahme am politischen 
Leben ermöglichte. 

Anfangs wird sich der Zunftentwicklung kein Hemmnis 
entgegengestellt haben. Seit 1228 aber, seit eine bestimmte 


59. Sav. Nr. 479 St-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 316. 

60. Oaudenzi Stat 2, 486 f. Nty 2 und 3 (im Reg. grosso steht 
irrtümlich bixett. statt bixell.). 

61. In den Statuten der Mehrzahl dieser Zünfte finden sich 
Bestimmungen über die ihnen auf dem Marktplatz gehörenden Stände. 


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Anzahl von sodetates artium in 'die städtische Regierung 
eingetreten waren, wehrten sie sich gfegen Neubildungen. 
Das erfuhren die Barbiere, die ihrer Genossenschaft keine 
Anerkennung verschaffen konnten 6 *. Dann sah sich das 
Comune durch die Notwendigkeit, die hauptstädtische Be¬ 
völkerung mit ausreichenden Lebensmitteln zu versorgen, da¬ 
zu veranlaßt, eine wdtere Schranke aufzurichten. Da es 
hier selbst regelnd und beaufsichtigend Vorgehen wollte, 
verbot es den Wirten, Müllern und Bäckern, dann auch 
den verachteten Gewerben der Beutler und Faßträger, sich' 
zu organisieren 63 . Alle diese Berufe gehörten infolgedessen 
nicht zum eigentlichen Popolo, sondern näherten sich der 
untersten Schicht der städtischen Bevölkerung. Das war 
die Masse der Lohnarbeiter 64 , der laboratores oder pactu- 
ales 65 , die von den Meistern der verschiedenen Zünfte in 
möglichster Abhängigkeit gehalten wurden 66 , die von allen 
städtischen Aemtem, sogar von der contio ausgeschlossen 
blieben 67 , also politisch rechtlos waren. 

Für die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts besitzen 
Wir von allen Zünften Statuten und Matrikeln. Das veran¬ 
laßt uns, bei ihnen etwas länger zu verweilen, als es die 
Oekonomie der Darstellung erforderte. 

Die artes zerfielen in Kleingewerbtreibende und kauf¬ 
männische Unternehmer. Bei den ersteren machte sich die 
Tendenz geltend, verwandte Gewerbe zu einer Genossen- 


62. Ein Bannspruch vom 18. April 1234 (St.-A. Bol. Podesta 
Libri dei processi in pergam. Bäiidj) ergibt den Unwillen der «nini- 
fetrales societatis barberiorum gegen die Popolaren. Später fehlte 
eine eigene Organisation der Barbiere. 

63. Vgl. Frati Stat. 2, 254; 1, 277 ; 3, 334 ; 3, 66. 

64. Allgemein vgl. Salvetnini (in Public, dell’ Istituto di Studi 
superiori Sez. filos.-filol. 32) 83 ff. 

65. Beide Begriffe sind identisch; vgl. Oaudenzi Stat. 1, 193 
Nr. 20; 2, 223 Nr. 5; 2, 204 Nr. 24. 

66. Näheres darüber später. 

67. Frati Stat 3, 126; 2, 373; 1, 226; 1, 103f. 


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schaft zusammenzufassen. So bildeten die verschiedenen 
Zweige der Metallindustrie die große societas der Schmiede 68 , 
und nur einzelne Spezialgewerbe schlossen sich noch zu 
besonderen von der Oberzunft abhängigen Verbänden zu¬ 
sammen 69 . Eine ähnliche Bewegung läßt sich bei den ver¬ 
schiedenen Branchen der Schuhmacher konstatieren 70 . 
Zwischen den Maurern 71 und Zimmerleuten 72 bestand erst 
größere Annäherung, dann schärfere Trennung 73 . Zu den 


68. Statuten in Gaudenzi 2, 221, andere von 1262 und Matrikel 
von 1267 in St.-A. Bol. 

69. So die fabri de ferris grossis (Statuten von 1243—53 im 
St.-A. Bol.), die ferratores (Statuten in Ghudenzi 2, 179), die qui 
faciunt cultellos (Statuten von 1253 im St.-A. Bol.) und die fomitores 
spadarum (Statuten in Gaudenzi 2, 329; schon 1269 erwähnt in St.-A. 
Bol. Memorial. Benvcnuti Bonzagni fo. 2v). 

70. Da bestanden (vgl. Gaudenzi im Bull. 21, 38) die callegarii 
(Statuten in Gaudenzi 2, 249), die calzolarii de vacha (Statuten von 
vor 1256 und Teile der Matrikel von etwa 1272 im St.-A. BoL) 
und die corduanerii (Statuten von 12M ff. und Matrikel von 1271 
im St.-A. Bol.) als selbständige Zünfte' Aber schon 1254 erfolgten 
Verabredungen zwischen den drei. Zu 1267 und 74 (St.-A. Bol. 
Memorial. Bonrecupri Pasqualis fo. 128v und Azolini de Vitreis 
fo. 2) läßt sich eine societas generalis cordoaneriorum mit eigenen 
Beamten nachweisen. — Neben diesen Zünften gab es noch societates 
der cunzatores (Statuten von vor 1257 im St.-A. Bol.), der curiones 
(Statuten von vor 1256 und Matrikel aus dem 13. Jahrhundert im 
St.-A. Bol.) und der calzolaria vetus (Statuten im St.-A. Bol., vor. 
den Behörden des Popolo nicht approbiert) oder der zavaterii (vgl. 
Podesta Liber contractuum von 1261 und spätere Akten im St.-A.) 

71. Statuten von 1218—58 und Matrikel von 1272 im St.-A. Bol 

72. Statuten in Gaudenzi 2, 193, andere von 1270 und Matrikel 
von 1266 ff. im St.-A. Bol. 

73. Gaudenzi in Bull. 21, 59. — Zu den Kleingewerbetreibenden 
rechne ich noch die cartolarii (Statuten von 1254 im St.-A. Bol.), 
die sartores (Statuten in Gaudenzi 2, 265, Matrikel von 1270 ff. im 
St.-A. Bol.), die beecarii (Statuten von vor 1257 und Matrikel von 
1275 im St.-A. Bol.), die Victuaüenhändler (Statuten in Gaudenzi 
2, 163) und die merciarii (Statuten von 1256 und von 1273 ff. im 
St.-A. Bol.). 


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kaufmännischen Unternehmern rechnen wir die salaroli, 
die mit Salz von Chioggia und Cervia und andern Lebens* 
mittein handelten und in dem Pohafen Dugliolo einen eigenen 
Vertreter hielten 7 *, ferner die Fischhändler, die den Export 
der Fische von den Valli bis nach Toscana hin betrieben 75 , 
und die Kürschner, die wohl nach ihren Waren in eine 
societas der veteres und eine der novi zerfielen. Sie kauften 
das Pelzwerk von den mercatores, ließen es durch labora- 
tores, denen sie die Preise vorschrieben, bearbeiten und 
verkauften es wieder engros und endetail 76 . 

Eine besondere Betrachtung beanspruchen noch die 
Textilgewerbe. Hier gab es eine societas der drappieri, die 
wahrscheinlich, im Gegensatz zu den mercatores, dem lokalen 
Tuchhandel oblagen 77 , dann die Zunft der Grobtuchhändler, 
die anfangs nur Kaufleute waren, später aber auch Fabri¬ 
kanten aufnahmen 78 , und die Leinweber 79 . Die eigentlichen 
Tuchweber wurden, wie später noch zu zeigen ist, erst in 
den dreißiger Jahren vom Bologneser Comune aus der 
Fremde herbeigerufen, erhielten aber bald eine selbständige 
Organisation 80 . Sie produzierten vorwiegend Halb Wolltuche, 
kauften das Rohmaterial vom mercator und arbeiteten für 


74. Statuten von 1244—52 und Matrikel von etwa 1271 im 
St.-A. Bol. 

75. Statuten von 1252 und 64 und Matrikel von 1272 im St.-A. 
Bol.; vgl. auch in St.-A. Bol. Estimi Extimationum diminutiones 
von Gallicra zu 1236. 

76. Statutcnfragm. beider societates von 1252—58, gesonderte 
Statuten beider von 1271 und Matrikeln von 1271 im St.-A. Bol.; 
vgl. auch Memorial. Bpndi de Bonincontro fo. 70 zu 1269. 

77. Statuten von vor 1256 und Matrikel des 13. Jahrhunderts 
jm St.-A. Bol. 

78. Statuten von 1257 tind Matrikel des 13. Jahrhunderts im 
St.-A. Bol.; vgl. auch Gaudenzi 2, 364 Nfr. 15; 2, 532f.; Frati 2, 
75; 2, 73. 

79. Matrikel von um 1270 im St.-A. Bol. 

80. Statuten in Gaudenzi 2, 285; vgl. ebenda 299 Nr. 52 und 
Frati Stat. 2, 72. 


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den Detailverkauf auf dem heimischen Markt. Die Zunft 
besaß eigene extimatores und Makler, auch asazatores, die 
die Ware nachmaßen. Die Tücher waren Verleger, die 
verschiedene Gruppen von Lohnarbeitern, auch Färber be¬ 
schäftigten. Die laboratores unterstanden der societas- 
Behörde und wurden von ihren Arbeitgebern, besonders 
durch dis Mittel des Verrufs, in Abhängigkeit gehalten. 
Wie ein großer Teil der factores pannorum lane aus Verona 
Stammte 81 , so wurden bei den technischen Vorschriften, die 
die Zunft erließ, mehrfach Veroneser Einrichtungen als 
Vorbild hingestellt, auch wohl von dorther die für Bologna 
ungewöhnlichen Bezeichnungen einiger Beamten über¬ 
nommen 88 . 

Die Tücher sowohl wie auch die andern kaufmännischen 
Gewerbe blieben artes minute 85 , gelangten niemals zur Be¬ 
deutung der mercatores und campsores. Am Reno gab es 
keine größere Gruppe von Berufsständen, die den Popolo 
grasso bildeten, sondern allein die Großkaufleute und 
Wechsler nahmen eine die andern überragende Stellung ein. 
Damit berühren wir den wesentlichsten Unterschied zwischen 
der Bologneser und der Florentiner Zunftbildung 81 . Als eine 
weitere Differenz kann hervorgehoben werden, daß in 
Bologna die Schneider und die Pergamenter, ferner die 
Fischhändler erheblich mehr als in Florenz hervortraten. 
Die ersteren verdankten ihren Wohlstand wahrscheinlich 


81. Vgl. Cipolla Compendio delU storia di Verona 198 f. 

82. Angemerkt sei hier, daß sich in Bologna auch eine Baum* 
wollenindustrie entwickelte, die spätestens 1278 (vgl. Gaudenzi 2, 402 
Nr. 13) zur Bildung einer eigenen Zunft gelangte. Bezüglich der 
Seidenindustrie vgl. Frati Stat. 2, 190 ff., das in den Akten des 
St.-A. Bol. mehrfach erwähnte datium follixellorum und auch Livi 
im Arch. stör. Ital. 4, 7, 33. 

83. Vgl. Gaudenzi Stat. 1, 344 Nr. 41; 2, 521 Nr. 43. 

84. Vgl. Dören Studien aus der Florentiner Wirtschaftsgeschichte 
2, Cap. 1. 


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dem Kleider- und Bücherluxus der Bologneser Studenten 86 , 
die letzteren dem Fischreichtum der Valli. 

Die Organisation der societates artium zeigte ein ziem¬ 
lich gleichmäßiges Gepräge. Es waren freiwillige Einungen, 
in der Regel auf zehn Jahre geschlossen. Ihr Streben ging 
wohl allgemein 86 dahin, jeden zum betreffenden Gewerbe 
gehörenden Meister zum Eintritt in die Zunft zu bewegen, 
und als geeignetes Mittel wendeten sie gegen die sich 
Weigernden den Verruf an. Aber den Zunftzwang wirklich 
durchzuführen, vermochten sie nicht. Von den Mitgliedern 
wurde verlangt, daß sie frei waren und die betreffende 
ars ausübten, doch wurden auch andere, meist mit be¬ 
schränkten Rechteg zugelassen. Zweck der Zunft war, neben 
den schon erwähnten religiösen und caritativen Leistungen, 
Förderung der gemeinsamen gewerblichen Interessen, denen 
der einzelne seine Wünsche unterzuordnen hatte. So regelte 
und beaufsichtigte die societas das Lehrlings wesen, die 
Pflichten und Leistungen der Lohnarbeiter, erließ gewerbliche 
Vorschriften, verbot, mit Nichtmitgliedern in Geschäfts¬ 
gemeinschaft zu treten oder socii zu schädigen, und sorgte 
für die Benutzung der gesetzlichen Maße. Ferner übernahm 
die Zunft gelegentlich für alle Mitglieder den Einkauf von 
Gebrauchsartikeln, kaufte oder mietete auch ein gemein¬ 
sames Verkaufshaus, dazu die Stände auf den Bologneser 
und fremden Messen. Die Einnahmen der societas be¬ 
standen in dem Eintrittsgeld, das sich auf ein halb bis fünf 
lib. belief — die nächsten Verwandten der socii waren ganz 
oder teilweise davon befreit —, in aufgelegten collecte, in 
dem Mietzins, den der Einzelne für seinen Platz im Ver¬ 
kaufshaus oder für seinen Stand auf dem Markt zu zahlen 
hatte, endlich in den Strafgeldern. Diese Erträge waren so 


85. Vgl. Tamassia in AMR. 3, 12, 78 f.; auch Loewenfeld in 
N. A. 11, 605. 

86. Vgl. auch Oaudenzi Stat. 2, 503 Nr. 1. 


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beträchtlich, daß die Genossenschaft mit ihnen Häuser und 
Ländereien erwarb. 

Bei allen Zünften ruhte die Legislative im corpus, d. h. 
der Versammlung aller socii. Hier erfolgte in der Regel die 
Wahl der Beamten, die Festsetzung der Statuten und die 
Entscheidung über Neuaufnahmen. Oft wurde das corpus 
in seinen Befugnissen erheblich beschränkt durch ein 
kleineres consilium, das sich die obersten Beamten der 
societas, die ministrales, als Beirat auswählten. Die mini- 
strales — bei den mercatores und campsores 87 und auch 
einigen artcs minute hießen sie consules, bei den Tüchern 
castaldi — wurden auf ein oder ein halbes Jahr ad brevia 
gewählt, sorgten für Erfüllung der von der Genossenschaft 
erlassenen Vorschriften und übten die Gerichtsbarkeit in 
allem, quod, wie es gewöhnlich heißt, ad hanc artem pertinet. 
Sie legten Streitigkeiten unter den Genossen bei und ver- 
anlaßten säumige socii zur Befriedigung ihrer Gläubiger. 
Dazu leiteten sie die Versammlungen und hatten oft das 
Vorschlagsrccht. Schon bei den Tüchern wurden sie in 
ihrer Amtstätigkeit von procuratores unterstützt. Noch weiter 
war dieses Ersatzamt bei den Großkaufleuten und Wechslern 
ausgebildet. Die ministrales der übrigen Zünfte nämlich 
beschäftigten sich hauptsächlich mit den inneren Ange¬ 
legenheiten ihrer societas. Die Konsuln der mercatores und 
dampsores hingegen vertraten, wie wir noch sehen werden, 
ihre Genossenschaft im Stadtregiment. So ergab sich die 
Notwendigkeit, ihnen procuratores an die Seite zu stellen, 
die sie durch Ucbcrnahme der internen Verwaltungs¬ 
aufgaben entlasteten. Ein anderes Amt, das sich bei den 
societates findet, war das des massarius oder Schatzmeisters. 
Man besetzte es entweder besonders oder übertrug es einem 
der ministrales. Ferner besaßen die Zünfte gewöhnlich einen 
eigenen nuntius und einen Notar, die meist von den 


87. Ueber deren Statuten vgl. unten Anni. 100 und Anm. 110. 


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ministrales ernannt wurden. Von den ministrales gleichfalls 
ernannt oder aber von den societates ad brevia gewählt 
(wurden endlich die inquisitores rationis, vor denen die Zunft- 
beamten Rechenschaft abzufegen hatten, und die statuterii, 
die die Neuredaktion der Statuten besorgten. Alle diese 
officiales wurden von den societates besoldet. — Ohne 
Zweifel wählten die jüngeren Zünfte bei Ausgestaltung ihrer 
Genossenschaft die Einrichtungen der älteren zum Muster. 
Aber das gemeinsame Vorbild aller war die Verfassung des 
Bologneser Comune, von der sie gleichsam ein Miniatur¬ 
bild darstellten. 

Nach der inneren Umwälzung von 1228, die dem Volk 
Anteil an der Stadtherrschaft brachte, schuf es sich in den 
societates armorum eine zweite Organisation. Ob es die¬ 
selben fremden, schon bestehenden Waffengenossenschaften 
nachbildete, ist nicht auszumachen. Auch ihre Entstehung 
läßt sich zeitlich nicht ganz genau fixieren. Aber aller Wahr¬ 
scheinlichkeit nach entstanden sie zu Beginn der dreißiger 
Jahre 88 . Es waren zwanzig societates, von denen immer je 
fünf auf eines der vier Quartiere entfielen 89 , dazu kamen 


88. Vgl. Gaudenzi Stat. 1, 121 und 395; 1, 135; ferner die 
Matrikel der societas * Brancarum de strata S. Stephani von 1233 
im St.-A. Bol. Für die ziemlich gleichzeitige Entstehung der socie¬ 
tates spricht auch ihre regelmäßige Verteilung Ober die Stadt 

89. (Vgl. Gaudenzi Stat. 1, VIII) Quartier S. Pietro: 1. 
Spade: Statuten in iGiaudenzi 1', 327, Matrikel von etwa 1270 im 
St.-A. Bol. 2 Vari: Statuten in Gaudenzi 337, Matrikel des 13. Jahr¬ 
hunderts im St.-A. 3. Sbarre: Statuten in Gaudenzi 191, andere von 
1267 im St.-A., Matrikel von 1267 und 72 jm St.-A. 4. Leopardi: 
Matrikel von vor 1271 im St.-A. 5. Drappieri per l’arme: Matrikel 
von vor 1271 im St.-A. Qartier Porta Ravegnana: 6. Bal- 
zani: Statuten in Gaudenzi 1*21, Matrikel in Gaudenzi 395, andere im 
St.-A. 7. Cervi: Statuten in Gaudenzi 213, von 1267 im St-A., 
Matrikel von 1272 im St.-A. 8. Rastelli: Matrikel von etwa 1272 
im St.-A. 9. Chiavi: Statuten in Gaudenzi 181, Matrikel des 13. Jahr¬ 
hunderts im St.-A. 10. Branche di S. Stefano: Matrikel von 1233 
im St.-A. Quartier S. Procolo: 11. Quartieri: Statuten in 


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noch die Lombardi, Toschi und della Stella, deren Mit¬ 
glieder sich jedesmal über die ganze Stadt verteilten 90 . Zu 
den Lombardi gehörten solche, die selbst oder deren Familie 
aus den Gebieten nördlich des Apennin zugewandert waren. 
Die Toschi forderten von ihren socii, daß sie den mittel¬ 
italischen Landen entstammten. Auch die Genossenschaft 
della Stella setzte sich aus Leuten fremden Ursprungs zu¬ 
sammen, doch war ihre Heimat nicht weiter bestimmt. Die 
beiden ersten knöpften an zwei ältere fraternitates an, die 
vermutlich in der Zeit, da die zwanzig societates armorum 
neuorganisiert wurden, eine entsprechende Umwandlung er¬ 
fuhren 91 . Die Genossenschaft della Stella hat man wohl 
mit Recht als jünger bezeichnet, als eine Einung von Zu¬ 
gewanderten, die bei den Lombardi und Toschi keine Auf¬ 
nahme mehr fanden 9 *., 

Die societates armorum zerfielen in verschieden be¬ 
nannte Unterabteilungen, die räumlich zu den contrate oder 


Qaudenzi 295, Matrikel von 1270 im St.-A. 12. Traverse di Val 
d’Aposa: Statuten in Qpudenzi 135, Matrikel von vor 1271 im St.-A. 
13. Traverse di Barberia: Statuten in Qaudenzi 203, Matrikel von 
1255 ff. im St.-A. 14. Schise di Saragozza: Statuten in Qaudenzi 
169, von 1262 im St-A. 15. Castelli: Statuten in Qaudenzi 157, 
andere Fragmente im St.-A., Matrikel von 1253 im St.-A. Quar¬ 
tier Porta Stiera: 16. Aquila: Statuten in Gaudenzi 233, Ma¬ 
trikel von etwa 1269 im St.-A. 17. Ddfini: Statuten in Qaudenzi 
1, 149, Matrikel von vor 1273 im St.-A. 18. Branca di Castello: 
Statuten in Qaudenzi 751 und 457, mehrere Matrikeln im St.-A. 

19. Oriffoni: Statuten in Qaudenzi 307, Matrikel von 1271 im St.-A. 

20. Leoni: Statuten in Qaudenzi 273, von 1271 im St.-A., Matrikel 
des 13. Jahrhunderts im St.-A. 

90. 21. Statuten in Qaudenzi 5, Matrikel des 13. Jahrhunderts 
im St.-A. 22. Statuten in Qaudenzi 89, Matrikel in Qaudenzi 413. 
23. Matrikel in Qaudenzi 403. 

91. Vgl. die mehrfache Erwähnung der fraternitas in beider 
Statuten, auch Qaudenzi im Bull. 8, 14 und 26. 

92. Erwähnt zuerst 1258 und 59 (Frati Stat. 3, 453 und 62); 
vgl. auch Qaudenzi 1, VIII. 


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capeile in irgend einem Verhältnis standen. Doch ist zu be¬ 
tonen, daß die Waffenbrüderschaften im übrigen ganz selb¬ 
ständig neben die contrate - Verbände traten. Auch waren 
sie als freiwillig geschlossene Genossenschaften von jenen 
Zwangseinungen ihrem Wesen nach verschieden und ver¬ 
folgten ganz andere Ziele. Sie setzten sich aus den Mit¬ 
gliedern der Zünfte zusammen, sodaß also in der Regel 
jeder Popolare einer societas artis und einer societas armorum 
angehörte 93 . Nach unten zeigten sie sich ebenso exklusiv 
wie die Zünfte, schlossen Sklaven, Hörige, Lohnarbeiter und 
solche Gewerbetreibende aus, denen die Genossenschafts¬ 
bildung verboten war. Eine prinzipielle Abgrenzung gegen 
die aristokratischen Geschlechter werden sie anfangs nicht 
gekannt haben. Aber schon in der zweiten Hälfte der 
fünfziger Jahre machte sich diese Tendenz geltend 94 und 
gelangte später zur vollen Ausbildung 95 . 

Bei der Struktur der einzelnen societas brauchen wir. 
uns nicht lange aufzuhalten, denn sie glich der Organisation 
der societas artis. Sie besaß ähnliche Einnahmequellen wie 
jene. Auch bei ihr wurde das corpus societatis vom 
consilium unterschieden. Auch zu ihren Beamten gehörten 
die ministrales, der massarius, der nuntius, der Notar, die 
inquisitores rationis und die compositores statutorum. Der 
Waffengenossenschaft eigentümlich war allein der gon- 
falonerius, der im corpus ad brevia gewählt wurde. Er 
hatte den ministrales nicht zu befehlen, erhielt vielmehr von 
ihnen consiliarii und distringitores zugewiesen, an deren Rat 
er gebunden war. Die gonfalonerii mußten ins Feld rücken 
und die Mitglieder der societates bei ihnen lagern. Auch 
hatten die socii auf ihren Waffen die Abzeichen der Ge- 


93. Vgl. Gaudcnzi 1, 273 Nr. 1; 2, 506 Nr. 3; 2, 522 Nr 46. 
Der Nachweis läßt sich auch bei einzelnen Personen führen. 

94. Gaudenzi 1, 322 Nr. 49. 

95. Gaudenzi I, 267 Nr. 13; 457 Nr. 22. 


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nossenschaft zu führen 96 und bitdeten als • pedites eigene 
Fünfundzwanzigschaften, als milites wahrscheinlich be¬ 
sondere Zehnschaften 97 . Doch wäre es ein Irrtum, wollte 
man den Zweck der societates armorum in der Neuschaffung 
einer Organisation gegen den äußeren Feind sehen. Inner¬ 
halb der Mauern lag ihr Arbeitsfeld. Sie bildeten einen 
Zusammenschluß der Popolaren gegen die Magnaten und 
deren den Stadtfrieden störende Fehden. So durften ihre 
Mitglieder an keinem Geschlechterstreit teilnehmen, sich 
keiner Adelspartei anschließen, vielmehr hatten sie sich beim 
rumor um ihre gonfalonerii zu scharen und unter deren 
Führung der Comunalbehörde zur Verfügung zu stellen 98 . 

Mit Absicht haben wir vier Berufsklassen, die Wechsler 
und Oroßkaufleute, die iudices und Notare, einer besonderen 
Betrachtung Vorbehalten. Sie nahmen eine Art Mittelstellung 
zwischen den Popolaren und den Geschlechtern ein. 

Die campsores und mercatores überragten die übrigen 
kaufmännischen Gewerbe weit an wirtschaftlicher Kraft. 
Dem entsprach ihre soziale Rangstufe. Einige von ihnen 
näherten sich so sehr den aristokratischen Familien, daß 
sie fast nicht mehr von ihnen zu unterscheiden waren. Sie 
besaßen Landgüter im Comitat, Paläste und Türme in der 
Hauptstadt und beteiligten sich an den Fehden der Adels¬ 
parteien 99 . 


96. Vgl. auch Oaudenzi 2, 505 Nr. 2; 513 Nr. 23. 

97. Vgl. Oaudenzi 2, 525 Nr. 56; 1, 328 Nr. 4. 

93. Natürlich erfüllten sie daneben die üblichen religiösen und 
caritativen Pflichten. 

99. Vgl. z. B. über die Familie der Principi Orioli in AMR. 
3, 25, 175—9. Dazu noch folgende Notizen: Bartolomeus P„ der 
sich 1212 und 18 als consul mercatorum nachweisen läßt (Lib. censuum 
Nr. 26; Sav. Nr. 458 St.-A. Boi. Reg. grosso 1, fo. 232), gehörte 
1214, 19, 29 und 34 zum consilium cotnunis (Sav. Nr. 425, 459, 575 
und 603 St-A. Reggio Reg. grosso fo. 51 und 52v, Stadt-A. 
Modena Reg. Priv. fo. 156, St.-A. Bol. Reg. nuovo fo. 44), war 
1216 procurator comunis und 1222 «niles iusticie (Sav. Nr. 438 


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Bei den campsores waren gewöhnlich mehrere 
associert luu , hielten sich auch Lehrlinge und andere Hilfs¬ 
kräfte 101 . Ihre Verkaufsstellen mieteten sie sich 102 inner¬ 
halb eines bestimmten Bezirks vor der Porta Ravegnana, 
der cambium genannt wurde 103 . Sie trieben Geldgeschäfte 
aller Art 104 , beschränkten sich aber wesentlich auf den 
Lokalverkehr. Zu ihrer besten Kundschaft gehörten die 
Studenten 105 . Auch muß ihnen die Verwaltung der städti¬ 
schen Münze, zusammen mit den mercatores, mancherlei 
Vorteile gebracht haben 106 . Von fremden Messen besuchten 
sie Ferrara, Mantua, Ravenna und Rimini 107 . Dorthin pflegte 
sie ein iudex comunis und ein Korfsuf der Zunft zu be¬ 
gleiten 108 . Wie es damals bei allen Berufsarten das ge¬ 
wöhnliche war, so vererbte sich auch das Bankiergewerbe 
Vom Vater auf den Sohn. Zu den ersten solcher campsores¬ 


und 541 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 215 und 442). — Albertus 
P., der 1229 im consilium comunis saß (Sav. Nr. 575), bekleidete 
1245, 49 und £6 das Amt eines consul pnenc. (Frati Stat. 3, 224; 
Sav. Nr. 660 St.-A. JBol. Lib. rer. div. Piritti del Com.; Frati 3, 
352) und gehörte 1257 zur Statutenkommission des Popolo (Frati 3, 
415). — Corbellana P. besaß zwei Sklaven (St.-A. Bol. Paradiso). 
— Bartolomeus P. war 1264 capitaneus populi von Forli (Rubens 
Ravenna 424), 1266 Podesta von Siena (Mur. SS. 15, 34) und wurde 
1272 in Bologna auf die Liste der zu confinierenden gesetzt (St.-A. 
Bol. Anziani Provision! e Riformazioni). 

100. Vgl. ihre Statuten in Gaudenzi Stat. 2, 87 Nr. 65. 

101. Gaudenzi 63 Nr. 6. 

102. Gaudenzi 96 f. Nr. 82 und 83. 

103. Gaudenzi 87 Nr. 65; vgl. auch Frati Stat. 2, 268; St.-A. 

Bol. Reg. grosso 2, fo. 130; Dem. SS. Nabore e Felice Cass. 1/5696 

Nr. 3 zu 1234. 

104. Gaudenzi 79 Nr. 47; 86 Nr. 62. 

105. Tamassia in AMR. 3, 12; 79. 

106. Vgl. darüber später. 

107. Gaudenzi 98 Nr. 85; 75 Nr. 38; vgl. auch Schaube 715. 

108. Gaudenzi 62 Nr. 3; 66 Nr. 14; Frati Stat. 3, 181 f. 


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Geschlechter gehörten schon im dreizehnten Jahrhundert 
die Pepoli, die dann später bis zur Signorie aufsteigen 
sollten. Mehrfach gab es in derselben Familie neben den 
campsores auch mercatores. Denn zwischen den Berufen 
der Wechsler und Großkaufleute fehlte eine scharfe Grenze, 
wie auch die Zugehörigkeit zu einer Zunft die zur andern 
nicht ausschloß 109 . Ja, im politischen Leben traten die 
societates fast als eine Einheit auf. Darum aber kamen 
die campsores den mercatores an Bedeutung nicht gleich. 
Denn die Großkaufleute wagten sich allein von allen Bolo¬ 
gnesen auf den Weltmarkt hinaus. 

Auch bei den mercatores 110 gehörten mehrere, die meist 
untereinander verwandt waren, zu einer statio 111 . Solcher 
stationes gab es anfangs der siebziger Jahre sechsund¬ 
vierzig 112 . Auch bei ihnen vererbte sich der Beruf. So 
kennen wir eine Reihe von Kaufmannsfamilien, wie die 


109. Vgl. Gaudenzi 115 Nr. 2. 

110. Ihre Matrikel von etwa 1271 im St.-A. Bol. — Ihre 

Statuten (Gaudenzi 2, .113) sind vielleicht nur ein ungeordnetes 
Konzept. Nach meiner Meinung zerfallen sie in folgende Bestand¬ 
teile: 1. Aelterer Teil Nr. 1 — 27 (S. 133). 2. Bestimningen der 

im Oktober 1264 eingesetzten sapientes S. 136—145 Nr. 35. Es 
waren 8 oder 10 vorgesehen, nachher waren es nur 5. Diese er¬ 
wählten 2 domini, die ihr Amt bis zum 1. Januar (1265) und von 
da noch weitere sechs Monate führen sollten. 3. Die Anordnungen 
der zwei domini S. 145 Nr. 36—151 Nr. 43. 4. Vermutlich noch 
Bestimmungen der sub [Ü. genannten sapientes S. 151 Nr. 44 und 
45. 5. Verfügungen aus der Zeit der rectores, in denen ich Nach¬ 

folger der zwei domini sehen möchte S. 153 Nr. 46—154 Nr. 49 
(1274 wird ein rector mercadantie in St.-A. Bol. Memorial. Pauli 
Severi fo. 81 v erwähnt). 6. Verabredung mit den "Florentiner mer¬ 
catores von 1272, die dann aber wieder getilgt wurde S. 155 Nr. 50. 
Die Streichung des sich anschließenden Eides erachtete man wohl 
für überflüssig, weil die vorgesehenen Namen nicht eingetragen 
waren. — Dhs Ganze erhielt dann noch 1268—1272 überall Zusätze. 

111. Gaudenzi 116 Nr. 3. 

112. Vgl. die Matrikel. 


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Pavanesi, Magarotti und Principi. Sie besuchten die Bolo¬ 
gneser und fremden Messen 112 . Sie betrieben Geldgeschäfte 
und Warenhandel engros und endetail 114 . Zu ihren Waren 
gehörten Tuche verschiedenster Qualität, Art und Her¬ 
kunft, andere Produkte der Textilindustrie, Rauchwaren, 
Eisenwaren, Spezereien, Gewürze, Lebensmittel, kurz wohl 
alles, was der damalige Handelsverkehr auf den Markt 
brachte. Das wichtigste war das Tuchgeschäft 115 . Im Bolo¬ 
gneser Gebiet wurde für jede Tuchsorte ein bestimmtes Maß 
vorgeschrieben. Auch stellte die Zunft mensuratores und 
Makler an 116 . Die Kaufleute gingen Gesellschaftsverträge 
ein, bei denen beide Teilnehmer gleiche Summen ein¬ 
schossen und dann Gewinn und Verlust teilten. Der eine 
besorgte den Einkauf in Italien oder auch nördlich der 
Alpen, der andere den Verkauf im Bologneser Laden und 
auf den Jahresmessen 117 . Eine andere Form war das Dar¬ 
lehen gegen Gewinnanteil 118 . Schließlich ließen die merca- 
tores, ähnlich wie die factores pannorum lane, Tuche färben. 
Sie hielten dabei die Färber in gleicher Abhängigkeit, wie 
jene, gestatteten ihnen zwar, sich unter ministrales zu¬ 
sammenzuschließen, verboten aber jeden gegen die Inter¬ 
essen der Kaufmannschaft gerichteten Beschluß 118 . 

Die Bologneser mercatores haben nun eine eigenartige 
Entwicklung im zwölften und dreizehnten Jahrhundert 
durchgemacht. Lange scheinen sie über die Anfänge, die 


113. Gaudenzi 124 Nr. 14. 

114. Gaudenzi 121 Nr. 9. 

115. Gaudenzi 129 Nr. 19, 158 Nr. 52; vgl. auch 118 Nr. 4, 
122 Nr. 11, 124 Nr. 14, 128 Nr. 18; Schaube 749f.; St.-A. Bol. 
Lib. rerum div. Diritti de! Com. zum 6. Dezember 1251. 

116. Gaudenzi 118 Nr. 4, 124 Nr. 14, 135 Nr. 27. 

117. Rainerius de Perusio 60 Nr. 15. 

118. Rol. Passagerius 1, fo. 85 v und 86, entsprechendes Bei¬ 
spiel von 1266 im A. der Lambertini zu Poggio Renatico. 

119. Gaudenzi 125 Nr. 16, 128 Nr. 18; vgl. auch St.-A. Bol. 
Memorial. Thomasii de Quercis fo. 16 v zum 19. August 1269. 


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wir zur Zeit der Entstehung des Comune konstatieren 
konnten 130 , nicht erheblich hinausgekommen zu sein. Dann 
aber beteiligten sie sich an dem allgemeinen Aufschwung 
des Handelsverkehrs um die Jahrhundertwende in ganz 
hervorragendem Maße. Günstig wirkte dabei die politische 
Lage der Stadt. Nach außen die langsame Machtausdehnung 
ohne allzu gefährliche Konflikte mit der Reichsgewalt, im 
Innern eine gesicherte, aristokratische Herrschaft, die sich 
den Wünschen der mercatores und campsores nicht ver¬ 
schloß. Jetzt machten sich die wirtschaftlichen Vorteile, die 
die von allen Nationen des Abendlandes besuchte Universität 
Bologna verschaffte, besonders geltend. Pie Befriedigung 
der Lebens- und Luxusbedürfnisse der Scholaren boten Ge¬ 
legenheit zu gutem Absatz. Das Geldgeschäft mit ihnen 
brachte hohen Gewinn. Und die Bekanntschaft des Bolo¬ 
gneser Kaufmanns mit den fremden Studenten mußte ihm 
den Besuch ihrer Heimat erleichtern. 

In den siebziger Jahren des zwölften Jahrhunderts 
finden wir die mercatores Bolognas in der Mark Ancona 
und in Apulien 131 , wenig später in Rom, einem Mittelpunkt 
des damaligen Geldverkehrs. Sie behaupteten sich dort bis 
tief ins folgende Jahrhundert hinein und beteiligten sich 
an den Anleihegeschäften mit den geldbedürftigen Geistlichen 
aus Deutschland, Frankreich und England 123 . 1198 war 
Bologna ein so bedeutender Finanzplatz, daß das Ravennater 
Comune dort eine Anleihe unterzubringen suchte 123 . Anfangs 
der neunziger Jahre zogen die Bolognesen den Po aufwärts 
nach Frankreich 124 . Sie besuchten die zu immer steigender 


120. Vgl. oben S. 58. 

121. Vgl. den oben S. 111 Anm. 9 erwähnten Vertrag zwischen 
Bologna und Ravenna. 

122. Schaube 394, 348 und 88, 348 und 64, 436; Giraldi 
Cambrensis Opera 3, 240, 286, 289ff.; N. A. 31, 627f.; Arch. f. 
österr. Geschichtsquellen 21, 207 Nr. 107. 

123. Sav. Nr. 320 Erzbisch.-A. Ravenna Caps. F Nr. 1957. 

124. Schaube 348. 


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Bedeutung gelangenden Messen der Champagne. Sie kamen 
in solcher Zahl, daß der Graf von Savoyen sich veranlaßt 
sah, ihnen einen Vorzugszoll zu gewähren 185 . Auch ver¬ 
säumten sie nicht, das wichtige Genua aufzusuchen 186 . Za 
gleicher Zeit gingen sie häufig nach England 187 . Die Bolo¬ 
gneser Händler mit englischen und französischen Textil¬ 
produkten schlossen sich zu besonderen Verbänden unter 
Konsuln zusammen 188 . Dann betrieben sie Geldgeschäfte mit 
den deutschen weltlichen und geistlichen Fürsten 189 . Als 
eine Art Höhepunkt kann man ihre Anteilnahme an den von 
Honorius UI. veranstalteten Sammlungen der Kreuzzugs¬ 
gelder betrachten. Der mit der Leitung beauftragte Kardinal 
von Ostia weilte auffallend lange am Reno 130 , ein Teil der 
eingegangenen Beträge wurde in dortigen Kirchen deponiert, 
und Bologneser Kaufleute besorgten zusammen mit Sieneser 
die Uebermittlung der Gelder nach Rom 131 und schossen 
dem Kölner Erzbischof zur Entrichtung des Zwanzigsten 
eine Summe vor 138 . 

Ein verändertes Bild zeigt die zweite Hälfte des drei¬ 
zehnten Jahrhunderts. Wohl betrieben die Bologneser mer- 
catores noch weiter Geldgeschäfte mit den Scholaren 133 , mit 


125. Schaube 346; Biblioteca Subalpina 8, 101 Nr. 76. 

126. Vgl. St.-A. Boi. Reg. grosso 1, fo. 442 v zu 1222. 

127. Schaube 401 f. 

128. Schaube 349, 379 f. 

129. Schaube 348 und 88, 348 und 64; vgl. auch die Bologneser 
mercatores bewilligten Represalien gegen den Herzog von Oester¬ 
reich, den Erzbischof von Salzburg und den Grafen von Champagne 
in St.-A. Bol. Podesta Sentenze in pergam. zu 1230 und 33. 

130. Vgl. oben S. 181. 

131. Vgl. B.-F. 12797, 12804, 6475 und 76; Registro dell* 
Ugolino d'Ostia 133 f. Nr. 106 und 107; auch Gottlob Die päpst¬ 
lichen Kreuzzugssteuem 181 und 189, 241 f.; Pressutti Regesta 
Honorii III. Nr. 2710; Schaube 348. 

132. Knipping Die Regesten der Erzbischöfe von Köln 3, 1, 
64 Nr. 362, 376, auch 343. 

133. Rol. Passagerius 1, fo. 82v; Sav. Nr. 749 = Urk. Buch der 


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Comunen, geistlichen und weltlichen Großen 134 , wohl be¬ 
suchten sie nach wie vor die Messen der Champagne und 
England 136 und waren 1278 bei dem bekannten Abkommen 
des französischen Königs mit der Gemeinschaft der lom- 
bardisch-toscanischen Kaufleute durch zwei Konsuln ver¬ 
treten 136 . Auch beteiligten sie sich in dieser Periode an 
dem Transport und Verkauf der Salinenerträge Cervias 137 . 
Aber all’ das bedeutete wenig, verglichen mit dem Auf¬ 
schwung des toscanischen, besonders des Florentiner 
Handels, der damals den Weltmarkt eroberte. Die Kauf¬ 
mannschaft Bolognas erfreute sich nicht mehr ihrer ein¬ 
stigen Bedeutung, sondern hatte erhebliche Einbußen er¬ 
litten. Die Gründe für diesen Niedergang mögen ver¬ 
schiedener Art gewesen sein 138 . Seine Hauptursache glauben 
wir in dem Kampf der Stadt mit Friedrich II. vom Ende 


Stadt Zürich 4 NJr. 1315 = St.-A. Bol. Memorial, di Giacobino 
d’Aldrovandino 16. 36 v. 

134. Vgl. die Anleihe des Comune Ferrara in A. Vaticano 
zu Rom Arm. 46 Nr. 62 fo. 81 zu 1231; die gegen den Erzbischof 
Von Köln und den König von Böhmen bewilligten Represalien in 
St-A. Bol. Podesta Sentenze in pergam. zu 1258. Graf Robert von 
Flandern als Schuldner erwähnt in St.-A. Bol. Memorial. Jacobini 
Fabri fo. 99v zu 1268; das GomUne Imola in Stadt-A. Imola Mazzo 
3 Nr. 59 und 83 zu 1270 und 71; vgl. auch über die Testamentvoil- 
strecker des Bischofs Zoen von Avignon Sarti 2, 177; Potthast 18146, 
18276, 18574 und 75; Guiraud Registres d’Urbain IV. 2010 und Ca- 
mlral 184-88. 

135. Rol. Passagerius 1, fo. 82 v; St.-A. Boi. Memorial. Jacobini 
Fabri fo. 99 v zu 4268; Schaube in Vierteljahrs ehr. für Soz. und 
Wirtschgesch. 6, 63; vgl. auch Memorial, Spagnoli fo. 63 zu 1272; 
Jaoobi de Sulianis fo. 18 v zu 1274. 

136. Piton Les Lombards en France 221; Davidsohn Gesch. 
2, 2, 139; Forsch. 3 Nr. 99. 

137. St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 492 zu 1259; Podesta 
Lib. contractuum zu 1269 August 19; Sav. Nr. 761 St.-A. Venedig 
God. Trivisaneo f. 357. 

138. Vgl. Schaube 388. 


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der dreißiger bis Ende der vierziger Jahre sehen zu dürfen 130 . 
Denn allem Anschein nach wurde dabei vom Kaiser eine 
Handelssperre gegen Bologna durchgeführt 140 . Sie schnitt 
die Bolognesen nicht völlig vom internationalen Verkehr 
ab 141 . Aber kurz vor des Staufers Tode war es soweit ge¬ 
kommen, daß das Gerücht ging, die mercatores Bolognas 
und anderer Städte verlangten den Frieden mit der Reichs¬ 
gewalt wegen der Vernichtung ihres Handels 143 . Und man 
wird nicht bezweifeln können, daß die andern Kaufmann¬ 
schaften, voran die Florentiner, die Absperrung Bolognas 
nach Kräften ausnutzten. 

Aber nicht nur auf dem fremden Markt, in Bologna 
selbst drangen die Florentiner siegreich vor. So finden wir 
sie in den fünfziger Jahren als Gläubiger des Bologneser 
Comune 143 . Wohl besonders gegen sie richtete sich das 
von der Stadtregierung erlassene Verbot, daß Fremde in 
Bologna, außer auf den Jahresmessen, direkt an Fremde 
Waren verkauften oder Geldgeschäfte mit ihnen abschlossen 
— eine Maßregel, die aber in den sechziger Jahren auf¬ 
gehoben wurde 144 . Wohl in erster Reihe die Florentiner 
sollte die Abgabe von hundert sol. Bon. treffen, die der 
mit einem Bolognesen in Geschäftsgemeinschaft tretende 
Fremde zu zahlen hatte 1 Jr \ Die Gefahr steigerte sich für 


139. Vgl. auch Schaubes Bemerkung bezüglich Piacenzas 344. 

140. Vgl. B.-F. 3660; Davidsohn Gesell. 2, 1, 320; Schaube 
730; auch St.-A. Bol. IJfficio del sale Atli zu 1245. 

141. Vgl. Duvidsohn Forsch. 3 Nr. 23, 24 und 30; Gesch. 
2, 1, 270; Schaube 349, 378 und 391. 

142. B.-F. 3822 b. 

143. Sl.-A. Bol. Tesoreria Prccepla inassario von 1254 und 
55; Frali 3, 521 und 25. 

144. Gaudenzi Slat. 2, 74 Nr. 37; Frali Stat. 2, 250 (fehlt aber 
in den Kodices nach 1260); Gaudenzi 2, 132 Nr. 23, 135 Nr. 27; 
St.-A. Bol. Statuten der rnerciarii von 1256 (fehlt aber in denen 
von 1273). 

145. Frati 2, 130; Gaudenzi 2, 103 Nr. 4. 


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den Bologneser mercator, als 1264 die Florentiner Guelfen 
in großer Zahl an den Reno kamen 146 . Seit Oktober des 
Jahres betraute die Kaufmannschaft besondere Kommissionen 
mit der Hebung der eigenen Lage 147 . Diese suchten die 
Zahlungsfähigkeit der socii zu erhöhen 148 und wollten wieder 
den direkten Geschäftsverkehr zwischen Fremden ein* 
schränken 149 . 1268 wurde den forenses überhaupt jeder 
Detailhandel in Bologna, außer während der Jahresmessen, 
verboten 150 . Doch der erwünschte Erfolg muß ausgeblieben 
sein. Die am Reno weilenden Florentiner Kaufleute schlossen 
sich zu einer societas zusammen. 1272 versuchte die Bolo¬ 
gneser Zunft eine Einigung mit der fremden, die aber nicht 
zustande gekommen zu sein scheint 151 . Die bald danach 
ausbrechende Revolution verschlimmerte noch die Lage der 
mercatores Bolognas. 1279 spätestens sind die Florentiner 
als völlig selbständige Genossenschaft organisiert, die 
gar keine Verpflichtungen gegenüber der Bologneser Zunft 
übernahm, sich also auch wohl keiner geschäftlichen Be¬ 
schränkung mehr fügte 152 . Ungefähr in derselben Zeit gelang 
es den Florentinern einen Teil der Geldgeschäfte mit den 
in Bologna weilenden Scholaren an sich zu reißen 153 . In 
Summa, es war eine Niederlag? der Bologneser Kaufmann¬ 
schaft, wie sie schlimmer nicht gedacht werden kann. 

Es bleiben die iudices und die Notare. 

Die hohe Stellung, die die iudices innerhalb der Bürger¬ 
schaft einnahmen, erklärt sich einmal aus ihrer nahen Be- 


146. Vgl. darüber später. 

147. Gaudenzi 2, 136. 

148. Gaudenzi 2, 137, 142 Nr. 33, 151 Nr. 44, 152 Nr. 45. 

149. Gaudenzi 2, 143 Nr. 34. 

150. Gaudenzi 2, 122 Nr. 10. 

151. So erkläre ich mir die Tilgung von Gaudenzi 2, 155 Nr. 
50. Die Erklärung, die Alias I trattati oommerciali della republica 
Fiorentina 361 gibt, halte ich für weniger wahrscheinlich. 

152. Gaudenzi im Arch. stör. Ital. 5, 1, 3 ff. 

153. ' 'gl. darüber später. 


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Ziehung zur Hochschule, dann aus ihrer Bedeutung für das 
praktische Leben. Aber beim heutigen Stand der Forschung 
läßt sich die Tätigkeit der Rechtskundigen in Bologna noch 
nicht klar erkennen; ihr Verhältnis zu den älteren causidici, 
zu den doctores legum und den advocati bedarf noch der 
Untersuchung. Sozial rechneten sie eher zum Adel als zum 
Popolo. So findet sich ein erheblicher Prozentsatz von An¬ 
gehörigen der ersten Familien in ihrem Stande 154 . So nahmen 
sie auch am aristokratischen Stadtregiment teil. Von vorn¬ 
herein saßen iudices im städtischen consilium, und aus ihren 
Reihen wurden die iudices comunis, fast das wichtigste 
Kontingent der Beamtenschaft, entnommen 155 . Von der 
popolaren Zunftbildung hielten sie sich fern. Bis zur Mitte 
des dreizehnten Jahrhunderts hören wir überhaupt nichts 
von einer societas iudicum. Gleich nach 1250 scheinen sie 
eine Einigung mit den Notaren versucht zu haben 156 . Aber 
bald darauf muß wieder eine Trennung erfolgt sein. Sie 
bildeten von nun an eine eigene Genossenschaft unter 
Rectoren mit einer besonderen Matrikel 157 . Zur selben Zeit, 
d. h. seit der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre, schieden 
sie sich so scharf von den Popolaren, daß diese sie mit 
denselben Exklusivbestimmungen, wie die Magnaten, 
trafen 158 . 

Anders entwickelte sich die Haltung der Notare bei 
dem Gegensatz zwischen Geschlechtern und Volk. 

Es braucht hier nur kurz darauf hingewiesen zu werden, 
daß sich in Bologna, wie in den übrigen Teilen der Romagna, 


154. Ich nenne zum Beispiel: Arriverius de Carbonensibus, 
Bartolomeus de Ubertis, Gerardus Gislerii, Mixottus de Urxis, Ro- 
landinus Alberti Girardi Gislo. 

155. Vgl. darüber im folgenden Kapitel. 

156. Frati 2, 186 zu 1252. 

157. Frati 2, % zu 1259 ff, 3, 60 zu 1264 ff., 1, 119f. zu 1259 ff. 

158. Vgl. Frati 3, 387 und 400. In den siebziger Jahren wurde 
ein iudex aus de!r Matrikel der Leoni getilgt. 


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das altrcmische Institut der tabelliones lange erhielt, auch 
noch, als in Toscana und der Lombardei die notarii regis 
oder sacri palatii schon allgemein verbreitet waren. Erst 
gegen Ende des zwölften Jahrhunderts begann sich die 
Romagna dem übrigen Oberitalien zu assimilieren 159 . Die 
Notare waren vorwiegend Laien, zur Zeit der erhaltenen 
Stadtstatuten : wurden Kleriker als öffentliche Notare nicht 
geduldet 160 . Um die Befugnisse des Notars ausüben zu 
können, bedurfte es eines Ernennungsprivilegs, das die 
deutschen Herrscher, hohe Reichsbeamte und andere weit* 
liehe und geistliche Große zu erteilen pflegten 161 . Das 
Bologneser Comune übte sein Ernennungsrecht durch den 
Podesta, aber nur in ganz seltenen Fällen, verlieh auch 
die Berechtigung nicht allgemein, sondern nur für das eigene 
Herrschaftsgebiet 163 . Dafür verschaffte sich die Stadt¬ 
regierung eine andere Kontrolle über die Bologneser Notare. 
Seit 1219 gab es eine Kommission, die jeden, der als Notar 
zugelassen werden sollte, einem * Examen unterzog, sein 
Privileg prüfte und in eine Matrikel cintrug 163 . Diese Ein¬ 
richtung blieb bestehen, nur machte die Zusammensetzung 
der Prüfungsbehörde einige Wandlungen durch 164 . 

Die Zahl der Notare war erheblich. Zu 1219 finden wir 
in der Matrikel an dreihundert Namen; bis 1265 erfolgten 
in dieselbe über zweitausendsiebenhundert Eintragungen. 
Um so wichtiger war ihr Verhältnis zu den inneren Parteien. 
Lange gingen sic mit den iudices zusammen, begreiflicher- 


159. ßrcsslau Handbuch der Urkundcnlehrc 1, 138 f., 165. 469. 

160. Frati 2, 190. 

161. ßrcsslau 467 und 71; Ficker Forsch. 2, 75ff.; dazu Rai- 
uerius de Pcrusio 64 Nr. 39; die Matrikel der Notare im St.-A. 
Bol., teilweise gedruckt in Gäudenzi Stat. 2, 439. 

162. Rainerius de Pcrusio 65 Nr. 44 und die Matrikel. 

163. Gaudenzi 2, 439; dhzu Frati Stat. 2, 189; 3, 220 = 
3, 274. 

164. Vgl. die Matrikel und Frati Stat. 2, 185. 


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weise, denn durch Studium und Beruf standen sie ihnen sehr 
nahe, ja, nicht wenige gehörten — es sei nur an den Meister 
der Notariatskunst Rainerius Perusinus erinnert — zugleich 
dem Stande der iudices an. Sie wurden ebenso wenig; 
wie die iudices, von der städtischen Regierung zur Zeit 
der Qeschlechterherrschaft ausgeschlossen, saßen im Con¬ 
silium und stellten die notarii comunis 105 . Sie beteiligten 
sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht an der popolaren 
Erhebung von 1228. Erst seit 1246 können wir ihre societas 
mit acht Konsuln, von denen einer zugleich massarius war, 
und einem syndicus nachweisen 1CG . In den fünfziger Jahren 
erfolgte dann für kurze Zeit, wie schon hervorgehoben, eine 
Art Vereinigung mit den iudices. Dann schieden sich ihre 
Wege. Während letztere sich den Magnaten anschlossen, 
gingen die Notare zum Popolo über 107 . Um die Bedeutung 
dieses Vorgangs zu ermessen, muß man in Erwägung ziehen, 
daß das neue Element der Notare gerade in der Zeit in 
die Volksorganisation eintrat, da das bisher führende kauf¬ 
männische Gewerbe, die mercatores, in ständigem Nieder¬ 
gang begriffen waren. 


§ 2 . 

Landschaft. 

Einer der wichtigsten Unterschiede zwischen den 
italienischen iComunen und den deutschen Stadtrepubliken 
bestand darin, daß diese über ein viel größeres Territorium 
geboten als jene. Auf der abhängigen Landschaft beruhte 
ein wesentlicher Teil der militärischen und finanziellen Kraft 


165. Vgl. darüber im folgenden Kapitel. 

166. Frati 2, 185«.; 2, 180; 3, 220 = 3, 274 ; 3, 60; 3, 641; 
dazu die Matrikel; St.-A. Bol. Memorial. Symonis de Corvaria fo. 
23 zu 1274. 

167. Frati Stat. 3, 451 und 463. 


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der Städte Italiens. So herrschte auch Bologna über den 
ehemaligen Comitat und über die hinzugekommenen Lande, 
die unter dem Begriff districtus zusammengefaßt wurden 1 . 

Die Bewohner des Bologneser Gebiets, comitatini oder 
rustici genannt, betrieben in der Hauptsache Landwirtschaft. 
Gebäude, Gärten, Aecker, Wiesen, Vignen, Eichen- und 
Kastaniengehölz, ferner allerlei Vieh werden in ihren Estimi 
aufgeführt. Dazu kamen bei manchen Orten die Almende 
und die Gemeindemühlen 2 . Sie arbeiteten teils auf eigenem 
Besitz, teils auf gepachteten Ländereien. Die gebräuch¬ 
lichsten Pachtformen waren die Mezzadria 3 und die Em- 
phyteuse 4 . Recht üblich war die Viehleihe, namentlich die 
soccida 5 . Endlich machten sie auch Geldanleihen, wofür 
sie Zinsen in Naturalien zahlten 6 . Es waren geistliche Insti¬ 
tute und ländliche Adlige, besonders aber wohl Bologneser 
Bürger, zu denen die rustici in Pacht- oder Leihverhältnis 
traten. Und dieser wirtschaftlichen Abhängigkeit entsprach 
auch ihre politische Unterordnung. 

Wie auch sonst in Italien 7 waren am Reno die cives 


1. In den Quellen der Zeit werden die Begriffe episcopatus, 
eomitatus und districtus natürlich oft gleichbedeutend gebraucht zur 
Bezeichnung alles dessen, was nicht zur Hauptstadt gehört, oft aber 
auch sorgfältig unterschieden; vgl. z. B. Ffati 1, 293; Sav. Nr. 187; 
Frati 2, 32; Sav. N|r. 343 S., 236. Wiegen districtus vgl. auch 
Davidsohn Gesch. 2, 2, <491 f. und Monum. hist. Patriae 16, 921. 

2. Vgl. St-A. Bol. Estimi; auch Odofredus in AMR. 3, 12, 
363 Anm. 3. 

3. Vgl. Rainerius de Perusio 58 Nr. 7 und 8; Frati 2, 368; 
1, 135. 

4. Vgl. Rainerius de Perusio 56 Nr. 2; Frati 1, 435—38; 
3, 356, St.-A. Bol. Dem. S. Salvatore Cass. 56/2503 Nr. 5. 

5. Vgl. Rainerius de Perusio 59 Nr. 11 und 12; ferner St.-A. 
Bol. Estimi; auch Palmicri im Archivio giuridico 77, 425f. 

6. Vgl. St.-A. Bol. Estimi. 

7. Vgl. Salvemini in Publicazioni dell' Istituto di Studi superiori 
Sez. filos.-filol. 32, 31 ff. 


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die Regierenden, die comitatini die Regierten 8 . Die Trennung 
beider Gruppen wurde genau durchgeführt und durch Be¬ 
stimmungen dafür gesorgt, daß dem Comune die Leistungen 
der rustid nicht verloren gingen, 1246 letzteren sogar ver¬ 
boten, nach der Hauptstadt überzusiedeln und das Bürger¬ 
recht zu erwerben 9 . Die comunale Regierung bemühte sich 
um eine sorgfältige Einteilung der Landschaft in Gemeinden, 
die (dann mit ihren Behörden allen auferlegten Pflichten nach¬ 
zukommen hatten 10 . Auch wurde 1223 eine Kommission 
eingesetzt, die die Grafschaft in vier Bezirke zerlegte und 
jeden von ihnen einem der städtischen Quartiere angliederte. 
Das geschah damals zu militärischen Zwecken 11 . Aber 1235 
wurde diese Scheidung bei den für die collecta vorge¬ 
nommenen Estimi benutzt und bildete von nun an auch 
die Grundlage für die Verteilung aller Reallasten 19 . 

Die Landbewohner hatten das sacramentum sequimenti 
rusticorum zu beschwören, das ihre Pflichten gegenüber 
dem Bologneser Comune und der eigenen Gemeinde ent¬ 
hielt 13 . Sie mußten, wie die cives, Kriegsdienste verrichten 14 . 
Eine andere Gruppe von Leistungen bildeten die laboreria. 
Zu ihnen gehörten die Anlage und Erhaltung von Straßen, 
Wasserläufen und Brücken. Diese Arbeiten wurden in 
Bologna beschlossen und unter die Landgemeinden verteilt, 
deren Ortsbehörden dann die Einzelzuweisungen Vornahmen. 
Natürlich wurde keine eigene Arbeitsleistung verlangt, son- 


8, Der Unterschied zwischen cives und comitatini bestand 
schon seit den Anfängen des Qamune (vgl. Sav. Nr. 113 St.-A. 
Bol. Reg. grosso 1, fo. 12 v). 

9. Frati Stat. 1, 474; 1, 478; 1, 468, 1, 475. 

10. Frati 1, 217 und 468; 2 , 136; 3, 140 und 137. 

11. Sav. Nr. 545 St.-A. BoL Reg. grosso 1, fb. 450; vgl. 
dazu Frati 1, 490. 

12. Vgl. darüber später. 

13. Vgl. Frati 1, 299; 1, 238; Rot Passagerius 2, fb. 196; auch 
Frati 2, 136. In den Bologneser Bannlisten erscheinen sie unter der 
Rubrik: forenses. 

14. Frati 2, 21; 2 , 83; 2 , 85f.; 3 , 63. 


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dem nur die Stellung der nötigen Hilfskräfte. Als Regel 
galt, daß die Gemeinden heranzuziehen waren, denen die 
Anlage Nutzen brachte 15 . Danach könnte es scheinen, als 
.würden mit -dem laborerium den Comitatinen nur solche 
Aufgaben gestellt, die die dves innerhalb der contrate- 
Verbände zu leisten hatten. Aber in Wirklichkeit waren 
weniger die Wünsche der die Arbeit verrichtenden rustia 10 , 
als die Interessen der dekretierenden Stadtregierung ent¬ 
scheidend. Noch mehr trat der Unterschied zwischen Graf¬ 
schaftsleuten und dves bei den Steuern zutage. Ersteren 
allein wurden, wie noch an anderer Stelle auszuführen sein 
wird, die boateria, ferner besondere collecte auferlegt. Aber 
es gab einzelne Personen und Gemeinden, denen Bologna 
für bestimmte Zdträume Befreiung von diesen Auflagen 
gewährte, die man daher Exemte nannte 17 . Da sich Mi߬ 
stände ergeben hatten, wurde 1245 eine Behörde eingesetzt, 
der alle die Exemtion Beanspruchenden ihre vom Bolo¬ 
gneser Comune verliehenen Privilegien vorzulegen hatten. 
Sie wurden teils anerkannt, teils verworfen 18 . Zu alle dem 
kamen die Verpflegung der durchreisenden Stadtbeamten 19 , 
dann die zwangsweise Lieferung von Getreide an die Haupt- 


15. Fräti 2,,538; 1, 236; 2, 369; 2, 435 ; 2, 539 = 3, 312. 
Beispiele von 1233 im St.-A. Bol. Podesta Libri dei processi in 
pergam.; ferner Laboreium rami novi Reni in den Estimi; vgl. auch 
Frati 1, 162 f.; 2, 617 ff. (von den hier erwähnten Marksteinen haben 
sich einige erhalten; vgl. Frati in AMR. 3, 1, 225); 2, 353 ; 2, 351.- 

16. Vgl. Frati 2, 404. 

17. Vgl. St.-A. Bol. Estimi. 

18. Frati 1, 465 f.; Palmieri in AMR. 16, 319; ferner St.-A. 
Bol. Reg. nuovo fo. 178 ff., wo die Exemtionen von Baratinö (bei 
S. Martino in Argine) und Altedo noch anerkannt, dagegen die von 
Piderla (südwestlich von Camugnano), Monteliuzzo (einst im Frig- 
nano), Anzola dell’ ümilia und Savignano (am Reno) verworfen 
wurden. 

19. Frati 3, 163; 3, 179; 1, 28; 3. 360. 


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stadt zu festgesetzten Preisen — eine Last, die der Bolo¬ 
gneser und Imdleser Grafschaft in den sechziger Jahren 
häufig aufgebürdet wurde 80 —, endlich die Gesamthaftung 
für die in der Landschaft vorgekommenen Schädigungen 81 . 

Aus der Masse der Geschäftsleute erhoben sich als 
ein besonderer Stand die ländlichen Adligen, die nobiles. 
Während des ersten Jahrhunderts seines Bestehens hatte 
das Bologneser Comune im Kampf mit ihnen und ihren 
Ordnungen den Comitat unterworfen. Aber auch dann noch 
erkannte es die auf der' adligen Geburt beruhende Stellung 
der nobiles an 88 .' Die Scheidung von capitanei und val- 
vassores 83 , die Landverleihung secundum consuetudinem 
regni et civitatis Bon. oder secundum capitula que de feudis 
et vasallis sint constituta 84 wurde hier noch häufig erwähnt. 
1249 lassen sich fast achthundert nobiles nach weisen, dar¬ 
unter die Grafen von Casalecchio (bei Castel S. Pietro), 
von Panico, von Amola und von Montarsigo 83 . Ihr Vorrecht 
bestand in der Befreiung von der boateria, den collecte 
und anderen öffentlichen Lasten, wie sie den gewöhnlichen 
Comitatinen auferlegt Wurden. Für sie und die oben er¬ 
wähnten exempti gab es besondere Estimi und besondere 
collecte 86 . Zu den laboreria aber wurden sie mit heran- 


20. Vgl Stadt.-A. Imola Mazzo 13 Nr. 3 zu 1262 oder 64; 
Mazzo 3 Nr. 21 und 24 zu 1269; St.-A. Bol. Anziani Provision! e 
Riformaztoni zu 1265; Memorial. Johannis Christiani fo. 6 zu 1266. 

21. Vgl. Frati 4, 287; 3, 321; 3, 382; dazu Mayer 2, 575 f. 

22. Frati 1, 472. 

23. Vgl. Frati 1, 239; 3, 616; auch 3, 142. 

24. St-A. Bol. Dem. S. Salvatorc Cass. 140/2593 Nr. 3 zu 
1204 ; 276/5158, fo. 1 zu 1209; S. Stefano 22/958 Nr. 12 und 41 
zu 1231 und 38; Atti di Monasteri S. Maria in Strata zu 1214. — 
Ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis muß die amidtia gewesen 
sein; vgl. Frati 2, 196; 2, 199; Gaudenzi Stat. 2, 506; Urk. im 
A. Lambertini zu Poggio Renatico zu 1228; St.-A. Bol. Estimi von 
Bagno zu 1235. 

25. St.-A. Bol. Estimi. 

26. Vgl. darüber später. 


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gezogen 87 . Ihre vornehmste Pflicht war, dem Comune als 
Ritter zu dienen 88 . Rechtlich unterschied sich diese ländliche 
Nobiiität von den in der Hauptstadt wohnenden aristokra¬ 
tischen Familien — so war sie nur durch zwanzig Mit¬ 
glieder im consilium spedale und durch vier milites iustitie 
in der comunalen Regierung vertreten 89 —, aber bei den 
Kämpfen, die zur Revolution von 1274 führten, bildeten die 
Magnaten außerhalb und innerhalb der Stadtmauern gegen¬ 
über dem Popolo eine Einheit 

Wie dieser Geburtsadel, so war auch die Hörigkeit und 
Sklaverei 30 aus der feudalen Epoche in die comunale über¬ 
nommen worden. Wir finden in Bologna Unfreie in einer 
Reihe von Abstufungen mit wohl nicht ganz scharfen Ueber- 
gängen 31 . Am tiefsten standen die servi. Sie besaßen dem 
Comune gegenüber weder Rechte noch Pflichten, waren 
nur der städtischen Gerichtsbarkeit unterworfen 38 . Ihnen 
zuzurechnen sind auch die homines maxenate 33 , doch nahmen 


27. Frati Stat. 2, 538. 

28. Vgl. Sav. Nr. 543 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo, 446 v. 
ln den Estimi von Bargi zu 1235 wird der Begriff nobilis und rniles 
ganz gleichbedeutend gebraucht; vgl auch Frati 1, 472 ; 2, 83; 
dann die auf die Gesetzgebung von 1239 (vgl. oben S. 216 Anm. 144) 
zurückgehenden Statuten 1, 471 und 476, die wenig verständlich 
sind, besonders auch die Frage offen lassen, ob comitatini, die dem 
Comune als Reiter dienten, damit zu einer den nobües gleichen Stellung 
aufrückten. 

29. Frati 3, 64; 3, 28 =f 30 = 32. 

30. In der Hauptstadt wird beides nur selten vorgekommen seilt. 

31. Vgl. St-A. Bol. Dem. S. Stefano Cass. 20/956 Nr. 31 zu 
1223; Rainerius de Perus» 52 Nr. 109; das Privileg Heinrichs V. 
(oben S. 52 Anm. 1); auch Davidsohn Gesch. 1, 314. 

32. Frati 3, 126; 1, 489 (ein Beispiel dazu im Kodex der 
Estimi von 1249 bei Vidaglagola hn St-A. BoL); 1, 266; vgl. auch 
1, 226; 1, 480 (ein Beispiel dazu in Estimi von S. Johannes in Triario 
zu 1235). 

33. Vgl. den oben S. 187 Anm. 214 erwähnten Vertrag zwischen 
Bologna und Ferrara; St.-A. BoL Dem. SS. Leonardo e Orsola Cass. 


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sie schon eine höhere Stellung ein. So wurden sie von den 
ländlichen Ortsbehörden zum Gehorsamseid herangezogen 
und waren nicht mehr frei von allen öffentlichen Lasten 34 . 
Eine Gruppe für sich bildeten die manentes, ascripticii und 
arimanni. Bei allen dreien beruhte das Abhängigkeitsverhältnis 
auf einem Vertrag mit dem Herrn 35 . Die manentes 36 er¬ 
hielten von ihrem dominus Land geliehen und verpflichteten 
sich zu persönlichen Diensten, Naturalleistungen und Geld¬ 
zahlungen 37 . Die Lage der ascripticii muß der eben be¬ 
schriebenen ganz ähnlich gewesen sein 38 . Auch die arimanni 
empfingen ein Gut und leisteten servitia dafür, scheinen 
aber das mit dem Herrn eingegangene Verhältnis leicht 
haben lösen zu können 39 . Diese Gruppe isttiun,^m Gegensatz 
zu den servi und homines maxenate, nirgends als steuerfrei 
erwähnt. Sie werden also von dem Comune ganz wie die 
übrigen comitatini behandelt worden sein 40 . 

Lange änderte das Bologneser Comune nichts an diesen 
Zuständen. Es ließ eip der Lösung von der Sklaverei un¬ 
günstiges Gesetz aus dem Jahre 1209 fortbestehen 41 und 
erleichterte nur die Aufnahme der manentes, ascripticii und 


10/3252 Nr. 5 zu 1243; Liber iuramentorum fo. 215 zu 1244; auch 
Mayer 1, 176 ff. 

34. Frati 1, 480; vgl. auch Sav. Nr. 184 St.-A. Bol. Reg. grosso 

1, fo. 22. 

35. Frati 1, 484 = 1, 487; vgl. auch Sav. Nr. 258 Reg. grosso 
1, fo. 45 v. 

36. Vgl. auch Mayer 1, 181 f. 

37. Frati 1, 487 = 1, 481; St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 401 
zu 1221; Rainerius de Perusio 52 Nr. 110. 

38. Vgl. Frati 1, 484 f. = 487; auch Mayer 1, 152 f. 

39. Frati 1, 489 = 1, 488; St.-A. Bol. Liber iuramentorum fo. 
125 zu 1244. 

40. Sie sind meiner Meinung nach die fumantes, die in den 
Estimi von 1235 ff. (St.-A. Bol.) von den als Aktiva angegebenen 
Summen abziehen, was sie geistlichen und weltlichen Herren für 
empfangenes Gut an redditus und servitia zu leisten haben. 

41. Frati 1, 489. 


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arimanni in die Bürgerschaft 4 -. Erst als die Popolaren zur 
vollen Herrschaft gelangt waren, entschloß man sich 1256 
zur radikalen Aufhebung der Unfreiheit. Ob dabei fremde 
Vorbilder mitgewirkt haben, mag dahingestellt bleiben 43 . 
Die moralischen Erwägungen, mit denen die Gesetzgebung 
eingeleitet wurde 44 , waren sicherlich keine leeren Phrasen. 
Aber die entscheidenden Gründe waren politischer Art. Das 
Volk schwächte die Stellung der Magnaten durch Entziehung 
der von ihnen abhängigen Unfreien und vermehrte die staat¬ 
lichen Einkünfte durch Erhöhung der Zahl der Comitatinen 45 . 
Einfach war die Beseitigung der manentes, ascripticii und 
arimanni. Das Cingehen eines solchen Verhältnisses wurde 
für die Zukunft verboten 415 . Bei den servi und homines 
maxenate war ein Freikauf nötig. Das Comune zahlte für 
den Unfreien über vierzehn Jahren zehn, für einen jüngeren 
acht lib. Bon. Die so Befreiten mußten das peculium, das 
ihnen bisher gestattete Sondergut, ihrem ehemaligen Herrn 
zurückgeben 47 . Sie wurden in die Estimi-Listen eingetragen 
und übernahmen die öffentlichen Lasten 48 . Vermutlich aber 
.wurden sie den Comitatinen nicht völlig gleichgestellt, auch 
nicht in die ländlichen Gemeinden aufgenommen; sondern 
man scheint für sie eine besondere Organisation im Districte, 
die potestarie de sacco, eingerichtet zu haben, die von jähr- 


42. Frati 1, 486 ff. = 1, 487 f. 

43. Vgl. Gaudenzi im Annuario 1900/1, 174. 

44. Ghirardacd 1, 194. 

45. Vgl. Santini im Archiv, slor. Hai. 4, 17, 187; Salvemini 
in Publicazioni dell' Istituto di Studi superiori Sez. filos.-filol. 
32, 31 f. 

46. Frati 1, 483, 87 und 88. 

47. St.-A. Bol. Reg. nuovo fo. 359, 364 v, 360 (= Frati 3, 346 
= Chart. Nr. 64), 367, 363 v (= Frati 3, 348 = Sarti 2, 49); Frati 
1, 482 ff. 

48. Daher wohl die vielen Zusätze im Estimikodex von 1249 
im St.-A. Bol. 


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lieh im Amte wechselnden Bolognesen geleitet wurden 49 . 
Gegen sechstausend erlangten so die Freiheit 50 . Aber nichts 
geschah von seiten des Comtyie, um ihnen die Schaffung 
einer wirtschaftlichen Existenz zu erleichtern, ja man hatte 
ihnen das peculium entzogen, <täs sie anderswo behalten 
durften 51 . Sie mußten also ganz von vorn als Tagelöhner 
oder Pächter anfang|en. Trotz alledem 'fehlt jeder Anhalts¬ 
punkt für die Annahme, daß die Gesetzgebung von 1256 
nicht verwirklicht worden wäre 52 . Ein Rückschritt zur Un¬ 
freiheit trat wohl erst bei den Wirren der siebziger Jahre 
ein 53 . 

Aeußerst gering waren die den Comitatinen gelassenen 
Rechte. Sie durften vierzig Vertreter ins Bologneser Con¬ 
silium generale senden 54 , ferner zur Erledigung ihrer inneren 
Angelegenheiten eigene Ortsbehörden erwählen. Man könnte 
die Landgemeinden, ihrer Bedeutung und ihrer Aufgabe nach, 
mit den contrate-Verbänden vergleichen, wenn nicht der 
Unterschied zwischen Stadt und Landschaft, zwischen dves 
und comitatini zu erheblich wäre. Die terre comitatus 
setzten sich aus den nobiles und den öffentliche Lasten 


49. Cron. di Bol. 268; vgl. Frati 1, 469 und 3, 57; St-A. Bol. 

Podesta Liber contractuum (zu 1*273 August 14; Oiudice dei dazi 

Affitti zu 1275 November 27; Podesta Liber forensium bannitorum 
von 1270; Stadt-A. Imbla Mazzo 3 Nr. 73. r— Alles bleibt aber 
no.' Vermutung. Auch möchte ich dahingestellt sein lassen, ob 
dies! Einrichtung mit den im selben Jahre nach Bologna ge* 
konuuenen Frati de’ sacchi (Cron. di Bol. 267, Villola.zu 1256) 
irgendwie zusammenhängt. 

50. St.-A. Bol. Paradiso; Frati Stat. 1, 481 Anm. a. 

51„ Vgl. Ficker Forsch. 4, 168 Nr. 126; auch Santini im 

Archiv, stör. Ital. 4, 17, 186 und 88. 

52. Das ergibt auch nicht das von Palmieri im Archivio giuridico 
77, 423 angeführte Beispiel. 

53. Vgl. Ordinamenti sacrati ed. Gaudenzi in Monumenti istorid 
di Romagna, 1. Statuti 53; Davidsohn Qesch. 2, 2, 358; Palmieri in; 
AMR. 3, 25, 536 und im Archivio giuridico 77, 416 ff. 

54. Frati Stat. 3, 65. 


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tragenden rustici zusammen 55 . Sie besaßen in der Regel 
eine allgemeine contio, seltener ein kleineres consilium. ln 
der zweiten Hälfte des zwölften und zu Beginn des folgen* 
den Jahrhunderts bestand wohl überall die Konsular¬ 
verfassung. Gleich nach 1200 aber bürgerte sich langsam 
die Gewohnheit ein, immer einen Bolognesen als Podesta 
zu berufen und ih!m einen Einheimischen als massarius zur 
Seite zu stellen 56 . 

Um die Jahrhundertwende scheint sich die haupt¬ 
städtische Regierung mit dem Recht, die ländlichen Be¬ 
hörden zu bestätigen, begnügt zu haben 57 . Später gab es 
für alle potestates, consules und massarii einen von Bolo¬ 
gna vorgeschriebenen Amtseid, der zum Gehorsam gegen 
den Bologneser Podesta und zur Befolgung der Bologneser 
und eigenen Statuten verpflichtete 58 . In der Not der 
vierziger Jahre, da alle Kräfte zur Verteidigung gegen die 

55. Vgl. Frati 3, 150. 

55. Ich verzichte darauf, die einzelnen gedruckten und unge¬ 
druckten Belege zu geben. — Als Beispiel sei S. Giovanni in Persi- 
ceto angeführt, das aber aus noch zu erörternden Gründen mehr 
Selbständigkeit bewahrte, als das Gros der Landgemeinden. Im jahrei 
1132, als Lothar III. 'den Persieetanem ein Privileg verlieh (vgl. 
oben S. 69 Anm. 82), hören wir noch nichts von einer Organisation. 
Erst zu 1170 finden sich consules und comune (Sav. Nr. 206 Stadt-A. 
S. Giovanni i. P.). Aus dem 13. Jahrhundert kennen wir cfcn 
Podesta, meist einen Bolognesen, den massar, das consilium und 
die contio (Urkunden im Stadt-A. S. Giovanni i. P. zu 1215, 22, 46 
und 66; dazu Sarti 2, 42). Aus dem Jahre 1268 haben sich die Akten 
des notarius comunis erhalten (benutzt in Rol. Passagerius 2, fo. 
196 f.). Danach wurde in der contio dem Bologneser Podesta und 
den eigenen Behörden Gehorsam geschworen, wie es die Statuten 
von Bologna und S*. Güotvanni verlangten, wurden ebendort die 
nötigen Ausgaben beschlossen und vom massarius Rechenschaft ge¬ 
fordert. Im folgenden Jahre machten sich auch popolare Regungen 
geltend; so iäßt sich ein consilium populi nachweisen (St.-A. Bol. 
Memorial. Semprebenis de Nigro fo. 52 f. und 56 v). 

57. Vgl. Sav. Nr. 328 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 76 v. 

58. Frati Stat. 1, 234ff.; vgl. auch 2, 84. 


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kaiserliche Machtstellung angespannt wurden-™, entschloß 
man sich zu einer weiteren Beschneidung der Selbständig¬ 
keit der Landgemeinden 00 . Die Ortschaften, die über fünfzig 
Feuerstellen zählten, verloren das freie Wahlrecht. Ihre 
Podestas wurden in Bologna, wie andere officiales comunis, 
in einem besonderen Wahlgang gewählt 61 . Die kleineren 
Gemeinden behielten noch die eig<ene Wahl, durften sich 
auch entscheiden, ob sie Podestas oder Konsuln vorzogen 63 . 
Das Gehalt für alle Podestas wurde in bestimmten Getreide¬ 
lieferungen festgesetzt 63 . 1251 trat dann folgende Ver¬ 
schärfung ein: Die terre comitatus mit weniger als fünfzig 
Feuerstellen wurden gleichfalls des Wahlrechts beraubt. Sie 
wurden zu größeren Einheiten von mindestens hundert 
fumantes zusammengelegt und für diese dann Podestas ge- 
(wählt, genau wie vorher schon für die größeren Land¬ 
gemeinden 64 . Wie es in der Folgezeit gehandhabt wurde, 
läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen 65 . Wir nehmen an, 
daß man an der Ordnung von 1251 festhielt 66 . Ist diese 


59. Vgl. oben S. 226. 

60. Die Statuten gehören ganz oder teilweise ins Jahr 1246; 
vgl. Frati 3, 62. 

61. Frati 3, 142—44 ; 3, 353 ; 3, 66. 

62. Frati 3, 147; 3, 150; 3, 142. 

63. Frati 3, 148. 

64. Frati 3, 144 zu 1252. 

65. Die Unsicherheit kommt daher, daß 1252 (vgl. oben S. 
257 Anm. 128) den ländlichen Podestas des nächsten Jahres das in 
Getreide bestehende Gehalt entzogen wurde. Darum fehlen die in 
Betracht kommendein Statuten im Kodex von 1252 teilweise, teilweise 
sind sie nachträglich getilgt. In den folgenden Kodices fehlen 
sie ganz. 

66. Dafür sprechen Frati 3, 228 Nr. 106 d; 3, 354 Nr. 104; 3, 
388 Nr. 125 m; 3, .148; 3, 66; ferner der Umstand, daß wir für 
1270 (St.-A. Bol. Podesta Sentenze in pergam.) den gemeinsamen 
aus Bologna stammenden Podesta von Lisernä— Rodiano—Sanguo- 
neda—Prunarolo—Carviano kennen, also fünf Orten, die damals zu¬ 
sammen wenig mehr als 100 fumiantes zählten (das läßt sich mit 


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Vermutung richtig, dann verblieben den Landgemeinden zur 
freien Wahl nur die massarii oder Schatzmeister 67 und die 
lokalen suprastantes stratis et aquis, von denen noch gleich 
die Rede sein wird. Dazu kamen die saltuarii oder Feld¬ 
hüter 68 , die im District dieselben Aufgaben zu erfüllen hatten, 
wie in der Hauptstadt die saltuarii der contrate 69 . Sie wurden 
von den Lokalbehörden eingesetzt und von den Gemeinden 
besoldet. 

Das Bologneser Comune begnügte sich aber nicht damit, 
die ländliche Selbstverwaltung in jeder Weise zu be¬ 
schränken; sie schuf auch noch zwei besondere Behörden 
für den District. 

Zuerst die suprastantes stratis et aquis 70 . Es waren ihrer 
zwei, gewählt wie alle officiales comunis 71 und mit einem 
festen Gehalt ausgestattet 73 . Jedem von ihnen waren zwei 
Quartiere des Comitats unterstellt 73 . Sie leiteten alle Straßen- 
und Wasserbauten und verfügten über eine begrenzte Straf- 


Hilfe anderer Dokumente genau fcststellen). Gegen meine Annahme 
spricht das Fehlen der eigentlichen Statuten über den Wahlmodus 
in den Kodices von 1259—67, ferner Frati 3, 149 Nr. 68 und 1, 
237 Z. 5, die eigene Wahl der Landgemeinden zur Voraussetzung 
haben. 

67. Vgl. auch Frati 3, 381; 2, 136t 

68. Vgl. Sav. Nr. 544 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo, 447 v; 
dazu Davidsohn in der Histor, Vierteljahrsschrift 3, 6; Palmieri in 
AMR. 3, 16, 285. 

69. Vgl. Frati 3, 130; 3, 381; 1, 238; 2, 130; 3. 134; 1, 292 ; 3. 138; 
3, 136; 3, 637; Rol. Passagerius 2, fo. 196 v; St.-A. Bol. Podesta Sen- 
tenze von 1254 und 56: Palmieri in AMR. 3, 22, 408 f. — Ueber den 
aquarolus der Landgemeinden vgl. Frati 1,270; 2,353 ; 2,538 ; 2,011. 

70. Zuerst 1233 erwähnt in St.-A. Bol. Podesta Libri dei 
processi in pergam. 

71. Frati 3, 39 = 40 = 35 = 33. 

72. Frati 3, 158 = 156 = 154. 

73. Vgl. St.-A. Bol. Dem. S. Francesco Cass. 8/4140 Nr. 5 
zu 1260. 


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gewalt 74 . Neben ihnen hatten die einzelnen Landgemeinden 
noch besondere suprastantes 76 . Dann die potestates 
montanee. 

Wir wissen schon, daß die Einsetzung eines solchen 
Beamten spätestens 1205, in Zusammenhang mit den 
Kämpfen gegen Pistoja erfolgte 76 . Sein Amtsbezirk umfaßte 
das ganze südliche Qebirgsland zwischen der Savena und 
der Modeneser Grenze und reichte nördlich bis zu einer 
Linie, die etwa yon Lojano über Monzuno, dann unterhalb 
Carvianos vorbeilief. Der an der Spitze stehende Podesta 
hatte einen eigenen iudex und einen Notar. Ihre Residenz 
war erst Vigo (östlich Her Limentra), dann spätestens seit 
1219 Casio 77 . Als um 1230 gegen Modena die Festen Castel 
Leone und Belvedere gebaut wurden 78 , da zerlegte man 
die Podesterie in zwei Teile, die djer Reno trennte. Der 
östliche behielt als Hauptstadt Casio, die Beamten des west¬ 
lichen Bezirks residierten in den beiden neuen Kastellen 79 . 
Eine Erweiterung erfolgte noch, da gegen das kaiserliche 
Florenz 1246 Scaricalasino befestigt wurde 80 . Die Burg 
machte man zum Mittelpunkt einer neuen Podesterie, die 
die Gebirgslande südlich von Livergnano zwischen Savena 
und Sillaro umfaßte und dieselbe Organisation, wie die beiden 
älteren, erhielt 81 . 


74. Vgl. Frati 11, 159 ff. und Einzelbeispiele im Liber 9 der 
Stadtstatuten. 

75. Vgl. Frati 1, 236 und 1, 40. 

76. Vgl. oben S. 159. 

77. Vgl. Sav. Nr. 367, 396. 404, 478, 502, alles aus Reg. 
gtosso 1 im St.-A. Bol.; dazu Lib. censuum Nr. 91; ferner Palmieri 
in AMR. 3, 16, 290. Die genaue geographische Begrenzung er¬ 
möglicht Sav. Nr. 545 Reg. grosso 1, fo. 450. 

78. Vgl. oben S. 199. 

79. Frati 3, 47, zuerst erwähnt 1233 in St.-A. Bol. Podesta 
Libri dei processi in pergam. 

80. Vgl. eben S. 227. 

81. Frati 3, 49; vgl. Oaudenzi Stat. 2, 529 Nr. 64. Zur geographi- 


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Nach den uns überlieferten Stadtstatuten wurden die 
genannten Beamten der drei Podesterieen wie officiales comu- 
nis gewählt und besoldet 88 . Anfangs mögen ihre Aufgaben 
jwesentlich militärischer Art gewesen sein, später waren sie 
vorwiegend Verwaltungsbeamte, bildeten eine Zwischen¬ 
instanz zwischen den Bologneser Behörden und dep ein¬ 
zelnen Landgemeinden 83 und hatten einige besondere Kom¬ 
petenzen, die in andern Teilen des Comitats den Beamten 
der Hauptstadt zustanden. So leiteten sie die Erhebung der 
von den Bewohnern ihres Bezirks nach Bologna zu zahlenden 
Gelder 84 , übten ferner gerichtliche Befugnisse, auch in 
Kriminalfällen 85 , die aber vor 1259 zugunsten des Bologneser 
Podesta beschränkt wurden 86 , führten die Listen ihrer banniti 
pro debito und pro maleficio 87 und besaßen endlich auch 
die freiwillige Gerichtsbarkeit 88 . 

Dieses Verwaftungssystem muß sich bewährt haben, 
denn es gelangte noch mehrfach zur Verwendung. So bei 
der Anfang der vierziger Jahre besetzten 89 Mathildinischen 
Enklave Medicina. 1245 finden wir dort einen solchen 
Podesta mit einem iudex und einem Notar 90 . Dann drei 
Jahre später bei der bis dahin kaiserlichen Grafschaft Imota. 
Wie schon früher hervorgehoben ist 91 , wurden die Bewohner 


sehen Feststellung aller drei Bezirke dienen auch die gleich zu er¬ 
wähnenden Bannlisten; vgl. auch St-A. Bol. Memorial. Juliani Vitalis 
fo. 24 zu 1272. 

82. Frati 3, 22-33 ; 3, 323; 3, 153—6. 

83. Vgl. ihren Amtseid Frati 1, 123. 

84. Frati 1, 125; 3, 195. 

85. Frati l, 124. 

86. Frati 1, 324. 

87. Frati 1, 33; 1, 128. Von solchen Listen haben sich mehrere 

im St.-A. Bol. erhalten. 

88. Frati 1, 392, Beispiel in AMR. 3, 16, 326. 

89. Vgl. oben S. 227. 

90. Frati 3, 31 = 33; dazu ihre Bannlisten von 1245 ab und 
Verzeichnisse ihrer condempnationes im St.-A. Bol. 

91. Vgl. oben S. 236; Frati 1, 505; 3, 343. 


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dieses Gebiets von nun an genau wie die Bologneser comi- 
tatini behandelt. Sie mußten dieselben Pflichten über¬ 
nehmen 92 , und die Wahl ihrer Ortsbehörden wurde nach dem 
bei den terre comitatus Bononiensis üblichen Modus ge¬ 
regelt 93 . Mit der obersten Verwaltung betraute man zwei 
Podestas, von denen der eine in Lugo, der andere in 
Tossignano residierte. Ihre Befugnisse waren die gleichen, 
wie die der potestates montanee, und ihre Wahl erfolgte, 
genau wie bei jenen, in Bologna 94 . 

Wir können die sechs Podesterieen als die Klammern 
bezeichnen, mit denen Bologna die zuletzt erworbenen Teile 
des Districts an das ältere Territorium anfügte. 


92. Vgl. z. B. Frati 1, 215 ff. (schon zu 1251 kennen wir eine 
dort aufgelegte oollecta; St.-A. Bol. Tesoreria Entrate e Spese); 
3, 337; auch oben S. 307 Anm. 20. 

93. Frati 3, 63; 3, 388; Gaudenzi Stat. 2, 528 Nr. 64. 

94. Vgl. Frati 1, 33, 119, 123 ff., 392; 3, 51, 153, 323; ferner 
ihre Basuilisten und die Verzeichnisse ihrer condempnationes im 
St.-A. Bol. 


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II. Kapitel. 

Stadtverfassung. 

§ 1 . 

Entwicklungsgang. 

Die Organisation des jungen Bologneser Comune 
können wir uns nicht einfach genug vorstellen. Die Bürger¬ 
schaft in ihrer Gesamtheit beschloß die politischen und ge¬ 
richtlichen Angelegenheiten 1 2 * * * * * und kannte als Beamte nur die 
Konsuln 8 . 

Erst der Konflikt der Stadt mit der wieder erstarkten 
Reichsgewalt veranlaßte eine weitere Ausgestaltung der 
Verfassung. Die kaiserfeindlichen Geschlechter, die nach 
Friedrich Barbarossas erstem Römerzuge 1156. ans Ruder 
kamen, suchten die Aktionsfähigkeit der Regierung für den 
bevorstehenden Kampf mit dem Staufer zu erhöhen, einmal 
durch Teilung der Legislative, dann durch Entlastung des 
Konsulnamts. 


1. Vgl. Sav. Nr. 109, 113 und 142 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, 
fo. 12, 12v und 16; dazu Ficker Forsch. 3, 382 und 394; auch 
Mayer 2, 529. 

2. Vgl. oben S. 54 und 88. — Auf die Frage nach der Ent¬ 

stehung des Konsulats geben die Bologneser Urkunden keine Ant¬ 

wort. Weder für die Theorie, die die Konsuln von den boni homines 

ableiten will (vgl. zuletzt Davidsohn in Hist. Viertcljahrschr. 3, 

1 ff.), noch für die, die sie auf altrömischc Einrichtungen zurückführt 

(Mayer 2, 532 ff., die dort 535 Anm. 38 bezüglich Bolognas aus¬ 

gesprochene Annahme ist wohl ahzulehnen), lassen sich Belege finden. 


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Es wuitie ein kleiner Rat, das consilium, geschaffen. 
Neben ihm blieb die Versammlung aller cives, die jetzt 
den Namen contio führte, bestehen 3 . Wie in der Folgezeit 
die Kompetenzgrenze zwischen beiden Körperschaften ver¬ 
lief, läßt sich nicht angeben. Aus dem Jahre 1164 kennenl 
wir die Zusammensetzung des Consiliums. Wir finden außer 
den Konsuln fast fünfzig Anwesende, darunter etwa zur 
Hälfte Mitglieder der vornehmen Familien, ferner mehrere 
causidici und einige Handwerker. Letzteres ist wichtig, denn 
es zeigt, daß die unteren Schichten der Bevölkerung noch 
nicht vom Anteil am Regiment ausgeschlossen waren. 
Gleichzeitig mit der Teilung der gesetzgebenden Gewalt 
erfolgte eine größere Differenzierung der Beamtenschaft. 
Neben die Konsuln wurden die treuguani gestellt. Sie lassen 
sich bis 1165 in verschiedener Zahl nach weisen 4 , dann ver¬ 
schwinden sie wieder. Nach den Namen der Träger des 
Amts müssen sie zu den regierenden Behörden gehört haben. 
Genaueres wissen wir nicht 5 .- Von Dauer hingegen war die 
Einführung der iudices comunis, die zu drei oder vier gleich¬ 
zeitig vorkamen und im Zivilprozeß beschäftigt wurden 6 , 


3. Contio: Sav. Nr. 161, 222,229, 252, 264, 284.299 St.-A. Bol. Reg. 
grosso 1, fo. 18, 30v, 34v, 41 v, 47, 64, 114; Sav. Nr. 158 St.-A. 
Bol. Reg. nuovo fo. 175; Sav. Nr. 243 Stadt-A. Modena Reg. Priv. 
fo. 131. — Consilium: Sav. Nr. 161, 181 und 82, 262 St.-A. Bol. 
Reg. grosso 1, fo. 18, 28v lind 29, 45; Chart. Nr. 1. — Die Be¬ 
zeichnung consilium credentie fehlte damals noch in Bologna,, sie 
findet sich nur in Akten des Lombardenbundes; vgl. die oben S. 116 
Anm. 29 angeführten. 

4. Sav. Nr. 161, 64, 84, 85 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 18, 
22, 22 v, Dem. S. Giovanni i. M. Cass. 5/1345 Nr. 54. 

5. Vielleicht lagen ihnen ähnliche Aufgaben, wie den treug. 
anderer Städte, ob; vgl. Savigny 3, 132 Anm. d; Hegel Gesch. 
der Städteverfassung von Italien 2, 221 Anm. 1; Mayer 2, 509 f. 

6. Zu den Beispielen, die sich meist bei Sav. finden, ist zu 
bemerken, daß die in Sav. Nr. 205, 8 und 97 genannten cognitores 
cause iudices comunis sein können, da auch in Sav. Nr. 230 einfach 
Nicholaus cognitor querimonie gesagt wird, während er in andern 


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ferner der besonderen Notare, die erst mit der Zeit den 
Titel notarius comunis annahmen und mehrere Jahre hin¬ 
durch in ihrer Stellung verblieben 7 . Ob damals auch schon 
das Amt eines massarius oder Schatzmeisters eingerichtet 
wurde, ist ungewiß. Erwähnt 8 wird es erst zu 1188. Ebenso¬ 
wenig läßt sich der Zeitpunkt angeben, an dem sich der 
Brauch einbürgerte, den von den städtischen Behörden zu 
schwörenden Eid aufzuzeichnen, woraus sich in Bologna 
wie auch in andern Comunen 9 die Stadtstatuten ent¬ 
wickelten 10 . 

Oberste Behörde blieben auch nach 1156 die Konsuln. 
Darf man nach dem erhaltenen Aktenmaterial urteilen, so 
schwankte ihre Zahl, erreichte 1176 die Höhe von neun 11 . 
Meist wechselten sie jährlich 12 . Ste nahmen von der Bürger- 


Dokumenten des Jahres als iudex comunis erscheint; vgt. auch 
Ficker Forsch. 3, 317; Mayer 2, 488. 

7. Die Belege meist bei Sav. — Deo ersten eigenen Notar 
hatte der Podcsta Guido da Sasso. 1156 und 57 finden wir einen 
not. populi et consulum. Mit der kaiserlichen Reaktion kamen zwei 
neue Notare (vgl. auch Ficker Forsch. 2, 73) Guido und Albertus, 
die sich nur als! notarii regis oder imperatoris bezeichnen. Beide 
blieben in ihrer Stellung, als Bologna in den Lombardenbund einge¬ 
treten war. Guido änderte seinen Titel nicht, Albertus aber nannte 
sich 1168 not. populi, 1170 und 75 not. comunis. Das wurde dann 
der offizielle Titel. Nach ihnen wirkten zwei neue not com. neben¬ 
einander, von denen sich der eine 1175—90, der andere 1178—89 
nachweisen läßt 

8. Sav. Nr. 291 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 55 — Erwähnt 
sei hier auch, daß in der Zeit von 1175—88 der nuntius, der in 
der contk) für die Bürgerschaft den Eid zu leisten hatte, portonarius 
genannt wurde, während er 1194 einfach nuntius heißt (vgl. Sav. 
Nr. 222, 229, 264, 290, 306, alles aus Reg. grosso. 1; auch Pertile 
2, 1, 53 f.). 

9. Salvioli 70. 

10. Vgl. Sav. Nr. 229 St-A. Bol. Reg. grosso 1, fo, 34 v, 

11. Sav. Nr. 226, 27, 29, 31, 32, alles aus Reg. grosso 1. Im 
übrigen verweise ich auf Sav., Villola und Chron. Loli. 

12. Nur 1174 und 75 finden wir dieselben im Amt (zu 1174 vgt. 


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schaft einen Gehorsamseid entgegen 13 und besaßen die 
Regierungsgewalt und die Gerichtshoheit 11 . Das Amt wurde 
von den Angehörigen der angesehensten Familien verwaltet. 
Die häufige Wiederkehr derselben Geschlechts-, ja, Personen¬ 
namen 15 zeigt den oligarchischen Charakter der Regierung. 
Daran änderte auch die Einführung des Podestaamts nichts. 
Wie in andern Städten 16 lassen sich auch in Bologna mehr¬ 
fach neben dem Podesta Konsuln nachweisen, die nur immer 
häufiger den Titel consul oder miles iustitie führten 17 . Sie, 
als seine nächsten Berater, wahrten die Tradition in der 
Politik. 

Bei der Ausbildung des Podesteriats ging Bologna .nicht 
schöpferisch vor, sondern nahm nur au der allgemeinen 
Entwicklung teil 18 . Zur gleichen Zeit, da sich in Verona, 


Viilola; St.-A. Bol. Dem. S. Giovanni i. M. Cass. 8/1348 Nr. 19; 
und 27; zu 1175 Sav. Nr. 222 Reg. grosso 1, fo. 30 v; Reg. nuovo 
fo. 175 v). 

13. Sav. Nr. 109 Reg. grosso 1, fo. 12 (an der in Betracht kom¬ 
menden Stelle muß es nostro, nicht dicto heißen). 

14. Sav. Nr. 205; Sav. Nr. 208 St.-A. Bol. Dem. S, Giovanni 
i. M. Cass. 8/1348 Nr. 7; Sav. Nr. 216 S. Saivatore 146/2692 Nr. 83; 
Sav. Nr. 226 und 230 Reg. grosso 1,-fo. 33 v und 35; Sav. Nr. 257 
S. Stefano 14/950 ohrfe Nummer; Sav. Nr. 297. 

15. So findet sich Prendiparte 1168, 74, 75, 79 und 90 als 
Konsul, dazu 1185 als Podesta. 

16. Pertile 2, 1, 82; Mayer 2, 351. 

17. Die Identität beider Titel betont auch Mayer 2, 488. — 
1164 finden wir neben dem kaiserlichen Podesta mehrere Konsuln 
(vgl. oben S. 104), 1188 neben einem fremden Podesta mehrere 
consules iustitie (Sav. Nr. 291 Reg. grosso 1, fo. 55), von denen 
Petrus Vituperati zu den Konsuln von 1190 gehört (Sav. Nr. 297). 
Unter den Konsuln von 1189 findet sich Cazanimicus (Chart. Nr. 1), 
der 1198 als miles iustitie erscheint (Sav. Nr. 325 Reg. grosso 1, 
fo. 68). Bischof und Podesta Gerhard hatte 1192 neben sich milites 
iustitie (Sav. Nr. 299 Reg. grosso 1, fo. 114), 1193 Konsuln (vgl. 
oben S. 144), von denen Ramisinus 1197 als consul iustitie erscheint 
(Sav. Nr. 317 Reg. nuovo fo. 180). 

18. Daß Bologna schon 1135 einen Podesta besaß, ist ein 


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Ferrara und Siena ein einzelner als Stadthaupt findet 10 , kam 
am Reno der Parteiführer Guido da Sasso empor; der 1151 
bis 1155 das Amt eines Rectors oder Podestas bekleidete 30 . 
Als seine Nachfolger sind die kaiserlichen Podestas anzu¬ 
sprechen, die Friedrich I., wie anderswo, so auch in Bologna 
einsetzte, und von denen einer sich mehrere Jahre in seiner 
Stellung behauptete 31 . Später als andere Städte, erst 1177 
berief die Bologneser Bürgerschaft selbst einen Fremden zum 
Stadtleiter und beließ ihn auch noch ein zweites Jahr im 
Amt 33 . Dann erfolgten regelmäßig Podestawahlen auf zwölf 
Monate, abwechselnd mit der Einsetzung von Konsuln 33 . 
Aber, noch war die Berufung eines Fremden keine 
feststehende Einrichtung. So überließ man die Würde 1185 
und 1186 einheimischen Bürgern. Das geschah auch in 
andern Stadtgemeinden 34 . Singulär hingegen war die Er¬ 
hebung des Bologneser Bischofs Gerhard zum Podcsta. 
Aber mochten auch seine Gegner in seinem Regiment eine 
Art Tyrannis sehen, die offiziellen Akten 35 bezeichneten es 
als eine gewöhnliche Podestaregierung, das den jährlichen 
Wechsel zur Voraussetzung hatte. 

Bischof Gerhards Podestariat von 1192 und 93 läßt sich 
mit dem Guido da Sassos vergleichen. Beidemal führte ein 
Parteihaupt, im Bunde mit dem deutschen Herrscher, die 
Leitung des Comune, und beidemal erfolgte die siegreiche 


Irrtum; das dabei in Frage kommende Dokument gehört in eine 
spätere Zeit; vgl. oben S. 83 Anm. 157. 

19. Vgl. Ficker Forsch. 3, 433; wegen Verona Mur. Ant. 1. 
273; Cipolla Gompendio dclla storia di Verona 96, 105; wegen 
Ferrara Ughelli 5, 793; wegen Siena Ficker Forsch. 4, 163 Nr. 


120 und 

Bullett. Sejiese 14, 197. 

20. 

Vgl. oben 

S. 

88. 

21. 

Vgl. oben 

S. 

97, 102, 105. 

22. 

Vgl. oben 

S. 

118. 

23. 

Vgl. oben 

S. 

118 Anm. 38, S. 130 Anm. 100. 

24. 

Pertile 2, 

1, 

87 Anm. 33. 

25. 

Vgl. Sav. 

Nr 

. 299 und 300. 


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Reaktion von seiten der reichsfeindlichen Familien. Während 
sich aber in den fünfziger Jahren die Kaisermacht zu be¬ 
drohlicher Höhe erhob, erfolgte diesmal bald mit dem Tode 
Heinrichs VI. der Zusammenbruch der Zentralgewalt. So 
konnten die wieder zur Herrschaft gelangten Geschlechter 
ihre Hauptsorge der Festigung der aristokratischen Re¬ 
gierungsformen zuwenden. 

Für das consilium bürgerte sich jetzt der genauere 
Titel consilium credentie ein 36 . Die Mitgliederzahl muß an¬ 
fangs noch gering gewesen sein, später wohl schon, wie 
zur Zeit der' uns erhaltenen Stadtstatuten, fünfhundert be¬ 
tragen haben 37 . Unter ihnen finden wir die officiales comunis, 
dann in der Regel zur Hälfte Träger aristokratischer Namen, 
ferner einige doctores legum, iudices, Notare und wenige 
mercatores, die ja alle keine zu tiefe Kluft von den Ge¬ 
schlechtern trennte. Aber ganz fehlten die kleinen Kauf¬ 
leute und die Handwerker, die man 1164 noch zugelassen 
hatte. Neben diesem von den Aristokraten beherrschten Rat 
wurde die allgemeine contio zwar beibehalten, aber zur 
Bedeutungslosigkeit herabgedrückt. Man berief sie, um 
wichtige Angelegenheiten bekannt zu geben oder Staats¬ 
verträge beschwören zu lassen 38 . Die Gesetzgebung nahm 

26. Vgl. die zahlreichen Beispiele von Sav. 305—543, die dem 
St.-A. Bol. Reg. grosso 1 entnommen sind; ferner Sarti 2, 27, 32, 
257; Sav. Nr. 346, 416, 563 Stadt-A. Modena Reg. priv. fo. 128, 
187, 164; Frati Stat. 2, 197 und 224; Liber censuum Nr. 26, 41, 62, 
90; Sav. Nr. 425, 459, 546 St.-A. Reggio Reg. grosso fo. 51, 52 v, 
54 v; Santini Docum. del comunc di Firenze Nr. 64 und 65; end¬ 
lich ungedruckt St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 162 v, 330 v, 358, 
353v; Ufficio della abbondanza Fragm. zu 1228. 

27. So lassen sich 1203 und 9 noch lange nicht 100, 1214 
gegen 150, 1216 und 20 über 250, 1219 gegen 300 Mitglieder nach- 
weisen. 

28. Vgl. Sav. Nr. 305, 342, 356, 358, 372, 375, 534, 535, alles 
aus St.-A; Bol. Reg., grosso 1 (vgl. dort auch fo. 427 zu 1222 
Januar 23). Dafl 1222 auch die Gomitatinen ztigezogen werden, 
erklärt sich wohl als Ausnahme im Kriege. 


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das consilium credentie ganz in die Hand und vollzog auch 
die Wahl der Stadtbeamten 20 . Deren wichtigsten Bestand¬ 
teil bildeten die milites iustitie, die Nachfolger der Kon¬ 
suln. Sie übten gerichtliche Funktionen aus, die sich nicht 
genau umschreiben lassen. Sie waren aber nicht bloß wie 
in manchen andern Städten „Konsuln der Rechtspflege“, 
sondern besaßen viel umfassendere Befugnisse"* 0 . Man zog 
sie zu den Regicrungshandlungen hinzu und überließ 
ihnen die Vertretung des Comune bei Abschluß von Ver¬ 
trägen, bei Eidesleistungen, bei der Entgegennahme der 
Unterwerfung einer Gemeinde usw. 31 . Sie kirnen in großer 
Zahl vor und rekrutierten sich aus den Mitgliedern der 
ersten Familien. Damit noch nicht genug! Die officialcs 
comunis, die den Wünschen der Geschlechter entsprechend 
vom consilium credentie gewählt wurden, traten jetzt zu 
einer Art Senat, der curia, zusammen 32 . Diese erscheint 
als selbständige Körperschaft neben der noch zu besprechen¬ 
den familia potestatis 33 . Die Art, wie sie in den Urkunden 
erwähnt wird, ergibt, daß fchr Einfluß nicht zu hoch ange¬ 
schlagen werden kann 34 . Wir sehen in ihr die eigentlichen 
Träger der Politik des aristokratischen Comune. 


29. Vgl. die in Anm. 26 angeführten Beispiele; dam Frati 
Stat. 3, 65 (wo deni späteren consilium generale, genauer spccialc 
et generale, die früheren Kompetenzen des consilium spccialc oder 
credentie zugewiesen werden); 3, 66. 

30. Das hat schon Sav. 2, 1, S. 156 Anm. H hervorgehoben. 

31. Belege in den Urkunden bei Sav. 

32. So lassen sich als zur curia gehörig nachwciscn: die 
procuratores, die milites iustitie, die iudices comunis und die notarii 
comunis; vgl. z. B. Sav. Nr. 328 und 531 St.-A. Bol. Reg, grosso 
1, fo. 76v und 433; Sarti 2, 240; Oaudenzi Stat. 2, 486; dazu auch 
Frati ^at. 3, 38 f.; 1, 88; 1, 130. 

33. So später deutlich unterschieden (Frati Stat. 1, 75; 1, 222). 
In den älteren Urkunden ist die Trennung nicht immer mit der 
nötigen Schärfe angegeben. 

34. Vgl. z. B. Liber censuum Nr. 41; Sav. Nr. 383 Stadt-A. 
Imola Libro rosso fo. 16; Sav. Nr. 539 St.-A. Bol. Reg. grosso 
1, fo. 443; dazu die Fälle, in denen die curiales als anwesend erwähnt 


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Im übrigen entwickelte sich die Beamtenschaft organisch 
weiter. — Höchste Exekutivbehörde war jetzt regelmäßig 
ein aus der Fremde berufener Podesta. Anfangs zeigten 
sich beim Beginn der Amtsperiode noch Unregelmäßig¬ 
keiten 95 , dann wurde der 1. Januar als Antrittstermin und 
die Jahresdauer zur Regel 96 . Nur blieb es üblich, tüchtige 
Männer mehr als zwölf Monate in ihrer Stellung zu be¬ 
lassen 37 . Der Podesta pflegte jetzt aus seiner Heimat eine 
Reihe Begleiter, die sogenannte familia, mitzubringen, dar¬ 
unter zwei iudices 38 und zwei milites 39 . 

Von den mit Einheimischen besetzten Aemtem wurden 
aus der vorigen Periode neben den milites iustite die iudices 
comunis übernommen. Anfangs vermehrte man nur den Be¬ 
dürfnissen entsprechend ihre Zahl. Eine Neuordnung des 
Gerichtswesens erfolgte erst im Zusammenhang mit dem 
Privileg Ottos IV. von 1210. Der Kaiser bestätigte 40 den 
Bolognesen die Zivil- und Kriminalgerichtsbarkeit, wie sie 
dieselbe bisher in Stadt und Grafschaft besessen hatten, 


Werden, z. B. Sav. Nr. 434, 472 Reg. grosso 1, fo. 213, 299 v; 
endlich die zahlreichen Fälle, in denen der Ausdruck curiales fort¬ 
gelassen ist, dafür die einzelnen anwesenden Beamten mit Namen 
und Titel angeführt werden. 

35. Vgl. oben S. 137 Anm. 129. 

36. Vgl. Sav. Nr. 479 Reg. grosso 1, fo. 316; Futura potestas 
ab anno novo ad annum novjm. An einen unregelmäßigen Amts¬ 
wechsel dachte man 1212; vgl. Liber censuum Nr. 31. Im übrigen 
verzichte ich darauf eine Podestaliste zu geben, da die Angaben 
bei Sav. in der Hauptsache zuverlässig sind; vgl. auch Frati Stat. 
1, 27 f. 

37. So blieb einer von Sommer 1197 bis Ende 99. Zwei¬ 
jährige Podestariate finden wir 1204/5, 1206/, 1221/2, Im Jahre< 
1212 veranlaßten die inneren Verhältnisse die gleichzeitige Einsetzung 
von zwei Podestas; vgl. oben S. 172. 

38. Erwähnt schon 1194 (Sav. Nr. 305 Reg. grosso I, fo. 
60 v; militibus ist m iudicibus zu korrigieren). 

39. Vgl. Sav. Nr. 370 und 478 Reg. grosso 1, fo. 169 und 313. 

40. Vgl. oben S. 170. 


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verlieh damit eigentlich nicht mehr, als ihnen schon seit 
dem Konstanzer Frieden zukam 41 . Aber die Stadt be¬ 
nutzte das Diplom, um ihre Jurisdiktion auszudehnen 43 und 
begann auch, eine Differenzierung der iudices comunis 
durchzuführen. So finden wir seit 1210 executores senten¬ 
tiarum 43 , 1212 drei iudices causarum, also Zivilrichter 44 , 
1222 einen iudex ad causas veteres 4 ’*, 1214 zwei iudices 
qui presunt maleficiis 48 . Bei den Appellationsrichtern wurde 
die Entwicklung durch das Eingreifen der Reichsgewalt 
unterbrochen 47 . Der Konstanzer Friedensvertrag hatte für 
Streitsachen von über fünfundzwanzig lib. kaiserliche 
Appellationsrichter vorgesehen. Aber schon während des 
letzten Regierungsjahres Heinrichs VI. machte sich Bologna 
auch hier selbständig 48 und blieb es wahrscheinlich während 
der Regierung Ottos IV. 4! \ 1220 bestimmte Friedrich II. 


41. M. O. Constitut. 1 Nr. 293 § 1. 

42. Vgl. darüber später. 

43. 1210 erwähnt executor sententiarum (St.-A. Bol. Dem. S. 
Salvatore 56/2503 Nr. 6); 1213 cousid Gon. (zu ergänzen lustitie) 
et sentent. excc. (Istrumenti privati), 1213 iudex et sentent. exec. 
(S. Stefano 36/972); 1220 ein iudex ooimjnis exec. sentent. und ein 
milcs iustitie (zu ergänzen exec. sentent.)'!konfiszieren ein Gut (Reg. 
grosso 1, fo. 401); 1241 ein iudex comunis und ein miles ad discum 
sententiarum erwähnt (A. Lambertini zu Poggio Renatico); vgl. 
auch Frati 1, 117. 

44. Liber censuum Nr. 26. 

45.1,St.-A. Bol.*Dem. S. Stefano Cass. 20!t5<> Nr. 26. 

46. Sav. Nr. 419 Reg. grosso I, fo. 205. 

47. Vgl. N. A. 31, 473 f. 

48. In einer Streitsache, die sicherlich den angegebenen Wert 
überschritt, fungierten Appellationsrichter im Aufträge des Podesta, 
darunter ein iudex potestatis (Sav. Nr. 314 St.-A. Bol. S. Pietro 
Cass. 21/208 Nr. 3). 

49. Vgl. auch Raincrius de Perusio 46 Nr. 79; St.-A. Bol. 
Dem. S. Francesco Cass. 3/4135 Nr. 31 zu 1213 (doch habe ich 
vergessen, mir die Werthöhe des Streitobjekts zu notieren). 


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wieder einen kaiserlichen Appellationsrichter, und vorläufig 
gab man sich am Reno damit zufrieden 50 . 

Neu hinzukamen drei Behörden: Einmal die zwei 
procuratores, die 1198 zuerst genannt werden 51 . Ihnen lag 
in Bologna wie auch in andern Gemeinden 58 die Verwaltung 
des städtischen Gutes ob 55 . Das wichtige Amt bekleideten 
meist Aristokraten. Dann die inquisitores oder cognitores 
rationis. 1195 erscheinen sie als eine außerordentliche 
Kommission, die die massarii der letzten Jahre zu prüfen 
hatte 54 . Bald wurden sie regelmäßige Beamte, die fest¬ 
stellen sollten, ob officiales comunis oder auch Privatleute 
sich öffentliches Eigentum unrechtmäßig angeeignet hätten 55 . 
Endlich setzte man 1198 zwei extimatores ein und beauftragte 
sie mit Besitzteilungen und Zwangsvollstreckungen 56 . Bei 
den officiales comunis bürgerte sich, bei den einen später, 
bei den andern früher, der halbjährige Amtswechsel ein. In 
der Zeit dieser sorgfältigeren Ausgestaltung der Beamten¬ 
schaft gelangte auch die statutarische Gesetzgebung zur 
vollen Entwicklung 57 . 1207 und 1208 werden compositores 


50. Vgl. aber Sarti 1, 129 S. Stefano Cass. 36 972 zu 1224 
(auch hier vergaß ich, die Werthöhe zu notieren). 

5|1. Sav. Nr. 322, 326, 328 Reg. grosso 1, fo. 65 v, 75 v, 76 v. 

52. Vgl. Pertile 2, 1, 142; auch Mayer 1, 300. 

53. Vgl. Sav. Nr. 352, 354, 380, 331, 435, alles aus Reg. grosso 

1. Wenn 1203 (Sav. Nr. 347 Reg. grosso J, fo. 118) ein procur. 

an der Spitze einer politisdteh Gesandtschaft steht, so ist das 

wohl als Ausnahme zu betrachten. 

54. Vgl. oben S. 146 Anm. 22. 

55. Sav. Nr. 342 und 381 Reg. grosso 1 , fo. 103 v und 180; 
ebenda fo. 231 v zu 1217: actum in donto comunis, ubi stant cog. 
rat. ad fadendam rationem. 

56. Sav. Nr. 325 Reg. grosso 1, fo. 68. 

57. Die ältesten Statutenerwähnungen sind: 1198 Sav. Nr. 325 
Reg. grosso 1, fo. 63; 1203 Frati Stat. 1, 351 und Reg. grosso 1, 
fo. 104; 1204 Reg. grosso 1, fo. 162 v; Frati Stat. 2, 23; Reg. grosso 
1, fo. 144. 


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statutorum 58 , 1212 die jährliche Ncuredaktion der Statuten™ 
erwähnt. 

Während so die Aristokratie das Heft fest in Händen 
hielt, nahm die wirtschaftliche. Kraft der popolaren Elemente 
ständig zu, ihre Organisationen gewannen immer festere 
Formen und ihre politischen Prätensionen wuchsen, bis dann 
im Jahre 1228 der gewaltsame Ausgleich mit den bisherigen 
Herrschern der Stadt erfolgte. Aber auch vorher fehlte cs 
nicht an Versuchen in 'dieser Richtung 80 . Gleichsam die 
Pioniere waren die am weitest vorgeschrittenen mercatores 
und campsores, die schon 1180 bei dem Münzvertrag mit 
Lucca offiziell mitwirkten 81 . Wie sich Bischof Gerhard und 
seine Anhänger auch sonst um die kaufmännischen Interessen 
besorgt zeigten, so ließen sie 1194 an dem Handelsvertrag 
mit Ferrara einen consul mercatorum teilnehmen. Noch viel 
bemerkenswerter aber ist es, daß sich unter den anwesenden 
Bolognesen ein rector societatum befand 82 . Das Wesen 
dieses Beamten können wir aus den Quellen nicht ent¬ 
nehmen; doch werden wir wohl nicht fehlgehen, wenn 
wir in ihm den Leiter einer Organisation der damals schon 
vorhandenen niederen Zünfte sehen. Die bischöfliche Partei 
suchte also, um ihre Position gegen die ihr feindlichen, 
antikaiserlichen Geschlechter zu stärken, die unteren Schich¬ 
ten der Bürgerschaft durch Zugeständnisse an sich zu ketten. 
Was hier in Bologna geschah, zeigt die größte Aehnlichkeit 
mit gleichzeitigen Ereignissen in Florenz 83 . Es können nicht 
von einander ganz unabhängige, parallel verlaufende Be¬ 
wegungen gewesen sein, sondern zwischen den inneren 

58. Frati 3, 180 f.; Sav. Nr. 381 Reg. grosso 1, fo. 180. 

50. Sav. Nr. 404 Reg. grosso 1, fo. 194 v. 

60. Von einer Anteilnahme popolarcr Organisationen am Stadt¬ 
regiment im Jahre 1174 kann keine Rede sein; vgl. N. A. 31, 2101. 

61. Ptolemaeus Luc. in Docum. di storia Ital. 6, 59. 

62. Vgl. oben S. 145. 

63. Vgl. Davjdsohn Gesell. 1, 597 ff. 


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Vorgängen der beiden Nachbarstädte dürfte irgend ein Zu¬ 
sammenhang anzunehmen sein. 

Nach dem Sturze Gerhards drängten die Geschlechter 
die kleineren Zünfte wieder völlig zurück, nur den Gro߬ 
kaufleuten und Wechslern machten sie Konzessionen. Sie 
schlossen dieselben vom Stadtregiment nicht ganz aus 64 , 
erkannten ihre societates an und verwendeten ihre Konsuln 
— die mercatores besaßen damals vier, die campsores nur 
drei 65 — als Bevollmächtigte beim Abschluß von Handels¬ 
verträgen 66 und auch bei politischen Akten 67 . Dazu über¬ 
trugen sie beiden Zünften die Verwaltung der Bologneser 
Münze 68 . Ja, die städtische Wirtschaftspolitik zeigte deut¬ 
lich den steigenden Einfluß der kaufmännischen Kreise. 

Ein zweiter Versuch des Popolo, Anteil an der comu- 
nalen Regierung zu gewinnen, fällt in das Ende des zweiten 
Jahrzehnts des neuen Jahrhunderts. Schon an anderer 
Stelle wurde ausgeführt 69 , daß damals die niederen Zünfte 
vielleicht eine teilweise Reorganisation erfuhren. Aber die 
Bewegung beschränkte sich diesmal nicht wie unter Bischof 
Gerhard auf die societates artium, sondern ergriff die Ge¬ 
samtheit der Bürgerschaft. Auch wurden die Massen nicht 


64. Gelegentlich saßen mercatores im consilium. 

65. Das ergeben die Urkunden. 

66. Vgl. B.-F. 12275, 12543, 12605; Sav. Nr. 385, alles aus 

Reg. grosso 1; Sav. Nr. 416 Stadt-A. Modena Reg. Priv. fo. 187. 

67. Liber censuum Nr. 26. 

68. Sie unterstand ihnen spätestens seit 1200 (Sav. Nr. 331 = 

Malaguzzi in Rivista ftal. di Numismatica 11, 382 Nr. 2). 1216 über¬ 
ließ ihnen das Comune die Münze auf zwei Jahre (Sav. Nr. 438 = 

Malaguzzi Nr, 4). Dieser Vjertrag muß dann bis 1262 erneuert 

worden sein (vgl. Fratj Stat. 1, 66 f.). 1218 stellten die beiden 
Zünfte den Münzmeister an (Sav. Nr. 462 Reg. grosso 1, fo. 239); 
auch von den 1219 vereideten suprastantes monete (Salvioni in 
AMR. 3, 12, 165) waren wahrscheinlich zwei, sicher einer campsor. 
Für die späteren Jahrzehnte vg 1 . Gaudenzi Stat. 2, 71 Nr. 28, 
72 Nr. 30, 83 Nr. 55, 91 Nv. 69, 93 Nr. 74, 100 Nr. 90. 

69. Vgl. oben S. 282. 


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wie 1194 von einer Aristokratenpartei aufgerufen, sondern 
drängten selbst vorwärts. 

Ereignisse der inneren Bologneser Geschichte, die diesen 
Vorgang veranlaßt haben können, scheinen ganz zu fehlen. 
Nur spricht einiges dafür, daß der Streit zwischen Inno* 
cenz III. und Otto IV., der Bologna eine Zeit lang in Mit¬ 
leidenschaft gezogen hatte 70 , eine länger andauernde Spaltung 
und damit Schwächung der regierenden Geschlechter her- 
herbeiführte 71 . Da muß noch stärker als in den neunziger 
Jahren des verflossenen Jahrhunderts eine Beeinflussung von 
Außen stattgefunden haben. Durch eine Reihe von Städten 
der Poebene ging 'damals eine innere Gärung, die zwar 
nicht mit so plötzlicher Wucht wie die religiöse Hallelujah- 
und Geißler-Bewegungen hereinbrach, und deren Fort¬ 
schritt sich nicht so deutlich wie bei jenen von Stadt zu Stadt 
verfolgen läßt, die aber doch von Comune zu Comune gewirkt 
haben muß. In Pavia standen sich 1220 milites und populus 
feindlich gegenüber 78 . Im selben Jahr führte in Piacenza 
der schon weiter zurückreichende Zwiespalt zwischen dem 
organisierten Volk und den Geschlechtern zur Auswande¬ 
rung der letzteren 73 . In Modena kam es 1218 zur gewalt¬ 
samen Erhebung und Vertreibung des Podesta, auch er¬ 
folgte die Gründung der wohl popolaren societäs s. Petri 74 . 
Zur gleichen Zeit wurde in Faenza eine communancia arma- 
turarum, also eine Gesamtorganisation der Waffengenossen- 


70. Vgl. oben S. 171 ff. 

71. So weist Sav. (2, 1, 365 auf Grund der noch an anderer 
Stelle zu erwähnenden Urkunden) mit Recht darauf hin, daß die 
am 5. Kreuzzug teilnehmenden Bolognesen zu ihren capitanei den 
Baruffaldino de’ Gcrcmci und den Bonifazio de’ Lambcrtazzi ein¬ 
setzten, sich also schon damals uni die beiden im späteren Partei¬ 
kampf (vgl. unten S. 336) führenden Familien gruppierten. 

72. Winkclmann Friedrich II. 1, 89; Davidsohn Forsch. 4, 20. 

73. Winkclmann 89; Davidsohn 18; Codagnellus 68f. 

74. B.-F. 12595; Cron. Mod. 30. 


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schäften geschaffen und eine Teilung der Aemter zwischen 
Volk und Magnaten angestrebt 76 . 

Am Reno entwickelte sich die Volksbewegung, wie es 
scheint, völlig friedlich. In den Jahren 1217—1219 läßt sich 
neben dem bisher üblichen consilium credentie ein Con¬ 
silium generale 76 nachweisen, in dem — wie, wissen wir 
nicht — die popolaren Elemente eine Vertretung fanden 77 , 
und zu dem auch die ministrales societatum artium zuge¬ 
zogen wurden 78 . Dann erschien 1219 die gesamte Bürger¬ 
schaft, nach den vier Quartieren geordnet, in milites und 
pedites gegliedert und von den acht gonfalonerii befehligt, 
im Feldlager vor Imola 79 . Auch existierte damals schon 
der Zusammenschluß der einzelnen contrate unter ihren 
ministrales, die gleichfalls am consilium generale teil- 
nahmen 80 . Also das Volk trat in der wohl erst jetzt völlig 


75. Tolosanus 701 f. 

76. Wenn 1199 (Sav. Nr. 328 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, 
fo. 76 v) ein oons. generale erwähnt wird, so möchte ich darin noch 
kein durch po polare Elemente erweitertes cons. sehen, sondern 
den Ausdruck im Sinne der sonst üblichen Bezeichnung cons. Uni¬ 
versum oder cons. plenum verstehen. 

77. Während am 24. Dezember 1217 (Sav. Nr. 448 Reg. grosso 
1, fo. 224 v) das gewöhnliche cons. ad sonum campane versammelt 
wird, findet sich gleich darauf (Sav. Nr. 449 Reg. grosso 1, 235 v) 
ein cons. generale ad sonum campane congregatum et per precones 
clainatum. In Sav. Nr. 456 Reg. grosso 1, 330 v zu 1218 heißt 
es oons. gener. ohne nähere Bezeichnung. Im Jahre 1219 finden 
wir viermal (Sav. Nr. 459 St.-A. Reggio Reg. grosso fo. 52*v; 
Sav. Nr. 467 St-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 241 v; Liber censuum 
Nr. 62 und 90) das gewöhnliche cons., aber am 18. Dezember (Sav. 
Nr. 479 Reg. grosso 1, fo. 316) das cons. credentie et junta consilii 
ac ministrales artium et societatum et contradarum ad sonum campane 
et per nuntios eos per civitatem clamantes insimul congregat. 

78. Sav. 479. Die Worte artium et societatum glaube ich in 
oben angegebener Weise ändern zu dürfen, denn sonst müßten unter 
den societates noch besondere Genossenschaften verstanden werden. 

79. Das ergibt B.-F. 12576 Reg. grosso 1, fo. 242 v. 

80. Sav. Nr. 479. 


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ausgebildeten militärischen Organisation hervor 81 und be¬ 
nutzte neben den societates artium die contrate-Verbände, 
innerhalb deren es den Aristokraten überlegen sein mußte, 
um Anteil am Stadtregiment zu erlangen. 

Nochmals erfolgte mit dem Jahre 1220 eine Reaktion. 
Schwerlich wurden die popolaren Genossenschaften völlig 
unterdrückt, doch schloß man sie von der Mitregierung 
wieder aus 82 . Vielleicht war die Volksbewegung, die sich 
unter äußeren Einflüssen entwickelt hatte, wieder zurück¬ 
geebbt. Vielleicht bewogen der bevorstehende Römerzug 
Friedrichs II. und die noch nicht abzusehenden Folgen 
desselben die Geschlechter, die Zügel wieder straffer an¬ 
zuziehen. Das läßt sich nicht mit Sicherheit ausmachen. 
Jedenfalls leiteten sie noch die Bologneser Politik, als sich das 
Comune bei dem beginnenden Konflikt zwischen dem wieder¬ 
erstandenen Lombardenbund und dem Kaiser und seinen 
Verbündeten den Reichsfeinden anschloß. Nachdem aber 
die Renostadt in diesem Kampf eine erhebliche Niederlage 
erlitten hatte, war es mit der Alleinherrschaft der Aristokratie 
endgültig vorbei. 

Sofort nach dem unglücklichen Feldzug von 1228 gegen 
Modena, wohl im November, erhoben sich 83 die societates 
artium und verlangten vom Podesta die Berufung eines Con¬ 
silium generale. Da das abgeschlagen wurde, erstürmte man 
bei Nacht den Stadtpalast, und die Wut der Menge richtete 
sich gegen die Statutenbücher und die Bannlisten. Führer 
des Volkes bei dieser Revolte war Gioseffo Toschi 81 . Seine 


81. Vgl. auch Davidsohn ücsch. 2, 1, 30; Forsch. 4, 28. 

82. Das ergeben die Urkunden von 1220 ff. 

83. Vgl. oben S. 197; besonders Codagnellus 89. 

84. Cantinelli 2 (irrtümlich zu 1231); Villola zu 1228; Griffoni 
9; Chron. Loli. 125. Wenn die Quellen, mit Ausnahme Oanti- 
nellis, den Gioseffo prcfcctus oder capitancus nennen, so bedeutet 
das nicht Volkscapitau im späteren Sinne. 


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Familie stammte aus Toscana 85 . Sein Vater, der iudex 
Tommaso 86 , hatte vielleicht schon bei den Unruhen, die zum 
Sturze Bischof Gerhards führten, das Leben verloren 87 . 
Gioseffo selbst saß 1216 und 1219 im städtischen consiliuni 
und war 1222 einer der Bologneser sapientes für die Friedens¬ 
verhandlungen mit Imola 88 . Er gehörte dem Stande der 
mercatores an. Aber nicht bloß eine Persönlichkeit aus dem 
Kreise der Großkaufleute stellte sich damals an die Spitze 
der kleineren Zünfte, sondern die Gesamtheit der mercatores 
und campsores, die bisher mit dem aristokratischen Regiment 
gut ausgekommen waren, vereinigten sich jetzt, wie die 
folgenden Ereignisse ergeben, mit den Popolaren und über¬ 
nahmen die Leitung im Kampf gegen die Geschlechter. 

Dem Bunde der damals in hoher Blüte stehenden Kauf¬ 
mannschaft mit dem wirtschaftlich und politisch reif ge¬ 
wordenen Volk konnte die Aristokratie nicht widerstehen. 
Noch 1228 und dann das ganze folgende Jahr hindurch finden 
wir ein consilium generale mit der Legislative betraut 85 . Zu 
ihm gehörten erheblich weniger Träger vornehmer Namen, 
als zum consilium der voraufgehenden Periode, dafür aber 
neben den mercatores eine Anzahl Handwerker. Das alte 
consilium credentie wird eine zeitlang gar nicht mehr er¬ 
wähnt. Dieser Zustand war nur ein Uebergangsstadium. 
Seit 1230 90 tagte wieder das consilium credentie, jetzt meist 
speciale genannt, aber nicht mehr allein, sondern vereint mit 
dem consilium generale. Das consilium speciale et generale 


85. Vgl. Gaudcnzi Stal. 1, 437. 

86. Vgl. Urkunde von 1210 August 4. in St.-A. Florenz Fondo 
Camaldoli. 

87. Cron. di Bol. 247; vgl. Sav. Nr. 309 S. 187. 

88. Sav. Nr. 436; Liber ccnsuiun Nr. 62; Sav. Nr. 530—32. 
— Ucber seinen Sohn, den leg. doc. Vivianus vgl. Sarti 1, 177. 

89. Frati Stat. 2, 50; Sav. Nr. 573 und 75 Stadt-A. Modena 
Reg. priv. fo. 154 und 56 (vgl. auch fo. 162 v). 

90. Vgl. Gaudenzi Stat. 2, 488 Nr. 4; Sav. Nr. 582 — Tonini 
3, 486 Nr. 61 etc. 


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bildete von nun an die gesetzgebende Körperschaft. Damit 
war die von den Geschlechtern aufgerichtete Schranke durch¬ 
brochen. Da der neue Rat auch die Wahl der städtischen 
Beamten übernahm 91 , konnte das Volk in die Regierung 
eind ringen. 

Ein ähnliches Schicksal erfuhr das andere Bollwerk der 
aristokratischen Herrschaft, die curia. Zuerst verlor sie ihren 
exklusiven Charakter, denn die Popolaren konnten jetzt als 
officiales comunis zu ihr gehören, in der zweiten Hälfte des 
vierten Jahrzehnts verschwand sie ganz als Beirat des 
Podesta 92 . Zum Ersatz bildete sich langsam ein neuer Senat, 
der sich aus den Konsuln der Großkaufleute und Wechsler, 
ferner aus den Beamten der neuen Volksorganisation zu¬ 
sammensetzte. Bald nach der Erhebung von 1228 schritt man 
zu ihrer Einrichtung und brachte sie spätestens 1233 zu einem 
gewissen Abschluß 93 . Erstlich wurden die uns schon be¬ 
kannten societates armorum geschaffen 94 , dann faßte man 
die Waffengenossenschaften und die niederen Zünfte zu einer 
Einheit zusammen und setzte als ihre führende Behörde die 
Anzianen ein 95 . Endlich wurde letzteren, im Verein mit den 
consules der mercatores und campsores, die oberste Leitung 
des gesamten Popolo übertragen. So kam von vornherein 
die überlegene Stellung der Großkaufleute und Wechsler über 
die andern societates zum Ausdruck. Ihre Konsuln nahmen 


91. Frati Stat. 3, 66. 

92. Sie wird noch erwähnt bei der Ernennung eines Bevoll¬ 
mächtigten 1229 (Stadt-A. Modena Reg. Priv. fo. 162 v); beim Ab¬ 
schluß eines Vertrages 1231 (St.-A. bo!. Reg. nuovo fo. 131); bei 
der Eidesleistung der Capitanc des Frignano 1234/5 (Reg. nuovo 
fo. 48); endlich in Frati Str.t. I, 3ü5. — Zur Zeit der uns erhaltenen 
Stadtstatuten wird sie nur noch ganz selten als Körperschaft er¬ 
wähnt; vgl. Frati 1, 114. 

93. Vgl. Gaudeuzi Stat. 2, 517 Nr. 34. 

94. Vgl. oben S. 289. 

95. Zuerst anfangs 1229 erwähnt in dem oben S. 197 Anm. 42 
angeführten Dokument. 


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denselben Rang ein wie die beschrankte Zahl Anzianen, die 
die große Menge der übrigen Genossenschaften vertraten. 
Die consules nun und die anziani bildeten, zusammen mit 
den ministrales artium et armorum und dazu den ministrales 
contratarum, wenn auch in ganz unregelmäßiger Form, den 
neuen, den Podesta beratenden Senat 90 . 

Etwa ein Jahrzehnt lang begnügten sich die Popolaren 
mit dem Erreichten, dann begannen sie, sich für ihre Macht¬ 
stellung im Comune festere Formen zu schaffen. Spätestens 
1243 trat an die Stelle der verschiedenen Volksbehörden die 
bisher das Stadthaupt beraten hatten, das consilium parvum 
populi 97 , in dem die societates in bestimmter Weise ver¬ 
treten waren, und das die Anzianen und die Konsuln der 
Großkaufleute und Wechsler wohl leiteten 98 . Auch wurden 
die Anzianen und Konsuln jetzt, zusammen mit dem Podesta, 
die eigentlichen Führer der comunalen Politik 99 und beglei¬ 
teten ihn ins Feldlager 100 . Nichts charakterisiert besser die 
vom Volk errungene Position, als der in die Stadtstatuten auf¬ 
genommene Eid, der die Popolaren und ihre Beamten ver¬ 
pflichtete, die städtische Regierung mit allen Kräften gegen 
den äußeren und inneren Feind zu unterstützen 101 . Das er¬ 
eignete sich in denselben Tagen, da Innocenz IV. das Konzil 
eröffnete, das dann über Friedrich 11. die Absetzung ver¬ 
hängte. — Gleichzeitig schloß sich die Volksorganisation 


96. Vgl. die Schreiben Gregors IX. von 1232 (in dem S. 33 
Anm. 154 genannten Faszikel S. 22; B.-F. 6894 Faszikel S. 23); Sav. 
591 St.-A. Bol. Rfcg. nuovo fo. 353v; Frati Stat. 1, 363; Sav. Nr. 617 
S. 175 und 77 God. nomine de Podesta; Frati 1, 510 = 2, 109; 
vgl. auch Gaudcnzi Stat. 2, 504 Nr. 2. 

97. Vgl. unten S. 357. 

98. Vgl. St-A. Bol. Anziani Prov. e Rif. 1245, 1248 und 
54; ferner Palmieri in AMR; 3, 16, 319; Frati 2, 134; 3, 68; 3, 146f. 

99. Vgl. Frati 1, 501; 3, 225-18 = 275-84; Sav. Nr. 653 
Erzbisch.-A. Ravenna Caps. Q Nr. 9315. 

100. Vgl. Gaudenzi 2, 529 Nr. 66. 

101. Frati Stat. 3. 205 - 20 = 269- 74. 


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enger zusammen. Die ministrales der contrate-Verbände, 
zu denen ja auch die Aristokraten gehörten, wurden nicht 
mehr, wie bisher geschehen war, zum Stadtregiment zuge¬ 
zogen 102 . Ferner bestimmte ein Gesetz von 1246, daß keine 
weitere Genossenschaft gegründet oder wenigstens keine 
neu entstandene in die Gemeinschaft der societatcs populi 
aufgenommen werden dürfe 105 . Also nach oben und unten 
wurde man exklusiver. 

Zu diesen durchgreifenden Reformen drängte die Bolog¬ 
nesen die äußerst gefährliche Lage, in die der Krieg mit 
Friedrich II. die Stadt gebracht hatte. Von drei Seiten sahen 
sie sich von der feindlichen Kaisermacht umschlossen, ja auch 
ihren inneren Frieden wie nie zuvor bedroht. Das war so ge¬ 
kommen. Die vornehmen Familien wurden dem Stadtregi¬ 
ment, das ihre Interessen nicht mehr wie früher vertrat, ent¬ 
fremdet und so äußeren Einflüssen zugänglicher als vorher. 
Daher machte sich bei ihnen in steigendem Maße der große, 
ganz Italien damals beherrschende Gegensatz zwischen Kaiser 
und Papst geltend. Die Geschlechter, die sich bisher nur in 
kleinen Verbänden befehdet hatten 101 , schlossen sich zu zwei 
feindlichen Parteien zusammen, einer ghibellinischen und 
einer guelfischen, die sich nach den beiden mächtigsten 
Familien Lambertazzi und Gercmei nannten 105 . Im August 


102. Sie fehlten z. B. im consilium von 1249 (Sav. Nr. 660 
St.-A. Bol Lib. rer. div. Dir. dcl. Com.). 

103. Gaudenzi Stat. 2, 520 Nr. 42 == Frati 3, 295. 

104. Ich verzichte darauf. Einzelheiten anzuführen, verweise 
aber auf die interessanten Prozeßakten in St.-A. Bol. Miscellanca 3 
Nr. 4, die anschaulich daa Hergang einer solchen Rauferei vom 
April 1242 schildern. 

105. Doch ist zu bemerken daß die Lambertazzi damals wirk¬ 
lich die ghibcüinischc Partei geführt zu haben scheinen, während wir 
von den Geremei nur wissen, daß ihr Fainilienhaupt Barufaldinus 
1247 Podcsta der guelfischen Außenpartei von Modena war (Sav. 
Nr. 641 I ih. rer. div. Dir. dcl Com.). 


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1243 kam es zu höchst bedenklichen Unruhen in der Stadt 100 . 
Oer Podesta schritt strafend ein und confinierte eine Anzahl 
von beiden Parteien 107 . Zu Beginn des folgenden Jahres 
setzte er mit Hilfe des Bischofs Ottaviano Ubaldini zwischen 
den Gegnern Friedensschlüsse und Verschwägerungen 
durch 108 . Aber schon 1245 mußte wieder gegen die rumor 
stiftenden Lambertazzi vorgegangen werden 109 . Auch in der 
Folgezeit fehlte es nicht an Friedensstörungen 110 . Die von der 
Regierung erlassenen Verbote gegen das Waffentragen und 
ihre sonstigen Maßregeln hatten geringen Erfolg 111 , denn 
der tiefe Zwiespalt innerhalb der Aristokratie blieb be* 
stehen 11 *. 

Wie fast alle bisher geschilderten Wandlungen der Stadt¬ 
verfassung zur Zeit und unter dem Einfluß wichtiger äußerer 
Ereignisse erfolgten, so geschah es auch bald nach der 
Mitte des dreizehnten Jahrhunderts. In denselben Jahren, 
in denen die Bolognesen nach dem Zusammenbruch der 
Reichsgewalt als Siegespreis die Hegemonie über die Ro- 


106. Auch in der Landschaft: Der Capitan Azzo empörte sich, 
von den Modenesen unterstützt, in der Feste Roffeno (westlich vom 
Reno). Aber die Bolognesen eroberten seine Burg und bestraften 
ihn und seine Anhänger (Cron. di Bol. 262; Viliola zu 1243; Canti- 
nelli 4; in St.-A. Boi. Lib. iuramentorum fo. 215 findet sich ein 
1244 angelegtes Verzeichnis der beschlagnahmten Besitzungen des 
Azzo; vgl. auch Frati Stat. 2, 421; 1, 518f.; Gaudenzi Stat. 2, 522f.). 

107. Viliola zu 1243; Qantinelli 5; vgl. auch Frati Stat. 2, 
97 ff. = Gaudenzi Stat. 2, 519 Nr. 39 und 40. 

108. Cantinelli 5; Villoia zu 1244; Frati 2, 109 =? 1, 510; B.-F. 
13505. Die Vermutung Sutters (Johann von Vicenza 155 f.), daß 
bei den Friedensstiftungen J. v. V. mitgewirkt habe, findet in den 
den Ereignissen näher stehenden Quellen keine Bestätigung. 

109. Cantinelli 5; Sav. 3, 1, S. 188. 

110. Vgl. SaV. 3, 1 S. 213 und dazu St.-A. Bol. Lib. rer. 
div. Dir. del. Com. zu 1249 Januar 6. 

111. Vgl. die Statuten Frati 3, 225—48 = 3, 275—85; auch 
3, 294 = 2, 270; 1, 100; 1, 282. 

112. VgL auch Gaudenzi Stat. 2, 527 Nr. 63. 


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magna -errangen, taten sie auch die letzten notwendigen 
Schritte zur Vorherrschaft des Popolo im Stadtregiment und 
zur Vollendung seiner gleichmäßigen und straffen Organi¬ 
sation. — Den nächsten Anlaß dazu gaben innere Friedens- 
Störungen in den Jahren 1254 .und 56, die noch in anderem 
Zusammenhang zu schildern sein werden. 

Die Popolaren verschärften die schon früher begonnene 
Abgrenzung nach außen. Sie erschwerten den Magnaten 
und den mit ihnen jetzt verbündeten iudices die Zugehörig¬ 
keit zu ihrer Organisation, schlossen sie von ihren Rats¬ 
versammlungen und den wichtigeren Aemtem bei den 
sodetates aus 113 . Hand in Hand mit diesen Maßregeln ging 
eine innere Konzentration. Die einzelnen Genossenschaften 
{Wurden unter weit strengere Kontrolle der Gesamtheit ge¬ 
stellt, als bisher üblich gewesen war. Seit 1255 bürgerte 
sich der Brauch ein 114 , der obersten Behörde des Volkes 
die Statuten aller sodetates, auch die der campsores und 
mercatores, zur Approbation vorzulegen. Prinzipiell sollte 
es wohl jährlich geschehen 115 . Dabei kam es vor, daß ganze 
Statuten verworfen und so die betreffende Genossenschaft, 
wenn auch nicht ihre einzelnen Mitglieder vom Verbände 
der Popolaren ausgeschlossen wurden 116 . In gleicher Rich¬ 
tung beiwegten sich die Reformen des Jahres 1256. Die Zahl 
der Anzianen, die bisher zwölf betragen hatte, stieg auf 
siebzehn, und zwar acht pro artnis und neun pro artibus. 
Ihre Wahl innerhalb der einzelnen societas wurde gleich- 


113. Fra« 3, 400, auch 386f. 

114. Vgl. auch Gaudenzi im Bulletin«) 21, 55 und 60. 

115. Zuerst tat es der Volkscapitan, seit 1258 die anziani und 
consules, seit 1267 wieder der Capitan (erstes Beispiel vom 19. März 
1255 im St.-A. Öol. Statut der cartolarii. Ueber die folgenden vgl. 
Gaudenzi Stat. 1 und 2 und im BuH. 21, 111 ff. und 115 ff.). Die 
Approbation 1264 durch den PodesM ist wohl als Ausnahme anzu¬ 
sehen (Gaudenzi Stat. 1, 459 und Bult 21, 72). 

116. Vgl. Gaudenzi Stat 2; 163 A«im. und im Bull. 21, 56. 


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mäßig geregelt und ihre Amtsdauer von drei auf zwei Monate 
herabgesetzt 117 . Auch die Behörde der ministrales wurde 
uniformiert. Die Genossen konnten ihre augenblickliche Zahl 
ministrales behalten, doch durften es nicht mehr als acht sein, 
die ein halbes Jahr im Amte blieben 118 . Endlich sollte in 
der Kommission der statuterii popuii künftighin nur ein 
Vertreter jeder societas, dazu acht pro cambio et merca- 
dandia, Sitz und Stimme haben 119 . 

Seit 1228 hatten die Aristokraten die legislative Gewalt 
mit dem Volke teilen müssen, 1255 verloren sie so gut 
wie jeden Anteil. Indem man damals wahrscheinlich mit 
dem consilium parvum einen zweiten, consilium magnum ge¬ 
nannten Rat vereinigte, entstand ein neues consilium 
popuii 130 . Im folgenden Jahre wurde angeordnet, daß jede 
societas zum consilium popuii zwei consiliarii zu stellen habe, 
die auf sechs Monate ad brevia im corpus der einzelnen 
Genossenschaft gewählt würden 131 . Die Großkaufleute 
schickten fünfundzwanzig Mitglieder hinein 133 , die Wechsler 
Hvohl ebensoviel. Dieser Volksrat nahm nun die städtische 


117. Frati Stat. 3, 384 ff. Die Zahl 17 ergeben auch die er¬ 
haltenen Verzeichnisse der folgenden Jahre. 

118. Frati Stat. 3, 391 ff. 

119. Frati 3, 407; Oaudenzi Stat. 2, 135 Nr. 26. 

120. Vgl. St-A. Bol. Dem. S. Francesco Cass. 336/5078 Nr, 
237 zu 1255 Juni 8; Sav. Nr. 698; Sav. Nr. 701 Reg. nuovo fo. 90; 
Sav. Nr. 705 Reg. nuovo fo. 90; Reg. nuovo fo. 359 zu 1256 Juni 
26; auch Frati Stat. 1, 482; 1, 484 f.; 3, 464 ; 3, 465 ; 3. 485; St.-A.’ 
Bol. Capitano del popok> Libri delle milizic zu 1261; Anziani Prov. 
e Rif. zu 1265; Stadt-A. Imoia Mazzo 2 Nr. 135 zu 1266. Nach 
Sav. Nr. 754 Imoia Mazzo 3 Nr. 6 erfolgte Approbation der refor¬ 
matio popuii durch das consilium comunis, ut est moris. 

121. Frati Stat. 392ff.; vgl. damit auch die nicht immer 
übereinstimmenden Statuten der einzelnen societates: Oaudenzi Stat. 
1, 288 Nr. 44; 235 Nr. I; 228 Nr. 43: 7 Nr. 6; 345 Nr. 44; 149 Nr. 2; 
154 Nr. 24; St.-A. Bol. Statut der draperiivon 1256; Statut der magistri 
muri von 1258 

122. Oaudenzi 2, 119 Nr. 5. 


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Gesetzgebung in die Hand. Das consilium speciale et 
generale comunis wurde zwar nicht beseitigt, aber seine 
Kompetenz darauf beschränkt, die ihm vorgelegten Be¬ 
schlüsse des consilium populi mit seiner formellen Sanktion 
zu versehen. 

Zur Leitung des neuen Volksrats reichte die vielköpfige 
Behörde der Anzianen und Konsuln, die noch dazu von den 
inneren Parteiungen gelegentlich beeinflußt wurden, nicht aus. 
Daher schritt man 1255 auch zur Berufung eines capitaneus 
populi aus 'der Fremde 123 . Andere Comuncn hatten sich schon 
früher als die Renostadt dazu entschlossen. Als direktes 
Vorbild diente Rom vielleicht, wo der zum Senator er¬ 
hobene Bolognese Brancaleone degli Andalo zur Zeit ein dem 
Popolo freundliches Regiment führte und sich Volkscapitan 
nannte 124 . Die Nachrichten über den Bologneser capitaneus 
fließen nur spärlich. Er pflegte wie der Podesta aus seiner 
Heimat eine familia mitzubringen, die sich aus ein oder 
zwei iudices oder vicarii, ein oder zwei milites, Notaren 
und andern Personen zusammensetzte 125 . Nach Amtsschluß 
hatte er sich, wie das Haupt des Comune, einer Prüfung 
vor dazu gewählten Syndici zu unterziehen 126 . Sein Ge¬ 
halt betrug anfangs tausend, später tausendfünfhundert lib. 
Bon. 127 . Wie weit der Podesta durch ihn in seinen Be¬ 
fugnissen beschränkt wurde, wie weit er selbst wiederum von 
den Anzianen und Konsuln abhängig war 128 , läßt sich nicht 


123. Der erste, Jordanus de Lucino, ist seit März nachweisbar 
(Statut der cartolarii im St.-A. Bol.), war noch in den ersten Monaten 
von 1256 im Amt; vgl. Sarti 2, 48. 

124. Vgl. darüber später. 

125. Belege in gedruckten und ungedruckten Dokumenten. 

126. St.-A. Bol. Podesta Lib. contractuum von 1273. 

127. Sav. Nr. 717 Reg. nuovo fo. 208; Podesta Lib. contractuum 
von 1269. 

128. Mit ihrer Zustimmung hielt er das consilium populi ab; 
vgl. z. B. Sav. Nt. 768 Bibi. Classense zu Ravenna Arch. com. 
ant. Nr. 58 rosso A. 


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angeben 129 . Bald nach seiner Einführung wurde das Amt 
vorläufig wieder abgeschafft. Da sich bei den Unruhen von 
1256 gerade der damalige capitaneus am wenigsten be- 
währte 130 , traten die Anzianen und Konsuln in ihre alte 
Stellung zurück 131 . Erst von 1267 ab folgten sich die Volks- 
capitane 132 wieder regelmäßig in jährlichem Wechsel bis 1274. 
Offenbar in Zusammenhang mit der Wiedereinrichtung der 
Behörde griff auch eine Aenderung des consilium populi 
Platz 133 . Es wurde zum consilium et massa populi er¬ 
weitert 134 , indem jede societas außer ihren bisherigen con- 
siliarii noch vier sapientes masse hineinschickte 135 . Die 


129. Er besaß richterliche Befugnisse, auch gegenüber Nicht* 
popolaren (vgl. St.-A. Bbl. Memorial. Aldrovandini Marsigli fo. 39 v 
zu 1269; Anziani Rif. e Prov. zu 1271; Qriffoni 18); aber übte 
keine bestimmten militärischen Funktionen aus; vgl. auch Salzer 
144 ff., 284 ff. 

130. Vgl. Frati Stat. 3, 399; Sav. Nr. 717 St.-A. Bol. Reg. nuovo 
fo. 208. Ueber den Capitan von 1236 Bonacursus de Surisina vgl. 
später; sein Nachfolger Gregorius Frigidus ist das ganze Jahr 1257 
hindurch nachweisbar. 

131. Vgl. Frati Stat. 3, 380 Nr. 125e; 3, 444f.; vgl. auch oben 
S. 338 Anm. 116. — Angemerkt sei hier, daß 1264/5 als ihr Beirat 49 
sapientes, gewählt von den societates,'J[erwähnt werden; vgl. Frati 
Stat. 3, 612; Brief Urbans IV. in Guiraud Registres 3 Nr. 2718; 
St.-A. Bol. Anziani Prov. e Rif. zu 1265. 

132. Der erste Guideste de Pontecarali ist seit dem Sommer 
1267 und dann noch das Jahr 1268 hindurch nachweisbar. Nachdem 
der Capitan von 1269, der bis zum Jahresschluß hätte bleiben sollen, 
schon vorher abgedankt hatte (St.-A. Bol. Pod. Lib. contractuum 
zu Oktober 8), traten seine Nachfolger nicht mehr am 1. Januar, 
sondern an einem nicht genau erkennbaren Termin im November 
Ihr Amt an. Im' übrigen vgl. die Angaben Saviolis. 

133. Gelegentlich wurde es auch noch allein erwähnt; vgl. 
St.-A. Bol. Riformazioni Statuta (gesammelt 1288) zu 1269; Ufficio 
degli statuti Commissioni notarili zu 1270. 

134. Sav. 754 Stadt-A. Imola Mazzo 3 Nr. 6; Sav. Nr. 770 
Stadt-A. Modena Reg. antiq. fo. 145 v; Ficker 4, 471 Nr. 468 etc 

135. Vgl. Statut der fabri von 1270 im A. Malvezzi-Medici 
zu Bol.; Statut der mercjarii von 1273; Zusätze zu Statuten der 


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formelle Bestätigung der reformationes des Volksrats durch 
das consilium comunis behielt man noch bis zur Re¬ 
volution bei 136 . 

Mit dem Jahre 1256 war der Popolo zur Höhe der 
Macht gelangt. Aber alsbald machten sich die ersten An¬ 
zeichen des Niedergangs bemerkbar. In dem Kräfteverhältnis 
der einzelnen Genossenschaften zueinander trat eine bedenk¬ 
liche- Verschiebung ein. 

Zum Verbände der Popolaren gehörten damals 137 die 
zwanzig sich über die Stadtquartiere verteilenden societates 
armoram. Dazu kamen die Genossenschaften der Lombardi, 
Toschi, della Stella und jetzt auch die beccarii. Die Fleischer 
hatten schon früher vor den übrigen niederen Zünften eine 
bevorzugte Stellung eingenommen 138 . Ihre Verdienste bei 


Schise de Saragozza von 1262; Matrikel der Sbarre von 1272, alles 
im St.-A. Bol. Auch die mercatores (Gaudenzi Stat. 2, 119 Nr. 5), 
also auch die campsores erwählten sapientes masse; doch kennen wir 
ihre Zahl nicht. 

136. Erst nach der Revolution wurde das alte consilium comunis 
abgeschafft. Damals wurde ein consilium der 400 eingerichtet (St.-A. 
Bol. Riformazioni Statuta, gesammelt 1288, zu 1274 Juni 21), das im 
folgenden Frühjahr um 200 Mitglieder vermehrt wurde (Ufficio del 
capitano Cavalii) und gelegentlich allein tagte (Davidsohn Forsch. 
3, 28 Nr. 92). Meist wurde es in erweiterter Form als consilium 
der 400 (resp. 600) et populi (oder et masse populi) berufen (vgl. 
z. B. Memorial. Petrizoli Gexi fo, 29 zu 1274 Dezember 3; Rifor^ 
mazioni Statuta, gesammelt 1288, zu 1275 und 78; Stadt-A. Modena 
Reg. antiq. fo. 231 zu 1278; Sarti 2, 196). Auch tagte das Con¬ 
silium populi et masse (St.-A. Bol. Dem. S. Francesco Cass. 337/5080 
Nr. 63 zu 1279); dann gab es noch ein consilium spcciale et generale 
populi, bestehend aus 4000 Mitgliedern (Podesta Libri extraordinär. 
Cride von 1275). Im übrigen vgl. Vitale II dominio della parte 
guelfa in Bologna 32 ff. 

137. Vgl. Frati Stat. 3, 450; 3, 462; vgl. auch die Verzeich¬ 
nisse von 1274 und 78 in Ordjnamenti sacrati ed. Gaudenzi in Monum. 
istor. di Romagna 237 (vgl. dazu St.-A. Bol. Memorial. Petrizoli 
Gexi fo. 29) und 242. 

138. Vgl. Frati 3, 207 ; 3, 224 (zu 1245 gehörig; vgl. Oaudenzi 


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Unterdrückung der Unruhen von 1256 verschafften ihnen 
die Erhebung zur societas armi und das Privileg, daß ferner¬ 
hin einer der neun anziani pro artibus immer aus ihrer 
Genossenschaft gewählt würde 139 . Die zweite Gruppe 
bildeten die neunzehn Zünfte. Unter ihnen war die Metall¬ 
industrie nur durch die societas maior der Schmiede ver¬ 
treten. Die Tücher fehlten ganz. Sie wurden wohl als eine 
künstliche Schöpfung mit wesentlich fremden Mitgliedern 
vom Regiment femgehalten. 

Den Großkaufleuten und Wechslern war bisher eine 
alle andern Genossenschaften überragende Position ein¬ 
geräumt worden. Auch bei der Gesetzgebung von 1255 
und 56 kam das noch in der Zusammensetzung des Con¬ 
silium populi und der Statutenkommission zum Ausdruck. 
Aber ihr schon begonnener wirtschaftlicher Verfall übte auch 
auf die Verfassungsreformen seine Wirkung aus. Wenn die 
Zahl der Anzianen auf siebzehn erhöht wurde, während die 
Zahl der Konsuln der mercatores und campsores, wie bis¬ 
her, auf acht festgesetzt blieb 140 , so zeigt das deutlich die 
Tendenz, ihren Einfluß zurückzudrängen. Wenige Jahre 
später mußten sie es sich gefallen lassen, daß ihnen die 
Regierung die Verwaltung der städtischen Münze entzog 141 . 
Ihre Rivalen wurden die Notare, die wohl erst seit kurzem 
in die Gemeinschaft der Popolaren eingetreten waren. Ver¬ 
mutlich hat der uns bereits bekannte Rolandino dei Passaggeri 


Stat. 2, 59 unten); auch Salvemini in Public, dell' Istituto di Studi 
superiori Sez. filos.-filoL 32, 70 f. 

139. Frati 3, 385 f. 

140. Gandenzi Stat. 2, 108 Nr. 5. Das ergeben auch die uns 
erhaltenen Konsulnlisten. 

141. Der oben S. 329 Anm. 68 erwähnte Münzvertrag wird 
in den Statutenkodices von 1264 und 67 (Frati 1, 67) nicht mehr 
genannt. Auch die Statuten der mercatores sagen nichts mehr über 
die Münze. Das Gotniuie selbst übernahm die Verwaltung der 
Münze; vgl. Sav. Nr. 742 St.-A. Bol. Podesta Lib. contractuum von 
1264; Sarti 2, 53; St.-A. Bo). Affitti dei dazi zu 1270 Sept. 24. 


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schon bei diesem Schritt seiner Berufsgenossen entscheidend 
mitgewirkt. Es entstand nun eine Krise in der Leitung des 
Volkes, die erst mit dem Siege des Passaggeri und der 
Notare nach der Revolution von 1274 ihren Abschluß fand. 


§ 2 . 

Uebersicht über die Verfassung um 1250. 

In diesem Abschnitt soll die Entwicklungsgeschichte 
der Bologneser Verfassung durch eine Schilderung ihres 
Zustande? um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts er¬ 
gänzt, dabei .auch näher, als bisher geschehen, auf das 
Wesen der einzelnen Behörden eingegangen werden. Wir 
wählen diesen Zeitpunkt, weil die einzige erhalten gebliebene 
Redaktion der statuta populi ins Jahr 1248 gehört und die 
ältesten Kodices der statuta comunis sich auf die Jahre 
1250—67 verteilen. 

Unsere Uebersicht beginnt mit dem Comune. 

Die gesetzgebende Körperschaft des Comune war da¬ 
mals das vereinigte consilium speciale et generale. Die Wahl 
zum consilium speciale erfolgte jährlich 1 in den zwei letzten 
Wochen ad brevia im consilium speciale et generale. Es 
bestand aus fünfhundert 3 Mitgliedern, hundertfünfund¬ 
zwanzig für jedes Quartier. Welche Eigenschaften zum 
passiven Wahlrecht verlangt wurden, wissen wir nicht. Die 
Wahl des consilium generale 3 geschah binnen drei Tagen 
nach der des speciale und vollzog sich in gleicher Weise. 
Seine sechshundert consiliarii mußten Bürger und Bewohner 
von Bologna sein und über Immobiliarbesitz verfügen. Schon 
das entspricht wenig modern demokratischen Anschauungen. 
Dazu wurden in den fünfziger Jahren, gerade auf Antrag 

1. Frati Stat. 3,-63f. 

2. Seit 1259 sechshundert. 

3. Frati 3, 64 f. 


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der Popolaren 4 , alle Lohnarbeiter, die verachteten Berufe 
und die Gewerbe, denen die Zunftbildung verboten war, 
vom consilium comunis ausgeschlossen und von seinen Mit¬ 
gliedern ein Estimo von mindestens 50 lib. gefordert 5 . Hin¬ 
gegen kann von einer Exklusion der Magnaten aus dem 
consilium speciale et generale nicht gesprochen werden 0 
Das Volk war der Aristokratie nur gleichberechtigt an die 
Seite getreten. 

Es kam noch vor, daß das consilium speciale allein 
tagte 7 , es besaß auch noch gewisse Befugnisse 8 . Sonst aber 
ruhte die Legislative im vereinigten consilium speciale et 
generale comunis, oder kurz im consilium comunis 9 . Hier 
stellte der Podesta oder sein Vertreter die Anträge, die dann, 
wenn angenommen, in die Stadtstatuten eingetragen 
wurden 10 . Zur Beschlußfassung waren für die einzelnen 
Fälle ganz verschiedene Majoritäten vorgesehen. Wichtig 
ist, daß dem consilium die eigene Initiative fehlte. Das 
Antragsrecht blieb den leitenden Beamten Vorbehalten 11 . 
Auch gehörten die officiales comunis zum consilium, durften 


4. Gaudenzi Stat. 2, 530 Nr. 1. Damals, 1251 war vom 
Popolo noch eine umfassendere Wahlrcforin beabsichtigt worden, 
von der aber nur die Erhöhung der electores auf fünf pro Quartier 
verwirklicht wurde. Ueber den Erfolg eines älteren Reformplans 
(Gaudenzi 2, 527 Nr. 63) verlautet nichts. 

5. Frati 3, 334 f.; 3, 66. 

6. Vgl. Sav. Nr. 693 St.-A. Bol. Reg. nuovo fo. 14; Stadt-A. 
Modena Reg. antiq. fo. 135 zu 1249; St.-A. Bol. Elezioni per i 
consigli Fragm. von 1251. 

7. Frati 3, 75; Tiraboschi Nznantola 2 Nr. 443; Gaudenzi 
Stat. 2, 492 Nr. 6; St.-A. Bol. Lib. dei processi in pergam. zu 1233. 

8. Vgl. Frati 1, 68; 3, 107 f. 

9. Oefter dafür ungenau cons. generale gesagt. Daß das 
ccns. gen. allein tagte, ist nicht bekannt. — Bezüglich des Rechtes, 
das cons. zu versäumen, vgl. Frati 1, 93ff.; St.-A. Bol. Elezioni per 
i consigli zu 1250. 

10. Vgl. Frati 1, 63 etc. 

11. Vgl. Frati 3, 72; 3, 555. 


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aber nur dann an der Abstimmung teilnehmen, wenn sich 
Stimmengleichheit ergeben hatte 12 . Wir verzichten darauf, 
die einzelnen Funktionen der städtischen Ratsversammlung 
aufzuzählen, heben nur ihr Recht hervor, die Beamten 13 
und, ;wie schon erwähnt, das neue consilium comunis zu 
wählen. 

Neben dem consilium gab es noch immer die alte contio, 
die jetzt auch arengum genannt wurde 14 ; ihre Bedeutung 
war gegen früher nicht gewachsen 15 . 

Die Exekutive lag den Beamten ob, ihr Haupt war der 
Rodesta. Er wurde jährlich vom consilium in einem be¬ 
sonderen Wahlang ad brevia gewählt 16 . Dabei übten natür¬ 
lich die jeweilige äußere und innerpolitische Lage und. die 
persönlichen Qualitäten der Kandidaten — es gab über sie 
auch statutarische Bestimmungen 17 — einen entscheidenden 
Einfluß aus. Doch lassen sich auch gewisse allgemeine 
Grundsätze nachweisen. Aus den Gegenden, wohin Bolo¬ 
gnas politische und wirtschaftliche Interessen gravitierten, 
aus der Romagna und Ferrara wurde niemals ein Stadt¬ 
leiter berufen 18 . Toscaner fehlten zwar nicht, aber man 
bevorzugte die durch ihre comunale Entwicklung schon 
besser geschulten Lombarden. Das größte Kontingent 
stellten die Mailänder, die sich der gleichen Beliebtheit auch 


12. Vgl. Frati 3, 20; 3, 67 und die' Beispiele in den Urkunden. 

13. Vgl. Frati 3, 19ff.; 3, 49ff. etc. 

14. Frati 3, 635. 

15. Vgl. Frati 1, 63, 36, 152 ; 3, 53, 298; 1, 373; 3, 580, 

635; Sav. Nr. 660 St.-A. Bol. Lib. rer. div. Dir. del. Com.; Sav. 

Nr. 710 Reg. nuovo fb. 102 v etc. 

16. Frati 3, ,19, 21 f., 38 =- ,23; Sav. Nr. 617 St.-A. Bol. 

Cod. nomine de Fodesta. 

17. Frati 3, 45ff.; 3, 36f. = 3, 23f.; 1, 57. 

18. Nur der Podesta von 1234 stammte aus Faenza; vgl. 
Frati 1, 366 Anm. a. 


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in andern Städten 19 erfreut haben müssen 30 . Für das feudum 
podestatis galt die Vorschrift 31 , daß das Comune nur ihn 
selbst besoldete, daß er seine familia aus eigener Tasche 
zu erhalten hatte. Er erhielt 2000, später 3000 lib. 33 und 
einige weiteren Bezüge und Entschädigungen 33 . Der Bolo¬ 
gneser Podesta unterschied sich in nichts Wesentlichem von 
dem in Italien allgemein üblichen Typus 34 . Er war im Kriege 
Höchstkommandierender, im Frieden der oberste Beamte. 
In seinen Händen ruhte auch die Gerichtshoheit, die sich 
über die Stadt und den ganzen District erstreckte 35 . Durch 
seinen Amtseid war er an die Statuten, wo diese fehlten, 
an die consuetudo gebunden 36 . Allgemeine Befreiung da¬ 
von durfte ihm nicht gewährt werden 37 . Nur räumte man 
ihm, um dem wachsenden Unfrieden in der Stadt zu steuern, 
eine nicht unbeträchtliche arbiträre Strafgewalt ein 38 . Nach 
Amtsschluß hatte sich der Podesta mit seiner familia vor 
den dazu gewählten Syndici zu verantworten 39 . Als Strafe 
kannten die Statuten nur Zahlung einer Geldsumme. Ver- 


19. Vgl. z. B. wegen Genua Caro Die Verfassung Genuas 
35; wegen Florenz Hartwig Quell, und Forsch, zu Florenz 2, 195 ff. 
und Davidsohn Forsch. 4, 536; wegen Verona Monumenti di storia 
Veneta Ser. 3 Chron. 2, 387 ff. 

20. Zu den Einladungsschreiben vgl. Sav. Nr. 617 Cod. nomine 
del Podesta; Sarti 2, 61; Formulare des Guido Faba in II Pro- 
pugnatore N. S. 5, 2, 66 f.; 6, I, 366 f.; des Rol. Passagerii in 
Du Cange-Favre Glossarium mediac latinitatis 6, 439. 

21. Frati 1, 23; Sav. Nr. 617. 

22. Sarti 2, 61. 

23. Frati 1, 22-26; 1, 28; vgl. auch Sav. Nr. 617; Sarti 2, 61. 

24. Vgl. Salzer 67—71. 

25. Vgl. Frati Stat. passim; auch Palmieri in AMR. 3, 18, 145. 

26. Frati 1, 22; 1, 30; 1, 72. Wer bei sich widersprechenden 
Statuten die Entscheidung hatte, ist nicht klar; vgl. Frati 1, 60 und 
3, 488. 

27. Vgl. Frati 1, 72; 1, 61; auch 2, 131 = 3, 103. 

28. Salzer 76 ff. 

29. Vgl. Pertile 2, 1, 104; Frati 1, 59; 3, 98ff.; 3, 167 = 
164; SaV. Nr. 617; St.-A. Bol. Ufficio dei Rrocuratori Prigioni 
Fragm. zu ,1252; Memorial. Ysnardi de Pizolpole fo. 8 zu 1270. 


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greifen an der Person konnte nur auf illegalem Wege er¬ 
folgen. 

Zur familia potestatis 30 gehörten die Notare 31 , die 
milites 32 , deren Pflichten nicht bestimmt umgrenzt waren 33 , 
und die iudices. Deren gab es anfangs zwei, dann drei, 
seit 1253 vier, seit 1265 sogar sechs 34 . Sie waren die 
studierten Berater des in der Regel nicht wissenschaftlich 
gebildeten Podesta 30 . Bei seiner Abwesenheit vertraten sie 
ihn als vicarii in fast allen Obliegenheiten 36 . Im besonderen 
war einer der iudices zum colligendum denarios comunis 
ausersehen und beteiligte sich als solcher 37 an der Ver¬ 
waltung der städtischen Finanzen und der Beaufsichtigung 
des massarius 38 . Zwei andere betraute man mit der Führung 
der Zivilprozesse, die ein Wertobjekt von 20 lib. und mehr 
betrafen. Dem 1253 zugekommenen iudex wurde die Straf¬ 
gerichtsbarkeit übertragen 39 . Im Gegensatz zum Podesta 


30. Die er aus seiner Heimat mitbrachte; vgl. Frati 1, 74 
unten. Zur familia gehörten auch berruerii, domicelli und scutiferi; 
vgl. Sarti 2, 62. 

31'. Es waren «rst 2, dann 4, dann 6; vgl. Sav. Nr. 617; 

Frati 1, 73; 1, 23; 1, 85; Sarti 2, 61. 

32. Zuerst 2, dann 4; vgl. Du Cange-Favrc Glossarium mediac 
latinitatis 6, 439; Sarti 2, 62. 

33. Vgl. Frati 1, 84; 1, 341; 2, 137. 

34. Vgl. Sav. Nr. 617; Frati 1, 73; 3, 647; Sarti 2, 62 (61 

wird nur von vier gesprochen); dazu dje urkundlichen Notizen. 

35. Vgl. Odofredo in AMR. 11, 195 Anm. 4; Frati 1, 73. 

36. Frati 1, 81. Stadt-A. Imola Libro rosso fo. 28 v enthält 
die Ernennung eines solchen vicarius von 1263; vgl. auch Pertile 

2, 1, 140. 

37. Ihm stand eine städtische Kommission zur Seite (Frati 

3, 23 = 25 = 29; dazu Erwähnungen in den Akten von 1261—74). 
Ihr Platz war der discus Ursi. 1266 wurden (St.-A. Bol. Memorial. 
Johannini Christiani fo. 6) bei ihnen aufgehoben die libri condemp- 
nationum, impositionis bladi und collectarum. 

38. Frati 1, 73; 2, 145; 2, 66. 

39. Frati 1, 73 f.; 1, 77; vgl. Palmieri in AMR. 3, 17, 234 
und 36. 


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waren die iudiccs wirklich tätige Richter 10 . Auch gaben 
sie Rechtsgutachten und übten bei Lehnsstreitigkeiten ge¬ 
wisse Befugnisse aus 11 . 

Von der familia potestatis sonderten sich scharf die 
officiales ordinarii comunis. Sie mußten cives und Bewohner 
Bolognas sein und über ein Vermögen von zweihundert lib. 
verfügen oder Bürgen stellen 12 . Der Amtswcchsel erfolgte 
halbjährlich am 1. Januar und 1. Juli 13 . Alle wurden im 
consilium comunis in einem einzigen Wahlgang gewählt. 
Dabei vollzog sich die Wahl quartierweise, wie auch die 
einzelnen Aemter unter die Stadtquartiere verteilt wurden 14 . 
Das nannte man die electio generalis officialium 15 . Die 
Beamten bezogen feste Gehälter 10 , auch ihre übrigen An¬ 
sprüche waren genau bestimmt 17 . Sie hatten einen allge¬ 
meinen Amtseid neben ihrem besonderen sacramentum zu 
leisten 18 . Verfehlungen im Amt wurden mit Geldstrafen 
und Entziehung des passiven Wahlrechts geahndet 19 . Eine 
Gruppe für sich bildeten die officiales extraordinarii. Aber 
auch sie wählte, wenn sie ein Gehalt von wenigstens einer 
lib. bezogen, das consilium comunis. Zu ihnen gehörten 
die ambaxatores und die supraguardie noctis 50 . 


40. Kantorowicz Albertus Gaiulinus 1, 50. 

41. Frati 1, 79 f.; 2, 195 ff. 

42. Vgl. Frati 3, 102ff.; 3, 190; auch 3. 17; 3. 58; dazu 
St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 421 v und 427 v. 

43. Frati 3, 159 = 156; 3, 34. 

44. Frati 3, 21 ff. 

45. Frati 3, 353; 3, 59 f.; vgl. auch 1, 57. — Es gab genaue 
Vorschriften darüber, wie lange gewesene officiales nicht wieder- 
gcwählt werden durften (Frati 3, 56 ff.). 

46. Frati 3, 153 ff. 

47. Frati 3, 163 = 3, 160 etc. 

48. Frati 1, 231—33. 

49. Vgl. Frati 3, 106; I, 307; 1, 36; 1, 113. 

50. Frati 3. 202; vgl. 3, 17$ -83; 3, 106; auch Gaudcnzi Stat. 
1, 129 Nr. 38. 


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Unter den offidales comunis hatten in früherer Zeit 
die milites iustitie den ersten Platz eingenommen. Nach 1228 
werden sie in den Urkunden immer seltener erwähnt, auch 
in den Stadtstatuten treten sie nicht mehr besonders hervor 51 . 
Dafür lassen sich zwei Gründe anführen. Einmal wurden 
sie zusammen mit der aristokratischen curia von den 
Popolaren aus ihrer Stellung als Beirat des Podesta ver¬ 
drängt. Dann machte das Amt noch folgende Entwicklung 
durch: Anfangs wird cs üblich gewesen sein, milites iustitie 
gelegentlich für besondere Zwecke zu verwenden. Später 
übertrug man einzelnen von ihnen dauernd bestimmte Auf¬ 
gaben. Diese trennten sich immer mehr von den übrigen 
milites und nahmen den Charakter besonderer Beamten an. 
Das gleiche läßt sich bei den iudices comunis beobachten. 
Auch von ihnen erhielten einzelne dauernd bestimmte Auf¬ 
träge und schieden infolgedessen aus dem Kreise ihrer bis¬ 
herigen Kollegen aus. Schließlich bürgerte sich der Brauch 
ein, eine Reihe von Stadtbehörden mit je einem oder 
mehreren iudices comunis und milites iustitie zu besetzen, 
die dann in ihren neuen Titel von ihrer alten Amtsbezeich¬ 
nung nur das Wort iudex, respektive miles herübernahmen 53 . 

Die einzelnen Behörden lassen sich in vier Gruppen 
ordnen. 

Zuerst die Gerichts- und Polizeibeamten. — Allgemein 
wurde von den iudices comunis ein fünfjähriges Studium 
verlangt 53 . Wie schon früher gab es executores senten- 
tiarum 54 und besondere Zivilrichter, die sich wahrschein¬ 
lich, im Gegensatz zu den beiden iudices potestatis, mit 


51. Vgl. Frati 1, 115 ff.; 3, 174; 3, 29 = 31 = 32 ; 3, 28 = 
30 = 32; 3, 20 — 29. 

52. Vgl. oben S. 326 Anm. 43 und unten Anm. 60. 

53. Frati 1, 119. 

54. Vgl. Frati 3, 30 = 31 = 28; 3, 154 = 153. Im übrigen 
sind diese und die folgenden Angaben dem urkundlichen Material 
entnommen. 


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Streitsachen im Werte bis zu zwanzig lib. zu befassen 
hatten 65 . Anfangs zerfielen sie in die iudices causarum 
veterum und novarum. Bald aber scheinen erstere wieder 
abgeschafft worden zu sein 56 . Bei den domini maleficiorum 
können wir weder die Scheidung der cause nove von den 
veteres, noch ihre Kompetenzgrenze gegenüber dem iudex 
potestatis ad maleficia klar erkennen 57 . Kaiserliche 
Appellationsrichter werden jetzt nicht mehr erwähnt; dafür 
finden sich vier städtische 58 . Ihnen übertrug man wohl nur 
Zivilsachen 59 . An diese Gerichtsbeamten schlossen sich die 
officiales an, die die Bannlisten verwalteten 60 . Ihre libri 


55. Palmicri in AMR. 3, 17, 236; 18, 145. 

56. Vgl. Fra« 1, 390; 3, 30 = 32 = 28. — Als 1269 das 1 

officium caposoldorutn (vgl. unten S. 386) abgeschafft wurde, da 
wurde jedem iudex cansarum noch ein tnilcs zugesellt (A. Lam- 

bertini zu Poggio Rcnatio»), 

57. Vgl. Frati 3, 29; 3, 29 — 31 f= 30; 3, 31 = 32; 1, 

315; 2, 56; 3, 136 = ,1, 291. — 1265 (Frati 3, 647) sollte das 

Amt abgeschafft und dafür vom Podesta ein iudex aus der Fremde 
mitgebracht werden. Letzteres geschah auch (vgl. oben S. 348 
Anm. 34), aber die heimische Behörde blieb, wie die Akten er¬ 

geben, bestehen. 

58. Seit 1241 urkundlich nachweisbar. Für jedes Quartier gab 
es einen. 

59. Vgl. Frati (1, 398 f.; 3, 27 = 29; Paradigma bei Rol. 

Passagerius 2, fo. 116v. — Ueber den iudex pauperum vgL Frati 

1, 214; 3, 161 = 157; 3, 24 = 26; dazu Pertile 6, 1, 186; 

Palmieri in AMR. 3, 17, 242. 

60. 1222 wird die Behörde zuerst erwähnt (St.-A. Bol. Reg. 

grosso 1, fo. 427 v). 1234--37 finden sich dann prepositi officio 

bannitorum, die als milites oder genauer als milites histitie be¬ 

zeichnet werden (Podesta Libri dei processi in pergam.). 1245 
werden ein iudex und ein miles iustitie presidentes off. bann, er¬ 
wähnt (ebenda). Dem entsprechen die Statuten (Frati 3, 29 = 31 
— 26). 1265 (Frati 3, 647) sollte das Amt abgeschafft und dafür 
vom Podesta ein iudex aus der Fremde mitgebracht werden. Letz« 
teres geschah auch (vgl. oben S. 318 Anm. 34), aber die heimische 
Behörde blieb bestehen (die Bestimmungen über sie fehlen nicht 


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bannitorum zerfielen in solche pro debito und solche pro 
maleficio und sonderten sich in die für cives und die für 
forenses, denen auch die comitatini zugerechnet wurden 61 . 
Dazu kamen die extimatOres. Sie nahmen, wie uns schon 
bekannt, Teilungen, Grenzbestimmungen und Zwangsvoll¬ 
streckungen vor, auch besorgten sie die Zusammenlegung 
ländlicher Grundstücke 62 . Endlich sind die yscarii, die Ge¬ 
werbe- und Gesundheitspolizei, zu nennen 63 . Sie verwalteten 
das Aichamt, beaufsichtigten den Gebrauch von Maß und 
Gewicht und übten über die Lebensmittelhändler und -Produ¬ 
zenten die allgemeine Kontrolle aus. Auch überwachten sie 
Straßen, Kanäle und Brunnen 64 . Eigentlich erstreckten sich 
ihre Befugnisse nur über die Stadt und die-guardia 65 , aber 
die yscarii districtus waren von ihnen abhängig 66 . 

Eine zweite Gruppe bildeten die Finanzbeamten. Von 
ihnen heben wir als die wichtigsten den procurator und 
den massarius hervor. Die zwei procuratores 67 verwalteten 
das städtische Vermögen 68 , schlossen alle Kontrakte im 


im Statutenkodex von 1267, auch läßt sie sich weiter urkundlich 
nachweisen). 

61. Vgl. Frati 1, 121; 1, 150; 1, 351 etc.; dazu die zahlreichen 
erhaltenen Bannlisten im St.-A. Bol.; ferner daselbst auch die alpha¬ 
betischen Register, das älteste von 1232. 

62. Frati 1, 139ff.; 2, 141; 3, 22 = 25 = 28 ; 3, 24 == 

26 29; von den zahlreichen urkundlichen Erwähnungen führe 

ich an: (St.-A. Bol. Dem. S. Francesco Cass. 6/4138 Nr. 27) 1249 
ein iudex und ein miles ext. 

« 3 . Vgl. Frati 3 , 154; 8, 33 ; 3 , 34 = 33 . Schon 1222 nachweis¬ 
bar (Reg. grosso. 1, fo. 421 v). 

64 . Frati 1, 176—212; 2 , 71; 2 , 255 ; 1 , ‘ 308 ; 1, 322 ; 2, 363 ; 2, 
358 ; 2, 234 u. 36 USW. 

65. Frati 1, 180. 

66. Frati 1, 179 f.; 1, 154. 

67. Frati 3, 23 => 25 = 27. In den Urkunden wird erst 
seit 1260 sorgfältig zwischen iudex und miles unterschieden. 

68. Frati 1, 106ff.; 1, 359; 2, 69. 


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Namen des Comune 69 , vergaben und beaufsichtigten die 
öffentlichen Arbeiten 70 und sorgten für die Instandhaltung 
der öffentlichen Gebäude 71 . Auch übten sie eine gewisse 
Kontrolle über die übrigen officiales ihrer Amtsperiode aus 72 
und beaufsichtigten besonders den massarius 73 . Diese Be¬ 
hörde wurde anfangs einfach oder doppelt besetzt. In den 
dreißiger Jahren gab es vier massarii, wohl je einen für 
ein Quartier. 1242 etwa erfolgte die Vereinigung des Amtes 
in der Hand eines einzelnen 74 . Von 1265 bis 74 wurde es, 
wie es auch in andern Städten zu geschehen pflegte 75 , einem 
Mönch übertragen 70 . Der Schatzmeister handelte nie selb¬ 
ständig, sondern stets im Aufträge des Podesta oder einer 
andern Behörde 77 . Ueber seine Kontrolle in älterer Zeit 
wissen wir nichts. Seit 1249 war er zu einer monatlichen 
und dann noch zu -einer Generalrechnungsablegung nach 
Amtsschluß verpflichtet. Der iudex potestatis'ad colligendum 
denarios comunis, ein procurator und dazu drei besondere 
Kommissionen nahmen die Prüfung vor 78 . 


69. Frati 3, 192f.; 1, 112; dazu die urkundlichen Nachrichten. 

70. Frati 1, 108, 114; 2, 339. 

71. Frati 1, 140ff.; 1, 108. 

72. Frati 1, 113. 

73. Frati 1, 107; 1, 130; 2, 145; 2, 151; 1, 64 auch 3, 194. 

74. Das ergeben die Akten; vgl. auch Frati 3, 21 = 3, 24; 
auch 3, 53; 1, 133. 

75. Pertile 2, 1, 154. 

76. Das ergeben die Urkunden. Anfang 1274 waren es wieder 
Laien (St.-A. Bol. Memorial. Cavazoci de Albergatis fo. 4v). 

77. Frati 1, 129 ff. Verzeichnisse der an ihn ergangenen Zah¬ 
lungsbefehle von 1254 und 55 in St.-A. Bol. Tesoreria. 

78. 1. Vier Männer mit mindestens 100 lib. Vermögen, ge¬ 
wählt im consilium auf sechs Monate. 2. Vier Männer, von den 
officiales ernannt. 3. Sechzehn Männer, vier pro Quartier, von 
denen seit 1253 die Hälfte aus mercatores und camp9ores bestehen 
mußte (Frati 2, 145; 1, 107; 3, 192; 1, 64; 1, 130; dazu die Bei¬ 
spiele von 1251 und 71 in Tesoreria Entrate e Spese und Camera 
Entrate). 


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Die allgemeine Kontrollbehörde waren die inquisitores 
rationis 79 . Sie untersuchten, ob die officiales der verflossenen 
Amtsperiode städtisches Vermögen veruntreut, ihr Amt auf 
unerlaubtem Wege erworben hatten, ob sie der Bestechung 
zugänglich gewesen waren. Besonders unterstanden ihrer 
Aufsicht alle Behörden der Landgemeinden 80 . Aber sie 
scheinen nicht ausgereicht zu haben. So setzte man wohl 
zu Anfang der fünfziger Jahre noch Syndici ein, die die 
officiales comunis zu prüfen hatten 81 . Wie das vor sich ging, 
iwird nicht genau gesagt. Doch ist zu vermuten, daß sie 
mit ähnlicnen Befugnissen wie die besonderen Syndici 
potestatis ausgestattet waren. 

Zu den Unterbeamten rechnen wir die notarii comunis 
und die nuntii. Bei den Notaren hörte im Laufe der Zeit 
die anfänglich lange Amtsdauer auf, und mit dem steigenden 
Umfang der Geschäfte vermehrte sich rasch ihre Zahl 88 . 


79. Anfangs waren sie wahrscheinlich nur fünfzig Tage im 
Amt (Frati 3, 160; das* Statut scheint versehentlich im Kodex von 
1250 stehen geblieben zu sein). Seit 1245 wurden sie den officiales 
comunis eingegliedert, blieben 9 ogar ein Jahr hn Amt (Frati 3, 
81—83; 3, 154; 3, 34 = 36). 

80. Frati 1, 162ff.; 3, 64; 3, 110; 3, 148; 3, 162; 1, 237; 1, 37. 
8le beaufsichtigten auch die Steuern, die öffentlichen Arbeiten usw. 

81. Frati3, 220; 1, 165; 8, 216; 1,58; 2, 363; 2, 151. Nach 1260 

scheinen die inquisitores rationis ganz abgeschafft worden zu sein 
(so fehlt ihr Amtseid, Frati 1, 152, in den Kodices 1262—67. Wenn 
sie an anderen Stellen noch bis 1267 genannt werden, muß es 
aus Nachlässigkeit geschehen sein). Das hing vielleicht mit einer 
Reform des Amtes der Syndici zusammen. Schon 1257, hatte man 
beschlossen, die Prüfung der officiales dieses Jahres durch einen 
aus der Fremde berufenen syndicus vornehmen zu lassen (Frati 3, 
418). 1262 beschloß man, daraus eine dauernde Einrichtung zu 

machen (Frati 3, 395 ff.). Leider fehlen alle Nachrichten über die 
Ausführung der .Maßregel. Auch scheinen die städtischen Syndici 
daneben beibelialten «worden zu sein (vgl. Frati 2, 151; 1, 58; 
2, 363). 

82. 1219 sind es schon acht (Gaudenzi Stat. 2, 486 Nr. 2). 


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Auch wurden sie, ähnlich wie die milites iustitie und die 
fridices comunis, bestimmten Behörden zugewiesen 83 . Nuntii 
gab es zweihundert 84 . Sie gehörten nicht zu den eigentlichen 
officiales comunis und besaßen eine besondere Organisation 
unter selbstgewählten ministrales. 

Zum Schluß seien die compositores statutorum erwähnt. 
Sie besorgten nur die Redaktion der Stadtstatuten 85 , während 
die Entscheidung über alle sachlichen Aenderungen und 
Zusätze beim consilium comunis lag 86 . Interessant ist die 
Zusammensetzung dieser Behörde. Unter den acht Mit¬ 
gliedern befanden sich ein mercator, ein campsor, zwei de 
minutis artibus, zwei iudices und zwei milites 87 . Danach 
hatten die Popolaren in der Regel das Uebergewicht. Aber 
die iudices standen den Magnaten näher als dem Volk, 
und als milites, das heißt als solche, die der Stadt zu Pferde 
dienten, konnten auch Aristokraten in die Kommission ge¬ 
wählt werden. Ein ähnliches Verhältnis werden wir für 
die gesamte städtische Beamtenschaft annehmen dürfen. 
Noch gab es unter den officiales comunis, zum Beispiel 
den procuratores, genug Mitglieder der vornehmen Ge¬ 
schlechter. Und dazu kamen die iudices, aus deren Reihen 
die iudices comunis hervorgingen. Von einer Alleinherr¬ 
schaft des Popolo im Comune war damals noch keine Rede. 

Wenden wir uns nun zur Volksorganisation. 

Sie zeigte damals noch nicht ein so festes Gefüge, wie 
in der Periode nach 1255. Die Tendenz, die Aristokraten 
auszuschließen, machte sich wohl schon geltend, doch hielt 


33. Vgl. Frati 1, 146 ff. etc. 

84. Frati 3, : 77ff.; 1, 227ff.; 3, 92; 2, 87. In St.-A. Bol. 
Tesoreria Precepta massario von 1255 werden drei ministrales genannt. 

85. lieber deren verschiedene Exemplare vgi. Frati 1, 320 f. 
und 3, 183. 

86. Frati 3, 184ff.; 1, 217-222; vgl. auch 3, 189ff. 

87. Frati 3, 185; vgl. auch 3, 161 = 157 = 155; 1, 477; 
St.-A. Bol. Dem. S. Aginese Oass. 4/5594 Nr. 184 zu 1262. 


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man nur erst das Anzianenamt von ihnen frei 88 . — Eine 
Sonderstellung nahmen die Großkaufleute und Wechsler ein. 
Sie gehörten nicht direkt zum Verbände der übrigen 
societates, aber wie die andern Popolaren verpflichteten sie 
sich eidlich, sich bei den Unruhen nicht den Magnaten an¬ 
zuschließen, vielmehr dem Podesta beizustehen. Sie ge¬ 
horchten den statuta populi 89 und beteiligten sich an der 
congregatio populi 90 . Ihre Konsuln — es waren zur Zeit 
je vier pro cambio und pro mercadandia 91 — einigten sich 
mit den Anzianen über gemeinsames Vorgehen im consilium 
oomunis 92 . Die Konsuln der mercatores und campsores be¬ 
saßen demnach ebensoviel Befugnisse, als die Anzianen 
aller übrigen societates. Und wir tragen kein Bedenken, sie 
bis zu der 1256 beginnenden Krise als die eigentlichen 
Führer des Volkes anzusprechen. 

Die societates artium et armorum bildeten prinzipiell 
eine Einheit 93 . Zu den Pflichten der socii gehörte das Fern¬ 
halten von jeder Adelsparteiung und jedem feudalen Ab¬ 
hängigkeitsverhältnis. Sie hatten überall, auch als Mitglieder 
des consilium comunis, den Anordnungen des Anzianen Folg^ 
zu leisten 94 . Die Anzianen sind mit Recht den altrömischen 
Tribunen verglichen worden. Es waren damals zwölf, drei 
für jedes Quartier, von denen sechs die societates artium, 
ebensoviel die societates armorum vertraten 95 . Die Genossen¬ 
schaft, die einen Anzianen wählen sollte — in welchem 
Turnus das unter den societates wechselte, ist nicht be¬ 
kannt — tat es im corpus ad brevia. Der Gewählte blieb 


88. Gaudenzi Stat. 2, 506 Nr. 3; vgl. auch* 520 Nr. 41. 

89. Gaudenzi 529 Nr. 65. 

90. Gaudenzi 516 Nr. 29. 

91. Das ergeben die erhaltenen Verzeichnisse. 

92. Gaudenzi 529 Nr. 65. 

93. Gaudenzi 517 Nr. 33; 518 Nr. 36. 

94. Gaudenzi 503 Nr. 2; vgl. auch 518 Nr. 38. 

95. Vgl. Gaudenzi 502 Nr. 1 und die erhaltenen Verzeichnisse. 


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drei Monate im Amt und wurde von seiner societas besoldet. 
Bei den Zünften verlangte man von dem Kandidaten, daß 
er die betreffende ars selbst ausübte 90 . Die Anzianen hatten 
die Interessen der Genossenschaften und der einzelnen Mit¬ 
glieder in- und außerhalb der städtischen Regierung zu ver¬ 
treten 97 und gemäß den Beschlüssen des Popolo im Con¬ 
silium comunis Anträge zu stellen. Sie legten Streitigkeiten 
unter den socii bei und konnten Strafen verhängen 98 . Aehn- 
lich wie die officiales comunis mußten sich die Anzianen 
einer Prüfung vor vier inquisitores rationis, die von den 
ministrales gewählt wurden, unterziehen 99 . Während ihrer 
Amtstätigkeit waren sie an die statuta populi, für die es 
besondere compositores gab 100 , gebunden. 

Ratsversammlungen besaß die Volksorganisation drei: 
Einmal die congregatio, die wahrscheinlich alle Mitglieder 
der societatesjumfaßte 101 , dann die Gesamtheit der ministrales 
artium et armorum, die in regelmäßigen Sitzungen zusammen¬ 
kamen und den Beirat der Anzianen bildeten 102 , endlich' 
das consilium, zu dem die ministrales aus jeder Genossen¬ 
schaft einen sapiens bestimmten 103 . Das consilium trat in 
dieser oder etwas anderer Gestalt seit spätestens 1245 dem 
Podesta als eine Art Senat zur Seite und wurde 1255 in 
erweiterter Form die eigentliche gesetzgebende Körperschaft 
des Comune 104 . 


96. Gaudenzi 502 Nr. 1; 505 Nr. 3; I, 328 Nr. 7. 

97. Gaudenzi 2, 501 Nr. 1. 

98. Gaudcnzi 513 Nr. 21, Nr. 22; 507 Nr. 5; 525 Nr. 58. 

99. Gaudcnzi 509 Nr. 11. 

100. Gaudcnzi 511 Nr. 17; vgl. auch 508 Nr. 9; 525 Nr. 58. 
Die Volksorganisation besaß auch eigene nuncii und einen Notar; 

vgl. Gaudcnzi 514 Nr. 24 und 25; 523 Nr. 52; Frati Stat. 3, 376. 

101. Gaudcnzi 2, 516 Nr. 29; Frati Stat. 3, 446, 495, 474, 529. 

102. Gaudcnzi 502 Nr. 1; 507 Nr. 4; 508 Nr. 7; 507 Nr. 6; 
auch 530. 

103. Gaudcnzi 510 Nr. 14; vgl. auch 514 Nr. 25; 502 Nr. 1. 

104. Vgl. oben S. 335 und 339. 


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Exkurs zum II. Kapitel. 

A. Zum sigillum comunis. 

Dieses führte 1239 ein notarius potestatis 1 . 1250 be¬ 
istimmten die Anzianen und Konsuln einen besonderen Siegel¬ 
bewahrer; seit 1253 spätestens wurde er wie alle officiales 
comunis gewählt 2 . Seit 1265 führten die vier Memorialen- 
notare 3 das Siegel 4 . — Die Anfertigung eines neuen Siegels 
(durch einen Cremoneser Meister wird zu 1255 erwähnt 5 6 . 
Erhalten hat sich ein Staidtsiegel von 1268: hängendes Wachs¬ 
siegel, Stadtbild mit Tor und drei Türmen, Umschrift: 
Sigillum civitatis Bononie®. 

B. Zu den Maßen. 

Wie andere Städte sorgte auch das Bologneser Comune 
für einheitliche Maße und ließ ihre Modelle am Stadt¬ 
palaste anbringen 7 . — Die üblichen Längenmaße waren: 
die pertica zu 10, dann auch zu 12 pedes 8 . Das Quadrat 
der zwölffüßigen pertica ergab 1 clusus, 100 clusi 1 tomatura. 
Das Quadrat der zehnfüßigen pertica ergab 1 tabula, daher 
144 tabule 1 tomatura 9 . Eine besondere tornatura besaß 
Medicina 10 ; in den Modena angrenzenden Gebieten 11 kam 
die biofea vor. Ein anderes Längenmaß war die Elle 


1. Sav. Nr. 617 S. 172. 

2. Frati Stat. 1, 88 f. 

3. Vgl. über sie S. 360. 

4. Frati 3, 631. 

5. St.-A. Bol. Tesoreria Precepta tnassario. 

6. Im Stadt-A. zu Todi (vgl. Mazzatinti Gli archivi d’Italia 3, 
106 Nr. 15). Nachzeichnung im St.-A. Bol. 

7. Vgl. Frati 2, 153; 2, 134; 1, 189; St.-A. Bol. Affitti dei 
dazi zu 1264. 

8. Frati 2, 88 f.; 2, 370. 

9. Can. Breventani hatte die Güte, mich auf die Angaben 
in St.-A. Bol. Reg. grosso 2, fo. 142 aufmerksam zu machen. 

10. Ufficio dei procuratori Inventari zu 1256. 

11. Vgl. dazu Campori Statuti di Modena Proemio CCLXXV1. 


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(passus). - Die üblichen Hohlmaße waren: die corbis 
f= 3 staria 12 ; 2 corbes ergaben 1 soma, 10 some 1 currus 13 . 

C. Zum Archiv. 

Bei dem durchgebildeten schriftlichen Verkehr der 
städtischen Beamten müssen die Aktenbestände sehr um¬ 
fangreich gewesen sein. Sie wurden in der massaria auf¬ 
bewahrt 14 , daneben auch in den Sakristeien der .Haupt¬ 
kirchen 15 . — Drei Gruppen seien hier angeführt: 1. Die 
Stadtbücher. Ein über comunis wird schon zu 1214 und 21 
erwähnt 16 . 1223 erfolgte die Anlage des noch erhaltenen 
Registro grosso unter Leitung des Rainerio Perugino. Man 
schlug dabei ein ziemlich primitives Verfahren ein. Wohl 
alle damals im städtischen Archiv befindlichen Akten wurden 
lohne Unterschied der Materie in chronologischer Folge ein¬ 
getragen 17 . 1257 stellte man ein neues, gleichfalls auf uns 
gekommenes Stadtbuch her, das Registro nuovo genannt 
•wurde, und in dem die Stücke nach sachlichen Gesichts¬ 
punkten geordnet wurden 18 . Ein anderer Kodex, in dem 
ungefähr zur selben Zeit alle Verträge, beginnend mit dem 
Frieden von Konstanz, gesammelt wurden 19 , ist heute ver¬ 
loren. 2. Die libri contractuum. Sie werden schon 1203 
erwähnt 20 . In sie wurden alle vom Comune abgeschlossenen 


12. Frati 2, 140. 

13. St.-A. Bol. Podesta Lib. contractuum zu 1273 Dezember 7. 
— Ueber die Relation zu modernen Maßen vgl. Frati 2, 154 Anm. 
und Rosetti La Rormagna 591. 

14. Frati 1, 78; 1, 87. 

15. Vgl. auch Pertile 2, 1, 153 f. 

16. Sav. Nr. i419 Rleg. grosso 1, fo. 205; fo. 413. 

17. Vgl. meine Notiz in l’Archiginnasio 2 fase. 3/4. 

18. Vgl. Frati 3, 342; die Bemerkungen am Anfang und Schluß 
des Registro; auch Ricci im Atoiuario 1886/7, 324. 

19. Frati 2, 164. 

20. St.-A. Bol. Dem. S. Stefano Cass. 17/953. 


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Privatverträge eingetragen 21 . Von ihnen besitzen wir um¬ 
fangreiche Fragmente seit 1259 22 . 3. Die Memoriali. Sie 
wurden 1265 von den Frati gaudenti 23 eingeführt. Für jedes 
Quartier wählte das consilium auf ein halbes Jahr einen 
Notar. Diese vier Notare verwalteten die vier Memorialen- 
bücher, in die alle Privatkontrakte und letztwilligen Ver¬ 
fügungen eingetragen wurden 24 . Sie sind zum größten Teil 
erhalten geblieben 25 . 


21. Frati 1, 58; 2, 162-64. 

22. Im St.-A. Bol. 

23. Vgl. über sie unten. 

24. Vgl. Frati 3, 625ff.; (Gozzadini) Cronaca di Ronzano 165 
Nr. 16; St.-A. Bol. Memorial. Semprebenis de Nigro Anfang zu 1269. 

25. Im St.-A. Bol. und yn A. Notarile. 


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III. Kapitel. 


Wirtschaftspolitik des Comune. 

Politisch gesicherte Existenz bildet die notwendige Vor¬ 
aussetzung für eigene, erfolgreiche Wirtschaftspolitik eines 
Staatswesens. Diese Selbständigkeit erlangte die Renostadt 
teilweise mit dem Konstanzer Frieden, ganz erst nach dem 
Tode Heinrichs VI. Daher hören wir während des zwölften 
Jahrhunderts sehr wenig von wirtschaftlichen Unternehmun¬ 
gen Bolognas. Erst seit dem Ausgang des Jahrhunderts 
begann das Comune mit der Durchführung großer wirt¬ 
schaftlicher Aufgaben. 

In der gleichen Zeit, da Bologna seine Herrschaft in 
der Landschaft befestigte und ausbaute, bemühte es sich 
auch, die Leistungsfähigkeit des Districts zu heben. Es suchte' 
die Einwanderung fremder Handwerker zu fördern und die 
öden Niederungen nahe den Valli des Po durch Kolonisation 
der Agrarkultur zu erschließen 1 . Man erließ ein Statut 2 , 
das jedem im Comitat sich niederlassenden Fremden für 
dreißig Jahre die Privilegien von Exemten versprach. Kamen 
sie in größeren geschlossenen Gruppen, dann wurden ihnen 
noch ganz besondere Vergünstigungen in Aussicht gestellt. 
Die Wirkung blieb nicht aus. Von Nah und Fern strömten 
sie herbei, darunter Schneider, Schuster, Kürschner, 
Schmiede, Bäcker, Fleischer und Barbiere 3 . 1221 oder 22 


1. Aehnliche Bestrebungen lassen sich auch für die Bol. 
Bischofskirche nachweisen. 

2. Frati Stat. 1, 467. 

3. Vgl. St.-A. Bol. Estimi Liber nobilium et exemtorum 
von 1249. 


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erfolgte die Gründung einer Ackerbaukolonie zu Baratinum 
(einst nordöstlich von S. Martino in Argine) 4 . 1231 wurden 
in dem Waldgebiet von Minerbio und Altedo 5 hundertund- 
fünfzig, meist aus Mantua stammende Familien angesiedelt. 
Sie hatten sofort 2000 lib. zu zahlen und weiterhin eine 
jährliche Abgabe von 300 lib. nach Bologna zu entrichten 6 . 

Zum Teif ähnliche Ziele wie mit der Besiedelung ver¬ 
folgte Bologna mit der Schaffung guter Verbindungen. Schon 
an andrer Stelle 7 wurde gezeigt, wie das Comune den Bau 
und die Ausbesserung der Landstraßen beschloß und von 
den Orafschaftsleuten ausführen ließ. Die wichtigsten dieser 
Arbeiten werden wir wohl mehr zum Anfang des dreizehnten 
Jahrhunderts hinaufrücken dürfen, wenn uns die Resultate 
auch erst aus der Zeit nach 1250 bekannt sind 8 . Die Haupt¬ 
verkehrsader nach der Lombardei und der Romagna bildete 
damals wie vorher und nachher die Via Emilia. Die Straße 
nach Florenz führte durch das Savenatal an Pianoro und 
Roncastakk) vorbei, dann über den La Futa-Fluß ins Mugello. 
Die Straße nach Pistoja verließ Bologna am Saragozzator, 
berührte Casalecchio und lief dann das Renotal aufwärts 
längs des westlichen Flußufers. Die Chaussee nach Ferrara 


4. Der damals geschlossene Vertrag wurde 1245 als gültig 
anerkannt (St-A. Bol. Reg. nuovo fo. 178). 

5. VgL Sav. Nr. 231 und 284 Reg. grosso 1, fo. 35 und 54; 
dazu auch Dem. S. Giovanni i. M. Cass. 9/1349 Nr. 41 zu 1186; 
ferner Sav. Nr. 455 Reg. grosso 1, fo. 213 v (das hier genannte 
Vidigosa gehörte zu Altedo; vgl. Frati 2, 516). 

6. Der Vertrag Von 1231 in St--A. Bol. Lib. rer. div. Dir. 
del. Com. und Reg. nuovo 591; vgl. Frati 1, 44; 1, 109; 2, 81; 
2, 164; 3, 197. 1245 wurde das Abkommen als gültig anerkannt 
(Reg. nuovo fo. 178). 1271 verpachtete Bologna die jährlich von, 
Altedo zu zahlenden 300 (Affitti dei dazi). 1243 wurde ein 
Streit zwischen Altedo und der Bologneser Kirche wegen, der Zehnten 
entschieden (Erzbisdi.-A. Bol. Lib. A Nr. 33; A. der Prindpi 
Heroolani zu Bol.). 

7. Vgl. oben S. 305. 

8. In Frati Stat 


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ging von Porta Gatliera über Corticella, Galliera und Poggio 
Renatico. Dazu kam ein ganzes Wegenetz im Bologneser 
District 9 , das die größeren Orte mit der Hauptstadt verband. 
Die ordentliche Instandhaltung jder Straßen war ohne das 
Verfügungsrecht über die Flußübergänge nicht möglich. So 
ließ die städtische Regierung es sich angelegen sein, die 
Brücken, die die Via Emilia im Westen über den Reno, 
im Osten über den Idice führten, in ihre Hand zu bekommen. 
Diese Brücken wurden in älterer Zeit zusammen mit dem 
zugehörigen Hospital durch geistliche Korporationen ver¬ 
waltet 10 . Die Renobrücke 11 befand sich im zwölften Jahr¬ 
hundert im Besitz des Chorherrnstifts S. Maria di Reno 19 . 
Um die Jahrhundertwende erfolgte der Bau einer zweiten 13 . 
Sie unterstand anfangs einer Bruderschaft, die auch an¬ 
sehnliche Ländereien besaß 14 . Dann aber machte das 
Comune seine Ansprüche geltend. Der erste Versuch fiel 
in den Beginn der dreißiger Jahre 15 , scheint aber nicht zum 


9. 1. Nach Bazzano über Zola Predosa und Pragatto; eine Ab¬ 
zweigung wohl über Gesso, S. Lorenzo in CoAina nach Oliveto. Z 
Nach Crevalcore über Borgo Panigale und S. Giovanni in Persi- 
ceto. 3. Nach Cento aus Porta dclla Lame, an Calderara vorbei, 
über Argelato und Argile. 4. Nach Pcgola aus Porta Mascarelia 
über S. Marino und Altedo. 5. Nach Quarto; dann Teilung, einmal 
über Granarolo und Cazzano nach Dugliolo, dann über Bagnarola 
nach Budrio. 6. Nach Medicina aus Porta S. Vitale über Castenaso 
und Galisano; Abzweigung von Castenaso über Budrio und Vedrana 
nach S. Martino in Argine. 7. Nach Castcl S. Polo über Caselle 
Russo und Poggio. 8. Nach Badolo über Padcrno. 

10. Das geschah auch anderswo; vgl. Pcrtilc Z 1, 523. 

11. Vgl. auch Malagola in Atti e Mem. dell’ Emilia N. S. 4, 
2, 139 ff. 

12. Vgl. die Papslurkundcn bei Trombelli. 

13. Vgl. Sarti 2, 211; St.-A. Bol. Dem. S. Giovanni i. M. 
Cass. 11/1351 Nr. 38 zu 1204. 

14. Vgl. Dem. S. Pietro 21/208 Nr. 20 zu 1217; Sav. Nr. 491 
Reg. grosso 1, fo. 346; fo. 377 und 379v zu 1220 und 21. 

15. Vgl. B.-F. 6894 und später. 


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Ziele geführt zu haben 16 . Erst 1257 17 geschah die endgültige 
Besitzergreifung 18 . Auch die Idicebrücke 19 wurde von einer 
Konversenkongregation verwaltet 80 , bis Bologna sie und ihre 
Güter 1249 occupierte 81 . 

Neben den Landstraßen wandte die Stadt den Wasser¬ 
wegen ihre Aufmerksamkeit zu. Ja, mit dem Naviglio schuf 
sie ein Werk, das die Bewunderung der Nachwelt verdient. 

Vielleicht haben ungünstige Wasserverhältnisse des 
Reno die Anlag|e einer neuen Verbindung mit dem Po ver¬ 
anlaßt. Denn aus der zweiten Hälfte des zwölften und dem 
beginnenden dreizehnten Jahrhundert hat sich so gut wie 
keine Kunde von dem Schiffsverkehr auf diesem Flusse er¬ 
halten 88 . Trifft die Vermutung nicht zu, dann beabsichtigten 
die Bolognesen nur, einen kürzeren Weg zur Pomündung 
und damit zur Adria zu gewinnen. Keinesfalls aber wollten 
sie sich durch den Bau von ihrem nördlichen Nachbar unab¬ 
hängig machen 83 . Denn der Naviglio traf den Po di Primaro 
auf Ferraresischem Gebiet. Seine Herstellung begann im 


16. So führte der administrator pontis 1234 (Dem. S. Marghcrita 
Cass. 1/3868 Nr. 14) einen Prozeß, bei dem von einer Abhängigkeit 
vom Bol. Comune nichts verlautet. 

17. Aber schon vorher übte das Comune Einfluß auf die 
Verwaltung der Brücke aus; vgl. Frati 2, 224; 2, 409 ; 3, 225. 

18. St.-A. Bol. Reg. nuovo fo. 343 und 343 v. Verzeichnisse 
der Besitzungen (vgl. Frati 3, 226) besitzen wir mehrere in den 
Akten des St.-A. Bol.; vgl. auch Frati 2, 225. 

19. Zuerst 1168 testamentarisch bedacht (Dem. S. Cristina Cass. 
17/2878 Nr. 3). 

20. Vgl. S. Pietro Cass. 21/208 Nr. 43 zu 1227. 

21. Reg. nuovo fo. 346 v; vgl. Frati 2, 225. — Auch die! 
Savenabrücke (pons maior) gehörte dem Comune (vgl. Frati 1, 
55; dazu Dem. SS. Leonardo ed Orsota Cass. 8/3250 Nr. 12). 

22. Ich kenne nur die Notiz bei Zingerle Reiserechnungen 
Wolfgers von Passau-Aquileja 36 f. — Ueber die Holzflößerei vgl. 
Frati 2, 496 und 500. 

23. Etwa wie die Mantuaner; vgl. Schaube 727f. 


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Jahre 1208 24 . Von größeren Arbeiten hören wir aus dem 
Jahre 1221 25 , kennen aber den Vollendungstermin nicht 2,i . 
Der Lauf des damaligen Naviglio kann von dem noch heute 
.vorhandenen nicht wesentlich verschieden gewesen sein. Er 
bildete eine Fortsetzung des schon bestehenden Ramus 
Reni 27 , der das Renowasser aus der Nähe von Casalecchio 
nach Bologna führte 28 , trat nahe der Porta delle Lame aus 
der Stadt heraus, floß an Corticella und Castagnolo vorbei 
und zwischen S. Maria in Duno und S. Marino hindurch, 
berührte Altedo und Pegola und erreichte damit die Valli. 
An der Bologneser Grenze schützte ihn Torre dell’ Uccellino. 
Dann kam der Kanal auf Ferraresisches Gebiet und mündete 
in den Po di Primaro bei Torre della Fossa 29 . Ein zweiter 
Arm bog von Pegola westlich nach Galliera, ein dritter 
östlich nach Dugliolo ab 30 . Erst 1262 scheint der obere 
Teil des Naviglio derart erweitert worden zu sein, daß 
befrachtete Schiffe über Corticella bis innerhalb der Bolo¬ 
gneser Stadtbefestigung hinauffahren konnten 31 . Auf dem 
Kanal entwickelte sich ein lebhafter Verkehr zwischen Bolo- 


24. Sav. Nr. 380 St.-A. Bol. Reg. grosso I, fo. 178; Villola 
zu 1208; Cron. di Bol. 249. 

25. Sav. 3, 1, 6 Anm. H; Frati 2, 348; Villola zu 1221. 

26. 1222 wird der Naviglio bei Pegola erwähnt (Reg. grosso 

1, fo. 430 v); vgl. auch Frati 2, 385. 

27. Vgl. unten S. 389. 

28. Urkundlich zuerst 1185 erwähnt (Dem S. Giovanni i. M. 
Cass. 9/1349 Nr. 37; vgl. auch Villola zu 1191). Er begann mit 
einer Schleuse nahe dem einstigen Chorherrnstift S. Maria di Reno 
(vgl. Frati 1, 205; Trombelli 58); 1245 trat er in die Stadt zwischen 
den Vororten Pratello und S. Felice (vgl. Reg. nuovo fo. 340). 

29. Vgl. Frati 2, 343; 3, 376 ; 2, 383; 1, 163; Ghctti Patti 

tra Venezia e Ferrara 215; Chiron, parva Ferrar. in Mur. SS. 8, 

476; Lombardini in Mcm. dell’ Istituto Lombardo 3 Ser. 11, 2, 50f. 

30. Vgl. Frati 1, 163; 1, 170; Reg. grosso 1, fo. 430v zu 

1222. — Die Herstellung einer Schiffahrtsstraße vom Reno bis zur 
Idicemündung, also wohl durch die Vplli erwähnt Frati 3, 333. 

31. Frati 3, 376. 


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gna und Ferrara. 1269 verabredeten beide Städte Tarife 
für den Personen* und Gütertransport und verboten den 
Schiffern, sich zu Genossenschaften zusammenzuschließen 33 . 
Auch erhob Bologna noch eine besondere Abgabe 33 von 
den auf dem Naviglio verkehrenden Fahrzeugen. 

Durch den Bau des Kanals muß Bolognas alter Pohafen 
Galliera an Bedeutung verloren haben. Er lag an der Römer¬ 
straße, die von Aquileja über Padua nach der Renostadt 
lief 34 , und war durch einen Wasserarm mit dem Po ver¬ 
bunden 35 . Nach ihm trugen Bolognas nördliches Haupttor 
und die dahin führende Straße ihren Namen. Im dreizehnten 
Jahrhundert war Galliera mit Graben und Pallisaden wohl 
versehen 36 , und in seinem Hafen besaßen die Bolognesen 
einen Turm und unterhielten einen ,Wachtposten 37 . Aber 


32. Sav. Nr. 762 Reg. nuovo fo. 369. 

33. Die es zu verpachten pflegte (St.-A. Bol. Podesta Lib. con- 
tractuum zu 1268 und 69). — Ob der 1249 mit Modena verabredete 
Kanalbau vom Panaro über Piumazzo nach Castelfranco etc. (vgl. 
Sav. Nr. 660 Lib. rer. div. Dir. del. Com.;»Frati 2, 476) wirklich 
zur Ausführung gelangte, möchte ich bezweifeln. — 1252 beschloß’ 
man (Frati 2, 503) einen neuen Kanal vom Reno bis zum Stadtgraben 
bei Porta Saragozza mit einer steinernen ;Schlcuse anzulegen (der 
alte ramus mit seiner clusa frascarum blieb daneben wohl bestehen; 
vgl. Frati 3, 486), und trotz des Protestes, den die Kanoniker von 
S. Maria di Reno beim Papste dagegen einlegten (vgl. St.-A. Bol. 
Dem. S. Salvatore Cass. 39/2486 Nr. 23 und 24), kam in den nächsten 
zwei Jahren der Bau z!ur Ausführung; vgl. Cantinelli 7; Chron. 
Loli. 131; S. Salvatore Cass. 39/2486 Nr. 25 u. a.; Tesoreria Precepta 
massario von 1254; Verzeichnis der den Landgemeinden zugewiesenen 
Arbeitsteile in Estimi. 

34. Nissen Italische Landeskunde 2, 1, 261. 

35. Vgl. St.-A. Bol. Dem. S. Francesco Cass. 1/4133 Nr. 10 
zu 1072; Estimi von Galliera zu 1235. — Schon 962 wird der 
dort erhobene Ufer/oll erwähnt (B.-O. Nr. 331), und 997 bestand 
neben dein castnun schon ein burgus (Sav. Nr. 35 Dem. S. Stefano 
Cass. 31,967 bis Nr. 15). 

36. St.-A. Bol. Estimi von 1235. 

37. Ufficio dclla grazia Granaglie Fragm. von 1232 und 33; 


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gegen Ausgang des Jahrhunderts wurde Galliera nicht mehr 
unter den Pohäfen erwähnt, im folgenden seine Verbindung 
mit dem Fluß als versumpft bezeichnet 38 . An seine Stelle 
traten die weiter östlich gelegenen: das früher erwähnte 
Cavagli 39 , daneben Dugliolo und Pegola am Naviglio 40 . Auch 
bei Torre dell’ Uccellino, obwohl hauptsächlich für mili¬ 
tärische Zwecke 41 bestimmt, entwickelte sich ein ansehn¬ 
licher Hafenort 48 . 

Der Naviglio diente vor allem dem Intereftse des Bolo¬ 
gneser Kaufmanns. Nicht zufällig erfolgte seine Herstellung 
gerade in der Zeit, da der mercator seine Position im Welt¬ 
verkehr eroberte und seinen Wünschen bei der heimischen 
Regierung Geltung zu verschaffen wußte. Vielmehr war es 
kaufmännische Unternehmungslust, die das Comune zum 
Kanalbau drängte und die noch mehr bei dessen Bemühungen 
um den Markt und die Jahresmessen zutage trat. 

Der alte Marktplatz lag nordwestlich vor der Stadt 
neben dem Renohafen 43 . Er bildete einen Mittelpunkt des 
Handelsverkehrs. Daher schlugen auch 1155 Barbarossa, 
wahrscheinlich 1209 Otto IV. und 1220 Friedrich II. hier 


Ufficio dei Procuratori Inventari von 1256; Reg. grosso 1, fo. 474 
zu 1271. Ein alter Turm hat sich bei Galliera erhalten. 

38. Chron. parva Ferrar. in Mur. SS. 8, 476* 

39. Vgl. oben S. 83 Anm. 157; auch Biondo Italia illustrata, Basel 
1531 351; Sav. Nr. 760 St.-A. Venedig Cod. Trivisaneo fo. 359; 
St.-A. Bol. Affitti dei dazi zu 1271. 

40. Vgl. Salimbenc 391; Sav. Nr. 300 (vgl. oben S. 135 Anm. 
125); Schaube 743; B.-F. 6894; Frati 2, 276; Sav. Nr. 762 Reg. 
nuovo fo. 369. 

41. Vgl. Frati 2, 410; 3, 337; Reg. grosso 1, fo. 474;«ouch 
oben S. 226. 

42. Vgl. Sav. Nr. 760 St.-A. Venedig Cod. Trivisaneo fo. 359; 
Frati 3, 62. Eine Straße führte dorthin; vgl. Frati 2, 430 ; 2 , 552. 

43. Vgl. oben S. 56. — 1204 bauten die mercatores und camp- 
sores eine Kirche S. Bartolomeo in Insula fori Reni (Gaudenzi 
Stat. 2, 485 Nr. 1). 


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ihr Lager auf 44 . Als nun aber der Naviglio gebaut und 
damit der Ausgangspunkt der Schiffahrt an die Nordseite 
Bolognas verlegt wurde, ergab sich die Notwendigkeit, auch 
den Markt dorthin zu verpflanzen. Damit wurde 1219 be¬ 
gonnen 45 , und bis 1221 zogen sich die nötigen Terrain¬ 
ankäufe hin 46 . Als Platz wählte man den Raum nördlich 
der Altstadt vor Porta Oovesa, zwischen der Aposa und 
dem Borgo Galliera 47 , so daß der Markt an den Naviglio 
grenzte 48 und später von der circta-Befestigung mit um¬ 
schlossen werden konnte. 

Die älteste Erwähnung der Jahresipessen gehört ins 
Jahr 1196 49 . Ihre Anfänge werden in Bologna nicht höher 
als in Mantua 50 hinaufreichen und mit dem wirtschaftlichen 
Aufschwung seit Bischof Gerhards Podestariat Zusammen¬ 
hängen. Schon zu Beginn des dreizehnten Jahrhunderts er¬ 
freuten sie sich eines regen Besuches 51 . Die Renomesse, 
'die man in der zweiten hälfte des August abzuhalten 
pflegte 52 , fand ohne Zweifel auf dem alten Marktplatz beim 
Reno statt, die S. Procolomesse, die am 1. Mai begann 53 , 


44. Vgl. oben S. 87, 168 Anm. 91; B.-F. 1175 ff. 

45. Gozzadini in AMR. 1, 2, 63; Vilk>la zu 1219. Nach letz¬ 
terem wählte man den Platz bei S. Bartolomeo di Reno (noch 
heute am Anfang der Via Riva di Reno). Sollte die oben erwähnte, 
gleichnamige Kirche mit dem Markt verlegt worden sein? 

46. St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 261 v bis 294 etc. bis 3 

47. Vgl. auch Frati 2, 220 Anm. 

48. Vgl. Gaudcnzi Stat. 2, 487 Nr. 3; Reg. grosso 2, fo. 148 etc. 

49. Vgl. hier und im folgenden Schaube 716 f., der aber den 
Bericht der Prüfungskommission irrtümlich zu 1195 setzt. 

50. Schaube 718. 

§1. Zu den von Schaube angeführten Beispielen füge ich hinzu: 
(St.-A. Bol. Istrumenti privati) 1213 verspricht ein Florentiner einem 
Bologneser speciarius 19 lib. zu zahlen, zum Teil bis zur nächsten 
Renomesse; Rainerius de Perusio 61 Nr. 21; Guido Faba in 
II Propugnatorc N. S. 5, 1, 110. 

52. Frati Stat. 2, 222. 

53. Rol. Passagerius 2, fo. 120. 


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wohl im südlichen Teile der Stadt, nahe von Tor und Kirche 
S. Procolo. 1219 wurden beide auf den neuen Markt verlegt 54 
und neu geregelt 55 . Der zunehmende Verkehr machte es 
notwendig, für die wegen nicht bezahlter Messeschulden 
Gebannten besondere Listen anzulegen. Das Bannverfahren 
erfolgte dabei nicht in der sonst üblichen Weise, sondern 
secundum oonsuetudinem fori 56 . Dem entsprechend wurden 
alle mit den Messen zusammenhängenden Prozesse nicht 
nach dem Stadtrecht, sondern nach den Marktgewohnheiten 
entschieden 57 . Bis 1251 leiteten die gewöhnlichen iudices 
causa rum das Gerichtsverfahren 58 . Von diesem Jahre ab 
[wurde damit eine besondere Behörde betraut 59 . Um den 
Zuzug der Fremden zu fördern, ließ man für die Zeit der 
Messen die den Handel sonst hindernden Bestimmungen 
fallen, hob alle Represalieh auf 60 und gestattete den direkten 
Geschäftsverkehr zwischen Fremden 61 . 

Dem Bologneser mercator genügte es aber nicht, daß 
während der Jahresmessen fremde Kaufleute mit ihren Waren 
an den Reno kamen, er hatte das größte Interesse daran, 
daß sich das Zu- und Abströmen von Handelsartikeln immer 
möglichst ungestört vollzog, und daß er selbst im Ausland 
auf möglichst wenige Hemmnisse stieß 62 . Diesem Zwecke 
dienten die Verträge, die Bologna mit andern Comunen 
schloß, und die — das ist wieder bemerkenswert — recht 
eigentlich mit dem ausgehenden zwölften Jahrhundert be- 


54. Frati 2, 220 ff. 

55. Vgl. oben S. 282. 

56. Solche Bannlisten von 1245 ab erhalten im St.-A. Bol. 

57. Frati 2, 131 = 1, 425 = 1, 403. 

58. Frati 2, 223. 

59. Frati 3, 67. Für sie wurde auf dem Markt ein besonderes 
Zelt aufgeschlagen (St.-A. Bol. Tesoreria Precepta massario von 
1254). 

60. Frati 3, 325; vgl. auch Rol. Passagerius 2 , fo. 120. 

61. Frati 2, 250. 

62. Vgl. auch Oaudenzi Stat 2, 62 Nr. 3; 77 Nr. 41; Schaube 711. 


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gannen. Sie betrafen hauptsächlich zwei Punkte, den Passier¬ 
zoll und die Represalien. 

Seit den Anfängen des Comune hatten die Bolognesen 
die Beseitigung der Zollschranken an der zum Po führenden 
Handelsstraße angestrebt 63 . Aber bis nach der Eroberung 
Ferraras blieb ihre Forderung unerfüllt. In dem Ab¬ 
kommen von 1193/94 stellte man für Bologna detaillierte 
Zollsätze auf, während für Ferrara däs bisherige passagium 
beibehalten wurde 64 . Die Verträge von 1203 und 7 legten 
nur einzelne Streitigkeiten bei, änderten aber an der Höhe 
des Zolles nichts 66 . Dieser bestand auch noch 1228, als 
die Ferraresen ihre allgemeinen ordinamenta ripe erließen 66 . 
Erst zwölf Jahre später trat der Umschwung ein. Jetzt 
verabredeten beide Städte, von geringen Ausnahmen abge¬ 
sehen, Beseitigung des passagiums 67 und hielten auch in 
der Folgezeit daran fest 68 . Die notwendige Ergänzung zu 
dem Abkommen mit dem nördlichen Nachbar bildeten die 
Vereinbarungen mit den toscanischen Comunen. Wahr¬ 
scheinlich hat Bologna mit den Pistojesen derartige Ver¬ 
träge geschlossen, doch haben sie sich nicht erhalten. Mit 
Florenz verabredeten die Bolognesen 1220 Herabsetzung des 
passagiums auf zwölf den. 69 , 1254 seine völlige Aufhebung 70 . 
An der andern großen Verkehrsader, der Via Emilia, er¬ 
langten sie schon 1203 von Reggio, ihrem neuen Verbündeten 
gegen Modena, Befreiung vom Passierzoll 71 . In den sechziger 


63. Vgl. oben S. 58. 

64. Vgl. oben S. 135 ff.; auch Schaube 710 und 728. 

65. Vgl. oben S. 187 Anm. 214 und 215. 

66. Schauix; 744 f. Vaticanisches A. zu Rom Arm. 46 Nr. 
62 fo. 37. 

67. Vgl. oben S. 219. 

tt. Sav. Nr. 762 St.-A. Bot Reg. nuovo fo. 369. 

69. B.-F. 12605; Davidsohn Forsch. 3 Nr. 1168. 

70. Davidsohn Gesch. 2, 1, 422 St.-A. Florenz Acquisto Strozzi- 
Ugucciont. — Vgl. auch wegen Lucca St.-A. Bol.- Memorial. Ysnardi 
de Pizolpole fo. 78 v zu 1270. 

71. Vgl. oben S. 153 Anm. 11. Den Reggianern scheint die 
gleiche Vergünstigung in Bologna nicht eingenumt zu sein. 


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Jahren, da sie auf der Höhe der Macht standen, brauchten 
ihre Kaufleute weder in Modena noch in den romagnolischen 
Städten von Imola bis Cervia, wohl auch nicht in Venedig) 
das passagium zu zahlen 72 . 

Das Represaliensystem 73 , in seiner schroffen Form ge- 
handhabt, war für den Handel noch erheblich störender 
als der Passierzoll. Daher bildete sich schon im zwölften 
Jahrhundert gerade unter dem Einfluß der Bologneser 
Juristenschule ein milderes Verfahren aus, das in der Formel: 
A cui dato, a cului richiesto, seinen Ausdruck fand und 
zuerst 1168 unter den Mitgliedern des Lombardenbundes 
vereinbart wurde 74 . Stellte dann die theoretische Wissen¬ 
schaft das Prinzip auch als ein allgemeingültiges hin, 75 , so 
fehlte doch viel, daß die Praxis sich ihr fügte. Einmal fiel 
die Einschränkung fort, wenn es sich nicht um Schuld¬ 
forderung, sondern um Sühne eines Gewaltaktes handelte 76 . 


72. Nach den unten S. 388 Anm. 21 angeführten Verpachtungen 
des passagiums brauchten die Bewohner der oben genannten Städte 
in Bologna damals kein passagium zu zahlen. Und die Renostadt 
huldigte bezüglich des Passierzolls dem Prinzip der Gegenseitigkeit; 
vgl. Frati Stat. 2, 239. — Die Vereinbarung mit Imola gehört ins 
Jahr 1248 (vgl. oben S. 237 Anm. 28), die mit Faenza und Forii 
werden auf die Jahre 1296 und 57 zurückgehen (vgl. Sav. Nr. 
713 und 14 St.-A. Bol. R)eg. nuovo fo. 125 und 103). Wegen Venedig 
vgl. den unten Anm. 80 angeführten Vertrag von 1227 und Sav. 
Nr. 760 St-A. Venedig Cod. Trivisaneo fo. 359; wegen Ravenna 
Sav. Nr. 755 St-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 472 v. 

73. Vgl. auch Schaube 753 ff. Bezüglich Bolognas vgl. Frati 
2, 29; 3, 382 ; 3» 391 = 417; Represalienurkunden gegen Faenza 
von 1234 und .52 (Mittareüi Acc. 487 Stadt-A. Faenza Busta 5; 
Ficker Forsch. 4 Nr. 426), gegen Verona von 1233 (St.-A. Bol. Dem. 
S. Francesco Cass. 4/4136 Nr. 34). 

74. Schaube 754 f.; Davidsohn Gesch. 2, 1, 520. 

75. Vgl. A. del Vecchio e Casanova Le rappresaglie nei comuni 
mediovali XVI; Schaube 757. 

76. Dann hielten sich die Bolognesen _ an irgend einen be¬ 
liebigen Landsmann des Verletzers. Ein Beispiel gegenüber Florenz 


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Ferner galt sie nur zwischen Stadtgenieinden, die einen 
dahingehenden Vertrag geschlossen hatten 77 . Da sich infolge¬ 
dessen die erwähnte Milderung als unzureichend erwies, 
trafen die Comunen noch andere Vereinbarungen. Sie 
setzten Kommissionen ein, um die schwebenden Represalien 
zu untersuchen und zu beseitigen 78 , oder sie verabredeten 
die gegenseitigen Forderungen durch einen Zoll zu decken 79 , 
den jeder der beiden Kontrahenten in gleicher Höhe von den 
Kaufleuten des andern erhob. Auch suchten sie die Re¬ 
presalien möglichst zu vermeiden, indem sie sich ein ge- 


von 1222 in St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 422 v; vgl. auch Frati 

2, 31 f. 

77. Frati Stat. 2, 30; vgl. auch Gaudenzi Stat. 2, 104 Nr. 5; 
132 Nr. 22. — Solche Abkommen (vgl. Schaube 755 f.) traf Bologna 
1203 mit Florenz (Sav. Nr. 353 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 122v; 
vgl. auch Santini Documenti de! eomune di Firenze Nr. 63/4; Sav. 
Nr. 437 Reg. grosso 1, 211 v; St.-A. Florenz Acquisto Strozzi-Uguc- 
cioni zu 1254; auch Frati 1, 65; Davidsohn Gesoh. 2, 1, 68) und 
Bergamo (Sav. Nr. 340 und 50 Reg. grosso 1, fo. 119); ferner 
1213 mit Modena, 1218 mit Luoca, 1240 mit Ferrara, 1248 mit Imola, 
1270 mit Ravenna. 

78. So Bol.-Ferrara (verabredet 1240; vgl. Sav. Nr. 621 Reg. 
grosso 1, fo. 132v; ausgeführt 1255; vgl. St.-A. Modena Camera 
Ducale Catastri B; dazu St.-A. Bol. Tesoreria Precepta massario 
von 1254; Riformazioni Statuta, gesammelt 1288, zu 1254; Sav. 

3, 1, 278); so B|oL- Modena (1278; vgl. St.-A. Modena Reg. antiq. 
fo. 231 etc.). — Einsetzung von arbitri verabredete Bol. auch mit 
Florenz (St.-A. Florenz Acquisto Strozzi-Uguccioni zu 1254; St.-A. 
Bologna Tesoreria Precepta ntessario zu 1254; Anziani Prov. e 
Rif. zu 1254), mit Imola (vgl. Tesoreria Precepta massario von 
1255; auch Stadt-A. Imola Mazzo 2 Nr. 21 und 23) und mit Forti 
(Tesoreria Precepta massario von 1255). 

79. So Bol.-Lucca 1218 (Sav. Nr. 458 St.-A. Bol. Reg. grosso 
1, fo. 232; Schaube 752 f.; A. del Vecchio Rappresaglie 233); etwas 
später Bol .-Florenz (1255 verzichtete Bologna auf den Zoll gegen 
eine Abfindungssumme; vgl. Sav. Nr. 692 = Del Vecchio Rappresaglie 
206. Doch scheinen noch nicht alle Differenzpunkte zwischen beiden 
Städten erledigt worden zu sein; vgl. St.-A. Bol. Tesoreria Precepta 


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regeltes Gerichtsverfahren für Streitigkeiten untereinander 
garantierten 80 . Für alle angedeuteten Arten von Verträgen 
lassen sich in Bologna Beispiele nachweisen. Sie begannen 
mit dem Jahre 1203 und wurden mit den nächsten Nachbarn, 
Modena, Ferrara, Imola und Florenz, aber auch mit ferneren 
Städten, wie Lucca, Bergamo, Venedig und Ravenna ab¬ 
geschlossen. 

Die bisher angeführten Maßregeln und Unternehmungen 
beschränkten sich auf den binnenländischen Handel. Aber 
in denselben Jahren, in denen das Bologneser Comune den 
Naviglio baute und den Markt und die Messen neu ein¬ 
richtete, beteiligte es sich auch an einer großen überseeischen 
Expedition, dem sogenannten fünften Kreuzzug. Wie andere 
Städte Italiens, die Damiette erobern halfen, hoffte es damit 
Anteil an dem dort zu erwartenden Handelsverkehr zu ge¬ 
winnen 81 . Die Bologneser Kreuzfahrer waren in der üb¬ 
lichen Weise organisiert. Alle Teilnehmer bildeten die contio, 
ein Ausschuß das consilium. Sie hatten zwei capitanei zu 
Führern, besaßen ferner einen procurator, einen massarius 
und einen nuntius 82 . Die Ueberfahrt wird man von Venedig 
aus im Hochsommer 1219 angetreten haben 83 und in 


massario zu 1255 Dezember; Frati 3, 420 zu 1257, was Davidsohn 
Gesch. 2, 1, 550 irrtümlich datiert; endlich Sav. Nr. 720). 

80. So Bologna-Modena 1166 und 79 (vgl. Sav. Nr. 187, 258 
und auch 243 Stadt-A. Modena Reg. privil. fo. 131; St.-A. Bol. 
Reg. grosso 1, fo, 45 v; Reg. privil. fo. 131; dazu Schaube 754 f.; 
Ficker Forsch. 1, 99 und 135); so Bol.-Venedig 1227 (Minotto 
Acta e tabulario Veneto 4, 1, 44 f. St.-A. Venedig Lib. Pact. 2, 51 v 
und 1, 207; als Vorlage dienten die Vereinbarungen Venedigs mit 
Ferrara und Verona; vgl. Schaube 700); so Bol.-Imola 1248 (Sav. 
Nr. 647 St.-A. Bol. Lib. rer. div. Dir. del. Gom.). 

81. Vgl. Schaube 182 f., auch Davidsohn Gesch. 2, 1, 6Jfff. 

82. Vgl. die gleich zu erwähnenden Urkunden; ferner auch 
Sav. Nr. 480 Stadtbibi, zu Ferrara Ms. 151 Nr. 25. 

83. Villola zu 1219; Chron. Loli. 124 irrtümlich zu 1220. Am 
6. Juli machte ein Bolognese sein Testament, weil er am Kreuzzuge 
teilnehmen will (St.-A, Bol. Dem. S. Salvatore Cass. 116/2563 Nr. 1); 


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Aegypten gleichzeitig mit andern Verstärkungen im Sep¬ 
tember eingetroffen sein. Damals dauerte die Belagerung 
Damiettes schon über ein Jahr, und die Eroberung war nur 
noch eine Frage der Zeit 84 . Nach der Einnahme 85 wurde das 
Stadtgebiet unter die Kreuzfahrer verteilt. Im Namen des 
heimischen Comune, das ihnen den Transport nach Venedig 
und von da aus übers Meer bezahlt hatte 86 , nahmen die 
Bolognesen von ihrem Stück Besitz, verschenkten es dann 
teils, teils verpachteten sie es 87 . Aber bald war alle Hoffnung 
dahin, denn im September 1221 ging Damiette wieder an 
die Ungläubigen verloren 88 . 

An die Bestrebungen zugunsten des Handels schlossen 
sich andere, die der Förderung der Industrie dienen sollten. 
Sie kamen den damals zu politischer Macht aufsteigenden 
Zünften zugute. Aber auch die Großkaufleute waren lebhaft 
dabei interessiert. So gab vielleicht der mercator Gioseffo 
Toschi, der Führer der Revolution von 1228, die Anregung 
zur Einführung der Tuchindustrie, jedenfalls zeigen die Ur¬ 
kunden seine rege Anteilnahme. In andern Städten 89 ent¬ 
wickelte sich die Tuchfabrikation selbständig unter Einfluß 
des Humiliatenordens 90 , in Bologna war sie eine künstliche 


vgl. auch Sav. N,r. 447 Documenti privati; Dem. S. Pietro Cass. 
21/208 Nr. 20 zu 1217. Man wird wohl zusammen mit den Modenesen 
(vgl. Cron. Mod. 30; Tiraboschi Modena 4 Nr. 718) abgefahren sein. 

84. Vgl. Hoogeweg in Mitt. des Inst. f. österr. Gesch. 9, 274; 
Röhricht Gesch. des Königreichs Jerusalem 731 ff. 

85. Röhricht 739. 

86. Sav. Nr. 460 Reg. grosso 1. fo. 238 und 289; ferner Sarti 
2, 257 zu 1214. Es hatte dazu eine Steuer aufgelegt (Sav. Nr. 496 
Reg. grosso 1, fo. 350). 

87. Sav. Nr. 487, 88, 93, 97—99 alles aus Reg. grosso 1. 

88. B.-F. 10884 a. 

89. Vgl. Dorcn Die Florentiner Wollentuchindustric 28 ff.; dazu 
aber Schaube 780 Anm. 2; Davidsohn Forsch. 4, 402ff. 

90. Der war in Bologna seit 1218 angesiedelt (Villola zu 1218; vgl. 
auch Frati Stat. 2, 373; 1, 49; Tiraboschi Humiliatorum monumenta 


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Schöpfung des Comune 91 . In den Jahren 1230 und 31 schloß 
die Regierung 92 mit gegen hundert fremden Tüchern, dar¬ 
unter Florentinern und besonders Veronesen, Verträge ab. 
Diese Meister verfertigten ,Wolltuche, einige auch Zendeltaffet 
und Purpurstoffe. Man lieh ihnen auf fünf Jahre zinsfrei 
50 lib., stellte ihnen Werkstätten und Läden zur Verfügung, 
ohne in den ersten acht Jahren eine Miete zu fordern, und 
lieferte die Webstühle und Tuchspannen. Wohl für sie 
wurden auch einige Walkmühlen erworben, die später gegen 
Geldzahlung auf eine Reihe von Jahren verpachtet wurden 93 . 
Die Meister erhielten das Bologneser Bürgerrecht und waren 
in den ersten fünfzehn Jahren von allen Lasten außer Kriegs¬ 
dienst befreit. Dafür verpflichteten sie sich, mit ihrer familia 
zwanzig Jahre lang am Reno ihr Gewerbe zu treiben und 
ihre Erzeugnisse nur dort zu verkaufen. Von mehreren 
Tüchern hören wir, daß sie den Vertrag brachen und die 
Stadt wieder verließen. Aber in der Hauptsache glückte das 
Experiment. Bald bildeten die factores pannorum lane eine 
eigene Zunft. 

So schien Bologna auf dem besten Wege, eine blühende 
Industrie- und Handelsstadt zu werden. Da aber störte der 
schwere, mehr als ein Jahrzehnt währende Kampf mit Fried¬ 
rich II. die ruhige Weiterentwicklung. Der Bologneser 


2, 109 f.; 3, 305 f.; Quidicini Miscellanea Bolognese 125) und trieb 
atich in Bologna Tuchindustrie (vgl. Tiraboschi 3, 305 f.; Gaudenzi 
Stat. 2, 299 Nr. 52). 

91. Aehnliches läßt sich auch für Prato nachweisen; vgl. 
Caggese Un Comune libero alle portc di Firenze 168. 

92. Gaudenzi Stat. 2, 488 ff. Nr. 4—8; Davidsohn Forsch. 3, 
205 Nr. 988; St.-A. Bol. Tesoreria zu 1231; Podesta Procuratore zu 
1231, Ufftrio (fci procuratori Introiti degli affitti 1231; auch Frati 
Stat 2, 73. 

93. Frati 3, 422ff.; St.-A. Bol. Camera Entrate zu 1262; Po¬ 
desta Lib. contractuum zu 1267 und 72. Im Jahre 1272 gab es 
eine societas super gualcheriis molendinis conduductis a cotnuni (Me¬ 
morial. Juliani Vitalis fo. 57). 


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Handel konnte sich nicht mehr von den Wunden, die ihm 
der Krieg geschlagen hatte, erholen. Nun wich die kühne 
Initiative aus den regierenden Kreisen, und größere Unter¬ 
nehmungen des Comune glückten nicht mehr. Das zeigt 
auch die Geschichte der Münze Bolognas. 

Fast das ganze zwölfte Jahrhundert hindurch kursierten 
im Bologneser Gebiet fremde Münzsorten 94 . Erst 1191, also 
zu Beginn des wirtschaftlichen Aufschwungs, gab Heinrich VI. 
den Bolognesen ein Münzprivileg 95 , und sofort begannen sie 
die eigene Ausprägung 96 . Sie schlossen sich dem System 


94. Aus den Urkunden des St.-A. Bol. Dem. ergibt sich fol¬ 
gendes: Die älteste im BoCogn. Gebiet umlaufende Münze war die 
Venctianische. Sie findet sich schon im 10. Jahrhundert, behauptete 
sich das ganze folgende hindurch und bis tief ins 12. hinein. Seit 
der Mitte des 11. Jahrhunderts trat ihr die Veconesische an die Seite. 
Etwa seit Entstehen der Comune wurden die Lucenses vorherrschend. 
Aber, obwohl 1180 (Ptolemacus Luc. in Docum. di storia Ital. 6, 
59) Bologna sich verpflichtete, ausschließlich die Münze von Lucca 
zu benutzen, drangen gerade in den folgenden Jahren die den 
Lucenses gleichwertigen Pisani ein (vgl. auch Tamassia in AMR. 3, 
12, 371 Anm. 5). Vielleicht verlangte Lucca nach seinem Ab¬ 
kommen mit Pisa von 1181 (Schaube 651) nicht mehr das Ein¬ 
halten des Vertrages. Ganz zuletzt wurden auch die Imperiales ge¬ 
bräuchlich. 

95. Vgl. oben S. 131. 

96. Vgl. Salvioni in AMR. 3, 12, 152, dessen Untersuchungen 

auch für das folgende zu vergleichen sind. Ueber den Metallwert 

der bol. Münze vgl. auch Schaube 812. Noch nicht festgestellt 
ist ihre Kaufkraft Der Versuch von Kantorowicz Albertus Gan- 
dinus 1, 165, ist wohl abzulehnen (vgl. auch Götz in Hist. Zeitschr. 
100, 433). — Hier sei noch angeführt: 1219 (Stadt-A. Modena Reg. 
priv. fo. 132) 135 lib. Bo.i. — 60 lib. Provin. senatus; 1269 (Arch. 

stör. Ital. 5, '18, 310) 300 "lib. Turon. = 912 lib. 10 sol. Bon.; 

1270 (St.-A. Memorial. Ysnardi de Pizolpole fo. 36) 1500 lib. Lucens. 
= 1950 lib. Bon.; 1274 (Memor. Johannis Salvi fo. 63) 850 lib. parv. 
Venet. = 630 lib. Bon.; endlich die Notiz zu 1258 (Stadt-A. von 
S. Giovanni in Piersiceto Lib. 19 Nr. 13) nomine pensionis unum 
bisantiuni aureum vel 20 sol. Bon. parv. 


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der zur Zeit vorherrschenden Nachbarstadt Ferrara an 97 . 
T)ie Bononienses hatten wie die Ferrarienses 98 den Wert 
von ein Dritter Imperiales 99 . Die Verwaltung der Münze 
übernahmen die mercatores und campsores 100 und werden 
sich eifrig um ihre Verbreitung und Verbesserung bemüht 
haben. 1209 trat Parma der Bolögnesisch - Ferraresischen 
Konvention bei 101 , 1233 folgte Reggio 108 , 1242 Modena 103 , 
später erweiterte sich der Bund noch nach der Lombardei 
hin 104 . Im Osten drang die Bologneser Münze von selber 
in Imola ein 106 . Seit 1256 suchte man ihre Benutzung auch 
in der ferneren, jetzt abhängigen Romagna durchzusetzen 106 . 
Später als Florenz 107 , ja auch später als die Konventions¬ 
mitglieder Parma und Reggio 108 , erst 1236 entschlossen sich 


97. Ferrara hatte das Münzprivileg von Friedrich I. erhalten 
(vgl. St. 4677; auch Bellini Delle monete di Ferrara 6). 

98. Vgl. Vertrag Bol.-Ferrara von 1193 (oben S. 135 Anm. 125); 
Sav. Nr. 363 Reg. grosso 1, fo. 166 v und Vatican. A. zu Rom 
Arm. 46 to. 62, fo. 24 v; für spätere Zeit Stadt-A. Imola Mazzo 2 
Nr. 73 zu 1263 y Chron. parv. Ferrar. in Mur. SS. 8, 485 f. — 
Ferr. = Bon. = V* Lucenses (vgl. Sav. 2, 1, 191 Anm. C). 

99. Wegen Ferrara vgl. Bellini 37 und 39; wegen Bologna 
Zaccaria Deila badia di Leno 190; Davidsohn Forsch. 3, 7 Nr. 23; 
Frati 1, 229. 

100. Vgl. oben S. 329. 

101. Vgl. Sav. Nr. 385 Reg. grosso 1, fo. 182. Gleichheit der 
drei Münzen erwähnt Zaccaria 190; Stadt-A. Modena Reg. priv. 
fo. 148 v zu 1234. 

102. Milioli 509; Tacoti Memorie stör, di Reggio 3, 203; vgl. 
Malaguzzi-Valeri La Zecca di Reggio nelP Emilia 115. 

103. Cron. Mod. 43; vgl. Crespellani La Zecca di Modena 4; 
auch Frati Stat. 2, 35; Gaudenz) Stat. 2, 76 Nr. 40. 

1Q4. Vgl. Schaube 117; Desimoni in Accad. dei Lincei Mem. 
d. fil.-stor. 5, 3, ,26. 

105. Das ergeben die Imoleser Urkunden. 

106. Vgl. Frati 3, 319 und oben S. 266 f.; bezüglich Ravennas 
Sav. Nr. 718 SL-A. Bol. Lib. rer. div. Dir. de! Com. und Sav. 3, 
1, 313 Anm. E. 

107. Davidsohn Gesch. 2, 1, 213. 

108. Schaube 117; Tacoli 3, 203 erwähnt zu 1233 den grossus. 


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die Bolognesen zur Ausprägung der moneta grossa 109 , die 
den gesteigerten Anforderungen des Handelsverkehrs besser 
entsprach als die bisher allein übliche moneta parva. Sie 
betrug 12 den. parvi oder einen sol. parvus. Aber nach 
der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts wurde auch die 
Münze von der wirtschaftlichen Depression betroffen. Die 
Großkaufleute und Wechsler zeigten sich ihrer Aufgabe 
nicht mehr gewachsen. 1260 kamen arge Münzfälschungen 
vor 110 . Da versuchte der Podesta von 1262 und 64, der 
Venetianer Andrea Zeno, noch einmat eine Reform. Er ent¬ 
zog die Münze ihren bisherigen Leitern 111 und übertrug 
die Verwaltung dem Comune. Dann führte er zwei neue 
Münzen ein, die medagliola, von der zwei auf einen den. 
parvus gingen, und besonders eine Goldmünze, die an Wert 
einer lib. parva entsprach 112 . Ohne Zweifel war hier das 
Vorbild des Fiorino d'oro wirksam 113 . Aber während das 
Florentiner Goldstück seinen Siegeslauf auf dem Weltmarkt 
antrat, mißlang Bolognas Versuch völlig. Den von Zeno 
aus Venedig herbeigerufenen Münzer verbrannte man 1266 
als Fälscher 114 , und medagliolar und Goldmünze wurden 
wieder abgeschafft 115 . 

Die von uns gewählte, isolierte Betrachtungsweise 
könnte zu einer Ueberschätzung der wirtschaftlichen Lei¬ 
stungen Bolognas verleiten. Darum sei nachdrücklich betont, 
'daß sie nicht als Einzelerscheinung, sondern nur als ein 


109. Villola zu 1236. Bon. gross, erwähnt in St.-A. Bol. Dem. 
S. Giovanni B*tt. dass. 3/4487 Nr. 10; Bon. parv. in Estimi Frag¬ 
ment über Herabsetzung der Estimi, beide zu 1237; vgl. auch 
Oaudenzi Stat. 2, 68.Nr. 19. 

110. Oriffoni 15. 

111. Vgl. oben S. 343. 

112. Vgl. Frati 3, 319; Sav. Nr. 742 Lib. contract 1264 fo. 7v; 
auch Salvioni in AMR. 3, 12, 296 f. 

113. Vgl. Schaube 118; Davidsohn Oesch. 2, 1, 411. 

114. Griffoni 17. 

115. Vgl. Sarti 2 , 53; St.-A. Bol. Affitti dei dazi zu 127Qi 


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typisches Beispiel für die damals in vielen italienischen 
Comunen sich regende Tatkraft anzusehen sind. Auch das 
am Reno herrschende Wirtschaftssystem, wie es sich mit 
Hilfe der Stadtstatuten entwickeln läßt, entsprach den in 
jener Zeit allerorts befolgten Grundsätzen. 

Den landwirtschaftlichen Betrieb suchte Bologna genau 
zu regeln. Es erließ eine große Zahl von Bestimmungen, 
von denen einige wohl vorwiegend die Förderung der Agri¬ 
kultur bezweckten — es seien zum Beispiel die Bewässe¬ 
rung^Vorschriften genannt 116 —, deren Mehrzahl aber haupt¬ 
sächlich dem Interesse der cives dienten, wie die Statuten 
betreffend die Zusammenlegung von Grundstücken 117 und 
die Verbote gegen das Brachliegenlassen von Ackerland 118 . 
Dazu kamen die Preistaxen und schließlich die Verordnung, 
daß aus dem Comitat alles Getreide, soweit es nicht zur 
Aussaat und zum eigenen Lebensunterhalt gebraucht würde, 
nach Bologna zum Verkauf zu schaffen sei 119 . 

Auch in den handwerklichen Betrieb griff das Comune 
mit Verordnungen und Preisvorschriften ein. Das er¬ 
fuhren die Pergamenter und Buchbinder, die Hufschmiede, 
die Zimmerleute und Maurer 120 . Besondere Aufmerksamkeit 
mußte es der Beschaffung von Baumaterialien zuwenden, da 
das an Hausteinen so arme Land fast ganz auf den künst¬ 
lichen Stein angewiesen war. Es bestand das Verbot, Ziegel 
zum Wiederverkauf zu erwerben 121 , auch gab es genaue 
Vorschriften über die Anfertigung von Ziegeln 122 . Ferner 


116. Vgl. Frati 2, 354. 

117. Frati 1, 140—45; vgl. Pertile 4, 360 ff.; Volpe Studi sulle 
istituzioni conumali a Pisa 113f.; Pöhlmann Wirtschaftspolitik der 
Florentiner Renaissance 12. 

118. Vgl. Frati 2, 243 ; 3, 362; dazu Salvemini in Pubiicazioni 
dcIP Istituto di Studi superiori CI. filos.-filol. 32, 45. 

119. Frati 2, 213 f. und 3, 523. 

120. Frati 2, 205 ; 2, 52; 2, 81. 

121. Frati 1, 207. 

122. Frati 2, 152; vgl. auch 2, 80 und 2, 469 f. 


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wurde den Landgemeinden die Anlage von Ziegelbrennereien 
auf gemeinsame Kosten anbefohlen 123 . Noch viel durch¬ 
greifendere Maßregeln traf Bologna im Interesse der Brot¬ 
herstellung. Sie lassen sich auch erheblich weiter zurück¬ 
verfolgen. 

Schon im zwölften Jahrhundert erwarb das Comune 
Getreidemühlen. Die wichtigsten lagen vor den Stadttoren 
am Ramus Reni 124 und am Savenakanal 125 . 1176 wurde 
letzterer unter städtischer Leitung umgebaut, und damit zu¬ 
sammenhängend erfolgte eine Neuordnung der Besitzverhält¬ 
nisse der ramisani, das heißt der Inhaber der Mühlen am 
ramus, die wahrscheinlich auch eine Art Organisation be¬ 
saßen 126 . Schon in dieser Zeit gehörten dem Comune dort 
mehrere Mühlen 127 . Um 1234 wurde ein neuer Kanal ge¬ 
baut und damals die ramisani von der Stadt expropriiert 128 . 
Am Ramus Reni 129 gab es 1208 eine Genossenschaft von 
gegen vierzig ramisani, die mit Bologna einen Vertrag 
schlossen und die Zusicherung erhielten, daß keine weiteren 


123. Frati 2, 412; vgl. auch 3, 199. 

124. Vgl. S. 365 Anm. 27. 

125. Er begann mit einer Schleuse bei S. Ruffillo (Frati 1, 39), 
kam durch die Vja Castiglione in die Stadt, bis er in die Aposa 
mündete (Frati 1, 114; 2, 147; vgl. auch 3, 208 Anm. a; Villola zu 
1224). Ein Teil des Wassers wurde vor der Porta Castiglione nach 
Westen abgeleitet (Frati 2, 416). Der ramus diente auch Kanalisations¬ 
zwecken. 

126. Sav. Nr. 227 und 32 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 34 v 
und 39 v; vgl. auch den gleich zu erwähnenden Prozeß von 1234. 

127. Sav. Nr. 229 Regt grosso 1, fo. 34 v. Sie wurden gegen 
eine jährliche Abgabe verpachtet (vgl. Sav. Nr. 309 Reg. grosso 1, 
fo. 63; Regy grosso 1, fo. 199v und 218v zu 1213 und 16). 

128. Vgl. den Prozeß von 1234 in St.-A. Bol. Dem. S. Stefano 
Cass. 22/958 Nr. 29 (der ramus vetus wurde noch weiter erwähnt; 
vgl. Frati 3, 322; 2, 341); Frati 2, 340. 

129. Die dortigen Mühlen zuerst 1185 erwähnt (Dem. S. Gio¬ 
vanni i. M. Cass. 9/1349 Nr. 37; vgl. auch ViiloLa zu 1191). 


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Mühlen am Kanal errichtet werdjen sollten 130 . Zwölf Jahre 
später aber setzte sich die Regierung durch Zwangsverfahren 
in den Besitz aller Mühlen, sow|eit sie ihr noch nicht ge¬ 
hörten. Sie zahlte für das molendinum 800 lib. 131 und ver¬ 
fügte hier jetzt über fünfzig Mühlen 132 . Nach den Stadt¬ 
statuten durften alle diese Mühlen nicht veräußert, sondern 
nur jährlich gegen Getreideabgaben verpachtet werden 133 . 
Die Höhe des Naturalzinses war sehr verschieden 134 . Das 
dem Comune abgelieferte Getreide wfurde teils an Kirchen 
und Klöster verschenkt 135 , teils verkauft 136 . Dafür existierte 
auch eine besondere Behörde 137 . Die Mühlenpächter waren 
verpflichtet, jedem, der es verlangte, sein Getreide zu 
mahlen 133 und als Bezahlung nicht mehr als den vierzehnten 
Teil davon zu fordern. 

Die bei ihnen beschäftigten, wie überhaupt alle Fuhr- 


130. Sav. Nr. 380 Reg. grosso 1, fo. 178. 

131. Reg. grosso 1, fo. 376; fo. 306 v—316; fo. 337—429 v; 
Reg. nuovo fo. 301 v; vgl. auch Viltola zu 1219. 

132. Vgl. Fra« 3, 487 f. 

133. Frati 2, 37; 2, 150; auch 2, 44 = 1, 210; Gaudenzi 
Stat. 2, 532 Nr. 2. 

134. Vgl. die Verpachtungen von 1260 (Reg. grosso 1, fo. 
479 v) bis 75 (Affitti dei dazi). Im letzten Jahre sind die Pächter 
zu einer societas vereinigt. Schon zwei Jahre vorher hatten sie sich 
zusammengeschlossen, um die Pachtsumme herabzudrücken. 

135. Frati 1, 41 ff. 

136. Frati 2, 150. 

137. Die 1271 domini qui presunt officio bladi genannt wurde, 
1278 in die presidentes officio molendinorum und in die presidentes 
ad recipiendum et vendendum Wadum comunis zerfiel (St.-A. Bol. 
Anziani Rif. e Prov., Gpvematore delle moliture Introiti). Damals 
kamen über 17000 corbes frumenti ein (Reg. grosso 1, fo. 506 ff.). 
— Angemerkt sei hier, daß auch die ßolog. Landgemeinden (St.-A. 
Bol. Lettere del Comune zu 1276; vgl. auch oben S. 304 Anm. 2) 
und auch andere Gomunen (vgl. Sieveking Genueser Finanzwesen 
1, 25; Statute di Ravenna ed. ZoH e Bemnicoli 129 f. Nr. 282/3) Mühlen 
besaßen. 

138. Vgl. die oben Anm. 134 erwähnten Pachtverträge; auch 
Frati 3, 488; 1, 176, 


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Ieute und Müller Hatten den yscarii comunis zu gehorchen 139 , 
die Müller noch eine Reihe von besonderen Verordnungen 
zu befolgen, wollten sie nicht Ausschluß aus dem Gewerbe 
gewärtigen 140 . Beiden war jede Organisation verboten 141 . 
Das gleiche Schicksal erfuhren die Bäcker. Auch ihr Ge¬ 
werbe wurde unter städtische Kontrolle genommen 142 . 
Wöchentlich bestimmte man 143 aus jedem Quartier eine 
Anzahl pistores, die allein zum Verkauf Brot herstellen 
durften. 1262 wurde dieses Vorrecht zwölf Fremden 144 , 
zwei Jahre später wieder einigen Einheimischen 145 über¬ 
lassen. Beidemal enthielt der Vertrag genaue Herstellungs¬ 
vorschriften unjd Preislisten. Während so die Bäcker über¬ 
wacht wuiiden, ihnen auch die Zunftbifdung untersagt war, 
hatten die Fleischer nur wenige Bestimmungen zu be¬ 
folgen 146 und gehörten zu den angesehensten sodetates 
artium. Das Werden wir wojhl so erklären dürfen, daß die 
Bologneser Getreideproduktion nicht entfernt die Bedürf¬ 
nisse der Bevölkerung deckte, Fleisch hingegen in aus¬ 
reichender Menge vorhanden war. 

Der Bevormundung von Ackerbau und Gewerbe ent¬ 
sprach die Regetung des Handelsverkehrs. Den Land¬ 
gemeinden wurde das Abihalten von Mäilrten, Jahresmessen 
ausgenommen, meist untersagt 147 . Für die Viktualienhändter 
und Detailverkäufer von Wein bestanden allerlei Vorschriften 


139. Vgl. Fraii 1, 176f.; 2 , 43f. = 1, 210; 1, 322 = 2, 41. 

140. Frati 2, 44 f. = 2, 41 f. «= 1, 207 ff. 

141. Vgl. oben S. 283 Anm. 63. 

142. Gaudenzi Stat 2, 523 Nr. 49. 

143. Frati 3, 199. 

144. St.-A. Bol. Ufficio dei procuratori Atti (vgl. Arias Trattati 
conunerciali della Republica Piorentina 301). Ein älterer Vertrag 
wurde damals aufgehoben (Frati 3, 101). 

145. Podesta Libri dei pnocessi in peigam. 

146. Frati 2, 61; 2, 132; 1, 100. 

147. Frati 1, 31; vgl. auch Frati 2, 46; 1, 520; Gaudenzi Stat 
2, 250 Nr. 3 etc. 


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und Taxen 148 . Um den Komwucher zu verhindern, setzte 
man ein Maximum für die Getreidepreise und die Menge, 
die der einzelne kaufen durfte, fest. Kauf zum Wieder¬ 
verkauf war untersagt, der Getreidehandel auf bestimmte 
Punkte der Hauptstadt konzentriert und unter scharfe 
Aufsicht gestellt 149 . 

Ein- und Ausfuhr 150 regulierte das Comune nach dem 
damals üblichen Prinzip. Es förderte den Import von Eß- 
waren, Werden, Fellen und Wolle 151 , gestattete den Export 
von Industrieerzeugnissen, wie Kurzwaren, Schwertern, 
Messern, Hotzprodukten und auch von Bologneser Tuchen 159 , 
untersagte dagegen die Ausfuhr von Papier, Tinte, Kalk, 
Ziegeln, Steinen, Bau- und Brennholz, Kohle, Heu, Fleisch, 
Gemüse, Getreide usw. 153 . Beim Wein schwankten die Be¬ 
stimmungen wohl je nach der Lage der heimischen Pro¬ 
duktion 154 . Für die übrigen Lebensmittel läßt sich die lang¬ 
same Verschärfung des Verbots 155 im Zusammenhang mit 
dem Steigen der Einwohnerzahl verfolgen. 


148. Frati 1, 189; 2, 142; 2, 53; 1, 211; 2, 34; 2, 237; 

2, 51. In St-A. Bol. Camera Imbottato de) vino Bestrafung eines, der 
für Wein unerlaubte Preise gefordert hatte, von 1255. 

149. Frati 2, 277; 2, 255 ; 2, 210; vgl. auch die besonderen 
Verordnungen, Frati 3, 495 ff. 

150. Vgl. auch Frati 2, 207 ; 2, 204 ; 2, 203 ; 3, 310. 

151. Frati 2, 33 == 2, 208; 2, 73. 

152. Frati \ 205 und 134; 1, 212. 

163. Frati 2, 203ff.; 1, 242; 2, 207; 1, 212. 

154. 1228 wurde Wein nach Venedig exportiert (Schaube 710); 
1244 war die Ausfuhr verboten (St.-A. Bol. Lib. iuramentorum fo. 
226), etwas später bedingt gestattet (Frati 2, 216), gegen Ende der 
sechziger Jahre sogar befördert (Sav. Nr. 762 Reg. nuovo fo. 369). 

155. Zu Ende des 12. Jahrhunderts fehlte noch die Notwendig¬ 
keit (vgl. den Vertrag Bologna - Ferrara oben S. 135 Anm. 125); 
mit dem 13. Jahrhundert begannen die Erschwerungen (vgl. den 
Vertrag Bologna-Ferrara oben S. 187 Anm. 214); bald erfolgte dann 
das Verbot, Lebensmittel auszuführen (vgl. Tiraboschi Nonantola 2 
Nr. 447; Sav. Nr. 603 Reg. nuovo fo. 44, es muß an der Stelle 


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Das Wirtschaftssystem Bolognas, wie seine einzelnen 
Maßregeln und Unternehmungen entsprachen den Wünschen 
der herrschenden Bevölkerungsklasse. Gegenüber dem ab¬ 
hängigen District verfolgten die cives ihre Interessen ohne 
jede Rücksicht. Ein solches Vorgehen war bei den städtischen 
Gewerben nicht angängig, denn sie wurden in der Haupt¬ 
sache von den an der Regierung beteiligten Zünften aus¬ 
geübt. Nur wo es die Notwendigkeit forderte, griff man 
auch hier ein, sonst wurde den societates artium ihre Selb¬ 
ständigkeit gelassen. Die mächtigen Großkaufleute und 
Wechsler und auch die Tuchhändler waren sogar von der 
Gewerbegerichtsbarkeit der officijales comunis befreit 157 . Und 
1256, als die Popolaren das Regiment ganz in ihre Hand 
bekamen, erlangten alle zur Volksorganisation gehörenden 
Zünfte dieses Vorrecht 158 . Wir sehen also, wie die Wirt- 
schaftspolitik des Comune, die erst nach Erreichung einer 
bestimmten politischen Entwicklungsstufe möglich wurde, 
sich auch weiterhin von politischen Faktoren beeinflussen 
ließ. Umgekehrt aber, ist auch die Wirkung wirtschaftlicher 
Momente auf die politische Geschichte nicht zu verkennen. 
Aus früherer Zeit gibt dafür die Zurückhaltung Bolognas 
gegenüber dem nördlichen Nachbar, Ferrara, ein anschau¬ 
liches Beispiel. Aus späterer Zeit ist die Lebensmittelfrage 
anzuführen. Die Schwierigkeit, die Hauptstadt mit der 
nötigen Getreidemenge zu versorgen, machte damats vielen 
italienischen Gemeinden zu schaffen 159 , ganz besonders aber 


heißen’ banna statt fconna und victualibus statt vectigalibus; in 
St.-A. Bol. Ufficio della abbokidanza Qranaglie zu 1232 oder 33 
Notiz über Beschlagnahmungen wegen unerlaubten Exports von Holz 
und Kohlen). — Davidsohn Forsch. 4, 307 ff. hat wohl Recht gegen¬ 
über den Ausführungen Salveminis. — Ueber die.Zunahme der Be¬ 
völkerung vgl. Kap. 6 dieses Buches. 

157. Frati Stat. 1, 188. 

158. Frati 3, 411. 

159. Vgl. Schaube 766; Davidsohn Forsch. 4, 314 f. 


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Bologna, wo jährlich Tausende fremder Studenten zusammen¬ 
strömten. Sie sollte die Renostadt in den verhängnisvollen 
Krieg mit Venedig treiben. 


Anhang zum III. Kapitel. 

Finanzen des Comune: 

Wir geben diese Uebersicht im Anhang, weil das zur 
Verfügung stehende Material kein Urieil über die Finanz¬ 
politik der comunalen Regierung gestattet. Es lassen sich 
nur die verschiedenen Eifln t ahmequellen erkennen. Besondere 
Beachtung können dje Nachrichten über die Estimi bean¬ 
spruchen. 

Die Einnahmen 1 2 des Comune zerfielen in die ordent¬ 
lichen und außerordentlichen. Unter den ersteren bildeten 
eine Gruppe die Erträge aus den städtischen Besitzungen. 
Zu ihnen gehörten in der Hauptstadt das palatium und eine 
beträchtliche Anzahl'sonstiger Gebäude und Terrains, die, 
soweit iigend möglich, an Gewerbtreibende vermietet 
Wurden 8 , im District größere Güterkomplexe, die man zum 
Teil gegen Naturalabgaben verpachtete 3 * * . Von den Lände- 


1. In der Disposition folge ich Sieveking Genueser Finanz¬ 
wesen 1. Bd. 

2. Vgl. Frati Stat. 2, 46; 1, 356. Schon 1212 wurden die 
stationes im Stadtpalast vermietet (St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 
195 f.). In Camera del Comune Entrate e Spese hat sich das Frag¬ 
ment eines Verzeichnisses der verpachteten stationes und k>ca von 
1262 erhalten. 

3. Vgl. Frati .1, 358; J2, 37. Zu ihnen gehörte das südlich 

von Medicina gelegene Medesano, da., die Bolognesen 1218 besetzten 

(vgl. oben S. 174. 1221 erhob die frühere Besitzerin, die Imoleser 


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reien sind die Gebiete von Minerbio-AHedo und von Bara- 
tinum oben erwähnt worden 4 . Ihrer Lage nach können sie 
Teile des großen Forstes gewesen sein, in dem einst 
Heinrich V. dem jungen Bologneser Gemeinwesen die Be¬ 
nutzung der (Weide gestattete 5 . So besteht einige Wahrschein¬ 
lichkeit für die Annahme, daß Bologna durch Occupation 
von Reichsgut hier Grundbesitzer geworden ist. Gleichfalls 
schon früher besprochen sind dje städtischen Mühlen und 
Brücken. Von all' diesen Besitzungen wurden in Bologna 
genaue Verzeichnisse angelegt 6 , auch gab es besondere Be¬ 
hörden, die über sie wachten 7 und die Verpachtung be¬ 
sorgten 8 . 

Ändere regelmäßige Einkünfte flössen aus den Hoheits¬ 
rechten. Da waren die Strafgelder, die in den sechziger 
Jahren des dreizehnten Jahrhunderts die Höhe von mehreren 
zehntausend lib. erreichten 9 , natürlich aber nur zum Teil 
Wirklich einkamen, dann die Caposoldi, das heißt 5°/ 0 von 
der Schuldsumme, die ein wegen Zahlungsversäumnis ge¬ 
bannter Schuldner bei Lösung aus dem Bann zu zahlen 
hatte 10 . Mit ihrer Erhebung war schon 1208 eine Kom¬ 
mission beauftragt, die 1269 aufgehoben wurde 11 . Dazu 


Kirche, dagegen Klage; vgl. J.-L. 9484; Fotthast 5065 Nachtrag; 
Kanon.-A. Imola Mazzo 5 Nr. 148), erst in Pacht gaben (vgl. St.-A. 
Bol. Lib. rer. div. Dir. del Gom. zu 1250; Stadt-A. Imola Mazzo 1 
Nr. 97 zu 1251; Frati Stat. 1, 109 und 1, 71), dann großenteils 
verkauften (Gantinelli 6; ein Beispiel in St.-A. Bol. Dem. S. Fran¬ 
cesco Cass. 6/4138 Nr. 39). 

4. Vgl. oben S. 362. 

5. Vgl. oben S. 53. 

6. Frati 2, 157. 

7. Frati 2, 157. Mehrfache Beispiele von der Tätigkeit dieser 
Behörde finden sich in den Akten des St.-A. Bol. 

8. Frati 3, 172; 3, 162 = 3, 157. 

9. St.-A. Bol. Memorial. Johannini Christiani fo. 6 zu 1266. 

10. Frati 1, 394; 1, 397. 

11. Vgl. die Urkunden im A. Lambertini zu Poggio Renatico; Frat> 


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kamen die Gebühren für jeden im Kriminalprozeß produ¬ 
zierten Zeugen und für Eintragung und Tilgung aus den 
Bannlisten 13 ; ferner die Abgaben, die für die Konzession 
von Glücksspielbanken zu entrichten waren 13 , die Einkünfte 
aus dem städtischen Markt 14 und die Taxen für die Be¬ 
nutzung der großen und kleinen Stadtwage. Die Erträge 
der ersteren finden wir seit 1252, die der letzteren seit 1264 
verpachtet 15 . 

Dieses auch sonst in Italien übliche Verpachtungssystem 
kam in Bologna bei den Auflagen, die Handel«und Konsum 
belasteten, ganz allgemein zur Anwendung 16 . Zuerst war 
jährliche Pachtfrist die Regel. Aber in den Zeiten vor der 
Revolution dehnte man ihre Dauer immer mehr aus, während 
die Zahlung der ganzen Pachtsumme sofort erfolgte 17 . So 
wurde aus der Verpachtung eine Anleihe gegen Ver¬ 
pfändung 18 . Der wichtigste Zoll war das pedagium oder 
passagium, das sich schon im zwölften Jahrhundert nach- 
weisen läßt 19 . Um die Mitte des folgenden scheint das 
Comune seine Verwaltung den campsores überlassen zu 
haben 20 . 1252 und 1260—65 finden wir es an private Unter- 


1, 117; 3, 194; 3, 162 = 164 ; 3, 29 = 31 = 27; St-A. Bok, 
Dem. S. Stefano Cass. 23/959 zu 1256. 

12. Frati 1, 257; 1, 336. Nach den Akten des St.-A. Bol. 
wurden die Erträge verpachtet. 

13. Vgl. AMR. 3, 11, 361. 

14. Vgl. Frati 3, 173. 

15. Frati 1, 112; 3, 246; St.-A. Bol. Giudiee dei dazi Affitti 
zu 1264 und andere Akten. 

16. Vgl. Frati 1, 112. 

17. Vgl. die Verpachtung des datium vini 1273 in St.-A. Bol. 
Memorial. Henrigipti Feliciani fo. 68 v. 

18. Sieveking Genueser Finanzwesen 1, 41. 

19. Vgl. Sav. Nr. 191 = Vignati 177; Sav. Nr. 299 St.-A. Bol. 
Reg. grosso 1, fo. 114. 

20. Vgl. Gaudenzi Stat. 2, 93 Nr. 74. Welche pacta de pedagio 
in Frati 1, 70 gemeint sind, weiß ich nicht; vgl. auch Gaudenzi 2, 
526 Nr. 59. 


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nehmer verpachtet. Damals traf es in genau differenzierten 
Sätzen: Flachs und Leinenwaren, Baumwolle und Wolle, 
Tuche verschiedenster Art und von der Textilindustrie ver¬ 
wendete Produkte, Felle und Leder, Metall und Metallwaren, 
Gewürze, Spezereien, Wachs, Salz usw., endlich Vieh 21 . 
1267 und 71 wurde das passagium, beidemal auf fünf Jahre 
den Zünften der Großkauffeute und Wechslern in Pacht 
gegeben 22 . Aus den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren 
besitzen wir ferner ziemlich genaue Nachrichten über die 
Abgabe, die noch besonders auf Wolle und Leinen lastete, 
über die Zölle, die für Kastanien und andere Baumfrüchte, 
dann für Fische und Safz zu entrichten waren 23 , über die 
Steuer, die für Seideitwürmer erhoben wurde, und über das 
datium virii, das aber nur die Detailhändler zu zahlen 
hatten 24 . Angeführt sei hier auch die boateria, die wie die 
bisher besprochenen Auflagen regelmäßig erhoben und ver¬ 
pachtet wurde. Man kann sie bis tief ins zwölfte Jahr¬ 
hundert zurückverfolgen 25 . Sie betrug in der zweiten Hälfte 


21. Frati 3, ,246; St.-A, Bol. Reg. grosso 1, fo. 480 v und 

82; Podesta Liber contractuum zu 1201, Camera del Comune Entrate 
e Spese zu 1262, Oiudice dei dazi Affitti zu 1264, Podesta Procuratore 
zu 1265. Es wurde bei Torre dell’ Uccellino und Castelfranco 

oder an der Bologneser Stadtbefestigung erhoben von Waren von 
und nach Ferrara und solchen von und nach Modena. Von einem 
anderen Passierzoll, der auf Waren von und nach Toscana oder 
der Romagna lastete, hören wir nichts. Auch der oben S. 370 

Anm. 70 erwähnte Vertrag Bolognas mit Florenz von 1254 weiß 

nichts von ihm. — Weil die Bolognesen (Frati Stat. 2, 216; 3, 

336) und die oben S. 371 Anm. 72 Genannten vom passagium befreit 
waren, blieben seine Erträge ziemlich gering. 

22. St.-A. Bol. Podesta Procuratore und Giudice dei dazi AffittL 
Hier fehlt die Beschränkung auf die Waren von und nach Ferrara 
und Modena; vgl. auch Gjaudenzi Stat. 2, 159 Nr. 57. 

23. Frati 2, 207 und 3, 246 und Akten im St.-A. Bol. 

24. Frati 2, 191 und Akten im St.-A. Bol. 

25. Sav. Nr. 161—63 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 18, 21 

und 21 v. 


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des dreizehnten für jeden Rinderbesitzer 3 so!., für alle, 
die keine besaßen, 18 den. Sie traf die Comitatinen, frei 
von ihr waren die nobiles und die cives 26 . 

An den Schluß der ordentlichen Einnahmen stellen wir 
die Erträge aus den Salinen von Cervia. Zuerst erhob 
Bologna nur ein datium von dem produzierten Salz und 
betraute damit eine Behörde, die sich aus vier Bolognesen 
und vier Cerviesen zusammensetzte. Ein Viertel der ein¬ 
gekommenen Beträge erhielt Cervia, seinen Anteil pflegte 
die Renostadt zu verpachten 27 . Bis zum Ende der sechziger 
Jahre scheinen die Bolognesen nicht die gesamte Salz¬ 
produktion für sich beansprucht zu haben, wenn sie sich 
auch das Recht dazu vorbehielten 28 . Spätestens 1269 trat 
eine Aenderung ein 29 . Von nun an mußten die Salinen¬ 
besitzer alles gewonnene Salz zu festgesetzten Preisen an 
das Bologneser Comune verkaufen 30 . Bologna schloß zum 
Transport des Salzes nach dem Reno Verträge mit privaten 
Unternehmern und nahm die Hilfe der Landgemeinden in 


26. Frati 1, 235 und Akten im St.-A. Bol. 

27. Frati 3, 115; 2, 166; auch 3, 114; St.-A. Bol. Podesta Lib. 

contractuum zu 1261; Uffioio della Camera Entrate e Spese zu 
1262; Giudice dei dazi Affitti zu 126^ Im letzteren Jahre muß 

eine Aenderung eingetreten sein. So wurde Frati 3, 115 im Kodex 
von 1264 nachträglich getilgt, in dem späteren fortgelassen. 
Von 1265 kennen wir die Verpachtung eines Zolls, der von Cervieser 
Salz, das pach Bologna importiert wurde, zu erheben war (St.-A. 

Bol. Podesta Procura tore). Die Pächter erhielten die Befugnisse, 
die bisher die vier Bologneser Salzbeamten besaßen. 

28. Vgl. St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 497 v zu 1260. 

29. Sie hängt wohl nicht mit der bald danach ausbrechenden 

Feindschaft zwischen Bologna und Venedig zusammen. — Vgl. St.-A. 
Bol. Podesta Lib. contractuum zu 1269 Juni 30, August 19 und 

Oktober 10; Sav. Nr. 761 St.-A. Venedig Codice Trivisaneo fo. 357 

30. St.-A. Bol. Podesta f,ib. contractuum zu 1270 und 73, 
Giudice dei dazi Affitti zu 1271; Memorial. Amadei de Sardellis 
fo. 2v zu 1273. 


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Anspruch 31 . Auch gab es jetzt besondere Beamte zum 
Empfang und Weiterverkauf des Salzes 38 . 

Die bisher geschifderten Einkünfte waren dazu be¬ 
stimmt, den regelmäßigen Bedarf des Comune zu decken. 
Um die außerordentlichen Ausgaben zu bestreiten, wurde 
entweder eine direkte Steuer, die collecta, ausgeschrieben 
oder eine Anleihe erhoben. Beiden gemeinsam war die aus¬ 
schließliche Verwendung zu dem vorher festgesetzten 
Zweck 33 . Die collecta genannte Herdsteuer 34 bestand in 
Bologna seit den Anfängen des Comune 35 . Nicht so früh, 
wie einige andere Städte 36 , aber doch schon 1235 führte 
Bologna eine gerechtere Verteilung der collecta mit Hilfe 
eines allgemeinen Katasters, der Estimi, durch 37 . Das ge¬ 
schah wahrscheinlich auf Drängen der um diese Zeit zur 
Macht gelangenden Popolaren 38 . Fragmente von den da¬ 
maligen Estimi der Landgemeinden haben sich erhalten 39 . 
Ihre Grundlage bildete die Grafschaftseinteilung von 1223. 
Von dem Quartier S. Pietro kennen wir sogar die Sum¬ 
mierungen. Danach betrugen die Vermögen der comitatini 
hier 103551 fib., ihre Schulden, die davon abgezogen wurden, 
12 296 lib. Bei den nobiles und exempti beliefen sich die 
Aktiva auf 22 386 lib., di,e Passiva auf 2860 lib. 40 . Die 


31. St.-A. Bol. Giudice dei dazi Affitti zu 1271; Stadt-A. 
Jmola Mazzo 3 Nr. 58 zu 1270. 

32. St.-A. Bol. Ufficio del sale Distribuzione. 

33. Wegen der collecta vgl. Frati Stat 3, 107 = 1, 216; wegen 
der Anleihe Rol. Passagcrius 1, fo. 80 v. 

34. Vgl. Pcrtile 2, 1, 426; DaVidsohn Forsch- 4, 294. 

35. Vgl. Sav. Nr. 113, 148 und 161 ; alles aus St.-A. Bol. 
Reg. grosso 1. 

36. Pertile 2, 1, 459 f. 

37. Villola zu 1235. Zu 1224 berichtet er von einer collecta 
von 2 sol. pro ostio. 

38. Vgl. Frati 3, 220; Gaudenzi Stat. 2, 503. 

39. St.-A. Bol. Estimi. 

40. Estimi von Bagnarola. — Dazu kamen noch die possessiones 


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Schatzung leiteten vier von Bologna eingesetzte Beamte. 
Vor ihnen gaben die Bewohner der einzelnen Ortschaften 
persönlich die eidlichen Erklärungen ab. Abgeschätzt 
wurden Mobilien und Immobilien. Dabei überwogen natür¬ 
lich die letzteren, doch fehlten auch Waren, Oeld und Renten 
nicht. Die debita zerfielen in augenblickliche Schuldverpflich¬ 
tungen und periodische Leistungen. Auch die Gemeinde- 
vermögen waren dem Estimo unterworfen. 1239 ließ man 
eineH neuen Kataster aufnehmen 41 . Von den nächsten Estimi 
von 1245 besitzen wir wieder zahlreiche Reste. Sie glichen 
den älteren; nur wurden diesmal aus jeder Oemeinde fünf 
Männer ausgewählt, die zusammen mit der Bologneser Be¬ 
hörde das Einschätzungsgeschäft betrieben. 1249 erfolgte 
ein Systemwechsel. Vier presidentes officio fumantium 
stellten zusammen mit einem iudex potestatis und vier Rechts¬ 
gelehrten große Listen der Comitatsorte .auf, wieder nach 
den vier Quartieren geordnet uiid Wieder die exempti und 
nobifes in besonderen Rubriken. Aber es wurden nur die 
einzelnen Namen eingetragen, nichts mehr über den Besitz 
vermerkt. An den Listen nahm man Nachträge vor, die 
bis 1270, ja 77 gehen, auch Tilgungen. Doch seit 1262 
verbot dem Podesta ein Gesetz 42 , Bitten der Landgemeinden 
um Verminderung ihrer fumantes stattzugeben. Also das 
Bologneser Comune kümmerte sich seit 1249 nicht mehr 
um den Kataster der einzelnen Grafschaftsleute, sondern 
hielt sich an die feste Zahl der Feuerstellen. Die eigent¬ 
lichen Estimi vorzunehmen überließ sie den Behörden der 
Landgemeinden 43 . Von dem Kataster der Bologneser Bürger 


hominum non habitantiuni in districtu et iurisdictione Bon. = 2840 
lib. Eine solche Schatzung der Fremden war auch sonst üblich; 
vgl. Sav. Nr. 258 St.-A. Bol. Reg. grosso J, fo. *45 v; Frati Stat. 
2, 101; 2, 217 = 2, 238. 

41. Vgl. Frati 2, 102; auch 1, 476 zu 1239. 

42. Frati 3, 389; vgl. auch 3, 420. 

43. Vgl. Frati .1, 217; 2, 100; Rol. Passagerius 2, fo. 196. 


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sind nur wenige Fragmente auf uns gekommen 44 . Hier 
in der Hauptstadt bildeten die contrate die lokalen Ab¬ 
teilungen. 

Wie für die drei Bevölkerungsklassen des Bologneser 
Herrschaftsgebiets verschiedene Estimi existierten, so 
wurden sie auch in verschiedener Weise mit cotlecte be¬ 
lastet. Am häufigsten erhob man die Herdsteuer von den 
Comitatinen. Dazu wurden in Bologna besondere Beamte 
eingesetzt. Bis zu einem bestimmten Termin hatten die Ge¬ 
meinden das Geld abzuliefern, sonst trat Bestrafung ein 45 . 
Seltener wurden die nobiles und exempti mit einer collecta 
bedacht, deren Erhebung gleichfalls eine besondere Bolo¬ 
gneser Behörde uesorgte, die ferner auch die schon erwähnte 
boateria einzuziehen hatte 46 . Bisweilen schrieb man endlich 
auch für die cives eine collecta aus 47 . 


44. Die wohl ins Jahr 1235 gehören (im St.-A. Bol. Estimi). 
Der hier genannte Bartolomeus Naxinture war im gleichen Jahr 
antianus societatis Lombardic (Mur. Ant. 4, 331). 

45. Frati Stat. 3, 107 = 1, 216; 1, 215; 1, 137; 3, 161 = 3, 
155. So wurde ,1246 eine collecta von 8000 lib. aufgelegt (St-A. 
Bol. Podesta Disco dell’ Orso); 1251 eine von 4600 lib. im Bol. 
und Imoleser Comitat, und zwar 6 so!. 2 den. pro fumante (Teso- 
reria Entrate e Spese); 1256 eine andere ebenfalls in beiden Graf* 
schäften (Podesta Disco dell’ Orso und Estimi); 1266 wieder eine 
im Betrage von über 2300 lib. (Memorial. Johannis Christiani fo. 6); 
1267 eine von 15000 lib. in beiden Grafschaften, und zwar in der 
Bol. zu 13 sol. 6 den. pro fumante, in der Imol. zu 34 sol. 10>/j 
den. pro fumante (Podesta Disco del 1 ’ Orso und Ufficio del Giudice 
al Disco dell' Orso). — Die Landgemeinden brachten die Beträge 
auch durch eine Anleihe auf (Dem. S. Francesco Cass. 14/4146 
Nr. 47 zu 1278); vgl. auch Rol. Passagerius 2, fo. 196 v. 

46. Frati 1, 473; 3, 33f.; 3, 209. Beispiele: 1235 (?) collecta 
einmal von J2, das andere Mjal von 6 den. pro 100 lib. Estimi 
(St.-A. Bol. Estimi. Bannlisten der nicht Zahlenden); 1246 eine von 
3 sol. 6 den. pro 100 lib. Estimi (Istrumenti privati); 1254 eine von 
9 den. pro >100 lib. Estimi (Tesoreria). Letzteres ist auffallend, 
denn seit 1249 bestand auch für die noh. et exempti die neue Er¬ 
hebungsmethode. 


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Aber die Steuern genügten nicht entfernt den Bedürf¬ 
nissen des Comune. Auch ließ sich auf diesem Wege die 
oft notwendige rasche Beschaffung von Geldmitteln nicht 
ermöglichen. Da mußten die Anleihen aushelfen. Die Stadt¬ 
statuten verlangten, daß der Zinssatz für Schulden nicht 
20% überschreiten dürfe, bestimmte auch die Höhe der 
Provisionen für die Makler 48 . Aber in der Finanznot vor 
der Revolution verließ man diese Grundsätze und lieh Geld 
bis zu 40 % 49 . Auch' die andern Maßnahmen, die man ge¬ 
troffen hatte, um die Schuldenlast des Comune zu mindern 50 , 
wurden damals wohl illusorisch. In besonderen Fällen schritt 
man in Bologna zu Zwangsanleihen 51 , die vom consilium 
comunis mit Dreiviertetmajorität beschlossen sein mußten 52 . 

Vom städtischen Budget haben sich nur einige Frag¬ 
mente erhalten, die aber das allmähliche Steigen der jähr¬ 
lichen Einnahmen und Ausgaben erkennen lassen. Zu Ende 
des zwölften Jahrhunderts betrugen sie nur wenige tausend 
lib. Bon. 53 . 1251 beliefen sich die Einnahmen eines Monats 
schon auf über 6000 lib., denen etwas geringere Ausgaben 
gegenüberstanden 54 . Ende 1270 ergaben sich für das letzte 


47. Frati 1, 465; 2, 127 = 3, 107. Beispiele: 1244 collecta 
von 33 den. pro 100 üb. Estimi (St-A. Bol. Dem. S. Francesco 
5/4137 Nr, 32); 1251 eine zu dem gleichen Satz, die 3000 lib. 
einbringen sollte (Tesoreria Entratc e Spesc). 

48. Frati 1, 130; 2, 202. Beispiele solcher Anleihen finden 
sich mehrfach in den Akten des St.-A. Bol. 

49. St.-A. Bol. Riformazkmi zu 1273. 

50. Vgl. Frati 2, 267 ; 2, 264 ; 2, 252; 2, 452; 2, 70; l, 6t); 2, 69. 

51. Beispiele dafür im Schlußabschnitt. 

52. Fraü 2, 249. 

50. Sav. Nr. 309 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 63. Es ergeben 
sich vom November 1194 bis November 1195: 5146 lib. Einnahmen, 
gegenüber 3785 lib. Ausgaben; für die nächsten acht Monate: 5792 
lib. Einnahmen und 5003 lib. Ausgaben. 

54. St.-A. Bol. Tesoreria Entrate e Spese. 


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Halbjahr 72347 lib. Einkünfte und 72032 üb. Ausgaben; 
sechs Monate später betrugen erstere nur 41915, letztere 
41925 lib. 66 


55. St.-A. Bol. Camera Entrate. 


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IV. Kapitel. 

Comune und Kirche. Religiöse Strömungen 
innerhalb der Bürgerschaft. 

Solange das Bologneser Comune lebenskräftig war, ließ 
sich seine Regierung weder von guelfischen Partei¬ 
bestrebungen noch von religiösen Strömungen leiten, ver¬ 
trat auch gegenüber den Trägern der kirchlichen Gewalt 
die eigenen Machtinteressen. Das zu beobachten, bot schon 
die äußere Geschichte mehrfach Gelegenheit — wir erinnern 
nur an den Streit Bolognas mit den Päpsten um das Mathil- 
dinische Gut —, noch deutlicher vielleicht tritt es bei den 
Beziehungen des städtischen Regiments zur heimischen 
Bischofskirche zutage. 

Im Bunde mit seinem geistlichen Oberhaupt war die 
Bürgerschaft zur Selbständigkeit gelangt und das ganze 
zwölfte Jahrhundert hindurch dauerte das gute Verhältnis 
an; denn die Machtausdehnung der Stadt erhöhte zugleich 
den Einfluß des Bischofs innerhalb seiner Diözese. Erst zu 
Beginn des folgenden kam es zum Konflikt. Damals bemühte 
sich das Comune auf jede Weise, seine Herrschaft im Comitat 
zu befestigen und hielt dazu eine Gleichstellung der Be¬ 
sitzungen der Bologneser Kirche mit den übrigen Grafschafts¬ 
gemeinden für notwendig. Infolgedessen genügte es ihm 
nicht, die dortige Bevölkerung zu den Personal- und Real¬ 
lasten heranziehen zu dürfen 1 , sondern es beanspruchte auch 


1. Vgl. unten S. 398 Anm. 16 und S. 400. 


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die Gerichtsbarkeit und die Einsetzung der Lokalbehörden. 
Die bischöflichen Orte, um die der Streit entbrannje, waren 
in der Ebene S. Giovanni in Persicetoi, Anzota dell’ Emilia, 
Castello d’ Argile, Massumatico und Poggetto (beide südwest¬ 
lich von Galliera), ferner Ozzano dell’ Emilia, Fiesso am Idioe 
und noch weiter nördlich der Hafen Dugliolo, im Gebirge 
Montecavalloro und Castel del Vescovo (heute S. Pietro 
bei Sasso) 2 . Von ihnen nennen die älteren Papstprivilegien 
nur Massumatico und Montecavalloro 3 . Die übrigen mögen 
teils in einer späteren Zeit erworben worden sein 4 , teils 
ihre Entstehung erst dem Vordringen der ländlichen Kultur 
in den sumpfigen Niederungen, die den Po begrenzten, ver¬ 
dankt haben. Jedenfalls aber gehörten sie der Bischofskirche 
schon eine geraume Weile 5 , als das Stadtregiment gegen sie 
vorging. 


2. Auf Cento, das auch zu den Besitzungen der bischöflichen 
Kirche gehörte (vgl. Gaudenzi Cento 15 Nr. 6, 22 Nr. 8, 50 Nr. 20, 
alle drei im Stadt-A. du Cento; 18 Nr. 7 St.-A. Bol. Diritti del 
Comune) scheint das Comune niemals Anspruch erhoben zu haben. 
So wird Oento in der Grafschaftseinteilung von 1223 (vgl. obeit 
S. 305) nicht erwähnt; vgl. auch Sav. Nr. 604 St.-A. Bol. Reg. 
nUovo fo. 357; Frati Stat. 1-, 465 und 2, 165. 

3. Vgl. oben S. 28; ferner die Privilegien Lucius’ 11. und 
Alexanders III., J.-L. 8602 und 11643 in dem oben S. 33 Anm. 154 
erwähnten Faszikel S. 5 und 9. 

4. Vielleicht gehörten einige früher den Päpsten. So wird 
in den Urkunden Alexanders III. und Urbans III. (J.-L. 11768 und 
15994; vgl. oben S. 31 Anm. 146 und Liber Censuum ed. Fahre 1, 
100) eine Emphyteuse erwähnt, die Bischof Gerhard von Anastasius IV. 
empfing. 

5. Ob die Bologneser Kirche schon 1132 in S. Giovanni in 
Persiceto Rechte besessen hat, läßt sich aus dem Privileg Lothars III. 
für den Ort (vgl. oben S. 69) nicht feststellen; wahrscheinlich halte 
ich es für das Jahr 1170, als Bischof Johann mit der Gemeinde S. 
Giovanni einen Pachtvertrag schloß (Sav. Nr. 206 Stadt-A. S. Giovi 
i. P.). 1185 konnte der Bischof den Persioetanem die gerichtlichen 
Befugnisse, die sie bisher in seinem Namen in Cento ausgeübt hatten, 


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Anfangs stieß es auf keinen Widerstand. Kaiser Otto IV. 
förderte seine Bemühungen durch das Privileg von 1210®. 
Der damals regierende Bischof Oerardo Ariosti, der sein Amt 
trügerischen Wahlmanövern verdankte 7 , war eine so unge¬ 
eignete Persönlichkeit, daß Innocenz III. sich mehrfach ver¬ 
anlaßt sah, ihm seinen Unwillen auszudrücken 8 , bis er ihn 
Ende 1213 trotz längeren Sträubens zur Abdankung nötigte 9 . 
Der Nachfolger Enrico da Fratta wußte die Interessen seiner 
Kirche energischer zu vertreten. 1215 versuchte das Comune 
eine in S. Giovanni geschehene Uebeltat vor sein Gericht 
zu ziehen. Von bischöflicher Seite erfolgte Protest und Ver¬ 
hängung kirchlicher Strafen 10 . Beides aber schreckte die 


entziehen (Gaudeozi Cento 15 Nr. 6). Zu 1215 und 25 wird der 
bischöfliche Palast jn S. Giovanni erwähnt (Stadt-A. S. Giov. in 
P. Lib. 1 Nr. 5; St.-A. Bol. Dem. S. Michele i. B. Cass. 1/2173 
Nr. 52 und 53). — Ueber Bcsitztitel der Bologneser Kirche in 
Fiesso finden 6ich urkundliche Nachrichten zu 1121, 1139, 1181 
und 1200 (Sav. Nr. 108 Dem. S. Giovanni i. M. Cass. 1/1341 
Nr. 43, 3/1343 Nr. 15, 9/1349 Nr. 8, 11/1351 Nr. 4), in Ozzano zu 
1149 und 54 (Mittaielli Affin. Catn. 3, 451 und 470 Nr. 292 und 
305 Dem. S. Cristina Cass. 3/2865 Nr. 2 und 33). — 1203 und 11 
ist Raimundinus vieecomes episcopi in Anzola gerichtlich tätig, 

1211 auch Rainerius vilicus episcopi dort genannt (Dem. S. Francesco 
Cass. 3/4135 Nr. 9, 23 und 25). 

6. Vgl. oben S. 170 Anm. 103. 

7. Vgl. den Bericht Boncompagnos in Sutter, Leben und 
Schriften des (Magisters Boncompagno 31 ff. (die darin genannten 
Personen sind aus Urkunden bekannt). 

8. Vgl. Potth. 1173, 1327 und 1697 a. 

9. Potth. 4751 Erzbisch.-A. zu Ravenna Caps. H Nr. 3581 

(über den Tod d«s hj.er genannten Kardinals von Albano vgl. 

B.-F. 6117), Villola zu 1213. Er starb an einem 29. Januar (Särti 
2, 288). — B$s zuletzt scheint Gerhard bemüht gewesen zu sein, 

das Domkapitel durch Verleihungen an sich zu fesseln; vgl. Sav. 

Nr. 417 St.-A. Bol. Dem. S. Pietro 21/208 Nr. 19; Potth. 6613 
Kanonik.-A. Bol. Libro idalle Asse fo. 7v und 11 v. 

10. Sav. Nr. 432—34 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 212 v und 
13. Der Bischof selbst weilte damals in Rom auf dem Konzil (N. A. 
31, 390). 


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Stadt nicht vor weiteren Uebergriffen zurück 11 . 1217 be¬ 
anspruchte sie noch dazu die Wahl der Ortsbehörden in den 
kirchlichen Besitzungen. Endlich kompromittierten die 
Streitenden auf zwei Rechtsprofessoren. Doch scheint ein 
Schiedsspruch nicht gefällt worden zu sein 13 . 

Wir dürfen also annehmen, daß sich die Angelegenheit 
noch in der Schwebe befand, als Friedrich II. auf seinem 
Römerzuge eingriff. Wie er nach der Kaiserkrönung all¬ 
gemein im Interesse der Kircite gegen die Städte auftrat 13 , 
so gab er auch dem Bischof Bolognas ein Privileg, das ihm 
alle Rechte in den strittigen Orten bestätigte 14 . Gleich da¬ 
nach, am 23. Januar 1221, verlieh ihm der kaiserliche Legat 
Konrad von Metz die freiwillige Gerichtsbarkeit in seinen 
Besitzungen 15 . Das muß die Bologneser Regierung bewogen 
haben, sich nachgiebig zu zeigen 16 . So stellten sich wieder 


11. Wegen der Verhandlungen zwischen Bischof und Comune 
Ende 1216 vgl. Sav. Nn. 440 und'443 St.-A. bol. Reg. grosso 1, 
fo. 219 v und 20 v. 

12. Sav. Nr. 448 und 49 Reg. grosso 1, fo. 224 v und 35 v. 
Der Schiedsspruch ist nicht überliefert. 

13. Vgl. Winkelmann Friedrich II. 1, 112ff. 

14. B.-F. 1221, Oaudenzi Cento 24 Nr. 9, Otto in Quellen 

und Forschungen aus ital. Archiv. 9, 61 Nr. 1; Or.-lYanss. Karls IV. 

im St.-A. zu Modena Abt. Cento mit 7. Kal. Dec., ebenso in dem 

oben S. 33 Anm. 154 erwähnten Faszikel S. 29 und 35. — Kurz vorher 
bestätigte Friedrich dem Bologneser Comune zwar das Diplom 
Ottos IV. (B.-F. 1220 St.-A. Bol. Reg. grosso 1, fo. 356 v. Man 
wird annehmen dürfen, daß sich im Original vor Kal. Dec. eine 
unausgefüllte Lücke befand), betonte aber in dem Privileg für den 
Bischof ausdrücklich, daß durch die Bestätigung die Rechte der 

Bologneser Kirche nicht beeinträchtigt würden. — Bischof Heinrich 
war dem Herrscher bis nach Sutri gefolgt; vgl. B.-F. 1173—1240. 

15. N. A. 31, 471. 

16. Das glaube ich aus Chart. Nr. 38 = Sarti 2, 32 Nr. 17 

schließen zu dürfen. Die Lage des Ortes Baulini ist mir nicht 

bekannt. — Gegepi meine Annahme spricht nicht, daß bei der 
Grafschaftseinteilung von 1223 (vgl. oben S. 305) die strittigen Orte 
in das Verzeichnis aufgenomnven wurden. Denn die Einteilung er- 


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die alten guten Beziehungen zwischen der Stadt und ihrem 
geistlichen Haupte ein. Ja 1226, bei dem Ausbruch der 
Feindschaft zwischen Friedrich II. und dem Lombardenbund 
gehörte Enrico da Fratta zu den wenigen Bischöfen, die nicht 
für den Kaiser Partei ergriffen 17 . 

Erst als nach 1228 die popolaren Elemente immer mehr 
in das Stadtregiment ein,d rangen und nun wahrscheinlich 
energischer als die bisher herrschenden Geschlechter die 
comunalen Interessen vertraten, erneuerte sich der Streit 
Aber der Bischof fand einen Rückhalt an Oregor IX., der 
nach dem Frieden von S. .Germano mit dem Kaiser jeder 
Rücksichtnahme gegenüber den Bolognesen enthoben war. 
So nahm der Konflikt noch schärfere Formen an, als das 
erste Mal. Die Stadt hinderte Enrico an der Ausübung 
seiner richterlichen Befugnisse, beanspruchte von den Be* 
hörden der kirchlichen Ortschaften den Gehorsamseid, setzte 
selbst dort Podestas ein, verbot allen Laien, sich vom Bischof 
ein Amt übertragen zu lassen, und störte endlich die Zehnten-i 
erhebung. Enrico bannte im Spätsommer 1231 die Stadt 
und begab sich nach Reggio. Der Papst, der anfangs gehofft 
hatte, den Zwiespalt gütlich beilegen zu können, der dann 
Ermahnungen auf Ermahnungen gesandt hatte, griff schlie߬ 
lich zu den stärksten ihm zu Gebote stehenden Strafmitteln 
und verfügte auch die Aufhebung der Universität. Das wirkte 
sofort. Am 6. Juli 1232 kam ein Vertrag zwischen dem heim¬ 
kehrenden Bischof und den städtischen Behörden zustande 18 . 


folgte nur, um die Gemeinden des Comitats besser zur collecta- 
Zahlung und zum Heeresdienst heranziehen zu können; und diese 
beiden Rechte bestritt der Bischof dem Conuihe nicht. 

17. Die guten Beziehungen zwischen Bischof und Comune 
dauerten bis 1230 an; vgl. Sav. Nr. 55S, 580 und 81 St.-A. Bol. 
Reg. grosso 1, fo. 453 v, 500 v und 453 v. 1229 nahm Bischof Heinrich 
an den Verhandlungen Bolognas mit Modena teil (Stadt-A. Modena 
Reg. Privil. fo. 162 v). 

18. B.-F. 6833 = Auvray Registres de Qrfgoire IX. Nr. 534; 


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Die Beilegung des Streites übertrug matt dann dem 
im nächsten Jahre in Bologna wirkenden Dominikaner 
Johann von iVicenza 19 , der am 20. Juni folgendes bestimmte 20 : 
Die Strafgerichtsbarkeit in den der Kirche gehörenden Orten 
gebührt in der Hauptsache dem Comune, sie verbreibt dem 
Bischof nur bei geringeren Vergehen zwischen Bewohnern 
der strittigen Gemeinden. Die Zivilgerichtsbarkeit behält 
derselbe — gewisse Ausnahmen abgesehen — in S. Giovanni, 
Anzola, Castel dd Vescovo, Pogetto, Massumatico und 
Dugliok), die in den übrigen Ortschaften hat er an das 
Stadtregiment abzugeben. Nur die genannten sechs Ge¬ 
meinden wählen ihre Beamten in der bisher üblichen Weise. 
Aber auch sie haben alle Pflichten der Comitatinen zu er¬ 
füllen, müssen sich den Bologneser Ausfuhrverboten fügen; 
und ihre Behörden feisten der hauptstädtischen Regierung 
den Gehorsamseid. — In der Folgezeit hielten beide Partden, 
auch der unterlegene Bischof, an dem 1233 gefällten Schieds¬ 
spruch fest 21 . 


Schreiben Gregors an denselben Palmerius vom 13L März 1231 
(in dem S. 33 Anm. 154 genannten Faszikel S. 21); Schreiben Gregors 
vom 9. Januar 1232 an die beiden damals nördlich des Apennin 
weitenden Kardinale von Palestrina und S. Nicolaus in carcere Tullianci 
(in dem genannten Faszikel S. 22); B.-F. 6894 in dem genannten 
Faszikel S. 23; Cion. di Bol. 256; Villola zu 1231. — Der Bischof 
weilte im Februar 1232 in Reggio (Sbaralea Bull. Francisc. 2, 71 
St.-A. Bol. Dem. SS. Nabore e Fetice Cass. 64/5759 ohne Nummer), 
am 20. Oktober 1.232 scheint er wieder in Bologna gewesen zu 
sein (St.-A. Bol Dem. S. Salvatore Cass. 2/2449 Nr. 24). — Vgl. 
auch die Formulare des Guido Faba jm II Piopugnatore N. S. 5, 
1, 117. 

19. B.-F. 131(27 St.-A. Bol. Reg. nuovo fo. 353 v. 

20. B.-F. 13135 St.-A. Reg. grosso 1, fo. 1 und 514 (die Lücken 
sind nach Reg. nuovo fo. 354 v zu ergänzen). — Johann kassierte 
seinen ersten, nich* erhaltenen Schiedsspruch vom 31. Mai. Man 
wird mit Winkclmann Friedrich II. 2, 452 und Sutter Johann von 
Vicenza 92 annnehmen dürfen, daß er für den Bischof günstiger 
ausfiel als der zweite. 

21. Vgl. Frati Stat 2, 164; Statuti del popolo di Bologna 
ed. Oaudenzi in Momun. ietor. di Romagna 29. 


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Eine andere Frage, über die, wie auch sonst in Italien, 
die Meinungen des Bologneser Comune und der Kirche 
auseinandergingen, betraf die Abgrenzung der richterlichen 
Befugnisse gegenüber den Klerikern. 1220 erftzog der 
Stauferkaiser in seiner Constitution, dann nochmals in seinem 
Privileg für den Bischof Bolognas den weltlichen Behörden 
jede Gerichtsbarkeit, die das Kanonische Recht verbot 33 . Und 
von kurialer Seite wurde das privilegium fori sogar für den 
geistlichen Kläger in Anspruch genommen 33 . Die Bologneser 
Stadtgemeinde hingegen untersagte den Laien, in weltlichen 
Angelegenheiten dem klagenden Kleriker vor den geistlichen 
Richter zu folgen 38 , ordnete an, dafi ein Geistlicher, der sich 
eines Mordes oder einer Verwundung schuldig gemacht hatte, 
wie ein Laie abzuurteilen sei 35 , traf noch eine Reihe anderer 
Maßregeln 38 , um seine Büiger gegen die Uebergriffe der 
kirchlichen Gerichte zu schützen, und bedrohte die Kleriker, 
die sich ihnen nicht fügen wollten, mit Entziehung der pro- 
tectio comuhis. Aber es kam hier weder zu einem offenen 
Konflikt noch zu einer prinzipiellen Auseinandersetzung. 
Man wird daher annehmen dürfen, daß jeder einzelne Fall, 
wie die Umstände es gestatteten, behandelt wurde. 

Die oben erwähnte Constitution Friedrichs II. bestimmte 
auch die Befreiung der Kleriker von den öffentlichen 
Lasten 33 . In dieser Beziehung fügte sich das Comune 37 , ja, 


22. Vgl. M. G. Constitut. imp. et «eg. 2, 106 Nr. 85 (auch 
B.-F 6426) und oben S. 398 Anm. 14. 

23. Friedberg De fin nun inter ecdesiam et rivitatera regundorum 
iudido 113. 

24. Frati Stat. 1, 421. 

25. Frati Stat. 3, 277. Am 20. März 1269 wurde das Statut 
etwas geändert (St.-A. Bpi. Dem. S. Stefano 24/960 ohne Nummer). 

26. Vgl. Frati Stat 1, 288, 291 und 422 ; 3, 341 und 446. 

27. Vgl. Frati Stat. 2, 102 (dam Pertüe 3, 159 Anm. 20); 1, 
479 ; 2, 101; Gaudenzi Stat 2, 525; auch Odofreds Bemerkung 
in AMR. 3, 12, 348 Anm. 2. Bezüglich der Frati della penitenza vgl. 


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hatte vielleicht schon vor dem Erfaß der kaiserlichen Ver¬ 
ordnung den Geistlichen eine exemte Stellung eingeräumt. 
Denn dieses Zugeständnis bildete gleichsam den Ersatz für 
den Ausschluß aller Nichtlaien von den öffentlichen Aemtern, 
der in Bologna von vornherein durchgeführt zu sein scheint*®. 
Nur bei den Ordensbrüdern wich m^n von dem Grundsatz 
ab. Sie galten als besonders geeignet für gewisse Vertrauens¬ 
stellungen. Daher übertrug ihnen die Stadtgemeinde die 
Mitbeaufsichtigung der Wahlen zu den Comunalbehörden 
und die Leitung öffentlicher Arbeiten* 9 , dann besonders, wie 
schon früher erwähnt wurde, für einen längeren Zeitraum 
das Massarenamt 30 . 

Unsere bisherigen Ausführungen sollten zeigen, wie das 
Comune es sich angelegen sein ließ, seine Rechte gegenüber 
den Untertanen und Mitgliedern der bischöflichen Kirche zu 
erweitern, wie ihm aber die damals von der römischen 
Hierarchie vertretenen Grundsätze Beschränkungen aufer- 
legten. Noch stärker machten sich diese geltend bei den 
Bemühungen Bolognas, den fremden Einfluß auf die 
heimische Geistlichkeit zu verringern und Nichtbolognesen 
von den leitenden Stellen fern zu halten. 

Im ausgehenden Investiturkampf hatte der Papst den 
Bologneser Bischof der Metropolitangewalt von Ravenna 
entzogen und ihm das Vorrecht verliehen, sich in Rom weihen 
zu lassen 31 . Natürlich wollte das Comune seinem Bischof 
die unabhängige Stellung bewahren. Als daher 1130, nach 
dem Tode Victors 32 , Erzbischof Walter herbeikam, um dessen 


Frati Stat. l f 494; Urkunde Innocenz' IV. Potth. 14429 St.-A. Bol. 
Reg. nuovo fo. 16 v; Frati Stat. 1, 478. 

28. Bezüglich der Frati della penitenza vgl. Frati Stat. 2, 288. 
— Vgl. auch Frati Stat. 2, 190. 

29. Frati Stat 3, 353 ; 2, 502; vgl. auch 3, 326 ; 2, 151. 

30. Vgl. oben S. 353. 

31. Vgl. oben S. 37. 

32. Vgl. Villola zu 1129; Sarti 2, 290 zum 27. September. 


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Nachfolger Heinrich zu weihen, drang man darauf, daß es 
vorbehaltlich der Rechte der Bologneser Kirche geschehe. 
Aber der anwesende Kardinal Gerhard intervenierte zu¬ 
gunsten des Metropoliten 33 . Denn Walter hatte sich schon 
vor geraumer Zeit Rom unterwarfen und dafür alles seiner 
Kirche einst Genommene zurückerfangt 34 . Die Bolognesen 
mußten sich diesmal fügen und fanden auch späterhin keine 
Gelegenheit mehr, ihre Wünsche zu verwirklichen 33 . 

Besseren Erfolg hatte das Stadtregiment anfangs bei 
seinem Streben, den heimischen Bischofsstuhl und die Dom¬ 
hermstellen seinen Mitbürgern vorzubehalten. Nicht¬ 
bolognesen sollten von dem Domkapitel ganz ausgeschlossen 
sein, nur aus seiner Mitte Archidiakon und Bischof gewählt 
werden. Und, soweit die Quellen ein Urteil gestatten, finden 
wir dieses Prinzip im zwölften und auch noch im beginnenden 
dreizehnten Jahrhundert durchgeführt 36 . Wohl barg es Ge¬ 
fahren in sich, wie sie während der Regierung Heinrichs VI. 
bei dem Versuch Bischof Gerhards, eine dauernde Stadt¬ 
herrschaft zu begründen, zutage traten; aber es bedarf keiner 
weiteren Ausführung, daß seine Vorteile die Schattenseiten 
überwogen. Nur widersprach es den Anschauungen, die be¬ 
sonders seit Innocenz III. an der römischen Kurie die 
herrschenden waren. 


33. Sarti 2, 248 = Fantuzzi 4, 247 Nr. 52. Der erwähnte 
Kardinal war der spätere Papst Lucius II., ein geborener Bolognese 
(vgl. Liber pontificalis 2, 385; Romoald. Salem, in M. O. SS. 
19, 424). 

34. Vgl. die päpstlichen Privilegien J.-L. 6647, 6889 und 7233. 

35. So weilte 1133 Bischof Heinrich wob! zur Provinzialsynode 
in Ravenna (Sav. Nr. 116 St.-A. Bol. Dem. S. Giovanni i. M. Cass. 
2/1342 Nr. 34), bestätigte ihm Lucius II. nicht die von Paschal 
verliehenen Vorrechte (J.-L. 8602 in dem oben S. 33 Anm. 154 er¬ 
wähnten Faszikel S. 5); vgl. auch Rubeus 335 und J.-L. 15074. 

36. Bischof Heinrich unbekannter Herkunft, tot am 19. Juli 
1145 (? vgl. Sjgonius 3, 416; Trombelli 343 Bibi. Nation, zu Paris 
fohd. lat 10148 Eintragung des 13. Jahrhunderts). — Ueber Gerardo 


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Die Päpste gingen, wenfn auch mit einiger Vorsicht, 
gegen das in Bologna bestehende Cliquenwesen vor. Zu¬ 
erst bot die Vakanz des Archidiakonenamts Gelegenheit zum 
Eingreifen. 1219 oder kurz vorher setzte Honorius III., gegen 
den Willen vieler Bolognesen und auch des Bischofs, seinen 
Kaplan, den Magister Gratia ein 37 , der aus Florenz stammte 38 
und dem Bologneser Domkapitel nicht angehört hatte; er 
ernannte auch, da nach dessen Abgang 39 Bischof und Kapitel 
sich bei der Neuwahl nicht einigen konnten, einen Nach¬ 
folger, und kam den Wünschen der Renostadt nur so weit 
entgegen, daß er einen Bologntesen 40 und bisherigen Dom¬ 
herrn 41 , den Kirchenrechtslehrer Tancred dazu auser- 


Crasso vgl. oben S. 100 Anm. 56, zuerst 1148 nachweisbar (J.-L. 9291 
St.-A. BoL Reg. grosso 1, fo. 16), tot am 8. August 1165 (Villola 
zu 1165 und Sarti 2, 290). — Johann unbekannter Herkunft, tot 
am 13. Januar 1187 (Sarti 2 , 288; vgl. auch Sigonius 3, 420). — 
Ueber Gerardo Gisla vgl. oben S. 131, tot am 7. November 1198 
(Sarti 2. 291; TrombeHi 351 BU. Nat zu Paris fond. lat. 10148 
Eintragung des 13. Jahrhunderts). — Gerardo Ariosti 1180 und 83 
Domherr (St-A. Bol. Dem. S. netto Cass. 23/207 Nr. 43 und 39), 
1187, 97 und 98 Archktialoon (Sav. Nr. 286 und 314; S. Pietro 
Cass. 20/207 Nr. 42, 21/208 Nr. 3 und 6), 1198 Bischof (Villola zu 
1198); über seine Abdankung vgl. oben S. 397. — Enrico da Fratta 
Domherr seit <1189 (S f Pietro Cass. 20/207 Nr. 44), Ardiidiakon 
1203 bis 6. November 1213 (S. Pietro Cass. 21/208 Nr. 6; Sav. 
Nr. 417),*electus am 26. November 1213 (Sarti 2, 256). — Wegen 
der Domherrnstellen vgl. Frati Stat 2, 140. 

37. Vgl. Pressutti Regesta Honorii 111. Nr. 1966, 2014—7, 5814. 
— Sein unmittelbarer Vorgänger ist nicht bekannt. 

38. Saiimbene 68. — Es gab noch andere Kapiane und Ma¬ 
gister dieses Namens; vgl. die Register bei Sarti und Pressutti; ferner 
Schulte Gesch. der Quellen des Canonisdien Rechts 1, 197 f. 

39. Er blieb Ardiidiakon bis zum Herbst 1224 (Sarti 2, 264), 
wurde dann Bischof von Parma (Pressutti Nr. 5814; Affö '3, 344 
Nr. 46). 

40. Sarti 1, 652. 

41. Als solcher seit 1219 nachweisbar (St.-A. Bol. Reg. grosso 
1, fo. 292). 


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sah 43 . Auf ihn folgte — ob durch Einsetzung oder Wahl, ist 
nicht bekannt — der Günstling Gregors IX., der spätere Kar¬ 
dinal Ottaviano Ubaldini 44 , der bald danach, als Bischof Hein¬ 
rich aus unbekannten Gründen abdankte 15 , zum kirchlichen 
Oberhaupt Bolognas erhoben wurde. Innocenz IV. endlich, 
der zuerst ohne Rücksicht auf die wahlberechtigten Instanzen 
Bischofsstühle mit seinen Anhängern zu besetzen pflegte 40 , 
verwarf 1244 die beiden vom Domkapitel präsentierten 
Kandidaten und bestimmte seinen Vizekanzler, den Domini¬ 
kaner Giacomo aus dem Bologneser Geschlecht der Bon- 
cambi zum Bischof 47 . 

Für den Augenblick hatte die Kurie durchgesetzt, was 
sie wollte, und wäre wohl auch fernerhin einer Bologneser 
Opposition Herr geworden. Aber bei Fragen, wie der Be¬ 
setzung von Bischofsstühlen, machten sich damals in Rom 
neben dem Willen des Papstes auch die Wünsche der 
führenden Kardinäle geltend, und zu diesen gehörte in erster 
Reihe der Ubaldini. Nun wissen wir schon, welchen An¬ 
sehens sich Ottaviano am Reno erfreute, können uns daher 
nicht wundern, bald seinen Einfluß an Stelle des päpst¬ 
lichen jn Bologna vorherrschend zu finden. Er blieb einmal 


43. Pressutti Nr. 581 -I; vgl. auch 3465 und Schulte Oesch. der 
Quellen des Canonischen Rechts 1, 199 ff. 

44. Vgl. oben S. 231 f. — Tancred wird bis Ende 1234 als 
Archidiakon erwähnt (St.-A. Bol. Dem. S. Pietro Cass. 22/209 Nr. 4), 
starb bald darauf (Sav. 3, 1, 120 Anm. H). 

45. Villola zu 1240; über seinen Tod vgl. Sarti 2, 289. 

46. Hinschius Kirchenrecht 3, 126 f. 

47. Berger Registres d’ Innoccnt IV. Nr. 720 (= Sarti 2, 269), 
714 und 741; vgl. Stifter Johann voin Vicenza 85 und ßresslai) 
Handbuch der Urkundenlehre 1, 208 (über seinen Bruder vgl. Frati 
im Arch. stör. Ital. 5, 37, 137 f.). — Njachfolger des Ubaldini im 
Archidiakonenamt wurde ein Neffe des Papstes Ottobuono Fieschi 
(B.-F. 7450, Berger Nr. 526), der 1251 zum Kardinal erhoben wurde. 
Seinen Nachfolger, den Sarti 1, 663 schon früher nennt, finde ich 
erst im Juni 1249 (Berger Reg. Nr. 4601). 


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selbst Inhaber seiner Domherrnstelle und der zugehörigen 
Pfründe bis zu seinem Tode 48 , dann ließ er seine Neffen 
Ubaldino 49 , Alberto Scolari, Ruggero und Ottaviano ins 
Kapitel aufnehmen. Der zweite 50 der Genannten wurde 1260 
Archidiakon, ihm folgte Ruggero 51 . Ottaviano 52 erlangte, 
als Giacomo Boncambi gestorben war, sogar den Bischofs¬ 
sitz 53 . Beide Ubaldini, Bischof und Archidiakon, die den 
Lambertazzi nahestanden, mußten bei der Revolution von 
1274 Bologna verlassen 54 ; und erst nach zwei Jahren nahm 
das Comune die gegen sie gerichteten Beschlüsse zurück 55 . 
Aus diesen Tatsachen wird man folgern dürfen, daß auch 
der Kardinal mit Hilfe seiner Nepoten an den Parteikämpfen 
Bolognas teilgenommen hat. 


48. Vgl. Sarti 2, 172 und 270; St.-A. Bol. Mcmor. Amatoris de 
S. Petro fo. 44 v zum 20. März 1272. Das Formular einer Be¬ 
schwerdeschrift des Kardinals, gerichtet an die Bologneser Domherren, 
von denen einige — so ist das Schreiben wohl zu verstehen — 
die dem Ubaldini zustehenden Güter besetzt und die mit ihrer 
Verwaltung bisher Betrauten verjagt hatten (Vatican. Bibi, zu Rom 
Palat. Lat. 953 fo. 69 v Nr. 54), verdanke ich der Güte des Herrn 
Dr. Schneider. — Er starb 1272 (Davidsohn Gesch. 2, 2, 78 f.; 
Milioli 540). 

49. Sarti 2, 172. 

50. Vgl. über ihn Potth. 17346, Sarti 2, 270. Er wurde 1261 
Bischof von Volterra (Davidsohn Forsch. 4, 165; Schneider Regestum 
Volaterranum Nr. 713). 

51. Er ist mehrfach urkundlich nachweisbar, als Archidiakon 
zuerst 1264 (Kanonik.-A. Bol. Libro dalle Asse fo. 23). Er wurde 
1278 Erzbischof von Pisa (Sarti 1, 665; Davidsohn Gesch. 2, 2, 
162; Salimbcne 534). lieber seine Kandidatur für den Erzbischofssitz 
von Ravenna vgl. Potth. 21066. 

52. Er ist als Domherr 1251- 60 nachweisbar (Sarti 2, 172 
und 270). 

53. Vgl. Bol. Chroniken; Sarti 2, 291; auch Sav. Nr. 728 
Erzbisch.-A. Ravenna Caps. G Nr. 2801. 

54. Ottaviano weilte 1275 zu S. Crocc im Mugelio (St.-A. 
Bol. Dem. S. Francesco Cass. 346/5089 Nr. 15, 338/5081 Nr. 97). 

55. Vgl. St.-A. Bol. Riformazioni Statuta (gesammelt 1288) 
zum 26. Juli 1276. 


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Als nüchterne Realpolitiker auch in kirchlichen Fragen 
haben wrr die Bolognesen kennen gelernt. Darum aber waren 
sie nicht weniger als die Bürger anderer italienischer Comuncn 
für die religiösen Ideale ihrer Zeit empfänglich und be¬ 
teiligten sich ebenso lebhaft wie jene an den allgemeine*] 
Bewegungen. 

Die Kreuzzugsbegeisterung, die sich zur Zeit des In¬ 
vestiturkampfes in Bologna besonders stark geltend machte 56 , 
ergriff die Renostadt erst hundert Jahre später wieder, da die 
Christen auszogen, Akkon zurückzugewinnen 57 . Noch zahl¬ 
reicher als beim dritten Kreuzzug waren die Bolognesen 
beim Unternehmen gegen Damiette vertreten. Aber diesmal 
überwogen die wirtschaftlichen Beweggründe erheblich die 
religiösen 58 . Sonst fehlte es während des ersten Jahrhunderts 
der städtischen Freiheit an Strömungen, die von außen her 
in Bologna eindrangen. Um so eifriger wandte sich die 
Frömmigkeit der Pflege heimischer Kultstätten zu. Hier sei 
nur das Charakteristischste hervorgehoben. Es kann nicht 
Zufall sein, daß die Gründung oder vielleicht nur Neu¬ 
einrichtung der (beiden wichtigen Chorherrnstifte von 
S. Maria di Reno und S. Giovanni in Monte zeitlich 
mit den Anfängen des Comune zusammenfällt 59 . Wir werden 


56. Vgl. oben S. 36. 

57. Villola zu 1188 (nach Tolosanus 674 gingen 200 Faentiner 
mit ihrem Bischof nach Palästina). Die von Villola angegebene 
Teilnehmerzahl 2000 ist nicht recht möglich, denn sonst hätten die 
Bolognesen bei der Aufzählung der vor Akkon lagernden Völker 
(vgl. Davidsohn Gcsch. 1, 588; Röhricht In Forsch, zur Deutsch. 
Gesch. 16, 501) wohl genannt werden müssen. Ebensowenig ver¬ 
dienen die zugefügten Namen, die sich auch in späteren Chroniken 
wiederfinden, Glauben. 

58. Vgl. oben S. 373. 

59. Wegen S. Maria di Reno vgl. Trombelli 356 und 58 Nr. 1 
und 2 St.-A. Bol. Dem. S. Salvatore 1/2448 Nr. 1 und 2 (letzteres 
ist eine Fälschung mit wohl echtem Siegel, deren Zweck bei der 
geänderten Fassung der Ordinationsbestimmungen zutage tritt); ferner 


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in der Annahme nicht fehlgehen, daß sie ihr Aufblühen nicht 
zuletzt der Förderung von seiten des Stadtregiments ver¬ 
dankten. Um die Mjtte des Jahrhunderts errichteten zwei 
Töchter des Bolognesen Rarpbertino Quezzi eine Einsiedelei 
auf dem Berge della Guardia und erhielten 1160 von Bischof 
Gerhard ein aus Konstantinopel herbeigeschafftes Madonnen¬ 
bild, das der h. Lukas gemalt haben sollte, zur Auf¬ 
bewahrung 60 . Das waren die Anfänge der Kirche Madonna 
di S. Luca, die noch heute als schönstes Wahrzeichen die 
Stadt überragt. Nicht frommer Sinn allein veranlaßte die 
Erwerbung dieses Bildes, auch der Wunsch, durch eine 
so wertvolle Reliquie den Ruhm der Vaterstadt zu erhöhen. 
Noch stärker wirkte der Lokalpatriotismus beim Aufleben 
des S. Petronio-Kultes. Die gesamte Bürgerechaft mit ihren 
Konsuln beteiligte sich an der Auffindung des Körpers und 
an der Anordnung des Festes 61 , denn nun brauchte sie 
nicht mehr die Nachbarstädte um ihre Schutzheiligen zu 
beneiden. Aber langsamer, als man hätte erwarten sollen, 
scheint S. Petronio allgemeine Verehrung gefunden zu haben, 
und zu Beginn des dreizehnten Jahrhunderts wurde er durch 
die beiden neuen Heiligen, Franziskus und Dominikus, in 
den Hintergrund gedrängt. 

Die Wirkung, die das Einströmen der Bettelorden in die 
Städte Italiens ausgeübt hat, insbesondere der Zusammen¬ 
hang ihres Auftretens mit der politischen Machtentfaltung 
des Piopolo, läßt sich bei dem heutigen Stand der Forschung 


Necnologio Renano zum 30. Mai (Trombelli 340 Bibi. Nat. zu 
Paris fond. lat. 10148 Eintragung wohl noch des 12. Jahrhunderts 
auf Rasur); über die Augustinerregel vgl. Hauck 4, 340. — Wegen 
S. Giovanni vgl. Sav. Nr. 105, 8 und 16 St.-A. Bol. Dem. S. Giovanni 
i. M. Cass. ,1/1341 Nr. 38 und 43, 2/1342 Nr. 34; Sarti 2, 249, 
auch 289 zum 23. Mai. 

60. Sav. Nr. 173 Erzbisch.-A. Bol. unter Glas; vgl. Calindri 
3, 372 ff., besonders Anm. 401; Guidicint Miscellanea Bolognese 
125ff.; Trombelli 110ff. 

61. Lanzoni 243; vgl. auch Exkurs zum folgenden Kapitel. 


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noch' nicht kfar erkennen. Darum müssen wir bei dem uns 
beschäftigenden Einzelfall mit dem Urteil zurückhalten und 
uns wesentlich auf eine Schilderung der Vorgänge be¬ 
schränken. 

Die Franziskaner kamen wohl im zweiten Jahrzehnt des 
dreizehnten Jahrhunderts nach Bologna 62 . 1219 werden sie 
ihrer Ansiedelung feste Formen gegeben, 1221 ihre erste 
Kirche eingerichtet haben 63 . Ihr Stifter scheint sie zweimal 
besucht zu haben. Mit dem ersten Aufenthalt verbindet 
man den folgenschweren Konflikt zwischen dem Heiligen 
und der von seinen Idealen abweichenden Richtung des 
Ordens 64 . Bei seinem zweiten — wir setzen ihn ins Jahr 
1223 — predigte er auf der Piazza, und seine Worte er¬ 
schütterten die Massen aufs tiefste und lebten unvergessen 
ui der Erinnerung fort 65 . Bald entwickelte sich, von der 
Regierung begünstigt, eine blühende Franziskanernieder¬ 
lassung am Reno 66 , unid, wie in andern Städten, schlossen 
sich in Bologna Bürger zur Genossenschaft der Frati della 
penitenza zusammen 67 . Aber noch erheblich stärker war 


62. Analecta Franciscana 3, 36 und Collect, d’ etudes et de 
docum. sur 1’ hist relig. du mojyen äge ed. Sabatier 4, 16 ff. Die 
Erzählung von dem Niccolo Pepoli (Wadding Ann. Minorum 1220 
Nr. 11) entbehrt wohl der Glaubwürdigkeit. 

63. Villola zu 1219 und 21. Das Haus S. Marie de Puliola 
(Tarlazzi 1 Nlr. 95 zu 1236) lag am nördlichen Ende der heutigen 
Via Polese; vgi. auch B.-F. 12805. — U(eber die Franziskaner- 
ansiedelung zu Ricaixlina (nördlich von \Budrio) auf Grund einer 
Schenkung des Rechtsgelehrten Accursio vgl. Walter. Gisbum. in 
M. G. SS. 28, 631; Sarti 1, 159; 2, 72 f. und Frati Stat. 1, 31., 

64. Vgl. Fischer Der heilige Franziskus von Assisi 43 ff. und 
dazu Götz in der Historischen Vierteljahrschrift 11, 431. 

65. Thomas Spalat. in M. G. SS. 29, 580 zu 1222 oder 23; 
Villola zu (1223; Dovidsohn Forsch. 4, 82 und 88. Das! ange¬ 
nommene Jahr paßt $i die von Böhmer (Analekten zur Gesch. 
des F. v. A. 129) gegebenen Regesten. 

66. Vgl. darüber später. 

67. Nach ihren Verzeichnissen in den libri contractuum (St.-A. 


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der Einfluß, den die Predigermönche auf die Bologneser 
Bevölkerung gewannen. 

Zu Ausgangspunkten seiner Propaganda wählte der 
hi. Dominikus die Zentren der damaligen abendländischen 
Kultur, neben Rom und Paris, Bologna, die Pflegstätte der 
Rechtswissenschaften. Zuerst 1218 sandte er seine Jünger 
dorthin 68 , im folgenden Jahre kam er selbst. Und da er 
sich von nun an bis zu seinem Lebensende meist in Bologna 
aufhielt und hier auch sein Orab fand 69 , so wurde die 
Renostadt eine Art Mittelpunkt des neuen Ordens. 

An zwei Persönlichkeiten knüpfte sich die weitere Ge¬ 
schichte der Bologneser Dominikaner: an Diana degli Andalo 
und Johann von Vicenza. Diana entstammte einem 
Magnatengeschlecht, das uns noch mehrfach beschäftigen 
soll. Sie gehörte zu den ersten, die sich dem spanischen 
Heiligen anschlossen. Sie veranlaßte ihren Vater Andalo 
und ihren Großvater Pietro Lovello, den Predigermönchen 
die ihrem Patronat unterstehende Kirche S. Nicolo delle 
Vigne (das spätere S. Domenico) zu überlassen 70 . Dann 
leistete sie das Gelübde in die Hände des Stifters. Und 
trotz des von ihrer Familie geübten Widerstandes, der an 
Voigänge in der Legende der h. Klara erinnert, gelang es 


Bol. Podesta) hatten sie in den sechziger und siebziger Jahren be¬ 
trächtlich über ein halbes Hundert Mitglieder; vgl. auch Devid- 
sohn Gesch. 2, 1, 127 ff. 

68. Sie wohnten zuerst bei S. Maria della Mascarella; vgl. 
Jordanis de Saxonia Opera ed. Berthier 18; Acta Sanctorum August 
1, 643 und 44. 

69. Jordanis 19, 27 f., 30; AA. SS. 644, 639, 641, 643, 633 f.; 
Villola zu 1219 und 21; dazu B.-F. 12744 a und Pressutti Regcsta 
Honorii III. Nr. 2376; Bahne et Lelaidier Cartulaire de St. Dominique 
3, 20 Nr. 94. 

70. Vita Diane in Melloni Uomini ilhistri morti in Santitä 
1, 363; AA. SS. 639; St.-A. Bol. Dem. S. Domenico Cass. 120/7454 
Nr. 1; 125/7459 Njr. 1 und 3 (Balme et Lelaidier Cartulaire de 
St. Dominique 2, 257 Nr. 76; 3, 97 Nr. 101, 406 Nr. 134). 


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ihr 1223 das Kloster S. Agnese zu gründen, dem sie bis 
zu ihrem Tode angehörte 71 . Ihr Werk begünstigte der 
Gönner der Dominikaner, Kardinal Hugo von Ostia. Mehr 
noch als einen Freund und Berater fand sie an dem zweiten 
Ordensgenerat Jordan von Sachsen 72 . Mit rührender Sorg¬ 
falt verfolgte er die Schicksale der Nonnen von S. Agnese, 
und wie ein Vater wachte er über Diana selbst, bei der 
sich die ihrer Familie eigene Energie in übertriebener Askese 
äußerte. Die Briefe, die der Ordensgeneral 1 an die Bolo¬ 
gneserin aus Fern und Nah sandte, gehören wohl zu den 
schönsten Literaturdenkmälern des dreizehnten Jahr¬ 
hunderts, die ihre Entstehung mönchischer Frömmigkeit 
verdanken 73 . 

Vielleicht war es auch Jordan 74 , der seinen Ordens¬ 
bruder Johann von Vicenza 1233 zur Zeit der großen 
„Hallelujah“-bewegung nach Bologna rief 75 . Er fand die Be¬ 
völkerung in lebhafter Erregung. Denn noch wirkte die 
popolare Erhebung von 1228 nach, und erst kürzlich hatten 
Krawalle stattgefunden, die sich gegen die Kornwucherer 
richteten 76 . Dazu lastete der Konflikt zwischen Comune und 


71. Vita Diane; Ripoll Bullarium ordinis Praedicatorum 7, 7 
Nr. 143 St.-A. Bol. Dem. S. Agnese Cass. 1/5592 Nr. 2. — Die 
Formulare des Guido Faba in II Propagnatore N. S. 5, 2, 76 f. Nr. 149 
und 50; 5, 1, 120 Nr. 91 sind wohl frei erfunden. — Ueber die 
Lage der ersten Niederlassung vor Porta d' Azeglio vgl. Malvezzi 
Diana d' Andalo Bologna 1894, 59 ff. 

72. Vita Diane. Anmerken möchte ich hier, daß Jordan sich 
schon am 10. Oktober 1221 (St.-A. Bol. Dem. S. Domenico 125/7459 
Nr. 3) als prior provincie Lomblardie nachweisen läßt. Danach 
ist Hauck 4, 386 Ann\. 3 zu berichtigen. 

73. Jordanis Opera 55ff.; vgl. auch Reichert im Historischen 
Jahrbuch 18, 366. 

74. Sutter Johann von Vienza 63 f. 

75. Vgl. oben S. 203. 

76. Villola zu 1232 (ich sehe keinen Grund, die Vorgänge, 
wie Sutter 67 eis tut, zu (1233 zu setzen). Pasquale di Landolfo 


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Bischof auf der Bürgerschaft. Durch Predigten und Pro¬ 
zessionen in Stadt und Land 77 , durch allerlei Wunder 78 wirkte 
Johann auf die Massen. Sie folgten ihm blindlings und 
umgaben ihn wie eine Leibwache, so daß der Podesta ihm 
gegenüber fast machtlos war 79 . Und als er das erste Mal 
aus der Mark Verona nach Bologna zurückkehrte, da wurde 
er mit lautestem Jubel empfangen 80 . Wesentlich ihm ver¬ 
dankte es der Predigerorden, wenn damals die Gebeine 
ihres Stifters feierlich, unter Teilnahme der höchsten Geist¬ 
lichkeit und der Stadtbehörden, beigesetzt wurden 81 , wenn 
nun auch in Bologna die Bekämpfung ihrer Hauptgegner, 
der Ketzer, begann 82 . Nicht geringer war Johanns politischer 
Einfluß. Er stiftete Frieden unter den hadernden Familien 83 
und entschied, wie wir schon wissen 84 , den Streit zwischen 
Stadtregiment und Bischof zugunsten des ersteren. Dazu 
veranfaßte ihn der Wunsch, die Unterstützung Bolognas für 


findet sich 1229 unter dien Mitgliedern des städtischen consiliums 
(Sav. Nr. 575). 

77. Cron. di Bol. 257 f., dazu Sutter 68 f.; Salimbene 72 und 
76; Milioli 509; Tolosanus 727 f. 

78. Sutter 77, 79 ff., 82 ff., 85 f.; Salimbene 72, 76 und 78. 

79. Das wird man dem Guido Bonati (De astronomia tradatus 
decem Basel 1550, 210 f.) glauben können, wenn seine Angaben 
auch von tiefem Haß (vgl, auch S. 18) diktiert sind. 

80. Sutter 101 ff. 

81. Sutter 77ff.; Villola zu 1233; Salimbene 72; Acta Sanc- 
tomm August 1, 634 und 36; Jordanis de Saxonia Opera ed. Berthier 
46; Monum. fratr. praedicat. 5 Nr. 1. 

82. Sutter 73; Auvray Reg. de Gregoire IX. Nr. 1268 und 
69; vgl. Frati Stat. 1, 67 f. und 446 (die dort erwähnten päpstlichen 
Bestimmungen sind die Gregors IX. von 1231; vgl. Ficker in Mitt. 
des Instit. für österr. Gcsch. 1, 205 f., 210; Hinschius Kirchcnrecht 
5, 1, 384 f. Anm. 1; B.-F. 6855); auch Gaudenzi Stat. 2, 101. — 
Ueber die societas t\. Marie zur Ausrottung der Ketzerei vgl. 
Frati Stat. 3, 408 f. und dazu Davidsohn Forsch. 4, 426 ff. 

83. Villola zu 1233; Ann. Veron. im Arch. Veneto 9, 92; Cron. 
di Btol. .257; Beispiel Frati Stat. ;1, 448 und 49. 

84. Vgl. oben S. 400. 


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sein in der Veroneser Mark begonnenes Unternehmen zu 
gewinnen 85 , dann auch seine Hinneigung zu dem jetzt zur 
Herrschaft gelangten Popolo. Diese seine volksfreundliche 
Tendenz trat noch deutlicher bei der ihm übertragenen 
Revision der Stadtstatuten 86 zutage. Er ließ eine Bestimmung 
in sie aufnehmen, die die Eidgenossenschaften unter dem 
Adel verbot 87 . 

Nicht weniger heftig, als von der „Hallelujah“-begeiste- 
rung, wurden die Massen 1260 von der Geißlerbewegung er¬ 
griffen, die von der Romagna her nach Bologna drang, 
um sich dann längs der .Via Emilia fortzupflanzen 88 . Sie 
riß für den Augenblick alles mit sich fort und führte auch 
zur Gründung zweier neuer Brüderschaften. Es ist nun 
interessant zu beobachten, wie sich dabei der die Bolo¬ 
gneser Bürgerschaft durchziehende Zwiespalt zwischen Volk 
und Adel geltend machte. Die eine Gründung war die 
congregatio devotorum 89 , die eigentlich nur den Zweck ver- 
folgte, gemeinsame Bußübungen zu verrichten. Sie setzte 
sich wesentlich aus popolaren Elementen zusammen 90 . 
Der andern 1261 gestifteten sodetas gehörten in der Mehr¬ 
zahl Magnaten an 91 , die sich selbst als milites b. Marie 
virginis bezeichnten, während ihre Gegner ihnen den Spott- 


85. Sutter 109; Winkelmann Friedrich II. 2, 464. 

86. Cron. di Bol. 258; vgl. auch Fipti Stat. 1, 447. 

87. Frati Stat. 2, 262. Nur diese, nicht die societates populi 
waren gemeint; vgl. 2; 200f. 

88. Vgl. B.-F. 14135 c; Villola zu 1260; Cron. di Bol. 271; 
Milioli 526; Ann. Plac. 512; Cron. Mod. 581.; Frati Stat 1, 268. 
In einem Fragment von 1261 im St-A. Bol. Podesta Sentenze in 
pergam. wird erwähnt ein Streit tempore devotionis que fiebat iu 
civitate Bon. ob reverentiam Jesu Christi et b. Marie virginis, quando 
homines ibant nudi per civitatem se batendo. 

89. Ihre Statuten in Cfaudenzi Stat 2, 423 ff. lieber ihren 
Zug 1262 nach Modena vgl. Griffoni 15. 

90. Vgl. Nr. 6 ihrer Statuten. 

91. Vgl. Sav. 3, 1, 357 Anm. H. 


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namen Frati gaudenti beilegten 98 . Sie wollten 93 sich aus 
dem öffentlichen Leben zurückziehen und jeder politischen 
Parteinahme enthalten. Dazu stellten sie sich die positive 
Aufgabe, überall für Herstellung des Friedens zu wirken, 
wie es auch ihr Mitglied Guittone d’ Arezzo mit seinen 
Dichtungen zu erreichen hoffte. Als ihr Begründer ist 
Loderengo aus dem uns schon bekannten Geschlechte der 
Andalo anzusehen, der dann im Sinne des Ordens in seiner 
Vaterstadt tätig war. Doch blieben seine Bemühungen ohne 
dauernden Erfolg, und die Revolution von 1274 traf gerade 
seine Familie am allerschwersten. 


92. Oriffoni 15; Milioli 527; Salimbene 467 ff. 

93. Vgl. ihre Ordensregel Potth. 18195. Ihren engen Zusammen¬ 
hang mit den älteren milites Jesu Christi bestreitet Sav. 3, 1, 354 
Anm. E wohl mit Recht; sahen diese doch eines ihrer Hauptziele 
in der Bekämpfung der Ketzerei; vgl. Potth. 9807, 9911 und 22. 


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V. Kapitel. 


Comune und Universität. 

Unser Thema ist ein eng begrenztes. Es sollen nur 
die Beziehungen des Comune zur Hochschule, zu ihren 
Studenten und Lehrern, wie sie sich bis ungefähr zum Jahre 
1280 gestalteten, untersucht werden. Dabei können wir uns 
vielfach auf die Arbeiten anderer stützen. Denn seit den 
Tagen, da Savigny mit Recht über das Fehlen einer Ge¬ 
schichte der Bologneser Universität Klage führte 1 2 , hat die 
historische Forschung das Versäumte nachgeholt 3 , wenn 
auch noch nicht überall abschließende Resultate erzielt sind. 

Um die Uebersichtlichkeit zu erleichtern, seien einige 
Bemerkungen über die Organisation der Studentenschaft 
vorausgeschickt. 

Eine solche fehlte den größten Teil des zwölften Jahr¬ 
hunderts hindurch noch völlig. Die Scholaren bildeten eine 
ungeordnete Masse, die sich von ihren Lehrern leiten und, 
wenn nötig, vertreten ließ. So wählten sie, als Friedrich I. 
Bologna 1155 besuchte, einen doctor legum zu ihrem Wort¬ 
führer vor dem Herrscher 3 . Und einige Jahrzehnte später 
wies Clemens III. den Bologneser Bischof an, eine päpstliche 
Verordnung jährlich in comuni audientia magistrorum atque 
scholarium verlesen zu lassen 4 . Erst um die Wende zum 


1. 3, 159. 

2. Ich erwähne mir die Werke von Denifle, Kaufmann und 
Rashdall und die verschiedenen Arbeiten Oaudenzis. 

3. Vgl. unten Anm. 16. 

4. J.-L. 16647. 


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dreizehnten Jahrhundert scheint der Zusammenschluß der 
Scholaren zu Verbindungen begonnen zu haben. Ihre Vor¬ 
bilder werden sich schwerlich je ausfindig machen lassen, 
denn sie entstanden in einer Periode, da allerorts und zu 
den verschiedensten Zwecken Genossenschaften eingegangen 
wurden. Nur darf als wahrscheinlich gelten, daß nicht die 
großen Korporationen, die die Gesamtheit oder die Mehrzahl 
der Studenten umfaßten, das Primäre waren, sondern die 
einzelnen Landsmannschaften oder Nationen, die ähnlich den 
Bologneser Laienconfratemitäten anfangs wohl wesentlich 
religiöse und caritative Zwecke verfolgten 5 . Die einzelnen 
Gruppen werdeh sich dann zuerst nur aqf kurze Zeit und 
unter wechselnden Formen zu größeren Verbänden zu¬ 
sammengetan haben. So bildeten 1217 alle Scholaren eine 
Universitas mit eigenen Statuten. An ihrer Spitze standen 
Rectoren 6 . Innerhalb dieser Universitas hatten sich Toscaner, 
Römer und Campanier zu einer besonderen sodetas ver¬ 
einigt 7 , während die LombatVlen noch abseits standen. Aus 
den dreißiger Jahren besitzen wir über eine Verbindung 
von nichtitalienischen Studenten dne Nachricht, die bis heute 
unbeachtet geblieben ist Es war eine confratria scolarium 
Ultramontanorüm, die ihren Sitz in dem 1195 bei Bologna 
gegründeten Eremo von Cajnakioli 8 hätte und von Ministralen 


5. Vgl. den Beschluß der deutschen Nation von 1200 (Acta 
nationis Germanicae universitatis Bononiensis ed. Friedlaender nt 
HaJagola 7; da tu Gjaudenzi Appunti alla storia della universita 
di Bologna 1, 32). Auch erfahren w^, daß die (vermutlich wohl 
englischen) Studenten dem Thomjas von Canterbury einen Altar 
errichteten (Potth. 1097 a St»-A. Bol. Dem. S. Salvatore Cass. 11/2458 
Nr. 2). 

6. Vgl. unten S. 423 Anm. 33. Für diese Zeit lassen sich 
auch nuntii scolarium nachweisen (St.-A- Bok Dem. S. Cristina 
Cass. 1/2862 Nr. 2; auch S. Francesco 335/5078 Nr. 5). 

7. Denifle 136. 

8. Vgl. Mittarelli Alm. CamakL 4, 157f., 180; Regesto di 
Camaldoli ed. Schiaparelli e Baldasserani 2 Nr. 1326, 1318, 1320, 


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geleitet wurde. Zu ihr gehörten die Landsmannschaften 
von Gallien, Flandern, Poitou, Spanien, England und der 
Normandie 9 . Vordem Jahre 1244 dann muß die Entwicklung 
zu einem Abschluß gelangt sein 10 . Von nun ab bildeten 
die Scholaren nach außen, wie schon früher, eine Einheit 11 . 
Im Innern zerfielen sie in die universitates der Citramontani 
und Ultramontani, deren Leitung jedesmal einem Rector 
anvertraut war. Die Citramontanen umfaßten die italie¬ 
nischen Landsmannschaften, die Ultramontanen alle übrigen. 
Jede Nation war an der jährlichen Wahl des Rectors be¬ 
teiligt und stellte ein oder mehrere Consiliaren zur Rats¬ 
versammlung der Universitas 19 . Diese Gesamtorganisation 
umfaßte aber nur die scolares forenses. Ausgeschlossen von 
ihr’ waren die scolares cives, d. h. die Studenten, die das 
Bologneser Bürgerrecht besaßen, dann die Lehrerschaft, die 
doctores cives sowohl als forenses, die ihre einstige Führer¬ 
stellung eingebüßt hatten 13 . 

Welche Haltung nahm nun das Bologneser Stadt- 


1372 etc. — Er lag vor Porta S. Stefano nahe der Straße ins 
Savenatal. 

9. Mittarelli An«. Camald. 4, 560 Nr. 351 St.-A. Bol. Dem. 
S. Qristina Cass. 11/2872 Nr. 32 ohne genaueres Datum; St.-A. 
Florenz Fondo Camaldoli zum 11. Juni 1232 und 18. April 1234. 
— Wie weit das Formular des Boncompagno (in Rockinger 1, 125) 
der Wirklichkeit entsprach, mag dahingestellt bleiben. 

,10. Vgl Frati Stat. tl, 366. 

11. So spricht Innoc?nz IV. (Beiger Registres d’ Innocent IV. 
Nr. 6195 = Sarti 2, 174) von den rectores der Universitas. 

12. Zur Geschichte der Universitas Ultramontanorum vgl. Sarti 
2, 18 = Acta nationis Germanicae 347 Nr. 1; Acta nat. Germ. 
349 Nr. 2. Bei der Universitas Crtramontanorum sind wir auf Rück¬ 
schlüsse aus späteren Nachrichten (vgl. Statuti dello studio Bolo¬ 
gnese publ. da Malagola) angewiesen; vgl. auch Malagola Mono¬ 
grafie storiche sullo studio Bolognese 133 f. (doch läßt sich die 
Liste aus den AVemoriaku des St.-A. Bol. ergänzen). 

13. Darüber vgl. im folgenden. 


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regiment den Studenten gegenüber ein, und wie hat es ihre 
genossenschaftlichen Bildungen beeinflußt? 

Solange das junge Comune noch seine Selbständigkeit 
gegen die Reichsgewalt zu verteidigen hatte, befaßte es 
sich gar nicht mit den Angelegenheiten der Hochschule. 
Dafür griffen zwei auswärtige Mächte in ihre Entwicklung 
ein, erst das Kaisertum, dann das Papsttum. Friedrich I., 
der sich als Nachfolger der römischen Imperatoren be¬ 
trachtete, hielt sich für berufen, gleich Justinian 14 die Pfleger 
der klassischen Rechtswissenschaft zu schützen. Auf seinem 
ersten Römerzuge, auf dem er auch sonst eine gewisse 
Zurückhaltung beobachtete 15 , begnügte er sich, ihre Wünsche 
und Beschwerden entgegenzunehmen. Drei Jahre später 
aber, da er auf dem Roncalischen Reichstage eine Neu¬ 
ordnung Italiens be|gann, erließ er für die Professoren und 
Scholaren ein Privileg, das als Authentica Habita in das 
Corpus iuris eingetragen wurde 16 , per Kaiser nahm, ähnlich 
wie seine Vorgänger mit den Kaufleuten getan hatten, alle, 
die studiorum causa peregrinantrur, in seinen Schutz und 


14. Vgl. Savigny 3, 171. 

15. Vgl. oben S. 92. 

16. M. OL Gonstitutiones 1, 249 Nr. 178 und Corpus iuris ed. 
Mommsen und Krüger 2, 511. Die Vorgänge von 1155 schildern 
die Oesta di' Federioo S. 463ff. — Zur Literatur vgl. Simonsfeld 
Jahrb. 1, 313 ff. Ich teile die Ansicht Kaufmanns 165 über die 
Darstellung der Gesta; nur glaube ich nicht, daß ihr Verfasser 
kraft einer poetischen Lizenz verfuhr, sondern halte ihn hier für 
schlecht unterrichtet. So läßt er bei der Inhaltsangabe des Privileg» 
die Bestimmungen über den besonderen Gerichtsstand fort und er¬ 
wähnt später, als er (v. 2598 ff.) vom Roncalischen Reichstag be¬ 
richtet, zwar die constitutio pacis, aber das privilegium scholasticum 
gar nicht. Die von Gaudena im Buß. 22, 186 angeführten For¬ 
mulare, die die Gerichtsbarkeit der Professoren schon zu 1157 vor¬ 
aussetzen, sprechen nicht gegen meine Auffassung. Denn Friedrich 
kann zu Roncaglia diese Einrichtung, die sich schon durchzusetzen 
begann, zum Gesetz erhoben haben. 


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verbot, das damals übliche Represaliensystem 17 ihnen gegen* 
über zur Anwendung zu bringen. Ferner verlieh er den 
Studenten den besonderen Gerichtsstand vor ihren Lehrern 18 
und dem Bischof der Stadt. Mit der letzten Bestimmung 
förderte die Constitution die leitende Stellung der doctores. 
Wichtiger aber war eine andere, schwerlich beabsichtigte 
Wirkung. Sie sprach nur von den aus der Fremde zuge¬ 
wanderten Hochschulmitgliedem, berührte die einheimischen 
Lehrer und Studenten gar nicht. Damit trug sie zur Trennung 
der scolares forenses von den scolares cives bei, die für 
die ganze Weiterentwicklung grundlegend wurde. 

Friedrich I. trat nicht noch einmal für die Interessen 
der Bologneser Studentenschaft ein, ebensowenig sein Nach¬ 
folger Heinridh VI. Die Hauptschuld davon messen wir der 
Politik der Stadt Bologna zu. Die Bolognesen schlossen 
sich dem Lombardenbunde an und bekämpften nun fast 
immer die deutschen Herrscher. Das wird auch eine Ent¬ 
fremdung zwischen den Scholaren und ihrem kaiserlichen 
Schutzherrn zur Folge gehabt haben. So war es möglich^ 
daß nicht erst der weltbeherrschende Innocenz III. sich in 
die Verhältnisse der Hochschule einmischte, sondern schon 
Alexander UL, der selbst einst am Reno als Lehrer gewirkt 
und sich gleich nach seinem Regierungsantritt an seine 
früheren Kollegen gewandt hatte 19 . 1177 ließ er durch seinen 
Legaten in Bologna verbieten, daß Professoren oder Scho¬ 
laren beim Mieten eines Quartiers die Interessen des augen¬ 
blicklichen Inhabers schädigten 20 . Wir hören nichts davon, 
daß sein Vorgehen bei den Studenten, von denen ja ein 


17. Vgl. Schaube 753 f. 

18. Ueber die Ausdrücke dominus aut magister vgl. Fitting 
Die Anfänge der Rechtsschule zu Bologna 107. 

19. Vgl. oben S. 100. 

20» Vgl. J.-L. 16647. Der darin genannte Kardinal Wilhelm 
bekleidete diese Stellung nur Ende 1176 bis fyde 1177 und kam 
im letzteren Jahre nach Bologna (vgl. Reuter Oesch. Alexanders III. 


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großer Teil schon als Angehörige des geistlichen Standes 
dem Papst Gehorsam schuldeten, auf Widerstand stieß. 
Vielmehr gestalteten sich die Beziehungen der Scholaren 
zu den Trägern der Tiara immer enger, und als sie mit 
dem Bologneser Comune in Konflikt gerieten, fanden sie 
in Rom die bereitwilligste Unterstützung. 

Gegen Ende des zwölften Jahrhunderts sah sich die 
städtische Regierung durch Vorgänge, die ihre Interessen 
gefährdeten, genötigt, ihre bisherige Haltung aufzugeben 
und aus ihrer Reserve herauszutreten. Damals waren nämlich 
in den Nachbarstädten Hochschulen entstanden, und diese 
hatten nicht versäumt, Lehrer und Studenten durch allerlei 
Vergünstigungen herbeizulocken, was natürlich das Wachs¬ 
tum der Bologneser Universität schädigte. So begab sich 
der Rechtsgelehrte Placentin nach Piacenza und zog Kollegen 
und Schüler nach sich 21 . Als sich ähnliches bei einem andern 
Juristen, Pillius, wiederholte, schritt das Comune ein und 
legte den Professoren die Verpflichtung auf, zwei Jahre 
lang nirgends anderswo als in Bologna zu unterrichten 22 . 
Daraus entwickelte sich dann in den folgenden Jahrzehnten 
der Brauch, von allen, die das Lehramt ausüben wollten, 
den Eid abzufordern, nicht nur in den nächsten zwei Jahren, 
sondern dauernd in der Renostadt zu verbleiben, jede 
Schädigung der dortigen Hochschule verhindern zu helfen 
und besonders die Scholaren vom Besuch einer fremden 
Lehranstalt zurückzuhalten 23 . Die Mehrzahl der Professoren 


3, 265). Seine Verordnung wurde dann vom Kardinal Petrus von 
Tuscuhim bestätigt, der um 1180 als Legat nachweisbar ist (vgl. 
Giesebrecht 6, 559). — Wegen der Mietskontrakte vgl. das For¬ 
mular des Rainerius de Perusio 57 Nr. 5 und Statuti dello studio 
Bolognese 123. 

21. De Tourtoulon Placentin sa vie, ses oeuvres 1, 64 ff. 

22. Savigny 4, 312 f., 319 ff. 

23. Vgl. Chart Nr. 1, 6, 7, 8, 17, 21, 25, 34, 37, 39. In der 
Folgezeit fehlen die Eide, weil das Registro grosso, in dem sie 


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fügte sich wohl dem Verlangen der Stadt. Denn in der 
Regel gewährte die Zugehörigkeit zur berühmtesten und 
besuchtesten Universität (doch größere Vorteile, als man ihnen 
anderswo zu bieten in der Lage war. 

Nicht so nahmen die Studenten, die aus der Fremde 
herbeigekommen waren, die neuen Maßregeln des Comune 
auf. Sie empfanden sie nur als lästigen Zwang. Und ihr 
Protektor, Innocenz III., bestärkte sie im Widerstand. Denn 
er sah in der Drohung, die Scholaren zur Auswanderung 
zu bewegen, eine brauchbare Waffe, um Bologna seinen 
Wünschen gefügig zu machen. Es war die Zeit des deutschen 
Thronstreits, in der die Stadt eine energische Ausdehnungs¬ 
politik trieb, ohne dabei auf die Rechtsansprüche der 
römischen Kurie Rücksicht zu nehmen. Welcher Einzelfall 
den Unwillen des Papstes hervorgerufen hat, wissen wir 
nicht. Genug, er ließ an die Hochschulmitglieder die Auf¬ 
forderung ergehen, Bologna zu verlassen 84 ; und man muß 
ihr gleich oder etwas später teilweise Folge geleistet haben. 
Denn wir könn,en seit 1205 in Vicenza eine Anzahl scolares 
forenses und auch einige Bologneser Professoren nach- 
weisen 86 . Auch bedrohten im vorangehenden Jahre die 
Bolognesen jeden Mitbürger, der den fortgezogenen Studen¬ 
ten nachreiste oder sie in eine andere Stadt geleitete, 


überliefert sind, mit dem Jahre 1223 schließt. Ihr Fortbestehen 
beweist Frati Stat. 2, 22. 

24. Gaudenzi im Annuario 1901, 165 Anm. 1. Der in dem 
Formulare genannte Kardinal von S. Maria in Trastevere (vgl. 
Eubel Hierarchia catholica 1, 3) läßt sich 1200 und 1201 als Legat 
nachweisen; vgl. B.-F. 5723 und 51. Vielleicht darf der ebenfalls 
dort erwähnte mag. Obertus Mediolanensis mit Hubertus canonicus 
Modoiciensis (vgl. Potth. 1327, Sav. Nr. 329) identifiziert werden. 

25. Mittarelli Ann. Camald. 4, 260' Nr. 161 und Text 213 
(einen Auszug aus dem Orig, im St.-A. Florenz Fondo Camaldoli 
verdanke ich Herrn Prof. Gaudenzi); dazu Sarti 1, 381 und De- 
nifle 298 f. 


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mit schweren Strafen 8 *. Noch einmal, als Bologna 1211 zu 
lange an der Partei des gebannten Kaisers Otto IV. fest¬ 
hielt, dachte innocenz an Verlegung der Universität 27 . Aber 
es genügte die Drohung. 

Der Konflikt zwischen Stadt und Universität muß der 
damals begonnenen studentischen Organisation Bewegung 
und Richtung gegeben haben. In Vicenza erschienen die 
Scholaren zu einer Universitas unter Rectoren vereinigt. 
Schon vorher in Bologna wird es an Versuchen nicht gefehlt 
haben, dem Gqmune organisiert entgegenzutreten. So sind 
uns aus dem Ausgang des zwölften Jahrhunderts Aeuße- 
rungen von Professoren überliefert, die die genossenschaft¬ 
lichen Bildungen der Studenten heftig tadeln 28 . Der Groll 
der Lehrer war nur allzu berechtigt. Einmal bedrohten die 
neu entstehenden Verbände ihre bisher behauptete Führer¬ 
stellung. Ferner waren sie, da ihre Lehrtätigkeit auf Privat- 
kontrakten mit ihren Schülern beruhten, von diesen materiell 
abhängig 29 ; und die Scholaren konnten, zu größeren Gruppen 
vereinigt, ganz anders als früher ihre Wünsche zur Geltung 
bringen. Daher werden wir annehmen dürfen, daß bei dem 
Zwist zwischen Comune und Studentenschaft nicht nur die 
doctores cives, sondern auch die doctores forenses in ihrer 
Mehrzahl auf die Seite der Stadt traten und infolgedessen 
von den sich bildenden Korporationen ausgeschlossen 


26. Frati Stat. 2, 23. 

27. Vgl. oben S. 172. 

28. Tamassia in AMR. 3, 12, 67 Anm. 1; Denifle 169 f. — 
Johannes Rassianus wird zu 1174—97 gesetzt; vgl. Gaudenzi Appunti 
alla storia dell* univcrsita di Bologna 1, 17 ff. 

29. Vgl. Tamossia in AMR. 12, 82 f.; DeniRe 198ff.; Kauf¬ 

mann 204 f. Das von Denifle Anm. 534 angeführte Beispiel für 
Besoldung halte ich für eine Ausnahme von der Regel. — Die 

Professoren machten auch mit den Scholaren Geldgeschäfte; vgl. 

Tamassia in AMR. 3, 12, SO; St.-A. Bol. Dem. S. Francesco 8/4140 

Nr. 39, 335 5078 Nr. 93 und 91; Sarti 2, 70 Nr. 44. 


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wurden 90 . Das gleiche Schicksal erfuhren die scolares cives, 
die schon das Privileg Friedrichs 1. von den forenses ge¬ 
trennt hatte, und die jetzt naturgemäß zu Bologna hielten. 

Im Jahre 1215 zogen, wohl im Zusammenhang mit 
Streitigkeiten innerhalb der Studentenschaft zwischen Lom¬ 
barden und Toscanern 31 , Mitglieder der Hochschule nach 
Arezzo 32 . Dieser Vorfall wird das Bologneser Comune zu 
energischerem Einschreiten bewogen haben. 1217 wurden 
folgende Bestimmungen erlassen 33 : Wer Verabredungen 
trifft, die die Interessen der Universität schädigen, wer die 
Scholaren zwingt, sich zum Studium in eine andere Stadt 
zu begeben, der verfällt ewigem Bann und seine Güter 
werden konfisziert. Den Studenten wurde fernerhin die 
Bildung von Korporationen und die Einsetzung von Rectoren 
nur gestattet, wenn sie in ihren Genossenschaftseid die eben 
angeführten Bestimmungen aufnahmen. Der Podesta sollte 
von ihren Rectoren ein dahingehendes Versprechen fordern. 
Endlich wurde den älteren Scholaren, die Vorlesungen halten 
wollten 34 , der übliche Professoreneid auferlegt. Zum Un¬ 
glück für die Studentenschaft regierte in Rom. jetzt 
Honorius III., der sich ihrer zwar ebenso wohlwollend an¬ 
nahm wie Innocenz, aber nicht die Energie seines größeren 
Vorgängers besaß. Er begnügte sich, den Studenten zu raten, 
auf die Forderungen der Stadt nicht einzugehen, lieber aus¬ 
zuwandern, und an den Bologneser Podesta die Mahnung 
zu richten, die neuen Statuten nicht zur Ausführung zu 
bringen 35 . Zwei Jahre später versuchte er, den Bologneser 


30. Wie iin späteren drejzehnten Jahrhundert scolares forenses 
von dodores forenses unterschieden wurden, zeigt BuH. 6, 129 Nr. ft! 

31. Vgl. Rashdali The Universities of Europe 1, 182 Anm. 2; 
Sav. 2, 1, 350. 

32. Dcnifle 165; Savigny 3, 313. 

33. Pressutti Regesta Honorii III. Nr. 2383; das Datum ergibt 
sich aus Frati Stat. 2, 25. 

34. Vgl. Denifle 166. 

35. Pressutti Nr. 597 und 98. 


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Archidiakon, dessen Amt zur Zeit der von ihm selbst ein¬ 
gesetzte Gratia bekleidete 36 , zu einem ständigen Vertreter 
d,er päpstlichen Autorität an der Hochschule zu machen. 
So verlieh er ihm neben andern Befugnissen 37 das aus¬ 
schließliche Recht, nach vorangegangener Prüfung die Lehr¬ 
befähigung zu erteilen 38 . Aber es spricht nichts dafür, daß 
Honorius mit seinen Maßnahmen von 1217 und 19 den 
gewünschten Erfolg erzielte. 

Wahrscheinlich erst der für 1220 angesagte Römerzug 
Friedrichs II. veranlaßte die Bologneser Regierung, den Streit 
mit den Scholaren und der römischen Kurie 39 nicht auf die 
Spitze zu treiben. Sie bemühte sich zuerst, den Papst mit 
<lem Verzicht auf den Eid der Rectoren und der Vorlesung 
haltenden Studenten zufrieden zu stellen, muß dann sogar 
noch weitere Zugeständnisse gemacht haben 40 . Doch als 
der Kaiser nach dem Süden gezogen war, ohne eingegriffen 
zu haben 41 , ging die Stadt wieder mit neuen Maßregeln 
gegen die Scholaren vor und unterstützte auch die Pro¬ 
fessoren, die sich weigerten, den Rectoren Gehorsam zu 
leistem Es kam soweit, daß die Rectoren und die Con- 
siliaren aus der Stadt gebannt und die Neubesetzung der 
Aemter verboten wurden 42 . Ungewiß bleibt, ob dieser neue 
Konflikt als Ursache oder Folge der Auswanderung einer 


36. Vgl. oben S. 404; auch Denifle 739. 

37. Sarti 2, 14 Kanonik.-A. zu Bol. Libro dalle Asse fo. 10 v. 

38. Pötth. 6094 Or. in Bibi. Estense zu Modena Y. R. 3 Lib. 
I Nr. 1. 

(39. Vgl. PressuHi Nr. 2434. 

40. Pressutti Nr. 2434; Denifle 162 f. Anm. 402 und 403. 
Daß das Comune damals in irgend einer Form nachgegeben hat, 
glaube ich dem unten in Anm. 42 genannten Schreiben Honorius’ III. 
entnehmen zu können. 

41. Er übersandte nur seine neuen Constitutionen der Universität 
zur Aufnahme in- den Lehrapparat (B.-F. 1204; vgl. auch Pressutti 
Regesta Honorii III. Nr. 3206). 

42. Pressutti Nr. 5120. 


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großen Zahl von Studenten und einiger Lehrer nach Padua 
im Jahre 1222 43 anzusehen ist oder mit den Bestimmungen, 
die Friedrich II. 1224 für seine in Neapel errichtete Hoch¬ 
schule traf, in Zusammenhang gebracht werden muß 44 . 
Jedenfalls scheinen weder die secessio noch Mahnungen 
Honorius’ III. das Comune bewogen zu haben, die Gewalt¬ 
maßregeln zurückzunehmen. Das geschah wohl erst infolge 
der Ereignisse von 1226. In diesem Jahr brach der Zwist 
zwischen dem Staufer und dem Lombardenbund aus. Da 
folgte der Kaiser dem von Innocenz III. gegebenen Beispiele, 
erklärte die Universität Bologna für aufgehoben und be¬ 
drohte Dozenten und Scholaren, die dort länger verweilten, 
mit den. schwersten Strafen. Diese Verfügung brachte zwar, 
da sie nur wenige Monate in Kraft blieb 45 , der Neapolitaner 
Hochschule schwerlich die beabsichtigten Vorteile, wird aber 
das Bologneser Stadtregiment bewogen haben, mit der 
Studentenschaft Frieden zu schließen. Wir hören davon, 
daß es den Bann gegen die Rectoren zurücknahm 46 . Der 


43. Lenel Studien zur Geschichte Paduas und Veronas 48; vgl. 
Denifle 1, 278 Anm. 227. Die Vermutung, daß der Paduaner Bischof 
die Auswanderung mit veranlaßt habe (vgt Snrti 1, 402; 2, 169; 
Gloria in Memor. delP Istituto Vfeneto 22, 354), hat schon Sav. 
3, 1, 18 Anm. M abgelehnt. 

44. Vgl. B.-F. 1537 auch den Nachtrag dazu; Oaudenzi im 
Arch. stör. Ital. 5, 42, 357 f. 

45. Vgl. oben S. 194; dazu jetzt die Constitution selbst, deren 
Auffindung wir Gaudenzi verdanken (Arch. stör. ital. 5, 42, 355 ff.). 
Doch weiche ich von ihm in der Datierung ab. Sie kann nicht zu 
1225 gehören, einmal, weil die damalige politische Lage eine so 
scharfe Maßegel höchst unwahrscheinlich macht, dann weil Bologna 
als im Banne befindlich bezeichnet wird, was erst im Juli 1226 ein¬ 
trat (M. G. Constitutiones 2, 136 Nr. 107. Ueber den älteren 
Konflikt der Stadt mit dem Kaiser vgl. oben S. 184 f.). Villola und 
die andern Bologneser Chroniken, die die Aufhebung der Universität 
zu 1225 berichten, begehen hier also einen Irrtum. — Die Antwort 
Bolognas auf die kaiserliche Constitution war Frati Stat. 2, 25 f. 

46. Vgl. Gaudenzi in II Propugnatore N. S. 3, 1, 292 und 
im Bull. 14, 139 f. 


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Wortlaut der Friedensbedingungen ist nicht bekannt, doch 
darf aus den späteren Stadtstatuten gefolgert werden, daß 
sie für die Regierung recht günstig lauteten. In der Sache 
hielt sie an den 1217 erlassenen Bestimmungen fest 47 , nur 
beanspruchte sie den damals geforderten Eid jetzt nicht 
mehr von allen Mitgliedern der Scholarenkorporationen, 
sondern bloß von ihren Rectoren 48 . Auch wird sie darauf 
verzichtet haben, der Ausgestaltung der Studentenorgani¬ 
sation weitere Hindernisse in den Weg zu legen 49 . 

Die Mängel der Ueberlieferung tragen die Schuld, wenn 
die einzelnen Phasen des geschilderten Streites nicht mit 
wünschenswerter Deutlichkeit hervortreten. Ueber den 
Standpunkt aber, an dem das Comune während dieser 
zweiten Pieriode konsequent festhielt, ist kein Zweifel mög¬ 
lich. Es sah in der Universität nur eine Quelle seiner wirt¬ 
schaftlichen Kraft und wandte, um sich diese zu erhalten, 
womöglich ihre Erträge zu steigern, ein Prohibitivsystem an, 
das im Prinzip der städtischen Handelspolitik entlehnt war. 
Erst in den vierziger Jahren vollzog sich allmählich eine 
nochmalige Wandlung. Die Stadt wurde dazu gedrängt, 
sich für das Wohlergehen der Scholaren zu interessieren 
und ihnen Privilegien zu gewähren, die man ihnen anderswo 
schon lange verliehen hatte 50 . Diesen wichtigen Umschwung 
veranlaßten einmal die Vollendung der studentischen Organi¬ 
sation, die in ihrer Geschlossenheit den Wünschen der 
Scholaren weit größeren Nachdruck als früher verlieh, dann 
die damalige politische Lage der Stadt. 1241—48 hielt die 
feindliche Kaisermacht Bologna umklammert und bemühte 


47. Frati 2, 25 und 22. 

48. Frati 2, 27. 

49. Anmerken möchte ich hier, daß möglicherweise die Auf¬ 
hebung der Universität von 1232 (vgl. oben S. 399) nicht ohne 
Folgen geblieben ist (vgl. Sav. 3, 1, 90 Anm. F und dazu Cron. 
Mod. 38). 

50. Vgi. Denifle 278ff.; Kaufmann 176ff. 


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sich ohne Zweifel, den Zuzug der Studenten nach dem Reno 
zu erschweren 61 . In diese Jahre werden wir die städtischen 
Statuten setzen können, die den scofares forenses das Recht 
Bologneser Bürger verlieh 6 *, ohne von ihnen deren Pflichten 
zu fordern 63 , ferner das für die Universität so wichtige 
Oewerbe der Handschriftenhändler unter die Aufsicht der 
Comunalbehönden stellten und genau regelten 64 . Damals 
ergingen auch Verordnungen, die eine Erhöhung der persön¬ 
lichen Sicherheit der Studenten bezweckten 66 . Aber soweit 
kam man ihren Wünschen noch nicht entgegen, daß von 
den Maßregeln, die sie an Bologna fesseln sollten, etwas 
aufgegeben wurde, im Gegenteil, man verschärfte sie in ge¬ 
wisser Hinsicht 66 und verbot dazu ausdrücklich 67 , daß sich 
die scolares cives den Rectoren der forenses eidlich ver¬ 
pflichteten 68 . 

Weitere Vergünstigungen errangen die Studenten Ende 
der fünfziger Jahre, ats die Unruhen zwischen den Geremei 


51. Vgl. Denifle 429; auch B.-F. 2556. 

52. Frati Stat. 2, 24 (1242 schon vorhanden; vgl. Formular 
des Guido Faba in II Propugnatore N. S. 6, 2, 379 und dazu Ann. 
Brix, in M. G. SS. 18, 819). — Vgl. auch das Formular Rol. Passa- 
gerii 2, fo. 120v. 

53. Vgl. wegen des Kriegsdienstes Frati 1, 497 von 1243; wegen 
der Pflicht das consilium zu besuchen Frati 1, 94 ohne Jahres¬ 
angabe (beidemal werden die scolares forenses, da selbstverständlich 
befreit, übergangen); wegen der Estimi Frati 2, 101 (dazu Gau- 
denzi Stat. 2, 525 Nr. 5ß). 

54. Frati Stat. 2, 27 ohne Jahresangabe; vgl. hier die wenn 
auch etwas veralteten Ausführungen von A. Kirchhoff Handschriften¬ 
händler des Mittelalters 2. Aufl., 23 ff. 

55. Frati 1, 366 von 1244. 

56. Frati 2, 194 (nur noch im Kodex von 1250); 2, 24 ohne 
Jahresangabe. 

57. Frati 2, 29 von 1245. 

58. Ueber die Beziehungen der Studenten zu Innocenz IV. 
vgl. Berger Registrcs Nr. 6195; Sirti 2, 174; Denifle in Archiv 
für Literatur- und Kirchengesch. 4, 243 ff. 


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und den Anhängern der Andalo Bolognas innere Kraft 
lähmten. Eine von ihnen berührte die Frage der Gerichts¬ 
barkeit. Eigentlich bestand das alte Privileg Friedrichs I. 
noch immer zu Recht 59 . Es hatte aber wesentliche Ein¬ 
schränkungen erfahren. Seitdem sich die Scholaren in Kor¬ 
porationen zusammengeschlossen hatten, war die Erledigung 
von Streitsachen unter den Mitgliedern der Universitas von 
den Rectoren übemoimmen worden 60 . Ferner hatten die 
Studenten wahrscheinlich im zweiten Jahrzehnt des drei¬ 
zehnten Jahrhunderts auf ihr Vorrecht zugunsten der Sttaf- 
gerichtsbarkeit des Comune verzichtet 61 . So kennen wir eine 
Reihe von Kriminalfällen, oei denen die Bologneser Re¬ 
gierung gegen scolares forenses vorging 62 . Als aber 1258 
ein Genueser Student, der einen Beamten des Popolo ver¬ 
wundet hatte, hingerichtet wurde 63 , trat zwischen Scholaren 
und Comune eine Spannung ein, die erst im folgenden Jahre 
eine für das Stadtregiment ungünstige Lösung fand. Da¬ 
mals forderte Alexander IV., weil die Bolognesen ihren Mit¬ 
bürger Castellano degli Andalo gegen Rom unterstützten, die 
Studierenden wieder einmal zur Auswanderung auf 64 . Und 
da wahrscheinlich ein Teil sich nach Padua begab 65 , werden 
die Bolognesen notgedrungen die Wünsche der zurück¬ 
gebliebenen erfüllt haben. In Zukunft, so wurde bestimmt, 
sollte kein Scholar wegen eines Kapitalverbrechens verurteilt 


59. Vgl. Statuti delk> studio Bolognese ed. Malagola 12; ferner 
den Verzicht auf das privilegium scolasticum im Formular des 
Rainerius de Perusio 57 Nr. 5, in St.-A. Bol. Dem. S. Francesco 
Cass. 335/5078 von 1262. — Zur von den Doktoren ausgeübterf 
Gerichtsbarkeit vgl. Tamassia in AMR. 12, 70. 

60. Vgl. Savigny 3, 174 und Rol. Passagerius 2, fo. 40 v. 

61. Vgl. oben Anm. 31. 

62. Chart. Nr. 95, % und 102. 

63. Griffoni 14. 

64. Vgl. unten S. 468. 

65. Vgl. Gaudenzi im Bull. 22, 192; dazu Denifle 285; der¬ 
selbe im Arch. für Literatur- und Kirchengesch. 6, 350 ff. 


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werden, ohne daß sein Lehrer seine Verteidigung vor Gericht 
geführt hatte. Zugleich erfolgte die Aufhebung des in den 
vierziger Jahren an die scolares cives ergangenen Verbots, 
den rectores forensium einen Eid zu leisten. Dazu verzichtete 
man auf den Schutz, den man bisher den Professoren hatte 
angedeihen lassen. Infolgedessen mußten diese sich den 
Rectoren zu Gehorsam verpflichten und Zugeständnisse be¬ 
züglich des Vorlesungshonorars und der Zulassung zum 
Examen machen 66 . 

Noch vorteilhafter gestaltete sich die Lage der Studenten 
nach der Revolution von 1274. Schon Anfang März wurden 
die forenses gegen Angriffe und Beraubungen durch Vor¬ 
rechte geschützt, die an die den Popolaren eingeräumten 
Privilegien erinnern 67 . Als dann doch die Frühjahrsunruhen 
viele Scholaren zum Fortgehen veranlaßt hatten 68 , bemühten 
sich die im Parteikampf Sieger gebliebenen Geremei, den 
der Universität zugefügten Schaden zu ersetzen und die 
Studenten durch weitere Vergünstigungen wieder nach 
Bologna zu ziehen 69 . Von ihnen seien hier die wesentlichsten 
hervorgehoben 70 . Der bald hundert Jahre bestehende Pro¬ 
fessoreneid erfuhr eine Einschränkung. Wahrscheinlich ent¬ 
band man auch schon damals die Rectoren von der Ver¬ 
pflichtung, die Scholaren nie zur Auswanderung zu be- 


66. Sav. 3, 1, 332 aus heute verlorener Quelle; vgl. dazu 
Frati Stat. 2, 29, das in den Kodices 1260—67 fehlt; ferner auch 
Denifle im Archiv für Literatur- und Kirchengesch. 4, 242 ff. — 
Erwähnt sei hier der Konflikt zwischen den Professoren und dem 
Archidiakon wegen des Doktorexamens aus dem Ende der sech¬ 
ziger Jahre (Jordan Registres de Clement IV. Nr. 859 und 69 und 
Sarti 2, 56). 

67. Gaudenzi im Annuario 1901, 170. 

68. Vgl. das Gedicht in Bull. 19, 76 f., Ann. Plac. 560; Sav. 
3. 1. 492 Anm. L. 

69. Vgl. Sav. Nr. 776. 

70. Gaudenzi im Bull. 6, 117 ff. und im Annuario 1901, 173. 


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wegen 71 . Die Autorität der Rectoren wurde wesentlich' ge¬ 
hoben, indem sie jederzeit Zutritt zu den Stadtbehörden 
erhielten und die Unterstützung des Podesta bei Ausübung 
ihrer richterlichen Befugnisse in Anspruch nehmen durften, 
ihnen auch die Handschriftenhändler, die bisher das Comune 
beaufsichtigt hatte, unterstellt wurden 78 . Mehr die 
materiellen .Wünsche der Studenten befriedigten folgende 
Zugeständnisse: Die Höhe der Wohnungsmieten sollten jähr¬ 
lich durch eine Kommission festgesetzt werden, in der die 
Scholaren das entscheidende Wort führten. Die Universitas 
forensium erhielt ferner das Recht, sich eine Reihe nicht- 
botogneser Bankiers zu wählen, die dann unter besonders 
günstigen Bedingungen Darlehen gewähren mußten 73 . End¬ 
lich begann sich damals der Brauch einzubürgern, daß die 
Stadt die Professoren besoldete 74 . 

So hatte sich in noch nicht vier Jahrzehnten das Macht¬ 
verhältnis zwischen Comune und Studentenschaft völlig ver¬ 
schoben. Einst hatte das Stadtregiment den Scholaren seinen 
Willen aufgezwungen. Jetzt war die Studentenorganisation 
Herr der Situation und verstand es, die ihr günstige Lage 
nach Kräften auszunutzen. 

Unsere bisherigen Ausführungen galten den Be¬ 
ziehungen der Stadt zu den Studenten. Es erübrigt noch, 
auf ihr Verhältnis zu den Professoren mit einigen Worten 
einzugehen. Auch hier lassen sich drei Stadien unterscheiden. 
Das erste kennen wir schon aus der Darstellung der 
politischen Geschichte. Wir brauchen uns nur zu erinnern, 


71. Sie fehlt in den hier besprochenen Statuten; vgl. auch 
Dcnifle 176 und Seckel in Philotesia, P. Kleinert dargebracht 414. 

72. In den Memorialen des St.-A. Bol. der Jahre 1276—79 
finden sich die Eide, die die Handechriftenhändler den Rectoren 
leisteten. 

73. Die in Anm. 70 genannten Statuten sprechen von vier, aber 
nach St.-A. Bol. Memorial. Anthonii de Pollkino fo. 8v und Mar¬ 
tini Gcrardi fo. 4 waren es zehn, von denen die mit Namen an¬ 
geführten aus Florenz stammten. 

74. Sarti 2, 196. 


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welchen Einfluß erst Imerius, etwas später die vier Doktoren 
auf die Geschicke Bolognas ausgeübt haben. Von den nach* 
folgenden Juristen nahm keiner mehr eine ähnliche Stellung 
ein. Das Comune war zu kräftig und selbständig geworden, 
um sich länger von den Lehrern der Hochschule bevor* 
munden zu lassen. Darum aber darf ihre Bedeutung für 
die gesellschaftliche und wirtschaftliche Struktur der Bürger¬ 
schaft nicht unterschätzt werden. Dazu haben sie in die 
Rechtspraxis tatkräftig eingegriffen und auch der heimat¬ 
lichen Regierung wertvolle Dienste geleistet. — Das Gesagte 
soll an einem typischen Beispiele erläutert werden. 

Odofredo entstammte der angesehenen Bologneser 
Popolarenfamilie der Denari 75 . Sein Vater Bonaccorso 76 
nahm an dem Kreuzzug gegen Damiette teil 77 und gehörte 
1234 zu den officiales comunis 78 . Sein Sohn kam in der 
Jugend weit in der Welt herum, besuchte Süditalien und 
Frankreich. Es läßt sich aber nicht sicher sagen, welche 
Zwecke er bei seinen Reisen verfolgte 79 . Seit 1236 ist er 
als doctor legum nachweisbar 80 . Er erfreute sich bei seinen 


75. Sein Bruder Onesto gehörte zur societas der Quartieri di 
S. Procok) (deren Matrikel im St.-A. Bol.), wahrscheinlich auch 
Odofredo selbst, denn eine Versammlung der societas tagte 1253 
in seinen scole (Oaudenzi Stat. 1, 299). 

76. Sarti 1, 164 Anm. 2; St.-A. Bol. Dem. S. Francesco Cass. 
336/5078 Nr. 245. 

77. Tamassia in AMR. 3, 12, 373 Anm. 6. Es kann nur dieser 
Kreuzzug gewesen sein. 

78. St.-A. Bol. Podesta Libri dei processi in pergam. Bandi 
von 1234; Frati Stat. 1, 361. 

79. Tamassia in AMR. 3, 11, 190—98. 

80. Tamassia in AMR. 3, 11, 198—204. Zur Frage, ob er 
und die andern Bologneser Juristen, die an dem dort zitierten 
Gutachten teilnahmen, damals an der Paduaner Hochschule lehrten 
— eine Annahme, die wohl abzulehnen ist — bemerke ich nur, daß* 
Bagarottus sich 1234 in Bologna nachweisen läßt (St.-A. Bol. Dem. 
S. Margherita Cass. 1/3868 Nr. 14). 


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Fachgenossen hoher Achtung 81 und hatte bis zu seinem 
Lebensabend — er starb 1265 82 — großen Lehrerfolg. Die 
Erträge aus den Kolleggeidem 83 waren es wohl in erster 
Linie, die seinen Wohlstand begründeten. Er besaß Land¬ 
güter in den Gebieten von Medicina und Arcoveggio, in 
Bologna selbst Häuser an der Via di Val d’ Aposa, an der 
Platea maior und bei der curia von S. Ambrogio. Dort 
lagen auch seine scole 84 . Eine weitere Einnahmequelle ver¬ 
schaffte sich Odofredo durch seine praktische Wirksamkeit. 
Zahlreiche Streitigkeiten zwischen kirchlichen Instituten und 
Privatleuten legte er als angerufener Schiedsrichter bei und 
vielfach unterstützte er die städtischen* Gerichtsbehörden 
durch sein consilium 85 . 

Am meisten interessiert uns sein Anteil an der Leitung 
der heimatlichen Politik. Wie alle doctores legum war er 
ständiges Mitglied des consilium speciale 86 . 1245 gehörte er 
der Kommission an, die die Gültigkeit der Exemtions¬ 
privilegien der Grafschaftsorte zu prüfen hatte 87 und vier 
Jahre später half er mit andern sapientes die Verzeichnisse 
der Comitatinen für die Estimi aufstellen 88 . 1250 bean¬ 
spruchte man seinen Rat, da es galt, Imola vom Banne zu 


81. Anders urteilt die moderne Wissenschaft über ihn; vgl. 
Savigny 5, 365 f. 

82. Sarti 1, 168. 

83. Sarti 1, 166 Anm. 6 und 6; vgl. auch St.-A. BoL Dem. 
S. Francesco Cass. 337/5080 Nr. 122. 

84. Die urkundlichen Belege dafür in St.-A. Bol. Dem. S. 
Francesco. 

85. Zu den von Tamassia 11, 198 und 205 (das Datum 1252 
ist in 1242 zu korrigieren); Sarti 2, 52 und 216; 1, 172 Anm. 4; 
Sav. Nr. 617 S. 180 angeführten Beispielen erwähne ich noch St.-A. 
Bol. Libri dei processi in pergam. Lib. bannitorum von 1250; Dem. 
S. Stefano Cass. 23/959 von 1255; S. Francesco 7/4139 Nr. 58 und 
8/4140 Nr. 9; S. Agnese 2/5592 Nr. 83. 

86. Frati Stat. 3, 64. 

87. Palmteri in AMR. 3, 16, 321. 

88. St.-A. Bol. Estimi Liber fumantium. 


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lösen 89 , 1253 erfolgte unter seiner Mitwirkung das Ab¬ 
kommen mit Ravenna 90 . Im folgenden Jahre ging er als 
Gesandter erst an die römische Kurie, dann nach Modena 91 . 
1257 endlich nahm man ihn als Schiedsrichter für die Re- 
presalienverhandlungen zwischen Bologna und Ravenna in 
Aussicht 99 . Die angeführten Einzelheiten ergeben, daß die 
Bologneser Regierung dem Odofredo Aufgaben, die ein wirk¬ 
lich selbständiges Handeln erforderten, vorenthielt, ihn nur 
da verwendete, wo sie von seinen juristischen Kenntnissen 
Nutzen erhoffte. Und was hier für einen Rechtsgelehrten 
nachgewiesen wurde, das gilt auch für seine Vorgänger und 
Nachfolger. Erst gegen Ende des dreizehnten Jahrhunderts, 
da die Revolution die Kraft des Comune gebrochen hatte, 
gelangte abermals, wie noch gezeigt werden soll, ein Lehrer 
der' Hochschule, Rolandino dei Passaggeri zu einer be¬ 
herrschenden Stellung im städtischen Regiment. 


Exkurs zum V. Kapitel. 

Die vita des h. Petronius und das Privileg 
des Kaisers Theodosius. 

Der Exkurs will keine erschöpfende Kritik des Heiligen¬ 
lebens und des angeblichen Kaiserprivilegs geben, sondern 
nur die Art ihrer Benutzung in unserer Darstellung recht- 
fertigen. 

Die vita S. Petronii 1 , die ein Mönch' von S. Stefano 


89. Sav. Nr. 664. 

90. Sav. Nr. 687-89. 

91. St.-A. Bol. Tesoreria. 

92. Sav. Nr. 718. — Das oben Angeführte ist nur eine Aus¬ 
wahl aus den überlieferten Nachrichten. 

1. Lanzoni 224—40. — Herr Professor Levison hatte vor 
einiger Zeit die Oütc, mir seine Ansicht über die vita ausführlich 


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1180 in eine Heffigenlebensammlung aufnahm, wurde nach 
der 1141 erfolgten inventio des Heiligen abgefaßt Der Autor 
schrieb unter dem Eindruck der Feindschaft zwischen 
Friedrich 1. und dem Comune Bologna und brachte ziem¬ 
lich durchsichtige Anspielungen auf zwei Ereignisse aus dem 
Anfang der sechziger Jahre, die Zerstörung der Bologneser 
Stadtmauer durch Barbarossa und die Tötung des kaiser¬ 
lichen Podesta Bezo, ließ sich auch durch die damals noch 
am Reno vertretene Richtung, die die Bologneser Bischofs¬ 
kirche der Metropolitangewalt von Ravenna zu entziehen 
suchte, beeinflussen 2 . In der Hauptsache aber verfolgte er 
erbauliche Zwecke und war wohl nur von dem Wunsche 
beseelt, für den wiedeigefundenen Heiligen eine möglichst 
würdige vita zu schaffen. Da nun ältere Nachrichten über 
Petronius fast völlig fehlten 2 , mußte er zur eigenen Phantasie 
seine Zuflucht nehmen und b|ei den Lebensbeschreibungen 
anderer Heiligen Rat und Hilfe suchen 4 . Das so geschaffene 
Werk verdient als Literaturprodukt Beachtung; entbehrt aber 
jeden historisdien Quellenwerts. 

Die vom Verfasser vielleicht erhoffte Wirkung der vita 
trat nicht ein; der Kultus des h. Petronius erlebte zunächst 


mitzuteilen. Ich sehe davon ab, sie hier ganz wiederzugeben, da 
sie sich in wesentlichen Punkten mit der Lanzonis deckt, benutze 
sie aber bei den folgenden Ausführungen. 

2. Lanzoni 39—50, 77 f. 

3. Solche zitiert er mir dreimal; vgl. Lanzoni 225 Anm. 60, 
240 Anm. 101. Die 233 angeführten Gesta Francorum sind wohl 
mit Pauli Hist. Romana (M. G. Auctores antiquissimi 2, 76) oder 
Landolfi Hist. MiscelL (ebenda 257) zu identifizieren. 

4. Vgl. Lanzoni 258-61 (auch 59 ff., 66, 75 f. 78, 79); ferner 
die Gesta S. Sihiestri, in denen g. B. vom Philosophen Craton 
berichtet wird (Mombritius Sanctuarhim 2, fo.- 284), was die vita 
(225) von Petronius rühmt, und die vita S. Gemmiani, die mehrfach 
benutzt- ist (vgl. 226 Z. 4—12, 228 Z* 25 und 26, 231 Z. 18 
bis 24, 240 Z. 26—28 mit Mouum. defle provinde Modenesi 14, 
80, 82, 83 und 104), endlich vita s. Ambrosii auctore Paulino cap. 
24 (Migne Patrol. lat. 14, 37 f.) mit unserer vita 235 Abschnitt 2. 


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435 — 


keinen merklichen Aufschwung 5 . Dafür fand seine Arbeit 
eine Verwendung, an die er gar nicht gedacht haben kann 6 . 
Sie diente den Bologneser Rechtsgelehrten als Waffe, um die 
steigende Konkurrenz der Nachbarhochschufen zu be¬ 
kämpfen. Nach der Auffassung der doctores nämlich waren 
allein die civitates regie, d. h. die von einem Kaiser ge¬ 
gründeten Städte befugt, das Kaiserrecht lehren zu lassen 7 . 
Und daß Bologna zu diesen bevorrechteten Orten gehörte, 
ließ sich aus dem Lehen des h. Petronius erweisen. Wenn 
nun Azo, Accursius und Odofredus die vita in dieser Weise 
benutzt haben 8 , so wird ihnen wahrscheinlich das angebliche 
Privileg des Theodosius, das Stadt und Universität Bologna 
als eine kaiserliche Schöpfung hinstellte, noch nicht bekannt 
gewesen sein. Das schließt aber das Vorhandensein der 
Fälschung für ihre Zeit nicht aus. 

Als 9 terminus ante quem für deren Herstellung hat 
die Jahreswende 1257/8 zu gelten, denn damals erfolgte 


5. Zu 1204 wild erwähnt (St-A. Bol. Dem. S. Stefano Cass. 
18/954 Nr. 11), daß die Bologneser Domherrn zum Petnmiusfest 
nach S. Stefano in Prozession zogen. Nach Frati Stat. 1, 401 ge¬ 
hörte der Tag des h. Petronius zu den öffentlich anerkannten 
Festen; <n ach 1, 441 lieferte die Stadtregierung für den zu S. Stefano 
befindlichen Altär des Heiligen Kernen. Audi gab es (2, 490) eine 
eontrata und (3, 86; vgl. auch Dem. S. Michele i. B. Cass. 5/2177 
Nr. 39) einen buigus S. Petronii; vgl. auch Lanzoni 52 f. — Erst 
der Sieg der guetfischen Geremei verschaffte dem Petronius dies 
Stellung eines Schutzpatrons Bolognas (Lanzoni 154 und 162 f.). 
1275 (St.-A. Bol. Rifonnazhmi Statuta gesammelt 1288) finden wir 
eine societas SS. Ambroxii et Petronii, die aus öffentlichen Geldern 
unterstützt wurde. 

6. Lanzoni 125. 

7. Kaufmann 174 und 382. 

8. Savigny 3, 166; Tamassia in AMR. 3, 12, 4Z 

9. Vgl. auch Lanzoni 125—136. Eine eingehende Unter¬ 
suchung des Theodosianums steht schon seit längerem von Gaudenzi 
in Aussicht — Als Drucke führe ich an Sav. 3, 2, 489 Nr. 2; Ricci 
im Annitario 1886/7, 324 Nr. 37; Mur. SS. 2. Aufl. 18, 1, 78. 


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ihre Eintragung ins Registro nuovo 10 . Die Fehler des Textes 
machen unwahrscheinlich, daß der kopierende Notar zu* 
gleich der Verfasser gewesen ist Als terminus post quem 
eigeben intitulatio 11 und Schlußformeln, die eine Kaiser¬ 
urkunde Friedrichs 11. als Vorlage benutzten, das Jahr 1220 1 *. 
Noch genauere zeitliche Fixierung ermöglicht die Betrachtung 
der Grenzen, die der Fälscher für den Bologneser Distrid 
im Osten und Westen annahm. Im Osten ließ er die Bolo* 

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gneser Herrschaft bis zum Senk» gehen, kannte demnach die 
Ansprüche seiner Mitbürger auf die Grafschaft Imola, noch 
nicht aber ihre Absichten auf die fernere Romagna. Im 
Westen gegen Modena nannte er den Panaro und dessen 
Nebenfluß Leo als Grenze, ließ dabei das Frignano außer 
acht, das Bologna 1234 seiner Oberhoheit unterstellte. In 
den Zeitraum von 1220 bis 1234 fallt nun ein Ereignis, 
das recht wohl die Anfertigung des Theodosianums ver¬ 
anlaßt habjen kann. 1226 hob Friedrich II. die Bologneser 
Universität auf, erklärte die von Bologna den Modenesen 
aufgezwungene Grenzregulierung für ungültig und bean¬ 
spruchte die kaiserliche Grafschaft Imola 13 . Als wahrschein¬ 
lich ergibt sich also, daß die Fälschung schon zwischen 1226 
und 1234 hergestellt wurde, aber erst 1257/8 mit Eintragung 
ins Registro nuovo allgemeinere Anerkennung fand. So ver¬ 
gingen auch nochmals eine Reihe von Jahren, bis sie von 
der Stadtregierung als Rechtstitel verwendet wurde 14 . 


10. Fo. 1. 

11. Theodoxius dei gratia Romanorum imperator semper augustus 
. . . . Sidlie rex. 

12. Auch erwihnt die Fälschung das Vorrecht des Archidiakons, 
das Honorius III. ihm erst 1219 verleiht (vgl. oben S. 424 Anm. 38). 

13. Vgl. oben S. 194, 191 und 425. 

14. Vgl. unten S. 491 und 97. 


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VI. Kapitel. 


Stadtbild. Bildende Kunst und Poesie. 

Bei dem Versuche, von dem Stadtbild Bolognas vor dem 
Jahre 1280 eine Vorstellung zu gewinnen, beginnen wir am 
besten mit einer Geschichte seiner Befestigung, denn diese 
ist zugleich eine Geschichte des Wachstums der Stadt. 

Von der ältesten Mauer 15 , die Friedrich I. 1162 ganz 
oder nur teilweise zerstören ließ 16 , wissen wir nur wenig 17 . 
Aus dem elften Jahrhundert lassen sich folgende Tore nach- 
weisen: die Porta Ravegnanä 18 und die nahe der Kathedrale 
gelegene Porta S. Pietro 19 , ferner eine Porta Mariana 20 
im Südwesten und eine Porta Nova, die sich nach der 
Via Castfglione zu öffnete 21 ; aus der ersten Hälfte des 
folgenden Jahrhunderts dann noch das Südtor von S. Pro- 
colo und auf der Westseite die Porta Stiera und die dieser 
benachbarte Porta Nova, ln dem gleichen Zeitraum wird 
die civitas rupta antiqua 22 wieder besiedelt worden sein 23 , 


15. Der Aufsatz Rubbianis Le mura d. Mille in Rassegna d’arte 
7, 14, war mir nicht zugänglich. 

16. Vgl. oben S. 101. 

17. Ich finde sie zuerst 1006 oder 1007 (St.-A. Bol. Dem. S. 
Stefano Cass. 31/967 Nr. 2) erwähnt. 

18. Vgl. oben S. 8f. 

19. Vgl. das oben S. 33 Amm. 154 erwähnte Privileg Gre¬ 
gors VII. und Dem. S. Stefano Cass. 5/941 Nr. 2 zu 1091. 

20. Vgl. N. A. 31, 563 Anm. 10. 

21. Vgl. S. Stefano Cass. 2/938 Nr. 11 zu 1071. 

22. Vgl. oben S. 8f. 

23. So werden die Stadtviertel von Porta Stiera (Dem. S. 


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auch erweiterte sich der schon ältere östliche Vorort er¬ 
heblich 24 / und vor Porta Stiera entstand ein neuer burgus* 5 . 

Um die Wende des zwölften zum dreizehnten Jahr¬ 
hundert nahm die Bevölkerung rasch zu, und so gewann 
auch die bebaute Fläche ständig an Umfang. Es entstanden 
neue Außenquartiere, wie S. Giuseppe im Norden* 6 , Pra- 
telk)* 7 und S. Isaia im Westen 28 . Der östliche Vorort ent¬ 
wickelte sich derart 29 , daß man ihn nach Niederlegung der 
Porta Ravegnana mit der civitas vereinigen 30 und die Ver¬ 
teidigungslinie entsprechend vorschieben mußte 31 . Wie die 
gleich nach 1162 hergestellte 32 Befestigung ausgesehen hat, 
ist nicht bekannt. Zu Beginn des dreizehnten Jahrhunderts 


Francesco Cass. 346/5089 Nr. 12 zu 1157) oder von Porta Nova 
(S. Salvatore 145/2592 Nr. 9 zu 1137) und von Porta S. Procolö 
(S. Salvatore 145/2592 Nr. 17 zu 1144) erwähnt. 

24. Er reichte schon bis Via Borgonuovo (vgl. S. Stefano 
10/946 zu 1151 Juni) und war durch eine Befestigung an der Via 
Mazzini geschützt (S. Stefano 10/946 zu 1153). 

25. Vgl. S. Stefano 8/944 zu 1124 Sept. 5. 

26. Vgl. S. Salvatore 25/2472 Nr. 11 zu 1183. 

27. Vgl. S. Francesco 2/4134 Nr. 44 zu 1184. 

28. Vgl. S. Salvatore 145/2592 Nr. 40 zu 1186. 

29. Vgl. c. 34 X. de officio iud. del. 1, 29. 

30. So erkläre ich mir, daß 1195 S. Giovanni in Monte zum 
ersten Mal als in Bologna gelegen bezeichnet wird (S. Giovanni 
i. M. 10/1350 Nr. 32), ebenso 1192 die einst S. Stefano benachbarte 
Kirche S. Tecla (S. Stefano 16/952 zu Aug. 24); daß 1194 zuerst 
in Bononia in strata Majore geurkundet wird (S. Stefano 16/952 
zu Januar 16). — Vielleicht hängt mit dieser Stadterweiterung die 
Streitfrage, ob die civitas regia östlich nur bSs aur Aposa reiche 
(vgl. Cavazza Le scuole de 11’ antio Studio Bolognese 41 ff.), zu¬ 
sammen. 

31. Sie lief damals schon östlich von S. Giovanni in Monte 
und Borgonuovo und bei der einst nahe S. Maria dei Servi gelegenen 
Kirche S. Tommaso vorbei (S. Giovanni i. M. 11/1351 Nr. 36 zu 
1204, S. Stefano 36/972 zu 1203 Mai, 15/951 zu 1185 Januar 23). 

32. Wohl schon 1164 (vgl. oben S. 105). 1166 wird der Serraglio 
an der Via Mazzini wieder erwähnt (S. Stefano 13/949 zu Februar 7). 


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erfolgte üire Erneuerung. 1205 wurde auf der Westseite 
eine Mauer gezogen, auch der östliche, damals schon ein? 
verleibte burgus mit einer solchen umfaßt 31 . Zwei Jahre 
später begann man die Stadt auf der Südseite zu erweitern 
und die Mauer näher an die Berge heranzurücken 34 . Nun¬ 
mehr bildete die Stadtbefestigung ein Viereck, das im Norden 
S. Maria Maggiore, im Süden S. Procolo einschloß und sich 
im Westen der Stelle des späteren Franziskanerklosters 
näherte. Auf der Ostseite war die einst gerade verlaufende 
Linie mit der Porta Ravegnana durch einen Bogen er¬ 
setzt, der die Via Mazzini kur/ vor dem heutigen Portikus 
von S Maria dei Servi schnitt 35 . Sie bestand in einer Stein¬ 
mauer mit vorgelegtem Graben und wurde auf der Außen- 
und Innenseite von einer Straße begleitet. Bis in unsere 
Tage erhalten haben sich ein kurzes Stück der Mauer hinter 
S. Giacomo Maggiore, ferner die Porte Govesa, Poggiale, 
Nova, Castiglione und S. Vitale, von denen die beiden 
ersten eine ältere Bauart als die drei übrigen erkennen 
lassen 38 . 

Bei dem Wachsen der Stadt erwies sich diese Amage 


33. Villola zu 1206; vgl. N. A. 31, 212. 

34. Villola zu 1208; Chron. Loli. 123; Gozzadini in AMR. 
7, 85 Nr. 1 (diese Anlage von einem Dutzend neuer Straßen um¬ 
faßte ein Areal zwischen der Befestigung, Via S. Stefano, Via Farini 
und Via d’Azeglio). —i Noch 1208 wurde der Platz, auf dem die 
Kirche S. Lucia errichtet werden sollte, als außerhalb des Serraglio 
von Via Castiglione gelegen bezeichnet (S. Giovanni i. M. 12/1352 
Nr. 1). 

35. Vgl. Gozzadinis Beschreibung mit Karte in AMR. 7, 14 
bis 27. Die Serragli bei S. Maria Maggiore, von Porta Govesa und 
Porta S. Stefano finden sich zu 1217, 18 und 20 erwähnt (St.-A; 
Bol. Reg. grosso 1, fo. 224, 235 v und 336). Genaue Beschrei¬ 
bungen des Verlaufs der Mauer besitzen wir aus den Jahren 1245 
und 94 (Reg. nuovo fo. 332 v und Reg. grosso 2 fo. 134); vgl. 
auch Frati Stat. 2, 365. 

36. 1257 wurden fünf Serragli niedergelegt; vgl. Villola zu 
1257 und Frati Stat. 1, 39. 


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bald als unzureichend. Als 1226 von Friedrich II. Gefah'r 
drohte, begann man mit einer noch weiter hinausge- 
schobenen Befestigung, der sogenannten circla 37 . Die 
Vollendung des Werkes geschah erst zwölf Jahre später, 
da derselbe Kaiser von der Lombardei her seine Streit¬ 
kräfte gegen Bologna führte 3 ®. Es gelangte dabei eine 
andere, damals auch sonst übliche Fortifikationstechnik zur 
Anwendung. Der Graben und die beiden parallel laufenden 
Straßen wurden beibehalten, aber, abgesehen von den be¬ 
sonders geschützten Toren und den Wachttürmen, ver¬ 
zichtete man auf eine Steinkonstruktion und erachtete einen 
Pallisadenzaun für ausreichend. Diese circla bestand dann 
etwa hundert Jahre, bis sie in wenig erweitertem Umfang 
durch die noch heute großenteils erhaltenen Mura ersetzt 
wurde 39 . Daraus folgt, daß in der zweiten Hälfte des drei¬ 
zehnten Jahrhunderts nicht mehr die Notwendigkeit ein¬ 
trat, neue Vonorte in die Befestigungslinie hineinzuziehen. 
Dem wirtschaftlichen und politischen Niedergang der Stadt 
entsprach also ein Stillstand iif der Zunahme ihrer Be¬ 
völkerung. 

Die Straßen, besonders in der Altstadt, kann man sich 
nicht sdimal und winklig genug vorstellen 40 . Erst um die 


37. Vgl. oben S. 191 Anm. 9. 

38. Vgl. oben S. 213 Anm. 128. 

39. Die älteste Beschreibung der circla enthält ein Memoriale 
von 1240 (St.-A. Bol. TIesoreria); dazu kommen die beiden genauen 
von 1245 und 94 (Reg. nuovo fo. 339 v; Reg. grosso 2, fo. 148v); 
vgl. auch Frati Stat. 1, 40; 2, 410 = 2, 366 ; 3, 95. — 1258 über¬ 
trug man einem Zimmermpnn die Ausbesserung der Pallisaden (AMR. 
7, 86 Nr. 3 und 4). Nach der Revolution im Sommer 1274 erfolgte 
eine umfassende Wiederherstellung, eine Arbeit, die unter die Stadt- 
parochiecn verteilt wurde (vgl. St.-A. Bol. Memor. Azolini de Vitreis 
fo. 4; Mercadantis Ottavcrii fo. lv; Petrizoli Oexi fos. 9; Ugolinj 
Rigazi fo. 1 v, 2). 

40. Eine ungefähre Vorstellung gibt die Via Castel Tialto, 
Querstraße der Via Mazzini. 1211 setzte man für die neuen Straßen 
eine Breilie von 3,80 Meter fest (AMR. 7, 85 Nr. 1). 


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Mitte des dreizehnten Jahrhunderts wurde ihre gleichmäßige 
Pflasterung mit gebrannten Steinen vorgernommen 41 . Noch 
enger machte sich die Bauweise der Häuser 42 . Zwei Typen 
sind bei diesen zu unterscheiden. Dem einen ist das vor* 
kragende Obergeschoß, das mit schrägen Hölzern verstrebt 
wird 43 , dem andern der die Fassade tragende Portikus eigen¬ 
tümlich. Nur der letztere läßt sich sicher bis ins dreizehnte 
Jahrhundert zurückverfolgen. Man wird annehmen dürfen, 
daß die Lauben, wie sie noch heute das Bologneser Straßen¬ 
bild bestimmen, schon damals vorgeherrscht haben. Doch 
dienten ihnen in jener Zeit selten Steinsäulen, sondern meist 
Holzpfeiler als Stützen 44 . Denn die gewöhnlichen Privat¬ 
häuser waren leichte Fachwerkbauten, die man erst dann 
aufhörte mit Stroh zu decken, als die Regierung wegen 
der Feuergefahr dagegen vorging 4r '. 

Mitten in dem Häuser- und Oassengewirr lagen auch 
die städtischen Wohnsitze der Magnaten. Sie bestanden 
in burgartigen Gebäuden, gut zur Verteidigung geeignet 46 
und überragt von den trotzigen Geschlechtertürmen 47 . Einst 
zählte man ihrer mehr als 180, heute sind nur noch wenige 
erhalten 48 ; darunter befinden sich aber die beiden eigen- 


41. Villola zu 1241; Frati Stat. 2, 435—70 und passim. Die 

Kosten trugen die Hausbesitzer für das Stück vor ihrer Hausfront. 

42. Vgl. Gozzadini in AME. N. S. 1, 2 ff. 

43. Beispiele davon in der Via Clavature. 

44. Beispiele: Casa Isolani in Via Mazzini und Casa Grassi 

in Via Marsala; erstere wird von Ricci Guida di Bologna 90 noch 
ins 13. Jahrhundert gesetzt. — Ob ein Unterschied zwischen porticus 
und volta zu machen ist, weiß ich nicht; beide Ausdrücke kommen 
in den Urkunden vor; vgl. auch Frati Stat. 1, 188; 2, 359; 3, 507. 

45. Frati Stat. 2, 193. 

46. Die noch heute vorhandene Corte de’ Galluzzi (urkund¬ 

lich zuerst 1252 erwähnt; vgl. Stadt-A. Imola Mbzzo 1 Nr. fÖ2) 
gibt keine rechte Vorstellung von ihnen, eher vielleicht der Straßen¬ 
winkel beim Turm der Uguzzoni (beim Vicolo Mandria). 

47. Vgl. Gozzadini Delle torri gentilizie di Bologna Bologna 1875. 

48. Ueber die Höhe der Türme gab es in Bologna kein Gesetz 


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artigsten: die Torre Asinelii, die schon der weitgereiste 
Salimbene als eines der höchsten Bauwerke bezeichnete 49 , 
und ihr benachbart die Torre Garisendi, die wegen ihrer 
Neigung Dante zum Vergleich mit dem sich herabbeugenden 
Riesen Antäus anregte 60 . 

Durch seine größere Ausdehnung, dann auch durch die 
zweckentsprechende Anlage unterschied sich von den 
Palästen der Magnaten das palatium comunis 51 . Das ganze 
zwölfte Jahrhundert hindurch fehlte noch ein eigens für 
die städtischen Behörden errichtetes Gebäude. Wie es 
damals auch in andern Gemeinden zu geschehen pflegte, 
benutzten dieselben die S. Ambrogio-Kirche mit ihrer curia 
als Amtslokal 52 und ließen dabei nur ein kleines domus 
comunis aufführen 63 . Von diesen Baulichkeiten ist nichts 
auf uns gekommen 64 ; sie wurden niedergelegt, um für den 
Bau von S. Petronio Raum zu schaffen. Gegen Ausgang 
des Jahrhunderts, da die Berufung eines fremden Podesta 
immer mehr zur Regel wurde, diente auch das Haus des 


(Frati Stat. 1, 280 spricht nur von ihrem Bewohnen und von den 
Treppen), aber eine consuetudo (vgl. Tamassia in AMR. 3, 12, 370 
Anm. 1). 

49. 521. 

50. Inferno cant. 31 Vers 136. 

51. Falletti, der beste Kenner der Baugeschichte des Stadt¬ 
palastes, hat noch keine (abschließende Arbeit veröffentlicht. Doch 
hielt er in der Deputazione di storia patria im Mai 1905 einen 
Vortrag und veröffentlichte im Archiginnasio 1, 191 eine kurze Ab¬ 
handlung mit Orientierungsplan. 

52. 1123-1176; vgl. Sav. Nr. 109, 113-229, St.-A. Bol. Reg. 
grosso 1, fo. 12, 12 v, 34 v. 

53. 1157—80; vgl. Sav. Nr. 163—262, auch Nr. 255, Reg. 
grosso 1, fo. 21, 45 und 44. — Wahrscheinlich westlich davon lag 
die platea de comuni oder platea maior (Dem. S. Stefano Cass. 
14/950 zu 1174 Juni; S. Giovanni i. M. 8/1348 Nr. 42 zu 1176). 
Bei der curia S. Ambrosii mündeten acht Straßen (Reg. grosso 1, 
fo. 124 zu 1203). 

54. Ueber einen möglichen Rest von ihnen vgl. Cavazza Le 
scuole delP antico Studio Bolognese 50 f. 


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verstorbenen Rechtsgelehrten Bulgarus als Sitz des Stadt¬ 
regiments 55 . 

Genau um die Wende zum neuen Jahrhundert, also in 
der Zeit des mächtigen Aufschwungs Bolognas, beschloß man 
die Errichtung eines neuen, großen Stadtpalastes. Von An¬ 
fang 1200 bis Ende 1203 erfolgten die nötigen Ankäufe, 
um das Terrain für die platea comunis, die heutige Piazza 
Vittorio Emanuele, zu erwerben, und ungefähr in dem 
gleichen Zeitraum wurde das Gebäude hochgeführt 56 . Das 
Untergeschoß bildeten gewölbte Hallen 67 , auf der östlichen 
und westlichen Schmalseite flankiert von je einer vielleicht 
anfangs nur hölzernen Treppe. Auf der der platea zuge¬ 
wandten Südfront wurde ein Portikus vorgelegt 58 . Das Ober¬ 
geschoß bestand wohl aus zwei Stockwerken mit verschie¬ 
denen Sälen 59 und Zimmern. Ueber der Mitte der Längs¬ 
achse, aber stark nach Norden zurückgerückt, erhob sich 
der Hauptturm. Unter jhm befand sich der Schnittpunkt 
der beiden öffentlichen Durchgänge, die damals, wie noch 
heute, in nord-südlicher und ost-westlicher Richtung durch 
das Gebäude führten 60 . Erst 1256 wurde an der Südfassade 


55. Es lag im Vicojo della Scimia. — Vgl. Sav. Nr. 290—327, 
auch 255 und 337, Reg. grosso 1, fo. 54 v, 73 v, 44 und 95; auch 
Villola zu 1197. 

56. Vgl. die Kaufkontrakte im Reg. grosso 1, fo. 86—126 (z. B. 
Sbv. Nr. 334—38) und ebendort einige spätere Ankäufe; auch 
Villola zu 1201 und 3, Chron. Loli. 123. Schon am 29. Mai 1200 
wird sub voltis pal. com. geurkundet (Reg. grosso 1, fo. 89), am 
10. Juni 1203 im Palast schon consilium abgehalten (Sav. Nr. 345 
Reg. grosso 1, fo. 117). 

57. Ueber die Volte und Arcovolti und die dort befindlichen 
Verkaufsständc vgl. Reg. grosso 1, fo. 195 f. zu 1212; Ufficio dei 
Procuratori Inventario de’ beni publici zu 1256; Podesta Lib. con¬ 
tractu um zu 1261; auch Frati Stat. 2, 150. 

58. Vgl. Reg. grosso 1, fo. 195 zu 1212; fo. 210v zu 1214; 
Lib. contractuum zu 1261, 64 und 72; auch Frati Stat. 1, 115. 

59. So wird die sala media mehrfach erwähnt, z. B. Sav. Nr. 
482 Reg. grosso 1, fo. 332 v. 

60. Vgl. Reg. grosso 1, fo. 195 f.; Affitti dei Dazi Fragment 
von 1264. 


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über dem Durchgang die Ringhiera gebaut* 1 . Auf der Nord¬ 
seite schlossen sich an den Palast das Gefängnis und die 
Massaria an 62 . 

Einige Jahrzehnte hindurch genügte dieser Palast den 
Bedürfnissen. Als aber in den vierziger Jahren die Beamten 
des Popolo sich immer lebhafter am städtischen Regiment 
beteiligten, wurden Anbauten notwendig. Ende 1244 er¬ 
folgten wieder größere Terrainankäufe 63 , und in den nächsten 
zwei Jahren wurde auf dem so erwiorbenen Grunde der 
Palazzo nuovo errichtet 64 . Er grenzte in nordwestlicher 
Richtung an den schon bestehenden, von jetzt ab als vecchio 
bezeichneten Palazzo 63 , glich ihm im Stil, war aber er¬ 
heblich kleiner. Zwischen beiden, sich nach der heutigen 
Piazza del Nettuno zu öffnend, lag die curia mit dem puteus 
comunis und den Pferdeställen des Podesta 66 . 1250 wurde 
die Kirche S. Apollinare, die den Zugang zur curia störte, 
abgetragen 67 . Die Ergänzungsbauten hörten nicht auf 68 . So 
wurden, da man 1255 zuerst einen Volkscapitan nach Bo- 


61. Villola zu 4256, Chron. Loli. 133; vgl. auch Lib. con- 
tractuum zu 1261, Camera . . . Entrate zu 1262, Lib. contractuum 
zu 1272. 

62. Vgl. Inventario dei beni publici zu 1256; Lib. contractuum 
von 1261; Dem. S. iQristina dass. 17/2878 Nr. 10 zu 1254. 

63. St.-A. Bol. Liber iuramentorum fo. 231—38. 

64. Villola zu 1246, Oantinelli ß. 1247 wurde schon supra 
lobia pal. novi geurkundet (S*av. N«i 641 St.-A. Bol. Diritti del 
Comune). 

65. Die Lage der beiden Paläste zu einander wird durch die 
Grenzbeschreibung der platea comunis von 1294 (St.-A. Bol. Reg. 
grosso 2, fo. 127) außer Zweifel gestellt. 

66. Vgl. St.-A. Bol. Dem. S. Agncse 3/5593 Nr. 183, S. Francesco 
8/4140 Nr. 45, Servi di S. Mpaia lib. 1 Nr. 25, S. Francesco 12/4144 
Nr. 3, Memorial. Cavazoci de Albergatis fo. 18 zu 1274 Januar 22. 

67. Villola zu 1250; Sarti 2, 171; Frati Stat. 2, 445. 

68. 1252 wurde die Herstellung eines neuen Gtockentums be¬ 
schlossen, 1259 der Bau eines andern zwischen beiden Palästen; vgl. 
Frati Stat. 2, 433; 3, 332. 


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lagna berief, und das consilium populi die Gesetzgebung in 
die Hand nahm, neue Gebäude aufgeführt Sie erhielten 
anfangs wohl wegen ihrer Lage zwischen Palazzo vecchio 
und nuovo den Namen palatium comunis de medio 69 und 
wurden später vermutlich, nachdem sie Ende der sechziger 
Jahre eine Erweiterung erfahren hatten 70 , als palatium populi 
bezeichnet 71 . 

Von dem Palazzo vecchio hat der beherrschende Turm 
allein bis heute seine ursprüngliche Gestalt einigermaßen 
bewahrt Alles andere ist der Bautätigkeit der Renaissance 
zum Opfer gefallen. Günstiger war das Schicksal des Palazzo 
nuovo. Kürzlich konnte seine Westfront wiederhergestellt 
werden 72 , also gerade die Seite, nach der die König Enzio 
über zwanzig Jahre beherbergenden Räume lagen 73 . Unter 
diesen Umständen ist es nicht leicht, sich den Gesamteindrujck 
des palatium comunis vorzustellen. Dem Stile nach unter¬ 
schied es sich nicht wesentlich von den besser erhaltenen 
Palästen anderer Städte, mag daher, wie sie, finster-majestä¬ 
tisch gewirkt haben. Aber diese Wirkung wurde gemildert 
durch die Mannigfaltigkeit der verschiedenen, aneinander 
gefügten Gebäude. Und was dem ganzen Bilde Leben und 


69. So wird zu 1255 (St.-A. Bol. Tesoreria) der Bau der lobia 
palatii medii und die ‘Herstellung der campana populi erwähnt; zu 
1256 (Ufficio dei Procuratori Inventario dei beni publici) das pala¬ 
tium capitanei, das bei der Massaria lag; zu 1260 die Abhaltung 
des consilium populi (Frati Stat. 3, 445) im palatium com. de 
medio. — Damals wurde auch die alte capella comunis (vgl. Sav. 
Nr. 555 Reg. grosso 1, fcx 453 v; Ufficio della grazia Fragm. zu 
1228) durch eine neue ersetzt (Oriffoni 13; Frati Stat. 2, 160; St.-A. 
Bol. Tesoreria zu 1255; Lib. contractuum von 1261). 

70. Oriffoni 18, Cron. di Bol. 282, Villola zu 1270. 

71. Vgl. St.-A. Bol. Anziani Riformazioni Examinationes von 
1271 und 72; Dem. SS. Leonardo ed Orsola Cass. 5/3247 Nr. 13. 

72. Vgl. Rubbiani II Palazzo di re Enzo in Bologna 19—29. 

73. Vgl. oben S. 244 und St.-A. Bol. Ufficio dei Procuratori 
Inventario dei beni publici von 1256. 


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Farbe veriiehen haben muß, war der ständige Verkehr von 
Beamten und Publikum und das Treiben der Händler und 
Handwerker, denen man jeden verfügbaren Raum in und 
um das palatium überlassen hatte. 

Bei all’ diesen Werken der Profanarchitektur fand der 
Haustein nur ganz geringe Verwendung. Es waren wesent¬ 
lich Baeksteinbauten. Das gleiche gilt für die Bologneser 
Kirchen, von denen wir nun die wichtigsten betrachten 
wollen. 

Wohl zu den ältesten, sicher zu den merkwürdigsten 
Anlagen der Stadt gehörte der Gebäudekomplex von S. 
Stefano. Noch in unseren Tagen wird vielfach angenommen, 
daß sich an dieser Stelle einmal die Kathedrale mit dem 
Baptisterium befunden habe. Doch fehlt dafür jeder An¬ 
haltspunkt 74 . Vielmehr ist bezeugt, daß schon zur Zeit 
der Langobardenherrschaft hier ein Heiligtum stand, das 
der Grabeskirche von Jerusalem nachgeahmt war 75 . Gegen 
Ende des zehnten Jahrhunderts läßt sich dann bei S. Stefano 
die Benediktineransiedlung nachweisen 76 . Aus dem Anfang 
des folgenden wissen wir, daß eine neben dem Bau, der 
das heilige Grab umschloß, befindliche Kirche, wahrscheinlich 
das spätere SS. Pietro e Paolo, gänzlich verfallen war, daß 
in der südlich daran angrenzenden Kirche Johanns des 
Täufers eine Krypta errichtet wurde 77 . Im zwölften Jahr¬ 
hundert erfolgten größere Umbauten. Damals stellte man 
die Basilika SS. Pietro e Paolo und den Zentralbau, der jetzt 


74. Vgl. auch Lanzoni 283 ff. 

75. Vgl. die Vaseninschrift oben S. 10 Asm. 33; auch ß.-M. 1762. 

76. Vgl. die Urkunde aus der Zeit Ottos II. (St-A. Boi. Don. 
S. Stefano Cass. 31/967 bis Nr. 11), die einen Abt Victor nennt; auch 
Lanzoni 1^. — Oie ältesten Teile des Klosterhofs können aus 
dieser Zeit stammen (Burckhaidt Der Cicerone 6. Aufl. 2, 40). 

77. Vgl. Gaudenzi im Annuario 1900/1, 142 Antn. 1; dazu 
Lanzoni 109, 288—94. 


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Chiesa del Calvario heißt, wohl so her, wie sie sich dem 
heutigen Beschauer darbieten 78 . 

Die an S. Stefano vorgenommenen Arbeiten waren 
nur Restaurationen, auch recht bescheiden in ihren Dimen¬ 
sionen. Vor eine in jeder Hinsicht große Aufgabe sahen 
sich die Bolognesen gestellt, als 1141 die alte Kathedrale 
S. Pietro abbrannte 79 . Sie war eine dreischiffige Basilika 
gewesen 80 mit einem Paradies 81 . Neben ihr lagen, wahr¬ 
scheinlich um den Cortile 82 gruppiert, der bischöfliche 
Palast 83 und die Kanonika. Auch befand sich schon damals 
das Baptisterium von S. Giovanni in unmittelbarer Nähe 84 . 


78. Das damals auch restaurierte, zu den Kirchen von S. Ste¬ 
fano gehörende S. Croce hingegen hat sich nicht in dieser Gestalt 
erhalten. — Diese zeitliche Ansetzung der Umbauten ergeben einmal 
der Baustil (vgl. Pehfc> und Bezok) Die kirchliche Baukunst des 
Abendlandes 1, 544, 439 und 452; auch Rivoira Le origini della 
architettura Lombarda 1901, 1, 251 f. Abi». 322 und 23), dann die 
Angaben in der Inventio reliquiarum (Lanzoni 240). Der östliche 
Teil des Cortile ist heute in der Kirche SS. Trinitä eingebaut 
(Gozzadini in Atti e Mem. delP Emilia N. S. 3, 2 , 84; Lanzoni 112). 
Vom alten S. Giovanni (beute SS. Crocifisso) entspricht nur der 
Außenbau dem alten Zustand. Diese Kirche wird im 13. Jahrhundert 
mehrfach erwähnt (St.-A. Bol. Dem. S. Stefano Cass. 20/956 Nr. 
39; Gaudenzi Stat. 2, 176 Nr. 37; 1, 107 Nr. 49). — Wieweit der 
Verfasser der Vita S. Petronii (Lanzoni 231 ff.) bei seiner Schilde¬ 
rung der von dem Heiligen errichteten Bauten sich an den Zustand, 
in dem sich S. Stefano zu seiner Zeit befand, gehalten hat, wie¬ 
weit er aus seiner Phantasie oder aus schriftlichen Vorlagen schöpfte, 
mag dahingestellt bleiben. 

79. Villola zu 1141. 

80. Diese Angaben verdanke ich dem leider verstorbenen Ka¬ 
noniker L. Breventani; vgL auch Lanzoni 287 und 294. 

81. Vgl. Si-A. Bol. Dem. S. Giovanni i. M. Cass, 2/1342 
Nr. 28. 

82. Erwähnt 1110 (St.-A. Venedig fondo S. Giorgio Maggiore 
Busta 9 Processi Nr. 508 c). 

83. Erwähnt 1121 und 22 (Sav. Nr. 108 St.-A. Bol. Dem. 
S. Giovanni i. M. Cass. 1/1341 Nr. 43; S. Stefano 9/945 zu Mai 21). 

84. Vgl. J.-L. 7363 (dazu N. A. 31, 547) und Lanzoni 297. 


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Bald begann man mit der Wiederherstellung der 
Bischofskirche 85 , und im Jahre 1184 war sie soweit voll¬ 
endet 86 , daß Papst Lucius III. ihre Weihe vornehmen 
konnte 87 . Der weitere Ausbau beanspruchte noch längere 
Zeit 88 . Daher war auch eine besondere Dombauhütte ein¬ 
gerichtet worden 89 , der zu Beginn des dreizehnten Jahr¬ 
hunderts der Meister Ventura Vorstand 90 . Unter seiner 
Leitung erfolgte wohl in den Jahren 1220—23 die Errich¬ 
tung des einst wegen seiner Marmorskulpturen viel be¬ 
wunderten Löwenpoftals auf der Südseite 91 , dann 1234 die 
Vollendung des Daches, das einige Jahre früher ein Erd¬ 
beben zerstört hatte 92 . Nachfolger des Ventura wurde 
Meister Albertus 93 , der sein Amt bis tief in die sechziger 
Jahre hinein verwaltete 94 . Er war ein ebenso erfahrener 
Ingenieur wie Architekt und wirkte auch im Dienste der 
Stadtregierung. Fast keinen Haus- oder Brückenbau, fast 
keine Wasser- oder Straßenanlage unternahm damals das 
Comune, ohne nicht wenigstens seinen Rat zu hören 95 . 


85. Schon 1146 (Dem. S. Pietro Cass. 20/207 Nr. 21) erfolgte 
eine Verfügung für das Inborerhun Sy Petri et S. Johhnnis. 

86. 1182 (S. Giovanni i. M. 9/1349 Nr. 24) wird in der ecdesia 
S. Petri geurkundet 

87. Griffoni 6; Villola irrtümlich zum 8. Juni 1184. 

88. Zu 1210 berichtet ViAola die Herstellung der großen Glocke. 

89. Sie gehörte dem Domkapitel (vgl. Privileg Honorius’ III. 
von 1223 im Kanonik.-A. Bol. Libro dalle Asse fo. 9), besaß selbst 
Liegenschaften (vgl. z. B. St.-A. Bol. Metnor. Cavazoci de Alber- 
gatis fo. 33 v zu 1274 Febr. 12). 

90. 1217 urkundlich nachweisbar (Dem. S. Pietro Cass. 21/208 
Nr. 20). 

91. Villola zu 1220 und 23; vgl. auch Guidicini 1, 48 urfd unten 
S. 452 Anm. 120. 

92. Villola zu 1222 und 34. 

93. Zuerst 1238 erwähnt (Kanonik.-A. Libro dalle Asse fo. 41 v). 

94. Vgl. Frati Stat. 2, 612. — Sein Nachfolger Henricus wild 
1271 erwähnt (St.-A. Bol. Memor. Alberti Roizi fo. 36 v). 

95. Vgl. Frati Stat. 3, 696 f.; Sarti 2, 172. 


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In Albertos Schaffensperiode für den Dom fällt die Her¬ 
stellung des Campanile 96 und der Fassade mit der großen 
Marmorrosette 97 . Auch ließ er das Baptisterium von S. 
Giovanni, das durch zu große Nähe den Eindruck der neuen 
Kathedralenfront störte, niederlcgen und wahrscheinlich in 
einiger Entfernung wiederaufbauen 98 . Endlich wird man 
ihm die Errichtung des zweiten Bischofspalastes zuschreiben 
dürfen 99 . Eine so lebhafte Bautätigkeit war nur möglich, 
weil sic bei der Bürgerschaft reichliche pekuniäre Unter¬ 
stützung fand 100 . Dazu überließ die Regierung die Be¬ 
schaffung der nötigen Geldmittel nicht dem Eifer der ein¬ 
zelnen, sondern regelte die Ueberweisung der frommen 
Stiftungen und gab beträchtliche Zuschüsse aus dem Stadt¬ 
säckel 101 . 

Spätere Generationen haben diesem Werke mittelalter¬ 
licher Baukunst noch geringere Achtung bezeigt, als dem 
palatium comunis. Die alte Kathedrale mußte einem Barock¬ 
bau weichen. Nur der schöne Campanile, einige Fragmente 
des Löwenportals 102 und Fundamentreste sind uns erhalten 
geblieben. Mit Hilfe letzterer läßt sich noch folgendes fest¬ 
stellen 103 : Die Kathedrale war eine romanische, dreischiffige 
Pfeilerbasilika. Ihre Pfeiler ruhten auf den Pfeilerfunda¬ 
menten der älteren Kirche, zeigten wie diese vorgelegte 


96. Cron. di Bol. 267. 

97. Villola zu 1252; Frati Stat. 1, 442. 

98. S. Giovanni wird 1242 erwähnt (St.-A. Bol. Istrumenti 
privati); vgl. Frati Stat. J, 440. 

99. 1247 und 48 wird das palathim novum (Dem. S. Michele 
i. B. Cass. 3/2175 Nr. 32 b und S. Salvatore 23/2470 Nr. 25); 
1251 das palatium maiu's (Kanonik.-A. Libro dalle Asse fo. 44) 
erwähnt. 

100. Vgl. auch Frati Stat. 1, 443. 

101. Frati 1, 443 und 442; dazu Pertile 4, 42 f. 

102. Ricci Guida di Bologna 151. 

103. Diese Angaben verdanke ich wieder dem Kanoniker Bre- 
ventani. 


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Halbsäulen, aber keinen quadratischen, sondern rechteckigen 
Durchschnitt. Die Fassade des Langhauses lag beträchtlich 
hinter der Front des heutigen Baues zurück und war viel¬ 
leicht mit einem Portikus geschmückt. Ueber der Krypta 
befand sich ein erhöhter Chor 104 . 

Andere Kirchen, wie S. Vittore 105 , S. Maria di Reno 106 
und S. Qiacomo Maggiore 107 seien hier nur als Beispiele 
für die rege Bautätigkeit im zwölften und dreizehnten Jahr¬ 
hundert angeführt. Auch das Heiligtum des Predigerordens 
braucht bloß kurz erwähnt zu werden. Denn die Domini¬ 
kaner übernahmen die schon bestehende Kirche S. Nicolo 
delle Vigne 108 und erweiterten sie nur im üblichen romani¬ 
schen Stil 109 . Um so größere Beachtung verdient S. Fran¬ 
cesco, die völlig neue Anlage der Minderbrüder 110 . Das 
Terrain schenkte ihnen das Bologneser Comune 111 und 


1(M. Der alte Bischofspalast lag neben dem Campanile an der 
Via Altabella (vgl. auch Ricci Ouida 154), die Ktanonika nördlich, 
wo heute der Monte di Pieta. 

105. Vgl. Ricci Guida di Bologna 202; Sav. Nr. 180 und 249; 
Sarti 2, 289. 

106. Vgl. Trombelli 59. 

107. Vgl. Malaguzzi Valeri im Arch. stor. dell' arte 7, 317 ff.; 
Gozzadini Torri gentilizie di Bologna 538 Nr. 12; St.-A. Bol. Dem. 
Eremitani di ’ S. Giacomo Cass. 1/1607. 

108. Vgl. oben S. 410. 

109. Vgl. Malaguzzi Valeri im Repertorium für Kunstwissen¬ 
schaft 20, 173 ff. — Die Urkunden im St.-A. Bol. Dem. S. Domenico 
ergeben eine fortlaufende Reihe von Nachrichten über die nötigen 
Terrainerwerbungen, aber nichts über den Bau selbst. Schon 123d 
wurde in der ecclesia S. Nie. fratr. pred